Gießener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 Samstag, den 21. August Nummer 67 Die Sphinx von Gifeh. Von Max E y t h. Bor ungezählten Hunderten von Jahren, Als noch das Meer bespülte diesen Sand, Roch ehe Felder, ehe Menschen waren. Lag hier ein Stein im stummen Sonnenbrand; Halb Mensch, halb Tiergebild, fast ohne Glieder Und ohne Antlitz, ohne Fuß und Hand. Ein Rätselwesen, starrte es hernieder Auf einen Urweltskampf voll stummer Wut, Und sah durch hakbgeschloss'ne Augenlider Wohl tausendmal den Sturm der gelben Flut Des Nils, im Ringen mit den Meereswellen, Wo jetzt das stille Grün der Fluren ruht; Und sah das salz'ge Raß in Schaum zerschellen Und aus der Brandung, die der Strom durchbrach. Der Muttererde heil'gen Busen schwellen. — Da riß der Fels dis Augen auf und sprach: „Run will ich nie mehr staunen noch verzagen. Der Friede steigt empor; das Glück ist wach!" Dann schwieg die Sphinx und schwieg seit jenen Tagen, Als wär' sie wirklich Stein. Kein Ohr vernahm Ihr Rufen mehr, in Freude oder Klagen. Doch weiß das Urgebild. wie alles kam: Cs sah die Erde wachsen aus den Wogen Und sah den Nil sie bauen wundersam. Seitdem die Menschen in das Tal gezogen. Hat es ein Antlitz, niemand weiß, woher: Die niedre Stirne, leicht zurückgebogen. Die Augen offen, lichtlos, kalt und leer. Und doch ein Blick, als blieSf* ihm nichts verborgen; Ein Lächeln um den Mund, wehmütig, schwer, Ais ahnte es der Erde Müh' und Sorgen; _ Unb fast, als sucht' es andrer Sonnen Licht, So starrt das Rätsel unverwandt gen Morgen.-- Zu aller Anfang sah das Steingesicht, Wie sich das größte von den Totenmalen Der Weit erhob, und wunderte sich nicht. Daß schweißbedeckt und unter tausend Qualen Lebend'ge Menschen wälzten Stein auf Stein, Um ihre Schuld den Toten zu bezahlen. Dann sah es feierliche Priesterreihn Aus Memphis nahm, mit Opfer und Gebet, Und wunderte sich nicht und ließ es sein. Sie bauten einen Tempei, der noch steht. Dem Rätseiwesen, doch ihr Festgesang Und all ihr brünstig Fragen ist verweht. Dann zog halb lachend und halb toüesbang Vorbei an seines Tempels stummen Pforten Die Griechen Schar in frohem Lebensdrang; Und dann der Römer klirrende Kohorten, Die Herrscherhand vom Blut der Völker rot. Sie fragten nichts. Auch sie sind still geworden; Memphis versank, Kleopatra war tot. — Da stieg im Osten ein leises Flimmern, Der Himmel flammt im Christenmorgenrot. Ein neuer Gott tritt sieghaft aus den Trümmern, Erlösung, Leben strahlt sein Heil'genfchein, Lebend'ge hört man aus den Gräbern wimmern. Um Liebe streitend und um Glauben schrein; Aus Säulen stehn sie betend, Tag und Nacht. Groß ist die Wahrheit, doch der Mensch bleibt klein. Auch Feuer, die der Himmel angefacht, Erlöschen in des Erdenlebens Mühen. — Doch wieder flammt der Ost in roter Pracht. Das ist der Islam. Wenn die Wüsten glühen, Dann brennt die Welt. Hört ihr das Allahrufen? Seht ihr die Tausende den Nil durchziehen? Es bebt die Erde unter Pferdehufen; Sie stoßen eure Kirchenthren ein Und schlagen Zelte auf den heil'gen Stufen. Dann bau'« auch sie, sich Tempel neu zu weihn. Kairos Minaretts und Prachtpaläste Erblickt die Sphinx in schimmernd weißen Rechn Dort drüben. Blumen, Laubwerk und Geäste Verschlingen sich zum Gartenparadies, Im Schutz des Mokattam und seiner Feste. Vergessen ist die Sphinx; der Faden riß; Ein Äug' zertrümmert und ihr Leib begraben; Dem neuen Volk ein Spott und Aergernis. Doch mit dem Äug', das sie vergessen haben Ihr auszuschlagen, sieht sie klar, wie je. Den ew'gen Wechsel aller Schicksalsgaben: Sieht sinken von der stolz orklommnen Höh' Die Wüstenfürsten, und sieht Sklavenscharen Vom rauhen Kaukasus und seinem Schnee Beherrschen die, die einst die Herrscher waren; ■ Sieht lächelnd auch die wilde Sklavenbrut Mit blut'gen Köpfen in die Hölle fahren. Dann eine Nacht, schwarz von ersticktem Blut, Die Welt bedeckend, öd und hoffnungslos, Die halb betäubt in dumpfem Schlafe ruht. Doch wieder dämmert's. Glänzend, hell und groß Steigt diesmal aus dem Westen neues Leben. Ob es der Himmel barg, der Erde Schoß, Der unerschöpfliche, es uns gegeben? Denn schöpfungsartig ist ein Auferstehn, Ein unaufhaltsam mächtig Vorwärtsstreben. Und wunderbare Zauberkräfte wehn Im Sturm durch Wasser, Erde, Lust und Feuer, Wie sie die Menschheit nie zuvor gesehn. Sie fragen nicht, ob es ein Ungeheuer, Ein Himmelswesen, das in ihnen schafft; Sie wissen nur, es ist ein fremder, neuer, Ein unbekannter Geist mit seiner Kraft. Er reißt die alten Welten auseinander Und überbrückt die Meere, riesenhaft. Was nicht ein Cäsar, nicht ein Alexander Sich träumen ließ, sie treiben's wie ein Spiel; Als lehrte sie ein höll'scher Abgesandter Mit Dampf und Feuer stürmen an ihr Ziel. Sie blitzen sich Gedanken zu auf Drähten, Und rauschen aufwärts, bis zum Quell des Nil. Die heil'gen Wasser, die sie mit Gebeten Einst ehrten, führen sie in Kreuz und Quer Bergauf, wenn sie auf Bergesgipfeln säten! Sie dämmen ein, sie graben ringsumher, Und graben selbst das alte Rätselbild, Die tausendjähr'ge Sphinx, aus ihrem Meer Bon Sand. Ihr Lächeln auf den Lippen, mild Und spöttisch steigt sie schweigend aus dem Grunde, Die Züge halbverwittert, wie verhüllt.