Gießener Zaimlienblätter Unterhaltungsbeilage zum Kietzener Anzeiger Jahrgang Mb Samstag, -en 22. Mai Nummer H Mailied. Bon 3. W. von Goethe. OBie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzt die (Sonnte I Wie lacht die Flur! Es dringen Blüten Aus jedem Zweig And tausend Stimmen Aus dem Gesträuch. And Freud und Wonne Aus jeder Brust. O Erd. o Sonne! O Glück, v Lust! O Lieb, o Liebe! So golden schon, Wie Mvrgenwolken Auf jenen Höhen! Du segnest herrlich Das frische Feld, 3m Dlütendampfe Die volle Welt. O Mädchen, Mädchen, Wie lieb ich dich, Wie blinkt dein Auge! Wie liebst du mich! So liebt die Lerche Gesang und Luft And Worgenblumen Den Himmelsdust, Wie ich dich liebe Mit warmem Blut, Wie du mir 3ugend And Freud und Mut Zu neuen Liedern And Tänzen gibst. Sei ewig glücklich, Wie du mich liebst! ver- von der Vom Pftngftgeift and vom Künstlergeift. Bon 3ulius Hart. Das alte Pfingstwimder unserer biblischen Erzählung kündigt die Erlösung der Menschheit durch ihre Heilung vo großen Sprachverwirrung, die nach dem Mythos einmal über sie kam, da sie im Lande Sinear den großen Turm zu bauen gedachten, dessen Spitze bis an den Himmel reichen sollte. Am sich einen Namen zu machen. Ader der Herr verwirrte sie, daß keiner des anderen Sprache mehr vernehmen konnte und zerstreute sie über alle Länder. Doch als der Tag der Pfingstm erfüllet war, und aus allerlei Volk, das unter, dem Himmel ist, Männer zusammenkamsn, da redete Wohl noch! immer jeder feine feine Sprache, trotzdem verstand jeder jeden anderen, gleich, als wenn er nur in seiner eigenen spräche. . r . . Heute bauen viele Völker der Erde wieder, mit besonderem Willen und Glauben, wie sie sagen, an einem babylonischen Turm, der bis an den Himmel reichen und ewig alle Zerren überdauern soll. Völkerbund! Völkerbund! And die uralte W.ihmuM- und Pfingstbotschaft: „Frieden auf Erden! , die uns die Er- füllimg der zuletzt doch immer wieder „tiefsten und wnei ichsten Sehnsucht der Menschheit verkündet, konnte und f?nte ur^ri " der Bot und dem Krieg dieser Zellen mehr als.ll 'ull allem Rausch eines Pfingsten- und neuen Fruhlmgsgeistes erfüllen. Aber Sollte und Könnte steht heute auch dem, was ist, so fremd wie möglich gegenüber. And das Geschlecht unserer Zeitgenossen blickt wohl mit leersten Seelen und Berstandntslofigkellen in das Licht und die Sonne dieses Festtages von heute hinmn. Die Mächte, die wirklich in unserem „Völkerbund reg.eren smd schon des Pfingstgeistes bitterstet Verhöhnung.und' Derfpottui^. And die Sprachverwirrung der Boller hatnichtnur etnenyoch sten Geist erreicht. Es nützt ihnen auch nich s wenn he em uno dieselbe Sprache reden. Wie in den Tagen seiner groW 3»» trächte und Zerrissenheiten leidet unfer armes Deutsch^nd wieder unter dem Kuttenstreit all seiner Parteien und Sekten, seiner Stämme und Stände, seiner Klassen und Mafsen- Dur Pfingsten können wir heute nicht mit gutem und redlichem Gewissen feiern ... nur nicht mit Psingstmaien unsere Häuser schmücken. Sprechen wir davon, tote Kinder unserer Zeit, denen aller Dibelglauben verloren gegangen. Alle Weihnachts-, Ostern- und Pfingstbotschasten haben nie die Menschheit bessern und bekehren können. Als 3llusionen und Fiktionen, als bloße Gebilde einer Fata Morgana gingen sie an uns vorüber. Reine 3deen nur waren es, 3deale, von denen der Kantische Mund uns sagt, daß ihr Wesen eben darin besteht, daß sie nicht verwirklicht werden können. Unüberwindliche Gegensätze sind gerade diese 3deen, Ideale, alle diese Pfingstbotschasten und die Wirklichkeiten. Sie können zusammen nicht kommen. Zu tief sind zwischen ihnen die Abgründe und Wasser. And wie ein Heinrich von Tveitschke von der Bölkerbundbotschaft des ewigen Friedens spricht: „Eine Illusion nur und wahrlich keine gute", — so könnte man wohl von allen diesen Pfingstreden eines Heiligen Geistes sagen: „Falsch und schlecht". Der gute Wirklichkeitsmensch und Erdenbekenner unserer Zeit hat deshalb schon lange eigentlich nicht so sehr verhöhnen und verspotten lernen tote diese Ideale und 3dealiften ans Wölkenkuckucksheim, und ihre Torheiten und Rarrheiten. Diese Trompeter von Säklingen mit ihren Weihnachts-, Ostern- und Pfingstlledern. Die Weltgeschichte ist doch nur ein einziges Zeugnis ihrer furchtbaren, ewigen Anfruchtbarkeiten. And all die Altäre ihrer Religionen, Philosophien und Wissenschaften, die sie für uns aufbauten, deren Feuer sie unS an unseren großen Festtagen entzündeten, wurden zu Opfer- altären, auf denen Menschen bluteten, unerhört an Zahl. Am all die höchsten Ideen und Ideale unserer Vernunft, wie sie auch heißen, Gott, Wahrheit, Recht, Einheit, Freiheit, Gleichheit entbrannten unaufhörlich, immer