Gießener Kmilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang ^926 Dienstag, -en 2|. September Nummer 76 Ein Pilgrim. Von Conrad Ferdinand Meyer. 's ist im Sabinerland ein Kirchsntor — mir war ein Reisejugendtag erfüllt — ich saß auf einer Bank von Stein davor, in einen langen Mantel eingehüllt, aus dem Gebirge blies ein harscher Wind — vorüber schritt ein Weib mit einem Kind, das, zu der Mutter flüsternd, scheu begann: „Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!" Mir blieb das Wort des Kindes eingeprägt, und wo ich neues Land und Meer erschaut, den Wanderstecken neben mich gelegt, wo das Geheimnis einer Ferne blaut, ergriff mich unersättlich Lebenslust und füllte mir die Augen und die Brust: hell in die Lüfte jubelnd rief ich dann: „Ich bin ein Pilgerim und Wandersmann!" Cs war am Corner- oder Langensee, auf schlichter Tiefe trug das' Boot mich hin entgegen meinem ew'gen, stillen Schnee mit einer anderen lieben Pilgerin — rasch zog mir meine Schwester aus dem Haar, dem braungelockten, eins, das silbern war, und es betrachtend seufzt' ich leis und sann: „Du bist ein Pilgerim und Wandersmann!" Mit Weib und Kind an meinem eignen Herd in einer häuslich trauten Flamme Schein dünkt keine Ferne mir begehrenswert. So ist es gut! So sollt' es ewig sein ... Jetzt fällt das Wort mir plötzlich in den Sinn der kleinen furchtsamen Sabinerin, das Wort, das nimmer ich vergessen kann: „Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!" Dichtung und Wahrheit über Trenckr. Von Friedrich v. Oppeln-Bronikowski. Gleichzeitig erschienen auf dem Büchermärkte zwei Werke, ein Trenck-Roman von Bruno Frank (E. Rowohlts Verlag, Berlin) und eine geschichtliche Untersuchung „Friedrich der Große und Trenck" (A. W. Hayns Erben, Berlin) von dem bekannten Friedrichsorscher G, B. Volz. Beide kreuzen sich wie feindliche Schwerter. Der Roman, zweifellos von einem starken Talent geschrieben, süßt auf Trencks „Merkwürdiger Lebensgeschichte während die Untersuchung von Volz, dem ersten, jetzt lebenden Kenner der Geschichte Friedrichs des Großen, dieser lange für wahr gehaltenen Legende ein Ende bereitet. Man kann von einem Dichter nicht fordern, daß er sich auf mühsame Quellenforschungen einlüßt, die einen angesehenen Fachmann erst jetzt zu entscheidenden Ergebnissen geführt haben, aber vermutlich hätte er seinen Roman anders geschrieben oder ihn wohl gar ungeschrieben gelassen, hätte er die Arbeit von Volz gekannt. Man kann Franks Roman also nur als Phantasieschöpfung lesen, d. h. mit dem Bewußtsein, daß er der geschichtlichen Wirklichkeit nicht entspricht. Der künstlerische Genuß kann deswegen immer noch groß fein: Lassen wir uns doch auch von Schillers „Don Carlos" begeistern, obwohl wir wissen, wie unhistorisch der Held und sein Gegenspieler, König Philipp, darin gezeichnet sind, und daß von einer Liebe des Prinzen zu seiner Stiefmutter nicht der Schatten eines Beweises besteht. So erscheint auch Franks Held, Trenck, und sein Gegenspieler, König Friedrich, in dem falschen Lichte, das jener durch seine sensationelle Lebensgeschichte verbreitet hat, und von dem Kernstück seines Romans, dem Liebesverhältnis des Gardekornetts v. d. Trenck mit des Königs Schwester, der schönen Prinzessin Amalie, gilt fast das gleiche wie von Don Carlos' Liebe zur Königin. Gehen wir an der Hand des Buches von G. B. Volz etwas näher darauf ein! Friedrich Freiherr v. d. Trenck wurde am 16. Februar 1726 in Königsberg als Sohn eines preußischen Generals geboren, der zwei Wochen vor dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. starb. Sein Sohn wurde am 1. Juni 1741 an der Universität Königsberg immatrikuliert. In seiner Lebensgeschichte behauptet er freilich, er sei schon im Juni 1740, als Friedrich der Große zur Huldigung Preußens dort eintraf, Student gewesen und dem König „von der Universität als einer der geschicktesten Zöglinge vorgestellt worden". Hier beginnt also bereits der „Roman"! Nicht besser steht es um Trencks Angabe über feinen Eintritt ins preußische Heer, der „anno 1742" erfolgt fein soll. Der König, so erzählt er, hätte ihn als Kadetten bei der Garde du Corps in Potsdam angestellt und ihn schon nach sechs Wochen zum Kornett befördert, da er eine Prüfung mit Glanz bestanden habe. Fortan hätte er sich als Soldat so hervorgetan, daß er schon im August 1743, als achtzehnjähriger Kornett, dazu ausersehen war, „der schlesischen Kavallerie die neuen Manöver zu lehren". Mehr noch, er soll alsbald Aufnahme in Friedrichs geistreiche Tafelrunde gefunden haben, und „Voltaire, Maupertuis, Jordan, La Mettrie und Bellnitz wurden feine Freunde". In der Tat ist Trenck schon vier Wochen nach seinem Eintritt ins Heer Kornett geworden, aber das war erst am 2. August 1744, und er hat weder Voltaire, der nur 1743 und 1750 in Potsdam weilte, noch Maupertuis und La Mettrie kennen gelernt, die erst 1745 bzw. 1748 dorthin übersiedelten. Trenck ober rückte schon vierzehn Tage nach seiner Beförderung (15. August 1744) ins Feld und kehrte nicht nach Potsdam zurück. Am 4. Juni 1745 machte er die Schlacht bei Hohenfried berg mit, aber schon am 28. Juni wurde er auf Befehl