--- So eines Tags, zu später Abendstunde, Fand ich das Steingebild am Wüstensaum. Als ich allein noch ging die stille Runde Vor meinem Zelt. Kein Halm mehr und kein Baum. Kein Tier, kein Mensch schien nah. Rings Mondeshell« Auf kahlen Hügeln lag die Welt im Traum. Im fernsten Dunste ragt die Zitadelle Kairos dort und seiner Minaretts. In Nebelschleier hüllt des Niles Welle Die Palmenufer des versunknen Betts. Und scharfe Schatten wirft der Pyramiden Schwarzdunkle Wucht, nach ewigem Gesetz, Aus grau per Nähe in des Bildes Frieden: Ein stummer Gruß aus ururalter Zeit, In stiller Nacht, von denen, die geschieden. Doch auch das Leben ist noch grußbereit. Mit Lachen da, und dort mit feinen Tränen: Manchmal am Wüstenrand, nicht allzu weit. Hört man den Schrei der hungrigen Hyänen, Und aus dem nahen Beduinenzelt Die Fellahlieder, die sich endlos dehnen; Auch manchmal, wie aus einer andern Welt, Von Gifeh her das lange, dumpfe Grollen, Den scharfen Pfiff, der durch die Stille gellt. Die Klänge unsrer Zeit, der arbeitsvollen. Die niemals schläft, 's ist wohl der letzte Zug Aus dem Fayum; man hört die Räder rollen In ihrem ruhelosen Feuerflug. Und auch vom Nil her kommt noch dumpfes Rauschen: Ein später Dampfer hat noch nicht genug. Das graue Steingebild schien jetzt zu lauschen; Da Hub ich an, ich fürchtete mich nicht. Wortlos Gedanken mit ihni auszutauschen: „Wir kommen vorwärts, altes Traumgesicht! In jedem deiner Taufende von Jahren Dem Glücke näher und dem Sonnenlicht!" Da fprach's: „Ich sah die ungezahlten Scharen Der Menschen kommen und auch gehn — im Nu! Sie sind noch immer, wie sie immer waren, „Voll Stolz und froher Hoffnung, ganz wie du; Doch alles, was ihr schafft, in wen'gen Tagen Geht's mit dem eignen Dampf dem Ende zu. „Da wird erst Pfeifen sein und heulend Klagen! — Doch andre kommen, hoffnungsfroh wie du. Ich werde niemals staunen noch verzagen." Aegypten schien, kaum geboren, dem Tode geweiht, denir es war nicht möglich, den unter der Sonnenglut backsteinhart gewordenen Nil- schlamm »nU den Ochsengespannpflügen aus der Pharaonenzeit auch nur emrge Zoll tief auszukratzen. Ein für die Baumwoll- mltur geeignetes Saatbeet Konnte einzig und allein der Dampf- ssvaffen, indem die steinharte Nilerde zunächst in großen Blocken aufgebrochen und dann durch schwerste Eggen und Walzen zerrrümelt wurde. Die hierfür geeigneten Geräte sind vorwiegend Eyths Erfindungen. Man weiß nicht, ob man in Max Eyth am meiften den großen Ingenieur, den energischen, zielbewußten Organisator oder den glanzenden Lehrer bewundern soll. Ein Dampfpflug in Fellah- K and en! Mit nie erlahmender Geduld lernte er die auf niedrigster Kultirrstufe stehenden Fellachen zur Bedienuirg des Dampfpfluges an, und nach kurzer Zeit wurde das viele tausend Jahre schlummernde d"!detta von Lunderten von Dampfpflügen aufgebrochen; und auf den Maschine-, standen Menschen, die der Engländer verächtlich „Nigger" nannte. Gerade zur rechten Zeit war Max Eyth in Aegypten eingetroffen. Die ganze Welt schrie nach Baumwolle, nachdem, wie bereits erwähnt, die Zufuhr aus Amerika infolge des Bürgerkrieges vollständig aufgehört hatte. In kurzer Zeit stieg die Wolle in den meisten Landern auf das Fünffache des Normalpreises. Nicht nur England, ganze Welt litt Mangel an den notwendigsten Bekieidungsstoffen. Da plötzlich richteten sich die Augen der Welt auf Aegypten. Das Land der Pharaonen hatte sich den tausend- whrigen Schlaf aus den Augen gerieben und begann an Stelle des sich rm Bürgerkriege verblutenden Amerikas die Welt mit Baumwolle zu versorgen! In aller Stille hatte der große Organisator Max Eyth auf semer ichnell errichteten Dampfpflüger-Schule in Schubra am Fu,je der Pyramiden Äunderte von eingeborenen Fellachen als Dampfpflüger ausgebildet. In aller Stille hatte der Vizekönia von Aegypten auf seine Kosten die Fowlersche Maschinenfabrik ^seds unr das Vielfache vergrößern lassen. Tag und Nacht mühten Nch sausende von Arbeitern in Leeds, um den ungeheuren Bedarf Aegyptens an Dampfpflügen zu befriedigen; und dieses Land, das noch vor kurzem als Baumwollerzeuger kann» genannt wurde, war über Nacyt Lieferant fast der ganzen Welt geworden. Nichts machte es aus, daß in Aegypten die Rinderpest ausgebrochen war, dse fast die ganze Bespannung der tausendjährigen Pharaonen- pflüge hinwegraffte; die