Gießener jmWenbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang $926 Dienstag,H! 20. Juli Nummer 58 An den Schlaf. Von Leo Sternberg. Schwebe vorüber, gütiger Schlaf! Nicht an den vergeude die köstliche Schale, dem Wache süß ist. Sondern bringe dem Trostlosen sie, der sich die Hölle des Daseins gräbt ins verbitterte Herz, und schleire von Lager zu Lager, ob ein Ungeliebter in einsame Kissen weint — ihnen alle schenke den Trank des Vergessens! Ich — siehe — liege im Dunkel: ein nächtlicher See. darin sich die Sterne spiegeln: Doppelleuchten der Liebe . . . Nicht zufallen laß mir das Auge — Ich versäumte mein Leben, versäumte ich nur eines Atemzuges Länge von dieser schlummerlosen Nacht. RegUZa KrsNzfeind. Von Albrecht S ch a e f f e r*). 1. Regula, als sie zwölf Jahre zählte, beschloß auszuwandern. Wie ging das zu? So ging das zu, daß sie bei also geringem Alter schon viele Drangsale zu dulden hatte, was von einer absonderlichen Natur ihres Herzens herrührte, nämlich folgendermaßen: Regula, die von allem Anfang ein gescheites Pflänzlein gewesen, das eher plappern lernte als kriechen, und das man schon in dem zartesten Alter auf einem Sesselchen treffen konnte, Bein mit Beine gedeckt und die Hände gefaltet, woraus es die Augen erhob und eine gewaltige Frage, die es erwogen, über Himmel und Erde auftat: Regula nahm ihre Mutter Christine in dis Kirche mit, da sie fünf Jahre zählte, um ihr die Herrlichkeit Gottes in seiner Anbetung zu erweisen. Sie war aber noch nicht lange am Knien unter den übrigen Weibern, als sie einer großen Ungebühr inne wurde, dieweil das Kind laut mit den Zähnen klapperte und dazwischen tief seufzte. Die Mutter sah sich um und sah Regulas Antlitz, welches rund und fast knollig und immer schön rot anzujehen war, sah sie weiß wie der Wandkalk und mit kohlschwarzen Augen: und das Kind ächzte, als ob es Schmerzen litte, und sagte: Ach, Mutter, der garstige Mann! Ach, der böse Mann! — Sagte das von dem guten Heiland, der auf dem Altäre stand vor seinem Kreuz, an das er genagelt war, und so groß war, als ob er lebte. Ein grausiger Anblick freilich in seinem hölzernen Leiden und Sterben. Bist du wohl still! raunte die Mutter, der ist ja nicht bös! — Das Kind schmieg, doch es währte es nicht lange, so ließ sich wieder das Zahnklappern hören, dann ein Schluchzen, dann wieder ein Klappern; es blieb der Mutter nichts übrig, als ihr Geschöpf in das Freie zu führen, damit es die Andacht nicht störe. Sie war eine fromme Frau und im Herzensgründe nicht unmild; führte das Kind auf dem Gottesacker umher, zeigte ihm die Blumen und hier und da in einem geschmiedeten Grabzeichen den armen Heiland, nur klein und nicht so schrecklich; und sie lehrte dem Kind seine große Güte, und daß es die Bösen waren, die mit ihm so verfuhren. Das Kind war still, sie brachte es heim, nahm die Postille und las ihm die Geschichte von der Weihnacht und mancherlei andres Ding aus dem wundertätigen Leben; wie er gut war und wie töricht die Menschen, wie.ihn Judas verriet; wie er gekreuzigt wurde und starb; wie er begraben wurde und wieder auferstand und gen Himmel fuhr zu großer Freude seines Vaters und aller Menschen, da er nun in der Glorie wohnt und uns alle erwartet. Tat das Kind einen schweren Seufzer und fragte: Hängt er dann nicht mehr an dem Holz? — Er sitzt zur Rechten seines Vaters in einem ewigen Sonnenschein, sagte die Mutter. Ist ihm ganz wohl? fragte die Regul. Immerdar wohl, bekräftigte sie. Warum haben sie ihn denn wieder aufgehangen? — Es ist ja nur ein Bild und ein Gleichnis, erklärte die Mutter, damit wir uns seiner Leiden erinnern. — Wenn er aber doch in dem Himmelschein ist, warum muß er am Kreuz hängen? — Ich sagte es doch, Kind, damit wir es nicht vergessen. — Warum muß er so häßlich aussehen, wenn er es gut hat im Himmel oben? — Das haben die Menschen getan! — Haben sie ihn nicht begraben? — Das haben sie wohl, du Quälgeist! — Warum haben sie ihn nicht drinnen gelassen? fragte das Kind. — Nun habe ich es dir zweimal gesagt, versetzte Christine, nun ist es genug! — Sie ließ ab von dem Kinde, ging an ihre Wirtschaft. Regula saß nachdenkend eine Weile, *) Aus dem im Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen Novelle.n- band „Das Prisma", - -- dann holte sie ihre Puppe aus dem Winkel, entkleidete sie splitter- nackt, fing an ihr Arme und Beine zu biegen, bald so, bald so, legte ihr zuletzt die ledernen Hände fest am Leib, umhüllte sie mit einem Lumpen ud barg sie im Winkel. Plötzlich lief sie zur Mutter hin, die am Küchenherd stand und rührte, zupfte sie am Kleid und sagte: Mutterle, warum haben sie ihn doch wieder aufgehangen? —- Dummes Kind, schalt die Geplagte, ich kann dich's nicht lehren, wart, bis du älter bist. Es begann aber hiermit eine Zeil des Kummers für Mutter und Kind. Denn da wieder der Sonntag kam und Christine den Kirchgang rüstete, sagte die Regul: Ich will nicht! und wehrte sich so und erhob em solches Geschrei und Weinen, daß die Mutter sie im Zimmer ver- schloß und allein kirchwärts ging, voller Leid über das ungeratene Wesen, auch voll Angst vor einem bösen Geist, der in Regula hauste und sie zwang, schon jetzt wie ein Ketzer zu reden. Und