Gießener Kunilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, -en 20. November Nummer 93 Totensonntag. Von Johannes Leinrich Braach. Wir gehen Jahr fiir Jahr an diesem Tage zu unfern Toten, bestellen Kränze, Blumen, entfernen welke Blätter aus Epheuranken unb ordnen zwischen Steinen die Erde neu. Wir sprechen Jahr für Jahr an diesem Tage mit unfern Toten wie man mit Lebenden, mit Freunden spricht. Was uns auf Erden einte, verknüpft sich enger, was uns getrennt, erscheint nicht mehr. Die Gruft, an der wir stehen, das Grab mit feinem Künden vorn Scheiden, Verwefen und Genesen verklärt. Der Toten Werke und ihre Worte sind alle groß. Gederntien zum Totenfest. Von Reinhold Braun. Liebe und Demut und ein frommes und tiefes und doch fröhliches Gefühl der Vergänglichkeit, so kommt man hinüber über irdisches Leid und irdische Freude. Freilich ein Lüpfen ist's nicht! Ernst Moritz Arndt an seine Schwester Dorothea. Vergänglichkeit! Das raschelt her wie Totenkränze und ist Geburt doch unzählbarer Lenze und macht, daß Leben erst das Leben ist und Ziel erst Ziel und du — du selber bist. Denn wären nicht Vergänglichkeit und Zeit, wär' menschbewußt auch nicht die Ewigkeit. „Ein frommes und tiefes und doch fröhliches Gefühl der Vergänglichkeit!": Das ist die Klarheit der reifen Seele, die Weisheit des leuchtenden Gipfelwesens, zu denr sich ein Mensch im Wechsel von Freud und Leid, in stetem Empor der Erkenntnis hinaufbaut. Es ist nicht ganz leicht; aber doch möglich. And dem, der zum wahren Sein hindurchgebrochen ist, wird es gar nicht so schwer. Denn wer im Grunde des Anvergänglichen steht, dem muß das Vergängliche so fließen, wie es fließt. Denn fließend sich erneuen, ist das Gesetz des Vergänglichen. And es leistet an uns seinen Lebensdienst trotz Sterben und Tod. Ja, es würde ihn gar nicht leisten können, wenn der Tod nicht im Ring seine Stelle hätte. Denn Tod ist für den Menschen des Seins nicht Ende, sondern das Notwendige zur Erneuerung, zur Emporerneuerung! Der Sinn der Weit ist ohne Vergänglichkeit nicht denkbar! Der Sinn unseres Lebens ist Entfaltung unseres Lebens, das sich krönt in der weisen Liebe. Ohne Werden unb Vergehen aber ist eine Entfaltung unmöglich. Wo Frucht werden soll, muß die Blüte sterben. Ohne Rhythmus ist ebenfalls ein Sichentfalten nicht möglich. Im Auf und Nieder liegt das Leben, ... Wer de» Tod als eine Frage nach dem Lebeii nimmt, der furchtet ihn nicht mehr. Es gilt, die Vergänglichkeit nicht als das nutz einmal Gegebene, mit dem man entsagend irgendwie fertig werden muß, sondern "als eine Aufgabe anzusehen, fröhlich stehend im Strome der Zeit sich das unverlierbare Krongut der Seele erkämpfen, erheben, erleben, erleiden! , . . . „ , Der weise Schleiermacher spricht: „Ansterblichkert darf kein Wunsch sein, wenn sie nicht erst eine Aufgabe gewesen ist, die ihr gelöst habt!" Zum Lösen dieser Aufgabe aber bedürfen wir des Lebens, wie es hier auf Erden uns sich gestaltet. Denn dem Weisen ist dies Leben nur Mittel zum Zweck. Stilles, heiterernstes Durchgangswerk, indem er fein Bestes zu feinem und der anderen Leile leistet! Wer die Ewigkeitsschau der weisen Seele hat, der macht sich Fichtes Wort zu ciaen: „Durchschaue, was dies Sterben überlebet, eg wird die Lulle dir als Lülle sichtbar, und unverschleiert siehst du göttlich Leben!" — Darum: schöpferisch Jasagen zur Vergänglichkeit, sie als Lelferin zu ewigem Ziele freudig ans Lerz nehmen, sich ihrer Gaben als ein Mensch freuen und alle Freude wandeln in tiefes Sein unb das Sein in die Tat! Wem Vergänglichkeit, die felbst eine einzige Kette von Taten darstellt, nicht die heilige Lust am Tun zu fchenken vermag, der hat ihren Sinn, hat sie als gottgewolltes unb wunberbar geschaffenes Mittel nicht ersaßt. Leben im Ewigkeitsgedanken: Das ist alles! Ewigkeit nehmen nicht als ein Anendliches, Anmeßbares, sondern als Argehalt der Seele, als schöpferische Macht, beglückende Tiefe, unergründliche Fülle. Dann erscheint auch die Vergänglichkeit im Lichte der Ewigkeit als ihre Dienerin, die Gott auch mit besonderen Gnaden ausge- stattet hat, deren wir im Frohgefühle des Menschseins teilhaftig werden, wenn wir aus der Beharrung und immer festeren Verankerung im Anvergänglichen unser Dasein leben! Wer so lebt, der kommt an ein gesegnetes Ziel, und wenn ihm der Tod ein Liebes schon verwandelte, so schmerzlich es auch immer noch fein mag, der hat doch im tiefsten Innern den Trost aus dem Wissen vom Vergänglichen, daß es fein muß, um das „Anvergängliche ans Licht zu bringen", ans Licht, das nie verlöfchen kann, weil Gott selber in ihm ist. Lasset uns ehrliche, fröhliche Zielgänger sein, und die Liebe bleibe unter uns über Zeit und Tod hinaus! Empor die Äerzen! Wir sind ewig! 3m Angesichte des Todes. Von Dr Fritz Adolf Ätinich. Anser aller Begleiter von Mutterleib und Kindesbeinen an ist der Tod. Er lebt mit uns, mit unseren Krankheiten, mit unseren Trieben unb Leidenschaften, oder was uns sonst in das Schicksal verstrickt; auch dem Gesunden wird er in bem geheimnisvollen Laboratorium des Leibes zubereitet, unsere Verminberung ist