Gietzener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, -en 25. Januar Nummer 7 Sehnsucht. Bon Joseph Freiherr ft. Eichemdvrff. Es schienen so golden die Sterne, Am Fenster ich einsam stand Lind hörte aus weiter Ferne Ein Posthorn im stillen Land. Das Herz mir im Leibe entbrennte. Da hab' ich mir heimlich gedacht: Ach, wer da mitreisen könnte In der prächtigen Sommernacht! Zwei junge Gesellen gingen Vorüber am Bergeshäng, Ich hörte im Wandern sie singen Die stille Gegend entlang: Von schwindelnden Felsenschlüften, Wo die Wälder rauschen so sacht. Von Quellen, die von den Klüften Sich stürzen in die WaldeSnacht. Sie sangen von Marmorbildern, Don Gärten, die überm Gestein In dämmernden Lauben verwildern, Palästen im Mondenschein, Wo die Mädchen am Fenster lauschen, Wann der Lauten Klang erwacht, .Und die Brunnen verschlafen rauschen In der prächtigen Sommernacht. Der verhexte Genius. Zu E. S. A. Hoffmanns 150. Geburtstag. Don Dr. Hans Thhrivt. Unweit vom Berliner Gendarmenmarkt liegt im Hause von Lutter und Wegner das „historische" Eckzimmer und jenes ehrwürdige Gewölbe, das berühmt wurde und literarischen Klang bekam durch den, dessen 150. Geburtstag wir heute begehen: Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, spätestes und echtestes Kind der Romantik, zu den absonderlichsten und barocksten Figuren in der deutschen Literatur zählend," oft befehdet, oft nur halb 'verstanden, spät bewundert und Mode geworden — ein Mensch aber von so ausgeprägtem und vielseitigem Künstlerwesen, daß man begreift, wie er außerhalb unserer Grenzen, in Frankreich etwa, längst als Klassiker deutschen Schrifttums Öund gelesen wurde, als man bei uns noch kaum an ihn te. . Wenn man da unten sitzt, in dem prachtvoll alten, meß® rigen Raum, wo von den Wänden ringsum, in buntem Reigen, vertraute Hoffmann-Eallotsche Gestalten niederschauen, wenn sich das schwere würzige Aroma des roten Prsmeau mit einein leisen Veilchenduft aus dem Korb der Blumenfrau mischt, wie ein zarter Hauch aus der Märchenwelt des Dichters, dann ist man dein „verhexten Genius" (so nannte ihn Rudolf Heubner in feinem Roman) am nächsten. Hier hat er viele Abende gesessen, in seiner letzten Berliner Zeit, hier hat er Feste gefeiert mit seiner Tafelrunde, hier gedieh Stimmung und Laune, sprühende Geistigkeit und pittoresker Einfall, hier gewannen die seltsamen Spukgestalten Leben, Geschöpfe einer überquellenden Phantasie, Geister, die der Meister, der sie rief, nimmer los wurde. Schatten standen auf, die so intensiv gedacht waren, daß sie eigene Form und unheimlichen Umriß gewannen und ihren Schöpfer, wenn er später, tief in der Rächt, zu Hause schrieb und las, so bedrängten und ängstigten, ihn mit so großen und drohenden Augen ansahen, daß er entsetzt und verstört emporfuhr und nach Michaline rief, älnd sie, eine rührende, stille Frau, bei der man an Schillers Loko denken kann, sie stand gehorsam auf und setzte sich zu ihm, bis er ruhig geworden war. Dor ein paar Jahren beging man Hoffmanns 100. Todestag; und es schien — ähnlich wie vor kurzem mit Jean Paul — als ob man jetzt erst recht *u ihm gefunden habe: nun erst, ein volles Säkulum nach seinem schrecklichen Ende, schien man sich auf ihn und seine Klassizität in Frankreich zu besinnen, ja er wurde fast populär, die Bühne versuchte (lange nach Offenbach) sich seiner aufs neue zu bemächtigen, ohne doch das Eigentliche und Wesenswichtige seiner romantischen Gestalten- und Formenfülle zu erfassen. Wertvoll und bleibend aber ist die Lebens- geschichte, die zu jenem Gedenktage erschien, die große und beste Biographie des Dichters, die wir besitzen: von Walther Harich. Gin hinreißendes, aus Wahlverwandtschaft geschriebenes Buch, das tiefer griff, als das Modetheater, das den gewaltigen Stoff wissenschaftlich meisterte und den Künstler, seine Llmwelt und seine verschlungenen Seelenbezirke mit menschlicher Wärme und einsühlender Zartheit umfaßte und erschloß. Unweit jener Stätte, die durch den Dichter so volkstümlich wurde, liegt in der Taubenstraße das Haus, wo Hoffmann bis zuletzt gewohnt hat. Hier entstand, wenige Wochen vor seinem Tode (1822), die glitzernde, kleine Dialognovelle „DeS Vetters Eckfenster". Voll feinster Erzählerkunst und voller Rosignation. An diesem Eckfenster, im Rollstuhl