Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, den (9. Oktober Nummer 8- Das Mädchen von Orleans. Von Friedrich Schiller. Das edle Bild der Menschheit zu verhöhnen, Im tiefsten Staube wälzte dich der Spott. Krieg führt der Witz auf ewig mit dem Schönen, Er glaubt nicht an den Engel und an Gott; Dem Herzen will er seine Schätze rauben. Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glauben. Dock wie du selbst aus kindlichem Geschlechte, Selbst eine fromme Schäferin wie du, Reicht dir die Dichtkunst ihre Götterrechte, Schwingt sich mit dir den ew'gen Sternen zu. Mit einer Glorie hat sie dich umgeben; Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben. Cs liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen Und das Erhab'ne in den Staub zu ziehn; Doch fürchte nicht! Es gibt noch schöne Herzen, Die für das Hohe, Herrliche entglühn. Den lauten Markt mag Momus unterhalten; Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten. Das Leben der Heiligen Johanna. Von A n a t o l e France. Die nachfolgenden Abschnitte sind einem im Verlage von I. M. Spaelh, Berlin, erschienenen, umfänglichen Werke von Anatole France entnommen, dem „Leben der Heiligen Johanna", das durch Shaws dramatische Chronik zu besonderer Aktualität berufen scheint. Die Bearbeitung und die Uebersetzung besorgte Friederike Maria Zweig. Erste Gerüchte und Legenden. Es ist immer eine schwierige Sache, in Erfahrung zu bringen, wie sich im Kriege die Dinge abgespielt haben; zu jener Zeit aber war es unmöglich, sich eine nur einigermaßen vernünftige Vorstellung des Geschehens zu machen. Es gab zweifellos in Orleans einige genügend erfahrene Personen, die klug genug waren, zu erkennen, welch große Hilfe das durch die Stadtverordneten zufammen- gebrachte, reichliche und erfinderische Kriegswerkzeug bedeutet hatte. Aber die Bewohner bestaunten hauptsächlich in der Befreiung das Wunder, das sie vor allem ihren heiligen Schutzpatronen Aignan und Euverte und nach diesen Johanna, der Jungfrau Gottes, zuschrieben: für Taten, die sich vor ihren Augen ereignet hatten, fanden sie keine einfachere und natürlichere Erklärung. So wurde ein kurzer Bericht über die Befreiung abgesaßt, in dem es hieß, daß das Bollwerk von Saint-Loup wie durch Wunder mit Waffengewalt eingenommen „in Anwesenheit und mit Hilfe Johannas, der Jungfrau, gesandt von Gott" und die Belagerung aufgehoben worden war, „durch das augenscheinlichste Wunder, das seit der Passionsgeschichte sich ereignet hat". Wenn die Augenzeugen, die Handelnden selber sich nicht genau Rechenschaft über die Ereignisse ablegten, wie mochte man sich dann aus der Entfernung hierüber Vorstellungen machen? Die Nachrichten der französischen Siege verbreiteten sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Die Kürze der authentischen Erzählungen wurde durch den geschwätzigen Eifer der redseligen Kleriker und die Phantasie des Volkes ausgiebig ergänzt. Der Feldzug der Loire und die Krönungsfahrt waren anfangs nur durch Fabeln bekannt, und das Volk konnte sie nur als übernatürliche Ereignisse erfassen. In den durch die königliche Staatskanzlei den Städten des Reiches und den Prinzen der Christenheit gesandten Briefen war der Name der Jungfrau mit allen Wasfentaten verbunden. Johanna selbst ließ durch ihre geistliche Kammer Kunde über alle großen Dinge ergehen, die sie mit Sicherheit vollbracht zu haben glaubte. Man dachte, daß alles durch sie geschehen war und der König in allem ihren Rat eingeholt habe, mährend in Wirklichkeit die königlichen Räte und die Heerführer sie kaum jemals nach ihrer Meinung fragten, wenig auf sie horchten und sie nur zu ihnen gelegener Stunde sehen liehen. Ihre Person, die nur bei tatsächlichen Unternehmen, die später unerhört schienen, anwesend war, wurde Gegenstand eines umfassenden Zyklus von erstaunlichen Fabeln und verschwand in einem Wald non heroischen Geschichten. Es gab damals zerknirschte Seelen, die alle Leiden des Reiches den Sünden des Volkes zuschrieben. Johanna hat, zumindest in ihren Anfängen, zu diesen Personen gehört. Indem sie sich manchmal als mystische Reformatorin bezeigte, behauptete sie, daß Jesus König des heiligen Franzosenreiches fei, König Carl fein Stellvertreter fei und das Reich nur in feiner „Obhut" hätte. Sie äußerte Aussprüche, die zu dem Glauben Anlaß gaben, ihre Mission entspränge völlig der Liebe, der Barmherzigkeit und der Friedensliebe, wie etwa: „Ich ward gesandt zum Tröste der Armen und Darbenden." Die, wie es scheint, in Frankreich und in der Christenheit über- & recht zahlreichen Reformatoren glaubten zu wissen, daß die rau den Engländern und Franzosen eine mönchische Verfassung zu geben beabsichtige: „Engländer und Franzosen würden ein oder zwei Jahre ein graues Gewand mit darauf genähten kleinem Kreuze tragen; am Freitag werden sie nur Wasser und Brot zu sich nehmen, mit ihren Frauen in friedlichem Einvernehmen leben; sie geloben Gott, keinerlei Krieg zu machen, es sei denn zur Verteidigung ihres väterlichen Erbes." Da während des Krönungsseldzuges von dem Uebereinkommen zwischen den Königsleuten und den Einwohnern von Auxerre nichts bekannt war, verbreitete man, daß die Stadt erstürmt worden sei und vierhundertfünszig Bürger hingemetzelt worden waren, desgleichen fünfzehnhundert Waffenleute, sowie Ritter und Knappen