Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, öen 21. Dezember Kummer (02 Weihnachtsiied. Von Theodor Storm. Vom Himmei in die tiefsten Klüfte Ein milder Stern herniederlacht; Vom Tannenwalde steigen Düfte Und hauchen durch die Winterlüfte. Und kerzenhelle wird die Nacht. Mir ist das Herz so froh erschrocken, Das ist die liebe Weihnachtszeit! Ich höre fernher Kirchenglocken Mich lieblich, heimatlich verlocken In märchenstille Herrlichkeit. Ein frommer Zauber hält mich wtedei, Anbetend, staunend muß ich stehn; Cs sinkt auf meine Augenlider Ein goldner Kindertraum hernieder, Ich fühl's, ein Wunder ist geschehn. Weihnachtsiegende. Von Wilhelm Scharrelmann In der heiligen Nacht, als das Jesuskind geboren war, den Hirten die Botschaft der Freude verkündet, die himmlischen Heere ihren Lob« gesang vollendet und die Tore des Himmels sich danach wieder schlossen, geschah es, daß eines der Kleinsten aus der seligen Schar, das sich in seinem Fürwitz allzuweit vorgedrängt hatte, unversehens, aber bei allem Mißgeschick doch so weich und gelind wie eine Pfirsichblüte an einem windstillen Frühlingsabend, auf die nachtdunkle Erde hinabglitt. Da stand es rinn, wußte nicht rechts noch links und war nach der schimmernden Freude, aus der es kam, in der rabenschwarzen Finsternis ringsumher mit einem Male so allein und verlassen wie ein Stein auf dem Felde. Nur der Schein des Sterns über dem Stall, in dem das Jesuskind lag, leuchtete fremd und heilig groß. Als es seinen ersten Schrecken ein wenig überwunden hatte, aber noch immer mit pupperndem Herzen dastand und sich keinen Rat wußte, was es tun sollte, um wieder zu den ©einigen zurückzukommen, kam es daraus, die Mutter Maria und das Christkind aufzusuchen, ob es nicht dort Hilfe fände, und ward darüber so froh, daß es sich sogleich auf den Weg machte. Ich werde dem Kinde das Glockenspiel schenken, das mir gehört, dachte es und faßte das zierliche kleine Instrument, das es aus der himmlischen Höhe mit herabgebracht hatte, unwillkürlich ein wenig fester in den Arm, um es in der Dunkelheit nicht unvermutet zu verlieren. Aber kaum, daß es ein paar Schritte gegangen war, stolperte es so unglücklich über einen Stein, daß es ihm aus den Händen fiel und die feinen silbernen Glöckchen daran zerbrachen. So will ich ihm mein Hemdchen schenken, tröstete es sich nach dem ersten Schrecken und ging weiter. Da es aber im Finstern zu nahe an einen Dornenstrauch geriet, verwickelte sich sein Hemdchen darin und die Dornen zerrissen das zarte Gespinst so arg, daß es zu nichts mehr nutze war. Da mußte es nackend weiter gehen, stillte aber seinen Kummer zum anderen Male und sagte: Habe ich nicht noch das Kränzlein in meinem Haar? Aber kaum hatte es das gedacht, nahm es ihm der Wind vom Kopfe, und solange es auch auf dem finsteren Felde darnach suchte, fand es die Blumen nicht wieder. Als nun vor die Türe des Stalles kam und sah die Mutter Maria darinnen sitzen, und den Widerschein von dem hellen Licht aus der Krippe auf ihrem Angesicht, und besaß nichts mehr, daß es dem Kindlein hätte schenken können, begann es zu meinen und mochte nicht hineingehen. Da hörte es die Mutter Maria sagen: Was weint da draußen vor unserem Stall, ist nicht groß' Freude nun überall? Joseph, der soeben für Maria ein Süpplein kochte und sich dabei nicht stören lassen wollte, antwortete: Es ist der Wind, geht ein und aus, — er singt um die Hütte, er singt um das Haus. Sagte Maria wiederum: Es ist nicht der Wind, geh' schau' doch geschwind, mir wollte doch scheinen, ich hörte ein Weinen? Da fand Joseph draußen das Kleine, nahm es an die Hand und führte es herein. Sie meinten aber, es meine, weil es nackend sei, und Maria bat Joseph: Nimm es ein wenig unter deinen Mantel. Als aber darum nicht still ward, sprach sie: Vielleicht ist es hungrig? Gib ihm ein Löffelchen von meiner Suppe, und, als auch das seine Tränen nicht versiegen ließ, wußten sie sich keinen Rat, bis sie merkten, daß es sein Füßchen an einem Dorn geritzt hatte und wollten ihm ein Läppchen darum binden, und Maria nahm es auf ihren Schoß. Da gewann es ein wenig Mut und gestand, daß es sein hunmlisches Spielzeug zerbrochen, sein Hemd zerrissen und sein Kränzlein verloren habe und nun nichts mehr besitze, was es dem Jesuskinde schenken könne und darum müßte es weinen. Da ging ein Lächeln über das Angesicht Marias und sie drückte es in ihrer Freude an ihr Herz und küßte es, wollte es aber noch überdies trösten und flüsterte ihm zu: Wenn du dem Kinde gern etwas schenktest und hast doch nichts dazu, ei, so sing ihm ein Lied in seinen Schlummer, das wird ihm lieber sein als Kranz und Glockenspiel. Das wollte das Kleine nun gern genug, es traute sich nur nicht recht, so ganz allein, und Maria hob es empor, daß es in die Krippe schaue und seine Tränen darüber vergeffe. Da sah es nun das Kind in seinem ersten Schlummer liegen und wurde darüber in seinem Herzen sx froh, daß es vor Freude erst recht nicht zu singen vermochte und so ftumm blieb, wie ein Fisch im Wasser, Als nun eine große Stille darüber entstand, und Joseph sich nicht wenig verwunderte, daß es als ein rechtes Kind des Himmels nicht des kleinsten Liedchens mächtig sei, ward es noch befangener als vorhin und jo