Samstag, Her; 20. Hebmar Nummer 15 Jahrgang 1926 Gießener jamilienblittter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger , Fsbruarfchnee. Bon Caesar Flaischlen. Februarschnee tut nicht mehr Weh, denn der März ist in der Näh! aber im März hüte das Herz, daß es zu früh nicht knospen Willi warte, warte und sei still! und toär’ der sonnigste Sonnenschein, und wär' es noch so grün auf Erden, warte, warte und sei still: es mich erst April gewesesr sein, bevor es Mai kann werden! Die ersten Leser von Goethes „Faust". Von Dr. Fritz Adolf Hünich. So unangebracht es wäre, über die nach Breite und Liefe beispiellose Wirkung von Goethes „Faust" auf die Nachwelt auch nur ein Wort zu verlieren, so lehrreich ist es, den Eindruck zu untersuchen, den diese Dichtung bei ihrem ersten Erscheine« hervorgerufen hat. Nachdem sie feit ihrer frühesten Niederschrift in langsamer Geistesarbeit zu immer vollendeterer Gestalt heran» gereist, in Bruchstücken einem erwählten Kreise von Fremden und Bekminten bei guter Gelegenheit mündlich mitgeteilt und in ihrer .Urform durch des Fräuleins Luis« v. Göchhausen treue Kopie der nachmals vom Dichter selbst verinchteten Handschrift dem Untergang entzogen war, erschien sie 1790 im siebenten Band der „Schriften" als das von ims heute wie em Heiligtum verehrte „Fragment", dessen Kostbarkeft sich schon äußerlich durch die Höhe des dafür gezahlten Preises ausdrückt, der tausend Mark und darüber beträgt. Je mehr wir di« aufwühlende Gewalt dieses Entwurfes, der alle Faustdichtungen vorher wett übertrifft, das glühend bewegte Wechselspiel Urs Lebens darin und den hinreißenden Zug seiner Sprache bewundern, um so unfaßbarer muß es uns sein, zu erfahren, wie schwer auch diesem Werk der Weg geworden ist, ehe es Verständnis bei den Zeitgenossen fand. Erste Geister der Nation, wie Schiller und Wieland, zeigten sich unbefriedigt: Christian Gottfried Körner tadelte den Bämkelsängerton, den Goethe gewählt habe, denn er verkette ihn nicht selten zu Plattheiten, die das Werk verunstalteten. Der Dichter und Publizist L. F. Huber nannte „Faust" ein „tolles unbefriedigendes Gemengsel", das fvellich voll von ganz einzigen Schönheiten sei. Ueberhaupt sind verhältnismäßig nur wenige öffentliche und private Beurteilungen bekannt, die zudem einander in den Kernpunkten widersprechen. Wird in der einen von der Gvetchentragödie gesagt: „Die Naivität der Unschuld, die Natur in den Empfindungen der Liebe, die Künste der Verführung, die Gewissensangst der Gefallenen formen nicht wahrer geschildert werden, als hier geschehen ist", so bezeichnet eine andere, deren Verfasser in dem Kreise um Schiller zu suche«! ist, die holdeste Gestalt unserer Literatur schimpflich-glimpflich als ein „albernes alltägliches Gänschen", das nur durch einfache Natur, durch Unschuld und Weiblichkeit die Züge bald einer Madonna, bald einer Magdalena erhalte. Merkwürdigerweise ist es gerade ein abseits liegendes Blatt, die „Neue Nürnbergische gelehrte Zeitung", die der Dichtung am nächsten kommt, indem sie schreibt: „Wer nur etwas in das Innere hmeinzublicken vermag, der wird die Schätze der tief geschöpften Lebensweisheit, die zauberische Darstellungskraft, die Lebhaftigkeit der Phantasie und besonders die große Kunst, Gedanken und Empfindungen zu versinnlichen ..., bewundern und gestehen müssen: Hier ist der deutsche Shakespeare". Demgegenüber spricht die „Allgemein« deutsche Bibliothek", eines der tonangebenden kritischen Organe, alles sei roh und wild hingeworfen, und die Unvollständigkett des gegentoärtigen Fragments schmerze weniger als di« leider nicht mehr mögliche Vollendung des Lessingischen Bruchstückes eines ähnlichem Schauspiels. Selbst August Wilhelm Schlegels Rezension. die die Eigenart der Anlage und Behandlung des Werkes wohl erfennt, läßt die Ergriffenheit vermissen, die wir bei einem Geiste mit so feiner Witterung für das Außer»deutliche am ersten erwartet hätten. Ueberwältigt_ und bedingungslos an die Dichtung hingegeben war der Nordländer Henrich Steffens, der von dieser innersten, ersten tiefsten Erschütterung seines jugendlichen Gemüts gesteht, ein neuer Grundton seines ganzen Daseins sei angeschlagen gewesen und bebe leis«, in gewaltige« Schwingungen, in seinen Innern nach. Mit den Zähren wuchs die Erkenntnis des ungewöhnlichen Wertes von Goethes Werk: seine Eroberung für daÄ Gesamtbewußtsein der Nation ging, nach einer treffenden Bemerkung Hehns, von der Philosophie aus. Schon hatte Schiller umgelernt, als er am 29. November 1794 an Goethe schrieb, daß das, was er vom „Faust" gelesen, der Torso des Herkules sei. Es herrsche in diesen Szenen eine Kraft und eine Fülle des Genies, die den besten Weister unverkennbar zeige. Friedrich Schlegel stellte ihn 1800 zu dem Größten, was die Kraft des Menschen je gÄüchtet habe, Sche^ng und Hegel bezogen sich auf ihn. Ms im Jahre 1808 der erste Teil der „Tragödie" erschien, waren die Widerstände beseitigt, die einst das „Fragment" vom Herzen des Volkes ausgeschlossen hatten. Fahrten in Rußland vor der Revolution. Von Helene Nostitz. Wir entnehmen die nachstehende Schilderung dem geistreichen, feinsinnigen Buche „Aus dem alten Europa" von Helene Nostitz, einem Buche, auf dessen Schauplätzen sich die Repräsentanten des europäischen Geistes begegnen. 