von Burgund und Savoyen. Man erfand ganze Ritterromane, zum Beispiel folgenden. Zweitausend Engländer umzingelten das Lager des Königs. Da ließ die Jungfrau den Hauptmann La Hire rufen und sagte zu ihm: „Du hast zu deiner Zeit sehr mutige Taten vollbracht, aber heute hat dich Gott vorbestimmt, eine noch hervorragendere zu liefern, als du jemals geleistet hast. Nimm deine Kriegsleute, geh zu jenem Wald; du wirst dort zweitausend bewaffnete Engländer finden, sie gefangen nehmen und töten." La Hire tat, wie ihm geheißen. Solcherart lauten die Märchen, die man zur Freude einfältiger und gewalttätiger Menschen erfand, denen die Vorstellung einer halsabschneiderischen Jungfrau, die Felsen zu spalten imstande war, gefiel. Gerüchte waren verbreitet, daß der Herzog von Burgund besiegt und gefangen war, der Regent tot und die Armagnacs in Paris ein- zogen. Die Kapitulation von Troyes war gleichfalls in Wunder gehüllt. All das, was die plötzlich befreiten Bewohner von Orleans in ihrer Einfalt glaubten, was das Bettelvolk der Armagnacs und die Mönche des Dauphins herumerzählt hatten, wurde gierig gesammelt, ausgeschmückt und übertrieben. Drei Monate nach ihrer Ankunft in Chinon besaß Johanna bereits ihre lebendig blühende und recht verwirrte Legende, die sich auswärts, in Italien, in Flandern, in Deutschland verbreitete. Im Sommer des Jahres 1429 war diese Legende schon völlig gefunden. Die vertrauten Teile dessen, was das Evangelium der'Kindheit genannt werden kann, bestanden bereits. Mit sieben Jahren führte Johanna die Herde zur Weide; niemals näherten sich die Wölfc'ihren Lämmern. Vögel des Waldes kamen auf ihren Ruf, Brot aus ihrem Schoß zu essen. In ihr war die Macht, Böse zu bannen; unter dem Dache, unter dem sie ruhte, hatte niemand Betrug und Böswilligkeit der Menschen zu fürchten. Die Wunder, die Johannas Geburt begleiten, nehmen, wenn etwa ein lateinischer Dichter sie feiert, eine Art romantischer Majestät und etwas von den Wundern der Antike an. Und es ist ein seltsames Schauspiel, 1429 einen Humanisten die aufonischen Musen an die Wiege der Tochter Zabillet Rommees herbeirufen zu sehen. Man ging noch weiter; von der ersten Stunde an wollte man, daß die Wunder, die die Geburt Jesus verkündet hatten, sich anläßlich Johannas Erscheinen auf dieser Welt wieder erneuerten. Man erfand, daß sie in der Drei-Königs-Nacht geboren fei; die Hirten des Dorfes, von unsagbarer Freude, deren Ursache sie nicht kannten, bewegt, liefen fns Dunkel, um das unbekannte Wunder zu entdecken. Die Hähne, Herolde dieser neuen Glückseligkeit, ließen zu ungewohnter Stunde unerhörtes Krähen hören und schienen flügelschlagend zwei Stunden lang wahrzusagen. So ward dem Kinde in seiner Wiege die Anbetung der Hirten beschert. Vieles hatte man von ihrer Ankunft in Frankreich zu erzählen. Man glaubte zu wissen, daß sie im Schlosse Chinon den König, den sie nie vorher gesehen, erkannt hatte, obwohl er sich in schmucklosen Gewändern unter der Menge der Edelleute verbarg. Man sagte, sie hätte dem König ein Zeichen gegeben und ihm ein Geheimnis offenbart, von ihm allein gekannt, das ihn mit himmlischer Freude erfüllte. Und über diese Zusammenkunft von Chinon, über die Augenzeugen kaum etwas zu Sagen hatten, waren Leute, die dort nicht anweSend waren, unerschöpflich im Erzählen. Am 7. Mai um 4 Uhr nachmittags fetzte sich eine weiße Taube auf das Banner der Jungfrau, und am nämlichen Tage sah man während des Angriffs zwei weihe Vögel auf ihre Schultern flattern. Heilige pflegen ja oft von Tauben Besuch zu erhalten. Eine kleine Geschichte, die damals im Umlauf war, ist interessant im Hinblick auf die Vorftellung, die man sich über die Beziehungen des Königs zu der Jungfrau machte und als Beispiel für die Entstellungen eines Tatsachenberichtes, wenn er von Mund zu Mund geht. Als in irgendeiner Stadt die Jungfrau erfuhr, daß die Eng- — 334 länder nahe waren, ins Feldlager stürzte und ihr sogleich das Kriegsvolk der Stadt folgen wollte, lieh der König, der eben zu Mahle sah, um zu verhindern, daß alles der Jungfrau Nacheile, die Tore der Stadt schließen. In diesem völlig veränderten Bericht erkennt man Erinnerungen der Geschehnisse vom 6. Mai in Orleans, als der Edle von Gaucourt die burgundische Pforste hatte schließen lassen. Erblickt man Johanna in diesem Chaos von Erzählungen, die verworrener sind als die Wolken eines Gewitterhimmels, so erscheint sie als ein unerhörtes Wunder. Sie wahrsagte, und mehrere ihrer Prophezeiungen hatten sich bereits erfüllt. Sie Haire die Befreiung von Orleans vorausgesagt, und Orleans war befreit. Sie hatte angekündigt, daß sie verwundet würde, und es hatte sie oberhalb der rechten Brust ein Pfeil getroffen. Sie hatte vorhergesagt, daß sie den König nach Reims führen werde, und der König war in dieser Stadt gekrönt worden. Sie hatte noch andere, Frankreich betreffende Wahrsagungen gemacht, zum Beispiel, den Herzog von Orleans zu befreien, in Paris einzuziehen, alle Engländer aus dem heiligen Reiche zu verjagen, und man erwartete die Erfüllung. Nachdem dis königliche Armee Gien verlassen hatte, verkündigte die Jungfrau, wie man sagt, daß eine große Schlacht bei Reims geliefert werden würde. Wenn sich Vorausfagungen, wie diese hier, nicht erfüllten, vergaß man sie; außerdem gab man damals zu, daß die wahren Propheten