alten Geräte, die ebeiiso ehrwürdig wie un- zulangllch waren, hatten den Dampfpflügen das Feld geräumt. Wahrend sausende von Büffetkadavern in unsehbarem Leichen- zuge den Ni, abwärts dem Meere zufchwamme:, — ein Umstand, der früher den Bankrott Aegyptens bedeutet hätte — ergoß sich ein Goldstrom in das Land. Als in jener Zeit Max Eyth anstatt der bisherigen gußeisernen Seiltrommeln, Stahltrommeln vorschlug, ^e der Vizekönig: „Machen Sie Ihre Trommeln aus Gold, toerr Eyth. Ich werde sie bezahlen, wenn Sie nur ein Jahr lang damit pflügen können! a Fast vier Jahre lang hatten die neugeschaffenen Baumwoll- kulturen Aegyptens unter der genialen Leitung Max Eyths nahezu das WelLmonopol. Da zeigte sich den, großen Organisator em neues Feld für ferne Tätigkeit. Der furchtbare Bürgerkrieg in Amerika hatte mit der Nieder- lllge der Südstaaton geendet; die Sklaven waren befreit. Ihre Befreumg verdankten sie hauptsächlich dem Stoff, der in den letzten Jahren so bedeutende Revolutionen in der Welt hervor- gebranst hatte: der Baumwolle! Nicht die mit Posaunen verkündigten Ideale christlicher Nächstenliebe hatten den ehrbaren Bürgen, der Nordstaaten die Waffen in die Land gedrückt, sondern der Konkurrenzneid! Die mit freien Arbeitern das Land bebauenden Nordstaaten kamen gegen die billigere Sklavenarbeit der Südstaaten mcht auf. D,e Waffen brachten die Entscheidung und die Be- fremng oer Sklaven. Die unermeßlichen Baumwöll- und Zucker- piantagen Louisianas aber lagen brach. Da landete der bewährte Schöpfer der ägyptischen Baumwollkulturen mit einem Dampf- pflug ,n New Orleans. Ein Probepflügen im Ausstellungs-- ^^n^Ecyafts-Gesellschaft von Louisiana und ein den Ausschußmitgliedern dieser Gesellschaft und den Lerren der Presse gegebenes Frühstück überzeugten jedermann, daß nur die Dampf- pflugarbe,r imstande sei, die Sklavenarbeit zu ersetzen und den nahezu verbluteten Süden zu retten. Wie vor wenigen Jahren das Nildelta, so wurde jetzt das Mtsstfsrppital von Lunderten von Dampfp-flüg.en aufgebrochen, und die befreiten schwarzen Gentlemen konnten sich nunmeyr m größter Ruhe der Gesetzgebung widmen! Die Welt atmete auf, denn einer der wichtigsten Kleidungsstoffe war wieder zu erschwinglichen Preisen zu haben. Wer aber kannte den Namen des großen deutschen Ingenieurs, dem dies in erster Linie zu danken war? Max doü EyLH's WsttWirtschaMchs Bedeutung. Von Zivil-Ingenieur Wilhelm Beilke. Der große Begründer der Deutschen Landwirtschafts-Geselfl schäft ist allgemein als bedeutender Ingenieur und glänzender Schrift' steiler bekannt. Wenige aber haben darüber nachgedacht, welche Bedeutung Max Eyth auf weltwirtschaftlichem Gebiete erlangte. Ohne Uebertreibung kann mnn sagen, daß dieser deutsche Ingenieur ein Stückchen Weltgeschichte gemacht hat! Das Land der Sehnsucht war vor 70 Jahren für jeden jungen Ingemeur England. In allen anderen Ländern, auch in unserem Vaterlande, war die Technik noch im ersten Entwicklungsstadium; nur England hatte für damalige Verhältnisse schon gewaltige Leistungen aus verschiedenen Gebieten der Technik auszuweisen, und deshalb zog es auch Max Eyth dorthin. Es war aber nicht so leicht, in einer der weltberühmten englischen Fabriken unterzukoinmen, zumal für einen jungen Deutschen. Offen sagte man Eyth, daß der deutsche Ingenieur „unbequem" sei, denn eine recht unangenehme Eigenschaft der Deutschen sei es, bei jeder ihnen zur Durcharbeitung übergebenen Konstruktion zunächst einmal zu überlegen, ob man die Sache „nicht auch anders ausfiihren könne , als der Chefkonstrukteur angegeben hatte! Der enalische Ingenieur sei angenehmer, er macht ohne unnötig v-el Aeberlegunq was man ihm aufträgt. Nach unendlich vielen Bemühungen erlöste den fast Verzweifelten John Fowler, der Gründer der jungen Dampfpflugfabrik m Leeds, die später Weltruf erlangte. Fowler bot dem jungen Akademiker einen Schraubstock in seiner Fabrik und wollte ihn auch dampfpflügen lernen lassen. Eyth nahm die Stellung für 30 Schilling die Woche an, obgleich damals der junge Inaenieur mrt einer Verachtung auf den Landwirtschaftsmaschinenbau ^herab- sah. Beide Teile sollten diesen Schritt nicht bereuen, denn nun begann der gewaltige Ausstieg der Foivlerschen Dampfpflugsabrik, an dem der zielbewußte und geniale Max Eyth einen so überragend großen Anterl hatte. Bald erkannte John Fowler die unermüdliche Arbeitskraft und die hohe technische Begabung des jungen Deutschen >md er stellte ihn auf die schwierigsten, zum Teil schon verlöre;,en Bosten. And wo seine englischen Kollegen bereits Schiffbruch ä erlitten Ratten, da führte der deutsche Ingenieur Max Eyth die Dampf- I Pflugkultur zum Siege. Der erste Feldzug Eyths sollte einer Indigoplantage am Brama- putra m Indien gelten; aber er blieb