5En mustergültiger Ausstattung im Insel-Verlag zu Leipzig erschienen.) Eine weiße Troika fährt stürmisch durch die weiten Prospekte von Petersburg, die die Gröhe und die Breite dieses Landes symbolisieren. Die rasenden Pferde überschlagen sich fast in ihrem Tempo, und ihre maßlose Aufregung teilt sich wie ein Orfan ihrer Umgebung mit. Die Kutscher sitzen gespannt in ihren vielfachen Umwicklungen. Rechts und links werden Menschen und kleine Karren erbarmungslos beiseite geschleudert und in den Schmutz geworfen. Drohende Fäuste erheben sich wohl, aber meiftenS sind eS alte Frauen und Männer, die sich bekreuzigen. Gott und der Zar werden helfen, und sie flüchten in di« Kasan- Kathedrale vor die wundertätige Madonna. Doch dem dämonisch dahinbrausenden Gespann sind ein zweites und ein drittes gefolgt, die ebenso vernichtend vorüberfliegen. Das Ziel muh möglichst rasch erreicht werden, alles andere ist gleichgültig. Es sind die Wagen der Prinzessin A., di« zu einem Tschaikowski-Konzsrt von Arthur Nikisch fahren. Die Drohung einer Bombe, die einen der anwesenden Großfürsten treffen soll, zittert durch die Luft. 3n der „Gallerte des nobles" warten schon tiefe, rote Samtstühle und Sofas auf die wenigen Auserlesen«;. Unö nun rauschen Tschaikowskis Rhythmen durch den Saal, gesteigert, gewaltig, tvild und entfeffelt. Nikisch ist hier ein anderer als in der wohl- geordn>eten Atmosphäre der Berliner Philharmonie. Schon stürmen wir, weiter durch die Nacht an der riesenhaften Newa entlang unö halten bald vor einem Palais. Sn dem Salon sitzen alle um den Samowar, die Hausfrau mit einem goldenen Reif im Haar. Man diskutiert sofort in der aufgeregtesten Art, ohne sich zu entzweien. Gleich wird ein Weltgefühl hergestellt, unö dazwischen kommt irgendein ekstatischer Ausruf: „Comme j’adore Rome“ oder „Mais pourquoi toujours penser mal des Chinois?“ oder so. Es wird drei, vier Uhr nachts, ehe man sich trennt, ohne die Probleme gelöst zu haben. Das Leben in Rußland steht unter dem Zeichen der Fahrt; man fliegt durch die riesenhaften Städte, durch die Steppe« zehn, zwölf Stunden hintereinander, bis die Khyifenpferbe Blut schwitzen. Sv rasen wir durch Moskau. Da ist alles wild und bunt. Stürmisch fahren Priester mtt einem wundertätigen Mutter- gottesbild an uns vorüber und eilen zu einem Kranken oder Sterbenden, der von dem Anbllck genesen soll. Die letzte Ev> ttmerung an Europa hat uns verlassen. Tataren in ihren bunten Uniformen durchziehen die Straßen, über denen die bunt«, Kirchen wie Aiesentulpen oder Sseungeheuer stehen. Die Phantasien eines Ewan des Schrecklichen durchzittern noch die Luft, der seine Architeften Menöen ließ, wenn sie ihr Werk vollendet hatten. En der großen Kathedrale aber ist ein goldener Pomp entfaltet, der nur eine Vorahnung der Pracht im verborgene« Allerheiligsten ist, aus dem die Weihrauchwollen strömen. Di« Popen mit ihre« langen Bärten stehen überirdisch wie große Zauberer davor, und die Stimme Gottes scheint aus den gewaltigen Bässen zu tönen, die sich allein erheben und wie ein hundert- kövsiger Männerchor erklingen. Die schaudernd andächtige Gemeinde kniet im Halbdunkel. Die schwarze wundertätige Ma- douna funkelt in der Pracht ihrer unzähligen, riesenhaften Edel» Es ist Abend geworden, und man fährt in der Glut des Sonnemmterganges zu den Vergnügungsparken, wo die Zi° - 58 — grünet toehmMg spielen. Amr steigt der Mond hinter dem Kreml •4, btefer DerÄaperung einer grausamen, prunkvollen Macht, Und bte dunklen zackigen Silhouetten seiner unzähligen Türme Me« tote bte drohenden Symbole dieses zermalmendenThvannew- attftes aufrecht in der Macht. Dicht ein Ballsaal: jtoomig Dall- fofe folgen einander in den Palästen des Zaren, tvo die großen «ünen Mal-achittifche stehen und die kostbaren Schachspiele aus Mfenbein und Edelsteinen. Aut per Wolga fährt unser Schiff; an den llfern ertönt trau- tiger, langgezogener Gesang, — man hört auch hier das Läuten der Troikas, die in die Ferne ziehen. äteberall find Tatavenviertel. Wie bunte Blumenbeete liegen die Städte da mit ihren rosa und grünen Häusern, darüber die goldfchinrmernden Kuppelm Das geheimnisvolle Asien kommt immer näher mit seinen schwülen Märchen. Man trifft Schiffe, die Dosen aus Astrachan bringen. Unter den kleinen Häusern am Äser stehen rote Bauern mit langen Bärten, still und betrachtend. Hier gibt eS Millionen, die nur fühlen tote die Pftanze oder der Baum, und das strahlt aus und beglückt und gibt einen Wohlklang, der sich nur mit Musik vergleichen läßt, die Musik der Steppe. Wie spürte ich Re stark, wenn ich