manchmal auch falsch prophezeien konnten. Die Voraussagen der Jungfrau verbreiteten sich wie in einem Augenblick in der ganzen Christenheit. Von C o m p i e g n c nachSaint-Denys. Nach Abzug der englischen Armee in die Normandie sandte Carl mehrere seiner Feldherren und deren Krieger nach Senlis, das sich ihm ergab. Gleichfalls war die Unterwerfung Compiegnes gesichert. So nahm der König eine der getreuen Städte nach der anderen wieder an sich. In Beauvais wurden jene, die König Carl nicht anerkennen wollten, mit der Erlaubnis aus der Stadt entfernt, ihre Güter mitzunehmen. Der Bischof und Vidam von Beauvais, Hochwürden Peter Cauchon, Oberhofprediger von Frankreich für den König Heinrich, Geschäftsträger wichtiger geistlicher Angelegenheiten, sah höchst ungern seine Stadt den Franzosen zufallen; es geschah dies zu seinem Schaden, doch konnte er es nicht hindern. Er wußte wohl, daß er einen Teil dieses Ungeschicks der Jungfrau verdankte, die den Ruf hatte, in allem mittätig zu sein. Er verdächtigte sie zweifellos, vom Teufel geleitet zu fein, und wünschte ihr das erdenklich Schlechteste. Mit dem König in Compisgne eingezogen, wohnte Johanna beim königlichen Stadtverordneten und schlief bei dessen Frau, Marie Le Boucher, einer Verwandten von Jacques Boucher, dem Schatzmeister von Orleans. Sie brannte darauf, nach Paris zu marschieren, das sie gewiß war einzunehmen, da ihre Stimmen es ihr versprochen hatten. Man erzählt sich, daß sie nach zwei oder drei Tagen, als sie nicht mehr an sich halten konnte, zu Alenxon sagte: „Mein schöner Herzog, laßt Eure Leute und die der anderen Feldherren rüsten. Ich will Paris von näher sehen, als ich es bisher geschaut habe." Die Dinge können sich wohl so nicht abgespielt haben. Die Jungsrau gab dem Waffenvolk keine Befehle. Cs verhielt sich vielmehr so, daß der Herzog von Alenxon sich mit einer guten Kompagnie vom König verabschiedete und Johanna ihn begleiten sollte. Sie war eben im Begriffe, zu Pferde zu steigen, °als ein Bote des Grafen von Armagnac ihr einen Brief überreichte, den sie sich vorlesen ließ: „Meine sehr liebe Dame! Ich empfehle mich Ihnen höflichst und bitte Sie um Gottes willen um Rat in Betracht der Teilung, die gegenwärtig sich in der heiligen, allumfassenden Kirche, was die Päpste betrifft, gebildet hat. . . Der erste Papst, der sich Papst Martin nennt, wurde in Konstanz mit Einwilligung aller christlichen Nationen gewählt; jener, der sich Clemens nennt, wurde in Paniscola, nach dem Tode des Papstes Benno XIII. durch drei seiner Kardinäle erwählt; der dritte namens Papst Benno XIV. wurde in Paniscola heimlich durch den Kardinal von Sankt Stephan erwählt. Wollet unfern Herrn Jesus Christ anflehen, daß er uns in seiner unendlichen Barmherzigkeit durch Euch auskläre, welcher von den drei besagten der wahre Papst sei und welchem fortan zu gehorchen ihm gefällig sei . . ." Dies war ein großer Vasall der Krone, der Johanna also schrieb und sie seine sehr liebe Dame nannte. Sie hatte diesen Edelmann niemals gesehen und wahrscheinlich nie von ihm sprechen hören. Sohn des ermordeten Konnetabel von Frankreich, war dieser Johann IV. der grausamste Mann des Königreiches und nach dem Grasen von Foix der mächtigste Herr der Gascogne. Während sein Name unter jenen der Königstreuen verblieb und man den Namen Armagnacs gebrauchte, um jene zu bezeichnen, die den Engländern und Burgundern gegnerisch, war Johann IV. selbst weder Franzose noch Engländer, sondern nur Gascogner. Eben war ein Mord, den er vor kurzem begangen, in lebhafter Erinnerung. So war der gehorsame Sohn der heiligen Kirche beschaffen, der so viel Eifer zeigte, seinen wahren geistlichen Vater ausfindig zu machen. Es ist nicht genau ersichtlich, warum er Johanna bat, ihm den wirklichen Papst zu bezeichnen. Wahrscheinlich folgte er dem Brauche jener Zeit, in allen Singen die heiligen Jungfrauen, die Gott mit Offenbarungen begünstigte, um Rat zu fragen. Solcherart erschien die Jungfrau; ihr Ruf als Prophetin hatte sich in wenigen Tagen verbreitet. Sie entdeckte verborgene Gegenstände und sagte die Zukunft voraus. Johann IV., entschloßen, Papst Martin V. anzuerkennen, suchte für diese Unterwerfung einen ehrenvollen Vorwand. Nach all dem, was der Graf von Armagnac schrieb, konnte Johanna doch nicht zweifeln, wer der wahre Papst sei. Diese List aber schlug fehl, Johanna verstand von all dem nichts. Der Brief, den sie, eben ihr Pferd besteigend, sich vorlesen lieh, scheint ihr nicht klar gewesen zu sein; die Namen Benno, Clemens und Martin waren ihr unbekannt, die heilige Katherina und Margareta litten ihr anläßlich der häufigen Zwiesprachen über den Papst keinerlei Offenbarung gemacht. Für gewöhnlich war Johanna so vorsichtig, nur über Singe des Krieges zu weissagen, was ein deutscher Geistlicher als eine bemerkenswerte und seltsame Sache bezeichnete. Siesmal aber, um ihren Ruf als Prophetin zu stutzen, vielleicht auch, weil der Name Armagnac für sie eine Empfehlung bedeutete, willigte sie ein, Johann IV. zu antworten. Sie lieh ihn wissen, daß sie zu dieser Stunde nicht den wahren Papst bestimmen könne, aber sie wurde ihm später sagen, an welchen von den dreien man zu glauben hätte, je nachdem was sie selber vermittels Gottes Rat ausfindig machen würde. Am 23. August verabschiedeten sich die Jungfrau und der