Gießener Kunilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 Samstag, den 20. März Nummer 25 Für meine Söhne. Bon Theodor Storm. Hehle nimmer mit der Wahrheit I ‘Bringt sie Leid, nicht bringt sie Beue; Doch weil Wahrheit eine Peri«, Wirf sie auch nicht vor die Däne. Blüte edelste» Gemütes Ist die Rücksicht: doch zuzeiten Sind erfrischend wie Gewitter Goldne Bücksichtslosigketten. Wackrer, heimatlicher Grobheit Sehe deine Stirn entgegen; Artigen Leutseligleiten Gehe schweigend aus den Wegen. Wo zmn Weib du nicht die Tochter Wagen würdest zu begehren, Halte dich zu wert, um gastlich 'In dem Hause zu veÄehren. Was du immer kannst, zu werden, Arbeit scheue nicht und Wachen; Aber hüte deine Seele Bor dem Karriere-Wachen. Wemi der Pöbel aller Sorte Tanzet um die goldnen Kälber, Halte fest: du hast vom Lebert Doch, am Ende nur dich selber. Der Himmelhund. Eine Dorfgeschichte aus dem Weserberglande. Bon Heinrich Sohnreh*). Aus dem Jlseschen Hofe an der Bele gab’s schon in aller Morgenfrühe ein grobes Hallo. Die Jlsesche war ins Backhaus gegangen, um nach den Swetschen und Äpfelschnitten zu sehen, die nach dem jüngsten Brotbacken auf den „Briden“ in den Ofen geschoben waren. Hastend und keuchend, denn es war „Hille" Zeit. Äls sie nun in der Hast des Morgens die Ofentür aufmachte und mit der angekohlten Ofenkrücke die hinterste Bride zu fassen suchte, prallte sie plötzlich zurück und stand einen Augenblick da in bebendem Schrecken. Lang ausgestreckt lag zwischen den Briden etwas wie ein Mensch, an dem sich erst gar nichts rührte, das auch in der Ofendämmerung nicht gleich vollkommen zu erkennen war. Aber die Jlsesche hatte für den Schrecken nicht lange Seit; mit der ganzen Entschlossenheit und Behendigkeit, die ihr eigen war, bückte ft esich wieder nach deut Ofenloche, spähte scharf in das dämmernde Geheimnis hinein und liest die Krücke abermals hineinspazieren, aber, wie man an den wiederholt energisch aus- holenden Ellenbogen merken konnte, nach einem anderen Siel als den Briden. Wie prompt es erreicht wurde, zeigte sich sogleich, denn im Ofen begann es zu zappeln, zu rutschen und zu winseln. Auf einmal tauchte ein Knabenkopf mit verwildertem Haar und geschwärztem Gesichte vorn im Ofenloche auf. Die Jlsesche liest die Krücke los und zog mit beiden Händen an dem Kopie, bis Ser ganze Kerl von elf Jahren heraus war. *) Lieber Heinrich Sohnreh, dessen Schauspiel „Düwels" am 23. März am Stadttheater über die Bühne geht, schreibt Hans v. Lüpke: „Sohnreys Kunst ist am vollkommensten, wo sie reiner Spiegel der Wundersamen Poesie des Bolkstums ist. Was ist das Eigentümliche dieser Poesie? Sie löst sich nicht als ein geschlossenes Leben für sich vor: dem wirklichen Leben, wie das Kunstwerk tn seiner reinsten Form, sie begleitet es vielmehr in engster Berbundenheit in seiner Arbeit und in seinem persönlichen Ber- kehr wie die Feder auf dem Hut. Sie seht ihm überall gleich an Ort und Stelle die seelischen Akzente aus. Sohnreys Dichtungen sind voll zu würdigen als Organe des Bolkslebens, für das Jie geschrieben sind. Er dichtet in den Formen des Bolkstums, weil er selbst in diesen Formen lebt. Wir schätzen Sohnreh selber als einen Geist des Bolkes und als ein schöpferisches Organ, in dem sich seine ganze Seele gesammelt hat." Man weist, dast Sohnrehs Bücher irr ungezählterr Auflagen verbreitet sind. Der Darstellung fernes Dramas, das bei feiner ersten Aufführung in Hamburg einen durchschlagenden Erfolg hatte, darf man mit berechtigter Erwartung entgegensetzen. „I, fo ein Himmelhund!" Hatte der wahrhaftig die ganze Aacht in dem Ofen kampiert und ein grostes Loch in die Briden gegessen. Schwipp-schwapp, fasten zwei Backenstreiche, dast es unter den dunklen Strichen ganz rot flammte. Mit ruhiger Armsündermiene stand er da und liest Schelte und Schläge als etwas Selbstverständliches und Llnvermeidliches über sich ergehen. Äls sie in ihrem Aerger wieder in den Ofen guckte, huschte er flink zur Backhaustür hinaus. grau Ilse zog eine der Briden heraus, keuchte und besah die leere Stelle, an der sich der Schlingel gütlich getan hatte. Sollte sie noch schimpfen und schelten? Mit viel milderer Miene als vorhin schüttelte sie den Kopf. „Dei Himmelhund hat gewiß toeer kein Omenbrat etregen,“ sagte sie sich, schüttelte wieder den Kopf und machte „'tz, 'tz, 'tz". Etwas wie Sonnenwärme stieg in ihrem Busen aus, drängte den Aerger und Som übers Tuch. Sie schien einen Augenblick zu überlegen, stob plötzlich zur Backhaustür hinaus und spähte über den Hof. Da sah sie den Sungen gerade aus dem Tore schlüpfen. „Ludewig!" rief sie. In einem Sone, daß er wie gepackt stehen blieb, sich umsah und auf ihren Wink ohne langes Besinnen umkehrte. „Junge, Junge, wat bist döu doch vor'» Minschenkindl" sagte sie mm ganz freundlich, zuckelte mit der Sunge und nahm ihn mit in die Küche. Sie schnitt ein daumendickes Stück über das ganze breite Brot, bestrich es tüchtig mit Butter, gab es ihm und seufzte: „Junge, Junge, wo toutt döu doch emol in ’n Himmel fernen? Dat segg »neck bläht! Dat geiht deck denn mol fau as 'n Hunne' döu maust buten (draußen) blieben, wenn de leitoe Gott dei orndlichen Leus rin Kitt. — 'n Leuen in 'n Badomen te krupen, is dat in der Omutige?" Sie zuckelte wieder mit der Sunge, hieß ihn tüchtig zubeisten und geriet in neue Aufwallung, als sie jetzt an die Mutter des Kindes dachte. „Diene Mutter möstte eben sau vele Siege hebben as döu un noch mähr, dat se seck nech better ümme deck bekümmert. Dat is wahr, is ’t.