Gießener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, den 25. März Nummer 24 Frühlingsglaube. Bon L Llhla«d. Dl« liitben Lüste sind srwacht, sie säuseln und weben Lag und Nacht, sie schaffen an allen Endsa. O fäscher Dust, o 'neuer Klang! Arm, armeS Herze. fei nicht bang! Ann muh sich alles, alles wenden. Die Welt wird schöner mit jedem Lag, man weiß nicht, was noch werden mag, das Blühen will nicht enden. Es blüht das fernste, tiefste Tal: Ann, armes Herz, vergiß der Qual! Ann muh sich alles, alles wenden. Die Geschichte der Matthäuspasfion. < Von I. $. Draach. Johann Sebastian Bach hat fünf Passionen geschrieben, von denen noch drei erhalten sind: Die Matthäuspassion, die Jo» hamrispassion und die Lukaspassion. Die Echtheit der letzteren wird allerdings bezweifelt und vielfach angenonimen, daß sie nur eine Abschrift Bachs und nicht eigenes Werk ist. Bon den drei genannten Passionen, die von den Anfängen des Oratoriums im 13. Jahrhundert bis hinein in die Neuzeit ihresgleichen nicht finden, ist die Matthäuspassion die bei weitem gewaltigste und dramatischste. Der Plan einer oratorischen Bearbeitung des Kapitel 26 und 27 des Evangeliums Matthäi ist sicherlich von Bach selbst ausgegangen und nicht, wie angenommen wird, von Picander*), dem Dichter, der in den Bibeltext eingeflochienen lyrischen Betrachtungen. Die lebhafte, stimmungsreiche Schilderung der Be» gebnisse bei Matthäus muhte dem Meister nur zu verlockend für eine musikalische Bearbeitung sein. Daß er dem Dichter selbst wichtige Punkte bei der Lextbearbeitimg gegeben hat, erhellt sich daraus, daß nur Bach es gewesen sein kann, der Picander aus ein Gedicht: „Auf Christi Begräbnis gegen Abend" von Salomo Frank (Dichter geistlicher Lieder) aufmerksam gemacht hat. Die Komposition der Matthäuspassion fällt in das Jahr 1728. Auch ehe sie vollendet war, sollten schon einige Teile zur Ausführung gelangen. Im Herbste desselben Jahres erhielt Bach die Nachricht von dem Tode seines Gönners, Leopold von Anhalt, und zugleich mit dieser Botschaft den Auftrag zu einer Trauermusik. Llm nicht in der Komposition der Passion auf- gehalten zu werden, bat Bach Picander, einen Trauertext zu verfassen und zwar dergestalt, daß er dem schon fertiggestelltsn Telle der Matthäuspassion unter gesetzt werden könnte. Leicht erledigte Picander die ihm gestellte Aufgabe — er wußte ja wie selten genügsam Bach in bezug auf Text war — und so erklangen bei der Beisetzungsfeierlichkeit der Fürsten Leopold acht Arien und der Schlußchor des Oratoriums. Schon bald darauf, am Karfreitag, den 15. April 1729, wurde die Passion — nicht in der Gestalt wie Wir sie heute haben — im Nachmittagsgottesdienste der Leipziger Thomaskirche gesungen. Don Sonderheiten wäre nur Dachs allgemeine Gewohnheit zu nennen, daß die Solisten nicht vom Chore gesondert standen, sondern in demselben mitsingen mußten und nur, wenn sie an die Reihe kamen, einen Schritt vortraten. Bon dem Erfolg der Aufführung müssen wir sagen, daß Bach selbst größere Hoffnungen auf seine Matthäuspassion gesetzt hatte. Was Wunder, war doch dem Volke, das nur an Choral- und Motettenpassionen gewöhnt war, die oratorische Gestalt der Matthäuspassion zu fremd, die opernhafte Gestattung zu neu. Es konnte das lebhaft Dramatisch^ der Darstellung ebensowenig begreifen, wie die ungeheure Fülle von Musik, die seltene Bielstimmigkett, die große Machtentfaltung der Chöre und des Orchesters. Auch bei späteren Ausführungen, die in Leipzig von Kantoren der Thomaskirche bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts unternommen wurden, blieb das Dolk dem großen Werke Dachs fremd und kalt gegenüber. Vielleicht, daß ihm der Gottesdienst durch die Passion zu sehr in die Länge gezogen wurde, vielleicht, daß es sie überhaupt nicht für geeignet darin hielt. Erst nach ganzen hundert Jahren sollte es der Komposition die gebührende Achtung zollen. *) Pseudonym für den Dichter- Christian Friedrich Henrici, geboten" 1700 zu Stolpe, lebte später als Privatmann in ärmlichen Verhältnissen in Leipzig, bis er 1727. Postbeamter wurde. Er ist hauptsächlich Satiriker imd Gelegenheitsdichter: Ich habe schon eben gesagt, daß die Urform des Oratoriums nicht die heutige Form zeigt. Dach unterwarf um 1740 das Werk einer neuen Bearbeitung und schuf erst dann den gewaltigen Doppelchor: „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen". An Stelle dieses Choralsatzes stand der Gesang: „Jesum laß ich nicht von mir". Fast vergessen war das Werst Bachs, da bekam der junge, kaum zwanzigjährige Mendelssohn-Bartholdy die Partitur des Oratoriums geschenkt und gleich erkannte er den wahren Wert und die seltene Schönheit. Er rastete und ruhte nicht eher, bis es ihm gegen den Willen seines Lehrers gelang, die Derllnev Musikakademie zu bewegen, die Matthäuspassion in einem Wohl» tätigkeitskonzerle aufzuführen. Allerdings mußte er dafür der Akademie