Gießener jamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger Jahrgang 1926 r - Dienstag, -en 25. Februar Kummer |6 GedichE^ Don 3. W. von Goethe. Gedichte sind gemalte Fensterscheiben! Sieht man vom Markt in die Kirche hinein, Da ist alles dunkel und düster; And so sieht's auch der Herr Philister: Der mag denn Wohl verdrießlich sein und lebenslang verdrießlich bleiben. Kommt aber nur einmal herein! Begrüßt die heilige Kapelle; Da ifi's auf. einmal farbig Helle, Geschicht und Zierat glängt in Schnelle, Bedeutend wirkt ein edler Schein; Dies wird euch Kindern Gottes taugen. Erbaut euch Md ergoßt die Augen! Mohammed und Dante. Von Ewald Falls. Es war im Monat La gab. Das kleine Ezbet ti Menschije, ein Fellachendörfchen westlich von Kafr ed Samar, hatte wieder einmal einen großen Tag Aach achtzehnjähriger Abwesenheit war au8 der fieberschwangeren Strafkolonie des Sudans ein Dorfbewohner heimgekehrt. Zufällig fiel dieses Fest der Heimkehr auf den Vorabend des 27. Ragab, den Jahrestag der Lailat el Mi-'rag der Macht der wunderbaren Himmelfahrt des Propheten. So war es ganz selbstverständlich daß aller dörflicher Pomp und Glanz aufgeboten wurde, um dieses Doppelfest feierlich ernst und Prunkhaft orientalisch zu begehen. Auf die gemeinsam verrichteten Gebete, die Spiele am Tage und das Gastmahl, zu dem der Bruder des längst Totgeglaubten ein Kalb gestiftet hatte, folgte am Abend die Rezitation der Himmelfahrt des Propheten. Zu diesem Zwecke. war eigens von Damanhur, dem Hauptorte der Provinz Behere Hagg Ibrahim, der Schr'ir, herbeigeeilt, der damals im ganzen Aildelta weitbekannte Dichter und Sänger. In einem reich mit Teppichen drapierten, weitgespannten Zelte hatte Hagg Ibrahim nebst einem Gefährten auf einem Leppichpfühl Platz genommen, umgeben von den Scharen der Dorfbewohner. 2m Vordergründe die Männer, die Knaben, hinter diesen das weibliche Element. Aach einem Vorspiel auf der „Dichtervioline", die Ibrahim wie sein Genosse, der ein zweites Instrument derselben Art handhabte, meisterhaft beherrschten, begann der Scha'ir langsam mit sonorer, etwas vibrierender Stimme auswendig seine Rezitation: Er erzählte die Fahrt des Propheten durch die Höllen und Himmel. Wie ein gewaltiger Strom brach das Wort des Sängers sich Bahn zu den Herzen seiner Zuhörer, die mit Beifallskundgebungen nicht geizten und oft berauscht von „der Fülle der Gesichte", die der Hagg sie schauen ließ, erscholl namentlich bei der Beschreibung der Höllenstadt ein Schluchzen und Lamentieren aus dem Zuhörerkreise, während die Stelle, wo Mohammed seine Hände über die Augen hält, um dem starken Glanze, den des Himmels Nähe ihm entgegenwirft, auszuweichen, und Gabriel bei Gott für ihn- bittet, begleitet wurden von den Ausrufungen, wie „O Mohammed, Gott, segne ihn und gebe ihm Heil". Ein einzigartiges Zusammenwirken von Künstler und Zuhörerschaft durchflutete schließlich das hellerleuchtete Zelt, und lieh einem einen Vorgeschmack weltferner Seligkeiten.genießen. Ergriffen hatte ich mit meinen Freunden ihre Stimmung geteilt; aber mehr als das, ergriffen war ich besonders von dem Aufbau der Erzählung und ihrem Gesamtentwurfe. Ob ich wollte oder nicht, bei dem Gang durch die Höllen und Himmel, beim Hören der Allegorien, den Belehrungen Gabriels, den Deden des Propheten, dem Erscheinen Mohammeds im Thronsaal des Lichtes, immer wieder glaubte mein Ohr und Gemüt sich im Banne des Weisters der unsterblichen Worte: ~ Ne! mezzo del cammin di nostra vita... des großen Florentiners Dante Alighieri. Hatte seine „Divina Commedia“ in der Literatur des Islams ihre Vorläufer? Es bedurfte beinahe eines Jahrzehnts, um erstmals Auftlärung über diese Fruge seit dem oben geschilderten Erlebnis zu erhalten. Ich verdanke sie dem spanischen Arabisten Dr. Miguel Asin, dem gelehrten Kenner der mittelalterlichen arabischen und europäischen Autoren. Sein Buch „La Escatologie Musulmana en la Divina Commedia" urtter- wirft zum erstenmal die höchstwahrscheinlich von Dante für sein unsterbliches Werk benutzten orientalischen Quellen einer systematischen Prüfung. Dr. Asin Palacios stellt auf und verteidigt die These, daß der Generalplan und viele Einzelheiten der „Göttlichen Komödie“ islamischen Schriftwerken entnommen seien. Die wissenschaftliche Theorie, die Dr. Asin mit gewohnter gelehrter Gründlichkeit und Sachlichkeit bietet, seine Analyse, Erläuterungen u. dgl. mehr hier aufzuzählen, würde zu weit führen. Hier mag genügen eine kurze Zusammenstellung von Parallelen zwischen deir Reisen Mohammeds und Dantes in die andere Welt. Veranlassung zur islamischen Legendenbildung von der Himmelfahrt der Propheten gibt der Eingangsvers der Sure 17 des Kuran: „Preis dem, der feinen Diener des Aachts entführte von der heiligen Moschee zur fernsten Moschee, deren Umgebung wir gesegnet haben, um ihm unsere Zeichen zu zeigen." In der Sammlung der kanonischen mündlichen AebeAieferuugen, die der Islam als echt anerfennt, begegnet man bereits 600 Jahre vor der Danteschen Arbeit der Grundform des Aufbaues der mohammedanischen Hiimnelsreife. Die islamische Erzählung nennt als