“ Ludewig verkniff ein Grienen, das die Leiter zu seinem Gesicht hinaus wollte, biß tn das Brot, dast es ordentlich staubte, und trank die Milch, die sie ihm dazu gab, ohne abzusetzen, schlürfend und schmatzend wie ein junges Ferkelchen. Darauf wischte er sich mit der umgekehrten Hand kräftig über die Äugen, dann, wie einer plötzlichen Hingebung folgend, faßte er in beide Taschen seines schmutzigen blauen, löcherigen Leinenkittels, wie sie damals noch in Hilgental von jung und alt getragen wurden — und holte zwei Hände voll Swetschen und Äpfelschnitte heraus. „Dei will 'k nöu nech behalen, dei söl Je nöu toeer hebben, Lottcheweesche,“ sagte er mit ausleuchtenden Augen. Bun gewahrte sie erst, dast er sich beide Taschen voll gepfropft hatte. Ihr Gesicht versinsterte sich wieder. „Äöu kucke hlat einer an! Seck äk noch alle Taschen bull te steken. Bä ak, sau'n Himmelhund, fau'n. Bo ja, je swarer de Taschen, deste lichter geiht ’t an ’n Galgen rup, Junge." Boch eine ordentliche Predigt hielt sie ihm. r Die Swetschen und Apfelstüde wollte sie aber nicht wieder, und so ging er denn mit vollen Baden und vollen Taschen davon, auf der Straße ein lustiges Liedlein pfeifend, als hätte er wunder was für eine Freude gehabt. Da läutete die Morgenglocke und weckte einen guten Borlatz in ihm. Acht Tage schon hatte er die Schule, die mit dem Morgen-- läuten begann, gemieden. Die Bankobersten, die Herr Habegotz, der Lehrer, nach ihm ausschickte, waren seiner wieder einmal nicht habhaft geworden. Denn Ludewig kannte die vortrefflichsten Berftede und wollte er einmal nicht, daß man ihn finden sollte, so sanden ihn auch hundert Augen nicht. Daß er sich in ganz schlimmen Fällen mit Borliebe im Kirchhofsgeoüsch verkroch kam erst später zufällig an den Tag. Jetzt also wollte er sich gutwillig stellen. Eine zweite Stimme in ihm suchte der ersteren f rett ich noch zu wehren: „Ludewig, goh'r nech hen," warnte sie, „denn t gift ’ne grate, grate Dracht Siege!“ Aber da fein besseres Selbst heute morgen die Oberhand gewonnen hatte, so bezwang er die andere Stimme, die, wie ec toohl fühlte, nicht von seinem guten Geiste kam, und ging stracks xitt ©dbufe. Bon dem Halloh der vollbesetzten Bänke begrüßt, fetzt« er sich mit gelassenem Lächeln an seinen Platz, nämlich aus das unterste Ende der allerletzten Bank, die fein Pult wehr hatte und den Barnen „Schlingelbank“ führte. Während andere Knaben -SO- ner wetttoeiTc einmal aus Mc Schiingelbank gerieten, faß „ Fraatz Ludewig" immer da, so diel Jahre et auch schon zur Schubs ging oder die Schule schtvänzte. Das Fatalste war für ihn auch daS Selbstverständlichste, regte ihn darum nicht weiter auf. Also sah unser „Himmelhund" nun wieder mal auf seinem Platze und — wartete der Schläge, die da kommen sollten. Lind sie kamen. O je! Dreifach kamen sie, wuchtig wie kaum zuvor. Die erste Tracht erhielt er für die geschwänzten acht Tage, die andere für sein ungewaschenes Gesicht und seinen ungekämmten Kopl, die dritte für die vergessenen Lektionen. Bei den „Lektionen" braucht man sich indes keine zu grotze Vorstellungen zu machen, beim er „war" immer noch in der Fibel, mußte immer noch mit den Allerkleinsten zum Buchstabieren an treten. „Pe — a —> pa; pe — e — Pe; pe i Pi Das war „Frantz' Ludewig", auch „Hesse" genannt. Seine Mutter, Scheidemanns Stinechen, hatte ihn aus dem Hessischen" mitgebracht, denn sie war mehrere Jahre irgendwo im „Obergerichte" Wagd gewesen und dort einmal zu dicht an dem Kinderbrunnen vorteigekommen. Die Leute spotteten: die Krähe hätte ihn im Fliegen verloren; ober auch: der Esel hätte ihn geprustet. — Aach Hilgental zuruckgekehrt, verheiratete sie sich bald mit dem Tagelöhner Fraatz und bekam mm noch mehr Kinder, die Ludewig, während die Eltern ihrem Tagelohn nachgingen, warten mußte. Darum gab er auf die Frage des Lehrers, warum er wieder so lange nicht zur Schule gekommen sei, gewöhnlich den Bescheid: „Weil eck use Kleine wahren motzte." Wunder, wie gewissenhaft er dabei zu Werke gegangen wäre! Als ob er nicht diese Zeit vornehmlich dazu gebraucht hätte, sich in den Hecken und Höfen herumzutreibem Rieftet auszunehmen ober Pflaumen zu pflücken, wo es am gefährlichsten war. Amt, was er so in der Schule zu wenig erhielt, bas holte er auf diesen Streifzügen um fo reichlicher wieder ein; denn erwischte ihn einer auf dem Pflaumenbaume oder bei den Stachelbeeren, so war ihm kein Gott gnädig. Die Hose wurde ihm nicht nur mit dem Stocke, sondern