des Königs in Glatz gefangen gesetzt, weil er einen verdächtigen Briefwechsel mit seinem auf Feindesseite kämpfenden Vetter, dem Pandurenobersten v. d. Trenck, führte. Trotzdem will er noch die Schlacht bei Soor (30. September) als Adjutant des Königs mitgemacht haben: die Schilderung dieser Schlacht ist denn auch begreiflicherweise ganz anders ausgefallen, als sie sich in Wirklichkeit zugetragen hat! Nach alledem kann man über die Unglaubwürdigkeit seiner Angaben nicht im Zweifel sein. Das trifft vor allem für seine Liebschaft mit der Prinzessin Amalie zu, die nach seiner Darstellung der wahre Grund für seine Gefangensetzung in Glatz und sein späteres Martyrium in Magdeburg war. Nach seiner „Lebensgeschichte" lernte er die Prinzessin bei der Vermählung ihrer Schwester Ulrike mit dem schwedischen Thronfolger kennen, die am 17. Juli 1744 stattfand. Nach der Hochzeit will er die Neuvermählte als Ehreneskorte bis Stettin begleitet haben, wo man am 28. eintraf. Vierzehn Tage darauf rückte er, wie schon gesagt, ins Feld. Für diese Liebschaft, die sofort ernst wurde, bleibt also nur eine Zeitspanne vom 17. bis 26. Juli und vom 1. bis 14. August 1744 übrig, bestenfalls drei Wochen, während Trenck in der ersten Fassung seiner „Lebensgeschichte" „von den dreijährigen Begebenheiten des Ritters Robinson auf der Spreeinsel in Berlin" fabelt. Nur der König soll darum gewußt, ober „gnädig lächelnd" Pardon gegeben haben, wenn er erfuhr, daß der Kornett ohne Urlaub nach Berlin ritt, bis er sich eines Tages anders besann und ihn einkerkern ließ . . . Diese ganze Geschichte klingt so unwahrscheinlich, daß sie kaum einer Widerlegung bedarf. Als Gefangener in Glatz will Trenck dann mit Amalie in Korrespondenz geblieben sein, aber er gibt nur da? Bruchstück eines Briefes von ihr wieder, worin es heißt: „Dies ist mein letzter Brief; ich darf nichts mehr für Sie wagen." Erst Ende 1746 gelang es ihm, gemeinsam mit dem wachthabenden Offizier zu fliehen. Beide wurden durch Kriegsgerichtsurteil vom 12. April 1747 als Deserteure „aller Ehren und Würden für verlustig erklärt" und ihr Bild am Galgen angeschlagen. Zugleich wurde Trencks Gut in Ostpreußen beschlagnahmt und erst 1752 feinem Bruder auf dessen Antrag zurllck- erstattet. Trenck hatte sich inzwischen nach Rußland, bann nach Oesterreich gewandt, um die Erbschaft feines inzwischen verstorbenen Vetters, des Pandurenoberften, anzutreten. Erft 1750 suchte er seine Begnadigung in Preußen zu erwirken. Der König war geneigt, ihm zu verzeihen, wenn er versprach, still in Ostpreußen zu leben und sich nie mehr um eine Anstellung im Heere zu bewerben. Trenck versprach das auch, erfüllte diese Bedingung ober nicht, blieb vielmehr in Oesterreich und trat als Rittmeister in ein ungarisches Kürassierregiment ein. 1754 erschien er in der Freien Stadt Danzig, um die Erbschaft seiner inzwischen verstorbenen Mutter zu ordnen. Hier wurde er auf Antrag der preußischen Regierung verhaftet und als Deserteur nach Magdeburg gebracht. Oesterreichische Vorstellungen und Proteste blieben erfolglos, ja, sie verschlimmerten die Sache noch, do beide Höfe — zwei Jahre vor dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges — auf gespanntem Fuße standen. Man kann über diese Härte erstaunt [ein, aber das kriegsgerichtliche Urteil bestand noch zu Recht, und statt die erbetene Rehabilitierung in die Tat umzusetzen, war Trenck in die Dienste von Preußens erbittertem Gegner getreten. Seine immer härtere Behandlung in Magdeburg aber hatte er sich allein ziizuschreiben, denn er machte mehrere Fluchtversuche, bestach Soldaten, und erhielt auch während des Krieges die Verbindung mit Oesterreich aufrecht. Er wurde in einem Kerkerloch der Sternschanze in Ketten gelegt, um sein abermaliges Ausbrechen zu verhüten. In feiner Gefängnisbibel hat er — mit feinem Blut und mit Hilfe von Holzstückchen — seine Listen und Leiden ausgezeichnet; dies traurige Tagebuch, schon früher veröffentlicht, aber längst vergriffen, hat G. B. Volz in seinem Buche ab- - 302 gedruckt. Erst 1763, nach dem Hubertusburger Frieden, wurde Trenck aus Fürbitte Maria Theresias freigelassen unter der Bedingung, die preußischen Lande zu meiden. Er selbst hat diese Freilassung der Prinzessin Amalie zugeschrieben, aber die von Volz veröffentlichten Akten zeigen deutlich,' daß sie lediglich der Fürsprache der Kaiserin danken ist, mit der Friedrich sich nach sieben furchtbaren Kriegs- pchren wieder aussöhncn wollte. Dhir ein Umstand scheint für das Bestehen näherer Beziehungen Trencks zu Amalie zu sprechen: daß er ihr in Magdeburg einige Gedichte und einige der berühmten Zinnbecher gewidmet hat, die er in seinem Kerker verfertigen durfte. Aber solche Gedichte, flehentliche Bitten um Fürsprache beim König, hat Trenck ebenso an die Königin, an andere Mitglieder des Königshauses und an fürstliche Personen gerichtet, und ebenso hat er der Königin und anderen Personen (z. B. Poellnitz) eine Anzahl der von ihm mit einem Nagel gravierten Becher gewidmet. Die ganze königliche Familie befand sich nämlich seit der Katastrophe von Kunersdorf dauernd in Magdeburg, da das offne Berlin stets