sitzend, schon ganz gelähmt, konnte Hoffmann hinunterschauen auf das stets wechselnde, bunte und bewegte Leben und Treiben auf dem Gendarmenmarkt. Und wenn er den Kopf hob und in den Himmel schaute, dann sah er wohl auch sein eigenes Leben, ebenso wechselnd, ebenso buntfarbig und bewegt hinter sich liegen, sah es noch einmal ablaufen und vorüberziehen, fein Erdendasein, daS da oben im Morden, in der Stadt Kants, beginnt, und dessen früheste Jahre schon die Musik freundlich, wegweisend und verheißungsvoll begleitet hatte. Die Musik, die zeitlebens seine tiefste und unglücklichste Liebe geblieben ist, die ihm ebensoviel und mehr bedeutete, wie (um ein paar Mamen zu nennen, di« nicht vergleichen sollen) Kleist, Heine, Mörike. Die leuchtendsten Sterne waren ihm Mozart und der „Ritter Gluck"; es ist kein Zufall, daß zwei seiner reifsten Movellen ihnen und ihrem Werk gewidmet sind . . . Aber der junge Ernst Theodor Wilhelm (den dritten Damen änderte er verehrungsvoll in Amadeus) war zum Juristen bestimmt, und — was ein Wunder ist — er hat es auch hier, nicht ohne Grund, zu etwas gebracht. Man weih kaum, was sich mehr aufdrängt: die Bewunderung über die Vielseitigkeit dieses romantisch entzündeten Manschen, der al- preußischer Kammergerichtsrat starb und „nebenbei" Musiker. Dichter und Maler war. Oder der Zweifel, was nun doch das Eigentliche, das wahrhaft und zuerst zu Wertende in Hoffmann war, Dichtung oder Musik. Denn seine Zeichnungen sind nur spielerisch-schnörkelhafte Verzierungen eines krausen und seltsamen Weltbildes. Immerhin steckte Genie und Witz genug darin: ein paar freche Karikaturen auf hohe Würdenträger bringen dem jungen Posener Assessor die Strafversetzung nach Plock und später nach Warschau, wo er die „seltsamen Leiden eines Musikfreundes" am eigenen Leibe peinlich erfahren muß, von denen er später erzählt. Vielleicht verhält sich seine Musik — wir nennen nur die Vertonungen von Sethes „Scherz, List und Rache", Brentanos „Lustigen Musikanten", Zacharias Werners „Kreuz an der Ostsee" und die Oper „älndrne", die Pfitzner neu bearbeitete — umgekehrt zu seinem dichterischen Werk, wie bei Kleist die Schauspiele zu den Dovellen, die man einmal als „versetzte Dramatik" bezeichnet hat. Hoffmanns Dovellen waren vielleicht „versetzte Musik". And sicher nicht die schlechtesten unter ihnen. Don hier aus gesehen erscheint der Genius E. T. A. Hoffmann im tieferen Sinne einer tragischen Vertauschung verhext oder verzaubert... Cs ist wiederum Harichs Verdienst (der in feiner Darstellung so viele verschlossene Türen entriegelt, von so manchem den Schleier gelüftet und zahllose Wege gewiesen hat, die, zuvor halb oder ganz verschüttet, zum Dichter führen) — es ist ein hohes Verdienst jenes grundlegenden Werkes, einmal den schroffen, von härtesten Notwendigkeiten bestimmten Dualismus im Schaffen Hoffmanns dargetan, und den Künstler in ihm, der er sein wollte, könnt« und war, vom Anterhaltungsschriststeller geschieden zu haben, der er oft genug sein mutzte, um nur leben zu können. Deo Dichter selbst hat diese urewige Misere des künstlerisch Schaffenden bitter gefühlt und bitter darunter gelitten . . . In Warschau, wo 1806 die napoleonische Armee seiner juristisch-amtlichen Laufbahn fürs erste ein plötzliches Ende bereitet, hat aber der Dichtermusikant die Frau gefunden, die bis ans Ende, in tiefet, selbstloser Liebe, bei ihm geblieben ist. Auch in der späteren Bamberger Zeit, die sicher die schwerste war in ihrer Ehe, die für Hoffmann wohl die am schmerzlichsten und innerlichsten durchlebten und durchkämpften Jahre umschließt. Wo er in der „Rose" wildere Dächte verbringt, als zuletzt in Berlin, wo ihn die furchtbare Episode mit seiner jungen und reichen Schülerin Julia Marc zutiefst erschüttert, ein halb tragisches, halb lächerliches Zwischenspiel, das er doch sein Lebtag nicht mehr ganz hat verwinden können, und das in manchen seiner reifsten Schöpfungen durchschimmernd zu spüren ist. Wo er tiefstes Künstlerwesen, eigenstes Spiegelbild prägt in der wundervoll romantischen Gestalt des Kreisler, wo er mit Gott und dem Teufel kämpft und einsaine Zwiesprache hält mit dem — 26 — Hunde Derganza. Sn beit ergreifenden, trostlosen Blättern des Tagebuches aus dieser Zeit findet sich immer to'.eber, versteckt, der Name