auch mit dem Riemen ansgeklopst. Das schreckte ihn jedoch nicht, reizte eher noch feinen unbändigen Wagentut und Hang zum Bagabondieren. Dabei vergast er seiner Pflicht gegen die ihm anvertrauten Kleinen nicht ganz und gar. Waren seine Taschen voll, so nahm er den geradesten Weg durch die dicksten und höchsten Hecken, um schnell und ungesehen zu den verlassenen Kleinen zu kommen und die Deltte mit ihnen zu teilen, um freilich auch eben fo schnell wieder davon zu sausen. Kamen die Eltern am Abend nach Hause, so steckten die Leute von allen Seiten die Köpfe über die Zäune, um Ben Taugenichts anzullagem Hier hatte er einer Gans ans Bein geworfen, datz sie hinkte, dort ein Hühner-, dort ein Hänflingsnest ausgenommen, ein Fenster eingeworfen, einen Bullen losgebunden, datz der ganze Kuhstall rebellisch wurde — und was der sauberen Sachen fo mehr waren. Wo irgend etwas Böses und Ungeheuerliches, irgend ein Streich und Schabernack geschehen war, hietz es sofort: „Dat hät toeer bei Himmelhund, Bei Hesse edon, bat Eichel!" Natürlich wurde ihm alles, was ihm nicht sofort bar gegeben werden konnte, gut geschrieben und bei passender Gelegenheit ausgezahlt. Mochte Ludewig noch so inständig beteuern, er fers in diesem und jenem Falle ganz gewiß nicht gewesen, — es half ihm nichts. Das eine hatte er getan, fürs andere mutzte er büßen. Er war der richtige Sündebock der Gemeinte, auf dessen Kosten manch einer gesündigt hat, der vielleicht erst jetzt, wenn er dies liest, an seine Brust schlägt. Ach Gott, wie selten ein Tag, der nicht mit einer Tracht Prügel endete, zu der sich Stiefvater Fraatz schon untertösgs den Stork geschnitten hatte, und zwar einen, dessen Aeste nicht gehobelt wurden. Ach Gott, wie selten ein Tag, ter nicht mit einer Tracht Prügel endete, zu ter sich Stiefvater Fraatz schon unterwegs ten Stock geschnitten hatte, und zwar einen, dessen Aeste nicht gehobelt wurden. Was Wunder, daß. Ludewig manchen Abend, toertn das Sündenregister besonders stark war, lieber gar nicht nach Hause kam, sondern wie ein Hund, ter seinen Herrn verloren hat, in fremde Ställe und Schuppen kroch, in Backöfen schlief oder auch in Korn- und Heuhaufen übernachtete! Ganz witzig hatte einmal einer gesagt, der ihn des Aachts beim Mvntenschrin im Heuhaufen lie- geu sah: Er müsse wohl ten Himmel bewachen, datz die Widder, Stiere und Steinböcke nicht wegliefen. Seitdem war er dann in der Leute Mund erst recht der „Himmelhund" geworden. Natürlich ging'8 nicht immer so, daß er, wenn die Bauersleute ihn im Schuppen oder Dackhause überraschten, Dackenstreiche mit Dutterbröten erhielt; meistens gab's die erste Sorte allein, wenn auch manchmal durch ein menschliches Rühren gemildert. Wo es aber ein Butterbrot dazu gab, wie bei Mutter Ilsen, da war er immer dankbar und dienstwillig wie ein Pudel, da drängte er sich ordentlich dazu, durch allerlei Dienste, wie Holz klein machen, Wasser tragen, Schweinefutter stumpeln usw. sich erkenntlich zu zeigen. Wan konnte dann auch sicher sein, datz er dort fortan keine Bäume mehr plünderte und keine Gänse mehr beleidigte. Um fo bedauerlicher, datz die Hilgenthaler hierauf nicht besser merkten und sich nicht die Lehre zu Herzen nahmen, die darin lag. — Deine im Grunde gutmütige Natur wär überhaupt unschwer zu erkennen; nur verstand sie leider niemand richttg zu nehmen. Sv entsinne ich mich noch, tote er manchmal mit vollen Taschen in die Schule kam und um Freundschaft zu werben suchte, indem er seinen „Hintersassen" ober denen, bie sich ihm ein wenig freundlich nahten, Pflaumen, Aepfel, Birnen ober Nüsse, oder was er gerate hatte, heimlicherweise anbot, ohne eine Gegen» leistung dafür zu verlangen. Ich entsinne mich noch recht lebhaft und nicht ohne ein schmerzliches Gefühl, wie wenig Entgegen» kommen er dabei fand. Es wollte niemand etwas von ihm nehmen, wir hielten uns viel zu gut für ihn, trotzdem wir's in manchen Sünden ganz gut mit ihm aufnehmen konnten; dagegen waren! viele allezeit bereit, ihm etwas zu geben, nämlich etwas Gehöriges in die Seite ober auf ten Buckel oder sonst wohin, ober ihn auch als „Himmelhund" mit billigem Witz zu verspotten. Ernes Tages — ich erzähle nach meiner Erinnerung — war ein fremder Mann im Dorfe, ein Mann fast wie ein Pastor, ter auch lange im Pfarrhaufe verweilte. Zu unserem nicht ge» ringen Erstaunen sahen wir, tote ter Mann mit Fraatz Ludewig an ter Hand durchs Dorf ging und so freundlich mit ihm sprach als wäre er fein richtiger Vater ober sonst ein reicher Verwandter. Und wie Ludewig ordentlich stolz war und mit strahlendem Gesichte alle ansah, die ihm begegneten. Und dann ging ter fremde Mann mit dem Jungen zum Oberborfe hinaus! den weißen Weg hin über den Galgenberg. Wir ober ftantem bei den letzten Häusern und sahen ten beiten nach, bis sie auf den Berg tarnen und nun immer kleiner wurden, so bah es zuletzt aussah, als ob nur noch zwei Köpfe auf ter Erde hüpfte«. Als wir noch da standen mit eigentümlich beklemmenden Gefühlen. und darüber rieten, was der fremde Mann wohl zu den Jungen gesagt hätte, kamen zwei Raben vom Galgenberge her und schrien: „Te gaut vor ’n Galgen! Te gaut, te gaut!"