gefährdet war, und fo ist es nicht erstaunlich, daß Trenck sich an sie gewandt hat. Aus dem Tagebuch der Prinzessin Heinrich wissen wir sogar von einem Besuch in der Sternschanze (1759), wo auch der General v. Walrawe, der Erbauer der Festung Magdeburg, wegen Hochverrats eingekerkert war, aber von Trenck ist weder in dieser Aufzeichnung, noch in dem Briefwechsel der königlichen Familie die Rede. Auch das fällt gegen seinen Liebesroman ins Gewicht. Was aber hat Trenck bewogen, sich der Liebe der Prinzessin zu rühmen? Die Antwort ist leicht zu finden: er wollte sich aus einem, wegen unerlaubter, vermutlich hochverräterischer Verbindung mit dem Feinde verhafteten, als Deserteur verurteilten und entehrten Oiffzier zum Märtyrer der Liebe stempeln, sich aus seiner Unehre einen Ruhmerkranz zu flechten. Eine Lüge aber zog die andere nach sich: er fälschte Daten, spielte sich als Günstling des Königs auf, behauptete, als achtzehnjähriger Fähnrich zum Lehrmeister der preußischen Kavallerie erkoren zu sein, und während er in Glaß gefangen saß, als Adjutant des Königs die Schlacht bei Soor mitgemacht zu haben. Hat man ihn aber erst bei zwei oder drei solcher Unwahrheiten ertappt, so glaubt man auch nicht an seine große Liebe zu der Schwester des Königs, für die nur eine Frist von knapp drei Wochen gegeben ist. Erst für weit spätere Zeiten ist ein persönliches Verhältnis zwischen der Prinzessin und Trenck nachweisbar: 1771 erklärte sie sich in einem von ihr unterschriebenen Kanzleibrief bereit, die Patenschaft für Trencks zweite Tochter anzunehmen. Aber das war gewiß nur menschliches Rühren mit dem einstigen Gefangenen der Sternschanze; vermutlich sprachen auch persönliche Beziehungen zu Trencks Gattin mit, die zu den ersten Familien von Aachen zählte, wo Amalie 1763/64 Jahr und Tag zur Kur geweilt hatte. Im März 1789 hat Trenck die Prinzessin dann noch einmal gesehen. Nach seiner Angabe trug sie ihm damals auf, seine Frau und seine zwei ältesten Töchter zu Besuch nach Berlin zu schicken. Wahrscheinlich wollte sie sich einfach ihres Patenkindes annehmen. Da sie aber ein paar Tage darauf starb, vereitelte ihr Tod, wie Trenck mit dürren Worten sagt, „die Hauptabsicht seiner Reise". Zum Dank für Amaliens Güte gab er nunmehr — im dritten Bande feiner „Merkwürdigen Lebensgeschichte" — ihren Namen preis, den er bisher in ein Geheimnis gehüllt hatte. Die Tote konnte ihn so wenig Lügen strafen wir ihr Bruder Friedrich, der ein halbes Jahr vor ihr gestorben war! Mit diesem häßlichen Streich eines sensationslüsternen Schriftstellers endete seine „große Liebe". Zwei Jahre daraus stürzte er sich wie sein Landsmann, der phantastische Weltverbesserer Baron „Anacharsis Cloots" (Klotz), in den Strudel der französischen Revolution, und beide Abenteurer endeten in der Schreckenszeit unter der Guillotine, Trenck am 25. Juli 1794 wegen Spionageverdachts. Auch wenn man die scheußliche Justiz der Schreckensmänner noch viel tiefer stellen muß, als die dynastische Kabinettsjustiz des 18. Jahrhunderts, so bleibt es doch eigenartig, daß der gleiche Verdacht verbotenen Verkehrs mit dem Feinde, die ihn nach Glaß und Magdeburg gebracht hatte, ihn auf dem Schnffoit enden ließ. Das Nullelement. Von Professor Dr. K ii st e r m a n n. Die heutige Atomphysik bietet Wunder über Wunder. Aus zwei winzigen Bausteinen, den positiven Elektrizitätseinheiten, auch „Protonen" genannt, und den negativen Clekirizitätsteilchen, den Elektronen, baut sie die ganze vielgestaltige Welt der chemischen Atome und damit überhaupt der Materie, des Stoffs auf. Einen vollkommen neuen, dabei freilich doch naheliegenden, aber in seinen Auswirkungen weittragenden Gedanken äußerte hierzu kürzlich Professor von Antropoff in Bonn. Während nämlich die bisherige Physik annahm, daß die negativen Elektrizitätsteilchen eines Atoms immer um die positiven umlaufen müßten, stellt von Antropoff die Theorie auf, daß auch eine völlige Vereinigung der beiden Vorkommen könne. Bei saft allen Atomen trennen sich gelegentlich die Elektronen vom Kern, was der Physiker „Ionisation" nennt. Besonders häufig kommt dies in den höchsten Schichten der Atmosphäre vor, weil sie der stärksten Bestrahlung ausgesetzt sind und zudem überwiegend oder vollständig aus dem sich besonders leicht ionisierenden Wasserstoff bestehen. Nähern sich nun umgekehrt ein auf diese Weise getrennter Kern und ein Elektron, so wird in der Regel das vollständige Wasserstoffatom wieder entstehen, indem das Elektron um den Kern umzulaufen beginnt. Nach Antropoff kann es nun aber gelegentlich vorkommen, daß Kern und Elektron geradewegs aufeinander zustürzen und sich vollständig miteinander vereinige». Diese Annahme würde nun freilich ziemlich müßig [ein, wenn sie nicht zur Erklärung bekannter Tatsachen diente. Nähert sich ein Elektron dem Atomkern, so entsteht nach den Anschauungen der heutigen Physik eine Strahlung, und zwar eine um so kurzwelligere, je mehr sich das Elektron dem Kern nähert. Die kurzwelligste Strahlung muß also entstehen, wenn sich das Elektron dem Kern nicht nur nähert, sondern sich völlig damit vereinigt. Eine solche Strahlung ist nun in der