der Geliebten, und zwischendrin der lakonische Satz, der erschreckend verrät, wie nahe der juristisch« Dichtermusicaist und Karikaturenzeichner, Kapellmeister und Theaterdirektor daran war, zur erlösenden Pistole zu greisen. sind doch ging auch diese Zeit vorüber: auf Bamberg folgt Dresden; hier wird er 1813 fast in den Wirbel des Krieges gerissen, Welthistorie baut sich in überwältigenden Impressionen vor ihnt auf, im Schreckbilde der Schlacht und im sinnfällig einprägsamen Erlebnis aus nächster Nähe: Napoleon reitet über die Elbbriicke... Aber der Krieg brandet vorüber, wetterleuchtet nur noch fern in abziehenden Wolken, die Zeit geht weiter... And der kleine phantasttsche Mensch int tabakbraunen Rock, mit dem stets umspringenden, grotesken Mienenspiel und den weitoffenen, groß«« Äugen, der in der Wirtlichkeit träumte, und im Traum, im Ertrücktsein aus alltäglichem Kreise seine imaginären Gestalten und Begebnisse zwischen Komik, Bizarrerie und tragischer Erschütterung erlebte — er schrieb mit bewundernswerter Beweglichkeit des Geistes und einer romantisch gesteigerten Kraft der Phantasie seine fast zahllosen Geschichten nieder, in einet! unglaublich kurzen Zeit, bis ganz zuletzt, bis ihm; in jenem Eckhause am Gendarmemnartt, der Tod mitleidig die Feder aus der Hand nimmt. Gespenster-Hoffmann hat man ihn genannt. Wenn es schon ein Beiname sein muß — er selber hat mit dem eigengewählten „Amadeus" genug gesagt — so sollte man es bei Callot, den er wirklich liebte und dem er sich innerlich nahe fühlte, bewenden lassen. Denn jene Bezeichnung (die fast berühmt wurde) benennt doch allzu einseitig, allzu ost nur das Leichtere, -Untiefe, schnell für den Tag und um den Verdienst Geschriebene in seinem Werk. Auch wenn man nicht vergessen wird, wie er selbst hier noch eine literarische Linie zu wahren wußte, die in der Unterhaltungs- lekttire selten geworden ist. Um, beispielshalber, eine Kriminalnovelle, wie Has „Fräulein von Scudery", zu finden, von so immanenter Spannung, von so geistreicher Konzentration und so schwebender Stimmung, muß man schon bei Kleist suchen („Michael Kohlhaas", „Marquise von £).“), oder bei Poe („Goldkäfer". „Aue Morgue"), oder bei Fontane („Unterm Birnbaum"). Aber tiefere Stimmung, in reinerem dichterischen, Sinn, über den Togeszweck hin-ausgehoben, bewegt die unvergänglichen Geschichten um Kreisler, den sonderbaren Kapellmeister... oder den „Goldenen Tovf", die feinste und lieblichste Blüte aus dem Kranze der Märchen. Hier schreitet der verhexte Genius, dem romantischen Bruder Bonaventura gleich, durch zwölf Nachtwachen ins Imaginäre. E. T. A. Hoffmcmn. Arabesken um ferne Geburt. Bon F. M o r s i H. Schon zum dritten Male hatte der Nachtwächter dieses unheimliche Geräusch gehört,- das dem Stöhnen eines Menschen glich, der um sein Leben ringt. Iwan Kathereyt war wirklich kein Hasenfuß, wenn er auch nicht zu den Tapfersten der Tapferen gehörte; aber solch eine unheimliche Nacht, wie die zum 24. Januar 1776, — er erinnerte sich später noch oft daran —, hatte er lange nicht mehr erlebt, obwohl er schon volle dreißig Jahre im Dienste der Stadt Königsberg für nächtliche Sicherheit und Ruhs sorgte. Unruhig war er schon in der Prinzessinnenstvaße geworden, als er sogar in der Wohnung des Professors der Philosophie Kant um halb zwölf Licht brennen sah, und das mutzte für ihn etwas Ungewöhnliches bedeuten, beim er wußte, — wie jedes Kind in Königsberg —, daß dieser Mann, der genau nach der Uhr lebte, pünktlich 10 Uhr 15 die Lichter löschte. Zögernd bog er daher in bie finstere Französische Straße ein, widerwillig auch folgte ihm der Hund und versuchte ihn immer wieder mit der Schnauze zurückzuhalten. Beide zitierten wie Espenlaub; denn es drang auch vom Schlotzteich her ein unheimliches Glucksen und Gurgeln, daß deut Mann die Knie versagten. „Alle guten Geister loben den Herrn", murmelte er, da schlug hohl vom nähen Turm die Glocke zwölf... Unruhig flackerte das Licht in der Laterne, Wind heulte durch die Gasse, über den Himmel ruckte schwefelgelber Schein. Aus allen Ecken erhob sich ein Flüstern; sein eigener Schatten stieg auf die Dächer und begann seltsame Tänze, daß sich auch dem Hund die Haare vor Entsetzen sträubten. Krampfhaft umklammerte der Wächter sein riesiges Signalhorn, aber