---- „Gott Lob und Dank, teir Himmelhunb sin we las!" freuten sich die Leute. „Wo härr'k ak noch alle Stöckere herekriegen sollt!" sagte ter Stiefvater. Die Mutter sagte nichts, aber auch sie schien froh zu sein, daß sie den Tunichtgut auf so billige Weise los geworden war. Aber wo mochte er nur hinge kommen fein, ter Himmelhunb? Ich hörte Schladen nennen, ein Städtchen am Harz, das weithin bekannt geworden ist durch ein vorzügliches Rettungshaus für verwahrloste Knaben, Und wie man hernach in der Pfarre hörte, war der fremde Mann der Hausväter dieses Kna- benrettungshauses gewesen. Es dauerte nicht lange, 6a war der Himmelhund völlig vergessen. Gr kam nie wieder zurück, «8 toar .'auch niemand, B® nach ihm fragte. Doch soll ckiis Pfarchaus alljährlich eine Rach>- richt gekommen sein, aus der geschlossen werden konnte, daß Ludewig Fraatz in ter Anstalt eine gute Nummer hatte, sich unentwegt gut hielt und zu den testen Hoffnungen berechtigte. Außer Bent Geistlichen hat sich aber, tote ich glaube, niemand im Dorf um diese Nachrichten sonderlich gekümmert, selbst die Mutter nicht, sie wollte am liebsten gar nicht an teil Jungen, erinnert sein. Es ist schlecht zu sagen, aber weil's wahr ist, muh es doch gesagt werden. Ein Mutterherz, von Dornen und Disteln überwuchert! Nahezu ein Jahrzehnt mochte verflossen sein, als ich eines schonen Tages durch die Straßen der alten Residenzstadt Hannover wandelte. Stramme, frische Soldaten begegneten einem da sehr viel, datz man nicht weiter auf sie achtete. Und doch siel mir eines Tages ein frischer, hübscher Füsilier so sehr in die Augen, datz ich ihn imtoillkürlich scharf musterte, worauf auch- er mich überrascht ansah. Wir gingen aneinander vorüber, aber so, daß jeder imwillkürlich sachte ausschritt. Seit Jahren hätte ich nicht mehr an ten Himmelhund gedacht und jetzt aus einmal fühlte ich mich, mit einer Plötzlichkeit, ja mit einer Heftigkeit an ihn erinnert, daß mir ordentlich das Herz stärker zu klopfen, begann. Ich sehe mich wieder um, als der Füsilier sich ebenfalls noch mir umwendete. Einen Augenblick bleiben wir beite unschlüssig stehen, dann plötzlich gehen wir auseinander zu, mit hell aufleuchtenden Augen und schließlich hell lachenden Gesichtern. „Bist du nicht Sohnveys Heinrich?" „Und du nicht Fraatz' Lutewig?" „Nein, ich bin der Himmechund," sagt er nun, fast wie in trotzigem Aufbäumem, und da schütteln wir uns auch schon die Hände, kräftig und herzlich. Alle tausend, nein! Der Hrmmelhund! Wirklich und wahr- hafttg! Otter was für ein schmucker, rotbäckiger Kerl das war! Und tote gutherzig er aus den blauen Otogen lachte! Und wie er hochdeutsch sprechen konnte! Ich fing wiederholt in unserer platten 'Muttersprache an, um ihm dadurch rasch näher zu kommen; er jedoch blieb bei seiner hochdeutschen Rede, -rmd ich fühlte, daß wir uns eher voneinander entfernten, wenn ich plattdeutsch sprach. Er wurde wortkarg, und seine Stirn Eggte sich leise in Falten. Es toar, als weckte der alte, harte Klang unserer Muttersprache keine wohltuenden ©tinnerungeit und Empfindungen in ihm., ' Nattirlich gingen wir nun eine ganze Meile miteinander, und er erzählte, tote gut er’S in Schladen gehabt hatte und tote liebreich dort die Leute gegen ihn gewesen seien und. datz er nach seiner Konfirmation das TischlerhaÄwerk erlernt hätte. Bon dem Rettuitgshanse sprach er tote von feinem Elternhatrse, ja fn dankbar hing er ihm an, datz er keine zwei Wochen voto üH.gehen lieh., ohne einen möglichst langen Brief „nach Hause zu schreiben. 91 dem törichten Hexenmeister aufzuhalsmi gedachte sirr ferne gebratenen Krammetsvögel, Mäuse und Würstchen. Dem Hause des Herrn Pineitz gegenüber war ein anderes Haus, dessen vordere Seite auf das sauberste geweißt war und dessen Feirster immer frisch gewaschen glänzten. Die bescheidenen FenstervorHänge waren immer schneeweiß und wie soeben geplättet, und ebenso Weitz war der Habit und das Kopf- rmd Halstuch einer alten Begine, welche in dem Hause wohnte, also daß ihr nomtenartiger Kopfputz, der ihre Brust bekleidete, immer wr« aus Schreibpapier gefallet aussah, so datz man gleich daraus hatte schreiben mögen; das hätte man wenigstens auf der Brust bequ«n tun können, da sie so eben und so hart war wie ein Brett. So scharf die weißen Kanten und Erken ihrer Kleidung, so scharf war auch die lange Base und das Kinn der Begine, ihre Zunge und der böse Blick ihrer Augen; doch sprach sie nur wenig mit der Zunge und blickte wenig mit den Äugen, da sich die Derfchwen- drmg nicht liebte und alles nur zur rechten Zeit und mit Bedacht verwendete. Alle Tage ging sie dreimal in die Kirche, und wenn sie in ihrem frischen, weihen und knitternden Zeuge und mit ihrer weihen spitzigen Aase über di« Stratze ging, liefen die Kinder furchtsam davon und selbst erwachsene Leute traten gern