Tat bekannt. Seit einigen Jahren nämlich erregt es in steigendem Maße die Verwunderung der Physiker, daß in den höchsten Atmosphärenschichten eine ganz besonders kurzwellige und infolgedessen außerordentlich durchdringende Strahlung besteht. Die Herkunft der Strahlung blieb trotz mancher Mutmaßungen dunkel. Aber sie erklärt sich in der Tat ganz einfach, wenn man sie sich als die Folgeerscheinung der Vereinigung von Proton und Elektron vorstellt. Es ist leicht einzu- sehen, daß diese in den höheren Atmosphärenschichten, die denn ja auch der Sitz der Strahlung sind, besonders häufig sein müssen. Eine solche Vereinigung von Proton und Elektron wurde die einzige Ausnahme von der allgemeinen Regel fein, daß in den Atomen der leere Raum bei weitem Überwiegt. Da der Raum, den fönst die Atome — in diesem Fall die Wasserstoffatome — einnehmen, dabei in Wegfall kommt, die Masse der Atome aber bleibt, so kann man sich vorstellen, daß ein so vereinigtes „Nullelement" von einer geradezu ungeheuerlichen Dichte sein muß. Im Wasserstoffatom ist der Halbmesser der Bahn des umlaufenden Elektrons mindestens hunderttausendmal so groß, wie der Halbmesser des Elektrons selbst und jedenfalls viele Millionen mal so groß wie der Kern. Fällt dieser außerordentlich große leere Raum weg, so ist das verhältnismäßige Gewicht des nunmehr entstehenden Atoms ganz ungeheuer viel größer als das des Wasserstoffatoms. Nehmen wir an, daß die vereinigten Atome den Raum unmittelbar dicht ausfüllen, so würde ein Kubikmillimeter dieses Stoffes viele Tonnen wiegen. Weil nun aber diese Atome aus den angeführten Gründen von einer kaum vorstellbaren Kleinheit sind, so muß man annehmen, daß sie das für sie äußerst grobmaschige Netz der andern Atome glatt durchdringen können. Daß dies z. B. die Elektronen tun können, ist längst bekannt; sie dürfe» aber durch ihre hohe elektrische Ladung immerhin »och eher aufgehalten werden, als unsere elektrisch neutralen Atome. Diese unterliegen nun, da sie ja elektrisch neutralisiert sind, keinerlei elektrischen Kräften mehr und werden also in der Sage fein, ungehindert andern Kräften, vor allem der Schwere, zu folgen. Wegen ihres außerordentlichen Durchdringungsvermögen, werden sie sich also im Innern der Weltkörper ansammeln. Nun ist seit etwa einem Jahr eine Theorie ausgestellt, nach der manche Himmelskörper, wie namentlich der Begleiter des Sirius, eine Dichte haben sollen, die durchschnittlich 50 OOOmat so groß ist wie die des Wassers, so daß ein Kubikzentimeter gerade ein Zentner schwer märe. Die Annahme einer solchen Dichte war bisher für die Atomphysik äußerst schwierig, weil die Untersuchung des Spektrums des Himmelskörpers zeigte, daß er aus den uns wohlbekannten Stoffen besteht, deren Dichte sich nach allen unseren sonstigen Kenntnissen in durchaus bürgerlichen Grenzen hält. Nach der neuen Theorie aber würde ein Kern von einigen Kilometern Ausdehnung, der von solchen Nullatomen angefüllt wäre, vollauf genügen, feine ungeheure Masse zu erklären. Die oberflächlichen Schichten, in denen ja das von uns untersuchte Spektrum entsteht, könnten dabei die ganz gewöhnliche Dichte haben. Der Ausdruck Nullatom würde sich vielleicht deswegen empfehlen, weil wir die übrigen Atome nach der freien Ladung des Kerns zählen. Wir schreiben z. B. dem Gold die Nummer 79 zu, da sein Kern 79 Elektrizitätseinheiten hat; das neue Atom aber besteht aus einem Kern mit der Ladung Null, weil sich die entgegengesetzten Einheiten des Protons und Elektrons darin aufheben. (Bludt als Mensch. Von Romain Rolland. Dieser Effah ist ein Teil eines großen Kapitels über Gluck aus dem Werk Romain Rollands „Musiciens d’autrefois". Glucks Gestalt ist uns aus den schönen Porträts seiner Zeit bekannt: aus der Büste von Houdon, aus einem Gemälde von Du- pleffis und aus verschiedenen schriftlichen Berichten, wie Bemerkungen aus den Satiren 1772 von Burney in Wien, 1773 von Christian von Männlich in Paris, 1782 oder 1783 von Reichard! in Wien. Gr war groß, grob, sehr kräftig, korpulent, ohne fettleibig zu sein, von muskulösem und stark untersetztem Körperbau. Er hatte einen runden Kopf, ein langes rotes Gesicht mit zahlreichen Blatternarben, braune, gepuderte Haare, kleine, graue, sehr glänzende, tiefliegende Augen, einen klugen und harten Blick. Die Augenbrauen waren in die Höhe gezogen, die Rase war dick, die Wangen, das Kinn und der Hals waren fleischig. Einige seiner Züge erinnern etwas an die Beethovens und Händels. Er hatte eine kleine und rauhe Stimme, die aber sehr ausdrucksvoll war, wenn er fang. Sein Klavierspiel war heftig und hart, er bearbeitete bas Instrument, rief aber darauf orchestrale Wirkungen hervor. In Gesellschaft war er anfangs geschraubt und feierlich. Aber bald brauste er auf. 