beschämt, daß es beide Hände vor das Gesicht legte und sein Köpfchen im Kleide Marias verbarg, als wäre sie seine Mutter. Da lächelte Maria von neuem, liebkoste es mit ihrer milden Hand und sagte leise zu Joseph: Sieh nur, wie das Kind in seinem Schlummer lächelt, so schön hat ihm das Lied geklungen! Aber Joseph verstand nicht, was Maria meinte, hatte er doch nicht einen einzigen Ton vernommen, schüttelte den Kopf und nahm das Kleine ein wenig brummend an die Hand, ihm ein Lager auf der Streu zu machen und deckte es mit seinem Mantel zu. Als nun alle zur Ruhe» gegangen waren, kamen ein paar der größeren Engel, um bei dem Kinde zu wachen. Die fanden das Kleine mit glühenden Bäckchen unter Josephs Mantel herausschauen, wunderten sich nicht wenig, wie es hierhergekommen, und nahmen es in seinem Schlummer in der Frühe wieder mit sich zum Himmel hinauf. Schmerzliche Weihnachtsfahrt. Bon Anton Schnack. Als ich noch nicht achtzehn Jahre alt war, hatten meine Eltern mir eine Stelle als kaufmännischer Lehrling in einer kleinen deutschen Grenzstadt vermittelt. An einem Herbstmorgen war mein bitterer Auszug, bei dem das Gesicht fröhlich schien, aber bei dem das Herz in einer dumpfen Angst und Wehmut dahinklopfte; denn ich ivar noch niemals allein für längere Zeit in einer fremden Welt und Umgebung und das Leben meiner Jugend hatte sich unter einem verstehenden Baterauge und von der sorgenden Hand der Mutter betreut ohne Zusammenstoß und ohne Berührung mit fremden Menschen und fremden Dingen heiter und sorglos vollzogen. — Da saß ich nun eine Tagereise entfernt von den vertrauten Dingen der Heimat, ohne Freundschaft und Kameraden, nur in einer leichten Tändelei mit zwei jungen Mädchen verstrickt, die mich aber nicht erfüllte und der ich schon müde war, da sie meine innere Mnsamkeit nicht durchbrach, da saß ich, innerlich zerrissen von Schwermut und Sehnsucht, ausgehungert nach einem guten und teilnahmsvollen Wort, ausgehungert nach Stille und träumerischen Stunden, auf einem trüben Büro bei fremden und zynischen Leuten, zwischen verstaubten Regalen und zugigen Türen, Morgen für Morgen und Nachmittag für Nachmittag unter einem stumpfen und lieblosen Licht, den Kopf gebeugt auf alte und langweilige Bücher voll Zahlen, öder Rechnungen und gleichgültigen Briefabschriften. Und wenn ich zu Hause in meinem kahlen Mietszimmer saß, in dem kein Ofen stand und in das sich der schlechte Geruch aus der Küche mit heimtückischer Hartnäckigkeit schlug, da kam mir immer mit unwiderstehlicher Gewalt die Erinnerung an die guten und warmen Zimmer im Hause der Heimat, ich dachte an die Ecke, die sich voll Heimlichkeit und Träumersinn hinter dem riesengroßen und herrlichen Kachelofen auftat, da dachte ich an meine kleine Schwester Liese, wie sie mit ihren Puppen spielend auf dem Boden saß und vor sich hinsang, an meine gute Mutter mußte ich denken, wie sie in diesen weihnachtlichen Tagen mit tausend geheimnisvollen Dingen beschäftigt war und von den Zimmern zu der Küche ging, aus der ein verführerischer Duft von Zimt, Vanille und Mandeln wehte. Rur eines dieser Zimmer wußte ich, blieb uns verschlossen und ich erinnerte mich daran, wie wir als Knaben uns an die verschlossene Tür heranschlichen zwischen Licht und Dunkel, um mit wildem Herzklopfen einen Blick in das Geheimnisvolle zu tun, das hinter der verschlossenen Türe mit einem glitzernden Baum, mit wunderbaren Spielen, süßen Leckereien und abenteuerlichen Büchern verborgen lag. - - 406 „Was ist Ihnen?", frug mich meine Wirtin, als sie zu mir hereintrat um das Abendbrot zu bringen. . Ich denke an Weihnachten", sagte ich mit einer Stimme, die tote Weinen klang. Rasch hielt ich meine Hand vor das Auge, aus dem ich eine ivehtnutgetränkte Träne hervortreten fühlte. Aber meine Wirtin sah inich spöttisch an, ein kühles Lächeln umspielte ihr aufgedunsenes Gesicht. Ich hätte mich vor sie hingestürzt und ihre Hände geküßt, wenn sie zu mir gesagt hätte, sei ruhig, guter Junge, auch wir haben eine« Baum, auch toir haben an Sie gedacht, Sie werben nicht einsam sein am heiligen Abend, wir werden Ste zu unserem Christfest laden. Aber sie schwieg, sagte nichts und entfernte sich. Zu wem sollte ich nun gehen in dieser Nacht. Ich kannte memand näher als die zwei jungen Mädchen, denen es unmöglich war, sich am Weihnachtsabend mit mir zu treffen oder gar mich zu der Bescherungsfeier in ihr Elternhaus zu laden. . Während ich mein kaltes Abendessen mit widerwilligen Bissen verzehrte, dachte ich mit schmerzlicher Wollust daran, daß ich allein am heiligen Abend durch die verlassenen Straßen laufen müßte, die Hände in die Manteltaschen vergraben, den Kragen hochgeschlagen, mit einem zerstörten und trauervollen Herzen, das keinem begegnete, der mit ihm die Einsamkeit teilte, da alle unter einem Christbaum saßen und miteinander fröhlich und entrückt waren. Ich sah meine kleine Schwester Liese, wie sie zu Hause mit fiebrigen und glänzenden Augen durch die Zimmer lief, wie sie nicht mehr schlafen konnte in allen Nächten vor der heiligen Weihnachtsnacht, und wie sie auf winzige Papierstreifen mit iingeschickter Hand ihre vielen Weihnachtswünsche schrieb und sie vor das schneeumwlrbelte Fenster hängte, damit sie der Äeihnachtsengel in