hinter die Hausiüre, wenn es noch Zeit war. Sie stand aber wegen ihrer strengen Frömmigkeit und Eingezogenheit in großem Rufe und besonders bei der Geistlichkeit in hohem Ansehen, aber selbst die Psaffen verkchrten lieber schriftlich mit ihr als mündlich, und Wenn sie beichtete, so schoß der Pfarrer jedesmal so schweißtriefend aus dem Beichtstuhl heraus, als ob er aus mnem Backofen käme. So lebte die fromme Begine, die feinen Spatz verstand, in tiefem Frieden und blieb ungeschoren. Sie macht« sich auch mit niemand zu schaffen und lieh die Leute gehen, vorausgesetzt, datz sie ihr aus dem Wege gingen; nur aus HE Rachbar Pineiß schien sie einen besonderen Hatz geworfen zu haben; denn so oft er sich an seinem Fenster blicken ttetz, Wan sie ihm einen bösen Blick hinüber und zog augenblicklich ihre weißen Vorhänge vor, und Pineitz fürchtete sie wie das Feuer, und wagte nur zuhinterst iji seinem Hause, wenn alles gut verschlossen war, etwa einen Witz über sie zu machen. So Weitz tuw hell aber das Haus der Begine nach der Stratze zu aussah, so schwarz und räucherig, unheimlich und seltsam sah es Von hinten aus, wo es jedoch fast gar nicht gesehen werden konnte, als von den Vögeln des Himmels und den Katzen auf den Dächern, toeu es in eine dunkle Winkelei von himmelhohen Brandmauern ohne Fenster hineingebaut war, wo nirgends ein Menschliches Gesicht sich sehen ließ. Unter dem Dache dort hingen alte zerrissene Unker- röcke Körbe Mrd Kräutersäcke, auf dem Dache wuchsen ordentliche Eibenbämncheii und Dornsträucher, und ein großer ruhiger Schornstein nagte unheimlich in die Luft. Aus diesem Schornstein aber fuhr in der dunklen Rächt nicht selten eine Hexe aus ihrem Besen in die Höhe, jung und schon und splitternackt, tote Gott die Weiber geschaffen und der Teufel sie gern sieht. Wenn sie aus dem Schornstein fuhr, so schnupperte sie mit dem feinsten Rüschen und lächelnden Kirschenlippen in der frischen Rachtluft und fuhr in dem weißen Scheine ihres Leibes dahin, indes ihr langes rabenschwarzes Haar wie eine Dachls ahne hinter ihr her flatterte. In einem Loch am Schornstein saß ein alter Sulenvogel und zu diesem begab sich jetzt der befreite Spiegel, eine fette Maus nn Maule, die er unterwegs gefangen. „Wünsch' guten Abend, liebe Frau Eiste! Eifrig auf der Wacht?" sagte er und di« Eule erwiderte: »Müh wohl! Wunsch gleichfalls guten Abend! Ihr habt Such lange nicht sehen lassen, SScte "©tyiicyrcl! Hat seine Gründe gehabt, werde Euch das erzählen. Hier habe" ich Euch ein Mäuschen gebracht, schlecht und rech t, wie e£ &te Jahreszeit gibt, wenn Jhr's nicht verschmähen wollt! 3ft küe Meisterin ausgeritten?" , Roch nicht, sie will erst gegen 'Morgen auf em Stündchen hinaus! Habt Dank für die schöne Rians! Seid doch immer der höfliche Spiegel! Habe hier einen schlechten Sperling zur Seite gelegt, der mir heut zu nahe flog; wenn Kuchbebebr, to kostet, den Bogel! And wie ist es Euch denn ergangen? „Fast wunderlich" erwiderte Spiegel, „ite wollten mir an den Kragen. Hört, wenn es Such gefällig ist." Während sie mm vergnüglich ihr Abendessen eitmahmen, erzählte Spwge-l der aufmerksamen Eule alles, was ihn betroffen und tote er -^ch aus den Händen des Herrn Pineitz befreit habe. Di« Eule sagte: „Da wünsch' ich tausendmal Glück, nun seid Ihr wieder ein gemachter Wann und könnt gehen, wo Ihr wollt, nachdem Ihr mancherlei ' Damit sind wir noch nicht zu Ende," sagte Spiegel, „der Mann muh seine Frau und seine Gpldgulden haben!'' „Seid Ihr hp» Sinnen, dem Schelm noch wohlzniun, der Erich düs 8ekl abziehen wollte?" M er hat es doch rechtlich und vertragsmäßig tun können, und 'da 'ich ihn in gleicher Münze wieder bedienen kann, warum sollt' ich es unterlassen? Wer sagt denn, daß ich chm wohltun will? 3ene Erzählung war eine reine Erfindung von mir mein« in Gott ruhende Meisterin war eine simple Person, welche in ihrem Leben nie verliebt, noch von Anbetern umringt war, um jener Schatz ist ein ungerechtes Gut, das sie einst ererbt und rn den Brunnen geworfen hat, damit sie kein älnglück barnne riete Verflucht fei, wer es da herausnimmt und verbraucht, sagte sie. Es macht sich also in Betreff des Wohltuns!" Sa, die Raben Hattens besser gewußt als Me Menschen: Aii gut für den Galgen. Wie ich mich darüber freute! Unö wie mich dann doch wieder der Gedanke störte, daß ein im Grunde seines Wesens guter und brstiger Mensch erst der ursprünglichen Heimat entzogen werden mutzte, um ein ordentlicher Mensch werden zu können. Al« ich ihm mm voii dieser Heimat erzählen wollte, machte « eine abwehrende Geste, während sein Gesicht einen deutlichen ptnwillen z eigte. Run wurde es mir auch zur Gewißheit, warum er nicht mehr plattdeutsch sprechen mochte. Er wollte nichts von der Heimat wissen. Auch von feinere Ettern wollte er nichts hören, und ich schwieg erschüttert. Abermals mochte ein Jahrzehnt und mehr verflossen sein, als Mch eine Jubiläumsfeier wieder einmal nach der Stadt Hannover führte. Wieder auch schlenderte ich, von