Eichener jamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |926 Samstag, -en Juni Kummer V An das Herz. Don Gottfried Keller. Willst du nicht dich schließen, Herz, du offnes Haus! Worin Freund und Feinde Gehen ein und aus? Schau, wie sie verletzen Dir das Hausrecht stets! Fühllos auf und nieder, Polternd, lärmend geht's. Keiner putzt die Schuhe, Keiner sieht sich um, Staubig brechen alle Dir ins Heiligtum: Trinken aus den goldnen Kelchen des Altars, Schänden Müh und Segen Dir des ganzen Jahrs: Werfen die Penaten Wild vom Herde dir. Pflanzen drauf mit Prahlen Ihr entfärbt Panier. Lind wenn zu verwüsten Nichts sie finden mehr, Lassen sie im Scheiden, Dich, mein Herz, so leer! Dein: und wenn nun alles Still und tot in dir, O, noch halt dich offen, Offen für und für! Latz die Sonne scheinen Heih in dich herein, Stürme dich durchfahren -Und den Wetterschein! Wenn durch deine 'Kammern So die Windsbraut zieht, Latz dein Glöcklein stürmen, Schallen Lied um Lied! Denn noch kann's geschehen, Dah auf irrer Flucht Eine treue Seele Bei dir Obdach sucht! Dsn Pedro MNd serrr Henker. Eiire Geschichte aus dem amerikanischen Hinterwald, frei nach dem Anglo-Amerikanischen, von Friedrich A. W y N e k e n. Die beiden Freunde Jim und Elarenee trafen sich in einem der vielen einstratzigen Städtchen von Neu-Wexiko wieder, dessen paar Häuser schlecht und recht aus Adobe und Holz erbaut sind. Sie hatten in der amerikanischen Armee auf den Philippinen! zusammen gedient und in der Waldwildnis von Mindanao einen Bund fürs Leben geschlossen. Als daher Clarence unerwartet in dem recht primitiv ausgestatteten „Bureau" seines Freundes erschien, begrüßte ihn der letztere, als ob sich die beiden niemals getrennt hätten. „Hallo, old boy", rief Jim. „Willst du meine Stellung als Sheriff dieses gottverlassenen Westes haben? Sie liegt auf dem Präsentierteller für dich bereit. Ich muh morgen einen Mann aufknüpfen." „Wohl dich selbst, wie es scheint?" fragte Clarence. „Noch nicht, aber wahrscheinlich bald," war die Antwort. „Es handelt sich vorläufig um einen anderen Hombre, wie wir Kastilianer sagen." „And ist es das erstemal, daß du dich mit solchen Kleinigkeiten abgibst?" „And wird sicherlich das letzte bleiben," ergänzte der Sheriff. „Ich würde lieber einen Strick dekorieren als operieren: das kannst du mir glauben." „Wie kommst du denn eigentlich hierher?" fragte Clarence nach einer Pause beiderseitigen NachderMrs. „Nun, ich bin hier sozusagen gelandet, und da gerade das Amt deS Sheriffs frei war, nahm ich es an und blieb hier. And was führt dich her?" „Mangel an Stellungsüberfluß," entgegnete Clarence. „Mein Geld wird alle und ich finde nichts zu tun." „Ich trete dir mit Vergnügen meine Stellung ab — aber heute schon." .„Anter den Amständen muß ich mich bedanken." Während die beiden Freunde noch Zigaretten rauchten, und von der gemeinsamen Vergangenheit plauderten, brach der Abend herein. Sie gingen aus, aßen in einem chinesischen Nestaurant und lehrten wieder in Jims Bureau zurück. Gegen zehn Ahr zog der Sheriff Karten aus einer Schublade hervor, und die beiden spielten, Poker, bis sich der einförmig wechselnden Gewinne und Verluste wegen die Notwendigkeit des notorischen „dritten Mannes" herausstellte. „Ob wohl Pedro mitmachen möchte?" fragte Lim endlich. „Der dritte Mann ist immer willkommen," entgegnete Clarence: „selbst wenn er, wie aus dem Namen hervorgeht, ein Mexikaner ist. Aebrigens, wer ist denn der Herr?" „Ein armer Teufel, den ich hier hinter Schloß und Aisgel festhalte. Gr kann Poker spielen, obwohl es mit seinem Englisch recht schwach bestellt ist." „Na," rief Clarence, „dann produziere den Jüngling doch. Wird etwas Abwechslung in die Sache bringen." „Also, komm mit." Clären« folgte dem Sheriff in den engen Gefängniskorridor. an dessen Ende ein trübe flackerndes Licht durch daS eiserne Gitter einer Zelle strömte, in der ein Mann auf einem kleinen Bette sah. Als die beiden Freunde bei ihm eintraten, legte der Gefangene den abgegriffenen Rosenkranz aus der Hand und blickte sie mit ruhig fragenden; Lächeln