Gießener Hamilienblätter UnlerhalwngsbeUage zum Eichener Anzeiger Jahrgang (926 _________ Dienstag, den 22. Zum ________________ Kummer 59 Kronprinz Friedrich in KÄftrin. Bon Franz Lüdtke. Gr schritt durch die Zelle, dis Zells war eng, - Gr trug nicht Sporen, nicht WaffsngehäM'; ;> 1 ■ Durch vergitterte Fenster das Grausen duckt, Kein Schlafrock hüllte ihn, seidengestickt. Gin hölzerner Schemel sein ganzes Fauterlll, Die Bibel vor ihm — kein Voltaire, kein Corneille. Aus Wänden und Decken der Schatten siel, Rattenrascheln ftott Flötenspiel. Aus Schatten aber löst sich's und ballt, Es wächst zum Schemen, es wird Gestalt, ES rührt ihm die Schulter, es rüttelt ihn: Ein blasser Leutnant vom Hof in Küstrin Der blasse Leutnant schaut ihn an, Gr flüstert, er fleht, er schreit: „... Werde... Wann...! Mann ... Die Wände hallen es nach... Wann... Es zittert um Turm und Dach... Mann... Es greift wie mit Geisterhand ... Mann... Es hält den Prinzen gebannt, Packt feine Seele, schüttelt ihn: Das Wort des Leutnants vom Hof in Küstrin. Da sieht er sein Ich, und sein Ich ist tief, Da fühlt er Kraft, die im Dunkel schlief, Er spürt Erwachen aus wirrem Traum, Er horcht ins Leben, will Atem, Raum — Da — wird er — Wann! Wird König! Genie! Da drängen sich Leukhen und Sanssouci Ahnend in einer Stunde Schlag. Die Schatten weichen, es flutet der'Dag! Sind zum letztenmal salutiert am Kamin Der blasse Leutnant vom Hof in Küstrin. Frisdrich der Regent-, Von Leopold von Ranke*). Eine der ersten Pflichten des Menschen, doppelt notwendig in seiner Stellung, sah Friedrich der Große in der Selbstbe- hercschung und arbeitete dafür unaufhörlich an ftcy. Gr bekannte seinen Vertrauten, wenn er etwas .Unangenehmes, Aufregendes erfahre suche er nur durch Reflexion über die erste Bewegung Herr zu werden, die bei ihm unendlich lebhaft fei; zuweilen gelinge es. zuweilen auch! nicht, dann aber begehe er Llnvorsichtig- keiten und komme in den Fall, sich über sich selbst zu ärgern. Gr bildet sich eine Politik des persönlichen Glückes aus die darin bestehe, daß man die menschlichen Dinge nicht zu ernstlich nehme, sich mit dem Gegenwärtigen begnüge, ohne zuviel an dre Zukunft zu denken. Wir müssen int» freuen über das Ängluck, das uns nicht trifft; das Gute, was wir erleben, müssen wir genießen der Hypochondrie und Trauer nicht erlauben, das Gefühl der Bitterkeit über unser Vergnügen zu gießen. Ich habe den Rausch des Ehrgeizes überwunden, Irrtum, Arglist, Eitelkeit mag andere berücken; ich. denke nur noch daran, mich der Tage, die der Himmel mir gegeben, zu erfreuen, Vergnügen zu genießen ohne Aebermaß, und soviel Gutes zu tun als ich kann." Besonders dieser letzte Wunsch erfüllte seine Seele. Unter allen Dichtern liebte er Racine am meisten, den er weit über Voltaire stellte, nicht allein der Harmonie und Musik seiner Sprache, sondern des Inhalts wegen; auf seinen Reisen, im Wagen, las er ihn immer aufs neue und lernte ganze Stellen auswendig. Von allem aber, was dieser Dichter geschrieben hat, machte nichts einen größeren Eindruck auf ihn, als die Szene (tn vierten Akt des Britanniens), wo Burrus deni jungen Rero vorstellt, daß die Welt „das öffentliche Glück den Wohltaten -des Fürsten" verdanken könne, daß ein solcher sich sagen dürfe: überall in diesem Augenblicke werde er gesegnet und geliAt. Ah! rief Friedrich aus. gibt es etwas Pathetischeres und Er- habeneres als diese Rede, ich lese sie nie ohne die größte Rührung. Er muh das Buch weglegen, Tränen ersticken seine Stimme: dieser Racine, ruft er aus, zerreißt mern Herz. •) Aus Ranke: Zwölf Bücher Preuhischer Geschichte. Auswahl in Gustav Roloff: L. v. Ranke, Aus zwei ^ahrtairsendeni Deirtscher Geschichte (Verlag K. R. Langewiesche, Königstein i. T.). fügt hinzu, daß er iqreit und Aufmerk- zeboren, sie zu ver- Wir mögen es nicht unerwähnt lassen, was er selber lagst daß er oft lieber der Morgenrühe noch genossen hatte, öfter Jem Diener hatte den bestimmtesten Befehl, fte ihm nicht langer zu gönnen; der Grund, welchen Friedrich angibt, ist, daß die Oe- ^°^Er^bekenn?ettrmal, es mache ihm ein gröberes DmgMgM, sich mit literarischen Arbeiten zu beschäftigen, als mit der Ver waltMig der laufenden Geschäfte; aber er fugt hinzu daß er darum diesen doch keinen Augenblick der TatEit undAusinerk- samkeit entziehen würde, denn dazu sei er geboren, sie zu ver toaIt@in Fürst sagt er in dem politischen Testament, der au8 Schwäche oder um seines Vergnügens willen das edle Amt ver- Mumt das Wohl seines Volkes zu befördern, sei nicht allein auf dem Thron unnütz; er mache sich sogar, eine» Verbrewens Denn nicht dazu sei der Fürst zu fernem hohen Rang erhoven rind'mit der höchsten Gewalt betraut, um sich von den Tatern des Volkes zu nähren und ini Glück zu schwelgen, wcchrend kne ganze Welt darbe. „Der Fürst ist der erste Diener ves Staates und gut bezahlt, um die Würde fernes Stellung aufrecht zu erhalten, aber man verlangt von ihm, vaß er nachdr^^ bum Wohl des Staates arbeite, und daß er wenigstens die wichtigsten Dinge mit Ernst betreibe." Die Frau, welche