Erinnerungen an meine hier verbrachte Schülerzeit geführt, durch, die Straßen der Stadt, um zu sehen, wie der Wandel der Zeit auf sie gewirkt hatte. Besonders verlangte mich, nach den Geschäften zu sthsn, die ich einst gekannt hatte. Manche waren da, manche waren verschwunden, und auf bekannte Gesichtet' traf ich nur ganz selten. Es kam mir so recht zum Bewußtsein, wie unstüt und flüchtig die menschlichen Verhältnisse gerade in der Stadt sind. Auf dem Dorfe alles fest' und sicher, hier ein ewiges Suchen und Rücken, dachte ich so für nrich hin und blieb vor einem Laden stehen, in dein ich ehemals meine Hüte gekauft hatte. Jetzt war ein Sargmagazin daraus geworden, hoch geschichtet ftanben die großen und Heinen Särge da übereinander. Ich sah nach dem Schilde tot dem Hause und blieb wie erstarrt davor stehen: „Sargmagazin von Ludwig Fraatz, Tischlermeister." So die Inschrift des Schildes. . Em lockiges Mägdlein und ein pausbäckiger Knabe im Alter von vier bis sechs Jahren kollern sich jauchzend aus der Haustür. Hinter ihnen ein Mann mit blauer Handwerksschürze, der sie lachend zu hasch r - sucht. Ich seh« ihn an und hab« ihn richtig wieder, meinen Himmelhund. Die pleberrafchung war natürlich aus beiden Seiten. Datz es ihm gut ging, sah ich auf den ersten Blick. Und datz er auch ein großes Glück im Hanse hatte, bezeugten die beiden frischen Kinder, die er mir mit strahlendem Daterstvlze als die seinen vorstellte. . _ _ _ Dann deutete er auf das Sargmagazin. „Das Geschäft hat mich besonders gereizt, denn in meiner bösen Jugend hielt ich mich, tote du Wohl weißt, am liebsten auf dem Kirchhofe auf; ich fühlte mich bei den Toten sicherer als bei den Lebendigen. Es geht auch'recht gut, das Geschäft, besser eigentlich, als man wünschen sollte. Mit den ©argen liege ich vor der Himmelstur, denn man mutz immer fertig sein, wenn sie aufgemacht wird. Umb so bin ich auch jetzt noch- so eine Art Himmelhund geblieben! Er hatte also den Himmelhund nicht vergessen: Ich drückte ihm herzhaft die Hand und lletz mich gern in fei« Heim führen, wo mich eine Frau bewillkommnete und be- toirtete, der man’« auf den ersten Blick ansah, daß sie das Herz auf dem rechten Fleck hatte und alles besaß, was den Mann für seine traurige Himmelhundzeit entschädigen konnte. Sollte ich einmal einen Sarg brauchen- lasse ich ihn mir ganz gewiß von Hannover kommen. Spiegel, das Kätzchen. Ein Märchen von Gottfried Keller. (Schluß.) .Ei du Tvllhäusler und Obenhinaus!" sagte Pineiß, „du Hitztepf, so streng wird es nicht gemeint sein? Das will ordentlich besprochen sein und muh jedenfalls ein neuer Vertrag geschlossen werden" Spiegel gab keine Antwort mehr und sah unbeweglich da, ein, zwei und drei Minuten. Da ward dem Meister bänglich, er zog seine Brieftasche hervor, klaubte seufzend den Schein heraus las ihn noch einmal durch- und legte ihn dann zögernd vor Spiegel hin. Kaum lag das Papier dort, so schnappte es Spiegel auf und verschlang es; und obgleich er Hefttg daran zu würgen hatte, so dünkte es ihn doch die beste und gedeihlichste Speise zu fein, die er je genossen, und er hoffte, daß sie ihm -noch auf lange wohl bekommen und ihn rundlich imd munter machen würde. Als er mit der angenehmen Mahlzeit fertig war, begrüßte er den Hexenmeister höflich imd sagte: „Ihr.werdet unfehlbar von mir hören. Herr Pineiß, Und Weib und Geld sollen Euch nicht entgehen. Dagegen macht Euch bereit, recht verliebt zu sein, damit Ihr jene Bedingungen einer unverbrüchlichen Hingebung an die Liebkosungen Euerer Fram W schon fd Mi wie Euer ist, ja- beschwözMMtz Sn® hiermit be- daickz sch wich- d»A tzörläufigen für genossene Pflege und Be- iSfHgung und beurlaube mich!" Somit ging Spiegel seines Weges und freute sich über die Dummheit des Hexenmeisters, welcher glaubte, sich selbst und alle Welt betrügest zu können, indem er ja die gehoffte Brctut nicht uneigennützig, aus bloßer Liebe zur Schönheit ehelichen wollte, sondern den Umstand mit den zehntausend Goldgulden vorher wußte. Indessen hatte er schsn eine Person im Auge, welche er — 92 „Dann ist die Sache freilich anders! Aber nun, wo wollt Ihr die entsprechende Frau hernehmen?'. — „Hier aus diesem Schornstein! deshalb bin ich gekommen, um ein vernünftiges Wort mit Euch zu reden! Möchtet Ihr denn nicht einmal wieder frei werden aus den Banden dieser Hexe? Sinnt nach, wie wir sie fangen und mit dem alten Dösewicht verheiraten!" „Spiegel, Ihr braucht Such nur zu nähern, so weckt Ihr mir ersprießliche Gedanken." __ , _ Das wutzf ich wohl, dah Ihr klug seid! Sch habe das meinige getan und es ist besser, daß Ihr auch Euren Senf dazu gebt und neue Kräfte Vorspanns, so kann es gewiß nicht fehlen! ,Da alle Dinge so schön zusammentveffen, so brauche ich nicht lang'zu sinnen, mein Plan ist längst gemacht!" — „Wie fangen wir sie?" — „Mit einem neuen Schnepfengarn aus guten starken Hanfschnüren; geflochten muß es fein von einem zwanzigjährigen Jägerssohn, der noch kein Weib angesehen hat, und es mutz schon