wieder die wildesten völker- und länderverwüstenden Kriege, und ihr Gottesstaat, wo alle eins und gleich sind, war eine Weltherrschasts-, von Grund aus imperialistische Idee, zu dem nur ein Weg der Verderbnis aller führen konnte. Es sind die klügsten und aufgeklärtesten Köpfe unserer Zeit, die uns sagen, daß wir wieder an einem gewaltigen Wendepunkt der Wett- und Menschheitsgeschichte stehen. Erschütternder und bedeutsamer vielleicht noch als die Zeit des Aeberganges vom Mittelalter zur Reuzeit, oder des Zusammenbruchs der heidnisch-antiken Welt und des Aufgangs der christlichen Well» anschauung. Diese Derkündigung eines neuen Menschen und seiner neuen Kultur, die sich ihre Erde wieder neu und ganz anders ordnen und gestalten werden, ist schon eine Pfingstbotschaft aller Pfingstbotschasten, — dieselbe wie damals in Jerusalem. Aber wird dieser neue Mensch auch ein höherer und besserer fein? Die Propheten der Zukunft blicken auch sorgenvoll darein. Wird und kann er nicht nur ein Maschinenmensch sein? Ein Macht- und Geldmensch nur, trachtend nur nach materiellem Genuß der Erdengüter, doch verkümmernd an Seele und Geist. Don einem Ehauffeurtypus spricht Graf Keyserling, zu dem sich der Mensch entwickeln wird. Ansere Fafzisten und Dolfchewisten heute sind dessen reinste Träger. Nur für den Idealisten gibt es im neuen Maschinenzeitalter keinen Raum mehr. Rur der Pfingstgeist wird in ihm aussterben. Denn was ist alle und jede Pfingstbotschaft zuletzt anderes, als eine Derkündigung vom letzten Sieg des reinen Geistesmenschen, des Idealisten? Doch wenn heute die Flugzeuge in den Lüften ihre Dahnen ziehen, und all die zahllosen Erfindungen und Entdeckungen weniger letzter Jahrzehnte, mit denen wir reich überschüttet wurden, wie niemals eine Menschheit vorher, — was sind sie anders als Erfüllungen, Verwirklichungen uralter, tausendjähriger Menschheitsideale? Rur Schöpfungen gerade idealschauender Kräfte, die der Mensch voraus hat vor allen anderen Geschöpfen der Otatur, kraft bereit er allein alles schaffen konnte, was wir Kultur nennen. Eine PrometheuSgestalt steht, wie uns Kurt Breysig sagt, am Anfang unserer Religionen, als der älteste Gott der Menschheit. Die Tiergestalt wirst er von sich ab, und ist der erste Mensch. Er zündet das erste künstliche Feuer an, stellt für seinesgleichen, die das Tier von sich aBflreifat, die ersten Werkzeuge und den Pftug her, das erste Brot, lehrt den Ackerbau und die Schiffahrt, schafft ihnen Musikinstrumente unb witee- richtet sie in den ältesten Künsten. Der Künstler aller Künstler ist er, deren ewiges höchstes Vorbild. Symbiotisch, organisch, unlöslich, notwendig miteinander verpflochten und verwoben, von vornherein ursächlich. gehen im Menschen^ist ein WftcklichSeitSfehM wri> ideale Schon« stets Haick in Hand, «n Sch« 6* Aawrr und «tot Scham« 162 der Dinge, die noch nicht da sind, die der Mensch selber erst finden und schassen muh, durch die er die Werke der Natur zu seinen Zwecken, seinem Nutzen umbildet, verbessert, veredelt, in die Naturwelt eine Kulturwelt nur seines Geistes hineinschiebt, jene in diese umsormt und erhöht. Diesem pro- metheisch-schöpserischen, idealfchauenden Menschen urkünstlerisch,en Wesens nur verdankt die Menschheit all ihr Höchstes und Bestes. Nur ein Wvlkenkuckucksheimer ist er nicht. Nur kein Fremdling in den Wirklichkeiten. Seine Kunstideale sind allerdings etwas völlig anderes als die Kantischen Ideen. Ideale und Ideologien, und er weih nichts von unüberwindlichen Gegensätzen, von ewiger Feindschaft zwischen Ideal und Wirklichkeit, — sondern seine Ideale haben nur den einen Sinn und Zweck, Wirklichkeit zu werden, und finden ihre Erfüllung nur in ihr. Seine höchste Aufgabe aber war immer, den Menschen selber zu bilden und zu gestalten, ihn zu erhöhen und zu vervollkommnen, — ihn den neuen Menschen zu lehren, den er anziehen soll, ihn zu immer wieder höheren Idealen zu erziehen. 3n dieser Kraft idealen Schauens sind der Geist der Pfingsten und der der Kunst eins. Nur ein neuer Idealismus, ein neuer Pfingstgeist vermag die Not unserer Zeit zu lindern, und neu zu bauen, zu bilden und zu organisieren. Ohne ihn würde die abendländische und morgenländische Kultur der Barbarei verfallen. Pfingsten. Don Erika von Wa tzdorf-Bachoff. Ein Wunder ward, das keiner klar gewollt, Das so geschah wie einst dies Fest des Geistes. Die Pfingsten glänzen auf in Grün und Gold — 3d) weih: wir sind beisammen und du weiht es. Schon atmet &er Jasmin im grünen Park, Und ein Erinnern hält das Herz gefangen, Das blüht von Wundern, duftet süh und stark — Und prangend ist der Sommer aufgegangen. Pfingstfahrt. Bon Agnes Harder. Der Kaufmann Karl