sie offenbart« es dem Priester. Der kam und begann Regula nochmals zu unterweisen, hatte aber nicht bessere Wirkung als die Mutter vordem, und je länger es währte, um so trotziger wurde das Kind, sagte nur: Warum haben sie ihn aber gehangen? und war ihm nichts beizubringen. Stundan, wenn die Kirchenzeit kam, entlief es und barg sich im Walde, kam später hervor und stand an der Kirchentür, bis die Mutter heraustrat. Die wollt es nicht ansehn, ließ Regula hinter sich schleichen, gab ihr kein Essen den Tag über, hatte aber selbst keinen Geschmack, kaute trocken, und so waren sie beide verstockt. Das Kind sah wohl den Kummer, es fühlte sich schuldig und konnte doch nicht anders. Weil nun die Mutter alle Morgen in die Frühmesse ging, so erhob es sich bald und fing an, allerlei Arbeit zu machen, so gut es konnte. Brachte Wasser zum Sieden, das schon über der Glut hing, wusch Geschirr ab vom gestrigen Tage, kehrte die Stube und trug Bettkissen ans Fenster. Kam die Mutter, tag es wieder auf seinem Bettsack, deckte sich und tat, als ob es schliefe. Die Mutter sah alles innen voll Tränen; sagte aber nichts, dachte, das Kind tue es zur Buhe. Am Sonntag jedoch wars wie vordem. Kam nun die Zeit, daß Regula in die Schule gehen sollte. Die Mutter schickte sie hin; das Kind wußte den Weg, trat in das Schulzimmer ein, fetzte sich an einen Platz und sah, da sie die Augen erhob, ein Kruzifix an der Wand gegenüber, groß genug. Sie erschrak so heftig von dem Anblick, daß sie zittern mußte; hielt die Augen gesenkt, wußte sich lange nicht zu helfen. Endlich, da immer noch Kinder zur Tür hereintraten und der Lehrer draußen verweilte, gewann sie die Tür und eilte davon. In die Stube daheim trat sie verzagt und so klein, daß die Mutter nichts hörte, die am Waschzuber stand und planschte. Erft da sie einmal unversehens hinter sich blickte, stand das Kind bei der Tür, hatte die Tafel im Arm, war ganz gebückt. Da wußte sie, gleich was geschehen mar, hatte ja selber vor dreißig Jahren auf derselben Bank vor dem Heiland gesessen; nun ward ihr Höllenangst vor dem feindlichen Wesen, das aber schon schrie: Tu mir nichts, Mutterle, tu mir kein Leid, ich kann's nicht sehen, wie er da hängen muß! — Denn so hatte das Antlitz der Guten sich verändert, daß ihr Kind es erkannte, obwohl es die Augen am Boden hatte. Und nun ward es schlimm. Denn jetzt nahmen die Kinder der «ache sich an und führten sie mächtig durch. Wo die Regula sich hinkehrte, hörte sie rufen: Kreuzfeind! Der Kreuzfeind ist da! Regula Kreuzfeind! Das Wort, das keiner erdacht hatte, war ihnen in den Mund gefahren und brannte darin, daß sie es ausspeien mußten, wo die Regula erschien. Alle standen ihr entgegen und ließen sie nicht herankommen. Eins, das heimtückisch war, schlich hinter Regula, stieß sie in den Nacken, daß sie fast niederfiel. Wo sie ging, tat ein Fenster den Mund auf, der Kreuzfeind! schrie; die Zäune wurden lebendig, überall flog das giftige Wort, und als es einmal zwei großen Buben gelungen war, Regula zu packen und ihr die Arme hinterwärts um ein Bäumchen zu ziehen, daß ihr fast die Schulterblätter zerbrachen, ging sie nimmermehr in das Freie hervor. Der Pfarrer kam noch ein- und zweimal; Regula weinte nicht mehr, bebte nur wie ein Laub, hatte alle Sprüche gelernt, die er ihr aufgegeben, sagte sie kaum vernehmlich. Es half aber nichts, und als sie das Kruzifix küssen sollte, das seine knochige Hand vorstreckte, mußte sie sich erbrechen. So war's ersichtlich, daß ein unsauberer Höllenteufel drin wohnte. Der Pfarrer begann furchtbar: Exorciso te, Satana! und wetterte und schwor so entsetzlich, daß Regula steif ward und ohnmächtig niederfiel. Ms sie aufwachte, war sie in einer leeren Kammer, einen Strohsack unter sich, über sich an der Wand das hölzerne Kruzifix, das nur armlang war, ein sehr armes Schnitzwerk, das den Leichnam in gräßlicher Hagerkeit zeigte. Alsbald trat die Mutier ein, setzte einen Wafserkrug an den Boden, legte ein Stück Brot hin und sagte, schon wieder zur Tür sich wendend: Da bleibe nun. Ich will nicht glauben, daß du den Teufel hast. Wenn du ihn aber nicht hast, so will ich dich von hier nicht erlösen,, bis du vor dem Heiland kniest — 230 und sprichst, daß du ihn anerkennst. — Ging nach dein Wart und verschloß hinter sich die Tür. Ach, laßt uns aber nicht verweilen bei den nächsten Stunden des Kindes. Als vor dem Schlafengehen spät in der Nacht die Mutter jene Kammer betrat und nach Regula leuchtete, lag sie auf dem Strohsack, ries lchlafend und heiß rot im Gesicht. In den Armen hielt sie das Kreuz, da war aber kein Leichnam daran, und als die Mutter umhersäh, gewahrte sie etwas im Winkel verborgen. Das stellte sich da heraus als der hölzerne kleine Leichnam, eingewickelt in die kleine Schürze des Kindes, doch waren ihm die dünnen Arme abgebrochen und fielen heraus; das Kind hatte sie wohl umbiegen wollen, da waren sie abgegangen. Ueberdem wußte die Mutter nicht, was sie glauben sollte. Denn so ruchlos erschien ihr die Vergreisung und so lieblich und voll sanfter Genugtuung die Tochter im Schlaf, daß sic cs in ihrem Sinn, nicht vereinen konnte und irre wurde an aller Möglichkeit und wie verstört und am Ende fremd und