in Aegypten hängen, denn der Prinz Lalim, der größte Großgrundbesitzer am Nil und — woran damals niemand zweifelte — Erbe des vizeköniglichen Thrones von Aegypten, setzte es bei Fowler durch, daß er ihm Eyth als Chefingenieur abtrat. Auch der ägyptische Prinz hatte sofort Eyths Mauzende Eigenschaften entdeckt, als dieser in kurzer Zeit einen Dampfpflug m Gang brachte, nachdem der bisherige prinzliche Cbenngenieur den ^Dämonen der Wüste" erlegen war. Von diesem Augenblick an griff Max Eyth mit starker ßenij in die Speichen des Weltwirtschaftsrades/ Was rl, ’,* bM‘ "ochsten Jahren in Aegypten leistete, das gehört der Geschichte an! Cs war das Jahr 1663. Der Bürgerkrieg in den Ver- Elgten Staaten hatte das größte Baumwolland der Welt — das wiisiisiippi-Lal geschlossen. Die Baumwollerzeugung in MAL u-rd Eisen. 3n der Muski. Von Max Eyth. . 2luch ein Ingenieur hat das Recht, manchmal — etwa einmal.in oer Woche — Mensch zu sein; zum mindesten in der Nähe des Berges, auf dem dies schon vor dreitausend Jahren für männiglich ein heiliges Gesetz geworden war. Mit dem Ingrimm, der uns in der fröhlichsten Arbeit Wcken kann, wenn sie zu viel wird, hatte ich diese Betrachtung angestellt, bestieg meinen Esel Und ritt nach Kairo. — 267 Am unteren Ende der Muski, vor dem ersten Eckhaus links, blieb trotz des wogenden Gedränges das kluge Tierchen, das die fünf Kilometer lange Sykomorenallee von Schubra in trippelndem Eifer zurückgelegt hatte, von selbst stehen, zog den Schwanz ein, in Erwartung eines Hiebes und weiterer Anweisung, drehte den Kopf, um zu sehen, ob Mustapha, der Eselsjunge, Klee mitgebracht hatte, nickte befriedigt und ließ mich absteigen. In jenem Eckhaus, zu ebener Erde, befand sich ums Jahr 1864 eine kleine Kneipe: eine Oase in den Wüsten des Morgenlandes. Der Wirt war ein Deutscher aus San Franzisko, den ein gütiges Schicksal bis hierher verschlagen hatte. Eine seltene Verbindung von amerikanischem Unternehmungsgeist und deutschem Gemütsleben hatte ihm den Gedanken eingegeben, allwöchentlich mit dem Triester Lloydboote ein Fäßchen bayrisch Bier kommen zu lasten, das seit drei Monaten regelmäßig am Freitagnachmittag in Alexandrien ankam und ohne Verzug mit der Bahn nach Kairo weiterbefördert wurde. Es war dies zu jener Zeit das einzige bayrische Bier vom Faß, das die Stadt der Kalifen erreichte. Pünktlich um sieben Uhr Samstag abends wurde angezapft. Schon von vier Uhr an stieg von Zeit zu Zeit ein Reiter von unverkennbar deutschem Gepräge vor dem Kneipchen ab, hob den Moskitovorhang, der die Stelle der Türe vertrat, um blinzelte aus der grellen Strahenhelle in das tiefe Dunkel der Höhle. Dort hinten lag es auf einer Schicht Eis, rund behäbig: ach, nur klein! Doch es war wenigstens da; der Forscher ritt befriedigt weiter. Er wußte, was er um sieben Uhr zu tun hatte. Es war leider erst halb, doch lag schon ein zwei Meter breiter Schatten vor dem Haus. Meier, der energische Wirt, stellte zwei runde Tischchen auf die Straße, pflanzte vier Gartenstühle ins Volksgedränge und lud mich ein, Platz zu nehmen. Cs ist eine der unterhaltendsten Straßenecken Kairos, an der Abend- und Morgenland zusammenstoßen wie ein mächtiger Strom mit der brandenden See. Heutzutage hat wohl die Sturmflut des Abendlandes den Sieg davongstragen. Damals flutete noch das echte, unverfälschte Morgenland in heißen, dampfenden Wogen aus der engen Gaffe. Die Muski ist eine der Hauptverkehrsadern, die Königs- und Kalifen- straße der orientalischen Welsttadt. Hohe graubraune Häuser mit spärlichen Fenstern, da und dort noch mit reichgeschnitzten echt arabischen Haremserkern geschmückt, bildeten einen düsteren Tunnel, durch dessen Decke aus zerrissenen Matten und in Fetzen herabhän- aenden Teppichen, die von Haus zu Haus gezogen waren, in weiten Zwischenräumen ein gelbflimmernder Lichsttrahl in das schwüle, bläuliche Dunkel herabschoß. Im Erdgeschoß der Gebäude find Kaufläden, an diesem, dem westlichen Ende der Straße von Europäern gemietet und schon halb europäisch eingerichtet, doch noch immer kleine staubige, heiße Löcher, ohne Lust und Licht. Ein englischer Schneider, ein österreichischer Sattler, ein italienischer Apotheker, ein griechischer Delikatestenhändler — und welche Delikatesten! — alle in Pantoffeln und Hemdärmeln, gehen halb im Freien ihren Geschäften nach. Die Straße selbst füllt ein wimmelndes Gewirr von Gestalten, farbig trotz des dunstigen Halbdunkels, ein brausender Lärm, trotzdem in dem fußtiefen Staube kein Wagenrollen und kein Fußtritt hörbar ist. Aber alles schreit, stößt und drängt, ohne dabei die innere Seelenruhe des wahren Orients im mindesten zu verlieren. Die Eselsjungen mit ihrem „Yemenak! Schimala!" („Rechts! Links!") „Aufgepaßt, ihr Gläubigen! Aus dem Weg, ihr