Ort Jerusalem, Dantes Erläuterer im Anschluß an Inferno XXXIV, 114 ebenfalls. Don tiefem Schlaf erwacht, wird der Prophet von Gabriel auf einen steilen, jäh abschüssigen, kaum zugänglichen Berg geführt. Weil er furchtsam scheint, ersucht ihn Gabriel, in die Fußtapfen seines Führers zu treten. Später stoßen die 'Reisenden auf einen röhrenartigen Bau, der an der Spitze eng und schmal scheint, von dessen breitem Grund ein wirres Durcheinander menschlicher Stimmen hörbar ist. Mackie Männer und Frauen, Ehebrecher, werden hier durch die ortanartige Wucht der Feuerlohen hin und hergeworfen. Dante erzählt im fünften Gesang der Hölle, wie Fleischeslust und sündhafte Liebe gebüßt wird. Auch er spricht von dem Gestöhne des Lammers und V.A der Hölle: „La bufera infernal ehe mai non resta... der Hölle Wirbelsturm, der niemals ruht..." Weiter beschreibt Dante einen trichterförmigen Schlund mit neun kreisförmigen Sttlfen, jede von einer bestimmten Kategorie von Sünden belebt. Je schwerer die Schuld, je tiefer der Abstieg des Sünders in diesen bis zur Erdenmitte herabfallenden Höllenabgrund. Vergleicht man die moflinische Hölle mit der Dank-eschen Auffassung, so begegnet man vor allem älebereinstimmungen in der architektonischen Vorstellung beider Höllen. Auch Mohammed sah die kreisförmigen Schichten, allerdings nur sieben, aber auch er erwähnt, daß sie je nach der Schwere der Schuld und der Härte der Strafe in ihren Härten und Qualen verschieden seien, wachsend in den Torturen vom obersten Kreis bis zum tiefsten. Wenn also die Zahl der Schichten in der Beschreibung beider Höllen nicht über- einfthnint, die sogenannte moralische Struktur beider Höllen ist gleich Aber auch in den Einzelheiten find Aehnlichkeiten bemerkbar. Als Mohannned kaum die Hölle betritt, wird er von Kobolden belästigt, denen sein Führer wehren muh, gerade wie Virgil Dante gegen die Angriffe und Belästigungen der Höllengeister schützen muß. Die islamische Legende weiß außerdem von einem Feuersee zu erzählen, an dessen Gestade aus Särgen gebildete Städte in Flammen aufgehen. In diesen ewig brennenden Sargstätten läßt Mohammed die Th rannen ihre Schuld sühnen. Dr. Asin glaubt, daß die mohammedanische Höllenstadt das Vorbild der Danteschen sei, die dieser Inferno VIII 67 ff. beschreibt. Gemeint ist die Stadt der ewig brennenden Moscheen. Ander« Analogien in der Beschreibung beider Höllen find die Erwähnung des Blutsees, der wahnsinnige Durst als Straf» ft" begangene Sünden. Eine andere beachtenswerte Erscheinung der islamischen Le- gende ist ihre Gewohnheit, durch Sinnbilder abstrakte Ideen. Laster, Tugend u. dgl. darzustellen. Diese Art der moralischem: Allegorie ist von jeher als Dantesche Originalität bewundert worden. Dr. Asin Palacios ist anderer Meinung. Tatsache ist jedenfalls, daß die mohammedanische Legende Jahrhunderte vor Dantes Arbeit als Charakteristikum reich an Allegorien auftritt. Ein Beispiel mag erwähnt fein: Bei Beginn seiner Reise versucht eine alte, aller Reize bare Frau, Mohammed von seinem Vorhaben abzubringen und, indem sie alle Verheerungen und Narben des Alters unter einem glänzenden Gewand verbirgt, den Propheten an sich zu fesseln. Gabriel interpretierte später den Vorfall dahin, die alte Verführerin versinnbilde die Welt. Sie habe sich mit schönen Kleidern geschmückt, um den Propheten zu verführen. Aehnliches begegnet Dante. Mach der Durchreise durch den vierten Ring des Fegfeuers ist Dante eingeschlafen. Auch er sieht im Traume eine unschöne Frau, die aber solche Derstellungskünste versteht, daß er kaum ihren Lockungen widerstehen kann. Ihm erläutert Virgil den Vorfall. — 62 — Der erzählt Dante, daß die reizlose Mte die Zauberin sei, die seit Menschengedenlen die Sterblichen zu Fall bringe. Ferner müssen die sündigen, aber bußfertigen Seele»:, im Garten Abrahams sich dreimal waschen. Mohammed erfährt, dah diese 'Waschungen doppelte Wirkungen haben, sie reinigen körperlich und sittlich. Das Antlitz erhält seine natürliche Farbe wieder, und die Seele verliert die Sündenflecken. Auch Dante muh dreiinal gereinigt werden, um fähig zu sein, die himmlischen Wohnstätten zu betreten. Auch sein Gesicht, vermöge der ersten Waschung, erhält wieder seine natürliche Farbe. Die zweite und dritte Waschuirg löscht die Erinnerung an die Sünde aus und bereitet die Seele vor, himmlische Seligkeiten zu genießen. Gereinigt an Leib und Seele steigt Mohammed an Gabriels Hand in den Himmel. Eine wunderbare Kraft ermöglicht dies, genau wie bei Dante, der gereinigt, durch die Erlaubnis Gottes von Beatrix an den Dhron des Höchsten geführt wird. Fleich ist in beiden Reisen die Sphärenzahl. In beiden Ausstiegen gewinnen die Reisenden auch soviel Zeit, um in jeder Sphäre lang genug zu verweilen, um mit ihren Insassen sich zu unterhalten. Beide erhalten hier von ihren Führern Erläuterungen und Lösungen zu schwebenden theologischen Fragen. Derr Propheten, die die verschiedenen Himmel des mohammedanischen Ausstiegs bewohnen, entsprechen die Heiligen, denen Dante begegnet. Große Aehnlichkeit bieten die beiden Beschreibungen der eigentlichen