vermochte es nicht zu erheben, auch seine Stimme war gelähmt. Nun schlich ein seltsam Wesen heran, zwei unheimliche Äugen glühten grün und gelb, fauchend umkreiste es die beiden; der Nachtwächter schlug bebend das Kreuz; denn! dieses Untier deuchte ihm mehr als ein Kater zu sein. Jetzt blieb es vor dem Hause Nr. 25 stehen, blickte hinauf zu dem Fenster, das matt erleuchtet war; kletterte dann schnell die Wand hinauf und verschwand in dem Zimmer. In diesem Augenblick erhob sich ein gellender Schrei und ein entsetzliches Wimmern irrtb Stöhnen. Der Gottseibeiuns wird den versoffenen Kriminalrat Hoffmann holen, dachte der Mann und wartete darauf, daß der Ludrian in den Fängen des Teufels aus dem Schornstein fahren würde... Im Wochenbettzimmer stöhnte die Mutter, flüsterte be- schwichttgend ihre Schwester, aus dem Nebenraum drang das Krächzen des Ääters, der bie günstige Gelegenheit zu dem wer weih wievielten Grog (sprich: Me—itrank) benutzte, dazwischen ertönten die schaudernden Ausrufe der Hebamme: „So ein scheußliches Wesen, eher ein Tier als ein Mensch..." Und der kleine Qteuling miaute dazu wie ein Kater, der mit hochgestelltem Schwanz um die Wiege schlich. „Ich habe den Teufel im Leib" hatte die Mutter in ihrer schweren Stunde verzweifelt geschrien, und in der Tat, dieser Spröhling hatte wenig von einem Menschenkinds an sich. Sein Kopf schien halb so groß als der Körper zu fein, der Mund war breit bis trat zu Hofstnann heran, ein derbes Kneifen» erwartend; aber dieser rückte und rührte sich nicht. Aufs höchste verwundert schritt Devrient im Zimmer auf und ab, hin und wieder den Freund streifend, der aber tat, als ob er ihn gar nicht sähe. 3n dem Mimen stieg die Wut auf, schneller und schneller stürmte er durch das Gemach, bis er, die Geduld verlierend, mit einem knurrenden „Hm?" den Dichter in die Seite stieß. Da blickte dieser auf und sagte ganz gelassen: „Du hast gespielt wie ein Schwein!" Außer sich vor Zorn faßte Devrient den andern an der Brust: „Satan, ich zerreiße dich!" Sich los- machend, erwiderte Hofmann: „Sch dich und hör zul Du hast den ersten Teil gespielt wie ein Gott, weil du aber den zweiten Teil ebenso gespielt hast, hast du gespielt, wie ich — gesagt habe!" Vevrient saß bei diesen Worten da wie ein Bogel, der den magischen Blick der Schlange auf sich gerichtet fühlt; kalte Schweißtropfen perlten auf seiner Stint. „Bedenkst du denn nicht," fuhr Hoffmann fort, „daß Falstaff im ersten Teil meist der Gefoppte und Gehänselte ist, im zweiten aber selber foppt und hänselt, und du also ein ganz anberer Karl sein mutzt? Das hast du picht hervorgehoben und deshalb hast du gespielt wie ein —" „Teufel," unterbrach ihn Devrient und packte ihn bei den Haaren, „du hast recht!" Aus ausdrückliches Verlangen des Künstlers wurde „Heinrich IV.“ bald darauf noch einmal gegeben, und nun machte Fallstaff seine Sache so gut, daß Devrient mehrere Tage lang fein Dein mit einem sondewaben Lächeln rieb... S. S. A. Hoffmmm und der Droschkenkutscher. <3>. S. A. Hoffmann hatte selten Geld. Aks er eines Abends, aus der Weinstube von Lutter und Wegener in Berlin kommend, in eine Droschke gestiegen^ war, die ihn nach Hause bringen sollte, fiel ihm plötzlich heiß ein. datz er keinen roten Pfennig mehr in der Tasche und in seiner» Wohnung auch keinen Pfennig mehr hatte. . Was tun? Aussteigen und den weiten Weg zu Fuß machen? Dein! Also fuhr der Dichter ruhig weiter und stieg, als der Wagen toi seiner Haustür r hielt, heraus, dem Kutschen in ängstlich- hesvrgtem Tone erzählend, er habe zwei Louisdor in der Kutsche verloren. Er wolle rasch ins Haus gehen und ein Licht holen, weil er die Geldstücke im Drmkekn nicht finden könne. Er ging nach der Haustüre, schloß auf» stieg die Tueppe hinauf und hielt sich eine Weile in der Stube auf. Was aber war das? Hoffmann horte mit einem Male, wie der Kutscher mächtig stuf das Pferd einschlng und in raschem Tempo davonfuhr. Der Dichter lief rasch hinunter und rief hinter der Kutsche her. Aber vergebens. Sie entschwand. Am nächsten Abend aber lachte der Stammtisch bei Lutter und Wegener herzhaft über Hoffmanns Einfall imd des Kutschers Reinfall. Des Vetters Eckfenster. Don E. T. A. Hoffmann. Meinen armen Vetter trifft gleiches Schicksal mit dem bekannten Scarron. Sie tote dieser