den Gefallen tun, Händels „ Äcis und Galatea" für sie zu bearbeiten. Damit findet! wir Mendelssohn im November und Dezember des Jahres 1828 beschäftigt: nach Beendigung dieser Arbeit werden wahrscheinlich die Proben zu Bachs Mat» thäuspasfion angefangen haben. Es wird für den jungen Künstler zuerst nicht leicht gewesen fein, hatte er doch gegen so manches harte Vorurteil selbst bei Musikern, wie Zelter und Spontini, zu kämpfen. Nach langem Schaffen fand am 12. März 1829 die denkwürdige Aufführung in der Akademie statt. Den Bericht hierüber überlasse ich der Schwester Mendels» sohns Fanny, die in einem ihrer Briefe an Klingemann u. g. folgerndes schreibt: Berlin, 22. März 1829. „Das Interesse war in jeder Beziehung und durch alle Stände hindurch so lebhaft angeregt, daß am Tage nach der ersten Ankündigung des Konzertes alle Billetts vergriffen waren und in den letzten Tagen über tausend Menschen zurückgehsn mußtest. Mittwoch, den 10. (Es war nicht der zehnte, sondern der zwölfte), war die erste Aufführung, die man. unbedeutende Der» sehen der Solosänger abgerechnet, durchaus gelungen nennen konnte. Ich saß an der Ecke, daß ich Felix genau sehen konnte, und hatte die stärksten Altstimmen neben mich genommen. Die Chöre waren von einem Feuer, einer durchschlagenden Kraft und wiederum von einer rührenden Zartheit, wie ich sie nie gehört, außer bei bet zweiten Aufführung, wo sie sich selbst übertrafen. Der überfüllte Saal gab einen Anblick wie eine Kirche, die tiefste Stille, die feierlichste Andacht herrschte in der Dersammlung, man hörte nur einige unwillkürliche Aeuhs» rungen des tieferregten Gefühls. Was man so ost von Unter» nehmungen dieser Art sagt, kann man hier mit wahrem Recht behaupten, daß ein besonderer Geist, ein allgemein höheres Interesse diese Aufführung geleitet habe, und daß ein jeder nach Kräften seine Schuldigkeit, manche aber mehr taten. - Noch vor der Aufführung war durch die vielen, die unberücksichttgt bleiben muhten, das laute Geschrei nach einer Wiederholung ertönt und die Erwerbsschulen hatten sich als Suppttkäte gemeldet Aber diesmal war Spontini erwacht und bemühte sich mit der größten Freundlichkeit, die Aufführung zu hinterkreibAi. Felix und Devrient schlugen dagegen den geradesten Weg ein und verschafften sich Befehle vom Kronprinzen, der sich von Anfang an schr für bas Werk interessiert hatte, imb so ward eä Sonnabend, den 21. März, an Bachs Geburtstag wiederholt: dasselbe Gedränge, noch größere Fülle, denn der Dorsaal sogar war eingerichtet und alle Plätze verkauft, ebenso der Probesaal hinter dem Orchester. Die Chöre waren fast noch vortrefflicher als das erstemal, die Instrumente herrlich nur ein arger Fehler, den die Milder machte und andere kleinere in den L-olostimmen verdarben Felix den Humor, im ganzen aber kann man sagen, daß gute Unternehmungen sich keinen erfreulicheren Erfolg wünschen können--—“ Mit jener Ausführung hat die Passion ihren Siegeszug durch die Wett angetreten. Die Frevler. Eine Glocknersage, erzählt von Hans Kerschbaum. Dort, wo die drei österreichischen Alpenländer Kärnten, Salzburg und Tirol aneinander grenzen, erhebt sich m maje- stätischer Pracht und Herrlichkeit der König der Ostalpen, der Großglockner. Bekannt und berühmt auch bet den Bergfahrern ferner Länder und Reiche, ist dieser Gigant eines dec Pracht- vollsten Juwele im Kranze der österreichischen Alpen. Mit feinem silberweißen Haupt überragt er alle die ihn umringenden Riesen im Gipfelbereich der Hohen Tauern und schaut weit hinaus in die Gaue der drei Länder, in die er feine Wurzeln verankert hat. - 94 - Doch nicht allein die schimmernde Gipfelpracht ist es, die 6eit Großglockner so weithin berühmt gemacht hat. Der König der Ostalpen behütet ein wundervolles Geschmeide: den Eisstrom der Pasterze, einen Gletscher, von dem Berufene sagen, er fei der schönste seiner Art. And fürwahr! An dem Pasterzengletscher hat die Natur ein alpines Schmuck- und Schaustück geschaffen, vor dessen Gröhe ber Bergfahrer in Bewunderung und Andacht versinkt. Ein breiter Cisfluh löst sich aus dem Bereiche des ewigen Schnees und strömt zwischen ragenden Gebirgen durch das Hochtal hin. Dort aber, wo der mächtige Strom in die Tiefe zu stürzen droht, bäumt sich die Flut plötzlich empor, als würde ihr Lauf von einer unsichtbaren Macht gehemmt und zurückgeschleridert. Der breite Fluß ist erstarrt zur eisigen Masse, und unten auf den Almwiefen, die soeben noch der Cis ström mit Verderben bedrohte, blühen die blauen Glocken des Enzian und die silbernen Sterne des Edelweiß. Das Hochtal, dessen Sohle heute das ewige Eis des Gletschers bedeckt, war einst — so erzählt die Sage —- von grünen Matten überzogen, auf welchen sich Scharen von schönen Rindern tummelten, die zur sommerlichen Weide aus den drei aneinander» grenzenden Nachbarländern aufgetrieben wurden. Anter den althergebrachten Bräuchen Vollzog sich am St. Beitstag im Juni der Diehauftrieb auf die Hochalmen. 