den Nächten nut» nehmen und vor den Thron des Christkinds bringen möge. Uno ich sah unser großes und altes Vaterhaus liegen, versunken in Schneestille und Geborgenheit, im Garten trugen die nackten Sandsteinknaben weiße Schneeschultern, die Fenster des unteren Stockes waten dunkel und still, aber oben im anderen Stock glänzte aus den Fenstern ein warntes und rötliches Licht in die Winternacht hinaus und die Mutter würde sich wie in alter Zeit an den Flügel setzen, um zu spielen und zu fingen: „Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all..." Nur ich allein würde nicht dabei sein, flüsterte ich mir zu, nur ich allein sollte in dieser Nacht in bestürzender Einsamkeit sitzen, i« der Kälte und Leere eines Restaurants bei einer schlechten Schale Tee vor einem halb schlafenden und mißmutigen Kellner? Oder ich saß vielleicht in einem unwirtliche« Mietszvnmer, das nicht zu Heizen war, und in das die Winterkälte bitter und beißend hereinbrach, und lauschte durch Tür und Fenster, wie überall sich eine Stimme zum Weihnachts- gesang erhob, wie überall die Lichter durch die Scheiben flammten, und wie überall kindliche (Stimmen z« einem selige« Jubel an- schwollen. Nein, klopfte mein Herz, das ertrage ich nicht, das halte ich nicht aus, nein, flüsterte mit eine innere Stimme zu: reise heim, reise heim! Wie ein Feuer überfiel mich dieser zugeflüsterte Gedanke und fraß sich immer tiefer in mein Bewußtsein und in meine Erregung: heim, heim, heim! Ein Tag war noch Zeit, Morgen war es schon zu spät. _ Und ich kam zu einem jener unüberlegten, schnellen Entschlüsse, die nur die Jugend kennt und vori denen meine ganze Jugend wie von Abgründen durchzogen war. Ich hatte nur noch den einen Gedanken, komme ich noch recht zu der Magie und der Bezauberung des heiligen Abends. Alles andere, Erwägungen und Folgen, verbrannte in der Flamme dieses Heimwehrufes zu Asche und Nichts. Ich dachte nicht daran, meine Eltern durch ein Telegramm von meinem Kommen zu verständigen, ich dachte nicht beton, den Herrn vorn Büro davon in Kenntnis zu setzen, ich dachte auch nicht daran, meinen beiden Freundinnen noch einmal die Hand zu geben, nein, tote ein Flütling vor einem unbekannten Verfolger lief ich auf einen imaginären brennenden Baum zu, der in meinem fernen Vaterhaus stand. Ich wußte, daß ein Zug zwischen siebe« und acht Uhr abends in meiner Heimatstadt einlief. Um diese Zeit fand jahraus, jahrein die Bescherung statt und um diese Zeit würde sie auch in biefem Iahte ftattfinben. Ich packte meinen Koffer in Eile und Erlösung, bezahlte meine Hausfrau und sagte ihr, daß ich heimführe und nach Weihnachten toiebetfäme, und verbrachte eine erregte und von Träume« durchfunkelte Nacht. Im Motgengtatlen des Weihnachtstages bestieg ich den Zug wie unter einem unentrinnbaren Zwang. Noch hie schien mit eine Reise so köstlich und so abenteuerlich wie diese, noch nie schien mir ein Zug so herrlich wie dieser. Doch sobald der Zug unterwegs an einer Station etwas länger hielt, gleich faßte mich unbeschreibliche Angst, ich könnte zu spät kommen. So fuhr ich eine Stunde, so fuhr ich zwei, drei, vier und sieben Stunden, so fuhr ich immer weiter und weiter, ach es wat eine unbeschreibliche Fahrt, die Fahrt entsetzlichsten Heimwehs und schmerzlicher Sehnsucht. Nichts hatte ich bei mir, was ich dem Batet hätte geben können, nichts, was ich der Mutter hätte schenken können, keine Puppe hatte ich für die Schwester, keinen Reiter und keinen Hund für den kleinen Prüder. Nichts hatte ich hinzulegen, als mich, als mein fieberndes, qualgepeinigtes Herz, nichts als meine fassungslose Verwirrung, nichts als die Demut, mich hinzuknien und vor den Füßen meiner Mutter erlöst zu toeinen... Der Bahnhof meiner Heimat kam. Ich verspürte eine süße Lähmung in den Seinen und wie ein Traumwandler stieg ich aus dem Wagen, schleppte meinen riesenschweren Koffer voran, hielt meine Karte hin und wankte in die Schneenacht meiner Heimat. Eine Stimme rief mit zu, ich hörte nicht. Ei« Hut wurde vor mit gezogen, ich wußte nicht wer es tat. Ein Mädchen sandte mir auf dem Bahnsteig ein Lächeln zu, es kümmerte mich nicht. Ich raste wie ein Bewußtloser durch enge Straßen, durch breite Straßen, ich eilte an Häusern vorbei, die schöne Erinnerungen für mich hatten, ich sah wie bet Mond über dem alten Stabtturm wie ein golbner, märchenhafter Kahn bahin- schwamm, ich kam in bie Allee, in deren Mitte mein Elternhaus lag. Aus der ungeheuren Schweigsamkeit der schneebelabenen Bäume, aus der winterlichen Erstarrung und zauberhaften Pracht kam mir etwas Ruhe ins Herz. Aber ich raste toiebet los, als ich das erste Licht des Vaterhauses durch bie Bäume schimmern sah, meine Hanbe hatten kein Gefühl mehr in ben Fingern, bie Achsel schmerzte mich von ber schweren Koffetlast, aber ich lief als hätte ich nichts in den Hänben, ich lief wie ein Gehetzter pfeilschnell dahin, ba mich die Vorstellung Überfiel: wenn nur nicht alles vorbei ist, wenn nur nicht bie Bescherung schon vorüber ist, wenn ich nur noch ben brennenden Baum sehe! Ich öffnete das Gartentor, ich schob den Riegel ber hinteren Haustür zurück, Alex, ber Hund, sprang mich mit webelnder Freude an, aber ich gebot ihm Schweigen mit einem zischenden Wort, Koffer