Hunde!", die Waffervsrkäufer mit ihren schwabbelnden Ziegenhäuten auf dem Rücken, die kleinen emsigen Esel, die sich rücksichtslos durch die Menge bohren, unförmlich verhüllte Säcke tragend, vielleicht die größten Schönheiten des Morgenlandes, schwarzbraune, halbnackte Bettler, von Kindern geführt, blind umhertastend, ein paar Kamele, die, bedrohlich über der siedenden Menge schwankend, langsam die Gasse herunterkommen. Dann wohl auch auf dem elendesten und eigensinnigsten der Tierchen ein europäischer Gelehrter, mit blauen, staunenden Brillengläsern unter dem ungewohnten Korkhelm, mit dem Regenschirm hilflos seine Eselin bearbeitend, die darauf zu bestehen scheint, ihre kostbare Last zwischen den Beinen eines nahenden Kamels hindurchzuziehen. Jetzt verdoppeltes Geschrei; wilder Aufruhr: eine vizekönigliche Haremskutsche, die sich im Trab durch das Gedränge Bahn bricht, von zwei bunten, im Galopp rennenden Saisen mit langen Stöcken geleitet. Schreiend kugeln Menschen und Tiere übereinander, um Rädern und Stöcken auszuweichen, und schließen sich lachend hinter dem Wagen wieder zusammen, wie lustig spritzendes Wasser hinter einer Dampfbarkasse. Niemand beachtet den braunen Jungen, der, die Zehen des linken Beins in beiden Händen, in eine Ecke hüpft und sich heulend in den Staub wirft. Halbträumend saß ich da und starrte in das mir nicht mehr ungewohnte Kaleidoskop. So flink mein Esel gewesen war, den jetzt Mustapha im nächsten Winkel mit einem Bündel heimischen Klees belohnte, meinen Sorgen kies er nicht davon, die in Schubra mit aus- gesefsen waren und jetzt breit auf zwei von Meiers Stühlen Platz nahmen. Auf dem vierten faß schon ein kleiner bleicher Mann, un- passend schwarz gekleidet, der sichtlich für die feinen auch einen Stuhl hätte brauchen können. Es mochte ein Missionar sein, der vielleicht seit Wochen nichts zu bekehren gefunden hatte, oder dem sein einziger Christ rückfällig geworden war. Das ging ihm ohne Zweiftl zu Herzen. Er sah krank aus, krank und lebenssatt. Ich hatte eigentlich kein Recht, mich zu beklagen. Wie eine echt orientalische Schicksalsfügung und dem Anfang eines Märchens aus Tausend und eine Nacht ähnelnd war mir vor dreivierkel Jahren meine Stellung als „Paschmahandi", als erster Ingenieur Hakim Paschas, in den Schoß gefallen. Das Märchen hatte rasch greifbare Gestalt angenommen, und ich begann zu ahnen, wozu ich in dieser Welt war, wenigstens in dieser Welt. Der übergroße Grundbesitz meines Paschas, die noch größeren Pläne und Projekte in seinem kleinen regen Kopfe hatten aller ägyptischen Träumerei, die mir von Deutschland her noch anhasten mochte, ein rasches Ende gemacht. Ich wohnte fast im Schatten des Obelisken von Heliopolis und dachte an nichts anderes, als morgen meinen zweiten Dampfpflug probeweise um denselben herumpflügen zu lasten. Aus der altehrwürdigen Sonnenstadt waren hundert Hektar erträglichen Baumwollbodens geworden, und der geheiligte Baum der Jungfrau Maria, der etwas ungeschickt für die Handhabung der Drahtseile fast mitten drin stand, machte mir aus diesem und keinem anderen Grunde ernstliche Bedenken. Der zweite Dampfpflug! Dem Laien bleibt es für immer verschlossen, was in diesen drei Worten lag zu jener Zeit, in der di« Dampfkultur noch um ihr Dasein kämpfte. Wohl hatte auch sie schon ihre Priester; ja ich darf ohne Uebertreibung sagen, ich war einer ihrer kleinen Propheten: begeistert, fanatisch, wie es die kleinen meistens find; himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt, wie es die wechselnden Tage einer ersten — auch einer technischen — Liebe mit sich' bringen. Und, in der Tat, ich hatte augenblicklich keinen vernünftigen Grund, so betrübt zu sein wie der stille, kranke Nachbar an meiner Seite, und hoffte nur, auch in feinem Interesse, daß es endlich sieben Uhr würde. Der erste Pflug war ein halbes Jahr vor mir nach Aegypten gekommen. Ich traf ihn sozusagen in den letzten Zügen und denke nur ungern an jene ersten Monate, trotz der Rettung aus scheinbar unvermeidlichem Schiffbruch, die mir, nicht ohne den Beistand des am Nil ewig lächelnden Himmels, gelang. Heiße Kämpfe mit allen vier Elementen (älterer Rechnung) und heißeres Streiten mit etlichen Menschen, die zu spät einfahen, daß sie klüger und bester hätten fein können; das war unvermeidlich. Doch die Rettung glückte, wenn auch mit knapper Not, und Halim Pascha, der fein Land und feine Leute kannte, besser als ich, wußte, was dies zu bedeuten hatte. Ich sah ihn seitdem täglich, den fürstlichen Sohn der Beduinen, den künftigen Vizekönig von Aegypten, wie wir damals alle glaubten; denn fein Recht hierzu war unzweifelhaft und allgemein anerkannt. Vorerst war er jedoch noch der jüngere Onkel des Vizekönigs, der zweitgrößte Grundbesitzer