3n die Schwaighütten, die auf dem weiten Alpenplan des Glöckners sich zu ganzen Dorf- schasteii fiedelten, zog wieder das Almerleben ein, das bis zum Klein-Frauentag (Mariä Geburt) int September währte. Am Klein-Frauentage war es dann gebräuchlich, daß die Bauern zu ihrem Dieh auf die Almen kamen, um mit ihren Almerlcuten, den Schwaigerinnen und den Hirten (Senderleut genannt) für den Almabtrieb zu rüsten. Weil somit zur Zeit des Viehabtriebes viele Dauern von den drei Ländern auf der Glockneralm zusammenkamen, lag es nahe, einen Markt abzuhalten, auf dem das Vieh nach Bedarf gegenseitig gehandelt wurde. Es fehlten auch nicht die reichen Viehhändler und die Metzger, und da gab es Geld in schwerer Menge. Aeberdies fand sich auch noch viel sonstiges Volk aus den Dachbarländern^ein, um bei den Marktkrämern allerlei einzukaufen und sich bei Danz und Spiel und Zechgelagen zu tmterhalten. Also ging es an diesem Tage hier jedesmal zu wie auf einem richtigen Jahrmarkt. Wie es aber schon immer der Menschen Art ist, daß lieber» fluß an Glück sie übermütig macht und dah sie dann ausarten, so ist es auch hier geschehen, daß die Menschen in ihrem lieber» schäum an Glück und Wohlleben allerlei Frevel trieben. Reich» ttmr und maßloses Genuhleben, die ihnen aus gesegneten Ernten in den fruchtbaren Tälern und in einer ergiebigen Alpwirtschaft erblühten, machten die Alpenbauern übermütig und gottlos, so daß ihr leichtfertiges Umgeben mit den Gaben, womit die Natur sie so verschwenderisch beschenkte, feine Grenzen mehr kannte. An einem solchen Frauentage war es, wo endlich das Maß überfloß. Aus allen Windrichtungen war das Volk herbeigeströmt. Die öeitte schwelgten und praßten und achteten auch nimmer darauf, als der Glöckner sie zum Gottesdienste rief, den der junge Priester Johanns unter freiem Himmel feierte. Sie ließen den Priester Johannes in den Wind predigen; ja, es waren sogar einige unter ihnen, die feine mahnenden Worte, zu einem gottgefälligen Lebenswandel umzukehren, verhöhnten und verlachten. And der Bauernkönig Burgstaller aus Tirol rief unter dem Beifall der Menge: „Der Pfaff soll uns Ruh' geben; wir brauchen irit sein Himmelreich — unser Himmelreich machen wir uns selber!" Der Bergprediger Johannes, der mit Wehmut sehen mußte, wie seine gutgemeinten Mahnworte nur Spott und Hohn aus- lösten, flieg betrübt von der Anhöhe nieder und ging von hinnen. .Indessen zechten und tanzten die Leute beim Almwirt und der protzige Burgstaller rief feinen beiden Söhnen zu, sie mögen ans der goldgelben Almbutter Kegel und aus dem Schotenkäs« Kugeln formen zum lustigen Kegelspiel. And nachher begann der Bauernkönig mit feinen Zechgenossen, dem Viehhändler Sinabel von Salzburg und dem reichen Psandelbauer von Heiligenblut in Kärnten, mit den Käsekugeln nach den goldigen Butterkegeln zu schieben. Hei, das war ein Gaudium! Mühsam, auf den Stab gestützt, kam eine arme alte Frau zuwege. Kummervoll schüttelte sie ihren eisgrauen Kops über der Dauern böses Spiel. „Gebt mir doch nur einen von diesen Butterkegeln," bat die Alte, „iO.d laßt ab von eurem frevelhaften Spiel!" Aber die Bauern lachten ihr im liebermut in das runzelige Sorgengesicht. „Fahr' du in die Hölle, Alte!" rief ihr der Burgstaller zu. „Unb stör' uns nit in unserem Spiel!" Als die arme Frau die Bitte wiederholte, jagten die herzlosen Menschen sie fort. Darauf aber erhob die Alte drohend ihren Stab und rief: „Ihr hartherzigen Frevler, euren Heber» mut wird Gott strafen!" Kaum war die Alte aus der Menge verschwunden, begann das Sonnenlicht sich zu verdunkeln. Heber dem Berg, auf dem wie ein Rufer in der Wüste kurz vorher der Priester Johannes vor einer kleinen Schar Hirten gepredigt hatte, stiegen unheil-- kündende Wollen herauf. Die Krämer packten rasch noch ihren Kram ein und eilten nach der Salzburger Seite davon, den tieferliegenden Mpmatten zu. Auch die Hirten, denen die Wettergefahren im Hochgebirge bekannt waren, verkrochen sich in ihre Felsenhöhlen. Das ausgelassene Voll aber, das beim Almwirt tanzte, zechte und spielte, ließ sich nicht stören und wurde von dem Anwetter überrascht. Denn im Ru toaren die schwarzen Wollenmassen über das Hochtal eingefallen. Das Sonnenlicht war vollends erloschen, nur von den Blitzen, die gleich feurigen Schlangen aus den Wolken schnellten, wurde auf Augenblicke die schwarze Finsternis erhellt. Schaurig widerhallten die Felswände vom Donner und mit vorher nie gefamtier Gewalt ergoß sich das Wasser in Strömen von den Höhen ringsum über das Hochtal, dieses weithin Überflutend. Zn dem Aufruhr der Elemente gesellte sich der Sturm als Bundesgenosse, der unter seiner eisigen Kälte dem Regen in Hagel und Schnee verwandelte und zuletzt die rauschenden Fluten zu Eis erstarren ließ. So war der Eisstrom im Glocknerhochtal entstanden. Die schönen grünen Alpentriften waren unter