manchmal, von Ochsen gezogen, im langsamen Trab über die unendlichen stillem Flächen fuhr, Stunden und Stunden über mir nur die Wolken, und irgendein klagendes Lied in derFerne ab imb zu erklang. Gegen Abend tourde dsrHimmel hellgrün und tieftot wie im Orient. Das war der Augenblick des Tanzes in dem Mrfern. Die Frauen drehten stch ein Tuch schwingend, in der Mitte des rasch gebildeten Kreiste, und die Männer toarben, Hacken schlagend, um ihre Gunst; dazu spielte einer der Bauern einen eintönigen Rhythmus. Wenn man nach langen Steppenfahrten die Orte unseres Besitzes durchfuhr, lagen die Detoohner vor uns im Staub und küßten unsere Füße; es toar ein eigener, für den Europäer schwer zu ertragender Augenblick, wenn all diese rotgekleideten Gestalten sich erniedrigten, während die sprengenden Pferde fast über sie hintoegfuhren. Dann gab eS auch die großen Gutsftste mit der Sotrnenblumölsuppe und dem Wodka und einer etwas eigentümlichen Ehrung des Gutsherrn. Starke Arme schleuderten ihn in die Luft und Ragen ihn wieder auf. lind schön war es nur, fanden ste, wenn alle trokelnd nach Haus wankten. Gin seltsamer Zug begab sich am Samstag nach dem Markt. Lange Karren, auf beiten die Dauern reihenweise sahen, um sich neu für die Arbeit werben zu lassen. An diesem Recht, daS sie seit Aufhebung der Leibeigenschaft erworben, hielten ste fest, und kehrten barm meist abends zu demselben Gutsbesitzer zurück Da sah man ihre müden schwarzen Silhouetten gegen den glühendroten Himmel, der so anders ist als ein deutscher ober italienischer Abendhimmel. Vielleicht ist es dieser Himmel, der einem am meisten dies Gefühl gibt, in weiter Ferne, fast nicht mehr in Europa zu sein. Da steigt die tiefe östliche Melancholie der Abendstunden auf, und um ste zu verscheucheir, tanzt man wohl bei ausgehendem Mond vor der Steppe die russische Mazurka, während wieder ein eintöniger Rhythmus erklingt. Wie te gackert imb schnattert! Es ist ein sonniger Morgen. Die "Bauernfrauen kommen, jede, mit einem Huhn im Arm, ein Stück Brot mit Salz in der Hand und wollm fo ihren Tribut bringen. Wieder werden Hände und Fähe geküßt, und dann erscheint eine fast unkenntliche Gestalt, ein alter Bauer, der auch den Staub innerer Füße küßt und geschenkte Seife zurückbringt mit der flehentlichen Ditte, ihm die Reinigung zu «sparen; er will lieber sterben, als sich den Gefahren der Waschung unterziehen. Schon fahren wir wieder durch die Mondnacht quer durch breite Flüsse ohne Brücken. Schwarze, herrllche, rassige Pfeiche sind vorgespannt. Wir sind bei der Fürsten D. eingeladen, die uns auf der Reife, wo mir sie trafen, mit der weiten russischen Gastfreundschaft alle auf ihr Schloß eingeladen hat. Dort umgibt uns englischer Komfort mitten in der Steppe. Zehn verschiedene Kartoffelgerichte werden serviert, da wir Über den Mangel an Kartoffeln aus dem Wolgadampftr geklagt hatten. Et Fon discute comme toujours; „mais pourquor, wird so oft tokederholt. Immer wieder wird das Bestehende tm Gespräch tmtgetoorfen. Eine Furchtlosigkeit, ein weites AuSholem durchdrbnA jedes Wort. Der Wind der Stch>pe weht um diese Menschen. Der Maßstab dieser Flächen macht ihr Wesen aus, und man steht fragend vor weiten Horizonten. Wir sind die Gäste des deutschen Prinzen A, der die Tochter einer Großfürstin zur Frau hat. Dn einem großen Park stechen Kavallerhäuser. Wir sind wieder in Europa. „C’est cosmopolite", aber es ist Europa, es weht nicht bte Brette Sorglosigkeit durch die Räume, diefes „nicevö“, das bte echt russische Atmosphäre, auch die kultivierte, ausmacht. Denn bte besorgte Geste des Kon- tinents ist dem Russen fremd. Ein Geschick waltet über ihm, dem er sich unterwirft und dem er selten zürnt. 3ä> sah einmal zehn russische Kutscher in einer Reihe stehen, stumm in die Ferne schauend und wartend, fast ohne Bewegung. Zufällig fielen einige Blumen auf den Weg vor ihnen. Sie lachten etwas, keiner rührte sich; so würde es mit allem sein. Sie roarton ab und greifen nicht ein. Der große Himmel wird über ste bestimmen. Das ruht den hastigen Europäer aus, der über die Grenze kommt. Eine warme Woge umflutet ihn mit ihrer großen Stille und Weite, in der die Seele sich ausbreiten kann, die bei uns so oft verängstigt wird. Ms ich die Gefangenlager im Kriege besuchte, kam mir hinter den Drcchtzäunan dieselbe Stift gleich wieder entgegen. Dort faßen bte Russen in der Sonne ta ihrer Verträumtheit, bte Me Weite ber Steppe kannte. Der Himmel Über ihnen schien «n «titerer und mehr Umfang und Breite zu haben. Kriege und Revolutionen werden diesen Traum nie stören können, der aus bon tiefen Atem der Weltseele feine llnvergänglichkeit schöpft. W«m ober die Tat heranwächst, hat ihr Schlag die Kraft der ÄrwÄt, aus der ste stammt. Die Quantentheorie. (-8» ihrem 25jährigen Bestehen.) Don Dr. Martin Wagenschein. Die außerordentlichen Fortschritte 6er theoretischen Physik “• *>*” letzten Jahrzehnten lassen sich nicht so