dreimal der Nachttau darauf gefallen sein, ohne daß sich eine Schnepfe gefangen; der Grund aber hiervon mutz dreimal eine gute Handlung sein. Ein solches Netz ist stark genug, die Hexe zu fangen." „Nun bin ich neugierig, wo Ihr ein solches hernehmt," sagte Spiegel, „denn ich weih, datz Ihr keine vergeblichen Worte schwatzt!" „Es ist auch schon gesunden, wie für uns gemacht; tn einem Walde nicht weit von hier sitzt ein zwanzigjähriger Jägerssohn, welcher noch kein Weib angesehen hat; denn er ist blind geboren. Deswegen ist er auch zu nichts zu gebrauchen, als zum Garnflechten, und hat vor einigen Lagen ein neues, sehr schönes Schnepfengarn zustande gebracht. Aber als der alte Jäger es zum ersten Male ausspannen wollte, kam ein Weib daher, welches ihn zur Sünde verlocken wollte; es war aber so hätzlich datz der alte Mairn voll Schrecken davonlief und das Garn am Boden liegen ließ. Darum ist ein Tau darauf gefallen, ohne dah sich eine Schnepfe sing, und war also eine gute Handlung daran schuld Als er des ändern Tages hinging, um das Garn abermals auszuspannen, kam eben ein Leiter daher, welcher einen schweren Mantelsack hinter sich hatte; in diesem war ein Loch, aus welchem von Zeit zu Zeit ein Goldstück auf die Erde fiel. Da lieh der Jäger das Garn abermals liegen und lief eifrig hinter dem Neiter her und sammelte die Goldstücke in seinen Hut, bis der Neiter sich umkehrte, es sah und voll Grimm seine Lanze auf ihn richtete. Da bückte der Jäger sich erschrocken, reichte ihm den Hut dar und sagte: „Erlaubt, gnädiger Herr, Ihr habt hier viel Gold verloren, das ich Euch sorgfältig aufgelesen!" Dies war wiederum eine gute Handlung, indem das ehrliche Finden eine der schwierigsten und besten ist; er war aber so weit von dem Schnepfengarn entfernt, dah er es die zweite Nacht im Walde liegen lieh und den nähern Weg nach Hause ging. Am dritten Tag endlich, nämlich gestern, als er eben wieder auf dem Wege war, traf er eine hübsche Gevattersfrau an, die denr Alten um den Bart zu gehen Pflegte und der er schon manches Häslei.i geschenkt hat. Darüber vergaß er die Schnepfen gänzlich und sagte am Morgen: „Ich habe den armen Schnepflein das Leben geschenkt; auch gegen Tiere muß man barmherzig sein!" und um dieser drei guten Handlungen willen fand er, datz er jetzt zu gut sei für diese Welt, und ist heut« vormittag beizeiten in ein Kloster gegangen. So liegt das Garn noch ungebraucht im Walde und ich darf es nur holen." — „Holt es geschwind!" sagte Spiegel, „es wird gut sein zu unserm Zweck!" — „Ich will es holen," sagte die Eule, „steht nur so lang Wache für mich in diesem Loch, und wenn etwa die Meisterin den Schornstein hinauf-- rufen sollte, ob die Luft rein sei? so antwortet, indem Ihr meine Stimme nachahmt: „Nein, es stinkt noch nicht in der Fechtschul'!" Spiegel stellte sich in die Nische und die Eule flog still über die Stadt weg nach dem Wald. Bald kam sie mit dem Schnepfengarn zurück und fragte: „Hat sie schon gerufen?" — „Noch nicht!" sagte Spiegel. Da spannten sie das Garn aus über den Schornstein und setzten sich daneben still und llug; die Luft war dunkel und es ging ein leichtes Morgenwindchen, in welchem ein paar Sternbilder flackerten „Ihr fällt sehen," flüsterte die Eule, „wie geschickt die durch den Schornstein heraufzusäuseln versteht, ohne sich die blanken Schultern schwarz zu machen!" — „Ich hab' sie noch nie so nah gesehen," erwiderte Spiegel leise, „wenn sie uns nur nicht zu fassen kriegt!" Da ries die Hexe von unten: „Ist die Luft rein?" Die Eule rief: „Ganz rein, es stinkt herrlich in der Fechtschul'!" und also» bald ton die Hexe hevaufgefahren und wurde in dem Garne gefangen, welches die Katze und die Eule eiligst zufammenzogea und verbanden. „Halt fest!" sagte Spiegel, und „Binde gut!" die Eule. Die Hexe zappelte und tobte mäuschenstill, tote ein Fisch im Netz; aber es half ihr nichts und das Garn bewährte sich auf das beste. Nur der Stiel ihres Besens ragte durch die Maschen. Spiegel wollte ihn sachte herausziehen, erhielt aber einen solchen Nasenstüber, datz er beinahe in Ohnmacht fiel und einsah, wie man auch einer Löwin im Netz nicht zu nahe kommen dürfe. Endlich hielt sich die Hexe still und sagte: „Was wollt ihr denn von mir, ihr wunderlichen Tiere?" „Ihr sollt mich aus Eurem Dienste entlassen und meine Freiheit zurückgeben!" sagte die Eule. „So viel Geschrei und wenig Wolle!" sagte dl« Hexe, „du bist frei, mach' dies Garn auf!" — „Noch nicht!" sagte Spiegel, der immer noch seine Nase rieb, „Ihr mützt Euch verpflichten, den Stadthexenmeister Pineitz, Euren Nachbar, zu heiraten auf die Weife, wie wir Euch sagen werden, und ihn nicht mehr zu verlassen!" Da fing die Hexe wieder an zu zappeln und zu prusten wie der Teufel, und die Eule sagte: „Sie wlll nicht dran!" Spiegel aber sagte: „Wenn Ihr nicht ruhig seid und alles tut, was wir wünschen, so hänge» wir das Garn samt seinem Inhalte da vorn an den Drachenkopf der Dachtraufe, nach der Straße zu, daß man Euch morgen sieht und die Hexe erkennt! Sagt also: Wollt Ihr lieber unter den» Vorsitze des Herrn Pineitz gebraten werden, oder ihn braten, indem Ihr ihn heiratet?" Da sagte die Hexe mit einem Seufzer: „So sprecht, wie meint Ihr die Sache?" And Spiegel setzte ihr alles zierlich auseinander, wie «s gemeint sei und was sie zu tun hätte. „Das ist allenfalls noch auszuhalten, wenn es nicht anders sein tarnt!