Eis und Schnee verschwunden imb blieben es bis auf den heutigen Tag. Die drei Hauptfrevler aber ragen noch heute als abschreckende Wahrzeichen, als vergletscherte Häupter, hervor: Der Tiroler Bauern» könig Burgstaller nebst seinen zwei Söhnen, der Sinabel, der gegen Salzburg flüchten wollte, und der Pfandelbauer, den die Strafe erreichte, als er über die „Scharte" nach Heiligenblut zu entkommen suchte. Aber auch der „Spielmann", der mit Jeinem Spiel die Leute betört hatte, so daß sie dem Ruf des Glöckners nimmer folgten, konnte seinem Schicksal nicht mehr entrinnen. Die armen Hirten, die nach den Worten des Bergpredigers Johannes gehandelt, haben sich in das sogenannte „Schäferloch" gerettet und nachher die schreckliche Kunde in das Tal gebracht. Sie erzählten auch von dem Fluch der alten Bettlerin, die, wie jedem Glocknersahrer bekannt, noch heute atS eisgraue Frau unter dem Namen die „Rächerin" drohend zur Pasterze herüberschaut. Dort aber, wo sich das Wunder ereignete, daß der Eis ström wie von einer unsichtbaren Macht aufgehalten und mit Gewalt zurückgedrängt wurde, ehe er noch in das Tal der Moll verderbend niederbrechen konnte, war der junge Priester Johannes nn Gebete eingeschlummert. Die Englein beschützten ihn in seinem Schlafe. Sie toanbelten über die grünen Alpenwiesen und streuten Wundervolk blühende Blumen rings um den schlummernden Berg» Prediger, dessen Name heutigentags iwch fortlebt im „Johannisberg", von dem aus er die gottvergessenen Alpenbauern zur Umkehr ermahnt hatte. x Einmal. Von Wilhelm Langewiesche t- Was bewußt und unbewußt immer du gesucht auf Erden, einmal, eh du sterben mußt, wird es dir gegeben werden. Was an Fragen dich gequält, hat die Antwort dann gefunden, mit dir selber neu vermählt, fühlst du dich dem All verbunden. Deine Kräfte hat das Acht innen dir vertausendfältigt, daß des Leidens Schwergewicht ihrer keine überwälttgt. Lächelnd treten vor dich hin Lebens Sinn und Todes-Wesen, lächelnd darf dein Herz darin, Gottes klare Handschrift lesen. Dann ist alle Sülle dein, doch kein Leid wird dir gelingen: Letzter Wahrheit Widerschein läßt sich nicht in Verse bringen. Wortlos wie ein Lerchensang wird die Seele sich erheben und mit Jubelüberschwang hoch im eto’gen Licht entschweben. Wird die Menschheit durch die Technik entgeiftigt? Vom Geheimen Regierungsrat Max ©eitel. Die 'Weisen des klassischen Altertums pflegten die Wissenschaften nur um ihrer selbst willen, ihre Anwendung auf die Änderungen des Tages lehnten sie mehr oder weniger schroff ab. Plato achtete einerseits die Mathematll so hoch!, daß er jedem nicht mathematisch Gebildeten den Aufenthalt unter seinem Dache verweigerte; andererseits machte er dem Gudoxus und dem Ar- chytas den Vorwurf, sie hätten die Würde der ©eometrle dadurch verletzt, daß sie diese in der Kriegskunst anwendeten. Aristoteles war der Auffassung, daß Handel und Gewerbe der Tugend hinderlich seien. Alls die Römer unter Marcellus Syrakus belagerten, gelang es nur den dringendsten Bitten des Königs Hiero, den 95 - Archimedes zu bewegen, feine Wissenschaft bei der Verteidigmig de»! hart bebrä»»gten Stadt anzuweniden. Diese Zurücksetzung der angewandten Wissenschaften gegenüber den reinen Wissenschaften hat sich in weiten Kreisen der Gebildeten, oder um einen neuerdings sehr beliebten Ausdruck zu gebrauchen: der Intellektuellen, bis aus den heutigen Tag erhalten und sich allmählich so verschärft, dah der Technik, der erfolgreichen Vertreterin bet' angewandten Wissenschaften, der Vorwurf gemacht wird, sie entgeistige die Menschheit. Dieser Vorwurf entbehrt der Berechtigung. Wenn sich die Technik trotz ihrer kulturellen 'Bedeutung auch Sjute noch in weiten Kreisen der Gebildeten nicht der verdienten nerkennung und unbefangenen Würdigung erfreut, so sprachen hierfür mehrfache Gründe. Als ein solcher Gr»md ist das Schwel- aen in Zahlen zu nennen, das auf berechtigten Widerspruch setzen muh. Zwar ist seit Homers Zeiten die Menge des von einem Manne erzeugten Mehles um das 144fache gestiegen, inneiHalb eines Jahrhunderts vermehrte sich die Leistungsfähig- keit der Daumwollverarbeitung um das 800fache, die neuzeitliche»» Maschinen der Nagelerzeugung liefern das ZOOfoche der Leistung Änes Nagelschmiedes, uitb die Glasblasemaschine erzeugt eben« soviel« Glasflaschen wie 30 Glasbläser. Mit Recht aber lehitt man es mit Schm oller ab, hieraus den Schluß zu ziehen, als habe uns die Maschine und die Technik so mit wirtschaftlichen Gütern überschüttet, daß wir alle bei richtiger Einrichtung unserer Volkswirtschaft herrlich und in Freuden, ohne große Anstrengung, etwa täglich nur zwei bis vier Stunden arbeitend, leben könnten. Sogar das stolze, überschwengliche Wort des Archintedes „Gib mir einen feste»» Punkt, wo ich stehe, und ich bewege die Erde" ist zahlenmäßig festgelegt worden, mit dem Ergebnis, daß ein 150 Pfund schwerer Mensch mit seinem Gewicht