Himmelssphäre. Bei Dante gleicht das himmlische Leben einem ständigen Licht- und Tonfest. Licht und Töne gehören aber auch zu den Hauptelementen der moslimischen Vorstellung vom Paradiese. Vom Augenblick, wo Mohammed den 7. Himmel betritt, bis zu seiner Anschauung Gottes, immer scheint der Himmel glänzend in farbensatten Strahlen. Während seines Aufstiegs in den Himmel singen Engel nach Korcmtexten Lobeshymnen zu Gottes Preis. Dante legt in den Mund der Geister Lobhymnen. die der Bibel entnommen find. Bemerkenswert ist, daß sowohl Dante wie Mohammed Gewicht legen nicht nur auf die Geschwindigkeit ihres Fluges, sondern daß sie auch dieselben Gleichnisse gebrauchen, diejenigen vom Winde und von dem Pfeile, der vom Bogen schnellt. Beide betonen nachdrücklich bei mehreren Gelegenheiten die Unmöglichkeit, das zu beschreiben, was sie sehen. Beide versichern, daß es nicht ratsam sei, alles Gesehene in Worten wiederzugeben. Wieder besteht eine andere auffallende Aehnlichkeit in der Beschreibung der Lichtwirkungen auf die hinansteigenden Wanderer. Mohammed ist auf jeder Stufe vom Glanz der Lichter geblendet. Gabriel bittet für ihn. Diese selbe Szene ist wiederholt, oft mit den nämlichen Worten, in den meisten Gesängen des Danteschen Paradieses beschrieben. Gabriel ist es, der Mohammed von Sphäre zu Sphäre emporhebt, der ihn belehrt, ihm Trost spendet, Beatrix übernimmt Die nämliche Rolle bei Dante. Gabriel bittet ost Gott für Mohammed und fordert später den letzteren auf, Gott für die empfangene Gnade zu danken. Sine gleiche Szene findet man in Dantes Paradies X. 52 bis 54. Eine andere seltsame lieber« einstimmung ist, daß Beatrix Dante nur bis zu einem gewissen Punkte begleitet, wo St. Bernhard, der Dostor mestiflus, an ihre Stelle tritt. (Paradies XXXI.) Auch Gabriel verläßt Mohammed schließlich; an seine Stelle tritt an der letzten Stufe seines Aufstiegs eine leuchtende Krone. Hat diese leuchtende Krone ihr Gegenstück in jener, die im achten Himmel auf die Jungfrau Maria niederkommt? Dr. Asin Palacios findet weiterhin Analogien zu Dantes Paradies XXIII., XVIII., XXIX. Die Lösungen theologischer und philosophischer Probleme, die Dante erfährt, finden ihre Parallelen in den Offenbarungen, die Mohammed über die Art und Weise der Hierarchie und der geistlichen Acmter der verschiedenen Gngelchöve erhält. Beide, Beatrix und Gabriel, stimmen darüber ein, daß sie den Cherubinen einen Platz in der ersten Reihe, die Gott umgibt, zuschreiben. Dr. Asin Palacios vergleicht fernerhin Dantes Vision von dem Riesenadler mit Mohammeds Gesicht vom Riesenhahn, der dem Propheten gleich zu Beginn der Reise auffällt. Beide schlagen ihre Flügel. Beide mystische Wesen singen gewaltige religiöse Hymnen. Aehnlichkeit besteht auch in- der Beschreibung der Engel. Die fingen6en Engel, die mit goldenen Flügeln über der mystischen Rosen fliegen, scheinen ihr Vorbild zu haben in den moslimischen Engeln, die, gleich Feuer und Schnee, Mohammed im ersten Himmel sieht. „Lebendige Flamme ihr Antlitz, ihr Gefieder war reines Gold und alles andere weiß. So weih fällt nicht der Schnee aus den Wolken nieder." Ein unwiderlegbares Zeugnis zu Gunsten der mohammedanischen Quelle für Dantesche Auffassung und Begriffe glaubt Dr. Asin Palacios in der Darstellung Gottes gefunden zu haben. Gleich Dante beschreibt auch Mohammed diese Vision zweimal. Einmal vor feinem letzten Aufstieg, während noch! Gabriel sein Begleiter ist, und später, als er allein voller Entzückung und Inbrunst das Antlitz Gottes schaut. Dante sieht Gott als einen Punkt starken Lichts, umgeben von neun konzentrischen Reihen ständig um den Höchsten kreisender Engel. Er ist geblendet vom Glanze und kann nicht beschreiben, was er sah, weil die Fülle der Seligkeit ihm das Gedächtnis auslöschte. Mohammed erzählt genau so. Auch er ist geblendet und kann seine Vision nicht beschreiben, ebenfalls, weil seine übergroße Freude über das Schauendürfen Gottes seine Erinnerung verwischte. Man versteht nach diesen Proben, dah der spanische Forscher bei solch auffallenden Hebereinstimmungen zum mindesten eine sehr innige Verwandtschaft zwischen der islamischen Darstellung, die bis zum achten Jahrhundert nach Ehr. zurückrcicht, und der Danteschen feststellen und behaupten konnte. Aber Dr. Asin Palacios geht in seiner gelehrten Studie noch weiter. Er untersucht auch die Legende außer in der kanonischen Traditionsliteratur bei anderen mohammedanischen Autoren. Dr. Asins Untersuchungen schließen unter anderem auch die Arbeiten des geistsprühenden, uns Deutschen durchs die meisterhaften Heber« setzungen Alfred von Kremers bekannten Abul' ala al Ma'ari, des tiefsten und ernstesten Denkers der Araber, ein. Dieser gescheite Zyniker schrieb eine literarische Nachahmung der kanonischen Legende und 'ließ das Jenseits bewohnt von Künstlern und Größen seiner Zeit. Heiden, Mohammedaner, Christen, alle fanden sich, oft mit erschreckend menschlichen Charakteren, dort zusammen, u. a. viele damalige Literaturgröhen. Zuweilen fragt der Reisende in der nächsten Welt nach einer gewissen Person, manchmal stellt sich