am Nil und bereit zu zeigen, daß er die Pflichten eines künftigen Herrschers nicht leicht nehme, der sein Recht und seinen Glauben dem Koran und fein Wissen der Stole Polytech- nique verdankte. Täglich war er auf den prächtigen Feldern von Schubra, dem früheren Lieblingsgute Mahomed Alis, feines großen Vater, um Sä- und Mähmaschinen zu probieren, Pumpen und Dampfpflüge lausen zu sehen; vor allem ober, um Baumwolle zu pflanzen, die damals, während des Bürgerkrieges in Amerika, dem glücklichen Aegypten einen wahren Goldregen versprach. So kam's, daß ich schon drei Monate später den zweiten, den ägyptischen Verhältnissen besser angepaßten Dampfpflug zusammen- stellen und triumphierend ins Feld führen konnte. Damit waren zunächst die 1500 Hektar von Schubra versorgt. Der dritte wurde vor wenigen Wochen für das 30 Kilometer nilabwärts gelegene Thalia bestellt und sollte dort von den arabischen Dampfpflügern, die ich jetzt in Schubra heranzog, in Betrieb gefetzt werden: ein Wölkchen am Horizont, wie eines Mannes Hand, aus dem noch manches schwere Donnerwetter sich entwickeln konnte. Aber es ging doch vorwärts, über alles Erwarten; meine alten englischen Freunde, die Fowlers, die di« Dampfpflüge das Stück zu rund 50 000 Mark zu liefern hatten, schrieben Briefe voll aufmunternder Dankbarkeit, und das alte Aegypten begann seine kleinen, klugen, aber etwas blöde gewordenen Sperberaugen zu reiben, wie wenn es erwachen wollte. Aegypten war, in diesem Sinne, der neue Vizekönig Ismael Pascha, Halims ältester Neffe. Als er vor einem Jahr die Regierung antrat, war er einer der kleineren Großgrundbesitzer am Nil und mochte vielleicht fünfzigtausend Hektar sein eigen nennen. So genau konnte man dies in jenen Tagen vom Besitz der vizeköniglichen Familienmitglieder nicht sagen. Da kam in demselben Jahre die Baumwollsperre in den Vereinigten Staaten, wo man begonnen hatte, sich die Köpfe blutig zu schlagen, di« Baumwollhungersnot in Laneashire und die Baumwollsegenszeit für Aegypten und andere warme Länder. Der Preis der Wolle stieg rasch auf das Zwei-, Drei- und schNehlich das Fünffache besten, was in früheren Tagen bezahlt wurde. Jedes kleine Gut, das leidlichen Boden und Master befaß, war plötzlich Millionen wert, und die vizeköniglichen Besitzungen wuchsen und mehrten sich, wie es nur in dem alten Lande der Zauberei und der Pharaonen möglich war. Und da in Aegypten zum Lande auch die Leute gehörten, di«, so gut sie konnten und nicht viel bester als die Feldmäuse, von seinem Korn und seinem Klee lebten, so war es anfänglich nicht schwierig, die vizekönig- lichen Fluren in Baumwolle zu kleiden. Die Dvrffchechs erhielten von den Nafirs und Mufetifchen Seiner Hoheit den nötigen Samen, die nötigen Befehle und, so oft es fein mußte, di« nötigen Prügel, und schwarze Büffel und tausendjährige Pflüge fetzten sich emsig in Bewegung, um das verhungernde Laneashire wenigstens notdürftig zu erhalten, die Kasten des Vizekönigs und die Tcstchen feiner' höheren Beamten aber überreichlich mit englischem Golde zu Men. Auch für Wasser mutzte gesorgt werden, wie seit der alten Glanzzeit der zwölften Dynastie nicht mehr gesorgt worden war, wenn auch auf andere Weise. Bon Damiette bis Assuan hinauf begannen statt der Obelisken Schornsteine emporzuwachsen und gewaltige Dampfpmnpen den heiligen Strom anzuzapfen. Auch ich hatte schon drei dieser modernen Monumente im Bau begriffen: in Thalia bet Ealittb, in Teranis bei Damiette und zu El Mutana bei Edsu. Und Bas alles war nur der Anfang. Cs regte und rührte sich mächtig über den Grabern der heiligen Stiere und der eniWafenen Krokodile. - 268 — Da kam ein böser Zwischenfall. Seit einigen Monaten war die Rinderpest im Lande ansgebrochen. Anfänglich achtete man kaum daraus. .Tier und Menschen sterben nicht schwer in diesem Land der großen Toten und mit einer Ergebung in den Willen ,.des Einzigen, des Erbarmens", von der die Christen nichts wissen. Man warf die toten Tiere in den Fluß, und da sie wenige Stunden später schwammen wie gasgefüllte Luftballons, so zog nach einigen Wochen ein langsamer, ununterbrochener Leichenzug auf den braunen Wasserfluten an Kairo und Schubra vorüber dem Meere zu. Zehn, zwanzig schwarze mächtige Rücken waren stets in Sicht. Richt selten saß ein Geier auf dem kleinen schwimmenden Eiland und verzehrte nachdenklich so viel von seinem davonsegelnden Frühstück, als er vermochte. Das war eine Zeit für die Geier! — Unschön war es, wenn der eine oder adere der Ochsen sich plötzlich, wie in unpassendem Scherze, umdrehte und den aufgedunsenen Bauch und vier docksteife Beine gen Himmel streckte. Oder war es der stumme Jammer der Kratur, der sich in dieser taktlosen Weis« äußerte? Aber auch er zog vorüber und machte neuen stillen