einem Komg; von Epirus, der nicht auf ihre Klagen Horen wüst die Frage vorlegst warum er denn König sei. wen» er ihr nicht Hilfe schaffen wolle, ä.» w* » ww* fient erinnert an die Vorstellungen,. die in dem altestsn, rnch. priesterlichen Staat der Welt, in China, wachdenAusfw:uchen der Weifen und Gesetrgeber des Landes, über die höchste Gewalt vorherrschten. Der Fürst ist nach diesen die lebendige Vernunft der Dinge, seine Gewalt ist unumschränkt aber nur um ixe . Herrschaft der Ordnung zu realisieren. »Der höhere Mensch, heißt es in den Unterhaltungen des großen W erstens, muß Wohltaten erweisen, ohne verschwenderisch zu fern,. Penste und Abgaben fordern ohne Geiz; Würde und Maieitat haben, ohne. Ostentation; wenn er verlangt, was vernünftig und nottvendig! ist wer könnte ihm darüber zürnen ? Seelengroße gewinnt die Menge; Offenheit erweckt Vertrauen; toemt ihr tätig und wachfam seid, so gehen die Geschäfte gut, wenn ihr für aue Interesse zeigt, dann fühlt das Volk sich glücklich. Es ist, als wenn man Friedrich reden hörte. Eine Weichheit, die niemand in ihni suchen sollte, der nun seine Kriege und seine strenge Staatsführung kennt, und dre doch! mit dieser wieder in genauem Zusammerchairge steht. Es scheint ihm ein lächerlicher Stumpfsinn der Welt, daß man das Glück der Fürsten beneidet; sie seien schlecht bedienst ihre Befehle führe man mangelhaft aus, und schreibe ihnen doch alles zu, was geschehe; man messe ihnen Absichten bei, an die ihre Seele nicht denke, und Haffe sie, wenn sie schwere Dings fordern; leicht werde die Welt ihrer müde. Wer sollte glauben, daß ihm noch in jungen Jahren, im Genüsse des Ruhmes und der Weist aus, dem Jnnerii seiner Seele die Idee einer Verzichtleistung auf stieg. Gr dachte dre Krone seinem Bruder zu überlassen, den er m dieser früheren Zeit ungemein hoch hielt. Gins wäre ihm freilich unbequem gewesen, einen fremden Willen über sich zu fühlen und er dachte sich. Einrichtungen aus, wie dem vorzubeugen sei, aber das Gluck, zu gebieten, reizte ihn nicht, noch der Besitz großer Geldmittel, er mit 12 000, ja mit 1200 Taler eben können, er würde Freunde haben, und ihr wahrer Freund sein, nur den Wissenschaften würde er sich widmen. Indem er dem nachsimrt und in dem Gedanken nichts zu sein als ein einfacher, aber ganz unabhängiger. Gelehrter sieht er doch., wenn er die Limstanre und Persönlichkeiten überlegt, besonders in kritischen Augenblicken wre deren s-o viele kamen daß alles dies unmöglich ist. „och habe em Volk »^ust er ans" „das ich liebe, ich muß die Last tragen, welche auf mir liegt, ich muß an meiner Stelle Dietbert Was macht den Menschen, als der innere Antrieb und Schwung seines moralischen Selbst? _ . Wir wollen nicht sagen, daß jene Sttmmung die vorcheru schende, daß Friedrich nicht von dem Gefühl des geborenen Königs fortwährend durchdrungen gewesen ser, aber er ging nicht darin auf: die Reflexion, daß er es auch nicht seur ko i ne die Aeigung selbst.- einem anderen Beruf zu ^ben, schärfte sein Pflichtgefühl für diesen, der ihm durch Geburtsrecht zuteil ge- 198 DaS Surüdtreten Les religiösen Begriffes muhte in einer energischen Qlatur das BeMrhtsein des weltlichen Berufes um to lebendiger Hervorrufen. Die Seele ist dann nicht durch das Gefühl des universalen Zusammenhanges des Geistes gehoben, der auch dann noch genug tut, wenn die Erfolge den Absichten nicht entsprechen; es liegt «etwas Trockenes, Beschränktes darin, aber wn so geschärfter wird der praktische Sinn, da man des Erfolges bedarf. Der Geist der Zeit kam dem Kvnige^Friedrrch mit der gleichen Tendenz entgegen und förderte sein Tun; auch in der Erfüllung der Pflicht an sich liegt eine unendliche Befriedigung. ..... Um sich dazu fähig zu machen, hielt es Friedrich für nötig, die Menschen, wie er es einmal selbst nennt, zu studieren, besonders diejenigen, die ihm entweder als Werkzeuge dienten, oder der Gegenstand seiner Sorgfalt waren. Unter seinen Untertanen unterschied er die feinen und gelenken Preußen, Lern Gewandtheit jedoch! besonders innerhalb ihrer Grenzen leicht in Fadheit überschlage, von den naiven und gerade«« Pommern; die Kurniärker stellt er weder den einen noch« den anderen gleich, das Wohlleben gelte ihnen zu viel, in Geschäften seien sie selten mehr als mittelmäßig; lebhafteren Geist besitze die Mag de- burgische Ritterschaft, mancher große Mann sei ans ihr hervorgegangen; de«r Mederschlefierir fehle es an einem Prometheus, der sie (durch Erziehung) mit dem himmlischen Feuer erfülle; Anstrengung und Arbeit sei bisher noch« nicht ihre Sache, sondern eher Geirußliebe, gutmütige Litelsucht. Auch in Minden und der Grafschaft Mark fehle es nur an Erziehung und Uebung, nicht an Talent, am wenigste«« entsprach Kleve seinen Wünschen. Er suchte sie alle zu heben und dadurch zu vereinigen, daß er die provinzialen Bezeichnungen vor der al (gern einen als Preußen verschwinden ließ; besonders machte er diese im Felde geltend. Wir sahen, wie er sich für jeden Zweig nach den demselben inwohnerrden Erfordernisse«« Gehilfen zu bilden suchte: in Justiz, Administration, Militär; so hatte er auch eine Pflanzschule für den Dienst in den auswärtigen Geschäften im Sinn; um das Jähr 1752 ward dazu unter der Leitung von Podewils ein Anfang gemacht. Die natürliche Gabe, die allem zugrunde liegt, sollte Lurch allgemeine Kenntnis sowohl als durch das Auf- nehtnen der Idee des Staates entwickelt werden. Die Minister, die an der Spitze der verschiedenen Abteilungen des Dienstes standei«, schickten dem König über die wichtigen und zweifelhaften Punkte täglich! ihre Berichte ein. Friedrich hielt nicht für gut, den Geheimen Rat zu versammeln, denn aus großen Aatsversammlungen gehe feiten eine weise Deschluß- >«ahme hervor, durch Privathatz und Rechthaberei werde da eine Sache eher verdunkelt; das Verfahren der schriftlichen Anfrage mit Gründen und Gegengründen hielt er für das bessere: der Fürst müsse sich nur die Mühe geben zu lesen und eintzusehei«; ein gesunder Sinn fasse leicht die Hauptpunkte, auf die es an» komme. Eine Kabinettsregierung, zu deren Ausführung ober eben soviel Anspannung des Geistes wie Talent gehören. Friedrich besah das letztere in einer seltenen Vielseitigkeit. Wie er nach schriftstellerischer Vollendung strebte, so sahen wir ihn die oberste!« Gesichtspunkte für die Einrichtung der Justiz fassen, die Verwaltung bis in das geringste Detail des Rechnungswesens beaufsichtigen; neue Manöver für seine Feldübungen ersinnen; nicht ohne Nutzen besucht er Spitäler, denn schon sein Vater hat ihn viel dahin geschickt, so daß er sich eine Kenntnis von Chirurgie verschafft hat; er gibt Verbesserungen der Manufakturen im einzelnen ai« und ntacht selber die Pläne zu seinen Bauwerken. Zu dieser Mannigfaltigkeit der Befähigung kam mm aber eingehende Rücksicht auf die vorgelegten Gründe, der ernste Wille, die Sache recht zu machen. Richt alles ward auf der Stelle, beim ersten Vortrag entschieden. Wem« die Kabinettsräte nach demselben sich entfernt hatten, griff Friedrich zu seiner Flöte; doch war seine Seele weniger beim Spiel, in das sie nur ihre Stimmung hauchte, als bei den Angelegenheiten; ganz mit sich selber allein überlegte er die schwierigen Fragen und gab seine Entscheidung, wem« sie zurückkamen. Richt selten klagen die auswärtigen Gesandten in ihren Berichten, Latz er sich in den Audienzen unbestimmt und sogar furchtsam ausgedrückt habe; seine Entschließungen wurden in der Tiefe seines Gemütes gefaßt und standen ihm dann auf immer fest. Auch darüber beschweren sich die Gesandten häufig. Latz er alles allein tun wolle, und sie von niemand sonst beschiedei« werden können. Die auswärtige«« Angelegenheiten seien unter zwei Minister verteilt, und keiner von beiden kenne sie alle; «in Geheimer Rat, der vielleicht eine allgemeine Uebrsicht habe, wage doch nie, zu dem Repräsentanten einer fremden Macht zu kommet«. Im ganzen Lande gebe es, außer dem König, nur einen einzigen Mann, der die inneren und äußeren Angelegenheiten zugläch kenne. Von diesem Manne, der alle Morgen mit dem Könige arbeite, ihn auf seinen Reisen begleite, machen sie eine beinahe mythische Beschreibung; er wisse alles, erfahre alles, aber kein Sterblicher könne sich rühmen, ihn je mit Augen ge- sehen zu haben; auf eine wunderliche Weise verunstalten sie seinen Ramen. Es ist Sichel, der im Kabinett die Feder führte, die mündlichen Resolutionen 'Friedrichs ntederschrieb, die wich- tiasten Anordnungen nach feiner Anweisung aiifertigte; ein Mann von einer unermüdlichen Arbeitsamkeit, die aus Lieve zur Sache und persönlicher Hingebung entsprang, scharfsinnig und einsichtsvoll, nur ein wenig pedantisch Und nicht ohne eine zaghafte Scheu bei den unberechenbaren Bewegungen des Genius, den er vor sich sah. Wenn die Fremden dem König schuld geben, er habe nie auf Gegenvorstellung«« der Minister geachtet, so erweisen die Akten das Gegenteil: zuweilen zeigt er sich sogar ungeduldig, daß er feinen Willen nicht durchsetzen könne. Rur mündliche Beratungen vermied er je länger, je mehr. Wem« er noch! einen zweiten feiner Minister befragte, fo hielt er doch nicht für gut, denjenigen, deffen Gutachten er zuerst gefordert, davon wissen zu lassen, er besorgte, daß der Vorzug, den er dem! einen vor dem anderen gab, Eifersucht und Entzweiung verursache«« möchte. UebeMes wäre dann leicht bas Geheimms, worin er die Seele der Geschäfte steht, verletzt worben. „Ich verberge", äußerte er einmal gegen einen setuier Vorleser, „meine Absichten denen, die mich umgeben;, ich täusche sie sogar darüber; denn wenn sie vermute««, was ich im Sinne habe, so könnte!« sie davon sprechen, ohne die Folgen zu ahnen; ..nur durch das Geheimnis kann ich mich vor Schaden bewahren. „Ich verschließe mein Geheimnis in mich selbst; ich bediene mich nur eines Sekretärs, von dessen Zuverlässigkeit ich versichert bin; wem« ich mich nicht selbst bestechen lasse, so «p «8 unmöglich meine Absicht zu erraten.