sein Wachstum — bis er endlich, nach ben Worten bes Dichters, in uns aufbricht wie eine reife Frucht: Der Tob ist groß. Wir sind bie Semen lachenben Munds. Wenn Wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns. Die Weisheit des Psalmisten ist in dieser Paraphrase der berühmtesten Antiphonie des Mittelalters. Anablässig leben wir im Angesichte des Todes, der Gedanke an ibn beschattet unser Dasein, mag er auch vom vollen Gefühl des Lebens aufgesogen und in unser Tun aufgelöst erscheinen. Wie aber werden wir die große Stunde bestehen, die unserer Laufbahn das Ende setzt? Welche ungeheure aabc wartet unser noch! Werden wir friedlich die Glieder m, überströmt von einer letzten Woge von Glück, werden wir der Schauplatz eines erbitterten Kampfes fein, den Tod und Leben um den armen Körper kämpfen, oder werben wir, nichts ahnend, nieder- geworfen von einer blindwütenden äußeren Macht, so wie der Blitz die Eiche fällt? In Platos „Phädon", worin bie letzten Gespräche und der Tod des Sokrates erzählt sind, werden dem sterbenden Philosophen die Worte'in den Mund gelegt: „Kriton, wir sind dem Asklepios einen Lahn sckuldig. Bringt ihn ihm und versäumt es nicht!" (Kranke pflegten dem Gotte der Arznei- und Leilkunde nach ihrer Genesung einen Lahn zu opfern.) Zweifler haben hierzu bemerkt, der wirkliche Sokrates hätte nicht so gesprochen, da er das Leben nicht als eine Krankheit angesehen habe. Der scheidende Alexander der Große soll auf die Frage, wem das Reich nun zufalle, geantwortet haben: „Dem Würdigsten!" Mit einem geflügelten Wort auf den Lippen wäre Archimedes, der Verteidiger der Stadt Syrakus im zweiten panischen Kriege, gestorben, wenn er es in der Form, wie es heute noch unter uns lebt, dem römischen Soldaten, der ihn niederstach, zugerufen hätte. Die letzten Worte des großen Mathematikers sollen gewesen sein: „Nimm meinen Kopf, aber laß unberührt, was ich gezeichnet habe." Aus dreiundzwanzig Wunden blutend, von denen nur eme tödlich gewesen war, sank Caesar schweigend an bem Standbild des Poinpejus nieder, die berühmten Worte voll tiefster schmerzlicher Enttäuschung über den Verrat des Freundes: „Auch du, mein Sohn Brutus!" werden von der Forschung als unecht be- zeichnet, wiewohl sie, zeitgenössischen Schriftstellern zufolge, fttih- zeitig im Zusammenhang mit der schrecklichen Tat aufkamen. Als Octavianus Augustus, Caesars Adoptivsohn, der erste röimsche Kaiser, nach einer beispiellos glanzvollen Regierungszeit in hohem Alter sich anschickt zu sterben, richtet er, schon nicht mehr Lerr tibet- feinen Untertiefer, an die, die fein Sterbelager umstehen, die Worte: Scheint es euch, daß ick bas Theaterstück des Lebens gut gespielt habe? Lat euch das Stückchen gefallen, so klatscht Veisall und lsiacht, daß ich fröhlich abtreten kann/' In einem Winkel semes R»eienre»ches, fern im kleinen Judäa, war, von ihm unbemerkt, aus-Golgatha die folgenschwerste Tragödie der Menschheit geschehen, als am -tage vor dem Sabbat, auf den das Osterfest folgt, Jesus uns Kreuz ge^chlagen wurde und mit den» Schrei der Verzwerflung. „Mem Gott, nieu» Gott, warum hast du mich verlassen?" um d,e neunte Stunde verschied. Nero, in furchtbarem Zusammenhang nut der Chissten- aemeinde in Rom, die, nach dem Brande der, Stadt un Jahre 64, zum ersten Male in der Geschichte erscheint, stirbt kläglichsten -tod durch eigene Land. Zu den wenigen Begleitern, die mitihmvorder allgemeinen Empörung geflohen sind, sagt er, den ^Ä^ewahiten Tod vor Augen, den er schimpshcherem vorzreht: „Ich, solch em Künstler, soll umkommen? Aber so weint doch um mich! Der Tod ist groß.... Aeber den ungeheuren Leichenselderu dei Menschheit enden in feinem majestätischen eisigen Schweige»» dre Todesseufzer und Todesschreie, die Segensworte und Verwünschungen. die Gebete rmd Lästerungen, die Fürbitten und Anklagen, die von frommen oder sündigen Lippen, erhört ooer unerhört, m der Sterbestunde steigen. Wer vermag dre Gedanken der Sterbenden zu entwirren, die furchtbar in Sorge und -trauer, Sn^etzen .nn Grauen erschauernden oder fröhlich dcni Ende zuMenbe», ■. _ Die Worte „O heilige Einfalt", die Johann Lus am oenr Scheiterhaufen einen, alten Mütterchen, nach anderen emem Bauern zugerüfen haben soll, weil diese glaubenseifrig zu dem Lolzstoß ein Scheit herantrugen, sind vermutlich nicht gejprvche» worden, em Augenzeuge der Verbrennung hat nichts über den Vorgang berichtet. ■ Von Sir Walter Raleigh, bem emsigen ©tiigtimg bet Königin Elisabeth, den Jakob I. im Jahre 1618 ,emer Politik op crte, wird erzählt, er habe sich auf dem Schafott dav Veil zeigen lassen und als dies nicht gleich geschah, zum Lenker gefugt: „Laß es mich sehen, d>! denkst wohl, daß ich davor erschrecke? Als er die Scharff berührt hatte, wandte er sich zmn Sheriff mit lächelnder Miene. „Das ist eine scharfe Arznei, aber doch em Mittel, das alle Kr nr- heiten heilt". Gefragt, wie er sich auf den Block legen wolle, ant- »vvrtete er: „Wenn imr das Lerz amrecht bleibt, der Kopf mag ^^Mit den Worten: „Nun fahre ich ins Paradies" schied Jakob Böhme aus dein Leben. „O mein Gott, steh