sehr mit den geordneten Eroberungen eines erprobten Heeres vergleichen, tote mit der fruchtbaren und umwälzenden Neugestaltung eines Staatswesens. Diese Umbildung der Physik ist noch nicht ab- aeschloft«!, und es ist schwer «Zusehen, wann ste vollendet sein totrb. ns r ®je. beherrscht von zwei Theorien: ber Einsteinschen Relativitätstheorie unb ber Planckfchen Quantenhpyothese. Die Relativitätstheorie, gedanklich schwierig unb im Grunde nur dem Mathematiker von Fach verständlich, gelangte nichtsbestv- wemger zu einer Popularität von zweifelhaftem Wert. Daß bte Quantentheorie viel weniger inS Bewußtsein bes Laien gedrungen ist alS die Relativitätstheorie, mag daran liegen, baß sie nicht so sehr tote diese die Versuchung mit sich bringt, sie Voremg metaphysisch ober mystisch zu mißdeuten. _r 3p diesem Winter find 25 Jahre vergangen, seitdem Max Planck diese Quanteichypothese zum ersten Male aussprach. Heilte kann sie kaum noch eine Hypothese genannt werden. ■3m folgenden soll versucht werden, ihren Grundgedanken gemeinverständlich anzudeuten. Die Quantentheorie macht eine Aussage über solche phhsi- koltfche Vorgänge,- die mit einem Austausch von Energie verbunden find. Was versteht ber Physiker unter Energie? Wte wir als die Energie eines Menschen seine Fähigkeit bezeichnen, Widerstände zu überwinden, seelische und körperliche Arbeit zu leisten, so redet der Physiker auch bei unbelebten Körpern ober bei Gruppen von solchen Körpern von Energie re« darunter die in ihnen enthaltene Arbeitsmenge. Ein Dogen enthält, toeitn er gespannt ist, mehr Energie, als im entspannten Zustand, der fliegende Pfeil mehr als der ruhende, der Ziegel auf dem Dache mehr als der Ziegel auf der Straße, die Granate mehr vor ber Explosion als ihre Reste nachher. Die Sonne gibt ein Beispiel eines ganz stark mit Energie geladenen Körpers. So enthält jeder Körper eine gewisse Energiemenge, und diese Menge wird gemessen durch die Arbeit, die ber Körper vermöge feines Zustandes (ber Spannung ober Bewegung) zu leisten vermag. Sinter Arbeit NUN freilich eine klar definierte, meßbare Größe verstanden, wie denn die Physik Überhaupt nur mit meßbaren Größen etwas ansangen kann. Die Mitteilung, in welcher Weise die Physik diesen Begriff „Arbeit" definiert, würde vielleicht mehr verwirren als klären. Es genügt zum Verständnis des Folgenden, wenn man ein Gefühl dafür hat, was unter dem Energieinhalt eines Körpers zu verstehen ist, und weiß, daß er gemessen und zahlenmäßig angegeben werden kann. Man wurde auf bas, was man spater Energie nannte, aufmerksam gemacht durch die Vorgänge, bei denen die Energie eines Körpers zu verschwinden schien. Es zeigte sich nämlich daß sie gar nicht verschwand, fonbern an anderen Körpern oder in anderer Form unvermindert wieder erschien. Betrachten wir den «spannten Dogen: Im Augenbllck des Abschusses scheint seine Energie verloren zu gehen. Aber er hat sie nur an den Pfeil verloren, her sie mit seiner Geschwindigkeit gewonnen hat. Mit dem Einschlagen des Pfeiles in die Zielscheibe und dem Aus- splitterm des Holzes scheint ste mut allerdings endgültig verschwunden zu fein. Genauere Untersuchung zeigt aber, daß das Hotz sich erwärmt. Man fand nun, daß immer, wenn eine bestimmte Menge mechanische Energie als solche verloren geht, eine ganz bestimmte und immer dieselbe (ebenfalls meßbare) Wärmemenge auf tritt: Wärme wurde als Energieform erkannt. Bei der Dampfmaschine geschieht das Umgekehrte: Wärme wird verbraucht, Bewegungsenergie erscheint; bei Betrachtung einer Dynamomaschine oder eines elektrischen Motors erfermt man, daß auch von elektrischer Energte gesprochen werden kann. — Kurz, es zeigt sich: Energie entsteht nicht aus Richte und vergeht nicht zu Richte, ste ändert nur die Form, nicht bte Größe, und wenn sie in die alte Form zuriiclkehrt. so ist sie auch in alter Gröhe da. Das ist das Gesetz von der Erhaltung der Energie. Die Physik kennt ein Zweites, das unvergänglich ist, -das ist der Stoff, die Materie, deren Menge wir mit der Wage messen. Auch Materie können wir nicht vernichten oder schöpfen. Sie kann schmelzen, verdampfen, Form unb Farbe ändern: ihre Maffe ist unangreifbar. Sie rückte die Energie neben die Materie und wurde als Substanz erkannt im Sinne des Beharrlichen, quantitativ Anveränderlichen. Diese Erkenntnis gewann man um die Mitte des vorigen Jahrhunderte. 