die an einem ein Zoll langen Hebel aufgehängte Erde mit einem 191 453 589 672 213 423 Meilen langen Hebel zu heben vermöge. Ein weiterer Grund der ablehnenden Haltung der Gebildeten beruht in den zweifellos unerfreulichen Begleiterscheinungen, die sich an die Fersen der Technik heften. Der Lärm der Wasch» nen. die zu Beginn des Zeitalters der Technik überdies Tausende fleißiger Hände erwerbslos machten, die oft rücksichtslose Zerstörung des Bestehenden, die Beeinträchtigung der Schönheit der Städte und Landschaften, das Zusammenftrömen der Bevölkerung in den großen Städten, das alles mutzte in weiten Kreisen das Vertrauen auf den geistigen Wert der Leistungen der Technik stark erschüttern. Man kann es den Dichtern der beschaulichen, durch den schrillen Pfiff der ersten Lokomottve aufgerüttelten» Biedermeierzeit nicht öerübeln, wenn sie ihrem Groll mehr oder weniger Ausdruck verliehen. Justtnus Kerner klagte, daß die „dampfestolle Welt" ihn lieblos von der Erde ausschließe; Luise Otto, die Dichterin der „Lieder eines deutschen Mädchens begrüßte zwar begeistert die am 24. April 1837 erfolgte Er- Sfftmng der ersten Teilstrecke der Leipzig—Dresdener Eisenbahn, gab ihrer Trauer aber folgenden Ausdruck: Dahin, dahin der einsam fülle Frieden, Dahin, dahin ein jed' idyllisch Glückl Denn alle Ruh ist aus der Welt geschieden — O Dampf! Fürwahr, das ist dein Meisterstück! Zu den unbefangenen Deurveilern der Technik gehörte Goethe, der, wie er in „Ächtung und Wahrheit" mitteilt, „seit seinen frühesten Zeiten einen Antersuchungstrieb gegen natürliche Dinge in sich fühlte" und während seiner dienstlichen Tätigkeit zu den verschiedensten Gebieten der angewandten Wissenschaften: Chemie, Gasbeleuchtung, Dau von Luftballonen, Farbenlehre usw. in umnittelbaren Beziehungen stand. Ein begeisterter Lobredner der jungen Technik war Carlyle: „Manchester mit seinen Baumwollabfällen. seinem Staub und Rauch, seinem Lärm, Zank und Schmutz ist dir zuwider? — Denke nicht so! Eine kostbare Substanz schön wie Jauberträuine und doch kein Traum, sondern Wirklichkeit liegt in jener Hülle verborgen, einer Hülle, die allerdings danach ringt, abzufallen, und die Schönheit fvu und sichtbar zu machen! — Baumwollspinnerei ist in ihrem Ergebnis des Bekleiden des Nachten, in ihren Mitteln der Triumph des Menschen über den Stoff." Welche Äinfumme von Menschen- und Tierquälerei, von Gefühlsroheit hat die Lokomottve, der Kraftwagen aus der Welt geschafft! Das Dampfroß, das ob seines Lärmens und anderer Untugenden vielfach getadelte Töff-Töff und sein großer Bruder, der Raupenschlepper, können nicht durch die dem Zugtier erbarmungslos zuteil toerdenden Schläge zur Arbeitsleistung gezwungen werden, sondern lediglich durch sorgsamste, man kann sagen: liebevolle Behandlung ihres sinnreich zusammengefügten Körpers. Ihre Handhabung erfordert, wie dies bei jeder Maschine der Fall ist, ständige Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart, sie mehrt den Ordnungssinn derer, die sie benutzen. Ein hoher sittlicher Wert der Technik beruht darin, daß sie das Pflicht- und das Berantwortungsgesühl in weitestgehendem Maße ausbildet. Der Ingenieur, der eine Brücke, einen Wolkenkratzer berechnet, muß von dem gleichen Pflichtgefühl beseelt sein wie der Nieter, der auf der Baustelle, in schwindelnder Höhe die einzelnen Teile zusammenfügt. Die zahlreichen technischen Einrichtungen, von denen das Wohl zahlreicher Mitmenschen abhängt: die Verkehrsmittel, die Wasserwerke, die Berg- und Hüttenwerke, die elektrischen Zentralen, die chemischen Apparate, müssen stets unter dem Gesichtspunkte ausgeführt und gehandhabt werden, daß ein Wiedergutmachen von Irrtümern, eine „Wiederaufnahme des Verfahrens" gegenüber den ihre Fesseln zersprengenden Naturkräften ausgefcholsse»» ist. Verläßt der Loko- mottvführer des vollbesetzten v- Zuges den Bahnhof, um alsbald in seinem Zuge mit rasender Geschwindigkeit hinzueilen, so muh er sich zuvor die unbedingte Sicherheit verschafft haben, dah sich seine Maschine bis auf den letzten Splint in völlig einwandfreiem Zustande befindet; dies gilt auch von dem für den betriebssicheren Zustand der Gleise verantwortlichen Bahnmeister. Das gleiche Pflichtgefühl beherrscht den Erbauer und den Betriebsleiter der unsere Millionenstädte mit bakterienfreiem Trinkwasser versorgenden Wasserwerke und der sonstigen neuzeitlichen Stätten der Technik. Auch- auf dem männermordenden Schlachtfelde der Arbeit, wenn sich der hochgespannte Dampf, die giftigen Gase und sonstigen Naturgewalten ihrer Fesseln entledigen und Tod und Verderben speien, wirkt sich jenes im Dienst der Technik gestählte Pflichtgefühl bis zur selbstlosen Aufopferung aus. Des weiteren stellt auch in unserem häuslichen Leben die stetig zunehmende Anwendung des zu unheilvollen Ereignissen Anlaß gebenden Leuchtgases, des unter hohem Druck stehenden Leitungswassers, des elektrischen