Merten wollte gleich nach Lisch nach Dahlem heraus, um nach dem neuen Hause zu sehen. Nach dem Hause seiner Sehnsucht. Ach, nach der Sehnsucht von Frau und Kind. Denn das Geschäft lag in der inneren Stadt, und in dem alten Hause, zwischen den hohen Mauern war ein Kastanienbaum im Hof ihre ganze „Natur" gewesen. Die Frau, die er sich aus einem kleinen Ort geholt hatte, durck) den der Wind strich und in dem die Sonne hineinlachte, wurde ihm schon ganz trübsinnig. Lind nun waren drei Kinder da, Kinder, die Luft brauchten. Da hatte er nach langer Berechnung das Haus in Dahlem gebaut, ein Eigenhaus, in dem vorsichtig Platz für noch drei Kinder war, mit einem Garten, in dem es mitten drin stand wie ein Fliegenpilz, wie er es so oft auf den Anpreisungen solchen Lebensglücks gesehen hatte. Den Garten hatten sie im Frühling schon bestellt. Ein Forsytienstrauch hatte auch liebenswürdig geblüht, und Tulpen und Osterlilien halten sich die neue Welt angesehen. Seine Frau kam immer ganz aufgeregt nach Hause. So rote Backen hatte sie in den sieben Jahren ihrer Ehe noch nie gehabt, wie in diesem Frühling des zukünftigen Glücks. War die Untergrundbahn wieder einmal voll! Natürlich wieder ein Schulausflug! Ein wenig häufig in letzter Zeit. Na, er gönnte den Kindern den freien Nachmittag. Er klemmte sich noch so in das Abteil. Der junge Bursch, der neben ihm stand, rückte vorsichtig einen Kübel zur Seite. Er hatte mit den Kindern gesprochen und stand nun da, einen unbestimmten Blick scheuer Sehnsucht in den Augen. Auch Merten fragte, wo sie denn hinwollten und belustigte sich über die Llnruhe des auf- gescheuchten Bienenschwarms, über die Botanisiertrommeln, das vorzeitige Futtern und die Ängeduld. Noch ein Jahr, dann würde sein Aeltefter, sein Fritz, mit dabei sein. Da sagte der junge Arbeiter neben ihm: „Sie machen nach Wannsee. Ach ja, wandern ist was Schönes." Er sprach mit sächsischem Anklang, und Merten fragte, ob er wohl mitwolle? Da bekam das etwas fahle Gesicht des jungen Menschen noch ein viel hungrigeres Aussehen und er nickte. Ob gerade seine Stunde geschlagen, oder ob Merten, der in sein neues Haus fuhr, besonders vertrauenerweckend aussah, ex erfuhr ganz ohne sein Zutun ein Stückchen Menschenleben. Lein Nachbar war nicht aus Berlin, ach nein. Mit großer Verachtung wies er diese Zumutung von sich. Er war aus Naumburg an der Saale. Das war eine Stadt! Die Fremden, die kannten ja nur den Dom. Der war freilich schön. Aber er, er kannte die Saale! Einem Wandervevein hatte er angehürt. Mit dem hatte er Fahrten gemacht! Fahrten! Das ließe sich gar nicht beschreiben, wie herrlich sie gewesen! Nicht nur so nach der Nudelsburg oder nach Jena, nein, bis ins Dchwarzatal und Paulinzella seien sie gewandert. Das war ein Leben gewesen! „Gibt es hier nicht auch Wanderveoeine?" Der Junge nickte. Freilich,. Er gehörte auch einem an. Der war schon gut Aber Zeit mutzte man haben. Seim Arbeitstag ginge bis sieben. „Und Sonntags?" Ein düsteres Kopfschütteln. Es gab nur einen Sonntag um den anderen frei. Es war zuviel zu tun. Aber deshalb fei er ja hergekommen. Als er ausgelerni hatte, gab es in Naumburg keine Arbeit. Da mutzte er fort. Die Eltern hatten noch genug Kinder. Was er wäre? Tapezierer. In dem Kübel neben sich hatte er die Tapetenrollen. Es ginge ihm auch nicht schlecht. Er wohne bei «Ne« Tante, der zahle er Kostgeld. Biel sei es nicht. Wenn es mehr wäre — er neigte sich vor und seine Augen wurden ganz fernsichtig — wenn er dreißig Mark hätte — sein Wanderbund ginge Pfingsten nach Bornholm, fünf Tage, von Stettin mit d«n Dampfer. Neun Stunden auf See. Fein, was? Aber das war nun so ein Traum. Es war ganz gut, datz er das Geld nicht hatte, ülrlaub gäbe sein Weister ihm doch nicht. Nur zu denken^ datz — Da hielt der Zug, er griff nach dem Kübel und drängte zum Eingang, Merten ihm nach, denn es war auch feine Haltestelle. Und als er nun nachdenklich seinem Hause zuschritt, hielt ich der Bursche mit seinen langen jungen Beinen immer vor hm — und wirklich, er bog in sÄnen Garten und ging durch eine Tür! Merten konnte sich, als er den Tapezierer sprach, nach ihm erkundigen, ja, der Sachse! Fleißig war er; aber die anderen hänselten ihn; er hatte Heimweh und dazu den Wanderfimmel. Na, einen Fimmel hatten sie alle. Der eine war Blau« kveuzler, der andere spielte die Gitarre, der dritte — aber Mertens Interesse war für heute befriedigt und er wendete sich seinem Haufe zu. Abends erzählte er alles seinem Machen. Die Kinder schliefen schon. „Es wird eine feine Sache, Machen. Geh morgen hinaus und steh dir deinen Schmollwinkel an; ganz in blau, die Augen gehen einem über." „Aber du darfst nicht Schmollwinkel