hat mein Vetter durch eine hartnäckige Krankheit den Gebrauch seiner Füße gänzlich verloren, und es tut not, daß er sich, mit Hilfe standhafter Krücken und be8 verdichten Anns eines grämlichen Invaliden, der nach Belieben den Krankenwärter macht, aus dem Bette in den mit Kissen bepackten Lehnstuhl und aus dem Lehnstuhl in das Bett schrotet. Aber noch: eine Aehnlichkeit trägt mein Beiter mit jenem Franzosen, den eine besondere, aus dem gewöhnlichen Gleise des französischen Witzes ausweichende Art des Humors, trotz der Sparsamkeit seiner Erzeugnisse, in der französischen Litera- iur feststellte. So wie Scarron schriftstellert mein Detter; so wie Scarron ist er mit besonderer lebendiger Laune begabt und treibt wunderlichen, humoristischen Scherz auf eine eigene Weise. Doch zum Ruhme des deutschen Schriftstellers fei es bemerkt^ dciß er niemals für nötig erachtete, seine kleinen, pikanten Schüsseln! mit Asa foetida zu würzen, um die Gaumen seiner deutschen Leser, die dergleichen nicht wohl vertragen, zu kitzeln. Es genügt ihm das edle Gewürz, welche, indem es reizt, auch stärkt. Die Leute lesen gerne, was er scheibt; es soll gut sein und ergötzlich; ich verstehe mich nicht darauf. Mich erlabte sonst des Detters plnterhaltung, und es schien mir gemütlicher, ihn zu hören, als ihn zu lesen. Doch eben dieser unbesiegbare Hang zur Schriftstellerei hat schwarzes älnheil über meinen armen Vetter gebracht; die schwerste Krankheit vermochte nicht den raschen Rädergang der Phantasie zu hemmen, der in seinem Innern fortarbeitete, stets Neues und Neues erzeugend. So kam es, daß er mir allerlei anmutige Geschichten erzählte, die er, des mannigfachen Wehs, das er duldete, unerachtel ersonnen. Aber den Weg, den der Gedanke verfolgen mußte, um auf dem Papiere gestaltet zu erscheinen, hatte der böse Dämon der Krankheit versperrt. Sowie mein Vetter etwas ausschreiben wollte, versagten ihm nicht allein die Finger den D.enst, sondern der. Gedanke selbst war verstoben und verflogen. Darüber verfiel mein Beiter in die schwärzeste Melancholie. „Detter, mit mir ist es aus! Ich komme mir vor, wie jener alte, vom Wahnsinn zerrüttete Maler, der tagelang vor einer in den Rahmen gespannten grundierten Leinwand sah und allen, die zu ihm kamen, die mannigfachen Schönheiten des reichen, herrlichen Gemäldes anpries, das er soeben vollendet; — ich geb's auf, das wirkende, schaffende Leben, bas, zur äußern Form gestaltet, aus mir selbst hinaustritt, sich mit der Welt befreundend! — Mein Geist zieht sich in seine Klause zurück!" Seit dieser Zeit ließ sich mein Detter weder vor mir, noch vor irgendeinem andern Menschen setzenc Der alte grämliche Invalide wies uns murrend rmd keifend von der Türe weg, wie ein beißiger Haushund. Es ist nötig zu sagen, daß mein Detter ziemlich hoch in kleinen, niedrigen Zimmern wohnt. Das ist nun Schriftstelker- rmd Dichtersitte. Was tut die niedrige Stubendecke? die Phantasie fliegt empor und baut sich ein hohes, luftiges Gewölbe, bis in den blauen, glänzenden Himmel hinein. So ist des Dichters enges Gemach, wie jener zwischen vier Mauern eingeschlossene zehn Fuß ins Geviert große Garten, zwar nicht breit und lang, hat aber stets eine schöne Höhe. Dabei liegt aber meines Vetters Logis in dem schönsten Teile der Hauptstadt, nämlich auf dem großen Markte, 6er von Prachtgebäuden umschlossen ist, und in dessen Mitte das kolossal und genial gedachte Theatergebäuöo prangt. Es ist ein Eckhaus, was mein Detter bewohnt, und aus dem Fenster eines kleinen Kabinetts übersieht er mit einem Blick das ganze Panorama des grandiosen Platzes. Es war gerade Werktag, als ich, mich durch, das Dolksgewühl durchdrängend, die Straße hinabkam, wo man schon aus weiter Ferne meines Detters Eckfenster erblickt. Nicht wenig erstaunte ich, als mir aus diesem Fenster das wohlbekannte rote Mützchen entgegenleuchtete, das mein Detter in guten Tagen zu tragen pflegte. Noch mehr! Als ich näher kam, gewahrte ich, daß mein Detter seinen stattlichen Warschauer Schlafrock angelegt, und aus der türkischen Sonntagspfeife Tabak rauchte. — Ich winkte ihm zu, ich wehte mit dem Schnupftuch hinauf: es gelang mir, seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, er nickte freundlich Was für Hoffnungen! — Mit Blitzesschnelle eilte ich die Treppe