“ (Schluß folgt.) Nur fahren ! Von Lans Franck. Als dann aber der König und sein Kutscher älter und älter wurden, jener von Jahr zu Jahr immer weniger, dieser immer mehr schlief: kam Friedrich zu der Ueberzeugung, daß Pfund femem verantwortungsvollen Posten als Leibkutscher nicht mehr gewachsen sei, und eines Tages, da er wieder einmal Anlaß zur Klage hatte oder doch zu haben glaubte, jagte er, heftig wie er war, ihn kurzerhand davon. Pfund, wiewohl in dem Alter, wo der Mensch sich nach Ausruyen von den Mühsalen seines Lebens zu sehnen pflegt, dazu äußerlich auch durchaus imstande — denn er war allzeit ein sparsamer Mann gewesen — Pfund fand das schmale Pförtchen, das zu dem Garten der Greisenbeschaulichkeit fiihrt, auch jetzt noch mcht. Er versilberte fein Lab und Gut, wanderte mit einem Knotenstock, den cr sich aus der ersten Lecke schnitt, die er traf, in den Wald hinaus und ver- dingte sich in Lermsdorf einem Bauern als Fuhrknecht. Ein Jahr verging. „ Der König vernahm nichts von seinem Kutscher. Nur wenn er toieber einmal einen seiner Nachfolger fortjagte — und er verbrauchte während dieser zwölf Monate ebensoviele Leibkutscher als Pfund Jahre in seinen Diensten gestanden hatte — gedachte er ferner. Denn jedesmal hielt er den spurlos Verschwundenen dem Kinausgeworfenen als das Muster eineö königlichen Leibkutschers vor,.der me Wuaß zur Klage gegeben hätte. Desto mehr hörte Pfund m fernem Versteck vom König. Oft und oft war bein« Essen oder an« Feterabend unter den Bauersleuten und ihrem Ingesinde vom alten Fritz die Rede. Stets, wenn es der Fall war, kniff Pfund, ohne um diese Gewohnheit zu wissen, das linke Auge zu und schwieg. -schwieg, obwohl cr vermeinte, daß er weit mehr als die Redenden zum Lobe des Königs gesagt hätte. Der Bauer, dem das sonderbare Verhalten fernes zugewanderten Knechtes schließlich auffallen mußte, stellte ihn eines Tages bestochen zur Rede und fragte: „Ihr seid ihm wohl mcht grün — unferm alten Fritzchen?" — „Kann fein", antwortete Pfund ausweichend.— „Vermutlich früher einmal im Siebenjährigen ober tu einem der beiden Schlesischen desertiert?" drang der Bauer weiter auf fernen Knecht ein. — „Kann fein", lautete auch diesmal die Atttwort Pfunds. — „Ober gar wegen Dummheiten aus seinem Dienst gejagt?" stieß ber Bauer erneut vor. — „Kann sein", wehrte Pfund abermals den Zudrmglichen ab. „ Als ber Bauer, ärgerlich über bic Verstocktheit semes Knechtes, ihm bebeutete, daß er Ansinn, rebe, entweder: er sei bavongelaufei« ober davon gejagt, eines könne nur der Fall gewesen fern, nicht aber beides — da kniff Pfund außer den« einen, das er während dieses ganze!« Gespräches kein Millimeterchen geöffnet hatte, auch noch das andere Auge zu und schwieg gänzlich. _____ Einige Wochen später, an einem ber sieben Sommertage, welche der März in, Bauernkalender jedes Jahr, aber außerhalb des Kalen- ders nur jedes Jahrzehnt hat, lieh König Friedrich sich in de» Tegeler Forst kutschieren. Dort stieg er aus und stelzte, da «hm an Metern Tage wieder einmal nichts unerttäglicher war, als die Nahe irgendwelcher Menschen, auf einem schmalen Tmwenweg davon, ber bett König, weil nur bic Sonne aber nicht ber Wmb ihn geiunbctt hatte, mit sommerlicher Wärme umfing. . _ Als Friedrich ein Weilchen auf bem fonmgen ^annenwege entlanggestümpert war, kam er an eine Schneise, welche rechter Land in ihm cinmünbefe. Auf biefer Schneise war ffN'nnddamitbe- schäftigt, Lolz auf bett Wagen zu laben. Sowie Friedrich (ah. ein Mensch! entfuhr ihm ein . gutdeutscher K^-nMch, unb cho,, wollte er, ärgerlich, daß er nirgends, unbehelligt bleiben konnte, alldieweil es überall menschelte, wieder umkehren. Doch M er ÄfWS® 8SSF& S SÄ»«“ hatte, im ersten Augenblick auf ihn zustürzen und «hm zu Füße» falle«, im nächsten Pferd und Wagen im Stich lassen und davon- — 199 —: Friedrich Les Zweiten Kutscher. Don August Kopisch. Des alten Fritz Leibkutscher soll aus Stein zu Potsdam auf dem Stall zu setzen sein — da fährt er so einher, als ob er lebend Wär’: aller Kutscher Muster, treu und fest und grob, Pfund genannt; umschimeitzen könnt'er nicht: das war femLovl WordWege fuhr er ohne Furcht, sein Mut hielt aus in Schnee, Dacht, Sturm und Wasserflut. Ihm war das einerlei, er sand gar nichts dabei: . in dem Schnurrbart fest und steif blieb fern Gesicht, . und man sah darauf kein schlimmes Wetter niemals nicht. Doch rührte man an seinen Kutscherstolz, war sedes Wort von ihm ein Kloben Holz-; woher es auch geschah, daß er es einst versah und dem alten Fritz etwas zu gröblich kam, wessentzalb derselbe eine starke Prise nahm und sprach: „Ein grober Knüppel, wie Gr ist, der fährt fortan mit Eseln Knüppel oder Mist! Lind so geschatz's. Ein Jahr bereits verflossen war, _ als der Pfund einst Knüppel fuhr und gutes Muts ihm begegnete der alte Fritz; der frrrg: „Wie tut st „I nu, wenn ich nur fahre," sagte Psmch, indem er fest auf seinem Fahrzeug stund, „so ist mir's einerlei und weiter nichts dabei, ob's mit Pferden oder ob's mit Eseln geht fahr' ich Knüppel oder fahr ich Eiker Majestät Da nahm der alte Fritz Tabak gemach und sah den groben Pfund sich an und sprach: „Hm, sind't Er nichts dabei, und ist Ihm einerlei, ob es Pferd, ob Esel, ob Knüppel oder ich; lad' Gr