86 Daneben erhob sich eine zweite, wesentliche Eigenschaft der Materie über jeden Zweifel: das ift ihre atomistifche Struktur, ihr körniger Aufbau: Tie erfüllt den Raum, auch in der scheinbar kompakten Masse, z. B. eines SiseablockS nicht stetig in allen Punkten, sondern durch gewisse Kräfte hallen sich in bestimmten Abständen sehr Leine, untereinander gleiche kleinste Eisenteibe, die sogenannten Atome, so daß ste sich weder zu nahe, noch zu weit auseinander kommen. Sin Stück Sisen enthält also eine ganzzahlige Menge solcher Atome und kann also auch immer nur «tue ganze Anzahl von ihnen derlleren oder gewinnen. Was nun die Quantentheorie aussagt, ist nichts anderes, als Hatz die Energie, die mit der Materie die Anzerstörbarkeit gemeinsam hat, auch darin gleicht, doch sie in gewisiem Sinne aus Atomen aufgebaut ist. Wan kam darauf, wie gesagt, bei der Untersuchung von Vorgängen, bei denen Energie zwischen Körpern ausgetauscht wird, und zwar im besonderen bei StrahlungsVorgängen, für die die Sonnenstrahlung ein allen bekanntes Beispiel ist. Die Sonne gibt Energie in Form von Licht und Warme ob,, und wir empfangen sie. Sie wandert von der Sonne durch den Raum, die Sonne „strahlt sie aus. Wan hat gefunden, datz in heißen, leuchtenden Körpern innerhalb der Atome äußerst schnelle, periodische Vorgänge elektrischer Natur stattfinden, ganz roh und äußerlich vergleichbar dem tallrnätzigen Aufschlagen einer Stock- spitze auf eine Wasseroberfläche, und datz dann, wenn wir in diesem Bilde bleiben, die Wärme-- und Lichtstrahlung dieser Körper der Ausbreitung der Wellenkreise auf der Wasserfläche entspricht. Wie diese Wasserwellen Energie ausbveiten und etwa Steine am Afer ablösen, so wandert in den Sonnenstrahlen auf Wellen anderer Art Wärmeenergie von der Sonne zu uns. Man hielt es nun früher für selbstverständlich, daß ein Energie strahlendes Atom diese Energie in beliebigen Portionen, auch beliebig kleinen, abgeben könne, und datz entsprechend Energie auch in beliebigen Mengen ausgenommen werden könne. Max Planck erkannte aber vor 25 Jahren, datz gewisse experimentell gefundene Gesetze über ben Zusammenhang von Temperatur und Strahlung mit dieser Annahme einer „stetigen" Energieabgabe ganz unvereinbar seien. Er hatte den Mut, sie fallen zu lasten, und konnte die experimentell gefundenen Zusammenhänge volllommen richtig berechnen auf Grund einer durchaus neuen und seltsamen Annahme, eben der Quantenhypothese. Sie besagt: Wie gewisse Waren nicht in Mengen unter einem Pfund verkauft werden, auch nicht 3Vs oder 15'/, Pfund davon, sondern 1 oder 2 oder 3 Pfund usw, kurz in Mengen, die sich wie ganze Zahlen verhalten, so gibt ein strahlendes Atom auch Energie nur in solchen ganzzahligen Portionen ab. Eine solche Energieportion, eine solche Einheitspackung, heißt ein Energie» q u a n t u m. Das Energiequantum ist unteilbar. Daß diese Quanten der Aufmerksamkeit der Forschung so lange entgehen konnten, siegt daran, datz sie autzerordentlich klein sind. Nun ist die Sache aber keineswegs so einfach, daß bei allen Energiestrahlungen Gnergiequanten derselben Größe auftreten: Es gibt nicht eine, sondern viele Einheitspackungen. Die Energie» ausgabe, der eine Schwingung bestimmter Schnelligkeit entspricht, erfolgt zwar immer in denselben Quanten. Für Strahlungen anderer Schwingungsdauer ist das Quantum ein anderes. And zwar wird das Quantum, die Einheitspackung in demselben Maße größer, in dem die Schwingungen schneller werden. Die Erfolge der Quantentheorie auf den verschiedenen Gebieten der Physik sind ganz wesentlich. Am nur den wichtigsten zu nennen: Es gelang nicht nur, den komplizierten Aufbau der Spektren zu entwirren, deren scharfe, gegeneinander abgegrenzte Linien der sichtbarste Ausdruck der in der Natur wirksamen, Sprunghaftigkeit sind, die die Quantentheorie erfaßt hat; der Däne Niels Bohr konnte diese Spektren auch erlläven durch anschauliche Vorstellungen von dein einem Planetensystem ähn- sichen Aufbau der Atome aus elektrischen Elementarteilchen (Elektronen), die freilich nur als rohe und vorläufige Bilder des Wirklichen gelten können. Später gelang es, quantentheoretische Betrachtungen aus» zudehnen auch auf Vorgänge, die mit Schwingungen nur wenig oder nichts mchr zu tun haben. 5Pn allgemeinster Fassung läßt sich ihr Inhalt hier nur noch etwa so ausspvechen: Gewisse physikalische Größen (oft ganz unanschauliche, nicht nur die Energie), von denen man früher als selbstverständsich annahm, daß sie ständig wachsen und abnehmen könnten, vermögen nur sprunghaft sich zu ändern, nur Beträge anzunehmen, die Vielfache gewisser Einheitsmengen sind. Ein Satz, bei dem sich wenig vorstellen läßt. Wie denn überhaupt heute noch niemand weiß, was es mit der Quantentheorie im Grunde auf sich hat. So glänzend ihre Erfolge sind, so sicher ist es. datz sie, schon mehr als „Theorie", unbedingt reellem Naturgeschehen „auf die Sprünge" gekommen ist, so hat sie doch wahrscheinlich noch eine lange Entwicklung vor sich. Einmal ist sie, im Gegensatz zur Relativitätstheorie, keineswegs in sich geschlossen und allein ausreichend, irgendein Problem zu lösen, ohne mit anderen Grundsätzen der früheren Physik Kompromisse zu schließen, die logisch eigentlich nicht mit ihr vereinbar sind, nichtsdestoweniger aber oft zu recht brauchbaren Ergebnissen führen. Damit hängt ihre Ananschaulichkeit zusammen. Es gelingt nicht, diese eigenartige Neigung der Natur (vor der man sagte „non galtst") zu Anstetigkeiten anschaulich zu