hinauf. Ser Invalide öffnete die Türe; sein Gesicht, das sonst «mzlicht und faltig, einem naßgewordenen Handschuh glich hatte wirklich einiger Sonnenschein zur passablen Fratze ausgeglättet. Er meinte, der Herr sähe im Lehnstuhl und sei zu sprechen. Das Zimmer war reingemacht, und an dem Belischir.'n ein Bogen Papier befestigt, auf dem mit großen Buchstaben die Worte standen: „Et si male nunc, non otim sic erit." Alles deutete auf wiedergekehrte Hoffnung, auf neuerweckte Lebenskraft. — „Ei," rief mir der Detter entgegen, als ich in das Kabinett trat, „ei, kommst du endlich, Detter; weißt du wohl, daß ich rechte coehnsucht nach dir empfunden? Denn, un- erachtet du den Henker was nach meinen unsterblichen Werkelt fragst, so habe ich dich doch, lieb, weil du ein munterer Geist bist und amüsable, wenn auch gerade nicht amüsant." Sch fühlte, daß mir bei dem Kompliment meines aufrichtigen Vetters das Blut ins Gesicht stieg. „Du glaubst," fuhr der Detter fort, ohne- auf meine Bewegung zu achten, „du glaubst mich gewiß in voller Besserung, oder gar von meinem Liebel hergestellt. Dem ist beileibe nicht so. Meine Deine sind durchaus ungetreue Vasallen, die dem Haupte des Herrschers abtrünnig geworden, und mit meinem übrigen teerten Leichnam nichts mehr zu schaffen haben wollen. Das heißt, ich kann mich nicht aus der Stelle rühren und karre mich in diesem Räderstuhl hin tmb her auf anmutige Weis«, wozu mein alter Invalide die melodiösesten Märsche aus feinen Krregs- jahren pfeift. Aber dies Fenster ist mein Trost; hier ist mir das bunte Leben aufs neue aufgegangen, und ich fühle mich befreundet mit feinem niemals rastenden Treiben. Komm, Vetter, schau hinaus!" Ich setzte mich, dem Detter gegenüber, auf ein kleines Taburett, das gerade noch im Fensterraum Platz hatte. Der Anblick war in der Tat seltsam und überraschend. Der ganze Markt schien eine einige, dicht zusammengedrängte Volksm-Me, so datz man alauben mutzte, ein dazwisch-ngeWorfener Apfcn könnte niemals zur Erde gelangen. Die verschiedenst-n Jjar&enl glänzten im Sonnenschein, und zwar in ganz kleinen Flecken; auf mich machte dies den Eindmrck eines großen, vom Wind«, bewegten, hin und her wogenden Tulpenbeetes, und ich mußte mir gestehen, datz der Anblick zwar recht artig, aber auf die Länge ermüdend sei, ja wohl gar aufgereizten Personen einest kleinen Schwindel verursachen könne, der den; nicht unange» nehmen Delirieren des nahen Traums gliche; darin suchte ich das Vergnügen, das das Eckfenster dein Detter gewähr«, und äußerte ihm dieses ganz unverhohlen. Der Detter schlug aber die Hände über dem Kopf zusammen, und es entspann sich zwischen uns folgendes Gespttich: Der Detter: Vetter, Detter! nun sehe ich wohl, Satz auch nicht das kleinste Fünkchen von Schriitstellertakni in dir glüht. — 28 Das erste Erfordernis fehlt dir dazu, um jemals in die Fuß- tapfen deines würdigen, lahmen Detters zu treten: nämlich ein Auge, welches wirklich schaut. Jener Markt bietet dir nichts dar, als den Anblick eines scheckichten, sinnverwirrenden Gewühls des in bedeutungsloser Tätigkeit bewegten Volks? Hoho, mein Freundl mir entwickelt sich daraus die mannigfache Szenerie des bürgerlichen Lebens, und mein Geist, ein wackrer Callot oder moderner Chodowiecki, entwirft eine Skizze nach der andern, deren älmrisse oft keck genug sind. Auf. Detter! ich will sehen, ob ich dir nicht wenigstens die Prinzipien der Kunst zu schauen beibringen kann. Sieh einmal gerade vor dich herab in die Straße: hier hast du mein Glas, bemerkst du wohl die etwas fremdartig gekleidete Person mit dem großen Marktkorbe am Arm, die, mit einem Dürstenbinder in tiefem Gespräche begriffen, ganz geschwinde andere Domestika abzumachen scheint, als die des Leibes Nahrung betreffen? I ch. Ich habe sie gefaßt. Sie hat ein grell zitronenfarbiges Tuch, nach französischer Art, turbanähnlich um den Kopf gewunden, und ihr Gesicht, sowie ihr ganzes Wesen, zeigt deutlich die Französin. Wahrscheinlich eine Restantln aus dem lehten Kriege, die ihr Schäfchen hier ins trockne gebracht. Der Detter. Vicht übel geraten. Ich wette, der Mann verdankt irgendeinem Zweige französischer Industrie ein hübsches Auskommen, so daß seine Frau ihren Marktkorb mit ganz guten Dingen reichlich füllen kann. Jetzt stürzt sie sich ins