und Stock lieh ich im Schnee liegen und raste die dunkle Treppe in Taumel und Rausch empor. Und als ich oben war und bie letzte Stufe hinter mir hatte, hörte ich die süße, engelzarte Klingel aus dem Zimmer tönen, unb mein Herz war voll seliger Freude wie damals in verschwundenen und glücklichen Kindertagen. Vom anderen Gangende her kamen Liese, das Kind, und der Bruder, ich sah den Vater und die Magd, ba öffnete sich die Türe, unb ein Strom voll Licht quoll heraus, in ben ich mich mit fliegendem Haar, schneebedeckt, mit fieberhaft geröteten Augen und brennender Stirn wie ein Seliger unb Erlöster stürzte. Wie eine Heilige sah ich meine Mutter neben bem brcnneiiben und herrlichen Baume stehen, und meine Stimme schrie: Mutter, ich bin ba! Dann sank ich lautlos zu Boben. Unb durch viele Fiebertage sah ich golbene Lichter, schneeweiße Engel unb manchmal bas gute und tiefbesorgte Auge meiner Mutter glänzen... Weihnachten in der Taiga. Von E. v. Ungem-Sternberg. Fünfunbvierzig Grab Frost! Die Luft selbst scheint gefroren! Der Schnee haucht weiße, bünne Nebel aus, bie fiel) wie Schleier über Bäume und Sträucher lagern unb sie mit schwere« Reifballe« bebeden. Die kleine« zottigen Pferbe bampfen unb schnauben mit ben Nüstern, schrill und eintönig Hingt bie Glocke an ber Deichsel. Ihr Wimmern schabt an den Nerve« und bohrt sich durch die Fellmützen tief in die Ohre« ein. Der Weg scheint endlos im scheeigen Einerlei, alles ist totenstill ringsum, selbst die Vögel wagen bei der scharfen Kälte nicht ihre Nester in der Suche nach Futter zu verlassen. Einige Krähen, die ben Flug gewagt hatten, fallen bcllb ersarrt zu Boben unb »etwanbeln sich in wenigen Minuten zu dunklen Eisklumpen. Weit ab am Rande ber Taiga, heult plötzlich ein Kubel hungriger Wölfe auf, Wie Schatten gleiten sie über den Schnee unb folgen dem Schlitten, die Pferde greifen schneller aus und wir greifen nach unseren Gewehren unter de« Felldecken. Aber die Finger sind derart erstarrt und schmerzen, daß mit einem sicheren Schuß nicht zu rechnen ist. Jede Bewegung macht Unbehagen, man möchte die Augen schließen und einschlafen. Es scheint, als ob das Herz unb bie Gedanke« einfrieren wollten. Die Eisblöcke, bie sich bisweilen am Wegranbc auftürmen, nehmen Märchei,gestalten an unb drohen sich auf den Schlitte« zu werfen. Immer eindringlicher gellt bie Glocke, sie klingt jetzt wie ein erstarrter Schrei, ber das Himmels- gewölbe anfüllt. Die Wolfe kommen näher, aber sie werde« keinen Angriff wagen. Der Jamschtschik wirft von der Wegration einen Eimer gefrorener Fleischklöße, Pelmenyi, auf den Schnee. Die Wölfe werben sich darum beißen unb uns weiter fahren lassen, bis wir enblrch bie Burjatenjurte an der SBalbbiegung erreicht und ruhen und aufleben dürfen. — . . m r Eiskalte, niedrige Sonnenstrahlen gleiten wie Brrllantpfeile über ben Schnee und blenden die Augen. Ueber den westlichen Himmel breitet sich ein grünvioletter Strahlenglanz von unbeschreiblicher Herr- lichkeit. Dort vor dem Paradiese liegt der Palast der Schneekömgin, zu dem unser Schlitten hinaus zu gleiten scheint. Die Augenlider frieren zusammen, ba Wir sie vor dem Lichtmeere schließen müssen. Aus dem Vergessen weckt uns das Heulen der Wölfe, die wieder hungrig und gierig hinter dem Schütten und am Walbrande dahinjagen. Aber aus der Ferne ertönt schon Hundegekläff, wir nähern uns der rettenben Umzäunung ber Burjatenjurte. Auf hohen Pfählen flattern ausgebörrte und aufgespannte Tierfelle, wunderliche Gestalten von Pferden und Rindern, die den unsichtbaren Göttern, wenn sie durch die Lüste ziehen, geweiht sind, und sie als Opfergabe den Wirten gegenüber gnädig stimmen sollen. Wenn auch viele der Burjaten von den Popen getauft sind, so sitzt das Christentum bei ihnen doch nicht sonderlich fest, jedeiisaNs hat es die angestammten Götter nicht zu vertreiben vermocht, und größeres Ansehen als der Priester genießt der Schamane, wenn er in Wildem Tanze, mit Schaum vor bem Munde, bei Sonnenuntergang seine Zaubersprüche vor bem lobernben Feuer hinaus schreit unb bie Dämonen bezwingt. Manche Burjate« sinb auch Anhänger lamaistisch- buddhistischer Religion und dienen dem wieberverkörperten Buddha. Der in zottige Ziegenfelle gehüllte Wirt begrüßt uns an ber Sch welle seiner aus Holz gezimmerten Jurte. Seine Schlitzaugen leuchten freundlich und mit gastlicher Gebärde lädt er uns zum Eintreten ein. In ber niedrigen Türöffnung warten bescheiden bie fettglänzende Frau, eine Schar Kinder unb einige Haustiere, die ans der Kälte ms Innere der Hütte geflüchtet sind. Der Kutscher lädt bie Vorräte aus bem Schlitten aus. Schlägt ein gewaltiges Stück von unserem gefrorenen Milch- oorrat ab - die Milch wird im Winter in Sibirien in großen Eisklumpen - 407 — ohne Behälter mitgeführt — und trägt alles in die Jurte. Die Pferde bleiben frei in der einigen Kälte vor der Tür stehen, wollte man sie bedecken, oder in einen warmen Stall fperren, fo würden sie erkranken und verkommen. Längs den Wänden und rund um den riesigen Ofen, aus dem eine Gluthitze ausströmt, zieht sich eine sehr breite Holzbank hin, auf der Felle und Kissen aufgestapelt liegen. Man fordert uns freundlich auf, auf ihr Platz zu nehmen. Die Luft ist stickig und übelriechend. Wenn