an. Das Licht der auf dem kleinen Tisch stehenden Kerze schien ihm voll ins Gesicht, und Clarence glaubte, niemals vorher eine so gutmütige mexikanische Visage gesehen zu haben. Die Züge des Gefangenen waren unregelmäßig und auffallend unschön, doch! ruhte auf ihnen eine gewisse ruhige Vornehmheit. Aus den großen braunen Augen leuchtete die Sanftmut eines Kindes. Er war frisch rasiert und trug das wellige Haar aus der nicht eben hohen Stirne emporgekänunt. Seine Kleidung bestand aus einem Paar schwarzen Hosen und einem ärmellosen Hemd. Die Anne des Mannes waren unwahrscheinlich muskulös und dabei von einer klassischen Schönheit, wie sie die beiden Freunds in einem östlichen Museum an drei zu einer Marmorgruppe vereinigten unbekleideten Burschen beobachtet hatten, die sich vergeblich bemühten, eine riesige Schlange von ihren respektiven Körpern zu entfernen und dabei recht erbärmliche Gesich!ier schnitten. Außerdem besah dieser sanftäugige rosenkraiizzupfsnde! Mexikaner ein Paar Schultern und einen Brustkasten, die dem Prizeboxer Lack Johnson keine Schande gemacht hätten. Als der Mann sich erhob und auf den bloßen Füßen neben dem Bett stand, bewunderte Clarence die sechs Fuß massiver, ebenmäßig gebauter Menschlichkeit. Der Gefangene war halb Baqui-Indianer und deshalb so hoch geraten. „Pete," sagte Lim, „wir beiden spielen Poker, um die Zeit umzubringen: möchtest du gern mitmachen?" Ein knabenhaftes Läch!sln huschte über die bronzefarbenerr Züge des Mexikaners, — der als solcher die Leidenschaft zum Glückspiel schon mit der Muttermilch eingesogen hatte. Si, Jim, — ich spiele mit,“ entgegnete er, griff unter das Kopfkissen und zog dort einen kleinen Deutel hervor, der mit Gold- und Silbermünzen gefüllt war. Auf dem Wege nach dem Bureau des Sheriffs wurde Ela- renec von einem Gefühl des Anbchagens überfallen. Denn dieser Niese hätte die beiden Freunde mit den bloßen Händen töten können: er schien aber nichts dergleichen im Sinn zu haben. Augenblicklich war der letztere einzig und allein auf das Pokerspiel gerichtet, das sich denn wenige Augenblicke später in dem Bureau in vollster Glorie entwickelte, und zwar zu Gimsten Pedros, obwohl er wie ein sechsjähriger Schmlknabe spielte. Nach Verlauf einer Stunde begann Lim zu gähnen. Der Mexikaner hatte infolge seines wahrhaft lächerlichen Glücks keineswegs die erhoffte Abwechslung in die Partie gebracht. „Lassen wir die Sache heute ruhen. Ich bin müde, und der Anterfchied zwischen, dem König und dem Buben fängt an, - 194 mit zweifelhaft zu werden." rief Jim, rndeni et als Bankhalter dem Mexikaner ein Häuslein Goldmünzen zuschob. Pedro lächelte vergnügt, nicht aber schadenfroh wie so viele Gewinner im Poker, und strich das Geld ein. „Komm jetzt zurück in den Kasten, Pete," fügte Jim hinzu und erhob sich, die rostigen Schlüssel in der Hand. Pedro schüttelte Clarence kordial die Hand. „Wirst du lange hier bleiben?" fragte er.' „Wirst du dabei sein, wenn ich morgen —“ „Rein, Pete," fiel ihm 2im schnell ins Wort. „Mein Fveund wird noch vor Tagesanbruch die Stadt verlassen." Bach diesen Worten führte der Sheriff feinen Gefangenen fort. „Das war er," murmelte der Sheriff, nachdem er ohne den Gesangenen zurückgekehrt war. „Er tut mir leid," sagte Clarence. „Lind mir auch," entgegnete Jim, sich verdrossen auf einen Stuhl werfend. „Warum muß Pedro denn hängen?" fragte der andere nach einer dumpfen Pause. „Hat er jemand um gebracht ?" „Zwei — nur zwei, alter Junge. Aber zwei, die's verdienten. Es kam ihnen gewissermaßen zu. Der Ansicht würdest du auch sein, wenn du wüßtest —" „Aa, dann schieß mal los, damit ich richten kann." Als die beiden Freunde an der staubigen Landstraße gegenüber dein Gefängnis auf dem Rande eines ausgetrockneten Wassertrogs sahen, erfuhr Clarence die Geschichte des Mexikaners aus dem Munde des Sheriffs. Pedro Salazar war von Altmexiko über die Grenze ge- kommen und hatte sich in der kleinen Stadt als Hufschmied niedergelassen- Als sich später Jim dort einfand, lernte er Pedro als einen gutmütigen Menschen kennen, der