sagen. Sonst schmolle ich wirklich Damenzimmer heißt es." Er lachte uni) gab ihr einen Kutz. „Möchtest du nun lieber zu Pfingsten einziehen oder mit mir nach Bornholm?" Sie schüttelte sich Neun Stunden Dampferfahrt! Wo sie es schon nie vertragen hatte, wenn beim Kahnfahren geschaukelt wurde! „So verschieden sind die Menschen. Das ist nun die ganze Sehnsucht von diesem Sachsen! Grad als wär er in einer Seestadt geboren!" Sie sprachen noch öfter davon. Frau Machen machte sich bei ihrem nächsten Besuch draußen mit dem Paule bekannt und besuchte sogar seine Tante. Sie erstattete ihrem Mann Bericht, kümmerlich, aber ordentlich Dann kam Merten einmal ganz aufgeregt vom Kegeln. Was die Menschen alles wußten! Da hatte &er Apotheker gesagt, früher hätte man in das Fundament eines Neubaues etwas Lebendiges eingemauert, einen Hund oder gar einen Menschen. Das hätte Glück gebracht. „Denk mal Linchen, Glück, wenn man einen unglücklich macht! Nicht wohnen könnte ich in solchem Hause, und wenn auch nur eine Maus unter der Schwelle krepierte!" Was die Maus anbetraf, so war Frau Linchen anderer Ansicht. Aber sie dachte über die Sache nach „Sie meinen so einen Talisman, Karl. Da ist vielleicht etwas dran. Mn Opfer. Ich denke, wir wissen, was für eins für uns patzt." Er sah sie erstaunt an. „Hast du auch> daran gedacht?" Sie lachte nur. „Ich bin doch deine Frau, älnd weitzt du, «S war vielleicht eine Fügung. Die Tante macht wirklich einen guten Eindruck. Ich war noch einmal da. Ich wollte mir zu Pfingsten einem neuen Hut kaufen. Aber wenn ich draußen wohne, brauche ich ihn nicht, ich gebe die Hälfte. Zehn Mark mehr mutz er haben, datz er mal wieder ganz glücklich! sein kann." — So geschah es, datz der Paule aus Naumburg die Pfingst- fahrt nach Bornholm mitmachsn konnte. Er war gerade wie aus dem Himmel gefallen, was vielleicht der Grund war, datz die neun Stunden Wasserfahrt einen recht irdischen Beigeschmack bekamen. Aber dafür sah das Meer als Abschluß der Landschaft um so herrlicher aus, ja, Pauke genotz es vom Festen aus mit viel tieferer Inbrunst. Das mutzte nun doch wahr sein, datz Gott die Welt geschaffen hatte. Bon sich selbst konnte etwas so Erhabenes nicht entstehen. Jetzt hatte er es gesehen, mit eigenen Augen. Er wollte es awh der Frau Werten sagen, wenn er nächsten freien Sonntag in das neue HauS zum Kaffee ging, wie sie ihn eingeladsn hatten. Er würde vielleicht nicht die rechten Worte finden. Denn das konnte keine Zunge sagen, wie das geleuchtet hatte in der Morgensonne, weit hin über Fels und Schlucht. Sie würde ihn aber doch verstehen. „Es hat gerade ein neues Leben für mich aingefongett,* würde er sagen, und im Stillen hinzufügen, datz er es ihnen verdanke. Denn so etwas sagte man nicht. Aber man trug es in sich Vielleicht untermauerte man mit solchen Gefühlen das Haus feines Glückes. — 163 - Kastanienbaum. Bon Ina Seidel. So ganz verzückt durch Winternächte stehen Und starre Arme zu den Sternen recken. So stell und streng wie keiner sonst zu sehen Mit prallen kurzen spitzem Aufwärts strecken. — O blanker Schnee, auf schwanen Aesten scheinend! So anmutsvoll die neugeborenen, feuchten, Lichtgrünen, krausen Blätter hängen lassen, Mit ihnen gegen graue Wolken leuchten Lind spielend nach den ersten Tropfen fassen, — O Fruhlingsnatz, ins junge Laubwerk weinend! So ganz aus allen Zweigen überfchäumen And wie in Hymnen blühend auszubrechen, Ein Priester unter allen sanften Bäumen Mattweih und blutgesprengt die Messe sprechen, — O Anisellied, durch alle Wipfel tropfend! In grün gewölbter Blätterkuppel kühle Das heiße Licht einsaugen und gelassen Stehen in des Mittags düster-blauen Schwüle, Geballt in feste, runde Blättermasfen, — O Herz des Sommers, schwer im Boden klopfend! Fruchthüllen sprengen, um sich zu erneuern, Mit reifem Herbst weinklar vergilbend werden, Oktober lang mit feiernden Gebärden Die schwarze Erde golden überstreuen, — O stiller Wandel, heilig, unverdrossen, O Jahressang, in Lauterkeit geschlossen! besessen. Aus jener Zeit hat sich neben Stadthäusern nichts weiter erhalten als Cäzilien, die von der Höhe des Hügels, und auch den Blutbann einigen mittelalterlichen die uralte Kirche Sankt Der Organist von Sankt Cäzilien. Bon Alfons von Czibulka. Der Ort Rabenstein liegt in einem Waldlands Württembergs auf einem flachen Hügel eines breiten Tals, das als eine grüne Bucht zwischen den dunkleren Äsern der Wälder steht. In einem so weiden Amkreis unschließen verfallene Ringmauern und zu- fannnengesunkene Wälle den kleinen Marktflecken, daß es an« zusehen ist, als hätte man hier einen Zwerg in die Kleider eines Riefen gesteckt. Als aber vor vielen Jahrhunderten die heute