mir best komm nur schnell zu Lilfe", das waren d,e letzten Worte Ludwigs XD/. Mit einer letzten königlichen Geste hatte der unglückliche Ludwig XV ., auf der Plattform des Schafotts «gekommen, dnrcy etne oefehlende Kopsbeweaunq die Trommeln, die unaufhörlich und unerrraglich rasselten. zimi Schweigen gebracht und die letzten Worte l'mes Lchens gesprochen: „Franzosen, ihr seht eurm Koma bereit, nh. euch zu sterben. Könnte doch mein Bbit euer Gluck besiegeln! Ich sterbe ohne Schuld an allem, dessen man mich angeklagt ... . Der auf ein Zeichen Santerres ivieder einsetzende, noch verstärkte Trommelwirbel hinderte ihn, weiter zu sprechen. Lluch andere Opfer der französischen Revolution haben auf ihrem letzten Gange eine bewundernswerte Würde und Kaltblütigkeit gezeigt. Danton, so erzählt Charles Lenri Sanson, der ihn richtete, schien nicht nur der Todesfurcht, sondern dem Tode selbst -trotz zu bieten. „Vergiß tun- nicht", so sprach er, „meinen Kopf dem Volke zu zeigen; »olche Köpfe bekommt es nicht alle Tage zu seheiiX Ern hervorragendes Beispiel von Größe und Gelassenheit gab Lanivlgnon de dAalis- herbes, der feine Treue für den König mit dem Ebbe bezaylen mußte. Als der Greis die Stufe,i der Conciergerie hinabfchritt, strauchelte er und wäre gefallen, wenn ihn Sanfon und feine Gehilfen »ucyt gehalten hätten; zu feiner Tochter und feiner Enkelin, die Mit ihnr den Weg zmn Tode gingen, gewendet, sagte er: „Das nenn, man eme böie Vorbedeutung! ein Römer wäre an meiner Stelle umgekehrt . ‘ Verlassen wir diesen entsetzlichen Schauplatz des -Lobes! Am 6. Dezember 1791 endete, was sterblich an Mozart war. Konstanze uiid ihre Schwester, Sophie Laibl, sowie Süßmahr, fern Schuler, waren bei ihm. Es war nachts gegen 1 Ahr. Die-Schwagern» berichtet, er habe zuletzt noch mit dem Munde die Pauken in seinem Requiem ausdrücken wollen, jenerunvollendetgebliebenenKomposttton, die ihm einige Monate vorher auf so geheimnisvolle Wesse angetragen worden war. Neun Tage dauerte der Kampf des großen Dulders Schiller mit dem Tode. Am Tage vor seinem Ende ließ er sich, aus Fieberphantasien ins Bewußsein zurückgekehrt, sem fungstes Kind, die eimährige Emilie bringen. „Er wandte sich , so schildert .oeinnch Voß d. I. die erschütternde Szene, „mit dem Kopfe um, nach dem Kinde zu, faßte es an der Land und fah ihm mrt unaussprechlicher Wehmut ins Gesicht. Dann fing er an bitterlich zu wetnen und steckte den Kopf ins Kiffen und winkte, daß man das Kind Wegbringen möchte." t , Wielands letzte Worte waren, wenn Goethe, der sre an Knebel weitergab, recht unterrichtet wurde: „To be or not to be, that is tne question". Nach furchtbaren» Todeskampf endete am 26. Marz 1827 einviertel vor sechs Ahr abends Beethovens Leben, während sich unter Blitz und Donner und Lagelschlag ein gewaltiges Frühjahrs- geteilter über dem beschneiten Wien entlud. Nur Frau »an Beethoven und der Komvonist Anselm Lüttenbrenner waren be» ihm. Noch im Tode schien der Genius des Meisters sich im Kampfe mit bei» feindlichen Mächten zu befinden. Ei»» vo>» einem Heftigei» Donnerschlage gefolgter Blitz zückte plötzlich hernieder,und erleuchtete grell das Sterbezimmer. „Nach diesem unerwartete»» Naturereignisse", so lesen wir in der Aufzeichnung Lüttenbrenners für Thayer, bei» Biographen Beethovens, „öffnete dieser die Augen, erhob die rechte Land und blickte starr mit geballter Faust mehrere Sekunden lana in die Löhe mit sehr ernster, drohender Miene. Als er die erhobene Land aufs Bett niedersinkei» ließ, schloffen sich seine Auge»» zur Lälfte. Meine rechte Land lag unter seinem Laupt, meine linke ruhte auf seiner Brust. Kein Atemzug, kein Lerzschlag mehr!" Nach der Bekundung eines Ohrenzeugen waren d»e letzten vernehmlichen Worte Goethes an seinen Diener Friedrich Krause gerichtet: „Macht doch den Fensterladen in» Schlafgemach auf, damit mehr Licht hereinkomme". Wir erkenne»» unschwer, daß hieraus das geflügelte Wort „Mehr Licht" entstände»» »st. Der Lausarzt Dr. Carl Vogel freilich, der Goethe ebenfalls m der Sterbestunde beigestanden hat, erwähnt in seiner Beschreibung von dessen letzter Krankheit und Lod diese Worte nicht: „Kurz vor feinem Ende machte er Bewegungen mit der Land, als ober schriebe. Mit Bestimmtheit habe ich zweimal den Buchstaoen W erkannt. Mir schienen alle seine Aeußerungen, sowohl durch Worte, als durch Gebärden, während der letzt«» drei Stunden fernes Lebens unbewußt . Auch Leinrich Leine werde»» letzte Worte von epigramn»at»scher Zuspitzung zugeschrieben. Einen» Bekannten, der einige Stunden vor des Dichters Tode in dessen Zimmer gestürzt kam, um «hn noch lebend anzutreffen, habe er auf die Frage, wie er mit Gott stehe, lächelnd geantwortet: „Seien Sie unbesorgt, Gott wird mir verzeihen, das ist fei»» Metier". Dieser Blasphemie »vie alle»» anderen Aeber- iteferungen gegenüber stehen nur die Worte fest, die von der Kra»»ilen - Wärterin, der einzige»» Zeugin seines Sterbens Mathilde ichlies in» Nebenzimmer — beglaubigt find: „Schreiben — Papier — Blei- ' Ohne Ende ist die Revue der Sterbenden.' Das Gesetz des Lebens fordert den