Herzog von Alencon vom König und entfernten sich mit reichlichem Wafsen- gefolge aus Compisgne. Wie gewöhnlich ritt Johanna unter ihren Geistlichen. Bruder Richard, der den Weltuntergang voraussagte, hatte sich dem Zuge angeschlossen. Anscheinend hatte er die andern überflügelt, selbst Bruder Pasquerel, den Kaplan. An den Mauern von Senlis war er es denn auch, der Johanna die Beichte abnahm. Der Bischof von Senlis, Johann Fouquerel, war bisher auf Seite der Engländer gewesen. Als ein Mann der Vorsicht eitle er beim Herannahen des Königlichen Heeres nach Paris, eine große Summe Geldes dort zu verstecken; sein Gut lag ihm sehr am Herzen. Einer der Kriegsleute nahm ihm seine Mähre, um sie der Jungfrau zu geben. Sie ließ ihm zweihnudert Salusstücke in Gold in einer Anweisung auf den Steuereinnehmer von Senlis und den Getreide- verwefer der Stadt schicken. Ser Bischof erhielt darüber nicht in dieser Weise Bescheid und forderte sein Tier zurück. Als die Jungfrau von seinem Unwillen erfuhr, ließ sie ihm schreiben, daß er, wenn er wolle, seine Mähre zurückhaben könne; sie fände sie nicht ausdauernd genug für Kriegsgebrauch. Man sandte das Pferd Herrn de la Tre- inouille mit dem Ersuchen, es dem Bischof zurückzustellen, der es aber niemals erhielt. Es mag fein, daß die Anweisung auf die städtische Schatzkammer nichts wert war, und es ist wahrscheinlich, daß der hochwürdige Vater Johann Fouquerel weder Tier noch Geld erhielt. Johanna aber war daran nicht schuldig. Saint-Denys erhob sich im Norden von Paris, etwa zwei Meilen vor den Mauern der großen Stadt. Ser Platz war zwar befestigt, dennoch zog das Heer Alenxons ohne Widerstand ein. Sieser Ort war durch seine uralte, sehr reiche und hochberühmte Abtei bekannt. Als die Jungfrau sich in Saint-Senys aufhielt, waren die drei Portale, die ausgezackten Befestigmrgsmauern, der Turm der Abteikirche schon dreihundert Jahre alt. Hier hatten die Könige von Frankreich ihre Grabstätte; hier nahmen sie die Oriflamme, ihr Banner. Der verstorbene König Carl hatte es hier vor vierzehn Jahren ergriffen, und seither war es von niemandem erhoben worden. Man berichtete über viele Wunder in bezug auf das königliche Sanner, von denen die Jungfrau wohl etwas gehört haben mußte. Denn sie hatte, wie man erzählt, als sie nach Frankreich kam, dem Dauphin den Beinamen „Oriflamme" als Pfand und Versprechen seines Sieges gegeben. In Saint-Denis bewahrte man auch das Herz des Konnetabel Bertrand du Guesclin. Die Mönche von Saint-Denys behüteten ferner kostbare Reliquien, besonders ein Stück des wahren Kreuzes, Windeln des Jesuskindes, Scherben eines Kruges, in dem das Wasser sich bei der Hochzeit von Cana in Wein verwandelt hatte, das Kinn der heiligen Magdalena, eine Tasse aus Tamarindenholz, deren sich der heilige Ludwig zum Schutze vor der Rattenkrankheit bediente. Man zeigte hier auch einen Schädel des heiligen Dionysius. Es beruht allerdings auf Wahrheit, daß man ihn gleichzeitig in der/Kathedrale von Paris vorwies. So sagte denn auch der Kanzler Joh-nn Gerson in der wenige Tage vor seinem Tode über die Jungfrau verfaßten Abhandlung^ daß es mit ihr stünde wie mit dem Schädel des heiligen Divnyfius, der Gegenstand der Erbauung und nicht Gegenstand des Glaubens sei und gleicherweise in dem einen wie in dem andern Orte verehrt werden müsse, damit die Erbauung nicht Aergernis errege. (Fortsetzung folgt.) Bergamo. Von Hermann Hesse. Ein moderner Bahnhof und eine moderne' lebhafte Stadt empfingen mich, an der breiten stattlichen Straße standen erleuchtete Restaurants und Läden, trotz dem finsteren Regenabend waren die Straßen voll Menschen und die Trambahn überfüllt. Sie wurde aber, je näher ich meinem Ziele kam, gegen die Altstadt und die Station der Drahtfeilbahn hin immer leerer und leerer, und schließlich fuhr ich beinahe allein die steile Bergbahn hinaus. Unter mir entschwand und verglühte die lebhafte, abendliche Stadt, oben empfing mich der übliche zementierte Perron, neugierig trat ich aus dem Raum ins Freie und war nun mitten in einer dunklen alten Stadt, wo alles schon schlief, eine enge leere Gasse nahm mich auf, letzte Läden wurden da und dort geschloffen, plötzlich erschreckte mich der Anblick eines unwahrscheinlich hohen Turmes, der aus der Häuserschlucht emporstieg und hoch oben in die Nacht verschwand, es war, als sei ich plötzlich im südlichen Toskana ober in einer umbrischen Bergstadt. Ueberraschend tat sich bald darauf die Gajie auseinander und ergoß sich in einen großen, wunderschönen Platz, rechts eine lange Bogenhalle, wo noch einige abendliche Summier ihre Pfeife rauchten, links undeutlich ein großes Denkmal, modern, - 335 — offenbar ein Garibaldi, und dahinter ein dunkler, vornehmer Bau, schwere Pfeiler und schön gewölbte Bogen, auf dem ganzen Platze kein Leben mehr als die matt erhellten Scheiben eines kleinen Kaffeehauses und einer Apotheke, in deren Fenster grüne und orangerote Flaschen juwelenhast leuchteten. Ich atmete tief auf, seit langem war ich nicht mehr so bei Nacht in ein alles italienisches Nest eingezogen, von ahnungsvollen Dunkelheiten angelockt, von plötzlich vortretenden edlen Architekturen überrascht und vom feuchten kühlen Dunst enger Steingassen begrüßt. Im Gasthause bekam ich ein rotgepflastertes Zimmer, groß wie in einem Palast, und bekam einen