längst vergessene Straße den lebhaften Handelsverkehr zwischen Würzburg und Alm durch diese entlegene Gegend führt«, wo jetzt die Füchse einander „Gute Rächt" sagen, war Rabenstein ein ansehnlicher, wehrhafter Ort. Schon im späten Mittelalter hatte er durch irgendwelche, uns nicht überkommene Berdienste das Stadtrecht erworben — das er wohl später wieder verlor — die dunklen Dächer und dichtenden Linden um ein beträchtliches überragend, das Tal gegen Aordwesten hinauf und gegen Süd- vsten hinunter sieht. Dieser stattliche Kivchenbau stand schon zu einer Zeit, da die musikalische Eilige noch nicht die Schutzpatronin des Ortes war, und die Begebenheit sich noch nicht zugetragen hatte, von der jener freundliche Brauch herrührt, der alljährlich zur Pfingstzeit den Flecken Rabenstein in musikalischen Aufruhr versetzt. Am Nachmittage des zweiten Pfingsttages zieht in feier» lichem Zuge alt und jung durch den gewaltigen Torbogen, der die steilen Gäßchen ins Freie führt, zum Galgenhügel, der sich etliche hundert Schritte südlich des Dores ein wenig über, die Felder und Wiesen erhebt. Wo vor Zeiten Rad und Galgen ihre schwarzen Gerüste erhoben, krönt heute ein freundliches Dirken» Wäldchen die kleine Erhöhung. Aach einem andächtigen Amzug mit Weihrauch und Litaneien lagert sich das Rabensteiner Boll am Rande des Wäldchens, indes di« Stadtmusik mit den nötigen Chören «ine uralte Kircheimrusik aufzusühren beginnt. So feier- lich und Leblich schwingen die Klänge über das schöne breite Tal aus, daß es — abgesehen von einigen falschen Tönen, die bei einem ländlichen Konzerte nicht fehlen dürfen — anzuhören ist, als diskontierten die Englein mitsammen oder als spielte gar die heilig« Cäzilia mit dem überirdischen Orchester zu einem himmlischen Feste. Wenn auch heute in dem freundlichen Städtchen nichts mehr an seinen unheimlichen Namen erinnert, und für gewöhnlich ein Rabensteiner als ein mit heiterer Natur begabtes Menschenkind gilt, so war dcrS «inst anders. Denn als der Flecken das Stadt- recht erhielt, muß der Dlutbann den Rabensteinern, die damals mürrische und finstere Gesellen waren, so verwirrend in die Köpfe gestiegen sein, daß die Henkerstelle von Sankt Cäzilien! bald als eine der begehrtesten im ganzen Deutsche» Reiche galt. Go gveullch hantierten die Ratsherren mit Schwert und Galgen, mit Feuer und Rad, daß niemand, der das Stadtgebiet betrat, seines Lebens sicher war, un$> bald kein Reisender mshr, es sei denn mit handfester Bedeckung, sich in die Rabensteiner Dann- mell« wagte. „ Doch weil ihre Straße bald gemieden wurde, und die Reisenden lieber den Amweg und die Befchwerlichkeit der schlechteren Gebirgswege auf sich nähmen, als sich in die Rabensteiner Wwea- grube zu wagen, so geschah es, daß die Ratsherren eines Tages ohne das kleinste Schlachtopfer dasaßen. Was sie in um so größeren Aufruhr versetzt«, als die Pfingstzeit vor der Türe stand, und man es im Städtchen seit Jahren gewöhnt war, daß die Obrigkeit zu so beson>ere.i F ,?n eine solenne Hinrichtung als Schaustellung bot. So viel der Stadtvogt auch mit seinem Knecht umherlroch, er konnte seit Wochen keinen Missetäter mehr finden. Worüber alle Tage ein obrigkeitliches Donnerwetter auf seinen ergrauten Schädel niederfuhr. Aber auch das half so wenig, daß der Rat bereits darüber diskutiert«, ob man nicht zur besonderen Erbauung einmal dem Stadtvogt den Kopf vor die Füße legen solle, wegen gröblicher Verletzung seiner beschworenen Pflichten. And vielleicht wäre wirklich der Bogt, der sich vergeblich nach einem so seltsamen Pfingstbraten umsnh, selbst zu einem solchen geworden, hätte er nicht im letzten Augenblick noch, einen glücklichen Fang getan. Der junge Organist von Sankt Eäzilien, der nicht nur wegen seines tüchtigen Spiels weit und breit bekannt war, sondern auch als ein begnadeter Musikus galt, der selbst manche schöne Kirchen- weise zu setzen verstand, war das einzige fröhliche MannSbild in Rabenstein. Weshalb er den Ratsherven schon längst als ein greulicher Sünder erschien. Doch war er auch ein so gottesfürchtiger Mann, daß jedermann meinte, eher werde der Frohn die Rats- Herren nebeneinander an seinen Galgen hängen — was so übel nicht gewesen wäre — als den Spielmann Johannes. Es wäre auch niemals zu dem Anheil gekommen, hätte nicht einer der Räte eine schöne Tochter gehabt, die mit ihrem Lachen und Frohsinn wohl zu dem Organisten von Sankt Cäzilien, doch nicht nach Rabenstein paßte. Was die beiden jungen M micken kircker auch schon lange merkten. Wobei sie freilich auch wußten, daß ihnen nur wenig Hoffnung verblieb, weil der alte Ratsherr seine Tochter einem Spiek- mann doch unmöglich geben konnte. Da es