wir nicht vor der Kälte zurückgeschaudert wärest, so hätten wir am liebsten die Flucht ergriffen, denn aus der niedrigen Decke über den Bänken hingen wie kleine reife Trauben Nester von Wanzen herab. Auch anderes Ungeziefer scheint nicht zu mangeln. Manche sibirische Bauern und Eingeborene behaupten, ohne Ungeziefer schlecht zu schlafen und zu frieren, es gehört, ebenso wie die großen schwarzen Schwaben, zum Haushalt. Der gütige Hausgeist soll sich bisweilen in der Gestalt eines Riesenschwaben verbergen, und deshalb gilt es fast als eine Sünde und böse Vorbedeutung, eins dieser eklen Tiere zu zertreten. — Der Wirt hat im Kessel schwarzen Ziegelsteintee ausgebrüht und eine Flasche Schnaps bereitgestellt. Auf der schmutzigen Pfanne, die niemals gesäubert worden ist, schmort ein Stück Rindfleisch, an dem sich26Menschen sättigen können. Wir aber schälen uns aus unseren Wolfspelzen, ziehen die Fellmasken vom Gesicht und machen uns an unserem Gepäck zu schaffen. Die Kinder und die Frauen schauen mit großen, neugierigen Augen zu, wie all die europäischen Herrlichkeiten, Kamm und Seife, Schere und Rasiermesser, zum Vorschein kommen. Die niedrige Eingangstüre öffnet sich und Besucher aus den'anliegenden Hütten erscheinen, um uns Fremde zu bestaunen. Leise schleichen sie in ihren hohen Filzstiefeln heran und flüstern in ihrer unverständlichen Sprache. Auch zwei wilde Burschen, Russen, von denen man nicht weiß, ob sie Abenteurer, Räuber oder Goldsucher sind, haben sich in die Hütte hereingeschoben. Man trifft sie oft in Sibirien an und tut immer gut daran, die geladene Waffe bereit zu halten, da sie den Rebenmenschen immer als jagdbares Wild betrachten, und da ein Menschenleben in den Einöden nichts gilt. Während der kältesten Tage wärmen sie sich gern einige Zeit bei den Burjaten und ziehen dann in das Unbekannte weiter. Sie bitten um Schnaps und Tabak und bald sitzt die ganze Gesellschaft um nnb herum, es beginnt ein endloses Fragen nach dem Woher und Wohin, nach Städten und fernen Ländern, in denen die Menschen keine Fellmützen tragen, wo das Wasser nicht friert, wo die guten Götter leben und wo das Märchen zu Hause ist. Eine dicke Burjatenfrau fährt mit unerwartet mit der ungewaschenen Hand tief in den Mund. Sie hat eine Goldplombe bemerkt. „Wie schön!" ruft sie voller Entzücken. Der Mund wird von der ganzen Gesellschaft staunend bewundert. Es sind Weihnachtstage! Das Nordlicht flammt wie ein gewaltiger Weihnachtsbaum am Himmel auf. Rosa und goldene und silberne Lichter brennen am Horizont, und die leuchtende, grüne Strahlenkrone, durch die die Sterne wie Engelsaugen durchblicken, steigt höher und höher. Wir treten aus der Jurte hinaus und fällen einen kleinen Christbaum. Neugierig schauen die Anwesenden unserem Tun zu. Als endlich einige Wachslichter am Bäumchen brennen und wir den Wirten Nichtigkeiten als Geschenke überreichen, da ist die Berlvunderung groß. Die Burjaten glauben an einen starken Zauber, und als endlich der Reisegefährte ganz leise ein Weihnachtslied anstimmt, da treten sie ängstlich zurück und meinen, daß nun unser Gott beschworen werden soll. Der örtliche Schamane spürt eine Konkurrenz. Er hüllt sich in seinen Maiitel, an dem bunte Lappen und Tierknochen baumeln, stößt gurgelnde Schreie aus und beginnt sich langsam im Kreise zu drehen. Seine Bewegungen werden immer schneller und wilder, er ergreift die Schnapsflasche und spritzt den Branntwein in die Ecken des Zimmers, auf uns und auf unseren bescheidenen Weihnachtsbaum. Auf unseren Protest erklärt uns der Wirt, daß er die bösen Geister von unserem Zauber fern halten will, damit sich unser guter Gott nicht erschrecke. Als sich der Schamane beruhigt, schenken wir ihn, etwas Geld für seine Fürsorge, und nun verbeugt er sich tief vor unserem Bäumchen und freut sich über unseren gütigen Zauber. Der Himmel hat sich leicht bewölkt. Die furchtbare Kälte hat nachgelassen und aus dem Süden iveht Schneeluft. Wir haben m>.s erwärmt und sind satt geworden. Der Kutscher mahnt zum Aufbruch. Er fürchtet die beiden Räuber könnten uns, wenn wir ihnen einen Vorsprung geben, am Morgen in einer fernen Schlucht auflauern und ermorden. Wenn wir uns beeilten, könnten wir bei Sonnenaufgang em kleines russisches Dorf auf dem Wege zum Baikal erreichen und uns dort aus- ruyen. Wir sind gerne bereit, die Jlirte und das freundliche Burjaten- herm sofort zu verlassen. Eine halbe Stunde später bimmelt wieder das schrille Glöckchen an unserem Schlitten, die zottigen Pferde traben unermüdlich und wir gleiten, in lange Wolfspelze gehüllt, auf Fuz- decken und Stroh gebettet, halb träumend und halb wachend in die durchsichtig-strahlende, sibirische Weihnachtsnacht hinaus. Das Domkind. Von Nikolaus Schwarzkopf. Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach. (Fortsetzung.) „Mutter, komm rasch," rief das Domkind am folgenden Abend, „das Mädchen hat ein Brüderchen, das reitet auf dem Rücken seines Vaters!" Vater und Mutter kamen, die Neuigkeit zu sehen, und dann am nächsten Abend erschien drüben noch ein Knabe, der lernte in einem Buch, und noch ein dritter Knabe kam, und einmal tag der Vater mitten aus dem Fußboden, und alle seine Kinder kugelten auf ihn herum, und ein Spitzhund mischte sich zu guter Letzt noch drein und zerrte den Papa an den Hosenbeinen. . j_J ___. Da mußte sich auch -er Türmer auf den Fußboden knien, und das Domkind ritt aus ihm, und die Mutter mußte die große Schwester spielen, aber es fehlten Buben, und der Spitz fehlte, und die Mutter hatte gar keine Freude an diesem Spiel, und der Vater war auch gleich müde. Gern wäre das Domkind einmal zu diesen lustigen Leuten gegangen, aber find einer heraus, wo dieser Zirkus ausgeschlagen war! Paulus peinigte seinen Taufpaten, den König Saul, er sollte mit ihm jene Familie aussuchen, und so machten sich denn die beiden ungleichen Kinder auf und klopften an vielen Türen an, und liefen treppauf, teppab. was ihnen ja nicht schwer fiel, immer in die letzten Stockwerke hinauf, und stellten die seltsamsten Fragen. Drei volle Nachmittage brauchten sie, bis sie jene Leute gefunden hatten, und es ergab sich, daß der große Bub zu des Kapellmeisters Singbuben gehörte, und das erfreute alle! Freilich die großen Vorstellungen dieses Zirkus fanden immer erst am Abend statt, zumeist norm Schlafengehen, aber das Domkind bekam doch sein Teil reichlich 'zu- gemessen an Freude und Lust! Allein konnte das Domkind die Wohnung nicht finden; die Mutter ging einmal mit, doch blieb sie keine zwei Minuten, überließ ihr Kind den Kindern und ging und holte es dann wieder ab. Zu ihrem Mann aber sagte sie: „Nein, wie kann der Kapellmeister uns das zumuten: mit solcherlei Kindern kann unser Paulus doch nicht spielen!" Und da antraottete ihr Mann: „Nun machst du es mit den Maurersleuten, wie der reiche Nachbar es mit dir machte! Und mich dünkt: nun geschah dir recht!" König Saul nahm aber den großen Singbub seiner Garde und zwei seiner Brüder einmal mit herauf in den Turm. Der König hatte nicht viel Zeit und mußte gleich wieder gehen. Da holte die Mutter Strohschnitter heilige Geräte hervor, ein Märchen und alles, was dazu gehörte, auf daß die Kinder damit spielen sollten. Sie spielten auch, der Große war der Bischof und fang lateinische Verse, Paulus diente ihm, und die zwei anderen Buben saßen als Volk artig auf zwei Holzklötzchen im Rundgang. Auch der Berliner Seppel war plötzlich katholisch geworden, und war sogar fromm und kniete, ans Domauto gelehnt, und machte ein Gesicht, das heitere Frömmigkeit ausdrückte und sicher jeden Berliner erbaut hätte! Der Hase hörte zu, der Dackel hörte zu, und alles war sehr schön. Der Bischof stieg auf ben- Holzkasten, den Paulus aus der Küche holte, und predigte . . . doch mitten in der Predigt, ganz unbegreiflich, kam die Türmerin gestürmt, räumte den Altar ab, warf all die feinen Sachen wahllos in die Schachteln, band die Schachteln zu und schob sie in das leere Zimmer, das in die Wölbung gebaut war. „Mein Kind wird einmal weder Bischof noch Meßbub!" sagte sie barsch, und der muntere Chorsänger trieb sich mit seinen Geschwistern noch eine Zeitlang im Rundgang umher und ging dann stillschweigend. Und kam auch nicht mehr! 5. In jenen Tagen erschienen zwei Männer vom Hochbauamt der Stadt und maßen zur Treppe hinauf mit den langen Geometerstäben. „Seid ihr nun endlich da?" sagte die Türmerin und schenkte ihnen ein Glas Wein ein, denn sie meinte: nun tarne sie vom Turm herunter zu den Menschen! Und ohne viel zu reden und ohne viel zu danken wurde die ganze Wohnung ausgemessen, die Küche und selbst das verlassene Zimmerchen, das im Turmgestein stak, und im Gebälk wurden allerhand Zeichen eingeritzt und gar mit dem Beil geschlagen. Noch am selben Tag geht Frau Strohschnitter aufs Wohnungsamt, um sich nach einer Wohnung mit drei Zimmxrn zu befragen. Sie verriet sogleich, daß der Herr Bürgermeister der Pate ihres Sohnes fei, allein der Beamte zuckte die Achseln und sagte: vor drei Jahren dürfe sie nicht an eine Wohnung denken. „Sehen Sie, welche Zustände wir haben, Frau Strohschnitter, dreihundertachtundfünfzig Paare können nicht heiraten, weil sie keine Wohnung haben, aber dreiundfünfzig Paare können nicht geschieden werden, weil sie keine Wohnung haben! Uebrigens, wo wohnen Sie eben, Frau Strohschnitter?" „Oben auf dem Domturm!" „Wie? Und Sie wollen herunter?" „Mein Kind gedeiht nicht recht ... es ist das Patenkind des Herrn Bürgermeisters und des Herrn Bischofs!" „Ich wette (er nahm das Telephon), daß sich sofort hundert Paare melden, die an Ihrer Statt hinauf wollen! Er redete ins Telephon, rollte die Augen und sprach: „Wie ich da höre, besteht nicht einmal die Absicht, die Türmerei eingehen zu lasten; da scheinen Sie falsch unterrichtet zu sein, liebe graul.