Schwimmern Platz, die sich weniger unanständig betrugen. Das Schlimmste war, daß auf diese Weis« die Gespanne der vizeköniglichen Pflüge wie die der Fellahs ins Meer zogm. Man spannte Kamele an, Esel, arme Männer und Frauen. Selbst ein paar kostbare englische Rennpferde hatte ich heute in einem Feld an der Schubraallee vor einem Pfluge sich bäumen sehen. Schließlich bildeten sie aus dem Pflug, dem klugen Efsendi, der den Versuch leitete, zwei Kawassen, einem toais und drei Fellachin einen heulenden Knäuel, an dem ich mit innigster Befriedigung vorüberritt. Denn unbeirrt von all dem Lärm und Geschrei keuchten noch hörbar meine zwei Dampfpflüge auf den Feldern von Schubra, und das ferne regelmäßige Pfeifen der sich antwortenden Maschinen sagte mir, daß sie allein die Lage der Dinge begriffen. Sie pfiffen auf die Rinderpest. Doch völlig ungetrübte Freuden sind selten auf dieser Welt, Ist es denn noch immer nicht sieben Uhr, zum Beispiel? Andre englische Fabriken hatten mittlerweile in Erfahrung gebracht, was mir für meine alten Freunde in Leeds zu tun geglückt war, und seit vierzehn Tagen befand sich, wie mir von guten Bekannten eifrigst mitgeteilt wurde, ein Vertreter der Firma Howard, namens Bridlsdrum, in Alexandrien und hatte im Hotel de l'Europe daselbst begonnen, seine Trompete zu blasen. Die Gebrüder Howard waren die" ersten Konkurrenten von Fowler; die beiden Firmen hatten schon seit mehreren Jahren einen erbitterten Kampf um den besten Dampfpflug geführt, an dem mir Jungen heißen Anteil nahmen. Fowler und sein System waren von Anfang an Sieger gewesen und geblieben, aber Howard besaß eine altberühmte Pflug- fabcik, einen großen landwirtschaftlichen Ruf und die bewährte englische Eigenschaft, nie zu wissen, wenn er geschlagen war. Dies ärgert« mich, als Deutschen, ganz besonder, während ich in technischen Fragen wohl ruhiger und vorurteilsloser urteilte als mancher meiner Freunde und Gegner, vollends jetzt, wo mich nur alte Anhänglichkeit, sonst aber keinerlei weitere Bande an Fowlers Fabrik knüpften. Wenn Howard einen für die Erfordernisse des Niltals geeigneteren Pflug aussenden sollte — um so besser! Meine Aufgabe war, Aegypten zu pflügen. Wer mir hierzu das beste Werkzeug bot, sollte mein Freund sein. Doch das bloße Trompeten in Alexandrien durfte nicht zu weit gehen. Vorläufig waren meine Maschinen in Schubra auf Kosten manchen Schweißtropfens noch Herr im Lande und Verbalinjurien in Alexandrien eben nur Geschwätz. „Herr Meier, jetzt könnten Sie aber wahrhaftig anzapfen; es ist kaum noch neun Minuten bis sieben Uhr!" So ganz nur Geschwätz war übrigens vielleicht doch nicht, was ich von dort vernahm. Die Gebrüder Howard gehörten zu den kaufmännisch rührigsten Ingenieuren Englands, und ihr Agent schien ihrer würdig zu sein. Man brauchte keine feine Spürnase zu haben, um zu vermuten, daß Aegypten in den nächsten Jahren der landwirtschaftlichen Technik ein glänzendes Feld der Tätigkeit bieten muß, und Bridledrum schien Feirer und Flamme zu [ein. Er befand sich seit zwei Tagen in Kairo und hatte sich schon eine Audienz beim Vizekönig zu verschaffen gewußt. Schüchtern war der Mann offenbar nicht. Auch war das Publikum in Shepheards Hotel, wo er wohnte, bereits unterrichtet, daß der beste Dampfpflug, der eigentliche Dampfpflug für Aegypten, der einzige für Baumwolle geeignete Dampf- pflug, endlich im Begriff sei, in Alexandrien anzukommen. Bridledrum wolle nichts sagen, er hasse leere Wckrte, wenn es sich um ernste, praktische Fragen handle. Aber daß der Humbug mit den teuern Fowlerschen Doppekmaschinen in ein paar Monaten explodiert sein werde, darauf könne jedermann Gift nehmen, der Lust habe, eine harmlose Probe zu machen. Diese Neuigkeiten hatte mir mein Freund O'Donald, der Prokurist von Briggs & Co., damals Halim Paschas und aller Welt Bankiers, schon gestern mitgeteilt. Er war expreß nach Schubra geritten, um mir ein Vergnügen zu machen. Der Bridledrum sei ein Teufelskerlchen, und was'den Pflug betreffe, [« fei die Sache doch schwer zu beurteilen. :x*r (Fortsetzung folgt.) Schon vor der Spiegelscheibe beginnt der Kamps mit der eigenen Torheit. Da siehst du etwa einen jungen, starken Borstadtgecken, mit flachsblonden Igelborsten auf dem Kopf und kleinen, verquollenen Schweinsäuglein, zwischen denen eine kurze Stupsnase wie ein dunkler Punkt im Gesicht sitzt. Der junge Mann steht vor dem Spiegel in seinem neuen gelb- und grünkarierten Anzuge. Um den kurzen Stiernacken hat er einen Stehkragen geknüpft, der ihn dem Er- st-.ckungstode näher bringt. Gerade ist er damit beschäftigt, eine Kra- watte kunstvoll festzuschnallen. 