auch eine Gestalt unaufgefordert vor, kurz, wir begegnen hier Zügen und Einzelheiten, die in den ersten Jahren des 11. Jahrhunderts geschildert sind, die ost bis in die kleinsten Details Szenen des Danteschen Jenseits entsprechen. Bekanntlich stellt die Göttliche Komödie u. a. ein Sammelwerk alles mittelalterlichen Wissens dar. Moral, Politik, Religion, wie sie das Mittelalter gebar und wie sie die Zeit Dantes sah und gestaltete, die „Divina Comedia" zeigt uns dies alles wie in einem Spiegel. Denselben Spiegel, nur seiner Periode an« gepaßt, entwirft Abul' ala für seine Welt. Bei Dante und diesem Araber viel handelnde Personen. Bei beiden Auseinandersetzungen über Zeit-, ja Tagesereignisse. Beide treffen brühen Bekannte. Beide werden von anderen angesprochen. Eine noch ausfallendere Allegorie ist die Begegnung des arabischen Reisenden mit zwei Damen, darunter eine Negerin aus Bagdad. Dr. Asin zeigt, daß diese Begegnung an das Zusammentreffen Dantes mit La Pia (Fegfeuer IV), Picarda (Paradies HI) und Canniza (Paradies IX) erinnern. Auch eine der arabischen Frauen beweint ihre unglücklich verlaufene Ehe. Dante ist bekanntlich überrascht über die himmlische Schönheit der Picarda, die herrlicher ist als ihre einstige irdische. Dasselbe muh Abul' ala von der Negerin von Bagdad feststellen. Erwähnt sei auch noch die eklatante Hebereinstimmung in der Begegnung mit Adam. Der Großstädter in Florenz, wie der Kleinstädter aus Ma'ara, einem nordshrifchen Städtchen, plaudern mit unserem Urvater über die Sprache des Menschen im Paradiese. Vielleicht ist auch das Fräulein, das den Moslim im Paradiese willkommen heißt und mit ihm durch die Fruchtgärten des Jenseits wandelt, nur eine Vorläuferin jener Mathilde, die mit Dante lustwandelt durch die blumigen Paradieseswiesen. Dante sieht am Ufer des Paradiesesflusses eine Gruppe Jungstauen, Abul' ala begegnet seinen Huris. Ist das Zufall? Hat Dante das Werk Abul' alas gekannt? Die Fragen bleiben vorläufig noch unbeantwortet. Doch mache ich hier den Leser nur mit den wenigsten Parallelen bekannt, die Dr. Asin Palacios aufzählt. Bekanntlich sperren Panther, Löwe und Wolf Dante bei der Höllenfahrt (Hölle I) den Weg. Das Gegenstück kann man auch bei Abuläla finden. Er wstd von einem Löwen und Wolk angehalten. Doch ist Abul'ala nicht einmal derjenige, der am nächsten der Danteschen Art und Geistesauffassung kommt. Fünfundzwanzig Jahre vorder Geburt Dantes starb 1240 der Maure Ibn al Arabi. Von ihm nimmt Dr. Asin Palacios vielleicht nicht mit Unrecht an, daß Dante sein Werk, in dem eine Himmelfahrt geschildert ist, benutzt habe. Jedenfalls ist die architektonische wie die moralische Struktur des Jenseits bei Ibn et Arabi fast die gleiche wie in Dantes Meisterwerk. Aber nicht nur im Gesamtplan beider Arbeiten herrscht die auffallendste Aehnlichkeit, viele Einzelheiten, besonders die Lösung und Auseinandersetzung der schwierigen mystischen Probleme in Theologie und Philosophie, sind in beiden sinn- und formverwandt. Gerade aus diesen Parallelen! läßt sich nach Dr. Asin Palacios annehmen, dah Dante Kenntnis genommen hatte von der Eschatologie des Islams. Wir wissen, dah der Einfluß der arabischen Welt auf das. europäische Milieu des Mittelalters ganz bedeutend war. Ich erinnere bei dieser Gelegenheit an die letzthin erschienene Schrift des Syrers Dr. Haris, die, wenn auch speziell für das medizinische Gebiet,, doch zeigt, was Italien, Spanien und Frankreich im Mittelalter den Mohammedanern zu danken haben. Aus dem Verkehr, der zwischen den arabischen Schulen Spaniens und Süditaliens und dem übrigen Abendlande herrschte, zu schließen, kann es durchaus nicht fremd anmuten, daß Dante nicht nur europäische Vermittler orientalischer Kultur kannte, sondern auch direkt mit Moslimen verkehrte und auf die Weise auch mit ihren Jenseits- vorstellungen bekannt wurde. Dr. Asin Palacios ist der Ansicht, daß das islamische Spanien der Herd gewesen sei, von dem aus die eschatologischen Ideen des Islams nach der und durch- die Christenwelt drangen. Gewiß, nach Spanien zogen wissenschaftliche Größen aller europäischen Länder, um sich Weisheit zu holen. War doch der ^rste französische Papst Geriert, Sylvester II., Moscheenschüler in Spanien gewesen. Der Verkehr zwischen Spanien und Italien hatte seit dieser Zeit, dem 10. Jahrhundert, angenommen. Es war also nicht ausgeschlossen, daß mit den Männern der Wissenschaft, die nach und von Spanien reisten, auch die Werke der Araber verbreitet wurden. Ein Glied in bet Kette, die Dante mit der Geisteswelt des Islams bekannt machte, können übrigens auch die apologetischen Schriftsteller gewesen 63 sein, die sich mit dem Religionsshstem Mohammeds auseinander- setzten und die die Himmelfahrt Mohammeds behandeln. Dr. Asin Palacios nennt in diesem Zusammenhänge Roderigo Jimenez de Rada, den Erzbischof von Toledo (1170 bis 1246) und Peter Pascual, der unter Papst Nikolaus IV. in Rom seine Tage zubrachte. Beide hatten sich eingehend mit der Himmelfahrt des Propheten befaßt. Hierher gehört auch Brunetto Latini, Dantes Freund, der in seinem „Tesoro" beweist, daß