versonnen. Sie fing an und wurde verschwiegen, hütete sich vor den Leuten, bückte sich vor federn, sprach leise kaum das nötigste Wort, wich kaum aus ihrem Hause und Garten. Und wie die Zeit ging, sah sic Regula nicht mchr an, außer wenn sie hinter ihr war, scheu und wie ein fremdes Tierwesen im Raum, und ließ sie immer schalten, wie sic selber sich etwas vornahm. So wuchs Regula traurig die Sommer und Winter durch. Sie war immer gut bei Kräften gewesen, lernte durch Abschn, was nötig war in dem Haushalt und was ihre Stärke vermochte; bald hatte sie das Meiste auf sich genommen mit Ausnahme der Mahlzeitbereitung, die Stuben zu pflegen, auch den Kuhstall, auf das Feuer zu achten und was daran sott oder briet, auf die Bäume zu steigen und die Aepfcl und Birnen zu brechen. Und sie säctc den Spinat, las die Raupen vom Kohl, jätete das Kraut und begoß und harkte, und da sie älter und stärker ward, grub und hackte sie fleißig. Bei alledem hatte sic fast kein Wort mehr zu sprechen, hatte keinen Gespielen; Stube und Garten, das war ihre Welt, da lachte kein Menschenmund. Doch war später die Weide zwischen Garten und Wald, die Rinder grasten geduldig. Vögel sangen über sie hin, der Wald hatte Stimmen und Winkel und manches schöne Geheimnis. Regula war braun, stäimnig und hatte Augen wie Brombeeren unter fast rötlichem Haar, ihr Mund wurde süßer, aber wozu? Sie sprach nicht, sie wußte kein Lied, keine Schrift, sie hatte fast keinen Gedanken, sie dachte mit Sehen und Hören und mit dem Tun. Und allein, wenn sie aus einem Baumstumpf saß in bem hohen Gras, den Kopf aus den Knien, die Hände über den Füßen verschlungen, und so in die scurige Bläue des Himmels blickte, schläfrig, im Gehör allerlei Stimmen, Gesumm und die Lerche im Nichts, ganz fern einen Rus im Darf und das grüne Rauschen des Waldes, so dachte sie, daß sie ein Mensch war; Tränen liefe» ihr über das Herz, sic bebte. Aber cs blieb innen. Manchmal war es, als ginge sie vor dem Weinen wie vor einer lautlosen Wand aus Wasser, die stürzte, konnte aber niemals hinein. Einen Vers hatte sie, der war so, wie Tau in der Blute wird, in ihr gebildet, und so sagte sic ihn in die Stille: Ich bin traurig, Jesu Christ, Daß du an dem Kreuze bist. Wollte dich gern begraben, Mutter wollt es nicht haben, £), wie könnten roir's lustig haben. In dem Grabe, In dem Grabe, im Himmelreich, Hosianna! Wenn sie das sagte, so kostete sie das Hosianna am Ende durch die anderen Worte hin schon zuvor wie eine fremde heilige Speise, den juwelenen Brosam, den sie als einzigen aus der Christenwelt davongetragen hat. Aber Christine, die Mutter, verzehrte sich innerlich in diesen Jahre, dann gab sie sich auf, es war, als ob sie sich vergäße und in sich hinein verschwände, und ihr Leben verlosch dann so wie das Licht am Docht, weil die Nahrung verzehrt ist. Sie war gestorben, wie sic im Bett lag; Regula fand sie des Morgens kalt und steif und begriff, was das war, faß lange bei der kummervollen Leiche, dachte, was nun kommen könnte, und da kam cs ihr, weiß Gott woher, daß sic auswandern könnte. Ja, es kam, daß sie sich zusammcnnahm zu einem Widerstand und zu einer Hoffnung auf ein anderes Leben in einem unendlich fernen Land, in das sie zu wandern sich sehnte mit solcher Inbrunst und Süßigkeit, als ginge es in die Bläue des Himmels hinein, und da läge es und wäre völlig gut. Vielleicht dachte sie auch, daß sie weit genug würde gehen können, um zu Menschen zu kommen, die nichts von ihr wußten, daß sie stark war, um die Arbeit eines Erwachsenen zu verrichten, und in Haus und Garten und Stall erfahren genug. Also machte sie ein Bündel aus ihrer Wcrktagskleidung, legte einen halben Laib Brot und Speck und ein paar Kleinigkeiten hinein, die sonst nötig oder ihr lieb waren, ergriff ihren Stab, mit dem sie die Kühe gehütet hatte, und machte sich auf den Weg, nicht leichten Herzens, weil sic die Tote so liegen lassen mußte; aber sie konnte sie auch nicht begraben. Am Leib hatte sie deren Festtagsgewand, das nur wenig zu lang war, denn die Tote war kleiner Figur gewesen. Im Bündel war es zu unförmig und sie schürzte es üher den Hüften und band es mit einer Schnur auf, daß cs bauschte. Es war von gründamastenem Stoff mit dreingewebten Blumen von gleicher Farbe, und ein Käpplein gehörte dazu von demselben Zeug, das über den Ohren schloß, unter dem Halse zu binden; hinten floß ihr Haarzopf heraus, der war rotbraun, kurz aber kräftig, und das Kleid stand weit und ging herab zu den Füßen. Da stand sie marschfertig und zauderte noch bei dem Leichnam. Aber alles an ihr war rüstig geworden; sic muhte aufbrechen und wandern, um schnell ihr Ziel zu erreichen. 