Stromes, der Fahrstühle, an die geistige Spannkraft des jetzigen Geschlechts Anforderungen, die unseren Eltern unbekannt waren. Fügen wir noch die, eine erhöhte geistige Anspannung erfordernde Benutzung unserer neuzeitlichen Verkehrsmittel, der Eisenbahnen, der Straßenbahnen, der Kraftwagen, der Luftfahrzeuge hinzu, so kommen wir zu dem Ergebnis, daß die Technik die Menschheit nicht entgeistigt, sondern zu erhöhter Spannkraft nicht nur des Körpers, sondern auch des Geistes dauernd erzieht. Auch der vor den höchsten Aufgaben »richt zurückweichende Wagemut, die Vorbedingung des Erfolges, ist durch die Technik in ausgiebigstem Maße gefördert. Goethe kleidet dies in die Worte: „Eine jede Technik ist merkwürdig, wenn sie sich an vorzügliche Gegenstände, ja wohl gar an solche heranwagt, die über ihr Vermögen hinausreichen." Der Wahlspruch der ersten Per- sonen-Eisenbahn lautete: „Periculum privatum, salus publica“, „die von dem einzelnen übernommene Gefahr fördert das Wohl der Allgemeinheit.“ Einen zuverlässigen Maßstab für die in der Technik ruhenden geisttgen Werte besitzen wir in der Verwertung technischer Vorgänge in den schönen Künsten, der Bildhauerei und der Malerei. Wir begnügen uns, auf die Bildwerke Constantin Meuniers, auf die Gemälde Menzels — das Eisenwalzwerk —. Meyerheims, Liebermanns, Daluscheks, Brachts Hinzuweisei». Auch die Dichtkunst hat sich in wachsendem Maße den technischen Gegenständen zugewendet. Goethe schildert in „Wilhelm Meister" n»it voll- kommener Beherrschung der damaligen Textiltechnik den Kampf zwischen Hand- und Maschinenarbeit. In den „Wahlverwandtschaften“ erkennen wir, wie tief Goethe in das Wesen der Physik und der Chentte eingedrungen war. Wir nennen aus neuerer und neuester Zeit: Max Maria von Webers, Max Eyths, Jules Dernes, Hans Dominiks geistvolle technische Romane, Ibsens „Baumeister Solneß", Kellermanns „Tunnel", Hauptmanns „Weber" und „Die versunkene Glocke". Auf die Gefahr hin, uns den seinerzeit von du Bois Rehmond erhobenen Vorwurf „Goethe und kein E»»ide!" zuzuziei^n, rufen wir den Olympier nochmals als Zeugen gegen den der Technik und der Maschine gemachten Vorwurf, sie entgerstige die Menschheit, an. Als dieser in jungen Jahren das Maschinenwerk einer Drahtzieherei in Tätigkeit sah, rang ihn» dieses die Anerkennung ab, daß es „in einem höheren organischen Sinne,wirkt, von dem Verstand und Bewußtsein kaum zu trennen sind, um wieviel mehr gilt dieses Lob von unseren sinnreichen Textilmaschinen Näh-, Sttck- und Strickmaschinen, den selbsttätigen Drehbänken, den Thpensetz- und Ablegemafchinen, den Steuerungen der Lokomottven und »fielen anderen technischen Einrichtungen der jetzigen Zeit. Wohl gibt es heute noch Maschinen, die nicht in einem höheren organischen Sinne wirken, und deren Bedienung sich in mehr oder weniger stumpfsinniger Handreichung erschöpft. Diese Maschinen verschwinden aber allmählich und werden durch vollkommenerere ersetzt, die den Menschen von der letzten eintönigen Handreichung befreien und ihn einer iiwnschen- würdigeren Arbeit zuführen. Zwar kann die seelenlose Maschine nur mechanische Arbeit leisten und ein Denkvermögen besitzt sie nicht. Keineswegs aber unterdrückt die Maschine bas Denkvev- mögen, die geistige Tätigkeit beffen, der sie knutzt. Sie scharst sogar sein Denkvermögen und gibt ihm, indem sie ihn von lorp-u- licher Arbeit entlastet, die Möglichkeit, sich m höherem Maße geisttg zu betätigen. (BoriHaltampf in Süd-Kamerun. Don Albert Heimbach Im strömeiideii Degen verließ ich mit einer ungefähr W Mann starken Karawane eines Tages nach Sonnenaufgang das Riem- Gebiet, um eine im nördlichen Kunabembe, an der Grerye Neu- Kameruns gelegene Faktorei zu übernehmen. Die große Regenzeit hatte vorzeitig eingesetzt und von den unaufhörlich zur Erde sal- lenden Wassermengei» kann man sich hier keine rechte Vorstellung machen, es sei denn, man vergleicht sie mit WolkenbruAn;. gehört doch gerade Kamerun mit zu den regenreichsten Gebieten der Erve. Deshalb hotte es mir große Mühe gemocht, die vielen ~ W — Hühner und kleinen Küken so in Körbe uittetzubr'uigen. daß ihnsu der Regen nichts anhaben konnte, auch der Kater „Peter war gut und trocken aus gehoben und ergab sich Mit Würde m das Unvermeidliche. Nachdem wir die erste Dacht im Busch zuge- brackt blieben wir die zweite Nacht an einem Lagerplatz, wo wir schon auf der Hinreise einmal übernachtet hatten. Durch einen für den tieien Urwald Afrikas gewiß seltenen Zufall fand ich hier mein vor sieben Monaten verlorenes Taschenmesser wieder, zwar tüchtig verrost, aber noch brauchbar. Aach einigen Stunden erreichten wir den mächtig angeschwollenen Matnm, zu dessen Uebergcmg wir mehr als zwei Stunden benötigten, well MnS das Wasser des reihenden Flusses, trotzdem wir auf dem als Drucke dienenden Baumstamm, der natürlich unsichtbar war, hinüber- balancierten, noch bis an die Achseln