Tod. „Wir Toten, Wir Toten sind größere Leere als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere" so läßt der Dichter de»» Chor der Toten psalmodieren. Es Preise sich glücklich, wem es in» Angesichte des Todes vergönnt ist, w,e Nelson, der am 21. Oktober 1805 In der 'Schlacht bet Trafalgar tödlich verwundet wurde, zu sagen: „Gott fei Dank! Ich habe meine Pflicht getan"! Memento mori! Kunstbetrachtung zum Totensonntage. Von Walther Appelt, Plauen. Auch die Künste sollen den Mensche», immer wieder an die Gesetze mahnen, denen fein Erdenwandel unterworfen ist- Deshalb laßt sich durch das künstlerische Schaffen aller Zeiten und Völker jenes ernste „Memento mori!" verfolgen, das den Mensche»» an fern toterben- müssen erinnert und ihn mahnen soll, die ihn» zuben»essene Frist zu nutzen. Denn jedes Einzelnen Pflicht ist es, den», was zw»fchei» Geburt und Tod liegt, einen Inhalt zu geben. . In der Vorstellungswelt der klassischen Anttke war der Tod ei», u»ilder Knabe, der sanft die Fackel des Lebens auslöscht. Nur selten finden wir im Altertum eine besondere Betonung der Grausamkeit des Todes („Laokoon", „Niobiden"). Vielleicht hat d»e vorherrschende, sage»» Wir einmal: feinerfühlige Darstellung des Sterbens ihren Grund in einer allgemeinen Vertiefung und Vermnersicymig jener Zeiten. In einem beinahe sebstverständlicyen Streben nach Lebens-Würdigkeit, zu den» die Mehrzahl nicht erst die Aufrüttelung eines drohenden „Memento mori!" brauchte. Kenntnis und Erkenntnis ihrer Ze»t und Ieirgenosscu Uey btt späteren, insbesondere mittelalterlich-deutschen K imitier durcy sinnfällige, drastische Mittel auf das notwendig geworbene „Memento 6 en arbeiten. Namentlich war es die rücksichtslose A»»e»bittl»chkett de» Zielsetzung durch den Tod, die sie immer wieder zum Ausdruck brachten. Lolbein und die zahlreichen Nachahmer seines „^odestanzes Wie auch manche, die eigenes zu den, Thema zu sagen und zu geben Hatten, zeigten de», Tod bei weitem nicht so nachhaltig als Fnund, als Tröster und Erlöser wie vielmehr als Femd und Racher, ja, als blindwütenden Würger. Bei ihnen ist also das „^lemeiito inori , das ihr Werk den Menschen znrnft, nutzt meyr ergenttich Mahnung, sondern — mit Schrecken und Schauder erfüllende Drohung., Mit dem Anssichgreifc», dieser Auffassung muffte auch die Prigonift- zierung des Todes als grausiges, senwnfchwingendes Genppe mehr und mehr allgemein werden. Die meisten von uns (auch d,e weiften unserer Künstler) sind ja beute noch darin besangen. And doch Ware dieser „Tod" besser auf die Zeit beschrä.rkt geblieben, dre ihn hatte entstehen lassen: die Zeit hemmungslos sich ausbreitender Seuchen, verheerender Stadtbrände, endloser Kriegswirren ufw. Aüissi Lolbein hat bei uns vor allem Dürer diese»» „Typus des senidlichen Todes gestaltet (ober, z. B. in „Ritter Tod Teufel , ein«, M ähnlichen). Dieser Künstler, dess«» religlose BM>er den o.od über zeugend Läuterung und Verklärung jetn lassen, streicht daneben aus einer Kohlezeichnung von 150t, — und noch ^derwert e»»»«» reitenden Tod hin, der die handgre,fl,ch derbe, brutale Arrffassung seiner Zeit eher steigert als mildert. Der „Lettischer trägt, Ww auch sonst verschiedentlich, eine Krone — und ruft der «hin bedmgunMos unterworfenenMenschheithohnlachendsem „Memento mei. („ - en art Selbstverständlich kann diese Betrachtung nur «niges aus। dem unübersehbar reichen Material herausgreifen. Deshalb »mn de es auch zu weit führen, im einzelnen bei* Aeberwuidiing bei Avlbem- Dürersch«» Todesdarstellung nachzuspürerldienütdeinFottfchiert« der Geistes- und Enipfindens-Kultur zu beobachten ist. Aeörchens haben das 17. und das 18. Iahrhimdert wenig zu unserm ibnij« beigesteuert. Dazu waren die holländische und erst recht: bie fische Kunst in ihren Blüte-Perioden durchweg zu weltlich und dies. h t, g r- er er »g e. it. ch er or rd rd Ls :r= n° ief eins ist >ie jOt tbe :he ich iftc en- zu urt ein ten keit >rr- ens ina ach mg die nn- lo“ der ten. wie ten, lifi- ehr sten 'äre Lite >en, *nCV hen anz herauf neu ung mch llos lenk >enr es ein- ite-n ;enö mut 'zö- ies — 371 ..Mir nach!" schreie, brülle ich auf, und vor stürzen die Haufen. Mit rasselnden Lungen, blutige Nebel vor den Augen, stürmen wir. Wo ist der Kamerad Trommler? Er muß hinter uns geblieben sein. Im Rücken höre ich ihn weitertrommeln, ohne Aufhören, terumterum, terumterum . . . Gott im Himmel, ich ertrage diesen Ton nicht länger; und ich weiß: dieser Trommler wird nicht aufhören, bis Messines unser ist. Wie die Tatze eines ungeheuren, rasenden Tieres reiht es mich vorwärts. Auf brülle ich in Wut, in Angst, in — Terumterum, terumterum. . . Hinauf die Anhöhe! Hinein in die Schützengräben! Der Engländer weicht, er muß weichen, niemand kann diesem Trommeln standhalten, jedermann muß flüchten, geradeaus, nur fort, nur fort. Messines ist unser. Befehl ausgeführt. Aushörte der Troinmelwirbel — terum... Als ich keuchend, blut- und erdbespritzt mich umwandte, war der Kamerad Trommler, der uns zum Siege geführt, verschwunden. Ich fragte nach ihm. Niemand hatte das Trommeln gehört. „Der Stabstrommler