1 Schnell glättete er noch einmal mit Wasser die Borsten und schaut trnnnphierend in den Spiegel. Er hält sich für den schönsten aller Männer seiner Stqdt. Glaubst du, es fei möglich, diesen Menschen davon zu überzeugen, daß er auf die Mehrzahl feiner Mitmenschen belustigend wirkt? Auch du wirst von dir eine feste Ueberzeugung haben, vielleicht nicht gerade, daß du der schönste Wann seist oder die schönste Frau, aber immerhin, du erscheinst dir besonders. Etwas hast du so an dir, was die anderen nicht haben, was dich vor ihnen auszeichnet. Hier findest du sofort in dir den Grundsatz einer jeden Individualität: sie erscheint dir einzig. Sie ist sich ihres Sonderwertes sicher. Darum ist es einem jeden Menschen unmöglich, sich aus der bestehenden Welt fortzudenken. Aber wenn du dich der Todesfälle erinnerst, die du erlebtest, der Todesfälle selbst bedeutender Menschen, so vermagst du dich der peinlichen Erfahrung nicht zu entziehen: Sie wurden fast über Nacht vergessen. Es wäre falsch, wenn du nun meintest, du geltest gar nichts. Du bist und du bedeutest einen Wert für die Gemeinschaft. Da sollst dich dieses Wertes bewußt bleiben. Aber dieses Bewußtsein soll nicht das törichte Spiegelbewuhtsein werden: wie schön, wie stark, wie forsch bin ich. Sieh dich und die anderen und bedenke, daß jeder Wert ersetzbar ist. Wenn du es. vermagst, dich im Spiegel richtig zu sehen, wenn du in dir aufnimmst, was das Leben in dein Gesicht schreibt, Zeichen des Alters und der Sorge, so kann der Spiegel dir ein guter Freund sein. Wenn du aber vor ihm zum Affen wirst, wird er dein Tyrann. Um über dich selbst Bescheid zu erfahren, gibt es neben dem Spiegel noch ein zweites Mittel: Laß dir von älteren Verwandten erzählen, wie es um die Menschen deiner Familie beschaffen war, besonders um die Großeltern. Es ist ein altes Gesetz: Art läßt sich nicht von Art. Die Eigenschaften, die in deiner Familie waren, sind in dir enthalten, und die Großeltern kehren in ihren Enkeln wieder. Wenn du aufmerkst auf die Geschichte deiner Familie, so wird dir klar, was in dir selbst lebendig ist. Viele Fehler, die du dir nicht einzugestehen wagst, wirst du dir leichter bekennen. Du wirst dir der Vorzüge bewußt, die in dir beschlossen sind. Und es wäre ebenso falsch, seine eigenen Vorzüge nicht zu kennen als feine Fehler. Nur sei nicht eite! auf sie, nimm sie hin als ein Geschenk des Schicksals. Ein dritter Weg, der schon bedeutend schwieriger ist, als der zweite, führt dahin, sich Rechenschaft zu geben über das Verhalten in bestimmmten Lebenslagen. Ueberdenke, wenn du in einer GeM- schaft von Menschen gewesen warst, wo du Beifall sandest, wo du höhnische Gesichter erblicktest, wo ein Schweigen entstand, als du redetest. Es ist ein Mangel der meisten Menschen, daß sie um ihre Wirkungen nicht wissen; obwohl ein jeder in sich das dunkel ahnt. Wer sich zum Bewußtsein erweckt, wer sich zu fragen beginnt, wie hat das gewirkt, wie habe ich im ganzen abgeschnitten, wird mit sich fertig werden, wird Disziplin über sich selbst gewinnen. Gefahr ist nur vorhanden, daß er zum Schauspieler feiner selbst wird, daß er sich im Verhältnis zn anderen in der Wirkung sieht, die er ausüben will. Dem ist damit zu begegnen, daß man sich nicht zu Hause vornimmt, eine Rolle zu spielen. Die Selbstdisziplinierung wird dann gute Früchte zeitigen, wenn sie nichts weiter erzwingen will, als bewußt zu werden der eigenen Ungeschicklichkeiten und Fehler. Das genügt zumeist, um sie in ähnlichen Lebenslagen nicht zu wiederholen. Was wir bei anderen mißfällig bemerken, kann uns so abstoßen, daß es in uns Ekel erregt. Und Ekel ist die stärkste natürliche Hem- mung gegen ein Laster. Wie sehe ich selbst aus, wenn ich das tue, was jener Mensch dort tut, ist die Frage der Selbsterziehung am Beispiele anderer. Wer sie mit Ernst an sich richtet, wird viele sittliche Selbsterkenntnis gewinnen. Aber nur" starke Menschen, die auch unerbittlich gegen sich zu sein vermögen, können Lebensgrundsätze für sich aus diesem Satz ziehen. Wer den Weg zu sich findet, wird ihn gern zu Ende gehen. Denn ein jeder wird.in seinem Wesen Wunder f(bauen, Wunder von Widersprüchen, Seltsamkeiten, Rätseln, und selbst lernen wir niemals aus. Haben doch tausende Geschlechter gewirkt, um dich zu erzeugen; bist du selbst ein Teilchen aus dem Spiegel der Menschheit; du findest viel in dir, um andere zu verstehen. Du bist besonders, weil du gerade so bist, wie du bist. Aber nimm es ohne Eitelkeit. Jeder andere vermag sich des gleichen zu rühmen. Der Weg zu sich. Von Friedrich F r e k s a. Die Forderung des Apollo zu Delphi: „Erkenne dich selbst", ist eine der wichtigsten Forderungen an die Menschheit und zugleich eine der am schwersten erfüllbaren. Gchriftleitung: vr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlaß der Brühl'schen Tlniv.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Siebe«,