reichte und alle Lasten auf dem Kopfe hinübertransportiert werden muhten. ES ging aber alles glatt vonstatten und wir waren froh, als wir den Fluh hinter Mls hatten. Gegen Mittag, wir hatten eine kleine Ruhepause gemacht, und ich war mit meinem Boy etwas zurückgeblieben, um entert rtmbitz zu mir zu nehmen, wurde ich plötzlich durch ern lautss, aus nächster Nähe ertönendes unheimliches Knurren aufgeichreckt. Die Zigarre, die ich mir eben anzünden wollte, entfiel meinem Händen, als ich beim Aufblicken in kaum zehn Meter Entfernimg vor mir im Gebüsch aufrecht stehend, einen mächtigen Gorilla erblickte der mit drohendem Fletschen fern furchtbar^ Gebiß zeigte und mir regelrecht den schmalen Weg versperrte. Der Boy, der an einem dicken Baumstamm fatz und die S,3-Millimete? Büchse an diesen gelehnt hatte, war mit dem lauten Rufe: „Agi, nfgi“ zurückgelaufen. Es gelang mir, da ich unmittelbar an dem ‘Saunte stand, die Büchse zu ergreifen und zu entsichern, em immerhin beruhigendes Gefühl, denn ich war natürlich durch das furchtbare Brüllen und die drohende Haltung des Bieres sehr erregt. Gern wäre ich dieser äußerst kritischen Situation Es dem Wege gegangen, denn ich glaube nicht, daß es einen gefährlichereni Gegner als den Gorilla gibt. Deshalb machte ich dm Versuch, das Tier zu umgehen, was mir nicht gelang, da ich in dem dichten Urwaldgestrüpp keinen Schritt rechts oder links machen konnte. Das Tier schien in sehr gereizter Stimmung zu sein, es trommelte mit geballten Fäusten auf ferner Brust herum und machte Mrene, von einem Fuß auf den anderen tretend, in schaukelnder Bewegung auf mich zuzukommm. Es mochte auch sein, daß der Gorilla meine kleine Terrier-Hündin „Lotte", die zu bellen begann, erspäht hatte und dadurch in Wut versetzt worden toar. Da kam Ahanda. mein Jäger, der die schwere Slefantenbuchse trug mit lautem Rufen mir von dorn langsam entgegen,, der gar nicht wußte, was eigentlich los sei, aber beim Rähevkommen sofort die Lage überschaut hakte. Dadurch war der Gorilla etwas unruhig geworden und blickte sich um, wodurch, ich Gekegeniheit fand blitzschnell hinter den Daum in Anschlag zu gehen. Durch das Erscheinen Ahandas hatte ich auch meine Geistesgegenwart wiedergewonnen. Ich hielt auf die Herzgegend und drückte ab, konnte auch noch sehen, wie das Tier einen oder zwei Schritte vorwärts tat und dann mit einem dumpfen Stöhnen einige Meter vor mir niederstürzte. Trotzdem hielt ich es doch für geraten, schnell einige Schritte zurückzuspringen, um zu repetieren und meine Browning-Pistole neun Millimeter aus der Ledertasche zu ziehen, aber Ahanda rief mir in Aegerenglifch beruhigend zu: Agi go die" (Gorilla stirbt). Es war ein ganz riesiger alter Gorilla, denn er hatte an der Bauchseite bereits silbergraue Haare und man konnte vor dem allen Burschen mit seinem riesigen Schädel tatsächlich noch jetzt nach seinem Tode Furcht haben. Er wog meiner Schätzung nach mindestens drei Zentner und hatte eine Größe von 1,72 Meter. Als ich das Tier mit seinen auffallend langen und muskulösen Armen, deren Fäuste noch im Tode geballt waren, betrachtete, wurde mir klar, daß es über furchtbare Kräfte verfügt und daß man in dem Falle, in dem der erste Schuß nicht tödlich wirkt, rettungslos verloren ist, denn ein angegriffener und angeschossener Gorilla dürfte keine Zeit zum Wiederladen lassen. Glücklicherweise war mein® Büchse mit Teilmantelgeschossen mit Bleispitze geladen. Das Geschoß hatte das Herz des Tieres zerrissen. Diese Geschosse find auch bei der Düffeljagd den Bollmantelpatronen vorzuziehen und bieten dem Schutzen bei solch gefährlichen Jagden einen größeren Schutz und Erfolg. Das furchtbare Gebiß mit feinen scharfen, kantigen, teilweise schon schwarzen Raubtierzähnen, hatte nicht seinesgleichen. Ja, ich hörte oller von den Eingeborenen, daß der Gorilla sogar den Löwen vertrieben habe und tätsächlich ist dieser dort, wo der Gorilla sich aufhält, selten oder gar nicht anzu- treffen. Alles was ich auch von anderen Europäern über den Gorilla hörte und meine eigenen Beobachtungen und Erlebnisse deuten darauf hin, daß er das gefährlichste, immer zum Angriff bereite Großtier des afrikanischen Busches ist und keinesfalls der, wie so oft behauptete friedliche und harmlose Pflanzenfresser, denn auch die Eingeborenen fürchten ihn und erzählen viel von feiner Stärke, Wildheit und Angriffslust. Bei vielen Stämmen spielt der Agi, der Gorilla, infolge uralten finsteren Aberglaubens eine große Rolle als Medizintier und ihm oder seinem Geist zuliebe opfert man unschuldige harmlose Menschen, um das Döse zu bannen, indem man den unausrottbaren Gin- flusseil des „Zauberers" der «kten Mbmo-Medizrn männer, willig Gehör fchemt. Interessant ist die Aehnlichkeit mit dem Menschen, besonders die dem menschlichen Ohr sehr ähnliche Ohrmuschel und bte Hände und Füße mit ihren Nägeln, so daß auch der ärgste Gegner des Darwinismus