aber nicht die Art der Jugend ist, sich über di« Zukunft sonderlich die Köpfe zu zer» brechen, so trafen sie einander oft in den blühenden Wiesen oder sausenden Forsten, wo niemand als die Vögel ft« sah. Doch> weil der Stadtvogt für seinen Kops zu fürchten begann, durchstöberte er so gründlich das ganze Rabensteiner Land, daß auch die verborgensten Plätze es bald nicht mehr waren. Als er an dem Donnerstag vor Pfingsten in heißer Mittagsstunde zu dem Marienbilde aufstieg, das eine Meile weit im Süden auf einer versteckten Waldwiese steht, hörte er schon von ferne eine seltsame Musik, als spielte einer zum Hochamte auf. Da er, näherschleichend, seinen verwitterten Schädel mit der Sturmhaube durch das Laubwerk schob, hatte der Organist von Sankt Eäzilien gerade seine fromme Weise beendet und stand nun. den einen Fuß auf den hölzernen Betschemel gestellt, vor dem Madonnenbilds und begann, während das Äatstöchterlein sich in fröhlichem Tanze wiegte und dreht«, eine so schöne Tanzmusik zu geigen, daß selbst dem Vogte die gepanzerten Deine zu zucken begannen. War es ihm auch, als lächelte das Marienbild auf die beiden Liebenden herab, so kam ihm doch die Tanzmusik vor dem Heiligtum« als ein so greuliches Verbrechen vor, daß er sogleich aus dem Duschwerk hervortrat, dem Spielenden die gepanzerte Faust auf die Schulter legte und ihn für gefangen erllärte. Alles Weinen und Flehen der Ratstochter, die um den Geliebten Bat, wollte nichts helfen. Der Vogt band ihm die Hände auf den Rücken und trieb ihn wie ein Stück Vieh vor sich her, während das Mädchen weinend hinterdrein lief. Da die Rabensteiner Ratsherren auf ein ordentliches Verfahren immer etwas hielten — um sich den Spaß nicht zu verkürzen —, so saßen sie den ganzen Freitag und Samstag zu Gericht, bis endlich der Spruch erging. Am zweiten Pfingsttag« sollte nach dem Hochamt der Svielmann Johannes durch Ben Henker auf den Galgenhügel geführt und dort wegen gröblicher Verhöhnung der himmlischen Jungfrau und Verführung einer irdischen am Half« aufgehängt werden. Di« Tochter des Rats aber hätte, «he man sie zur Buße in ein nahes Waldkloster brächte, dem Strafgericht« zuzufehen. So sah man denn am zweiten Pfingsttag« inmitten des neugierigen Haufens der Rabensteiner, unter Vorantritt der Stadt» Pfeifer, die zitronengelben Gesichter der Aatsherren und ihre schwarzen Mäntel durch das Stadttor ziehen, den Frohn im scharlachroten Kleide den von einem Priester gestützten Delinquenten hinterdrein führen und den Vogt mit der zitternden Ratsherrntochter den Zug beschließen. Da die Braten schon in den Pfannen lagen, so hatte man es ellig, so daß der Vogt mit dem Mädchen noch den kurzen Hügelhang hinaufkeuchte, als der arme Sünder schon auf der Leiter stand. Weil aber die Rabensteiner es mit alten Bräuchen hielten, so fragte der Stadtrichter den Johannes mürrisch nach seinem letzten Wunsch Da bat der Organist, dem di« Tränen über die Wangen liefen, weil die Welt so schön war und das Ratstöchterlein eben mit dem Vogte heraufkam, noch einmal die schöne Kirchenmusik spielen zu dürfen, bie er zu Ehren der Madonna oben im Walde gegeigt, als er mit dem Mädchen zu dem Heiligtum auf gediegen war, um für ihre Liebe zu beten. Die Rats- Herren, die für ihre Braten fürchteten, schnitten wohl die sauersten Gesichter, aber sie fügten stch drein, well das Gesetz es gebot. Da lehnte sich der Organist von Sankt Cäzilien an das rote Henkerkleid, setzte den Dogen an die Fiedel und begann die feierliche Weife, die noch heute am zweiten Pfingsttag« vom Galgenhügel erklingt. Die Zuschauer und die Aatsherren, die stch wunderte«, daß die Fiedel so wunderbar voll und brausend 164 klang, sahen aus, als mit einem Schilage auch Ne Chöre zu Höven waren, z Rings auf den mittagshellen Wollen sahen singend die Heiligen und Engel, und mitten unter ihnen ein wenig erhöht, die heilige Läzilie vor ihrer Orgel, die über Walder und Wiesen brauste und jubilierte. Selbst aus dem Querholz des Galgens ritten drei Englein, die den Henker am Barte zausten und allerlei Schabernack trieben. Längst hatte sich der Organist auf den Galgenbalken geschwungen, von wo er als ein Kapellmeister das himmlische Koitzert, bald aus der Fiedel spielend, bald den Dogen iin Takte schwingend, dirigierte. Und weil, als das Kirchenstück zu Ende war, die drei Gng- lein vom Galgen flatterten, die galligen Ratsherven bei ihren Mänteln erwischten und sich mit ihnen in jenem Reigen zu drehen begannen, den das Mädchen vor dem Bilde getanzt, so meinte der Johannes, das) die Himmlischen heute wohl einen Späh verstünden, und begann das Tanzlied zu spielen. Während alle Heiligen auf ihren Wolken in die Hände klatschten, daß