zarten Geitzbrnten, der Wein war gut, und der Wirt hatte eine hübsche Schwägerin. Dennoch ging ich bald wieder aus. Der Regen tropfte sanft auf die breiten Steinplatten, auf denen so angenehm zu gehen ist, der Garibaldi standernsthaft und etwas gedrückt auf seinem hohen Sockel, von vier äußerst grimmigen Löwen bewacht. Dreien von ihnen steckte ich je eine Münze in das brüllende Bronzsmaul — am nächsten Morgen fand ich die Geldstücke alle an ihrem Orte wieder. Indessen war ich um das Denkmal herumgegangen und stand vor einem wundervollen Palast, dessen Erdgeschoß sich als eine mächtige gewölbte Halle darstellte, mit dicken kantigen Pfeilern außen und schönen, leichteren Säulen innen. Ich ging hindurch, sah zur Linken eine riesige weiße Treppe zum Dome führen und vor mir eine zweite, große, phantastisch aussehende Kirche, undeutliche Kuppeln im Nachthimmel, ein uraltes anscheinend gotisches Portal mit Figuren in kleinen Gewölben, zur Seite eine Kapelle mit reicher Fassade, alles im trüben Dämmer schwimmend, alles voll Ahnung und Vorgefühl schöner Ueberraschungen. Am Morgen war mein erster Gang wieder zu dem Platze, der jetzt im Tageslicht alle Versprechungen des Abends wahr machte. Bloh der Garibaldi hatte verloren, er stand schäbig auf seinem zu großen Sockel, und die vier wilden Löwen waren nicht bloß töricht, sondern auch lustigerweiss viel zu klein. Der Palast mit der Halle enthielt die einst berühmte Bibliothek von Bergamo, eine kühne Riesentreppe mit einem von Säulen getragenen Hohlziegeldach führte hinauf. Ich ging nicht hinein, kam an einer fchwungooll barocken Statue vorbei, die den Tasso vorstellte, und jetzt sah ich die beiden Kirchenbauten, die mir in der Rächt so geisterhast entgegengeblickt hatten, klar in der dünnen Morgensonne stehen. Drüben stand der Dom, feierlich, froh und hell mit breiten königlichen Stufen vor dem Eingang, daneben Santa Maria Maggiore, und, daran angebaut und wunderlich wild verziert und ausstaffiert,die Kapelle des Colleoni. Vor dem Kirchenportal ein kleiner, hoher Borbau: sechs bescheidene Steinstufen, ein weiter romanischer Rundbogen auf zwei von Löwen getragenen Säulen, darüber hoch und kühn ein gotischer Aufbau, eine Art zierlicher Halle mit drei Nischen und in jeder eine alte naive Skulptur, die mittlere zu Pferde, und über dem allem nochmals ein schmales, spitz bedachtes Stockwerk, ein Stüblein mit zwei Säulen vorn und drei Heiligen darin, das ganze von einer spröden Anmut und wildgewachsenen Unschuld. Wie wohl tut das! Wie sehr lohnt es sich, zwanzig Stunden weit zu reifen, um ein Auge voll solcher Sachen zu sehen, um einen Augenblick den irrsinnigen Alptraum der modernen Städte zu vergessen! Neugierig lief ich an den jäulentragenden Löwen des Portals vorbei, trat in die große Kirche ein und war alsbald von einem fromm-feierlichen Licht und Duft umfangen, goldiges Zwielicht über dunklen Altarbildern und bleichen Fresken, in Nischen und an Wänden allerlei Gemeiseltes und Geschnitztes, viel Pracht und Reichtum überall verschwendet. Man geht hindurch, atmet Glut und Selbstbewußtsein einer stolzen Vergangenheit, begrüßt in flüchtigem Erkennen ein steinernes Gesicht, eine gemalte oder gewirkte Landschaft, ein goldenes Ornament, geht weiter und vergißt noch im Gehen das Gesehene, es bleibt nur ein Klang von satter Pracht und würdigem Halbdunkel. Eines aber vergißt man nicht wieder, das find die Chorstühle dieser merkwürdigen Kirche. Die sämtlichen Rückenfelder dieser Stühle, es sind mehrere Dutzend, sind von eingelegter Holzarbeit. Bild an Bild, nach Zeichnungen von Lorenzo Lotto und anderen, von Bergamasker Künstlern geschnitten und zu- sammengefügt; es haben Großvater, Söhn, Enkel daran geschaffen, mehr als hundertfünfzig Jahre ist an diesen Feldern gearbeitet worden. Cs ist wahrlich nicht schade um diese Zeit und Mühe. Man kann nichts Liebenswerteres sehen als diese treue, zarte und aparte Kunst: die Hölzer braun, gelb, grün, weiß, honigfarben, alle vom selben Duft und Altersgold überzogen, in satten, warmen Tönen leise leuchtend, den Augen ein laues, wohliges Bad. Da verflößt Abraham die Hagar und spricht Salomo sein Urteil, David spielt vor Saul die Harfe und erschlägt den Riesen, Judith tritt aus des Holofernes Zelt, Könige und Patriarchen wandeln und handeln in Zelten und Tempeln oder in schönen Landschaften mit ausdrucksvollen, sehnsüchtigen Bäumen und felsigen Gebirgszügen. Da und dort ist eine Tafel von besonderem Glanz, eine besonders geglückte Komposition leuchtet freudig auf, sonst aber sind alle diese vielen Bilder, an denen anderthalb Jahrhunderte gearbeitet worden ist, vom selbe» Reiz der liebevollsten Arbeit, vom selben tiefsatten Ton, von derselben geduldigen Genauigkeit und klugen Anmut. Nur noch an mönchischen Miniaturen habe ich diesen Grad von vornehmer Einfalt wahrgenommen. Cs müssen, so denkt jeder, der diese holden Gebilde sieht, es müssen stille, feine, geduldige und fromme Menschen gewesen sein, die da in unermüdlicher Treue, vom Tage nichts wissend, stch in anmutigen Schilderungen sonnten und der eigenen Geschicklichkeit erfreuten Man hat denselben Eindruck vor japanischen Holzarbeiten und chinesischen Stickereien. Ich tat noch einen Blick in den Dorn: Weitz und Gold und eine seltsam mit Nüchternheit vermählte Pracht. Dann folgte ich der