2. Die Sominerstraßc war teer, da sie das eben sonntägliche Dorf hinter sich lieh, schon von allen ßerdjen empfangen, die den Himmel erfüllten wie die Engel, wenn eine Seele heraufschwebt. Stille standen die Mauern des Korns, braungelb und in der Morgenglut zitternd, als ob sie lieber fallen möchten als stehen, und die Unendlichkeit gläserner Himmel machte das kleine Herz zu ewigen Wanderungen frisch. Da setzte sie Bein vor Bein und das dritte daneben, den Reisestecken; marschierte da im Takt eines unhörbaren Gesangs, der ihr Körperlein füllte, äugte umher wie ein Spatz, schwang ihr Bündel, stieß kräftig auf mit dem Stab und war immer in ihrem Leben so einsam und nie recht allein gewesen, daß sie die Einsamkeit heut wie eine Gesellschaft empfand; daß sie mit sich dahin wie mit einer Schwester schritt und allerdings laut zu schwatzen begann, alles sich nannte — oder der Schwester —, was sie zu sehen bekam, dies putzig fand und das nützlich, und lachte und nicht erschrak vor der einsamen Kinderstimme in den Feldern. Wer sie gehört hätte und gesehn, der wäre vielleicht beklommen worden von dem grünen Wandeln im Sommergefilb, Stab und Bündel in Händen, ältlich von Kleidung, uralt von Augen, seltsam siih, blumenjung und braunflaumig von Wanaen, die ganz lose ein goldfremdes Lächeln umflog. (Schluß folgt.) Das Nalurgefühl. Eine hannovrifch-hefsifche Kußgeschichte. Von Heinrich S o h n r e y. Wir Südhannoveraner, soweit wir in Dörfern wohnen und uns unser? Ursprünglichkeit bewahrt haben, können das Küssen nicht leiden. Oder sage ich lieber: Wir können's nicht vor Augen sehen. Ich entsinne mich nicht, in meiner Heimat je zwei eingeborene Leute bemerkt zu haben, die sich geküßt hätten. Als ich in meinen Iugend- jahren einmal in unser Pfarrhaus kam und Zeuge wurde, wie nach dem Mittagsmahl der Pastor die Pastörsche küßte, wurde es mir schwarz und blau vor den Augen, und ich mochte lange Zeit nicht vom Boden aufsehen. Und sah ich den ehrwürdigen Herrn auf der Kanzel, fiel es mir immer wieder ein, daß er seine Frau geküßt hatte. Undenkbar ist auch, daß bei uns Eltern ihre erwachsenen Kinder ober die Kinder ihre Eltern küssen. Auch meine Mutter hat mich nie geküßt, ob ich nun schmerzlich Abschied nahm ober nach langer Trennung freubig roieber kam. Wir können's nun einmal nicht leiben und nicht sehen. Darum habe ist auch einen großen Horror vor ben — Bahnhöfen, wo bas Küssen am öffentlichsten und nm nufbringlichsten ist. Es ist ein ganz griejetiges Gefühl, finbe ich ba die Küfser vor allen Leuten am 'Werke, und ich muß allemal wegfehen und mich ärgern*) Nein, wir können bas Küssen ganz und gar nicht vor Augen sehen! Sofern wir ober selbst einmal küssen, was ja . . . no Gott, ja . . , auch bei uns vorkommen kann, so hüten wir uns wohl, es vor anderen Leuten zu tun, natürlich nicht aus Heuchelei, sondern ans reinem Naturgefühl. Die Liebste, ja freilich, die hab' ich auch geküßt, aber ganz, ganz weit ab vom Dorfe, zwifchen großen, grünen, dichten Hecken, wo uns selbst der liebe Gott kaum sehen konnte. Dies mußte vorausgeschickt werden, weil man sonst das erschütternde Ereignis nicht versteht: wie „Schonn" Abschied nahm. Er stammte aus Barlissen und hieß eigentlich Tünebreker; weil er ober in der Schule das Wort ,stchon" immer wie „schonn" gelesen hatte, fo wurde er von seiner Schulzeit nicht anders als Schonn genannt, obgleich er zur Zeit unserer Geschichte bereits von sich fingen und sagen konnte: „Schier dreißig Jahre bist du alt!" Nach Hilgenthal kam er, um bei den kleinen Leuten Stühle zu flechten. Man hatte ihn nicht ungern, denn er war ungemein gefällig und anspruchslos. Für einen Buddel Branntwein, in dem er leider feine Hauptlebensfreude fah, sowie gegen ein Stück Brot und allenfalls noch einen Teller Kartoffelfuppe flocht er den ganzen Tag, während der Dorfdrechsler, zu dessen Domäne das Stuhlflechten auch gehörte, immer viel Geld verlangte. Gab's nichts zu flechten, so taglöhnerte Karl, bald bei den kleinen Bauern, bald auf dem Guts- Hofe, am liebsten da, wo er die meiste Freiheit hatte. Denn die Freiheit liebte er über alle Maßen, fo wenig Ansprüche er sonst auch an ideale Güter stellte. Er brauchte ja allerdings die Freiheit ganz notwendig, schon damit er die verschiedenen wohlgenährten *) Als ich über diese Angelegenheit einmal in einer Berliner Gesellschaft sprach, machte eine'junge Frau aus den östlichen Gegenden sehr lustige Augen und weihte mich nachher ganz vertraulich in eine Angelegenheit ein, deren Untergrund bei uns in Südhannover einfach undenkbar wäre. Sie befand sich in ihrer Jungrosenzeit in einem Pensionat zu Stettin und verliebte sich allda bis über die Ohren in einen hübschen, schlanken Oberprimaner. Er flammte nicht minder, und sie trafen sich heimlicherweise, so oft sich's ermöglichen ließ, irgendwo auf der Straße. Küssen konnten sie sich natürlich da nicht und hätten cs doch so gern, für ihr Leben gern einmal probiert. Da kam ihnen ein genialer Einfall: Sie gingen nach dem Bahnhof und lösten sich zwei Bahnsteigkarten. Und so oft dann ein Zug einlief, mischten sie sich unter die ankommenden ober abreisenden Fahrgäste und — küßten sich, als ob einer abreifen wollte ober eben angekommen wäre. Wahrhaftig und fürwahr! Donnerwetter nein, so etwas wäre bet uns nicht auszubenken gc= wesen. Wir hätten weder so was Widernatürliches gewünscht, noch wäre uns ein so praktischer Einfall gekommen. -■ ' - 231 — Muschlein, die aus seinem Buddel emporstiegen, spazieren oder schlafen führen konnte. Die Freiheit, die er meinte, fand Karl „Schonn" in Hilgenthal mehr als in den Dorfe, wo seine Wiege gestangen hatte. Und da sich fhm auch ein passendes „Küffen" bot, wo er sich für einige Tage Arbeit in der Erntezeit das