Schlvtterbeck ist hinten beim Regimentsstab, den hat noch keiner vorne gesehen", lachte mein Neben- ntann. „Ja — hast du denn das Trommeln nicht gehört?" Mir stockte der Atem. „Trommeln? — Die Granaten hab' ich trommeln hören, laß mich in Ruh', 's Lampenfteber hast du gehabt, das ging uns auch so beim ersten Gefecht. Und Messines haben wir — Gott sei's getrommelt und gepfiffen!" Und ich kann's beschwören: ich. habe den Trommler mit meinen Augen gesehen: lang und hager und steif, schiefgeneigter Kopf, Mütze in der Stirn. Und hat mit seinen Fingern getrommelt, terumterum, terumterum . . . * Einige Monate später. Front in Polen. Dämmernde Morgenfrühe. Zwielicht im Winterwald. Steifgefroren standen wir an den Schießscharten. Die Russen griffen an. In überwältigender Ueber- macht. Dreimal schlugen wir sie zurück. Mit verbissenem Lachen standen wir: sie sollten auch weiterhin zuriickbranden vor unfern Kugeln und Granaten. Und im schlinmisten Fall blitzten auf unseren Gewehren die Bajonette. Da setzte der neue russische Ansturm ein. Und plötzlich — mir stockte das Blut, wie Millionen Nadelspitzen durchstach es meinen Leib —: Da stand der Trommler. Stand vor der Front der eben anstürmenden Russen, stand da, lang und hager, in russischer Uniform, in erdbraunem Mantel, den Kops seitwärts geneigt, als lausche er fernem Kommandoruf, eine riesige Pelzmütze ins Gesicht gedrückt. Ich kannte ihn: es war mein Trommler von Messines — mit seinen verfluchten Fingern trommelte er aufs Fell. Solchen Ton gab's sonst nicht aus der Welt. Tenim terum, terumterum . . . Er stand, als ihn die vorgehenden Russen überholten, trommelte, trommelte hinter ihnen her, die in sinnloser, sonst nie gesehener Wut, in trotziger Todesverachtung auf uns einstürmten, uns überrannten. Ich wußte von Messines her, daß man nicht anders konnte. Ein Gewehrkolben fuhr mir krähend Über den Schädel. Im selben Augenblick, als ich die Besinnung verlor, hörte ich eben noch den entsetzlichen Wirbel abbrechen — terum ... Als ich auswachte, wurde ich im russischen Schützengraben verbunden. Ich fragte den Feldscher, der deutsch sprach, ob ein Trommler beim russischen Sturm dabei gewesen sei. Ich wußte die Antwort im voraus. Der Sanitäter lachte: „Rix Trommler, nix Trommler, hier Trommler", und deutete auf meinen verbundenen Kopf . . . Gefangenenlager Daurija, Sibirien. Kalte Baracken, Pritschen, dreifach übereinander getürmt. Mit Ziegelsteinen die zerbrochenen Fenster verstellt. Eisiger Wind zischt durch die Ritzen. Der Typhus ging um. Forderte heute in dieser Baracke zwei Kameraden, morgen in jener drei. Mißtrauisches Beobachten untereinander: ist dein Nachbar nicht schon krank? Wird er dich nicht anstecken? Soll er sterben, wenn nur du lebst. Nie hingen wir mehr am Leben. Nie rücksichtsloser. Nie mitleidloser. Leben — die Sonne sehen, und sei's über trostlosen Eis- wüsten, sei's bei Hunger und Schmutz. Leben, leben, und wenn der beste Freund draufging! r . Aus die Anhöhe außerhalb des Lagers, auf den Gefangenenfned- hof, schleppten wir einen Sarg. Ein toter Kamerad lag drin. Typhus. Der sechsunddreißigste in zehn Tagen. Wie viele noch? Zwanzig Prozent der Baracke? Fünfzig Prozent? Wenn nur du nicht darunter bist! — Kamerad im Sarg, du bist tot. Wir lieben dich, nun du tot bist. Ein paar Dutzend Gräber, im Sommer schon ausgeworfen, rechen ihre Mäuler auf. Sie werden alle noch ihre Opfer schlucken. Sie werden nicht ausreichen. „ , „ . , Hinunter mit dem Sarg, die Hände sind klamm, em Vaterunser genügt — im Felde gab's das oft nicht. Mußt schon damit zufrieden sein, toter Kamerad; haft mit uns gehofft, noch vor ein paar Tagen, mit uns gezittert, wer der nächste in der Baracke sein würde der — „Vater unser, der du bist im Himmel. Geheiligt werde. . Auseinander fielen mir jäh die gebetverkrampften $dl©a stand der Trommler, mein Trommler, deutscher und russischer Kamerad, dort ganz oben auf der Höhe, wo ein Denkmal Dsr TrommZer. Von Karl Fuß. Einschlag prasselnder Granaten, zischender Schrapnells. Erde wirbelt auf, Dampf- und Feuerfäulen rasen empor. Sturm auf Messines. Der Beseh! ist klar, eindeutig: die Höhe, aus der die Stadt liegt, ist unter allen Ümftändeir. zu nehmen. Ist zu stürmen. Freies Feld, Rübenäcker, heißer Spätoktobertag. Keuchend taumeln wir vor, staub- und schweißbedeckte Infanterie, ins Tacken der Mafchinengewehre. Die Höhe ist unter allen Umständen zu nehmen. Die gespreizten Hände im Boden verkrallt, liegen wir in den Rübenfeldern. Von der Flanke her mäht der Maschinentod, tacktack- tock . . . Kein Mann des Regiments wird Messines erreichen — jeder Schritt heißt Hinsinken, Zerfetztwerden, Ende . . . Plötzlich — horch, was für ein Ton, der mich, eben »och kauerndes, keuchendes Tier, aufreiht? Ich fchauS: vor unserer Feuerlinie steht ein Kamerad — ein Kamerad muß es sein! Untere Uniform trägt er! Eine große, hagere Gestalt, seltsam unbewegt, das Gesicht kann ich nicht erkennen, er hat die Feldmütze tief in die Stirn gezogen und schaut zur Seite. Terumterum, terumterum . , . Der Kamerad trommelt. Doch was ist das: deutlich