verstehen. Es handelt sich, wie Niels Bohr es aus drückt, um „ein tiefgehendes Verlagen der raumzeitlichen Dllder, mittels welcher man bisher die Naturerscheinungen zu beschreiben pflegte". Der Goldkäfer. Bon Edgar Allan Poe. (Fortsetzung.) „Ein, zwei, drei, vier, fünf — ich geklettert über fünf große Aeste an dieser Seite." „So Kettere noch einen Ast höher." In einigen Sekunden hörten wir ihn wieder, er teilte uns mit, datz nun auch der siebente Ast erreicht sei. „And nun Jupiter," schrie Legrand, der mir sehr aufgeregt zu sein schien, „krieche auf diesen Ast hinaus, so weit du nur kannst, und melde mix, sobald du etwas Seltsames siehst." Wenn ich bis jetzt noch einige Zweifel an der Verrücktheit meines Freundes gehegt hätte, sein Benehmen in diesen letzten Augenblicken hätte mich überzeugen müssen, und ich begann mir ernstlich Sorgen zu machen, wie ich ihn nach Hause bekommen sollte. Während ich darüber nachdachte, hörten wir Jupiters Sttmme wieder. „Ich fürchten weit hinausklettern auf diese Ast — ist morsch, ganz morsch." „Sagtest du, der Ast sei morsch?" fragte Legrand mit zitternder Stimme. „Ja, Massa, morsch, tot wie ein Türnagel, ganz, ganz tot nie mehr wachsen in seinem Leben." „Was um Himmels willen soll ich jetzt tun?" fragte Legrand in der höchsten Verzweiflung. „Nun," sagte ich froh, auch einmal zu Wort zu kommen. »Nun, komm nach Hause, und lege dich zu Bett. Komm, komm, du bist doch ein vernünftiger Mensch es wird spät erinnere dich an dein Versprechen!" „Jupiter," rief er, ohne im geringsten auf mich zu achten, »kannst du mich hören?" „Ja, Massa Will, ich hören ganz deutlich" „Sv prüfe das Holz mit deinem Messer genau, ob e8 ganz durch und durch verfault ist." „Ist verfault, Massa, sicher verfault" erwiderte der Neger nach einigen Augenblicken, „aber nicht so verfault wie sein könnte, — will allein hinausklettern auf den Ast." „Allein? — Was heißt das?« „Nun, ich meinen Käfer. Diesen sehr schweren Käfer. Wenn ich ihn erst hinunterwerfe und dann hinauskletteve, von einem Neger allein Ast nicht brechen." „Du höllischer Schurke« schrie Legrand, scheinbar doch sehr erleichtert, „wie unterstehst km dich mir solchen Blödsinn vor- xuschwätzen? So sicher wie du den Käfer fallen lätzt so sicher brnche ich dir das Genick. Patz auf, Jupiter, hörst du mich?" „Ja, Massa nicht so schreien muh mit armen Nigger." „Nun, dann pah auf, wenn du es versuchst, so weit als nur geäjt, hinauszuklettern, ohne den Käfer hinunterzuwerfen, so werde ich dir einen' Silberdollar schenken, sobald du wieder des Schädels.' Ja, Massa." .Also, pah auf, „Hu—hu, das sein gut, Hat ja nicht mehr Auge!" „Verfluchter Dummkopf! kennst du denn deine linke Hand nicht von der rechten?" „Ja. ich das kennen, ich das fermen alles, — Jupiter hauen Holz mit sein linke Hand." „Ganz recht, du bist linkshändig, und dein linkes Auge ist auf der Seite wie deine linke Hand. So, jetzt glaube ich wirst du das linke Auge des Schädels finden können oder den Platz, wo es war. Hast öu's gefunden?« Eine lange Pause folgte. Endlich fragte der Neger wieder: „Ist linkes Auge von Schädel auf der Seite tote linke Hand vom Schädel? Weil Schädel hat kein Stück Hand überhaupt — Nichts macht — ich jetzt gefunden linkes Aug — hier ist linkes Aug, was muffen irfji tun damit?" „Laß den Käfer durch die Höhlung Hindurchfallen, so weit die Schnur reicht, aber gib acht und lah nicht die Schnur mit» fallen." „Fertig, Massa Will. Mächtig leichtes Ding. Käfer durch das Loch stecken. Sehn' ihn schon unten." unten bist." „Ich tun es. Massa — ich getan jetzt," antwortete der Neger sehr prompt, „sein jetzt ganz am Ende." „Ganz am Ende?" heulte beinahe Legrand, »sagst du die Wahrheit? Bist du ganz am Ende?« „Gleich am Ende, Massa, —o—o—v—v—große Gott! Was ist das hier auf dem Baum?« „Nun," schrie Legrand höchlichst erfreut" »was ist es denn?" „Nichts als ein Schädel, Massa, — hat einer Kopf gelassen auf Baum und Krähen gekommen und ihm alles Fleisch abge- sresfen, jedes Stück davon." „Ein Schädel sagst du, sehr gut wie ist er befestigt an dem Ast woran! hängt er?" „Jupiter muffen nachsehen — das sein aber drollig, sehr drollig, großer Nagel fein im Schädel, das halten ihn fest am Ast." „So, Jupiter, jetzt tue genau so wie ich es dir sage, hörst dn?" 80 Während dieses Zwiegesprächs war nichts von Jupiter zu sehen; aber der Käser, den er an der Schnur Herabgelaffen hatte, wurde nun sichtbar und glitzerte in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne wie eine kleine Kugel brünierten Goldes. Der Skarabäus hing ganz frei zwischen den Zweigen und wäre, wenn man ihn loSgelassen hätte, gerade zu unseren Füßen nie» dergesallen. Legrand ergriff nun sofort die Sense und mähte da-» mit" einen Kreis von drei bis vier Allen Durchmesser ab, hieß dann Jupiter die Schnur loszulassen und von dem Baume henrb- kommen. Mein Freund schlug nun mit viel Sorgfalt und Genauigkeit einen Pflock in den Boden, genau an derselben Stelle, an der der Käfer niedergefallen war, dann zog er ein Maßband aus seiner Tasche. Er befestigte es mit einem Ende an jener Stelle des Baumes, dir dem Pflock am nächsten war, rollte es auf. bis es den Pflock erreichte, und rollte es in der durch Pflock und Baum angezcigten Richtung noch etwa fünfzig Fuß weiter ab. Jupiter muhte das dabei im Wege stehende Drombeergebüsch abmähen. 