es hallte, und die heilige Eäzilie an den lustigsten Stellen mit einem fröhlichen Akkord« dreinfuhr, drehte sich bald alles Volk im Kreise herum. Mitsamt seinen Ratsherven, die es heute zum letztenmal waren. Denn die Rabensteiner wählten sich noch am gleichen Tage den Johannes zu ihrem Haupte, dem die schöne Ratsherrentvchter eine fröhliche Diirgermeisterin wurde. Schon am nächsten Pfingstfeste zogen die Rabensteiner in feierlichem Zuge zum Galgenhügel hinaus, um zur Erinnerung an das Wunder das Kirchenstück aufzuführen, wie es geblieben ist bis zum heutigen Tag. Weltuntergang. Don Ricarda Huch. (Schluß.) Diele, di« bisher die Aase gerümpft hatten, mischten sich in letzter Stunde noch unter die Heiligen und suchten durch den Aach- druck ihrer srommen Betätigungen zu ersetzen, was ihnen an Dauer abging. Als ich in der Dämmerung meiner Gewohnheit gemäß am Strande spazierte, fand ich sie alle im weichen Sande traten um) beten, wo sie vermutlich die Katastrophe in angenehmerer Weise zu bestehen gedachten als innerhalb der Stadt, wo einem die Häuser über dem Kopse zusammenbvechen mußten. Allen zuvor mit Beten und Singen taten es der Pelzkönig und das Dukatenmännchen, welche sich, da wo das .Ufer flach war, auf zwei große Steine im Meer gesetzt hatten und von dort aus ihren hohlen Gesang über das Wasser schallen liehen. Ich fragte im Dorbeigehen, ob sie in der lieblichen Ab endkühle ein Bad zu nehmen gedächten, worauf mich der Pelzkönig mit sanften Worten einlud, ein hochzeitliches Gewand anzulegen und mein Lämpchen mit Oel zu füllen, damit ich nicht, wenn der Bräutigam käme, als eine törichte ^Jungfrau beschämt vor ihm stehen müßte. Da sich inzwischen die Stunde genähert hatte, wo der verderbliche Schweifstern erscheinen sollte, begab ich mich auf die 'Zinne meines Hauses, um ihn zu beobachten, der denn auch wirklich als ein rötlich funkelnder Stern mit anmutigem Strahlenbüschel wie ein Paradiesvogel unter den übrigen sichtbar wurde. Allmählich rückten sämtliche Sterne sacht an ihre Stelle, vor dem stillen Fluge der Rächt fing die Luft an sich kühlend zu bewegen und das träumerische Singen der Brandung wurde hörbar. Aus dem entfernten Park drangen dann und wann wild jauchzende Töne der Weltkinder, die nun toller als je ihren Reigen um das goldene Scheusal tanzten. Indem ich gedankenvoll den Lauf des Kometen verfolgte, malte ich mir mit den inneren Augen das Rad der Zeit an den Himmel, halb unsichtbar, halb durchsichtig leuchtend, wie es langsam seinen riesigen Umschwung durch die Ewigkeit drehte. Wie, dachte ich, weim plötzlich eine allmächtige Hand in die ungeheure Speiche griffe, die so schnell und stark im Mittelpunkte der Unendlichkeit sich umfchwingt, daß der Sturm, der durch, di« Bewegung entsteht, Wandelsterne, Sonnen und Monde in ihren Dahnen vor sich hertreibi? Wenn das Rad plötzlich stockte, die Gestirne erlöschten und entsetzlich zuckend in die schwarze Unermeßlichkeit stürzten! — Aber es drehte sich langsam, langsam weiter durch das blaue Gewölk, weiter durch die dunkle Einöde des Himmels, nachdem die Sternbilder verblichen waren, und durch das fröstelnde Grau des Morgens, das der kurzen Sommernacht folgte. Hieraus legte ich mich zu Bett und schlief bei großer Ermüdung augenblicklich ein. Ein starkes Schreien und Poltern weckte mich, als es etwa zehn Uhr morgens sein mochte, aus meinem Schlafe, und als ich, da ich mich im Aachtkleide nicht unter den Leuten zeigen mochte, durch die Klappe in meiner Tür herauslugte, erblickte ich eine Hords wütender Männer, die mit Knitteln und Beilen herumfuchtelten und mich bedrohten. Da ich den Pelzkönig und bas Dukatenmännchen unter den Vordersten sah, konnte ich mir unschwer zusammenreimen, daß sie, nun es mit dem Weltuntergänge nichts war, es mit ihren Alräunchen versucht und di« unschuldige Ratur derselben erprobt hatten, bei denen alles Anrufen icrcb Beschwören des Satans durchaus zu nichts führen konnte. Trotz des blutgierigen Aussehens der Männer faßte ich mir ein Herz und redete sie freundlich ast, indem ich sagte, ich freute mich, mitteilen zu können, daß der verdächtige Stern mit Vermeidung aller schädlichen Umtriebe auf- und wieder abgetreten wäre, so daß unsere Erde ihren Lauf in Gottes Aamen fortsetzen könnte, wozu wir, als ihre Bewohner, uns füglich beglückwünschen dürften. Doch würde mir diese Rede wohl wenig genützt haben, wenn «s nicht einem der wütenden Leute eingefallen wäre, den Aamen des Jammerbolvs zu nennen, als den, welcher das ganze Unglück herbeigeführt hätte. Sogleich stimmten alle ein, und der Knäuel wälzte sich unter lautem Rachegebrüll aus meinem Hause heraus, so daß ich in großer Besorgnis um den lieben