ihm der islamische Glaube nicht unbekannt ist. Daß Dante eine besondere Vorliebe für Avicenna, al Ghazali und Averras hatte, gehört ebenfalls zu den behandelten Problemen und soll daher wenigstens erwähnt werden. Im Jahre 1926, wird Asin Palacios Buch unter dem Titel „Dante et i’Islam“ zweibändig in französischer Liebersetzung er» scheinen. Gelehrte und Laien werden die hier nur skizzierten Probleme der moslemischen Eschatologie in der Göttlichen Komödie mit Aufmerksamkeit verfolgen, und es wird dann die Aufgabe fein, die Angaben des spanischen Arabisten zu prüfen. Dem geistesgewaltigen Florentiner wird es am Ansehen aber nicht schaden, wenn die These Asin Palacios als zu recht ausgestellt Anklang finden würde. Er wird wie Mohamnred — Gott segne ihn und gebe ihm Heil — solange wie Menschen Kulturwerks preisen, je menschlicher er uns scheint, um so größer in seiner Arbeit wachsen. Menschen und Affenpsycholsgie. Eine Unterredung mit Geheimrat Heck, Direktor des Berliner Zoologischen Gartens. Nachdem das Gelächter verklungen ist, welches kürzlich über die „Affenfrage", wie man sie „drüben" interpretierte, erhob, besteht für den nachdenklichen Menschen die Versuchung, sich in aller Stille selbst noch einmal zu examinieren: Stamme ich... stamme ich nicht...? Lind wenn er dann aufgeklärt, aber in fromme Zweifel versunken, vor den 'Affenkäsig seines Zoologischen Gartens hiniritk, und das possierliche Spiel mit dem menfchlich-allzumenfchlichen Gebahren ihn wieder entzückt, dann triumphiert wohl der Anschauungsunterricht der Natur: selbstverständlich! Sie machen's ja wirklich genau so wie wir, und man wird dieseir dunklen Punkt in seiner Verwandtschaft auf die Dauer doch Wohl nicht leugnen können... „Meinen Sie das nicht auch, Herr Geheimrat?" sa fragten wir den Direktor des berühmten Berliner Zoologischen Gartens, Prof. Heck, erst kürzlich bei einem Besuch. „Zweifellos",- war die Antwort. „Es gibt in der Lat heut keine ernsthafte Möglichkeit mehr, die Evolutionslehrei zu bestreiten. Seit vor fast 150 Jahren der große Lamarck die Meinung von der Konstanz der Arten umwarf, und an ihre Stelle die Lehre von der Entwickelung derselben gesetzt hat, konnte die Wissenschaft bis auf den heutigen Tag nicht umhin, diesen Entwickelungsgedanken immer mehr zu bestätigen. 'Die gewaltigen steinernen Bilderbücher der Paläontologie mit ihren interessanten Funden prähistorischer Tierspuren zeigen das ja ebenso eindringlich, wie die moderne Anthropologie, die Vergleichung der verschiedenen Menschen- und Tierrassen untereinander. 2kein, die Schöpfung (wie sie auch immer entstanden sein mag) hat nicht das heute Bestehende fertig erzeugt, sondern die uns bekannten Tier- und Pflanzenformen sind zweifellos das Ergebnis einer schier unendlich langen Reihe stufenweiser Entwickelung. Ja, selbst der augenblicklich bestehende Zustand darf -nur als ein Glied in der Kette dieser nie aufhörenden Wandlung angesehen werden. Lind die Tatsache, daß auch der Mensch seinen bestimmten Platz im System dieser Wunder der Schöpfung einnimmt, erscheint dem Einsichtigen keineswegs degradierend. Studiert die moderne Wissenschaft doch heute bereits die Psychologie des Herrn der Schöpfung ganz ernsthaft im Vergleich mit der — Affenpsychologie." „Lind zeigt sich da ebenfalls, daß der menschenähnliche Affe, der „Anthropoide", auch in seinen seelischen Funktionen uns Menschen näher steht, als den übrigen Affen?" „Diese schwierigste aller Fragen", antwortete Geheimrat Heck mit einem feinen Lächeln, „werde ich mich wohl hüten. Ihnen schlechtweg mit ja oder nein zu beantworten. Wilhelm Köhler, der Leiter der deutschen Asfenstation in Teneriffa, unser ingeniösester Forscher auf diesem Gebiet, Hat, wie Sie wissen, ja förmlich mit seinen Affen gelebt, um wenigstens einen Zugang zum verborgenen Seelenleben dieser Tiere zu bekommen. Mein Sohn, Dr. Lutz Heck, arbeitet nun an unserem hiesigen Affenmaterial ebenfalls experimentell-psychologisch im Sinne der Köhlerschen Methoden." Lind nun mutzte dieser von seinen Tierstudien erzählen. Er tat es mit einem lebendigen, einprägsamen Humor. „Der naive Beschauer des Affenhauses, sehen Sie, wird von den Tieren gewöhnlich getäuscht. Wenn ein Äeffchen sich zufällig einmal den Kopf kratzt, so sieht es dabei „ordentlich nachdenklich" aus. Es denkt aber keineswegs nach! Sondern es hat lediglich vermöge der organischen Einteilung seines Körpers eine gewiss« äutzere Menschenähnlichkeit, die den frappierenden Eindruck hervorruft. Kratzt sich z. D. der (sehr viel höher stehende!) Hund, so wird niemand in die Verlegenheit kommen, dies« Bewegung auf so menschliche Weise zu deuten. ES ist merkwürdig: noch zu den Zeiten des alten Brehm war man unbedenklich g eneigt, den Tieren ganz allgemein men s ch l i cheM o t i ve für ihre Handlungen zu unterschieben. Natürlich gelangte man dabei zu Ergebnissen, die die heutige Forschung nicht wissenschaftlicher bewertet, als etwa ein Märchen von Andersen, in dem sich Streichholzschachtel und Labakdose ernsthaft unterhalten. Heute allerdings droht die Forschung in das andere Extrem zu