2ln der so erreichten Stelle wurde nun ein zweiter Pfahl ein-- geschlagen und um diesen als Mittelpunkt ein roter Kreis von etwa vier Fuß Durchmesser gezogen. Legrand ergriff nun einen Spaten, drückte Jupiter und mir je einen in die Hand und bat uns, so schnell als nur möglich zu graben. Ich fand in meinem Leben eigentlich nie besondere Freude an dergleichen Körperüknmgen und hätte auch jetzt gerne darauf verzichtet, denn die Dacht kam heran, und ich war von den vorausgegangenen Anstrengungen ziemlich müde geworden, aber ich fand keine Ausrede und fürchtete, durch eine Weigerung meinen armen Freund npch weiter aufzuregen. Hätte ich mich auf Jupiter verlassen können, ich hätte keine Sekunde gezögert, den Verrückten mit Gewalt nach Haus« zu schaffen; aber ich kannte die Unterwürfigkeit des Alten zu genau, um annehmen zu können, daß er mir bei irgendwelchen Unternehmungen gegen seinen Herrn helfen würde. Ich konnte nicht mehr zweifeln, daß Legrand, wie so viele Südländer, dem Aberglauben an vergrabenes Gold zum Opfer gefallen, und daß er durch den gefundenen unbekannten Skarabäus — vielleicht auch durch die Beharrlichkeit von Jupiters Behauptung, das Tier sei pures Gold — in feiner fixen Idee bestärkt worden war. Ein an und für sich schon zu Verstiegenheiten neigender Mensch konnte durch solche Vorstellungen nur zu beicht noch mehr verwirrt werden, besonders wenn diese Vorstellungen mit seinen früheren Lieblingsideen zusammenfielen. Auch erinnerte ich mich der Reden des armen Kerls, daß der Käfer ihn zu feinem Glücke führen würde. Im großen ganzen war ich sehr betrübt und verärgert, doch beschloß ich, aus der Rot eine Tugend zu machen — recht fleißig zu graben, um je eher, je besser dem Irren durch Augenschein zu beweisest, wie töricht feine Hoffnung gewesen. Wir zündeten die Laternen an und fingen mit einem Eifer an zu graben, der wirklich einer besseren Sache wert gewesen wäre. Als der Schimmer der Laternen auf uns und unsere Arbeit fiel, muhte ich unwillkürlich daran denken, welch malerische Gruppe wir wohl bilden mutzten, und wie verdächtig jedem Mensche« unser Tun erscheinen mutzte, der unS vielleicht zufällig gewahrte. Wir gruben mit großer Beharrlichkeit zwei Stunden lang. ES wurde dabei kaum gesprochen, denn wir hatten genug zu tust, das Gebell des Hundes durch Zurufe zu beschwichtigen, d«r unser Tma sehr zu interessieren schien. Er wurde zum Schluß so ungestüm, daß wir wirklich befürchten mutzten, sein Gebell könnte die Aufmerksamkeit etwaiger später Wanderer erwecken — oder besser gesagt —, Legrand befürchtete eS, denn nckr wäre jede Störung nur willkommen gewesen, da ich dann eher Aussicht gehabt hätte, meinen Freund nach Hause zu bekommen. Schließlich machte Jupiter dem Lärm ein Ende, indem er mit verbissener Entschlossenheit aus der Grube Keg, mit einem feiner Hosenträger der Bestie das Maul ztiband und mit zufriedenem Grinsen bann wieder an seine Arbeit ging. Als die genannte Zeit verstrichen war, hatten wir eine Tief« von fünf Fuß erreicht, aber nichts deutete darauf hin, datz hier ein Schatz Verbargen siege. Wir machten jetzt alle etae Parts«, und ich begann zu hoffen, daß di« Farce sich ihrem Ende näherte. Legrand wischte sich die Stirne ab — er war an dem Erfolg etwas irre geworden — und fing dann von neuem an, zu schaufeln. Wir hatten den ganzen Kreis, vier Futz im Durchmesser, umgegraben -und drangen nun etwas über diese Grenze hinaus und fein wenig tiefer. Aber es geschah immer noch nichts. Der Goldsucher, 'mit dem ich ja inneres Mitleid empfand, stieg endlich «aus feiner Grube herauf. Bitterste Enttäuschung malte sich auf 'seinen Zügen. Zögernd und unwillig machte er sich daran, seine «Jacke, die er zu Beginn dieser Arbeit beiseite gelegt hatte, wieder fanzuziehen. Ich sah ihm schweigend zu. Jupiter begann auch lauf ein Zeichen seines Herrn seine Sachen zusammeNzu- frameit. »Nachdem dies geschehen und der Hmrd wieder von feinem 'improvisierten Maullorb befreit worden war, machten wir uns in tiefem Schweigen auf den Heimweg. Wir hatten noch keine zwölf Schritte in dieser Richtung gemacht, _ als Legrand mit einem Fluch auf Jupiter stürzte und ihn beim Kragen packte. Der erstaunte Reger sperrte Mund und Aase auf, sieh Senfe und Spaten fallen rtnd stürzte vor feinem Herrn in die Knie. »Du Schuft," stieß Legrand zwischen seinen zusammcnge- bisfenen Zähnen hervor, „du höllischer schwarzer Dube! — Sprich ich befehle es dir! — Antworte mir sofort, ohne Lm- schweife, welches — welches ist dein linkes Auge." „O lieber, guter