Freund mich, so fchn-ell ich vermocht, ankleidete und hinter den Wilden heveilte, obgleich ich eigentlich nicht wußte, was ich einzelner zum Schutze des Bedrohten tun könnte. Zwar gelang es mir, unterwegs noch ein paar Männer zu gewinnen, die mir beistehen wollten, aber das verursachte wieder eine verhängnisvolle Verspätung; als wir bei dem Hause des unglücklichen Menschenfreundes ankamen, hatte er bereits unter den Axihieben der Mordbande seinen Geist aufgegeben. Von den Umstehenden erfuhr ich, daß er auf das Geschrei der Erzürnten vor die Haustür geeUt war, sie herzlich „liebe Freunde" und „Kinder Gottes" angeredet und gebeten hatte, nicht so zu lärmen, da seine Tochter schlafe. Hingegen schimpften sie ihn Schelm, Gauner und Bösewicht, und man hörte es durcheinander rufen: „Jetzt sind wir freilich im Himmel! Du hast uns zu Bettlern gemacht! Gib unser Geld zurück oder laß die Welt untergehen!" Und da er mit seiner schwachen Stimme etwas erwidern wollte, tobten und fluchten sie noch gräßlicher, schlugen ihn nieder und töteten den wehrlosen Greis mit einem überflüssigen Aufwand von Wut und Kräften. Ohne daß jemand wagte, der blutigen Horde in den Weg zu treten, zogen sie weiter nach dem Platze, wo das goldene Kalb stand, in der Absicht, von den verlorenen Reichtümern wieder an sich zu rassen, was jeder vermochte. Soviel sie aber mit ihren Beilen auf die Bestie einhieben, erreichten sie doch nichts anderes, als daß sie einige Schrammen und Beulen in ihren glatten Leib brachten, weswegen sie ein Feuer anzündeten, um den Goldkoloß zum Schmelzen zu bringen. Dabei zeigte «S sich aber bald, daß daS Idol aus einem Kem von Blei bestand, der nur mit einer dünnen Sage von Goldblech überzogen war, was denn wohl als das dürftige Uebevbleibfel des gervaltigen Schatzes zu betrachten war. Da sich die Enttäuschten an dem Meister, der sich kurz nach Vollendung des Bildes in aller Ruhe aus der Stadt entfernt hatte, nicht rächen konnten, wußten sie in ihrer Furie keinen anderen Ausweg, als übereinander her» 8ufalten, indem der eine dem andern den Vorwurf machte, an- gefangen und das Beispiel zu dem schnöden Geldopfer gegeben zu haben. Fast in jeder Familie hatte es ein Mitglied gegeben, sei es Mann, Frau oder Kind, das sich dem Borhaben widersetzt hatte, und so kam es, daß sich jetzt di« Aächstverwandten an der Gurgel faßten und unter Triumph- und Rachegeschrei den Garaus zu machen suchten. Wahrscheinlich würden sie sich alle gegenseitig ums Leben gebracht haben, wenn nicht jene begonnenen Männer, di« mit dem Weltuntergang in keiner Weise etwas zu tun gehabt hatten, jetzt zusammengetveten wären, eine neue Regierung gebildet und die öffentlichen Dinge geschickt und geschwinde gehandhabt hätten. Zunächst wurden die Mörder und Rädelsführer in Verwahrsam gebracht, damit sie kein weiteres Unheil anrichteten, dem Lustbold wurde wegen feines unpassenden Betragens während der letzten üzlonate ein ernster Verweis erteilt, dem armen Ermordeten dagegen ein christliches Begräbnis zuerkannt, welches denn baldigst prunklos, aber feierlich begangen wurde. Beinahe täglich in der Abendkühl« kann man noch jetzt den plaudernden Vikus und die lahm«, lächelnde Vika nach dem Grabe dieser unschuldigen Seele Hand in Hand zusammen wandern sehen. Diejenigen, die bei der Ermordung des alten Wolke beteiligt waren, es waren ihrer neun, darunter der Pelzkönig und das Dukatenmännchen, wurden nach kurzem Prozeß zum Tode verurteilt. Es wurde zu diesem Zweck das goldene Kalb mit großen Kosten und Beschwerden nach dem Richtplatz geschleift, welcher außerhalb der Stadtmauern liegt, und in der Mitte desselben aufgerichtet, um dasselbe herum aber di« neun Galgen, an welchen 6fie Schuldigen aufgehängt werden sollten; so könnten sie, sagten die neuen Räte, wenn ihnen die Leiter unter den Füßen weggezogen würde, ein letztes Tänzchen vor ihrem Götzen ciuffühven. Di« Straf« wurde schleuniast an den unbußfertigen Sündern vollzogen, was die günstig« Folge hatte, daß fich in Zukunft lein Unzufriedener mehr zu mucksen wagte, und diejenigen, die sich in dieser Zeit der Umwälzung aus früherer Dunkelheit zu hübschem Wohlstände aufgeschwungeit hatten, ohne Bemäkelung ihres Glückes froh werden konnten. Die Leichname der Erhängten blieben auf Verordnung des Rates zum abschreckenden Beifpiel an den Galgen hängen, und das abergläubische Doll will wissen, man könne in stürmischen Rächten sehen, wie die nackten Gerippe beim Pfeifen des Windes und Rasseln der Knochen einen hüpfenden Reigen um das blanke Götzenbild herum tanzen. Schriftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der DrLhl'schen Unlv^D»ch- **6 Steindruckerei, «. Lang«, Meßen.