'Burnet), der Händel und Gluck kannte, vergleicht ihre Charaktere und sägt: „Gluck ist von ebenso wilder Ge- 803 mütsart, wie Händel es war, vor dem, wie man weiß, jeder Angst hatte? Er war unbefangen und reizbar und vermochte fich nicht an die Regeln der Gesellschaft gewöhnen. Rücksichtslos nannte er die Dinge beim Ramen, und Christian von Männlich berichtet, daß er zwanzigmal am Tag an den Leuten, die sich ihm näherten, Anstoß nahm. Gegen Schmeicheleien war er unempfindlich, aber er bewunderte selbst seine eigenen Werke mit Begeisterung. Dies hinderte ihn jedoch nicht, sie ganz genau zu prüfen. Er liebte nur wenige Menschen: seine Frau, seine Nichte, seine Freunde. Er zeigte jedoch keinerlei Zärtlichkeiten noch etwas von falschen Sentimentalitäten seiner Zeit. Jede Aebertreibung war ihm verhaßt, und er schonte auch seine Familie nicht. Er war jovial und gutmütig und nach dem Trinken vergnügt. Er war übrigens ein großer Trinker und starker Effer, was einen tödlichen Schlagfluß zur Folge hatte. Er heuchelte nicht den Idealisten. Er gab sich weder über Menschen noch über Dinge Illusionen hin. Er liebte bas Geld und machte keinen Hehl daraus. Er besah eine gute Dosis Egoismus. Christian von Männlich sagt: „Dor allem bei Tisch zeigte sich dieser Egoismus, da er annahm, ein natürliches Recht auf die besten Biflen zu haben." Mit einem Wort: ein rücksichtsloser Mensch, in keiner Weise, ein Weltmann, gar nicht sentimental, sah er das Leben, wie es ist. Er war dazu geschaffen, darin zu känpfen, sich wie ein Eber auf die Hindernisse mit groben Ausfällen zu stürzen. Wenn man noch hinzufügt, daß er auch außerhalb seiner Kunst von nicht alltäglicher Begabung war, daß er, wenn er gewollt hätte, in der Literatur ein weit über dem Durchschnitt stehender Künstler hätte sein können, und daß er sich seiner Feder mit einer ironischen und scharfen Laune bediente, die die Pariser. Kritiker zu Boden schlug und La Harpe zerquetschte, dann spürt man, wie sehr er für die Rolle eines Kämpfers und Revolutionärs geschaffen war. Und tatsächlich lebte in ihm ein wahrer Revolutionär, der keine Aeberlegen- heit außer der des Geistes zuließ. Kaum in Paris angekommen, behandelte er den Hof und die Pariser Gesellschaft, wie niemals noch ein Künstler es gewagt hatte. Selbst bei der Premiere seiner Iphigenie en Aulide wozu der König, die Königin und der Hof eingeladen waren, erklärte er im letzten Augenblick, daß die Vorstellung nicht stattfinden würde, und er ließ sie den Sitten und Gebräuchen zum Trotz aufschieben, weil er fand, daß die Sänger nicht genügend vorbereitet waren. Er hatte einen Streit mit dem Fürsten d'Henin, den er in einem Salon getroffen und den zu grüßen er nicht der Mühe für wert gehalten hatte, weil es, wie er sagte, „in Deutschland Brauch sei, sich nur vor den Leuten, die man achtet, zu erheben." And — ein Zeichen der Zeit - nichts vermochte ihn umzustimmen, ja noch mehr, Prinz d'Henin mutzte Glück einen Besuch machen... Er lieh sich von den Höflingen den Hof machen. Bei den Proben machte er es sich in der Nachtmütze und ohne Perücke bequem, und er ließ fich von den Edelleuten wieder ankleiden, die ihm seinen Aeberrock und seine Perücke bringen mußten. Gr schätzte die Herzogin von Kingston sehr, weil sie gesagt hatte, „daß das Genie gewöhnlich eine starke und freie Seele verheiße." Aus all diesen Zügen erkennt man den Mann der Enzyklopädisten, den argwöhnischen Künstler, der auf seine Freiheit bedacht ist, den Revolutionär nach Rousseaus Sinn, das bürgerliche Genie. Woher hatte er diese kraftvolle moralische Anabhängigkeit? Woher stammte er? Aus dem Volke und aus dem Elend, aus einem erbitterten, langen Kampf gegen das Elend. Er war der Sohn eines Jagdauffehers aus Franken. Mitten in den Wäldern geboren, verbrachte er seine Kindheit damit, in den Wäldern frei umherzustreifen, und zwar barfuß auch mitten im Win- ter. In den ungeheuren Wäldern der Fürsten Kinsky und Lobkowitz empfing er die Eindrücke von der Natur, die in seinem ganzen Werke zu spüren sind. Seine Jugendjahre waren hart; mühsam verdiente er fich seinen Lebensunterhalt. Als er zum Studium mit zwanzig Jahren nach Prag zog, wanderte er singend mit seiner Geige von Dorf zu Dorf, um seine Zeche bezahlen zu können, oder er spielte mit seiner Geige den Bauern zum Tanz auf. Trotz der Protektion einiger großer Edelleute blieb sein Leben unsicher und beengt bis zu seinem 35. Lebensjahre, bis zu seiner reichen Heirat im Jahre 1750. Vor dieser Zeit irrt er umher ohne festen Posten, ohne Stellung, durch ganz Europa. Mit 35 Jahren, als er schon vierzehn Opern geschrieben hat, zeigt er sich in Dänemark als Virtuose und gibt Konzerte .... auf der Harmonika. Zwei Dinge verdankt er diesem harten Wanderleben: seine volkstümliche Kraft, jenen hart gestählten Willen, der vor allem bei ihm verblüfft, - und dann, infolge seiner Reisen von London nach Neapel, von Dresden nach Paris, seiner Kenntnis von der Denkungsart und von der Kunst ganz Europas, - einen wirklich enzyklopädischen Geist. Hier ist unser Mann. Hier ist die furchtbare Kriegsmaschine, die fich gegen allen Schlendrian der franözsischen Oper des 18. Jahrhunderts losgelassen fühlte. Wie weit es der Musiker war, den die Enzyklopädisten sichwünschten, geht aus einer dreifachen Tatsache hervor. Die Vorliebe der Enzyklopädisten richtel esich auf die italienische Oper, von deren Zauber das Frankreich von Rameau fich losgelöst hatte, auf die Melodie, auf die von Rousseau geliebte Romanze und auf die französische Komifche Oper, zu