ab und spann' Er um und fahr' Er wieder mich. Friedrich der Große und die Alchimie. Von Friedrich v. Oppeln-Bronikowski. Diese Aeberschrist scheint unsinnig, und doch trifft sie LU- Den Beweis liefern die menschlich sehr fesselnden, soeben veroffent- licb^en Briefe Friedrichs des Großen an seinen vormaligen Kammei dtener "Fredersdorf"'(Verlagsanstalt Hermann Klemm, Berlin- Grünewald). Fredersdorf hatte sich vom Soldaten zum Kammerdiener des Kronprinzen Friedrich aufgeschwungen; nach dessen a.h^n- besteiaung wurde er sein Geheimer Kammerer, der seme Schatulle verwaltete und wegen feiner Treue und Verschwiegenheit auch man- ckerlei andere teils recht diskr'ete Aufträge erhielt. So gingen die Engagements' und Anliegen des königlichen ^heater-personals feirrf?fcinc Hand, sogar diejenigen politischer Geheimagenten, und fcbliesilicb drängten sich auch Alchimisten und Quacksalber an ihn heran Das war seine schwache Seite. Umsonst schalt der König ibn wegen dieser Neigungen freundlich aus; Fredersdorf blieb feinen Adepten und Kurpfuschern treu; ja, vorübergehend gelang es ibm den König selbst für die Goldmacherer einzunehmen. ^'Mor wir A die 'gesstigen Hintergründe dieser nierkwürdigen Tatsache eingehen, sei der Tatbestand selbst kurz dargestellt. . Dm Anfang macht ein Geldmacherrezept, das Fredersdorf dem König im Sommer 1753 einschickt. Dieser antwortet auf Deutsch, in seiner unorthographischen Schreibweise, die wir dem Leser aber ersparen wollen: „Gesundheit ist besser als alle Schutze der Welt Pfteqe Dich erst, daß Du besser wirst, dann können wir Gold und Silbe?machen. And wenn Du ja schon quacksalbern^willstz so mache lieber Proben mit. Gold und Sllberalsnnt allerhand verfluchte Medizinen an Demen Leib . Der Kömg ist hier all» nnck aanr skevtiscb Im September bekommt er selbst das tengevor eines ^Goldmachers, das er Fredersdorf zusE »wei en ich nur aarnickt mit solchen Leuten abgeben mag . Fredersdorf soll „zu fehm ob es die Mühe wert ist, sich mit chm zu un ö« machen". 1 siet- dämmert der Glaube an die Möglichkeit des Goldmachens allo schon leist auf. Offenbar herrschte er damals allgemem, denn Jsn,,;,. fährt fort: Die Goldmachers konunen nun von allen Enden"Iii der Tat istneben diesem Goldmacher alsbald noch von einer Goldmacherin, einer Frau Nothnagel, die Rede. „Die Person", schreibt Friedrich, „betriget sichselber oder will uns be- teigen. Anmögliche Dinge kann man nicht möglich machen. Ich vor mein Part (Teil) habe es mir ganz aus dem Sinn gesckflagen^. Er gibt aber Fredersdorf zu: „Du hattest! E b^v veMY . ernähr >,ock- er ist bereit die Frau selbst unlerVorsichlsmayregenk SsifÄm 3 iih »«"Ä* Kammer kommen." Ja, er hält das Goldmachenmt sich stlrmöglich, nur nicht in großem Amfange. .Man hat I^>t>pelsins ^ aber nicht im Großen, daß es möglich tfU Und die Goldmacyerm kommt! „Ich habe die Person gesprochenschrebtderKöntg. „Sie schwört (bei) Leib und Seele, daß sie Es erfüllen will, was sie gesagt hat. Ich habe ihr gesagt, rch glaubte nicht em Wor. davon; sie bleibt dabei und versichert, Mittwoch em Stilck stetig rennen wollte, tat keines von beiden. Er stellte stch vielmehr, als ob er den Heranstockenden nicht sähe und lud, dem König krampfhaft den Rücken zukehrend, mit vervierfachtem Eifer werter Solz auf den Wagen. „Nun," klopfte Friedrich, der glaubte, den Arbettenden zu überraschen und dessen gutmarfterte Acberraschung tote em * - stiel genoß, ihm, endlich bei dem Holzhaufen angelangt, mit seinem Krückstock auf deit Rücken, „tmn Pfund! Er ist mir aber arg heruntergekommen in dem einen Iährlein, seit Er nicht mehr in Vteinen Diensten steht. Holzkloben muß Er fahren, der früher einen König durch die Lande kutschiert hat? Arg ist Er hermttergekommen! Wenn sein König auch (setzte er, schnell fern rechtes Bein wwd^ mtt dem Krückstock stützend und vor Schmerzen, mtt denen es sich wegen der Angestütztheit rächte, Gesichter schneidend, bitter hinzu) wenn sein König auch mit den Jahren ein Krüppel geworden tst, etn Köittg "^Pft>nd'verfiel?als ob nicht ein Jahr, sondern ein Tag dazwischen läge, seit er zum letzten Male mit Friedrich gesprochen hatte, sofort wieder in seine alte Gewohnheit und antwortete, wetl er manchesmal erlebt hatte, daß so am besten mit dem Galligen auszukommen wate dem König auch diesmal mit einer Frage. die Ruffen, entgegnete er, „damals bei Kunersdorf Ew. Majestät wirklich gefangen und in eines ihrer Dreckgeflütgnisse geworfen hatten, würden Ew Majestät deswegen das Kommandieren vergessen haben? Oder hätten ^Ew. Majestät sich statt der Soldaten etwa Läuse gegriffen und sie zu einer auf Befehl einschwenkenden Armee dressiert?" Friedrich, froh, ttach dem wurzellosen. Geschwätz der, Los- schranzeit endlich einmal wieder einem etgenwüchstgen, festeer- wurzelten Wort zu begegnen und der Hoffnung — endllch ! endlich!