Massa Will, ist nicht das mein linkes Auge?" heulte der zu Tode erschrockene Jupiter, wobei er feine Hand auf sein rechtes Sehorgait legte und sie mit solch verzweifelter! Hartnäckigkeit herauf ruhen ließ, als ob er befürchtete, sein Herr werde es ihm sofort herausreihen „Dacht' ich's doch! Wutzt' ich's doch! Hurra!" rief Legrand. Er ließ den Reger los, und führte dabei, zum höchsten Erstaunen seines Diners, eine Reihe Pirouetten und Kurbetten ans. Jupiter stand derweil von seinen Knien auf und schaute ganz entgeistert und stumm von seinem Herrn zu mir und von mir zu ihm. „Kommt! Wir müssen zurückgehem," sagte der letztere, „das Spiel ist noch nicht verloren," und er führte uns wieder zum Lulpenbaum zurück. „Jupiter," sagte er, als wir ihn erreichten, „komm her! War der Schädel, mit feinem Gesicht nach nutzen oder dem Baume zugekehrt, an dem Ast befeftigt?“ „Gesicht nach außen, Wafsa, daß Krähen gut zu Aug«r können, auspicken, leicht." „Gut. Hast du nun den Käfer durch dieses oder jenes Auge fallen lassen?" Dabei berührte Legrand abwechselnd jedes von Jupiters Augen. „Dieses Auge, das linke Auge, Massa, genau wie Massa gesagt," um> wieder war es das rechte, das der Reger bezeichnete. „Gut, wir müssen es noch einmal versuchen." Jetzt entfernte mein Freund, in dessen Srrfrrtn ich nun doch eine Methode sah oder zu sehen glaubte, den Pfahl, welcher die Stelle bezeichnete, an ber der Käfer Heruntergefallen war, und schlug ihn etwa drei Zoll weiter westlich wieder ein. Dann führte er das Matzband wieder vom nächsten Punkt des Stammes zu dem Pfahl wie vorhin, und von dort in gleicher gerader Richttmg fünfzig Fuß weiter bis an einen Punkt, der von dem ersten, wo wir gegraben hatten, mehrere Ellen entfernt war. ■Um .diesen neuen Punkt beschrieb er einen Kreis, der etwas größer als der vorige war, und forderte uns auf, von neuem zu den Spaten zu greifen. Ich war entsetzlich müde, aber ohne rxcht zu verstehen, was meine Ansicht so ändern konnte, fühlt, ich keinen Widerwillen mehr gegen diese auf gedrungene Arbeit, stlnerklärlicherweis« gewann ich plötzlich Interesse für die Sache, ja — ich war sogar aufgeregt. Vielleicht lag in dem absoitder- lichen Wesen Legrands doch etwas, ein Anzeichen von Llebev- legung, von Voraussicht sogar, das Eindruck aus mich machte. Ich grub eifrig drauf los unb ertappte mich dabei, daß ich mit einem Gefühl, das der Erwartung sehr ähnlich sah, nach deut Schatz spähte, dessen Vision meinen unglückseligen Kameraden um den Verstand gebracht hatte. Gerade in so einem Moment. als solche Gedanken und Bilder mich ganz beherrscht« unb nachdem wir ungefähr anderthalb Sttrnden gearbeitet hatten, wurden wir wieder durch das ungetüme Bellen unseres Hundes.unterbrochen. Seine erste Aufregung schien mehr Spiel und Saune gewesen zu sein, jetzt heulte er aber ganz verzweifelt. Als Jupiter wieder Miene machte, sein Maul zu verbinden^, wehrte er sich aufs heftigste und nachdem es ihm gelungen wap, sich loszuwinden. sprang er in die Grube und fing an, mit größter Heftigkeit die Erde beiseite zu kratzen. In wenigen Sekunden hatte er eine große Anzahl menschlicher Gebende Mofjgefagt, die zu zwei vollständigen ©Metten zusannnengelsgt werden konnten, und zwischen besten Metallknöpfe sowie Hocken. 6te wie vermoderte Wolle aussahen, verstreut lagen. Gin oder zwei Spatenstiche förderten ein spanisches Messer axeB Vicht, ein paar weitere etliche Silbermünzen. Run arbeiteten wir mit doppeltem Eifer weiter, und ich hab« nie wieder so aufregende zehn Minuten verbracht. In dieser Zeit nämlich hatten wir eine längliche Holzkiste freigelegt, di« nach ihrer vollkommenen Unverletztheit und ihrer teunber bares, Härte zu schließen, einem chemischen Prozeß, vielleicht etner Behandlung durch Dichlorid und Quecksilber, unterworfen worden war. Diese Kiste war dreiundeinhalb Fuß lang, drei Futz breit und zweiundeinhalb Futz tief. Sie war fest verschlossen durch schmiedeeiserne Cßänber, di« sie wie ein Gitter umgaben. An jeder Seite der Kiste und ziemlich hoch an ihr, befanden sich je drei Eisenringe — also im ganzen sechs —, so baß sie durch sechs Personen mit Leichtigkeit aus der Grube gehoben werden konnte. Llnfere vereinten Kräfte reichten nicht weiter, als di« Kiste etwas aus ihrer ursprünglichen Lage zu bringen. Wir waren gezwungen einzusehen, daß es für uns unrnögsich fein würde, ein solches Gewicht zu heben. Glücklicherweise war der Deckel nur durch zwei verschiebbare Bolzen befestigt. Vor Aufregung bebend und keuchend, schoben wir diese zurück und vor uns lag nach wenigen Augenblicken ein Schatz von unermeßlichem Werte. Als der Schein unserer Laternen in die geöffnete Kiste siel, blitzte und sprühte esdarin von Gold und Juwelen^ daß wir unsere Augen wie geblendet schließen mußten. (Fortsetzung folgt.) vchriftieitung: Dr. Stiebt. Wich. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schm Aniv.-Buch- unb Steinbruckerei, R. Lange, Gießen.