ganze Jahr einmieten kannte, so besann er sich kurz und setzte sich ganz in Hilgenthal fest, in erster Linie als Etuhlflechter. Das Loch im Stuhle mußte allerdings schon so groß sein, daß eine Frau mit dem Kinde im Schoße hindurchfallen konnte, eh' man den Stuhldoktor zu rufen pflegte. Die großen Leute hingegen, die das Loch nicht so groß werden ließen, schickten aus konservativem Gefühl zu dem alteingesessenen Dorfdrechslermeister, obgleich der's nicht besser machen konnte, als Karl Tünebreker es machte. Zu hungern brauchte Karl deswegen noch lange nicht. Cs gab ja auch sonst Arbeit und Verdienst genug, und Karl war durchaus nicht ein Manu, der sich vor irgendeiner Arbeit fürchtete. Freilich war er manchmal in einem Zustande, daß sich die Arbeit vor ihm fürchtete! „Schonn" konnte leben wie nur ein Tagelöhner im Dorfe. Kein Tag, daß er nicht einen herrlichen Kessel voll Kartoffeln auf dem Feuer hatte: weiße „Mellhüsche", rote „Wollkämmer", runde „Holländer", feinüugige „Waldecker", oder auch die neuen prachtvollen Hankerschen „Geismaraner". Die rollte er dann mitten auf den Tisch — es war immer ein ganzer Berg — und freute sich, wenn sie so hübsch gekloben waren und so lieblich dufteten. Das „Jnstippelsche", das er sich dazu machte, bestand entweder aus Salz und Del oder aus Zwiebeln ober aus Zwiebeln, Oel und Salz, oder auch aus schönen salzkrustigen Heringen, das Stück 10 Pfennig. Auf solch ein herzhaftes „Jnstippelsche" folgte natürlich immer wieder ein herzhafter Trunk. „Man mott sienen Buke kenne Stefmoime fien"*), pflegte er zu sagen, wenn jemand ihn, beide Ellbogen auf den nackten Tisch gestemmt, vor dem Wollkämmerberge sitzen und schmausen sah. Und dann nötigte er so inständig und gutmütig, bis man sich hinsetze und wohl ober übet mit ihm aß unb trank. Es waren ja immer noch Leute genug in der Proletnriereckc des Dorfes, bic es nicht so dick hatten wie er, die ihre Kartoffeln trocken essen und ihren Schnaps ohne „Fettenstücke" trinken mußten. Die kamen gern zu ihm, wie auch er sich zu ihnen nm meisten hingezogen fühlte. Ein ehemaliger schwindsuchtskranker Hosknecht, der elend darnie- derlag, packte ihn einmal bei den Händen und schluchzte: „Alle hewwet meck verlöten, döu allane hast deck wiener annenohmen." Und als der Hosknecht im Sterben lag, war es Schonn allein, der die ganze Rächt bis zum letzten Ende bei ihm faß, obwohl er vor unbeschreiblichen kleinen Tieren nicht eine Minute ruhig sitzen konnte. — . In derselben Nacht war es, daß der Geistliche des Dorfes auf den Grund feiner Seele sah und eine höhere Meinung von ihm bekam. Da gc.b’s eine Wendung in Karls freiheitlichem Leben. Der Pastor sprach mit Oppeprmanns bei der Kirche, widerlegte mancherlei Einwände unb brachte es durch (einen Einfluß dahin, baß Schonn fein Einsiedelleben aufgab unb sich auf bcn Oppermannfchen Hof als Knecht verbingte. Die alte herbe Oppermännsche ging erst wie ein frember Hunb um ihn herum, kramte ihm indes sogleich aus den Kleidern ihrer Mannsleute einen Anzug zurecht unb grub fein eigenes Zeug ohne viel Worte hinterm Hanfe in die Erde. So unbehaglich Karl sich im Anfänge dieser starken Frauenhand fühlte, so sehr ihn manchen Tag die feuchte, buschige Freiheit reizte unb lockte, hielt er hoch tapfer aus unb arbeitete vom Morgen bis zum Abenb. Größer noch als feine Freiheitsliebe — bas zeigte sich jetzt — war bie Gutmütigkeit unb Dankbarkeit feiner Seele. Er glaubte es sowohl bem Geistlichen, der ihn oft so freundlich anfprach, wie auch feiner Herrschaft, bie fo bestimmt unb vertrauensvoll für ihn sorgte, schulbig zu sein, den Versuchungen zu widerstehen und bei der Stange zu bleiben. Branntwein wurde ja auf dem Opper- mannschen Hofe auch getrunken, und war's ein besonders saurer Tag gewesen, kriegte Karl seinen Buddel noch einmal extra gefüllt. Das rührte ihn über die Maßen unb fesselte ihn mit neuen Bnnben her Dankbarkeit an den Hof. „ Nicht minder wichtig war es für seinen Seelenzustanb, baß er nicht nur alle Stühle auf dem Oppermannfchen Hofe zu flechten hatte, sonbern auch manche schöne tzeierabenbstunbe im Dienste her kleinen Leute, denen nun einmal fein Herz gehörte, verwenden konnte. Da auf bem Hofe auch ein großer Vorrat an Kartoffeln roat, fiel es ihm nach Ablauf bes ersten Dienstjahres nicht schwer, den Dienstvertrag zu erneuern. Durch bie feste Hand her Oppermännschen an Ordnung unb Reinlichkeit, Maß unb Gebunbenheit gewöhnt und so zu höherer Achtung im Dorfe gehoben, fing Karl nun an, fein jetziges Dasein mit seinem verflossenen Einsiebelleben zu vergleichen, und es kam ihm zum Bewußtsein, bas Einsiebelleben könne doch nicht bas wahre Leben fein. Die Bebeutung her alten Oppermannfchen im befonbercn führte ihn ganz folgerichtig barauf, über bie Bedeutung der Frau im Menschen- ieben überhaupt nachzubenken. Solche Gedanken sind jedoch wunderliche Kräuter, treiben unb wuchern, baß es entroeber eine Pracht ober ein Graus ist. Karl Schonns Gebanken waren eine Pracht. Dos neue Küchenmäbchen vom Hofe war in fein Herz gesunken. Sie begegneten sich eines Sonntags bei her Kirche, jeder für ben andern wie ein Wunder. Das Mädchen hatte ihn groß angesehen und war ganz rot geworden. *) Ma» muß