-- das Lachen zur Strecke zu bringen, nach dem er wochenlang auf der Lauer lag, Friedrich antwortete auf die kuriose Frage mnes davon- gejagten Kutschers: „Wenn ich mich lebendig von den Russen hatte fangen lassen — vielleicht. Aber" — fuhr er, wie sein Windspiel am eine hinqehaltene Wurst auf die über ihm baumelnde Schlußfolgerung Pfunds lüstern, fort — „aber, was hat das Kommandieren eines Königs mit dem Kutschieren emes Knechtes zu schaffen? „Meinen Ew. Majestät etwa", ereiferte Pfund sich, „mit wtferetnem sei es etivas anderes, wo s um s. Lebenkönnen geht? Krüppel oder Knüppel, Könige oder Kloben, Ma;estatenoderMist !vas ich fahre gilt gleich. Die Äauptfache ist und bleibt, d aß tch fahre!- Hebet dieser Antwort verging Friedrich das Lachen. Er fragte Pfund nach dem Wohnort und dem Namen fernes Dienstherren und kruckstockte sich zu seiner Kutsche zurück. . Als Pfund zur Mittagsstunde mit seiner Fuhre Lol« aus den Bauernhof kam, saß Friedrich auf der Bank neben der großen£ür. Hansel, der Aelteste des Bauern stand, wahrend die Bauersleute die obere Hälfte der Tür zurückgeschlagen hatten uiid verstohlen um die Ecke lugten, zwischen den Knien des stomgs. Gerade schenkte der König dem Knaben, da er ihm auf die Fragen, welche er mtt allen Gebieten des Schulwissens, insonderheit aber dem der preußischen Geschichte, an ihn richtete, gute. Antworten^gegeben hatte, einen funkelnden Taler und ermahnte ihn, me in seinem Leben zu vergessen, daß er den, der auf der Münze abgebildet sei, einmal.auf der Bank vor der Hoftür von Angesicht zu Angesicht gefreit hatte. Als der König Pfund kontmen sah, w,nkte er feie Bauersleute aus dem Hause heraus und sagte, auf den Berdutzten zeigend. „Den da nehm ich mit. Wir sind guteBekannte. Das hier - damit l)ändigte er dem Bauern einen großen Geldbettag ans wird, denke ich, für einen neuen Knecht reichen." Pfund stand verwurzelt wie eine Eiche. Jetzt.wandte pch der König, feen Dank der Bauersleute mit einer ärgerlichen Land- bewegung abwehrend, zu seinem ehemangen Lerbkutscher. And, nun das Lachen, nach dem et wochenlang vergeblich tzemcht hatte, findend, scherzte er: „Alldieweil es Ihm ja ganzlichgleichgultig ist, ob er Knüppel oder Krüppel, Kloben odetKstnge,Mistodte. Majestäten fährt, so kann Er von heut an ja wohl wieder Mich kutschieren? . Da ritz es Pfund auf feine Knie nieder, und aufschluchzend küßte er dem König den Saum seines Rockes. „Latz Er das", knurrte Friedrich. „Mach Er ferne Firlefanzereien wie ein Weibsbild. Sonst muß ich am Ende doch noch glauben, daß Er zu alt für seinen Posten geworden ist. Pack et schnell seinen Krempel zusammen. Die Kutsche steht vorm Schützenhaus. Ich stöckere langsam voraus. Wenn Er eine Sekunde spater als ich anlangt, kann ich seine Dienste nicht mehr brauchen. „Packen?" lachte Pfund aufspringend. „Packen? Nichts hat s nötig, als diesen lieben Leuten die Land zu geben und ihnen zu sagen, daß alles, was ich besitze — das Geld, das den Strumpf m meinem Bettstroh dick macht, und das, was sie für den Verkauf meines Koffers und meiner Klamotten kriegen — dem hier, dem Hansel gehört!" And schon war er, wie er ging und stand, davongerannt. „Ihr- müßt nämlich wissen," bedeutete der König den Bauersleuten, als sie ihn an das Loftor geleiteten, „daß wir zwei, der Pfund und ich, zusammengehören wie Euer Landpferd und Euer Sattelpferd. Bocken wir auch manchmal und schlagen nacheinander aus — Wenn wir zwei nicht an einer Deichsel ziehen, ist keiner von uns zuftieden." ... , . . ~. Als der König bei seiner Kut,che angejtumpert kam, ,aß Pfund — in der einen Land die Zügel, in der andern die Peitsche, mtt der er in einemfort knallte, daß groß und klein, soweit es noch mcht versammelt war, zusammenlief — schon auf dem Bock. And obwohl der König ihn noch manchesmal davonjagen wollte er hat es kein zweitesmal getan. Wenn es Pfund auch wie er behauptete gleichgültig war, was er fuhr, Friedrichs hat es für besser gehalten, daß er einen Königskrüppel — hinter sich auf dem Wagen hatte. - 200 — zu haben... Traktire sie nicht übel, denn das arme Mensch hat die Torheiten iin Kopf und meint es gut-" ...... Fortan wird der König immer gläubiger. Fredersdorf soll oas Gold, das sie gemacht hat, zur Prüfung in die Münze schicken, allerdings unter den nötigen Vorsichtsmaßregeln: „So kann uns keiner in die Karten gucken". „Was Du mir von der Frau gesagt hast", fährt er fort, „gibt mir wiircklich Loffmmg, und wenn die letzte Probe Gold ist, so glaube ich, daß man Staat darauf machen kann".' Ja, er unterschreibt den von der Alchimistin aufgesetzten Vertrag und findet die,, Conditionen sehr billig!" And mit wachsender Angeduld erwartet er größere Leistungen. „Schreibe mir doch, ob die Frau gewiß meinet, Montag einen Zentner (Gold) zu machen/ „Wohr das (wahr) ist, so werde (ich) alles zur Llugmentation so veranstalten, daß ich künftiges Frühjahr den Anfang machen kann." Aber die Enttäuschung blieb nicht aus. „Statt 3 Millionen, so sie macken wollte", klagt der König im November, „kommt ein Stück Silber von drei oder vier Talern heraus". Indes fährt die Frau fort zu laborieren; eine weitere Probe fällt anscheinend gut aus, und der König erwartet ungeduldig das Gutachten der Münze. „Ich bin zwischen Angewißheit und Zweifel", schreibt