deren Gründung sie beige- tragen hatten. Gerade in dieser dreifachen Schule der italienischen Oper, der Romanze oder desLiedes und der französischen Komischen Oper hat sich Gluck gebildet, aus ihr ist er hervorgegangen, als erseine Revolution in Paris begann. Es kann zur Kunst Rameaus nichts Gegensätzlicheres geben. Blut und Elsen. Von Max Cyth. lSHluß.) Druckerschwärze. Auch mir war es nur halb wohl, als ich am nächste» Morgen mit dem ersten Zug nach Alexandrien fuhr. Klarheit wollte ich mir oerschafsen, koste es, was es wolle, und büßen sollte der, der in so schändlicher Weise, mit Lug und Trug, in mein ehrliches Schassen eingrisf. War es Jackson, der Redakteur selbst, so hatte ich ihm mindestens den Kragen umzudrehen. War er es nicht, so mußte er zum Geständnis gebracht werden, wer den Schandartikel geschrieben hatte, dessen schlimme Folgen sich so rasch fühlbar zu machen schienen. Sechs Stunden in einem glühenden Eisenbahncoups zwischen Kairo und Alexandrien, ein Ungarweinfrühstück den Tag zuvor und eine schwergeschädigte große Sache, die gerettet werden mußte — dies alles zusammen gibt eine so warme Mischung, daß meine wiedererwachende, blutdürstige Stimmung vielleicht zu entschuldigen war. Um vier Uhr erreichte ich eine der elenderen Nebenstraßen des Mohammed-Ali-Plaßes und stand in einem dumpfigen, tiefverstaubten Hause vor Jacksons Zimmertüre. Man gelangte an dieselbe durch eine kleine Druckerei, die einer unglaublich schmutzigen, alten Rumpelkammer glich, in welcher zwei müde Setzer über ihren Setzkästen schliefen. Ich kannte den Herrn Redakteur nur oberflächlich, obgleich er mich seit einem Jahre um Abonnements, Anzeigen und Beiträge für sein „Weltblatt des Orients" genügend gequält hatte: ein großer, fetter Mann, der in einem kälteren Klima würdig genug ausgesehen haben würde. Hier machte er den Eindruck eines übervollen Schmalztopfes, den der Zufall zu nahe ans Küchcnfeuer gestellt hatte. Ich legte mein Gesicht in die Falten, die ich dem Umgang mit Beinhans verdanke. Leider fehlte meinem Schnurrbart die erforderlich Länge und die Fähigkeit, an warmen Tagen mit den Spitzen nach oben stehen zu bleiben. Um so ernster war mir's innerlich zumute, als ich klopfte. „Herein!" natürlich auf englisch. Jackson saß matt, in Hemdärmeln und kragenlos in einem gebrechlichen, aber riesigen Bureaustuhl, ein feuchtes Taschentuch über den kahlen mächtigen Schädel geklebt, eine Schere am Daumen hängend, umgeben von einem Gebirg von Papierschnitzeln und drei großen Gummitöpfen. „Was wollen Sie? — Ich schlafe!" stöhnte er, kaum hörbar, während ein imponierendes Schnarchen ruhig weiterarbeitete. Dann wachte er plötzlich auf: „Ah, sehr angenehm, sehr angenehm, Herr Mac Id, Herr Oberingenieur Mac Id aus Schubra! Sehr angenehm. Mit was kann ich dienen? Bitte, nehmen Sie Platz." Er glänzte von fettiger Freundlichkeit. Ich versuchte, ihn mit einem Blick zu vernichten, fand aber, daß man Schmalztöpfe nicht mit Blicken vernichtet. Er lächelte nur um so freundlicher. „Ich komme von Kairo, Herr Jackson," sagte ich herbe, „um ein ernstes, ein sehr ernstes Wort mit Ihnen zu sprechen." „Was Sie jagen!" rief er ganz erfreut. „Nehmen Sie etwas Whisky, oder Brandy gefällig, Herr Mac Id? Beides hier in nächster Nähe." Ich würdigte diesen Bestechungsversuch keiner Antwort. „Kennen Sic dies?" fragte ich mit erhobener Stimm« und zog meine „Times" aus der Brusttasche, die mir schon zum zweitenmal als wirkungsvoller Revolver dienen mußte. Er warf einen schielenden Blick auf das Blatt. Einen Augenblick zuckte es wie ein verlegener Aerger um feine dicken Lippen; dann lachte das ganze rote Gesicht wieder in ungetrübter Fröhlichkeit. „Whisky oder Brandy? sagen Sie, was es sein soll?" rief er. „Meine Zeitung — vom 13. März —" er stockte, nachdenklich — „Aha!" schrie er plötzlich frohlockend: „Der Artikel über Ihren prächtigen Dampfpflug! Gewiß, gewiß — Herr Mac Id" — „Und nun sagen Sie mir, Herr Jackson," fuhr ich mit schwer zurückgehaltener Entrüstung fort, „haben Sie diesen verleumderischen Schandartikel von Bridledrum erhalten? Von Herrn Bridledrum, dem Vertreter der Fabrik Howard in Bedford, oder haben Sie das Zeug selbst gebraut?" „Ha, ha, ha!" lachte er aus vollem Hals, „selbst gebraut! sebr out' — Nein, mein verehrtest«! Herr Mac Id, selbst gebraut habe ich ihn nicht. Wir brauen hier nichts selbst, grundsätzlich. Zeit ist Geld. Wir haben von beiden nichts übrig." Er schwang freudig seine Schere; es war keine schlechte Verteidigungswaffe, wenn unsere Besprechung handgreiflicher werden sollte, was mehr und mehr wahrscheinlich wurde. „So hat Ihnen Bridledrum den Artikel eingesandt!" rief ich hitzig. Also doch! Und Sie haben ihn ohne jede Kritik, ohne alles Verständnis abgedruckt?" „Den Artikel —den Artikel —?" Jackson legte sinnend den Finger an die Nase und schielte wieder nach dem Blatt, das ich auf den Tisch geworfen hatte. — „Bridledrum? — Ja, hat er Ihnen denn nicht gefallen? Alles über Sampfpflüge; über Ihr Werk in Schubra; über Ihre großartigen Erfolge! „Donnerwetter, Herr Jackson!" rief ich in wachsender Erregung über das Schassgesicht, das der Redakteur