sehe ich, wie er, ohne Schlegel, mit feinen langen, knochigen Fingern aufs Kalbfell haut, immer im gleichen Takt, terumterum, terumterum, terumterum. Wer bist du, Kamerad? Fuhr Nicht eben ein Granate an den Platz, wo er stand? Schwarz und gelb bäumt sich eine Wolke auf — der Kamerad im grauen Rock steht noch da. Terumterum, terumterum . . . Was für eine dämonische Kraft liegt in diesem Wirbel! Terumterum — als ob man einen Kirchhof voller Totenbeine durcheinander rüttle . . . Hell und dumpf pugleid). Auf springe ich aus der Mulde, die Aufschub, Rettung, Leben bedeutet, als stoße mich eine unsichtbare, unheimliche Faust. Aber ich weiß: es ist dieses Trommeln, das nicht zu ertragen ist. Messines ist unter allen Umständen zu nehmen. fettig orientiert. And bei uns selbst setzte erst mit bzw. nach der klassischen Zeit unserer' Literatur wieder ein Kunstschaffen ein, das von der seichten Oberfläche in die Tiefe zu dringen suchte. Inzwischeit aber hat sich in dem, wovon wir reden, die große Wandlung bereits angebahnt. Von Alfred Rethel, einem Künstler der ersten Lälste des vorigen Jahrhunderts, gibt es zwei Holzschnitte, die meist irrtümlicherweise seinem „Totentanz" zugerechnet werden. (Dieser selbst kann als ausgesprochen politisch hier übergangen werden. Erwähnt sei nur, daß seine Tendenz sich gegen die inneren Kämpfe der 48 er Revolution richtet: „Der Tod auf der Barrikade" usw.). Das eine der beiden Blätter, angeregt durch Peines Schilderung der Pariser Choleraepidemie von 1831, zeigt den „Tod als Würger". Viel bekannter aber ist das betont versöhnlich gehaltene Gegeifftück geworden : „Der Tod als Freund" (beim greifen Glöckner in der Turmstube). And mit Recht, denn es ist auch künstlerisch viel abgerundeter, trotz einer gewissen Sentimentalität viel ausgereifter. Das ist nicht Zufall, sondern in dem lange vor Rethel einsetzenden Suchet: nach einer neuen Einstellung zu dem MrMerch'chen Gestaltungsprobkem „Tod" klar begründet. Das aufrauschende Erleben des Krieges hat auch Künstler unserer Zeit „Totentänze" oder doch Einzelblätter zu biefem Themenkreis schaffen lassen, in denen vielfach der Tod des Mittelalters — gegen Rethel vergröbert — wieder ersteht. Künstlerisch betrachtet, dürfen, mir darin wohl eine Episode sehen, die die stetige Entwicklungs- linie nicht stören oder verwirren kann. Böcklin, Corinth u. a. haben Jahrzehnte vorher das eine und andere „Selbstbildnis mit Tod" gemalt. And selbst eine so realistische Künstlerin wie Käthe Kollwitz hat in Radierungen wie „Mutter, Tod und Kiitd" die Symbolik des Knochenmannes beibehalten. All diese Werke aber entkleiden den Tod seiner starren Schreckhaftigkeit, die keinen Raum lief; für irgendwelches Soffen, am wenigsten für die Gewißheit, daß das Sterben nicht nur ein Ernten, sondern immer auch ein Säen ist. Auf den Selbst - bildniffenist der Tod nichts anderes als ein „Memento!", das die Künstler sich selber und uns anderen prüfen, und dessen Wirkung nie im Negativen, (Schreckenden, Entmutigenden), fonbern bei rechter Einfühlung einzig im Positiven liegen kann. Der Blick von gleich hoher Warte adelt die Blätter der Käthe Kollwitz. Als Mütter und schöpferische Frau steht die Künstlerin fast immer durch bcu jeweils herausgegriffenen Einzelfall hindurch das große Ganze und nicht nur die Notwendigkeit seines Fortbestehens, sondern auch die Gewähr für dieses Fortbestehen, das zugleich Fortentwicklung sein muß. „Nr:r der einzelne < irbt, das Ganze wird immer leben!" Das ist der Grundgedanke der erwähnten und anderen Werke unserer Zeit. Am einprägsanfften hat ibn wohl Mar Klinger in (einer Kunst Form werden lassen: in dem Zyklus „Vom Tode", noch zwingender aber in der Radierung „Kind und tote Mutter". Ganz verzichtet ist hier — im Gegensatz zu anderen Blättern des Künstlers — auf irgendwelche Personifizierung des Todes. Beherrschender Mittelpunkt ist daS Kiird. Zu jung noch, um von Tod und Trauer zn wissen, blickt es fort von der toten Mutter — ins Leben, das es noch nicht kennt, das aber seiner, d. h. seiner schaffenden Kraft ivarfet. Verheißung liegt im Blick des Kindes, unterstrichen noch durch ein inmitten uralter Knorren zum Licht aufstrebendes junges Bäumchen — Verheißung und Trost.... - 372 — Verantwortlich: vr. Hans Lhyriot, — Druck der Vrühljchen AmversiiätS-Duch- und Steindruckerer, R. Lange, Elchen. und die dichtgedrängte Menge untermischte sich mit den Kindern der Stadt. Langsam schwebte die Äeilandstatue allfwärts. Wurde zusehends kleiner und kleiner. Plötzlich — sie mochte etwa drei Viertel ihres Weges zurückgelegt haben — plötzlich brach aus Hunderten von Menschenkehlen ein einziger u>ld ungeheurer Schrei hervor. Das Seil war gerissen, und—unausdenklich—das Heilands» kreuz sauste zur Erde. Da reckte Mathias Engelbrecht seine Rechte zunr Himmel auf, und sein Mund (riß die Angst um das Leben derer, die so dicht gedrällgt standen, daß viele — Männer, Frauen, Kinder — dem Tod nicht entlausen konnten, das Wort aus seinen Tiefe» herauf? Gab die Sorge um sein Werk, das bein, Aufschlagen an der Erde zerschellen mußte, thin den Befehl