er. „Gehet es gut, so muß man e8- recht pro digmtate nutzen." Zur Behauptung der Würde! Diese Wendung erklärt sich aus den „stürmischen Aspekten", di« inzwischen in der Politik eingetreten sind, denn ein Angriffskrieg Englands und Rußlands scheint zu drohen. Da käme das Gold der Frau Nothnagel also wie gerufen. „Ich will wünschen, daß di« Sache möglich sei", schreibt der König. Es ist „schon im Äandels wegen (neuanfzustellender) Regimenter". And mit vor Erregung zitternden Schriftzügen rechnet er Fredersdorf vor, daß eine Leeresvermehrung von 17000 Mann 1 Million 154000 Taler kosten werde, die aus der Goldküche der Frau Nothnagel bestritten werden sollen! Stände es nicht schwarz auf weiß da, man glaubte es nicht! Aber auch diesmal kommt das traurige Erwachen aus dem schönen Traum. „Gebe nur die Frau ihr Silber wieder, und sage sie, ich wünschte, sie möchte sich einen guten Vorrat davon machen.. (Bei) dergleichen Chimären konmrt nichts heraus. Ich habe alle meine Pläne verbrennet und werde die ersten zehn Jahre keine neuen machen." Jetzt ist der König endgültig kuriert. „Ich habe mir sehr geschämet und mir alle die Narrenpossen aus dem Kopse geschlagen." Nicht so sein Kämmerer, denn wie Friedrich ihm vorwirft: „Kaum ist ein Goldmacher ad absurdum geführt, so hast Du schon einen anderen." Doch das bittere Ende sollte erst noch konunen. „Ich habe noch zwei Sachen abzutun", schreibt Friedrich im Februar 1754, „dahr mir die erste viele Sorge macht. Die Gehet Lerrn Trop, Deinem Goldmacher, an. Die Pension der 8000 Thaler, die ich ihm sehr unbesonnen versprochen habe, kann ich ihm ohnmöglich geben".' Trop oder Drop ist offenbar der früher ungenannte Gold- macher, von dem schon vor der Frau Nothnagel die Rede ivar, und der Vertrag mit chm dürfte zur gleichen Zeit mit dem ihren unterschrieben worden sein, zu einer Zeit, wo der König große Loff- nuugen auf die Alchimie setzte. Da aber diese 8000 Taler den öffentlichen Kaffen nicht aufgebttrdet werden konnten und des Königs Disposttionsgelder, wie der Briefwechsel mit Fredersdorf ost genug zeigt, sehr beschränkt waren, hat ihn diese Schuld schwer gedrückt, und er hat sie auf alle mögliche Weise, durch Lerabfetzung des Betrages selbst und durch Abzahlungen zu begleichen versucht. Dem Geschick Fredersdorf gelingt es schließlich, das von ihm selbst angerichtete Anhell einigermaßen gutzumachen. „Es ist mir sehr lieb, daß ich mit dem Lerrn Drop auf eine gute Manier auseinander bin", schreibt der König Anfang März 1754. „Ohngeachtet, daß es mir sckwer fället, die 8000 Thaler zu bezahlen., so tue ich es mit Plaisir, umb mit ihm auseinander zu konunen." Offenbar hatte der Goldmacher Drop sich mit einer einmaligen Abfindung von 8000 Talern, einer sehr erklecklichen Summe, begnügt, Von mm ab hatte der König fiir die Alchimie nur noch Spott übrig, und da Fredersdorf nach wie vor der Goldmacherei und der Quacksalberei frönte, suchte Friedrich diese durch jene zu bekämpfen. Ende Juni 1755 schickte er feinem Kämmerer „ein wahres Elixir, das von Theophrastem Paratzelsio (!) kommt, welches mir und alle, die davon genommen haben, wunder gethan hat". Der berühmte Theophrastus Bombastus Paracelsus von Lohenheim war bekanntlich Alchimist und zugleich Arzt gewesen; durch ilw „Trinkgold" und „Ellxiere" glaubten die Alchimisten das Leben verlängern oder Krankheiten heilen zu können. Der Witz dieses Eliriers bestand nun darin, daß es, wie der König schreibt, „keine Quacksalbereien daneben leidet. Sonst benimmt es einem vor sein Lebtage die männlichen Kräfte"... Ebenso scherzhaft sind schließlich die letzten Briefe des Königs vom 16. und 18. April 1756, worin er ankündigt: „Cs ist ein neuer Goldmacher in Berlin! Wo Du noch Geld übrig hast, so steht er zu Dienst! Er kann den ,gokdenen König' (den Stein der Weisen) machen... und Dir in 14 Tage eine Million machen. And wenn Du nur 8 oder 10000 Thaler zusetzest, so schwimmst Du darnach in Gold!" Dieser Scherz bezieht sich natürlich auf die vom König selbst zugesetzten 8000 Taler. In jenen Tagen ballten sich bereits die Gewitterwolken des Siebenjährigen Krieges, der alsbald ausbrach und dessen Aufregungen bei Fredersdorf das vollendeten, was die Kurpfuscher und Goldmacher begonnen hatten: die völlige Zerrüttung seiner Gesundheit. Er mußte 1757 aus den: Dienste ausscheiden und im Januar 1758 erlöste ihn in Potsdam der Tod von seinen Leiden. Zwanzig Jahre später, im Kerbst 1777, »oarf ein weltberühmter Abenteurer und Alchimist, der sogenannte Graf von Saint Germain, seine Angel nach dem König aus. Der aber ließ ihm bedeuten, daß man in Berlin „sehr ungläubig" sei, und daß er deshalb besser tue, sein Glück anderswo zu probieren. Trotz dieser -Ablehnung kam Saint-Germain nach Berlin, wo er Jahr und Tag blieb, aber dem König ist er nicht vor Augen getreten: der hatte an dem Besuch der Frau Nothnagel und an den Künsten des Lernt Drop gemtg! Als Friedrich seinem Bmder Leinrich die bevorstehende Ankunft Saint-Germains in Berlin meldete, schrieb er: „Für uns besteht die Kunst des Goldmachens in der