verfallen. Wan beginnt sie nicht mehr beim Menschen, sondern bei den niedersten Tieren und hat dort exp-erimentell gefunden, daß deren Lebensäußerungen völlig mechanisch auf gewisse Reize hin, — Wärme, Licht, Nah- rungsslüssigkeit ufw. — erfolgen. Von dort her die Tierreihe in ihrer Betrachtung emporsteigend, neigen die Forscher zu einer weitgehenden Mechanisierung des Intellekts. In der Tat zeigt uns ja — was den Menschen anlangt — jeder Betrunkene, wieviel man noch unter Ausschaltung des bewußten Seelenlebens vermag. Denn er geht noch selbständig mitunter von seiner Kneipe nach Hause, steigt die Treppe herauf, schließt auf »kleidet sich aus, — und Weitz trotzdem von allem am nächsten Tage nichts mehr. Diese Llnzahl komplizierter Leistungen also wurde offenbar durch mechanisch eingefahrene Bahnen seines Gehirns dirigiert und ging ohne Beteiligung des Dewußtseins vor sich. Denn die seelische Kontrolle ist ja beim Betrunkenen durch die Giftwirkung ausgeschaltet. Ein recht lehrreiches Experiment!" „Sie glauben also, daß auch die alltäglichen erstaunlichen Tierleistungen, — der Nestbau, die Nahrungssuche usw. — von denen der Laie doch sicher glauben sollte, daß sie ein bewußtes Seelenleben zur Voraussetzung haben, in Wirklichkeit lediglich vom Instinkte regiert werden?" „Ich vermeide mit Absicht den unklaren und undefinierbaren Begriff des Instinktes. Halten wir uns doch an das, was dem offenen Auge die Praxis der Tierbeobachtung zeigt. Das Pferd als geborenes Steppentier hat als beste Waffe sein« große Schnelligkeit und ist deshalb gewohnt, bei Gefahr im Galopp auszubrechcn. Niemals wäre es jedoch, in det Lage, sich statt dessen etwa hinter einem Busch zu verstecken, sich ruhig hinzulegen oder unter Deckung öavonzuschleichen, — selbst da nicht, wo allein dieses Verfahren zweckmäßig wäre! Deshalb rast auch bei uns in der Stadt ein scheues Pferd sinnlos durch die Gassen und rennt sich unter Llmständen den Schädel dabei ein. Derselbe Hund, der so „rührend" für seine Jungen sorgt, kann sie aber nicht zählen und merkt deshalb nicht, wenn man ihm unter geeigneten Vorsichtsmaßregeln eins fEntnimmt! Gr baut sich und seinen Sprößlingen, — „klug", wie der Lai« sagt, — ein bequemes Lager. Legen Sie ihm aber hier auf das Spind eine Wurst und davor einige Kissen, die er nur auf ein Sofa zu schleppen braucht, um leicht an die Wurst zu gelangen, so wird er zweifellos eher verhungern, als auf den Gebanksn kommen, diese scheinbar leichte Kunsthilfe anzuwenden. Also: Es gibt offenbar seit Lirzeiten her in gewissen nervösen Dahnen! eingefahren-en Verrichtungen bei diesen Tieren, die sie in jeder neuen Generation wieder können, ohne jedoch in der Lage zu sein, sie jemals selbständig abzuändern, also das zu leisten, was man etwa eine kleine Erfindung nennen könnte. Darf man da also schlechtweg von „Intelligenz" sprechen? Es ist nun freilich sehr interessant, die Tiere nun solche Kunststücke lernen zu lassen und dabei den Moment zu studieren, in dem so etwas wie ein Intellekt in den gewohnten Ablauf ihrer psychischen Tätigkeit regulierend eingreift. Die geistig höher Stehenden unter ihnen lernen nämlich nach vielen vergeblichen Versuchen ganz plötzlich was sie sollen, denn sie begreifen auf einmal, was man von ihnen verlangt. Bei den niedriger Stehenden jedoch geht das Lernen nur ganz allmählich vonstattsn, denn auf ein geistiges Erfassen der Situation ist hier niemals zu rechnen. Was aber die Aehnlichkeit der Menschenaffen mit uns anlangt, so sehen auch wir in der täglichen Praxis sehr deutlich den Llnterschied zu den niederen Affen: ein Schimpanse will ganz anders gepflegt sein und verlangt eine individuelle psychische Behandlung. Er bedarf z. D. der Abwechselung und der verständigen Llnterhaltung. Machen Sie sich aber doch einmal klar: was verlangen diese ganzen psychologischen Forschungen denn von uns? Der Intellekt ist unsere geistige Waffe. Er ist die einzige, die wir haben. Das Prüfungsobjekt ist aber hier ebenfalls — der Intellekt. Der Intellekt also soll sich selber sezieren!" Hier brachen wir ab, denn nun war man ja von der- Medizin unversehens in den Bereich der Philosophie hinüber- gegli tten... Der Goldkäfer. Von Edgar Allan Poe. (Fortsetzung.) Ich will erst gar nicht versuchen, meine Gefühle bei diesem Anblick zu beschreiben. Zunächst war ich wohl unendlich erstaunt. Legrand schien vor Erregung ganz erschöpst zu sein und sprach kein Wort. Jupiters Gesicht zeigte für Minuten «ine solche Blässe, wie sie ein Neger nur überhaupt auszuivei- fen imstande ist. Er war wie vom Blitz getroffen. Dann siel er — u — Schriftleitung: I)r. Friedr. Wilh. Langs. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindrucker«, R. Lange, Gießen. Bemerkung machtest, dachte ich, du wolltest mich neden, es fielen mir aber dann die merkwürdigen Tupfen an seinem Rücken ein und ich mußte zugeben, daß deine Beobachtung nicht ganz unbegründet war. Desungeachtet ärgerte mich Nie Kritik meiner zeichnerischen Talente — denn ich bin als halber Künstler bekannt —, so daß, als du mir das Stück Pergament zurückgabst, ich nahe daran war, es zusammenznknüllen und in das Feuer zu werfen." „Du meinst das Stückchen Papier?" sagte ich „Rein, es sah zwar wie ein Stück Papier aus und ich hielt es zuerst auch dafür, aber als ich darauf zeichnete, bemerkte ich, daß es ein Stück sehr dünnes Pergament war. Es war sehr schmutzig — du erinnerst dich noch, nicht? — Amr, als ich es gerade zusammenknüllen wollte, fiel mein Blick aus di« Zeichnung, die du gesehen hattest, und du kannst dir mein Erstaunen denken, als ich tatsächlich einen Tvtenkopf dort erblickte, wohin ich meinen Käfer gezeichnet zu haben glaubte. Im Augenblick war ich zu betroffen, um logisch denken zu können. Ich wußte bestimmt, daß meine Skizze ganz verschieden war von dem, was ich nun sah, obwohl die Konturen zweifellos einige Achnlichkeit hatten. Ich ergriff darauf eine Kerze und setzte mich ans andere Ende des Zimmers, um das Pergament genauer untersuchen zu können. Als ich es umwandte, sah ich auf der anderen Seite meine eigE Zeichnung, noch genau so, wie ich sie dir gegeßen hatte. Zuerst war ich erstaunt über die wirklich bemerkenswerte Aehnlichkeit des Ämrisses — über das sonderbare Zusammentreffen, daß ohne mein Wissen auf der anderen Seite des Pergamentes ein Totenfchädel stand, der auch in der Größe so vollkommen mit meiner Zeichnung übereinstimmte. Wie gesagt, das Merkwürdige dieses Zusammentref- sens verwirrte mich zuerst ganz und lähmte mein Denken für einige Zeit. So pflegt es einem ja in solchen Fällen gewöhnlich zu ergehen.. Der Geist müht sich ab, einen Zusammenhang, eine Folge von -Ursache und Wirkung zu finden, und da ihm dies nicht so leicht gelingt, wird er auf einige Zeit ganz unfähig. 2lls ich endlich mich von meiner Verblüffung wieder erholte, dämmert« in meinem Kopfe eine Ueberzeugung, die noch viel überraschender war als das Zusammentreffen. Ich erinnerte mich plötzlich mit absoluter Deutlichkeit, daß auf dem Pergament keine Zeichnung zu sehen war, als ich meinen Skarabäus darauf skizzierte. Ich war dessen ganz sicher, denn ich wußte mm genau, daß ich es zuerst nach allen Seiten nach einer sauberen Stelle abgesucht habe. Wäre der Schädel schon dagewesen, so hätte ich ihn natürlich unbedingt sehen müssen. — Ich stand vor etwas, wofür ich keine Erklärung zu finden vermochte. Aber damals schon glomm in den untersten verborgensten Kammern meines Geistes eine Erkenntnis jener Wahrheit auf, die das Ergebnis der letzten Rächt so glorreich bewahrheitet hat. Ich stand auf und verschloß das Pergament sofort sehr sorgfältig und gab das Nachdenken auf, bis ich wieder allein war. Als du gegangen warft und Jupiter schlief, fing ich an, di« Sache etwas methodischer zu untersuchen. In erster Linie vergegenwärtigte ich mir di« Art, auf welche das Pergament in meinen Besitz gekommen war. Di« Stelle, wo wir den SkarabäuS entdeckten, war auf dem Festlande, ungefähr eine Meile östlich von der Insel und nur wenig über dem Merkzeichen für den höchstem Wasserstand zur Flutzsit. Gerade als ich ihn schon gefangen hatte, stach er mich so heftig, daß ich ihn wieder los- lafsen mutzte. Jupiter mit seiner gewohnten Vorsicht suchte erst nach einem Blatt oder etwas Achnlichem, womit er das Tier fassen könnte. Dabei fiel sein und auch mein Auge auf daS Stück Pergament, das wir für Papier hielten. Es war zur Hälft« im Sande begraben, nur eine Ecke schaute heraus. In der Rähe der Stelle, wo wir es fanden, bemerkte ich auch die fieberrest« eines Schiffsrumpfes, wahrscheinlich eines Langbootes. Das Wrack schien schon ziemlich lange hier gelegen zu haben, dem, das Holz war kaum mehr als Schiffsholz zu erkennen. Run, Jupiter hob also das Pergament auf, wickelte den Käfer hinein, und übergab ihn mir mit dieser Umhüllung. Bald darauf gingen wir heim und trafen unterwegs Leutnant G. — Ich zeigte ihm das Insekt, und er bat mich es ihm zu leihen, um es mit nach der Festung zu nehmen. Auf meine Einwilligung steckte er es sofort in seine Westentasche, ohne das Pergament, in tvelches es gewickelt war, und welches ich in der Hand behalten hatte, während er das Tier betrachtete. Vielleicht befürchtete er, ich möchte meinen Entschlutz ändern, und wollte den Käfer gleich in Sicherheit bringen — du weiht, wie er sich für alles Maturgeschichtliche interessiert. Da muh ich wohl, ohne daß ich es merkt«, das Pergament in meine Tasche gesteckt haben. , . Du erinnerst dich auch, daß ich, als ich an den ^.rsch gmg, um den Käfer zu zeichnen, kein Papier dort fand, wo ich sonst welches aufzubewahren pflegte. Ich schaute in der Schublade nach und fand auch dort keines. Ich suchte in meinen Laschem in der Hoffnung, dort einen alten Brief zu finden: da fiel mir das Stückchen Pergament in di« Hände. Ich erzähle all dies deshalb mit solcher Genauigkeit, weil die Art mti> Weise, wie es nur in die Hände fiel, nur einen so starkem Eindruck machte lDntfetzung folgt.) auf feine Knie, vergrub seine nackten Arme vis zu den Esten- bogen in dem Golde — und verweilte so, als ob er den Mxus diese« Bades erst ganz ausgemetzen wollte. Schließlich rtef ec mit einem tiefen Seufzer, als rede er nut sich selbst,, „Und astes sein