Lockung eines Sonnenstrahles auf ein schräg ansteigendes Plätzchen, wo zwischen den Pflastersteinen dünnes, spitzes, lichtgrünes Gras wuchs, ein Riesenpalast dahinter ließ aus offenen Fenstern die leiern- den Stimmen von Schulkindern heruntertönen. Ich kam weiter zu einem verschwiegenen kleinen Winkel, der großartig den Namen Piazza Terzi führte. Sie eine Seite des Plätzchens war von einer hohen Terrafsen- mauer gebildet und die rohe, schwere Mauer war entzückend von einer großen Nische unterbrochen, darin stand überlebensgroß eine hübsche weibliche Figur, etwa eine Ceres, und über dem Ganzen als Abschluß eine kleine Ziergalerie und zu beiden Seiten Putten mit Dullhorn und Garben. Erfreut blieb ich stehen: das war ein Stück gutes, wohlerhaltenes Italien, eine von den vielen kleinen Ueberraschungen und Augsnsreuden, um derentwillen das Reisen sich lohnt. Und als ich mich umwandte, stand der Figur gegenüber ein Palastportal offen; unter einem hohen Bogen sah man einen Hof mit Pflanzen und hängender Laterne, dahinter standen traumhaft eine elegante Balustrade und zwei große Statuen mit scharfem Umriß in der Lust und man fühlte die hinter ihnen ruhende blaue Weite, man ahnte, ohne sie zu sehen, die Weite und Tiefräumigkeit der dahinter liegenden Poebene. Das Geheimnis des Tierkveisiichtes. Bon Dr. Adrian Mohr, Oslo. Das Zodiakallicht (Tierkreislicht) gehört zu denjenigen Himmelserscheinungen, die der gewöhnliche Sterbliche unserer Breiten kaum je zu Gesicht erhält. Beschrieben wird es als ein milder dreieckiger Lichtschimmer, der im Frühling nach Sonnenuntergang, im Herbst vor Sonnenaufgang etwa zwei Stunden im Westen" bzw. Osten sichtbar ist, kaum heller als die Milchstraße. Seine Spitze (richtiger: seine Achse) soll stets im sog. Tierkreis liegen (griechisch Zodiakus), woher es auch seinen merkwürdigen Namen hat. In den äquatorialen Gegenden steht dieses Dreieck daher im allgemeinen senkrecht, während es um so schiefer liegt, je weiter man sich nördlich ober südlich vom Aequator entfernt. Aus der Verschiedenheit dieser Achsenlage ist gefolgert worden, es fei dieses Licht ein von der Sonne beschienener dünner Staubring, der die Sonne in der Ebene der Erdbahn umgibt und über diese Erdbahn hinaus sich erstreckt. Da sich jedoch von diesem angeblichen Staubring um die Sonne bei totalen Sonnenfinsternissen keine Spur zeigt, schlossen andere, es handle sich hier um einen Staubring um die Erde herum. Diese Meinung verdient den Vorzug vor der ersteren. In der Tat, wenn die Erde in der Ebene ihres Aequators einen solchen Staubring besäße'(etwa wie der Saturn einen Ring besitzt), bann würde der größte Teil dieses Ringes nachts im Erdschatten liegen, also unsichtbar (ein; die verbleibende beleuchtete Partie jedoch würde als mattschimmerndes Dreieck über dem Horizont sichtbar fein. Welche Auffassung richtig, welche falsch ist — ober ob beide falsch sind — wäre sicherlich schon längst entschieden, wenn das Zodiakallicht häufig zu sehen wäre, wenigstens häufig in Mittel- und Nord-Europa, wo die Pflege der Naturwissenschaften hauptsächlich zu Hause ist. Aber die meisten bei uns ober in Frankreich, England oder Skandinavien, die eine solche Erscheinung zu beuten verstehen, werben bas Zodiakallicht kaum je mit eigenen Augen erblickt haben. Man ist auf Beschreibungen anderer angewiesen — und Beschreibungen sind meist recht mangelhaft. Doch haben gute Beobachter der letzten beiden Jahrzehnte uns schon darüber belehrt, daß die Erscheinung dieses Lichtes eigentlich kein Dreieck ist, sondern eine Zunge; daß seine Konturen eine Parabel darstellen, als rage da ein Kometenschweif (ohne leuchtenden Kopf) über den Horizont heraus. Im letzten Oktober hatte ich Gelegenheit, das Zodiakallicht eine volle Woche hindurch an der Küste von Südmarokko zu beobachten. Es fei versucht, die Erscheinung zu beschreiben, und zwar nicht bloß, wie fie „aussah", sondern wie ihre ganze Sichtbarkeit sich abrollte. Der Fehler der meisten Beschreibungen von Himmelserscheinungen soll hier vermieden werden, nämlich ihr Aussehen zu einem Zeitpunkte zu berichten. Wie wir die Welt um uns her, sei es räumlich, sei es zeitlich, nur verstehen können, wenn wir verfolgen, wie sich ihre äußere Erscheinung ändert, so muß auch das Zodiakallicht beschrieben werden, als zeitlicher Vorgang, nicht wie ein Bild oder eine Photographie, die nur einen bestimmten Zeitpunkt sixieren. Ziemlich genau zwei Stunden vor Sonnenaufgang zeigte sich im Osten ein schwacher, kaum zu erkennender Lichtschimmer. Obwohl ihm jede bestimmbare Kontur fehlte, konnte er im großen und ganzen für eine Pyramide gelten, also für ein Dreieck. Dieser Lichtschimmer wuchs nicht von unten herauf, sonderen trat sogleich in seiner überhaupt erkenntlichen Höhe (etwa 40 Grad über dem Horizont) allmählich und zart hervor. Nach etwa zwanzig Minuten bildete sich in ihm eine hellere mittlere Partie, bi bis dreißig Grad über den Horizont reichte, kaum wesentlich breiter als die Milchstraße war, die Gestalt einer Zunge hatte und in ihrer unteren Hälfte in dem allgemeinen Dunst verschwand, der bis 15 Grad hoch am Horizont lag. Die Helligkeit dieser Zunge erreichte kaum die der Milchstraße. Die Zunge stand nicht senkreicht, sondern ihre Achse war leicht (etwa 8 Grad) nach Süden (rechts) geneigt. Ihre Kontur reichte