Lebmrg von Kandel und Landwirtschaft." Es ist gewiß seltsam, den sonst so skeptischen König auch nur vorübergehend im Bann der Alchimie zu sehen. Bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts hatte diese Schemwiffenschaft ja «och allenthalben, auch am brandenburgisch-preußischen Lose, geblüht. Anter dem Große;» Kurfürsten hatte der berühmte Kunckel auf der Pfaueninsel bei Potsdanr zwar kein Gold gernacht, wohl aber das Rubinglas erfunden, und 1702 war der Berliner Apothekerlehrliug Johann Böttger, der Gold nracheir keimte, aus Angst vor emem Prozeß entwichen und hatte Aufnahme in Sachsen gefunden, wo er das Porzellan erfand, das alsbald Goldeswerk erlangte. König Friedrich I. war über das Entiveichen dieses kostbaren Mannes so betrübt, daß er nrit allen, nicht immer schönen Mitteln, versuchte, ihr» wieder ins Land zu bekommen. ®n paar Jahre darauf fiel er selbst einem andere!» Alchimisten zürn Opfer, dem sogenannten Grafe»» Gaetano di Ruggiero, der ihn eilt Jahr lang zum besten hatte und schließlich 1709 in Küstrin am Galgen endete, zum Lohn in ei» Gewand aus Goldflittern gekleidet. Friedrichs I. Sohn, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., hielt nichts von der Goldmacherei und hatte das schon als Kronprinz im Falle Gaetano bewiesen. Er zog es vor, durch die Lebimg vor» Landwirtschaft und Industrie Gold zu machen. Außerdem förderte er die dem praktischen Leben zugewandten Wissenschaften, insbesondere die Medizin i»nd die damals eng mit ihr verknüpfte Chemie, die sich damals bereits von der Alchimie trennte. Noch in seine Regierung fallen die Anfäirge des großen Berliner Chemikers Marggraf, der alsbald, »urter Friedrich dem Großen, seine bahnbrechenden Entdeckungen machte. Die Zeit, in der Friedrich der Große den Wahnhoffmmgen der Alchimie verfiel. Hatte also bereits deren Lehrgebäude tmter- graben, und sein „Fall" war tatsächlich ein Rückfall in schon fast überwundenen Anschauungen. Aber seltsam: gerade damals setzt« noch eine letzte Lochflut der Alchimie ein, und die Goldmacher kamen, wie er selbst schreibt, „vor» aller» Enden". Der Lerzog von Brcmn- schweig hielt sich danrals, tote wir aus diesem Briefwechsel erfahren, nicht toeiliger als zehn Alchimisten, und die berühmtesten Schwarz- klinstler des Jahrhunderts, der sogenannte Graf von Saint-Germain und der freche Betrüger Cagliosiro, standen im Jenith ober in» Anfang ihrer internationalen Abenteurerlaufbahn. Ja, noch nach Friedrichs Tode sollte die mystisch-alchimistische Sekte der „Gold- und Rosenkreuzer" am Berliner Lose festen Fuß fassen; und Kortmn, der Verfasser der „Iobsiade", begründete 1789 seine „hermetische Gesellschaft", die sich noch bis 1820 erhalten hat. Wir dürfen also an die alchimistischen Bitwandlungen des Königs nicht den Maßstab heutiger Wissenschaft anlegen. Solange die chemischen Prozesse, insbesondere die Vorgänge bei der Metallgewinnung, noch nicht völlig geklärt waren, konnte die Alchimie, die das wissenschaftliche Denken der Aeghpter, der Griechen, der Araber, des Mittelalters und der Renaissffanee stark beherrscht hatte, noch immer als etwas Mögliches gelten, und zweifellos mären ihre Erfolge in» kleinen, an die auch der alte Fritz glaubte, nicht bloßer Schwindel. Da die Goldmacher mit alle:» möglichen, gewiß auch mit gold- oder silberhaltigen Stoffen arbeiten, mag bei ihrem Laborieren manchmal etwas Gold oder Silber cmsgsfällk worden sein. And vor diesem Augenschein kapitulierte auch Friedrich der Große. _ _ , Jedenfalls unterscheidet sich sein Benehme,» m dieser Sache sehr vorteilhaft von dem anderer Fürsten seiner Zeit und früherer Zeiten. Während diese in der Goldmacherei nur eine erwünschte Quelle zur Befriedigung ihrer LuxuSbedürfnisse erblickten, dachte Friedrich allein an den Staat, dem er in einer kritischen Zeit neue Lilfsmittel erschließen wollte. And statt die Goldmacher, die viel- leicht selbst nur betrogene Betrüger waren, aiffknüpsen zu lassen wie sein Großvater, oder sie einzukerkern, wie der Lerzog von Braim- schweig, ließ er sie laufen, bemitleidete sie sogar und zahlte noch ein Lehrgeld von 8000 Talern, das ihm reckt sauer wurde. Die Kosten dieses Mißerfolges aber deckte er aus seinen bescheidenen DiSpofltionsgeldern, dem» die Staatseinkünfte waren für ihn unantastbar, eine „Bimdeslade", wie es in entern seiner Testamente HE-Wir können in unserer Rechtfertigung sogar noch einen Schritt weiter gehen. Seitdem die Entdeckung des Radmms das ganze Lehrgebäude der wiffeisschaftlichen Chemie über den Staufen geworfen und Professor Miethe Gold und Silber aus Quecksilber gewonnen hat, erscheint die alte alchimistische Lehre voir der Verwandelbarkeit der Metalle nicht mehr als bloße Gaukelei. Aller- dings ist auch diese Goldmacherei bisher ebenso kostspielig, wie es die alte war. und Friedrich der Große behält recht, wenn er schreibt: „Man Exempels ins Kleine, aber nicht im Großen, daß es möglich ist". Lchriftleitung: l)r. Friedr. Wilh. Lange. — Truck und Verlag der BriHl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gietzeir.