annahm, wenn er nach- — 304 - zudenken versuchte, „sind St« nicht bei Trost? Der Artikel ist eine infame Verleumdung von A bis Z. Er kann der Sache, für die ich mich abquäle, den größten Schaden tun." „Glauben Sie das nicht! Glauben Sie das nicht!" rief Jackson eifrig. „Kein Mensch liest das Zeugs! Sehen Sie, Sie sind noch jung. Ein Mann voll Enthusiasmus und Feuer und so weiter. Ich bin ein Mann von Erfahrung, der das Leben kennt. Kein Mensch hat den Artikel gelesen, außer Ihnen. Ich gebe zu, das war ein kleines Malheur. Ich glaube, der Artikel war nicht für Sie bestimmt. Aber er ist nicht schlecht, lieber Herr Mac Id: slott geschrieben und anschaulich, daß sogar ich ihn verstand." „Ich lieh' mir ja alles gefallen," sagte ich, etwas besänftigt, „wenn Sie wenigstens jedem der zwei Pflüge die richtigen Zahlen mitgegeben hätten. Aber Sie lassen Howard achttausendsiebenhundert Quadratmeter--" „Ich bitte Sie, das sind Druckfehler!" unterbrach er mich hastig und nun seinerseits nicht ohne einige Entrüstung, „nichts als Druckfehler! Redigieren Sie einmal eine Zeitung bei dieser Hitze! O Gott, ist es heute wieder heiß! Haben Sie schon gebadet? Ich meine draußen in der See?" „Es sind keine Druckfehler!" rief ich mit neuerwachendem Ingrimm. „Die Zahlen sind richtig, aber versetzt. Was Howard geleistet hat, lassen Sie Fowler leisten, und umgekehrt. Da steckt Bridtedrum dahinter, ich nehme Gift darauf!" „Nehmen Sie kein Gift, Verehrtester: höchstens in dieser ziemlich harmlosen Form." Er füllt« zwei Gläser mit goldgelbem irischen Whisky und sehr wenig Wasser. „Bridledrum hat mit dem Aufsatz nichts zu tun," fuhr er dann mit der größten Ruhe fort, wie wenn wir beide freundschaftlich die gleichgültigste Sache besprächen. „Kennen Sie meine Tochter Lucy. Die Hand aufs Herz — Lucy hat ihn geschrieben." Ich starrte ihn ungläubig an. „Ein Goldmädchen, Herr Mac Id, die ihrem alten Papa den • schweren Lebensabend tragen hilft, wie es wenige tun würden. Sie war eine Woche in Kairo und hat im Hotel Shepheard auf der Veranda drei Tage lang dampfgepflügt, mit Schnupftabaksdosen, wie sie mir erzählt. Was weiß ich? Jedenfalls kam sie als völlig ausgebildeter Ingenieur zurück. Ein Goldmädchen! Sie schreibt die meisten Leitartikel in der „Aegyptischen Times", die wir selber brauen, wie Sie es nennen. Sind Sie abonniert? Fritz, der Herr will abonnieren." Einer der verschlafenen Setzer kam herein und notierte Herrn Mac Id oder richtiger Mac Eid, so sehr ich auch versicherte, daß ich ganz anders heiße. In den englischen Kreisen Alexandriens blieb ich von jenem Tage an Mac Eid; selbst in den deutschen zu Kairo begann man sich nach einiger Zeit zu streiten, ab ich berechtigt sei, meinen ehrlichen deutschen Namen zu führen. „Und mm ans Geschäft, lieber Herr Mac Id", rief Jackson mit väterlichem Wohlwollen. „Der Artikel hat Ihnen nicht gefallen. Schön! Ich bin bereit, gutzumachen, was etwa nicht ganz einwandfrei gewesen sein könnte. Hier ist Tinte, Feder und Papier. Schreiben Sie, was Sie wollen. Ich schätze Sie, ich achte Sie hoch, ich druck«, was Sie schreiben. Mehr kann ich wahrhaftig nicht tun." Er hatte so weit recht. Ich setzte mich und schrieb eine kurze Berichtigung, wobei ich nur die Zahlen feststellte, deren Verdrehung mein technisches Rechtsgefühl so tief verletzt hatte. Jackson trank seinen Whisky, mir von Zeit zu Zeit zunickend. Ich gab ihm den Zettel. „Sehr gut! sehr gut! nur etwas zu kurz; wirklich nicht lang genug", meinte er. „Das soll morgen früh vor — beachten Sie wohl, Herr Mac Id, — vor dem Leitartikel über die Lags der konföde- rierten 2(rmee stehen. Lesen Sie den, bitte! Den hat Lucy auch geschrieben. Ich werde nur gewöhnliche Jnseratengebühr berechnen, billigsten Satz. Sehen wir einmal: das macht — er sah jetzt mein Papier mit merklicher Aufmerksamkeit an — das macht etwa zwei- unddreihig Zeilen, sagen wir vierzig; und eine flammende Ueber- schrift, — sie brauchen eine flammende Ueberschrift, fett gedruckt, mit großen Initialen — etwa „Recht muß Recht bleiben", oder „Blut und Eisen", oder „Pflug und Schwert", denn Sie scheinen mir ein Mann zu fein, mit dem nicht zu spaßen ist und dem es nicht darauf ankommt, Blut für sein Eisen zu vergießen, wie Wasser. — Guter Gott, ich glaubte wirklich. Sie wollten mir den Hals ab- schueiden, wie Sie eintraten. — Na, wir verstehen uns jetzt. Wollen Sie tein Klischee darüber setzen? Ich habe ein sehr passendes Klischee: eine Faust, die der ganzen Welt zu trotzen scheint. Für Sie bin ich zu allem bereit. Das dacht zusammen dreißig Schilling; ein Pfund zehn Schilling. Eigentlich würde es das Doppelte kosten, aber für Sie--- Ich legte das Geld auf den Tisch, das Jackson mit einer gewandten Handbewegung und mit der Miene eines Mannes einstrich, der sich nur aus Gefälligkeit mit Kassengeschäften befaßt. In diesem Augenblick öffnete sich die Zimmertüre etwas stürmisch. Eine junge Dame trat ein, mit einem schwarzen Lockenkopf, kohlschwarzen, verständigen, durchdringenden Augen und einem Gesichtchen wie ein kleiner Engel von zehn Jahren. Für einen solchen war sie jedoch viel zu groß, und die Volants ihres Rosakleides — wir