“ „Das Hochbauamt hat schon ausmessen lassen!" „Nein, nein, Sie sind nicht im Bilde: Sie bekommen Licht hin- aufgelegt, Licht und Kraft zum Heizen, da brauchen Sie die Kohlen nicht mehr hinauf zu schleppen, und Telephon bekommen Sie, das wird Ihnen doch Freude machen!" „Wieso soll mir das Freude machen, mit wem soll ich telephonieren?" „Na, denk ich: eine junge grau, die sich einsam fühlt, ist dankbar, wenn sie ein Telephon zur Hand hat! Die Türmerin stand enttäuscht; sie rückte an ihrem Hütchen, das der Mode von vor drei Jahren entstammte, und (jing. Die Arbeiter klopften eine ganze Woche lang in der Wohnung umher, und selbst während der Nacht hörte die Türmerin überall klopfen und fürchtete sich, und auch Paulas schlief schlecht und warf sich im Bett hin und her und schrie laut auf Seltsam ängstlich wurde - 408 — Verantwortlich: Dr. Hans Lhtzrtot. — Druck der BrühL'jchen Äniversitäbs-Luch- und Sterndruckerei. R. Lange, Gießen. streicht immerbar ein Bündel weißer Blüten, die einem Holunderstrauch gehören, der da oben hinter den steinernen Molchen offenbar wachsen muß! Der da am heutigen Tag seine Hellen Dolden herausstreckt ! Und auf einmal sind es schon fünf Buben, die heute nachmittag zum Domkind kommen wollen! Und nach der Prozession schreit der kleine Paulus das Treppenhaus voll: „Mutter, Vater, die Singbuben kommen heute und spielen mit mir!" Da zieht die Mutter bie Brauen hoch, holt aber doch einen Kuchen und kocht Kaffee, und der Vater prägt seinem Sohn die Namen sämtlicher Ortschaften ein, die zu sehen sind, denn die Singbuben sind Schulbuben, und die wollen etwas Gescheites hören, das versteht sich! Sie kamen, fünf an der Zahl, zusamt ihrem König. Die Mutter sieht gleich: das sind vornehmer Leute Kinder; der eine trug ein rohseidenes Matrosenanzüglein. „Wollt ihr die Ortschaften sehen?" „Nein, Frankfurt wollen wir sehen und Paris!" Und sie deuteten alle ans den grünen Hollerbusch, der am Ende des Vienmgsdaches, weit Hinterm Denkmal des hl. Martinas, hervorspitzte übern Buckel eines steinernen Molches. „Wollt ihr Seifenblasen haben?" Der König Saul stand an der Brüstung und machte Seifenblasen, und wenn eine sich am Turm senkte und abjchweifte nach dem Denkmal und am Denkmal anzustosten schien, aber doch weiter sich senkte und bis zum Hollerbusch kam, so folgten die Buben ihr, bis daß sie nicht mehr zu sehen war. „Wollt ihr Kuchen essen,"' Ja, sie wollten essen, und eins, zwei, drei, war der Kuchen all. Und dann warfen sie die Oberkörper wieder über die Brüstung und bliesen des Königs Seifenblasen weg, daß sie hinabfliegen sollten nach dem versteckten Holunderbusch. Dem König Saul aber näherte sich aus der warmen Luft ein kleiner Flieger, der ihn übet die Maßen entzückte: ein mit einem Fallschirm versehenes Samenkorn eines Löwenzahns. Es schwebte sachte heran und senkte sich an den Fuß des Glases, in dem die Seifenblasen schliefen. „Willst du hier Wurzel schlagen?" fragte der König und blies es davon. Es verschwand, kam aber sogleich wieder hinter der Kreuzblume hervor und senkte sich nun aus die glänzende Türklinke. „Es gibt so viele Plätzchen in Kändeln und Nischen," sagte König Saul, „aber es will halt hier bei uns bleiben!“ „Es weiß gewiß nicht, was es tut," erwiderte die Türmerin, „grad wie unsereiner!" Und sie holte das Pälmchen ans der Stube, von dessen drei Stämmchen eins gestorben war, und der König hob den Samen am Haarschopf und legte ihn auf das einzige bißchen Erde, das in der Turmwohnung zu finden war. Es knickte ein, der Schopf brach ab. „Wieder ein Esser mehr auf dem Turm!" sagte der Türmer. Das sagte er aber nur, weil er das Wasser herausschleppen mußte, denn es hatte lange nicht mehr geregnet. Und wie der König wieder den Strohhalm eintauchte, fing das Domkind laut an zu weinen, denn die Fünf waren verschwunden! Das hatte gar niemand bemerkt! „Immer werden sie ungemütlich, diese Buben," sagte der König, „wenn man gemütlich mit ihnen werden möchte, immer unartig, wenn man ihnen ein Vergnügen bereitet! Hört ihr die Schlingel toben, die im Rhein baden? Dorthin werden sie jetzt stromern! Ich kenne sie!" Dann machte König Saul ein paar so schöne Seifenblasen, daß es eine Lust war, ihnen nachzustaunen! Bis zu den Nestern der Falken stiegen sie empor, eine setzte sich aus den goldigen Uhrzeiger und schien gar nicht platzen zu wollen, eine fiel steil hinab ans Denkmal, umkreiste des Bettlers Haupt, das verkümmert sich zum Heiligen emporreckt, und senkte sich zwischen die Hufe des Pserdes. Just, wie sie da saß, hob sich das Dachfenster unweit des Denkmals, und das rotseidene Matrosenblüslein stieg ans dem Loch, richtete sich auf und lief mit ausgebreiteten Armen auf dem Dachfirst hin bis zum Hollerbusch, hockte sich auf den Buckel des Molches und saß da. Und aus dem Dachfenster fliegen noch vier solcher Lausbuben, breiteten gleich Seiltänzern die Arme aus und liefen dahin zu den Molchen — einer riß an dem Busch, konnte ihn aber nicht entwurzeln. • Der Kapellmeister pfiff durch die Finger, wie die Sackträger tun, aber die Buben hörten das nicht. Der Türmer holte fein Sprachrohr und stieß ihnen zu: „Bleibt auf demselben Platz sitzen, die Gefahr ist groß, es kommt sofort Hilfe!" Doch bis der Türmer unten hin kam, waren die Buben nicht mehr zu sehen; König Saul suchte in der Stabt den, der am nächsten wohnte, auf: er hatte den Arm gebrochen! „Nun, weun's sogst nichts ist," sagte der König Saul, „so wollen wir von Glück sagen!" Doch stand diese Geschichte in den Zeitungen, und noch am selben Tag wurde unten an die Turmtür vom ©lortaengel ein Zettel angeschlagen: daß Kinder den Turm nicht mehr, auch nicht in Begleitung von Erwachsenen, betreten dürften! Die Türmerin aber sagte zu ihrem Mann: „Wer ist nun schuld daran, daß keine Kinder mehr zu unserm Kinde dürfen?" „Als ob früher Kinder heraufgekommen wären zn unfernt Kind antwortete der Vater und ging auf den Speicher. (Sortierung folgt.) das