ein?) sein Menschenmund rief dem fallende«» Koloß zu: „Ich gebiete Dir: Halt ein!" Lind der Stein hielt zu fallen inne. Wie ein großer Vogel mit ausgebreiteten Flügel«', in der Luft schwebt—kein Vor oder Rück, kein Auf oder Ab vermögen wir zu sehen, nicht einmal das Zittern der Schwingen, die ihn tragen, ist unfern Auge«» erkennbar — so schwebte zu Haupte» der Menge das Heilandskreuz zwischen Himmel und Erde. Nach Augenblicken, in denen die Zeit den Atem verhielt, bedeutete Mathias Engelbrecht den Menschen mit einer Bewegung seiner zuckenden Linken — indeß die Rechte noch immer in gebieterischer Starre aufgereckt über ihn« stand — daß sie den Domplatz verlassen sollten. Erst als alle ih>«> gehorcht hatten, wich dre Starre aus seiner Rechten, mrd mit bittender Gebärde winkte ite der Statue, daß sie sich auf die Erde senken möge. Langsam schwebte sie nieder. Wenige Schritte vor Mathias Engelbrcht berührten als erstes dre Füße des Heilandskreuzes die Erde. Sobald es Stand gefaßt hatte, senkte es sich vornüber abwärts. Es war, wie wenn es sich bor seinem Schöpfer neigte. Dabei karn fein Antlitz dein Gesicht des Baumeisters nahe. Als Auge in Auge sah, übermannte es Mathias Engelbrecht. Aufschluchzend, daß jede Fiber seines Leibes durch- schlittert wurde, schlang er die Arme um die Drust «ornes Bildwerkes und küßte es auf den Mund. .. . , , Als einer der Poliere auf ihn zutrat, da er auf lerne Worte Nichts erwiderte, seine Schulter anrührte, ihr» bedeutete, da,« sie das Seil ausgebessert hätten, und fragte, ob sie das Heilandskreuz zum Werten Mal auf den Turnr windeir sollten, rrickte Mathras Engelbrecht, ohrre den Mund aufzutun, Gewährung. Jetzt ließ er, der das erste Mal bei allen, selber Land angelegt hatte, geschehen, was seine Leute für gut erachteten. Zum zweiten Mai schwebte der -Lteinkoloß hininrelauf. Die Menge, die sich hinter der Mauer des Domplatzes Kopf an Kopf auf dem Marktplatz drängte, kniete betend nieder. Ohne Fährnis gelangte diesmal das Leilandskreuz auf der Spitze des Turmes an. Als es jenen Platz erhalten hatte, der ihm von dem Erbauer des Münsters angewiesen war, und von dem aus es fünfzig Jahre lang die Arme rufend ausbreitete, — bis in den Jahren, als Turenne in die Pfalz einfiel, eine französische Kanonenkugel es wieder herunterholte — als Mathias Engelbrecht, der auf dem Dom- plah, von Einsamkeit um brandet, regungslos dagestmiden hatte, sein Werk vollendet sah: ging er mitten durch die Menge hin, die sich vor ihm austat wie die Wasser vor den Fiisies des Mose, der fernem Volk durch das Meer vvranschritt. _ , Tagüber schloß Mathias Engelbrecht sich u> ferne Wertstatt ein. Als man ihn am andern Morgen — dein Sonntag, da sich dre Türen des Münsters zürn ersten Gottesdienst öffnen sollten — tn fe,erlid)cm Zuge von seiner Behausung abholen ivollte, daß er den Schlüssel zu der Donitiir dem Bürgermeister und dieser ihn dein Bischof uberrctcoe, da war in er keinem seiner Gemächer, auch an kemem andern Ort aus Erden zu finden. Die einen sagten: Der Teufel, mit dessen Hilfe er das Blendwerk, dem Hella,rdskreuz Halten, zu gebieten, vollbracht hätte, habe ihn während der Nacht geholt. Die.andern sprachen: Gott, der ihm die Kraft zu dem Wunder verliehen hatte, habe ihn von der Erde hinweggenommen, wie die. Welche den Sod nicht jchmeaen und deren Gebeine rnan niemals findet. Wochenlang wogte um das Ende des Münstererbauers der Kampf der Teufelsglaubigen und der Gottgläubigen in der Stadt hin und her. Bis die«e oen S,eg er- Derweil ging Mathias Engelbrecht als Bettler durch die deutschen Lande und wußte nicht, wohin er seinen Fug setzen foöte. Als er einen Monat lang herumgeirrt war, hörte er auf einem Hügel des fränkischen Landes das Glöcklein eines Klosters rufen. Er trat vor den Abt und bedeutete ihm, ohne Worte, daß er rn das Kloster auf- genommen werden walle. Der Abt fragte nach dem Woher und dem Warum. Mathias Engelbrecht schwieg. Ob er außer Landes g^oren sei und eine andere Sprache rede, forschste der ^L Mathias Eiigel- brecht verneinte; ohne Worte. Ob er ihn verstünde? Mathias Engelbrecht sagte, ohne Worte, ja. Ob er stumm sei? Mathias Engelbrecht schüttelte den Kopf mit einer w schmerzlichen Gebärde, daß der Abt begriff, er habe ein Gelübde, und ,hn nichts mehr fragte. So wurde Mathias Engelbrecht als Bruder Namenlos ms Kloster aufgenommen. Alle seine Insassen, außer dem Abt, der da Geheimnis "seines Schweigens hütete, wre wem, es ihm ,m Beichtstuhl anvertraut wäre, glaubten: er ser stumm. Fünfzig ?uhrellmg hat er im Kloster Dienste getan, ohne einen Laut i«ber ferne Lippen zu lassen. Bis er — siebenundachtzigsährtg — mit dem Schrei. Das Kreuz! Das Kreuz! Rettet das Kreuz!" mederbrach w,e ein Krieger, den eine Kugel zur Erde reißt. Denn dcn Ntund ta Mathias Engelbrecht nach jenem Wort, mit dem er das Gerader der Welt, das Gott feinem Willen Vorbehalten hatte, tnneingr,ff, erst am Tor des Todes wieder auf. ______________ für die toten Kriegsgefangenen sich erhob. Stand auf drin Sockel, hager und lang, einen grauen Mantel umgeworfen, eme schmutzige Mutze tief in