lebten in der Krinolinenzeit — füllten das kleine Bureau in beängstigender Weist." Das war Lucy, der Leitartikelschreiber der „2leghptischen Jackson stellte mich vor. 3U1. die hatte ein besseres Gedächtnis als ihr und erinnerte sich der Orangen in meinem Garten. „Und stehst du, me n Liebling," sagte er, „dieser Herr Mac Id ist mit einem Dampfpflugbericht nicht einmal zufrieden gewesen." Sie sah mich mit ihren schwarzen Kinderaugen an, halb neckisch, halb vorwurfsvoll. Ich fühlte, daß meine Lage verzweifelt wurde. f*”W/ mich offenbar nicht ganz richtig verstanden, Sadfon! sagte ich in meiner Not. „Der Artikel war reizend geschrieben, wunderbar sachlich, für eine junge Dame, nur —" „Nun also! Hörst du, Papa?" „Wenn Sie nur die Zahlen —" „Zahlen!" rief sie verächtlich. „Zahlen mache ich immer falsch. Das verlangt auch Papa nicht anders von mir. Kein Mensch ver- w"gt' daß Zahlen richtig sein sollen. Gehen Sie weg!" Ich schwieg vernichtet. Sie lächelte mich wieder an. Es war, wie wenn ein wirklicher Sonnenstrahl von dem Gesichtchen ausginge. Aber das wechselte wie Aprilwetter. „Natürlich, ein eigentlicher gelehrter Dmnpfpflüger bin ich nicht geworden , fuhr sie mit dem niedlichsten Trotz um die purpurnen Sippen fort. „Aber die Aufstellung mit den Tabaksdosen habe ich doch sehr gut begriffen, besser als der alt« General bei Shepheard, der die Sache erst verstand, als ich sie ihm erklärte. Uebriaens, Herr Bridledrum ist sehr viel liebenswürdiger als Sie. Er ist wieder hier, Papa. Er fand meinen Artikel ganz vortrefflich, auch die Zahlen, Herr Mac Id, und hat mir vor einer Viertelstunde eine reizende Brosche geschenkt. Ich kam nur herein, um sie dir zu zeigen, Papa. Entzückend — nicht wahr?" Sie nestelte das Ding von ihrem Kleide. Es war eine kleine Zpymx, von einer gohdenen Adlerklaue gehalten; ein wunderliches -Rodelt. Wir brachen in Bewunderung aus; ihre Augen funkelten vor Vergnügen. Sie war wirklich ein erstaunlich hübsches Kind, trotz der Leitartikel und des entsetzlichen Papas. Muß dieser Bridledrum mir überall in den Weg kommen? . AG raffte mich auf. Wo sollte das hinführen? Ich erinnerte mich an Haberle und seine Mahnung, daß wir in dem Lande wohnten, in dem Joseph und seine Brüder so mancherlei erlebt Waren. Hatte nicht jener wackere Jüngling auch einmal sehr rasch Abschied nehmen müssen? Ich tat das gleiche. Die Kinderaugen wer- folgten mich die elende Treppe hinunter, bis auf den Bahnhof. Doch erreichte ich gerade noch den Rachmittagszug und hattö' Alexandrien hinter mir, ehe ich ganz zur Besinnung gekommen rooe. * * Lösungen. Richt ganz unbefangen ging ich am nächsten Morgen zur ge- wohnlichen Stunde nach dem Palastgarten, um Hakim Pascha i^n Tagesbericht abzustatten. Ich hatte mich unter anderem zu entschuldigen, daß ich seit zwei Tagen nicht erschienen war. Dringende Geschäfte in Alexandrien und anderwärts hätten mich ge« zwungen, den von mir selbst eingeführten Gebrauch dieser Mor- genbesuche zu unterbrechen. Der Prinz war in bester Laune und sehr gnädig. Er habe schon einiges von den kleinen Streichen gehört, die hinter seinem Rücken gespielt worden seien; aber er sei zufrieden, da alles harmlos abgelaufen fei. Mittlerweile habe auch er einiges geleistet: er habe Howards Dampfpflug gekauft. Ich machte das lange Gesicht, das ich mir versprochen hatte, 'hm zu zeigen. „Das verstehen Sie nicht", sagte er begütigend. „Das der Pflug für uns nicht viel taugt, habe ich gesehen. Aber der kleine Bridledrum war unser Gast, und ich wollte unfern Gast, nicf)t mit verdrießlicher Miene ziehen taffen. Sie haben ihn genug geärgert mit Ihren achttausend Quadratmetern. Das war recht und schön, ohne Zweifel. Sie sind ein Europäer. Wir aber, wir hier sind Araber." Er sagte dies mit einer leisen Betonung, die ich heute noch höre. „Uebrigcns brauchen Sie sich keine grauen Haare wachsen zu lassen", fuhr er fort. „Sie schaffen den Pflug nach der Gesira. Dort ist leichter Boden; vielleicht geht es dort besser. Zwei von Ho- wards Arbeitern behalten Sie zur Bedienung des Apparates hier. Es hat mich gefreut, zu sehen, mit welcher Ruhe diese Leute ihre Niederlage Hinnahmen. Sorgen Sie dafür, daß sie nach ihren englischen Gewohnheiten gut untergebracht werden und die Sache in Gang kommt. Ich habe es satt, den Pflug in dem Baumwollfeld stehen zu sehen, wie ein Denkmal unseres Siegestages. 2lbieu!'' Ich war schon an der Treppe, die von dem Gartenpavillon, in welchem diese Morgenaudienzen stattfanden, in den Park Hinabführt. „Und noch etwas!" rief er mir nach. „Der SSyctönig will Sie heute nachmittag sprechen. Kommen Sie um vier Uhr hierher. Ich werde mit Ihnen nach dem 2lbidinpalais fahren und Sie vorstellen. Er will bei Fowler zehn Dampfpflüge bestellen, ober fünfundzwanzig; wie viele, weiß er selbst noch nicht und verlangt Ihren Rat. Passen Sie auf, wenn mein Neffe aufwacht, werden wir etwas erleben!" Zehn Dampfpslüge auf einen Schlag! Als ich hinter dem Banänengebüsch am Fuße der Marmortreppe außer Sicht war, machte ich einen unwürdigen Freudensprung mitten in ein neues Kapitel meines Lebens hinein. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.