Gewühl. Versuche, Vetter, ob du ihren Lauf in die verschiedensten Krümmungen verfolgen kannst, ohne sie aus dem Auge zu verlieren: das gelbe Tuch leuchtet dir vor. Ich. Ei. wie der brennende gelbe Punkt die Masse durchschneidet. Jetzt ist sie schon der Kirche nah — jetzt feilscht sie um etwas bei den Buden — jetzt ist sie fort — o weh! ich habe sie verloren — nein, dort am Ende duckt sie wieder auf — dort bei dem Geflügel — sie ergreift eine gerupfte Gans — sie betastet sie mit kennerischen Fingern. Der Detter. Gut, Vetter, das Fixieren des Blicks erzeugt das deutliche Schauen. Doch, statt dich auf langweilige Weise in einer Kunst unterrichten zu wollen, die kaum zu erlernen, laß mich lieber dich auf allerlei Ergötzliches aufmerksam machen, welches sich vor unfern Augen auftut. Bemerkst du wohl jenes Frauenzimmer, die sich an der Ecke dort, unerachtet das Gedränge gar nicht zu groß, mit beiden spitzen Ellenbogen Platz macht? Ich. Was für eine tolle Figur, — ein feidner Hut, der in kapriziöser Formlosigkeit stets jeder Mode Trotz geboten, mit bunten, in den Lüften wehenden Federn, — ein kurzer, seidner äleberwurf, dessen Farbe in das ursprüngliche Vichts zurückkehrt, — darüber ein ziemlich honetter Schal, — der Florbesatz des gelb kattunenen Kleides recht bis an die Knöchel, — blaugraue Strümpfe, — Schnürstiefeln, — hinter ihr eine stattliche Magd mit zwei Marktkörben, einem Fischnetz, einem Mehlsack. — Gott sei bei uns! was die seidene Person für wütende Blicke um sich wirft, mit welcher Wut sie eindrrngt in die dicksten Haufen. — wie sie alles angreift. Gemüse, Obst, Fleisch usw.: wie sie alles beäugelt, betastet, um alles feilscht und nichts erhandelt. Der Vetter. Ich nenne diese Person, die keinen Markttag fehlt, die rabiate Hausfrau. Es kommt mir vor, als müsse sie die Tochter eines reichen Bürgers, vielleicht eines wohlhabenden Seifensieders sein, deren Hand, nebst annexis, ein kleiner Geheimsekretär nicht ohne Anstrengung erworben. Mit Schönheit und Grazie hat sie der Himmel nicht ausgestattet, dagegen galt sie bei allen Nachbarn für das häuslichste, wirtschaftlichste Mädchen, und in der Tat, sie ich auch so wirtschaftlich und .wirtschaftet jeden Tag. vom Morgen bis in den Abend, auf solche entsetzliche Weise, daß dem armen Geheimsekretär darüber Hören und Sehen vergeht und er sich dorthin wünscht, wo der Pfeffer wächst. Stets sind alle Pauken- und Trompetenregister der Einkäufe, der Bestellungen, des Kleinhandels und der mannigfachen Bedürfnisse des Hauswesens gezogen, und so gleicht des Geheimsekretärs Wirtschaft einem Gehäuse, in dem ein aufgezogenes Uhrwerk ewig eine tolle Symphonie, die der Teufel selbst komponiert hat, fortspielt: ungefähr jeden vierten Markttag wird sie von einer anderen Magd begleitet. — Sapie.Ai sati — Bemerkst du wohl — doch nein, nein, diese Gruppe, die soeben sich bildet, wäre würdig, von dem Crayon eines Hogarth verewigt zu werden. Schau doch nur hin, Detter, in die dritte Türöffnung des Theaters! Ich. Ein paar alte Weiber auf niedrigen Stühlen fitzend, — ihr ganzer Kram in einem mäßigen Korbe vor sich ausgebreitet, — die eine hält bunte Tücher feil, sogenannte Vexierware, auf den Effekt für blöde Augen berechnet, — die andere hält eine Niederlage von blauen und grauen Strümpfen, Strickwolle usw. Sie haben sich zueinander gebeugt, — sie zischeln sich in die Ohren, die eine genießt ein Schälchen Kaffee: die andere scheint, ganz hingerissen von dem Stoff der -Unterhaltung, das Schnäpschen zu vergessen, das sie eben hinabgleiten lassen wollte: in der Tat, ein paar auffallende Physiognomien! das dämonische Lächeln, die Gestikulation mit den dürren Knochewärmen! — Der Vetter. Diese beiden Weiber sitzen beständig zusammen. und unerachtet die Verschiedenheit ihres Handels keine Kollision, und also keinen eigentlichen Brotneid zuläßt, so haben sie sich doch bis heute stets mit feindseligen Blicken angeschielt und sich, darf ich meiner geübten Physiognomik trauen, diverse höhnische Redensarten zugeworfen. Oh! sieh, sieh, Vetter, immer mehr werden sie ein Herz und eine Seele. Die Tuchverkäuferrn teilt der Strumpfhändlerin ein Schälchen Kaffee mit. Was hat das zu bedeuten? Ich weiß es! Vor wenigen Minuten trat ein junges Mädchen von höchstens sechzehn Jahren, hübsch wie der