hie Stirn gezogen. Den Kopf zur Seite geneigt. Terumterurn, terumterum . . . Stand und trommelte mit langen Knochenfingern auf das Kalbsfell, terumterum. Stand und trommelte ... . t . Mit einem heiseren Wutschrei stürzte ich auf d°n Trommler los griff nach ihm, — verschwunden war er, aufgelöst im sibirischen Frosthimmel. Wie Donner dröhnte ans magischer Ferne em letzter W^Wo ist "der Kerl!? Ich will ihn erwürgen, ihn zusaminenhauen, mit "seinen Knochen trommeln, terumterum .. ." Man trug mich weg. Rach einigen Wochen erwachte ich aus meinem Fieber. Zweiunddreihig andere meiner Baracke tagen droben auf dem Kirchhof... Nun kenne ich dich, Trommler von Messines, Trommler von der Bzura, Trommler von Daurija, nun kenne ich dich, Kamerad Trommler! Wann werd' ich dich wieder sehen . . .? Das Hsilandskrsuz. Legende von Sans Franck. Als der Baumeister Mathias Engelbrecht von seiner chemischen Vaterstadt deii Auftrag erhielt, anstelle des kümmerlichen Kirchleins, so ihr aus der Armseligkeit ihrer Väter überkommen war, ein Munster zu erbauen, das sich höher zuin Lrmmel aufreckte, denn alle Gotteshäuser fünf Tagereisen weit in der Runde: da beschloß oer Dreißigjährige, den Turm seines Domes nicht in eine Kugel ober emen Knauf, in eine Steinblume ober ein Kreuz auslaufen zu laßen, sondern ,hn mit der Gestalt des Heilandes zu krönen. ®en £etb dessen, der— Mensck und Gott in Einem — sich aus der Ewigkeit m die Zeit hinab, sich aus der Zeit in die Ewigkeit hinaufgesehnt hatte, wollte er zwischen Himmel und Erde zum meilenweit sichtbaren SiMbolmn aufrickten. Nickt nicht den ans Kreuz Geschlagenen, dessen geschändeter Körper sich unter Schmerzen krümmte, sah er als Krönung seines Bauwerkes. Sondern jenen, der im Aeberschwang ferner Liebe das erdumarmende Wort gefprocheii hatte: „Kommet her zu mw alle, die ihr mühfelig und beladen seid; ich will euch erquicken . In der Fülle feiner Kraft sollte er dastehen: das Haupt verhexend aufgereckt, die Arme in unermeßlichem Verlangen so sehnsüchtig gebreiteff als wolle er Mensch und Tier, Haus und Acker, Wald und Wiest, Wmd lind Wolke umfangen und ans Äeilandsherz drücken. Wodurch freilich, ungewollt, als Krönung auch seines Miinsterturmes sich ein Kreuz ergab: das Kreuz eines liebebeseelten Leibes. Am Feierabend desselben Tages, da der Grundstein des Munsters mit erstem feierlichen Lammerschlag gelegt wurde, begann Mathias Engelbrecht die Gestalt des erdumarmenden Heilandes in Aeber- lebensgröße aus dem Stein herau^umeißeln. Tag für Tag, sieben Jahre lang, das Gleiche: Wenn Meister, Pokere, Gesellen, Lehrlinge, Arbeiter heiingingen, um der Abendruhe zu pstegeii, da«m schloß Mathias Engelbrecht, bet von ber ersten bis zur letzten Minute beaufsichtigend, anfeuernd, ratgebend, verweisend, lobschenkend in ihrer Mitte auf dem Bauplatz gestanden hatte, sich in fE Werkstatt ein und begann die Arbeit an seinem Heilandskreuz. Was der Tag an Beglückungen und Bedrückungen ihm auferleat hatte — und mancher brachte von Beidem etne ungeheuerliche Bürde — m dem Augenblick, wo Mathias Engelbrecht allabendlich zu seinem Meißel griff, fiel es mit dem ersten in die tiefsten Tiefen hinunterdringenden Atemzuge von ihm ab. Nicht einmal des Sonntags ruhte er. Da an ihm Mathias Engelbrecht schon des Morgens zu meißeln beginne» konnte, statt tote wochentags erst des Abends, so wurde der Ruhetag der andern stin schmerzlich herbekgesthnter, ungeschnralerter Arbeitstag. Sieben Jahre lang! Am Feierabend desselben Sages, da zum Zeichen der Vollendung der Bürgermeister der Stadt, der tief unten int Grund den ersten Schlag getan hatte, m schwindelnder Höhe des Münsterbaues de» letzten feierlichen Hammerschlag tat, legte auch Mathias Engelbrecht, von seiner fertigen Heilandstatue verzückt zurücktretend, den Meißel aus der Land. Jetzt galt es nur «och, sie auf den Turm hinaufzuwinden, und das Werk feiner Werke, das feilten Namen fernsten Zeiten zutragen wurde, war vollbrachL^olk VcvfammeHe sich am »ächsten Morgen, einem Samstag, auf dem Domplatz. Die einen hielten das Sinterfangen des Bau- Meisters, von den landesüblichen Bräuchen abzuweichen, für Vermessenheit. Die anderen behaupteten: Auf ber Spitze des Turmes Werbe die armebreitende Gestalt des Heilandes wie ein Kreuz aussehen, und nur wer darum wisse, werde von der Erde aus mühsainernen Menschenkörper erkennen können. Die Dritten wandten ein: Wenn der Leilandskörper in ber Löhe wie ein Kreuz aussehen werde, warum ber Stadtbaumeister bann nicht bei bem bisherigen Brauch geblieben wäre, ben Turm des Münsters durch ein wirkliches Kreuz zu krönen? Ohne daß die wartende Menge es gewahrte, verflogen — von gläubigen und zweifelnden, von demütigen und vermessenen Gespräche» fortgetragen — die Stunden. Es war kurz vor Mittag, als der steinerne Heiland aus der Werkstatt des Stadtbaumeisters herbeigeschafft und von dem stärksten Seil, das jemals einer ber Anwesenden gesehen hatte, fo sorgsam umschnürt worben war, baß Mathias Engelbrecht das Zeichen zum Aufwinden geben konnte. Im gleichen Augenblick, da es geschah, öffnete sich die Tür der Domfchule,