“ sagte sie und ergab sich unter den stärksten Formeln, die eine Hexe binden können. Da taten die Tiere das Gefängnis auf und ließen sie heraus. Sie bestieg sogleich den Besen, die Eule setzte sich hinter sie auf den Stiel und Spiegel zuhinterst auf bas Reisigbündel und hielt sich da fest, und so ritten sie nach dem Brunnen, tn welchen die Hexe hinabfuhr, um den Schatz heraufzuholen. Am Morgen erschien Spiegel bei Herrn Pineitz und meldete ihm, datz er die bewußte Person ansehen und freien Wime; sie sei aber allbereits so arm geworden, datz sie, gänzlich verlass««, und verstoßen, vor dem Tore unter einem Baume sitze und bitte» lich weine. Sogleich kleidete sich Herr Pineitz in sein abgeschabtes gelbes Samtwämschen, das er nur bei feierlichen Gelegenheiten trug, setzte die bessere Pudelmütze auf und umgürtete sich mit feinem Degen; in die Hand nahm er einen alten grünen Handschuh, ein Balsamfläschchen, worin einst Balsam gewesen und das noch ein bißchen roch, und eine papierne Nelke, worauf er mit Spiegel vor das Tor ging, um zu freien. Dort traf er ein weinendes Frauenzimmer sitzen unter einem Weidenbaum, von so großer Schönheit, wie er noch nie gesehen; aber ihr Gewand war so dürftig und zerrissen, dah, sie mochte sich auch schamhaft gebärden wie sie. wollte, immer da oder dort der schneeweiße Leib ein bißchen durchschimmerte. Pineiß ritz die Augen auf und konnte vor heftigem Entzücken kaum seine Bewerbung Vorbringen. Da trocknete die Schöne ihre Tränen, gab ihm mit süßem Lächeln die Hand, dankte ihm mit einer himmlischen Glockenstimme für seine Großmut und schwur, ihm ewig treu zu fein. Aber im selben Augenblicke erfüllte ihn eine solche Eifersucht und Neideswut auf feine Braut, daß er beschloß, sie vor keinem menschlichen Auge jemals sehen zu lassem Er ließ sich bei einem uralten Einsiedler mit ihr trauen and feierte das Hochzeitsmahl in seinem Hause, ohne andere Gäste, als Spiegel und die Eule, welche ersterer mitzubringen sich die Erlaubnis erbeten hatte. Die zehntausend Goldgulden standen in einer Schüssel auf dem Tisch und Pineitz griff zuweilen hinein und wühlte in dem Golde; dann sah er wieder die schöne Frau an, welche in einem meerblauen Samtkleide da- satz, das Haar mit einem goldenen Netze umflochten und mit Blumen geschmückt, und den Weißen Hals mit Perlen umgeben. Er wollt« si« fortwährend küssen, aber sie wußte verschämt und züchtig ihn abzühalten, mit einem verführerischen Lächeln, und schwur, datz sie dieses vor Zeugen und vor Anbruch der Nacht nicht tun würde. Dies »nachte ihn nur noch verliebter und glückseliger, und Spiegel würzte das Mahl mit lieblichen Gesprächen, welche die schöne Frau nrtt den angenehmsten, witzigsten und einschmeichelndsten Worten fortführi«, so datz der Hexenmeister nicht wußte, wie ihm geschah vor Zufriedenheit. Als es aber dunkel geworden, beurlaubten sich die Eule und die Katze und entfernten sich bescheiden; Herr Pineitz begleitete sie bis unter di« Haus- türe mit einem Lichte und dankte dem Spiegel nochmals, indenr er ihn einen trefflichen und höflichen Mann nannte, und als er in di« Stube zurückkehrte, sah die alte weiße Begine, seine Nachbarin, am Tisch und sah ihn mit einem böser» Blick an. Entsetzt lieh Pineitz den Leuchter fallen und lehnte sich zitternd an die Wand. Er hing die Zunge heraus und sein Gesicht war so fahl und spitzig geworden, wie das der Begine. Diese aber stand auf, näherte sich ihm und trieb ihn vor sich her in die Hochzeitskammer, wo sie mit höllischen Künsten ihn auf eine Folter spannte, wie noch kein Sterblicher erlebt. So war er nun mit der Alten unauflöslich verehelicht, und tn der Stadt hieß es, als es ruchbar wurde: Ei seht, wie stille Wasser tief sind! Wer hätte gedacht, dah die fromme Begine und der Herr Stadthexenmeister sich noch verheiraten würden! Nun, es ist ein ehrbares und rechtliches Paar, wenn auch nicht sehr liebenswürdig! Herr Pineitz aber führte von nnit an ein erbärmlicher Leben; seine Gatttn hatte sich sogleich in den Besitz aller seiner GeheÜMisse gesetzt und beherrschte ihn vollständig. Es war ihrk nicht die geringste FEejt und Erholung gestattet, er mutzte hexen vom Morgen bis zum Menß, was vat ZeuZ halten wollte, und wenn Spiegel vorüberging und es sah, sagte ef freüiMW: „Immer fleißig, fleißig, Herr Pineitz?" Seit dieser Zeit sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katz« den Schmer abgekauft! besonders, wem» einer eilte böse und widerwärtige Frau erhandelt hak. SLriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'fchea Llniv.-Buch« und Stemdruckerei, R. Lange, Gießen.