bei einer genauen Betrachtung des Gorillas im Verlegenheit geraten dürfte. Aie habe ich gehört oder selbst beobachten können, daß der Gorilla sich auf Bäumen bewegt oder aufhält. Er scheint mit Vorliebe das Äftamomum- Dickicht, ein ingwevartiges Gewächs, anfzusuchen, von dessen rotem Fruchten er lebt, und lagert nut am Boden, während Weibchen mtb Junge sich ein Lager in niedriger Höhe aus Zweigen und Blättern anlege«. In Kamerun durfte der Gorilla schon mehrere Jahre vor dem Kriege iftcht mehr geschossen werden, höchstens zu wisseickchaftfichen Zwecken und im Falle des Angriffs oder der Bedrohung, um ein AuS- sterben des httereffanten und verhältnismäßig noch wenig bekannten Tieres zu verhindern. Aach meinen Ersahrungem ist dies aber noch lange nicht zu befürchten, denn gerade in Süd- Kamerun ist er noch häufig anzutreffen und durchaus keine seltene Erscheinung. Zwei Fälle sind mir selbst bekannt, wo Gingebore« von Gorillas zerfleischt und getötet worden find, und im zwei weiteren FWen konnte ich einen schwer und einen leichter Dev- letzten helfen und sie in wochenlanger Pflege und 'Behandlung wieder Herstellen. In einem Orte, der besonders von den Gorillas bedroht war, rief man mich bei meiner zufälligen Anwesenheit zu Hilfe und ich und mein Jäger erlegten je einer der Burschen. Wobei wir eine Herde von mindestens 12 Stück sichteten, und wo ich zum erstenmal Gelegenheit fand, das fchnelle, seitlich schiebende Fortbewegen der Tiere zu beobachten, sowie die sehr interessanten Abdrucke der Hand mit den vier umgelegten Fingern im Weichen Boden zu finden, die besonders an einem Wasserloch deutlich zu sehen waren. Da der Gorilla auch die begangene« Utwalbwege benutzt, wird er Öfter gesehen und, da er sich furchtlos dem Gegner nähert, um den Kampf aufzunehmen, auch uw gereizt zum Angreifer. Besonders gefährlich sind die alten, sogenannten Einzelgänger, die sich ebenso wie die alten Bullen bei den Elefanten von der Herde absondern. Vielfach hörte ich von Europäern, die lange int Lande waren und genügend Erfahrung besaßen, man solle, wenn man nicht ein ganz sicherer Schütze sei, den Gorilla bis auf Reichweite heran- kommen lassen, der dann seiner Gewohnheit gemäß das Gewehr ergreift, um fern Lauf in den Mund zu stecken, oder versucht, ihm zu zerbeißen oder zu zerbrechen, und dann sollte man schieß«!. Wenn man sich aber vergegenwärtigt, daß der Gorilla, wenn er seinen Gegner erblickt, fein fürchterliches Gebrüll ausstöht, mit seinen langen Armen und geballten Fäusten wütend auf feiner zottigen Brust herumtrommelt oder in das Laub des .Unterholzes schlägt, sich dabei von einem Bein aus das andere wiegt und seinem Gegner nähert, so wird man Wohl leicht verstehen, daß Res eine Feuerprobe für Re Nerven bedeutet, und vorziehen. es lieber nicht fv weit kommen zu lassen, trotzdem man durch jahrelangen Aufenthalt im afrikanischen Busch an Gefahren gewöhnt ist und Angst und Furcht verlernt, denn versagt der Schuß, ober wirkt nicht tödlich, dann wird die Begegnung immer lebensgefährlich »der tödlich für den Jäger fein. Da Re Jagd auf den Gorilla oder ein Angriff desselben sich immer nur aus nächster Nähe abspielt, sind Geistesgegenwart und größte Kaltblütigkeit unerläßlich und das Abwarten des günstigsten Augenblicks zum Schuß das Wichfigste, weil bei den schneiten und unruhigen Bewegungen des Tieres ein sicheres Zielen sehr schwierig ist. Weine Leute, die durch den Schuß erfuhren, daß etwas Besonderes vorgefallen war, wurden also zurückgerufen und wir bezogen unser Lager in der Nahe. Nachdem das Zelt ausge- fchlagsn war, wurde der Gorilla, nachdem ich ihn noch photographiert hätte, an Ort und Stelle zerlegt und das Fleisch verteilt. Aber nur wenige der Leute assen davon, die allerdings der Meinung waren, der Genuß bringe dem Körper Kraft und Stärke, ■ während Re meisten das dunkelrote Fleisch verschmähten, es aber doch über Feuer enkohlen ließen, um es unterwegs als begehrter Lauschartikel zu benutzen, ohne natürlich zu betraten, daß es Gorillafleifch fei. Fell und Schädel wollte ich aufbewahren, leider verdarb mir das Fell, da ich nichts zum Präparieren, nicht einmal genügend Salz zur Verfügung hatte, resp. meinen geringen Bestand an Salz für die Verpflegung meiner Leute benötigte. Ich war jedenfalls wieder um eine Erfahrung reichet geworden, denn niemals hätte ich es für möglich gehaBEn, beim Marsch mit einer Träger-Kolonne von einigen 30 Mann, die durch ihr Sprechen und Singen immerhin einigen Latin verursachen, auf einen Gorilla zu stoßen, denn gewöhnlich ist bann weit und breit alles Wild verscheucht. Und Jäger mid Boh erhielten von mir die strengste Anweisung, mit den Gewehren mir unmittelbar an der Seite zu bleiben, um in Zukunft vor einer ähnliche» Lleberraschung gesichert zu sein. Schrkftkeitung: Dr. Friedr. Mich. Lange. — Druck und Beklag der Brühl'fchen Univ-Buch- und Steindrnckerei. R. Lange, Gießen.