seinem Bauche keine Stiesmuhme fein. Seitdem kam sie in der Feierabendzeit oft an den Taglöhnev- häuser vorüber, wenn Karl tm Kreise der Jungen unb Alten vor her Tür saß unb Stühle flocht, unb das Wunder wurde immer größer. Sie halte noch einen besonderen Reiz für ihn; denn sie war aus bem Hessischen gekommen, trug die Flechtenkrone aus dem Wirbel und sprach eine ganz andere Sprache. Im Dorfe ging gar das Gerücht, sie stamme aus einer Gegend, wo die Leute sich — küßten. Und wirklich, als ihre Mutter sie eines Sonntags besuchte, wollten verschiedene Leute gesehen haben, die beiden hätten sich sowohl beim Zusammenkommen wie beim Aüseinanbergehen mehrmals geküßt. . Die Leute schüttelten sich, als hätten sie auf einen Frosch getreten, und konnten sich in ben Vorgang nicht hineinsinben. Wie Karl über bas Unsahbare dachte, ober jage ich lieber, in diesem kußlichen Punkte fühlte, bas ist bazumal noch nicht gleich zum Vorschein gekommen. Vermutet würbe, daß er in seiner jetzigen Herzensverfassung unberechenbar sei. Er machte jebenfalls, daraufhin angesprochen, ein geradezu diplomatisches Gesicht und gab den entgegengesetztesten Vermutungen Raum. Die Neigung zwischen Karl und bem Küchenmäbchen aus bem Hessenlande dauerte bereits über ein Jahr unb gestaltete sich immer wundersamer unb zuversichtlicher; aber noch konnte ihnen nicht ein einziger Kuß nachgewiesen werden. Es war das zarteste, fleckenloseste Liebesverhältnis, das man sich nur in einem Dorfe denken kann. Um fo größer unb gräßlicher die Ueberrajchung, als eines Tages wie ein Lauffeuer bie Kunbe durchs Dorf ging, Karl Schonn hätte das Heßenmöbchen am hellichien Tage auf bem Stege, der über die „Beke" führt, also fast mitten im Dorfe, geküßt. Am hellichten Tage! Alle Enten und Gänse in der Beke hätten mit ben Flügeln geschlagen unb geschrien, baß man es oben unb unten im Dorf hätte hören können. „ Es wäre ein Abschiebskuß gewesen, erklärte der unglückselige Glückliche, als man ihn zur Rede stellte, denn fein Mädchen hätte wegen plötzlicher Erkrankung (einer Mutter ben Hofbienst aufgegeben, um ins schöne Hessenlanb zurückzukehrcn. Wie gesagt, es wäre nur ein Abschiedskuß gewesen; aber die börsliche Unterhaltung nährte sich eine ganze Woche unb späterhin noch manchen Tag von der naturwidrigen Begebenheit. . Als bas Mäbchen fort mar, ließ Karl Schonn ben Kopf hangen. Die Kartoffeln fchmeckten ihm nicht mehr, der Branntwein mundete nicht recht, sogar die Arbeit wurde ihm zuwider; selbst das Stuhlflechten bei bcn kleinen Leuten hatte keinen Reiz mehr für ihn. Unb als bie Ernte vorüber war — mitten in her heißen Erntezeit wollte er seine Herrschaft doch nicht im Stich lassen — wanderte Karl ebenfalls ins Hessenlanb. Aus kluger Vorsicht, ober wohl mehr noch, um Oppermanns nicht auf einmal fo ganz unb gar zu verlaßen, ließ er alle feine Siebensachen auf bem Hose zurück. „Adschteb nähme eck hüte noch nech," tröftete er die alte ärgerliche Oppermännsche; „eck will eeft emol seihn, of da in Hefsenlanne ak Kartusfeln »affen. Gefällt ’t meck nech, ferne eck weer." ... .. ,, Oppermanns machten weiter keine Schwierigketten, obgleich sie den fleißigen Knecht ungern verloren, und fo ging Schonn ohne eigentlichen Abschied fort. ' Ein ganzes halbes Jahr hörte man nichts von ihm. Um (oboim denhaster platzte bann bie Nachricht in bie Häuser, Sari, „Schonn hinge schon im „Kasten" unb würde nun wohl ganz im Hessenlande bleiben. Man eilte noch dem Aushängekasten unb las wirklich Karls Aufgebot mit bem Hessenmädchen. Manche erfuhren nun erft, baßer in Wirklichkeit gar nicht „Schonn", sonbern Tünebreker hieß. Das Dorfgespräch hatte roieber eine schöne Nahrung für längere Zett. Drei Wochen daraus — Oppermanns sitzen gerade nm Mittags- tjjdje — klopst es höflich unb bescheiben an der Tür; man ruft „herein", unb herein kommt — Karl Tünebreker. Saum baß man ihn noch wieher erkennt! Denn er ist ganz hefsisch gekleidet, kann fast nicht mehr hannoverfch platt sprechen — bei jedem Satze kommen ihm hohe hessische Brocken dazwischen — unb in seinem Gesichte leuchtet ein Glück, eine Wonne, daß er auch da qanz veränbert unb verwanbett aussieht. Seit acht Tagen ist er nun bereits ein angesehener Ehemann. Auf her Hochzeit wurde lauter Muskateller gettrunten unb beinahe ein ganzer Hammel verzehrt. Und so ein Mädchen wie fein Hessenmädchen, unb so ein Häuschen wie ihr Hessenhäuschen, unb so ein Land wie das Hessenlanb, hort man ihn begeistert prahlen, gäb's in der ganzen weiten Welt "'^Jetzt^ist er gekommen, um endgültig Abschied zu nehmen. In cinemfort erzählt er unb ißt unb trinkt, was ihm vo^esetzt wird. Die Oppermännsche hat noch von gestern eine Schussel Kartoffelsalat stehen, bie er sich in erster Linie einverleibt. Als er bann aufbrechen will, vergißt er in her freudigen und wehmütigen Wallung seines Herzens ganz und gar, daß er wieder auf hannoverschem Boden ist, faßt die alte Oppermännsche bei ben Schultern unb küßt sie — küßt sie!! — eh sie sich s versieht, nach hessischer Mobe auf Mund unb beibc Backen. Einmal im Geschmack, macht er sich barauf an ben Bauern unb küßt ihn — küßt ihn!! — eh' ber sich seiner erwehren kann, ebenso. Dannau bie ehrwürdige, drusselige „Lorepate", die heute beim Seilemachen geholfen hat. Alle drei sind starr wie Stein und sprachlos, — natürlich. Um niemand zurückzusetzen— sein gutes, weiches Herz (prach immer mit — will er darauf von bcn andern, die in ber Stube sind, in gleicher Weise Abschied nehmen. O, Gott und Vater! Mit schrillen Entsetzensschreien stürzen alle in wildem Rummel zur Tur hinaus in alle Winde. — 282 — Erschrocken frage!, die Leute, was denn los fei'? „Och Gatt, och Kott, hei küßt ja! — schreien die Flüchtenden, „Nech mögelk!" „Doch, doch! Hei küßt! Nähme seck man 'n jeder in acht!" Und ordentlich französisch hätte er geküßt: „Up jede Backe ennen un ernten up't Mui!" Die schauderhafte Nachricht ist bald im ganzen Dors herum, und wo Karl Schon» gesehen wird, rennen, quieken und kreischen die Leute, als wären die Kosaken im Dorse, Lieber einen Schuh ins Bein als einen Kuh ins Gesicht! Das ist die Geschichte: „Wie Karl Schonn Abschied nahm." Roch heute, nach zehn Jahren, wenn der alte Oppermann darauf kommt, schüttelt er sich, als sehe er eine Blindschleiche und sagt, während er sich mit dem Kittel den Mund abwischt: „Wenn hei nech sau'n wärm, roeif Mul ehat harre!" Ist einer auf hannoverschem Boden gewachsen, soll er sich nur nicht auf hessisch verabschieden. Was gegen die Natur ist, das ist gegen die Natur, und roär’s auch nur ein Kuß auf die Backe. Die Saligen Frauen. Tine Kärntner Bergsage. Von Hans K e r s ch b a u m. In den Karawanken ragt ein Felsenkopf, den das Volk den Frauenkofel nennt. Einst war dieser Felsenkopf ein bewaldeter Berg mit einer grünen Halde, auf welcher das Anwesen der Frauenkofler lag. Der Berg führte seinen Namen nach den sagenhaften „Saligen Frauen", und das Bauernanwesen den jeinigen nach dem Namen des Berges. Die Saligen Frauen, von denen in den Alpen manche Sage geht, sollen in den Felsenhöhlen des Kofels gehaust haben, in dessen Junen, sich ein silberklarer See befand. Sie waren der Frauenkofler Schuhgeister und behüteten den silberklaren Bergsee, dem die Brünnlein entsprangen, die dem Kofleranmesen das Wasser spendeten. Und nicht nur das — sie halfen den Koflerleuten gar oft bei der Arbeit, ohne daß sie ihnen sichtbar waren. Die Leute aber fühlten ihre Nähe, und die schwersten Arbeiten wurden leicht vollbracht, weil die Saligen mitgeholfen. Freilich, sie halfen nur dem Fleißigen! Und wenn diesem die Arbeit recht munter aus der Hand gegangen war, dann hatten sie im Koflerhaus die Redensart: „Heut' haben uns wieder die Saligen geholfen — vergelt's Gott!" Und die Hausmutter stellte über Nacht eine Reine mit Milch für die Saligen Frauen vor die Tür. Am Morgen war die Reine leer und darüber war die Frauenkoflerin erfreut, wußte sie doch, daß die Saligen diese. Spende reichlich wieder erstatteten, und die Freundschaft mit ihnen mußte man sich warm halten. Dann kam es einmal anders: Es trug sich zu, daß wieder einer der Frauenkofler sich, alt und müde, zum Sterben hinlegte. Vorher aber sprach er zu seinem Aeltesten: „Mein Sohn, halte alles brav zusammen, was der Frauenkofler Erb' und Gut ist. Und eines trage ich dir — wie mein Vater vor seinem Sterben es zu mir getan — noch besonders auf: Hab' acht auf den Koflwald! . . . Unser Urahn, der erfte, der sich am Kost festgesetzt und den Boden urbar gemacht, hat. ehe er verstorben ist, folgendes gesagt: Wenn auf dem Kost einmal fein Wald mehr ist,' nachher ist auch fein Verbleiben mehr auf ihm. Die Matten müßten verdorren, alle Frucht verkümmern und Mensch und Tiere müßten verschmachten, weil sie nimmer soviel Wasser Hütten, um ihren Durst zu stillen. Die Frauenkofler mußten Haus und Hof verlassen, und die Koflalmen, die heute so schön grünen, müßten versteinern. Denn der Koflwald ist der Saligen Frauen Lustgarten. Der ihnen dieses Heiligtum zerstört, über den bringen sie Unheil: sie verstopfen die Wafferbrünnlein und ziehen vom Kost davon! Das merke dir, mein Sohn, das hat unser erster Ahn' gesagt." So hat der alte Frauenkofler gesprochen, dann ist er gestorben. „Ein wohl," meinte der junge Frauenkofler, „dieser erste Ahn' war ein abergläubischer Mensch. Die Saligen Frauen hat der so wenig einmal gesehen, wie ich, und das Ganze ist ein läppisch Gerede." Es währte Zeit und Weil', dann kam eines Tages der „wasische Holzwurm" und kaufte um großes Geld dem Softer den-Wald ab. Kurz nachher kam eine Schar Waldarbeiter, die bauten am Kofi droben Hütten und werkten mondelang mit Säge und Axt. Und als die Koflerleute wieder einmal zum Gipfel hinaufschauten, stand da droben fein Wald mehr; nur einschichtig ragte da und dort ein mißwachsener Baum, den die Stürme zausten. Die Baumleichen aber lagen zu Häuf zur Abfuhr bereit, und dann tarnen die Fuhrleute und holten den toten Koflwald. Es gingen Monde dahin, indes der junge Frauenkofler es sich in den Wirtshäusern draußen im Tal vom Selbe des welschen Holzhändlers roohlgeschehen ließ. Einmal sagte die älteste Magd im Hause zum heiter gelaunten Koster: „Bauer, feit der Wald nimmer auf dem Kofel steht, höre ich zur Nachtzeit gar häufig die Saligen Frauen meinen und wehklagen." „Du bist eine einfältige Urschet", erwiderte lachend der Koster. „Das Weinen und Wehklagen, das du hörst, das tut der