bis zu einer gewissen Sterngruppe. Sie blieb die ganze Zeit, bis zum Anbruch der Dämmerung, an dieser Sterngruppe hasten; die Zunge stieg also infolge der scheinbaren Drehung des Himmelsgewölbes mit dieser Sterngruppe empor; ihre Länge, vom Horizont aufwärts, wuchs entsprechend, nicht aber ihre Breite. Die Lage ihrer Achse blieb während der Dauer der Sichtbarkeit - 336 — dieselbe. Etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang nahm die Lichtintensität der Zunge ziemlich schnell zu, bis ans das Dreifache der Milchstraße. Sonst änderte sich an dem Bilde nichts. Das Ganze verschwand für das Auge, als der flache Boden der ersten Dämmerung am Horizont aufstieg und das kommende Tageslicht die schwache Helle des Zodiakallichtes verschluckte. Durch Peilkompaß wurde festgestellt, daß das Zodiakallicht jeweils genau über dem Orte der unter dem Horizont befindlichen Sonne stand, wie auch der erste Dämmerungsbogen bei seinem Auftreten durch die Zunge des Zodiakallichtes halbiert wurde. Bemerkenswert an diesen Vobachtimgen ist zunächst, dag bie Lage der Achse — beim Auftreten des Zodiakallichtes der Ekliptik stark angenähert — sich nicht änderte, obwohl der Winkel zwischen Ekliptik und Horizont infolge der scheinbaren Drehung des Himmelsgewölbes in den zivei Stunden der Sichtbarkeit erheblich abnahm. Die Aü'se des Zodiakallichtes lag also nur zeitweilig im Tierkrelfe. Ebenso ist wichtig die Feststellung, daß von einem Aufgeyen des Zodiakallichtes keine Rede sein konnte, d. h. es kam nicht erst seine Spitze über den Horizont herauf und nach und nach die ganze Erscheinung — daß vielmehr gleich die ersten Lichtspuren bis zu 40 Grad über dem Horizonte sichtbar waren. Diese Tatsache widerlegt ebenfalls die (schon oben abgetane) Meinung, das Zodiakallicht sei ein Staubring um die Sonne. Andererseits ergibt der beobachtete Zusammenhang zwischen Stellung der Sonne und Ort des Zodiakallichtes, daß letzteres von ersterem abhängig ist. Solchen Zusammenhang, solche Abhängigkeit kennen wir aber nur bei Dam- merungserscheinungen. Kann das Zodiallicht eine solche fein? — Seine Form (Zunge, Parabel) scheint diese Möglichkeit zunächst auszuschließen, beim Dämmerungsbögen können wegen der Kugelgestalt der irdischen Lufthülle nur Teile von Kreisbögen fern. Aber die Kugelgestalt der irdischen Lufthülle ist durchaus nur eine Annahme Sie trifft bestenfalls für die unteren, dichteren Luftschichten zu, während die oberen leichten Gase (schon an sich bestrebt, in den leeren Raum zu entweichen) unzweifelhaft der Anziehungskraft von Sonne und Mond nachgeben und vier riesige Flutberge bilden, entsprechend den Gezeiten des Meeres. Zu Neumond und Vollmond fallen je zwei bie[er. Flutberge zusammen; die irdische Lufthülle stellt dann (im großen und ganzen) ein Ellipsoid dar. Dämmerungsbögen in einer so gestalteten Atmosphäre sind aber keine Kreisbögen,, sondern langgestreckte Ellipsen oder auch Parabeln. Und das Zodiakallicht ist nach dieser Erklärung ein Teil des Nadir-Flutberges H der Atmosphäre, also eine Dämmerungserscheinung. Seine Sichtbarkeit hängt für den Erdenbewohner von der Lage ab die die schiefe Erdachse jeweils innerhalb des Ellipsoides ein- uimmt, und diese Lage ist so, daß der erleuchtete Teil des Nabir- ilutberges im Herbst vor Sonnenaufgang, im Frühjahr nach Son» nenunteraang sichtbar ist. — Zu dieser Erklärung paßt auch das ganze übrige Beobachtungsmaterial. Die das Zodiakallicht für einen Staubring um die Erde halten, kommen der Wahrheit also ziemlich nahe: doch leuchtet hier nicht Staub und nicht ein Ring, sondern Luft allo Gas, das als dicke Wulst in der Ebene der Sonnenbahn um die Erde liegt, mit Zenit- und Nadirflutbergen. Es entsteht noch die Frage, weshalb die vorn Mond hervorgerufenen Flntberge der Atmosphäre nicht auch als Zodiakallicht sichtbar werden, wie sie es doch eigentlich besonders gut werben mußten. Ihrer Sichtbarkeit stehen zwei Umstände entgegen. Erstens befinden wir uns, wenn die Mondflutberge nicht mit den Sonnenflutbergen züfmnmenfallen (wenn also erstes ober letztes Monbviertel ist) unter bissen Flutbergen, sehen sie nicht von der Seite, sondern von unten, und in dieser Stellung ist ihre Helligkeit für den irdischen Beobachter schon an sich sehr gering. Und zweitens überstrahlt die helle Halbmondscheibe den schwachen Schimmer so vollständig, daß für unser Auge nichts von ihm übrig bleibt. Dis PrsdsschWefter. Novelle von Alfred Bock. (Schluß.) „Du magst ja bei deinen sogenannten Damen derlei Erfahrungen gemacht haben. Das gibt dir kein Recht, alle über einen Kamm zu scheren. Die Schwester Luise schließe jedenfalls aus! Dietrich lachte kurz auf. . „Und wenn ich Grund hätte, sie nicht auszuschließen? Der Gutsherr verfärbte sich. „Wie soll ich das verstehen?" Dietrich zog das Kinn an. „Mir liegt, weiß Gott, nichts ferner, als hier vor dir den Prahlhans zu spielen. Wärst du's nicht, mär’ mein Mund versiegelt. Ich will einmal aus der Schule schwatzen!" Da sprudelte er weinselig heraus, was zwischen ihm und der Schwester Luise in der Neujahrsnacht vorgefallen war. Der Gutsherr hatte sich erhoben. Leichenbläffe bedeckte sein Gesicht. „Deine Lüsternheit ist mir immer zuwider gewesen", sagte er schneidend scharf. „Ich hab' daraus nie ein Hehl gemacht. Aber daß du mein Haus damit beschmutzst, das hält' ich