Kind während dieser Tage Es hatte bei den Arbeitern viel zu sehen, durfte mit ihren Hämmern spielen, durste Nägel einltopfen und die Drähte ziehen, aber wenn dtc Männer fort waren, fürchtete es sich vor den Drähten. Es blieb nicht allein in der Stube; wenn die Mutter auf den Speicher ging, Holz oder Wüsche zu holen, so lief es hinter ihr drein. Durch die Küche führte das Seil der kleinen Aveglocke — tarn oben durch die hölzerne Decke herein und schlüpfte durch den ftei- nernen Fußboden wieder hinunter — und vor diesem fürchtete sich das Domkind auf einmal, berührte es nicht, ging nie allein in die Küche. Und wenn das Aveglöcklein zu läuten begann, fo daß das Seil hin und her schwang, so lies das Kind schreiend aus der Küche fort, und ine Mutter konnte sich nicht erklären, rote das kam Auch wenn es auf dem großen Speicher die Glockenseile hängen sah, war das Kind merkwürdig erregt. König Saul spielte gar zu gprn auf dem Speicher; tollte auf der Wölbung empor, indem er sich seiner ganzen Lange nach an den vorstehenden Steinen hinanzog, schwang sich von einem Balken zum andern und jauchzte dabei rote ein Gassenbub. Er zog die Soutane aus, nahm Paulus rittlings auf den breiten Rucken, erhob die langen Arme hinauf ins Gebälk, als könne er, wenn er wolle gleich dem starken Simfon das ganze Bauwerk zufammen- purzeln lassen. Wenn bann die vielen schwarzen Löckchen seines breiten Kopfes, die ganz ineinander verkräufelt waren, den Staub von den Balken bürsteten, so daß der Staub im Sonnenlicht in breiten Strömen gegen die Schallöcher wirbelte, so lachte das Kind unbändig. Doch siel dem König auf, daß es immer seltener so unbändig lachte! Und als der König Saul wieder einmal so toll hin- und her- schaukelte und von einem Batken zum andern flog, fing bas Kind an zu schreien und lief davon. Der König aber erfährt noch In derselben Stunde, woher die Angst kam: der Gloriaengel hak dem Kind von einem Glöckner aus Parts erzählt, der sich an einem Glockenfeil aufgehängt habe! Da seien die Buben im Dunkeln ms Glockenhaus geraten, um zu läuten, und als sie die Stränge hatte ergreifen wollen, hätten sie die Arme eines Toten gepackt und seins kalten Hände! Narr, dieser Gloriaengel!" sprach der König Saul und rannte sogleich hinab und untersagte dem Alten solcherlei Geschwätz! Und zu den Türmersleuten sprach er dies: Kinder gehören zu Kindern! Entweder ihr schafft ettch noch etliche an, oder ich muß meine Singbuben manchmal heraufjagen!" „Aber keine Maurerskinder," ertviderte die Türmerin, und der König Saul schivieg. Auch der Türmer schwieg. Am Fronleichnamstag wurde der König Saul schön überrascht von seinem kleinen Freund! Er kommt da des Morgens vor der Prozession in die Sakristei, wo seine Sängerschar schon beisammen steht, und mitten unter den Buden erblickt er Paulus Moguntius Nikolaus im Purpurkleid, wie's die Singbuben tragen - aber der Rock schleift ihm über die Füße hinweg! Hat auch em Käppchen auf aus Purpur, das ihm bis über die Ohren geht, und Handschuhe aus Purpur und ein blütenweißes Chorhemd, bas in tiefen Falten flattert, sobald sich Paulus bewegt! Hundert Buben, alle gleich ihm gekleidet, halten ihn in ihrer Mitte und wollen ihn nicht mehr hergeben! Hahaha! lacht der König in seine Bubenschar und schüttelt den mächtigen Kopf, was heißen sollte: nein, mitgehen darf der kleme Sänger nicht! Jedoch die Buben binden mit einer Schnur den Purpurrock in die. Höhe, nehmen das Käppchen von seinem Kopf, und nun muß Paulus dem König in die Hand versprechen, daß er bet der Prozession artig sein wolle und um feinen Preis mitsingen dürfe... und heidi, ging's in großem Schwarm durchs Hauptportal des Mittelschiffes unmittelbar hinter den Himmel, unter dessen goldenen Stangen der andere Taufpate die hochheilige Hostie trägt in der Monstranz. Die Prozession zog durch die alten Gassen rings um den Dom, die dem Kapellmeister so vertraut waren, und die bunte Schar der hundert Waffenträger des Königs sang begeistert zu ihrem Führer auf, die Sonne prasselte dazwischen. Glocken, Glöckchen, Fichtenkränze, Blumen, brennende Kerzen und Heiligenbilder aller Art! Er selber, der lebendige Turm, aus dessen Herz und aus dessen Hand so viel heilige Fröhlichkeit in die Gassen sich ergoß, trug das feierlichste Chorhemd, das man je gesehen, und er strahlte, strahlte! Paulus schwieg, wenn gesungen wurde, schwatzte aber, wenn geschwiegen wurde, und guckte zum schwarzlockigen Turm hinauf, und mehr noch zum wirklichen Domturm, ob nicht seine Mutter mit einem weißgelben Fähnlein winke! Doch such da einer ein winziges Fähnlein, wenn die sechs Türme allesamt mit ungeheuren Fahnen besteckt sind, die in dem leichten Morgenwind in mächtig ausladenden Schwingungen dahin itnd dorthin wehen und selbst die Schallöcher verdecken und den Turmhahn! Einmal bückt sich der Musikantengeneral nieder: zu lauschen, was das Domkind so eifrig plaudert, und er hört, wie es sagt: „Aber ihr müßt auch bestimmt kommen! Wenn ihr nicht kommt, sag ich's dem König Saul!" Da lachte der Musikantengeneral, und viele Buben lachen laut mit, obgleich das doch verboten ist! Und wie die Prozession alsdann am südlicheti Querschiff den Dom- täben entlang zieht, flabbt eine Fahne am Giebel herunter und be