gekommen von Goldkäfer! von schönem Goldkäfer zu Käfer ich so wild und grausam gewesen! - Schämst dick nicht Rigger? — Antworte mir!' Ich mußte erst beide, Herrn und Diener, cur dl« Notwendigkeit. die Kiste wegzutransportieren, erinnern. @5 war schon sehr svä't mtb es schien mir notwendig, alles nach Hause zu schaffen, noch ehe es Tag wurde. Es war schwer, Rat zu schaffen, und wir verloren durch Aeberlegungen sehr viel Zett, denn wir alle waren durch diese Lleberraschung völlig außer Rand und Band- Schließlich leerten wir die Kiste zu zwei Drittel aus, und so gelang es uns endlich mit vieler Mühe, sie aus der Grube zu^heben. Die herausgenommenen Gegenstände wurden zwischen den Brombeeren versteckt und der Hund zu ihrer Bewachm^ zuruckge- lassen Er bekam von Jupiter strengsten Befehl, sich weder zu rühren, noch einen Laut von sich zu geben, unter keinen Umständen bis wir wieder zurück wären. Run machten wir uns schnellstens auf den Heimweg und erreichten bw Hütte nach unsäglicher Mühe ungefähr um em Mr morgens. Erschöpft, wie wir waren, waren wir autzerstande, sofort wiederumzu- kehren Wir rasteten bis zwei rmd nahmen eine kurze Mahlzeit zu uns: gleich darauf machten wir uns ivreder mrf den Weg, ausgerüstet mit drei großen Säcken, die wir glücklicher weis ein der Hütte fanden. Etwas vor vier kamen wir an der Grube an, verteilten den Rest des Fundes gleichmäßig unter uns und ohne erst das Loch wieder zuzuschaufeln, machten wir uns zum Zweite» Male nach der Hütte auf, wo wir uiffere gol^ne Last gerade versteckt hatten, als die ersten schwachen Strahlen des Morgenrots sich über den Kronen der Bäume zeigten. Wir waren jetzt vollkommen erschöpft: doch lieh uns die Aufregung nicht lange ruhen. Rach drei o&er vier Stunden w rubigen Schlummers erwachten wir tote auf Verabredung, um unsere Schätze einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Die Kiste war bis zum Rande voll gewesen, und wir Verbrachten den Rest des Tages und einen Teil der fügenden Macht lisch damit ihren Inhalt in Augenschein zu nehmen. Es lag alles drunter und drüber, alles war wahllos zusammengeworfen. Anscheinend war beim Ginpacken von Ordnung oder System keine Rede gewesen. Machdem wir alles sorgfältig sortiert hatten, fanden wir uns im Besitze eines viel größeren Vermögens, als wir zuerst angenommen hatten. An Münzen waren nach unserer möglichst genauen Berechnung nach letzigem Kurs etwa viechundertundfünfzigtausend Dollars vorhanden. Darunter befand sich nicht ein Silberstück. Es war nur altes in den verschiedensten Ländern kursierendes Gold — französisches, spanisches und deutsches Geld, einige englische Guineas und einige andere Wünzsorten, wie wir sie früher noch me gesehen hatten. Da waren einige sehr schwere Münzen, aber schon so abgegriffen, daß es uns unmöglich war, die Inschrift zu lesen. 2lmert» kanisches Geld war nicht darunter. Schwerer, war es, den Wert der Juwelen zu besümmen. Es sanden sich hunderiundzehn Diamanten, — manche außergewöhnlich groß und schon — und kein einziger kleiner: achtzchn Rubinen von bemerkenswertem Feuer —, dreihundertzehn Smaragde — alle tvunder- schön — einundvierzig Saphire und ein Opal. All diese Steine waren aus ihren Fassungen herausgebrochen und los« in der Kiste verstreut. Die Fassungen selbst, di« wir unter dem anderen Golde befanden, waren zu Klumpen zusammengehämmeich an- sckeinend, um sie unkenntlich zu machen. Außerdem fanden wir eine Menge gut erhaltener goldener Schmucksacheii, an zwei- hundert massive Ohr- und Fingerringe — reiche Ketten, drei- ßig an der Zahl, wenn ich mich recht erinnere — dreiundachtzig sehr große und schwere Kreuze, fünf große Weihrauch- süsser von großem Wert — eine riesige Punschbowle Mit prachtvoll getriebenen Ornamenten aus Rebenlaub und bacchantischen Figuren, dann zwei wundervoll gearbeitete Degengriff« und eine älnzahl kleinerer Gegenstände, di« ich mcht mehr all« weih. Diese Wertobjette wogen im ganzen über dreihunderi- fiinfzig Pfund, ungerechnet eine Anzahl schöner goldener .Uhren — es waren Hundertsiebenundneunzig —, von denen drei wohl jede ihre fünfhundert Dollar unter Brüdern wert waren. Viele von ihnen waren sehr all und als Chronometer wohl nicht mehr gut brauchbar, da sie durch die Witterung sehr gelitten hatten — aber alle waren reich mit Edelsteinen besetzt und in wertvollen Gehäusen. Wir schätzten in jener Macht den ganzen Inhalt der Kiste auf ungefähr einundeinhalb Millionen Dollars: doch stellte sich beim späteren Verkauf der Schmucksachen und Steine heraus — wir behielten nur einige wenige für uns —, daß wir ihren Wert bedeutend unterschätzt hatten. Als wir endlich mit unserer Prüfung fertig waren und unsere Aufregung sich einigermaßen gelegt hatte, begann Legrand, der wohl sah, mit welcher Spannung ich auf die Lösung des Rätsels wartete, mich in alle Einzelheiten desselben einzuweihen. „Du erinnerst dich wohl noch an den 2kbend, als ich dir die Skizze des Skarabäus gab“, sagte er. „Du weißt doch noch, wie böse ich wurde, als du dich so darauf versteiftest, meins Zeichnung sähe einem Totenkopf« Ähnlich. Als du zuerst diese