Wind." Die Magd aber schüttelte den Kopf. „Warum hat der Wind früher nie so getan?" fragte sie. Darauf blieb ihr der Bauer die Antwort schuldig, aber er sann: Der Kofelwald, der die grüne Halde umrahmt hatte, trotzte den Winden, die jetzt über die freie Höhe wehen konnten und gar ost in allen Tönen heulten und winselten, was die alte Magd wohl für das Wehklagen der Saligen Frauen hielt, die um ihren Lustgarten meinten. In diesem Sommer wollte auf der Berghalde des Frauenkofets der Roggen nicht reifen. --Gin kühler Sommer", sagte der Softerbauer. Insgeheim aber dachte er: Hängt das vielleicht wieder mit dem ver . . . Kofetwatd zusammen —? Im Herbst versenkte der Reif auf dem Frauenkofel frühzeitig die Bergwiefen. „Ein schlechtes Jahr", brummte der Bauer. Und immer wieder kam ihm dabei der Gedanke: So früh ist der Reif noch in keinem Jahre gekommen — ist etwa auch daran der abgeholzte Kofel schuld? Früh kam der Frost. Der Winter war gut, aber er brachte wenig Schnee. Als sie im Frühling auf dem Frauenkofel die Felder bebauten, tat der Knecht zum Bauer die Rede: „Ein dürrer Langes (Frühling), ein schütteres (Betreib!" Unb an einem späteren Tage war es, daß berfelbige Knecht, der im Koflerhaus alt geworben, sagte: „Unser Srannen gibt heuer weniger Wasser als sonst. " Dem Koster war es, als hätte ihn einer in die Seite gestupft. Mit bes Knechtes Beobachtung hatte es feine Richtigkeit. Der Bauer würbe roieber daran erinnert, was fein Urahn von den Saligen Frauen vor feinem Tode gesprochen . . ." Sie verstopfen die Wafferbrünnlein und ziehen vom Kofel davon . ..." Dürr mar in diesem Jahr auch der Sommer. Der Hausbrunnen, aus dem feit Menschengebenken Tag unb Nacht der Quelle so munter m den Trog geplätschert, gab den Koflerleuten jetzt plötzlich fein Wasser mehr — nicht einen Tropfen! In der Kofelschlucht blieb die Yrettersage mitten im Sägeholz stehen unb bas Wasserrab der Haus- muhle drehte sich nimmer. Aus spärlichem Gerinne fingen sie bas Wasser im Tal mit Eimern auf und fchlepvten es in das Koflerhaus empor. „Ich bin alt geworben auf dem Frauenkofel," sagte die Magd, „aber keinmal habe ich das erlebt." „Der Winter ohne Schnee, der Sommer ohne Regen — woher soll denn das Wasser kommen?" warf unwirsch der Koster hin. „Der Bergfee im Kofel hat uns nie verlassen", sagte der Knecht. „Den hast du so wenig gesehen, wie die Saligen Frauen", entgegnete der Bauer. Unb er schaute sehnsüchtig zum Himmel, an dem sich die Wolken übereinanbertürmten, bis ein schwarzes Ungeheuer über dem Frauenkofel dräute, das bald zu fauchen unb zu heulen begann, und aus dem wie feurige Schlangen bis Blitze hervorfchoffen. „Helf uns Gott!" jagten die Leute im Koflerhaus und he- kreuzten sich. Unb bann stürzte alles was in dem schwarzen Wolkenungeheuer gedräut und gelauert, auf den Frauenkofel nieder. Es raschte' und trommelte von Wasser und Hagel, daß den Leuten bange wurde. Unb es krachte der Donner und durch den wilden Aufruhr schnellten die Feuerschlangen der Blitze. Jetzt gab es Wasser! In schäumenden Fluten stürzte es von den steilen Hängen des Kofels herunter, es pflügte tiefe Furchen, es grub die Steine aus der Erde und brachte sie ins Rollen, es zerriß die Decke bes Kofels in kaufend Fetzen und scheuerte sie hinunter über die grüne Berghohe unb vermurte bamit bie Wiesen unb die Felber . . . "Der Wald — der Wald!" sagte ergrimmt der alte Knecht unb warf dem Frauenkofler, ber diesen Wald so leichtsinnig vertan, einen finsteren Blick zu. „Wenn der Wald noch gewesen wäre, hätte das Wasser den Kofel nicht so arg zurichten können —der Wald wäre sein Schirm gewesen." Dem Softer graute vor dieser plötzlichen Verwüstung. Jetzt erst begriff er den Ausspruch des Urahns: „Wenn auf dem Kofel einmal kein Wald mehr ist, nachher ist auch kein Verbleiben mehr auf ihm . . ." Und wie ging die Sage? .Der Kofelwaid ist ber Saligen Frauen Lustgarten — ber ihnen dieses Heiligtum zerstört, über ben bringen sie Unheil." In bieser Nacht haben die Saligen den Frauenkofel verlassen. Von den Koflerleuten haben jene, die allezeit an ihr Dasein geglaubt, sie gesehen, wie sie in ihren wallenden Schleiergewändern lange ben Kofel umkreisten, ehe sie von hinnen schwebten. „Zurück aber blieb ber Fluch: Jeber Regen, ber vom Himmel fiel, unb ber vormals bas grüne Lanb bes Kofels befruchtet hatte, brachte immer aufs neue roieber Geröll unb Verwüstung über bie Halbe herunter. Das Wasser, bas früher, als der Wald noch war, fürsorglich von Baum und Moos aufgenommen ward, bann in ben Boben drang und im Innern bes Berges sich zu Brünnlein sammelte, bie roieber als kristallklarer Quell aus dem Kofel hervorsprangen, schoß jetzt eilig über das steile Gehänge des Kofels herunter und eilte davon. So roar bald bie Zeit gekommen, ba kein Verbleiben mehr war auf bem Frauenkofel; bie grünen Matten verdorrten, bas Fels- gestern kam zum Vorschein — bie Kofelalmen begannen zu versteinern. Heute ist ber Frauenkofel ein unwirtlicher, nackter Felfenkopf, an dessen schroffen Hängen nur noch bie roten Blüten ber Alpenrosen nieberfliefjen — bas sinb bie blutigen Tränen ber Saligen Frauen. Schrlftleitung: Dr. Ariedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.