dir doch nicht zugetraut. Das nenn’ ich niederträchtig, nenn’ ich gemein!" *) Nadir (arabisch) — Fußpunkt, d. h. der dem Zenith genau gegenüberstehende Punkt. Dietrich schwollen die Adern an der Stirn. „Hans!" braufte er auf. „Hör' zu, was du angerichtet haft!" herrschte ihn der Guts» Herr an. Er war außer sich, erglühte in Zorn. „Jeder Schürze nachzulaufen, schien mir mein Leben lang ekelhaft. Den Umgang mit reinen Frauen hab’ ich immer als Labsal empfunden. Mein Herz aber hatte nie gesprochen. Im vorigen Jahr mußt’ ich's zum erstenmal, was es bedeutet, ein Mädchen lieben! Monatelang mit der Schwester zusammen, hatte ich untrügliche Zeichen, daß ich ihr nicht gleichgültig war. Ein blöder Gesell, der so was nicht merkt! Am Morgen, da du abgereift warst, hab’ ich mich ihr erklärt. Sie wollte ihrem Beruf treu bleiben, sagte sie mir. Und ich hab's ihr geglaubt. Jetzt fällt mir's rote Schuppen von den Aiigen. Sie Hütte die Heirat nicht ansgeschla- gen, hättest du sie nicht mit deinen Künsten verführt. Wie ich sie kenne, hat sie sich nicht mehr würdig gefühlt, deinem Bruder als Frau zu gehören. So hast du ihr Lebensglück und meins zerstört!" Auch Dietrich hatte sich erhoben. Bestürzung malte sich in feinen Zügen. „Ich geb’ dir mein Ehrenwort," preßte er hervor, „ich hab' von all dem keine Ahnung gehabt, sonst hält' ich mich in Schranken gehalten. Jst's aber wirklich so, wie du denkst, muß ich mich schuldig bekennen. Ich hab' dir, bei Gott, nicht weh tun wollen, 's ist mir furchtbar, Hans. Wenn du kannst, verzeih!" Eine Weile verging in dumpfem Schweigen. Der Gutsherr schritt mit sich kämpfend auf und ab. Endlich blieb er vor Dietrich stehen und sprach: „Deine Reue kommt leider zu spät. Vielleicht schwingst du dich jetzt zur Erkenntnis auf, daß über deiner Laxheit etwas steht, das man im Leben sittliches Empfinden zu nennen pflegt. Damit mag die Sache begraben fein!" Er sah nach der Uhr. „Es ist spät geworden. Ich habe morgen viel zu tun." Er bot dem Bruder die Zeit und ging. Völlig niedergeschmettert blieb Dietrich zurück. Wenn er fein Innerstes vor sich enthüllte; er hatte bas heiße Blut, gab (einer Sinnlichkeit manchmal npdj. Das zu leugnen, wär' er der letzte gewesen. Liber alles Unehrenhafte lag ihm fern. Daß dem Zwischenfall mit der Schwester ein sUch trauriges Nachspiel folgte, hätte er sich nicht träumen lassen. So lang er denken konnte, hatte er mit seinem Bruder in bestem Einvernehmen gelebt. Nun war der Frieden gestört. Ihr Verkehr würde sich in den Grenzen der Höflichkeit halten, der herzliche Ton war daraus verbannt, das alte Verhältnis stellte sich nicht mehr her. Und er trug die Schuld. Er ganz allein. Aber kam feine Reue denn wirklich zu spät? Hans hatte das Mädchen lieb gewonnen, glaubte ihrer Neigung gewiß zu fein. War denn keine Möglichkeit, die beiden doch noch zusammenzubrm- gen? Berg und Tal kamen nicht zusammen, wohl aber die Menschen! Kaum, daß der Gedanke in ihm ausgeblitzt, begann sich seine Selbstsicherheit wieder zu regen. Seine Gedrücktheit wich, feine Zuversicht hatte die Oberhand. Was für ein Glück, daß er gerade jetzt gekommen war! Er hatte die Fäden verwirrt, er war auch der Mann, sie zu lösen. Wahrhaftig, er war kein schlechter Mensch. Dem Paar eine üppige Hochzeit zu richten, das sollte seine Sühne fein. Freilich, es war keine leichte Ausgahe, die er da übernahm. Daß sie ihm gelang, bezweifelte er keinen Augenblick. Er hatte in seinem Leben so viel erreicht, warum sollte er hier scheitern? Freilich, ein Bitt- und Bußgang roar’s! Je nun, das verschlug ihm nichts. Für feinen Bruder war ihm nichts zu viel. Bei Sonnenaufgang zogen die Knechte und Mägde zum Heu- machen aus. Dietrich befand sich unter ihnen. Auf den Eulenwiesen schwenkte er ab und schlug den Weg nach der Kreisstadt ein. Zu beiden Seiten der schön gehaltenen Straße standen die alten Linden in Blüte und verbreiteten ihren Duft. Aus den Kronen hallte Vogelsang. Auf dem farbenbunten, weiten Gelände wirkte lebendig Frühsommerpracht. In der Stabt suchte Dietrich das Schwesternhaus auf. Er ward in bas Sprechzimmer geführt. Die Oberin kam, eine roürbige alte Dame, unb fragte nach feinem Begehr. Er stellte sich vor. Er wünschte, bie Schwester Luise zu sprechen. In bas Gesicht ber Oberin trat ein Ausbruck der Trauer. „Die Schwester Luise können Sie nicht mehr sprechen. Die hat unser Herrgott zu sich genommen!" „Tot!" schrie Dietrich auf. „Ja, tot! In ber Stabt trat die Diphtheritis epidemisch auf. Schwester Luise hatte sich bei der Krankenpflege überanstrengt.. Gegen meinen unb ihrer Mitschwestern Willen. Sie klagte eines Meads über Kopf- unb Nackenschmerzen. Wir buchten zunächst nicht an Ansteckung. Der Arzt stellte Uebertragung des Giftstoffs fest. Einer Herzlähmung ist Schwester Luise dann erlegen. Ihr Hingang ist für uns ein unersetzlicher Verlust. Sie hatte dem Schwesternhaus erst kurze Zeit angehört. In ihrem Opfermut ist sie uns allen ein Vorbild gewesen. Ihr Andenken wird ein gesegnetes bleiben!" Dietrich starrte bie Oberin mit weit aufgerissenen Augen an. Wankte hinaus. Schleppte sich zum Bahnhof. Die Brücken hinter ihm waren zerbrochen. Er hatte ben Bruder, die Heimat verloren. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck ber Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei. R. Lange, Gießen.