Tag, deren ganzem Aeußern, deren ganzem Betragen man Sitte und verschämte Dürftigkeit ansah, angelockt von der Dexierware, Mi den Korb. Ihr Sinn war auf ein weißes Tuch mit bunter Borte gerichtet, dessen sie vielleicht eben sehr bedurfte. Sie feilschte darum, die Alte wandte alle Künste merkantiliscyer Schlauheit an, indem sie das Tuch ausbreitete und die grellen Farben im Sonnenschein schimmern ließ. Sie wurden handelseinig. Als nun aber die Arme aus dem Schnupftuchziplel die kleine Kasse entwickelte, reichte die Barschaft nicht hin zu solcher Ausgabe. Mit hochglühenden Wangen, helle Dränen in den Augen, entfernte sich das Mädchen so schnell sie formte, während die 2ute, höhnisch auflachend, das Tuch zusammenfaltete und in den Korb zurückwarf. Artige Redensarten mag es dabei gegeben haben. Aber nun kennt der andere Satan die Kleine und weih die traurige Geschichte einer verarmten Familie auszutischen m «ei”? skandalöse Chronik von Leichtsinn und vielleicht gar Verbrechen, zur Gemütsergötzlichkeit der getäuschten Krämerin. Mit der Tasse Kaffee wurde gewiß eine derbe, faustdicke Verleumdung belohnt. Ich. Bon allem, was du da herauskombinierst, lieber Vetter, mag kein Wörtchen wahr fein, aber indem ich die Weiber an- schaue, ist mir, dank sei es deiner lebendigen Darstellung, alles fo plausibel, daß ich daran glauben muß, ich mag wollen oder nicht. Der Detter. Ehe wir uns von der Theaterwand abwenden, laß uns noch einen Blick auf die dicke gemütliche Frau mit vor Gesundheit strotzenden Wangen werfen, die, in stoischer Ruh« und Gelassenheit, die Hände unter die weiße Schürze gesteiü, auf einem Rohrstuhle sitzt und vor sich einen reichen Kram von hellpolierten Löffeln, Messern und Gabeln, Fayence, porzellanenen Dellern und Terrinen von verjährter Fo -m, Teetassen, Kaffee», kanmen, Strumpfwaren, und was weiß ich sonst, auf weihen Tüchern ausgebreitet hat, so daß ihr Dorrat. wahrscheinlich aus kleinen Auktionen zusammengestümpert einen wahren Orbis pictus bildet. Ohne sonderlich eine Miene zu verziehen, hört sie bas Gebot des Feilschenden, sorglos, ob aus dem Handel was wird oder nicht: schlagt zu, streckt die eine Hand unter der Schürze hervor, um eben nur das Geld vom Käufer zu empfangen den sie die erkaufte Ware selbst nehmen läßt. Das ist ein ruhige besonnene Handelsfrau, die was vor sich bringen wird. Dor vier Wochen bestand ihr ganzer Kram in ungefähr einem halber, Dutzend feiner baumwollener Strümpfe, und ebensoviel Trinkgläsern. Ihr Handel steigt mit jedem Markt, und da sie keinen besseren Sttrhl mitbringt, die Hände auch noch ebenso unter die Schurze steckt wie sonst, so zeigt das, daß sie Gleichmut des Geistes besitzt und sich durch das Glück nicht zu stolz und Ueber- mut verleiten läßt. Wie kommt mir doch plötzlich die skurrile Idee zu Sinn! Ich denke mir in diesem Augenblick ein ganz tleines schadenfrohes Teufelchen, das, wie auf jenem hogarthischen Blatt unter den Stuhl der Betschwester, hier unter den Sessel der Krämerfrau gekrochen ist und, neidisch auf ihr Glück, heimtückischerweise die Stuhlbeine wsgsägt. Plumv! fällt sie in ihr Glas und Porzellan, und mit dem ganzen Handel ist es aus. Das wäre denn doch ein Fallissement im eigentlichsten Sinn des Wortes. Ich. Wahrhaftig, lieber Vetter! du hast mich jetzt schon besser schauen gelehrt. Indem ich meinen Blick in dem bunter, Gewühl det wogenden Menge umherschweifen lasse, fallen mir hin und wieder junge Mädchen in die Augen, die, von sauber angezogenen Köchinnen, welche geräumige, glänzende Marktkörbe am Arme tragen, begleitet, den Markt durchstreifen und um Hausbedürfnisse, wie sie der Markt darbietet, feilschen. Der Mädchen modester Anzug, ihr ganzer Anstand, läßt nicht daran zweifeln, daß sie wenigstens vornehmen Bürgerlichen Standes sind. Wie kommen diese auf den Markt? ©er Vetter. Leicht erklärlich. Seit einigen Jahren ist e3 Sitte geworden, daß selbst die Töchter höherer Staatsbeamten ans den Maickt geschickt werden, um den Teil der Hauswirtschaft, was den Einkauf der Lebensrnittel betrifft, praktisch zu erlernen. Ich. In der Tat eine löbliche Sitte, die nächst dem prak- ttfchen Nutzen zu häuslicher Gesinnung fiihren muß. (Fortsetzung folgt.) vchriftleitung: Dr. Frisdr. Wich. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, ©leben.