bet der schwierigsten Arbeit sein Liedchen pfiff. Oft, wenn der Sheriff nichts zu tun hatte, besuchte er Pedro in der Werkstatt und beobachtete, wie sein starker Arm den Hammer schwang, wie die Funken aus dem rotglühenden Eisen stoben. Bald gab es in dem Rest zwei intime Freunde, — den Hufschmied und den Sheriff. Richt lange vor bem Weihnachtsfest erwähnte Jim, daß er für die Kinder seiner im Osten wohnhaften Schwester einige Spielsachen brauche und solche in dem kleinen Städtchen nicht auftreiben könne. Ächt Tage später erschien Pedro ui dem Bureau seines Freundes. Er brachte ihm einen Hampelmann, eine Arche Noahs mit obligat animalischem Inhalt und eine Kaktuspfeife, welche Gegenstände er mit geschickten Händen für die betreffenden kleinen Verwandten des Freundes geschnitzt hatte. — Eines Tages tauchte in dem Ort ein alter mexikanischer Schafhirt mit seiner mutterlosen Tochter Rosita auf. Da der Wie krank war, nahm ihn Pedro ins Haus und pflegte den Greis, bis dieser acht Tage darauf verstarb. Später heiratete der Schmied das Mädchen, eine südländische Schönheit von achtzehn Jahren. Er liebte Rosita unsinnig, und sie schien feine Neigung zu erwidern. Oft besuchte der Sheriff das junge Paar am Abend und sah etwas in den Lopasaugen der Mexikanerin, und dieses Etwas schwand nicht aus den Augen, als die Ehe mit einem Knäblein gesegnet wurde. Pedros Glück war so groß, daß er jetzt, wie man behauptete, sogar im Schlafe pfiff. Dann trat der Baquero Jose in das Leben Rositas und Pedros. Er gehörte zu Ben braunäugigen Herren, die von den Frauen hübsch gefunden werden. Er hatte eine gefällige Denor- stimme und zupfte zu seinem melancholischen Gesang die Saiten der Gitarre, ohne die er selten zu sehen war. Dieser Jose sang sich in Herz und Sinne Rositas hinein. Als Pete, natürlich zuletzt im ganzen Ort, davon erfuhr, streifte er seine Aermel auf, nahm Jose wie ein Kind in die muskulösen' Arme, trug ihn Zur Stadt hinaus und befahl dem Adonis, sich nicht wieder bei Rosita sehen zu lassen. In der Nacht daraus stürzte Rosita aus ihrem Hause aus die Straße und schrie, daß Pedro ihr Kind ermordet habe. Sie habe das Baby unter dem Kissen erstickt aufgefunben. Das Weib behauptete, Pedro habe ihren Liebling in einem Wutanfall erdrosselt. Pete verteidigte sich nicht, als der Sheriff ihn in das Gefängnis brachte. Der letztere glaubte ohnedies an seine Lkw schuld, wenn er an das gewisse Etwas in ihren Augen dachte. Auch wußte er, daß Pedro keine Fliege umbringen konnte. Eines Abends — der Gefangene war dem Richter noch nicht vorgesührt worden — begab sich der Sheriff in die Zelle Pedros, der durch das vergitterte Fenster auf die Straßen blickte. Dort gingen augenscheinlich interessante Dinge vor. Der Mond beleuchtete Rosita und Jose, die im Staube der Gasse eine Art Fandango tanzten, um den unglücklichen Pedro zu..verhöhnen. Eie sprachen kein Wort, sie tanzten nur mit rasender Leidenschaft, bis sie sich in die Arme stürmten und küßten. Das ruchlose Paar sah nur das wutverzerrte Gesicht des .Unglücklichen, nicht aber den Sheriff, der sie aus Bem Dunkel der Zelle beobachtete. Nach einer ganzen Serie von Grimassen, die dem arm« Pedro gatten, machte sich das saubere Paar endlich auf und davon. Der Sheriff suchte seinen Gefangenen mit der Angabe zu trösten, daß er den Geschworenen von dem höllischen Austritt erzählen und so vielleicht des Aermsten Freisprechung erwirken werde. Pedro gab keinen Laut von sich; als aber der Sheriss am nächsten Morgen in der Zelle des Gefangenen erschien, da war der Mexikaner daraus verschwunden. Er hatte mit den bloßen Händen das eiserne Gitter zerbrochen und war aus dem Fenstw' gesttegen. Dann hätte Pedro sich' nach seinem Hause begeben; wo er Rosita und Jose zusammensand. Er nahm das saubere Pärchen unter die Riesenarme und schleppte es in die Schmiede. Dort kettete er Rosita und Jose zusammen, warf sie auf den Wagen und fuhr seine Opfer vor die Stadt, wo er die beiden an einer einsamen Stelle umbrachte und im Sande verscharrte. Dann kehrte Pedro wieder ins Gefängnis zurück. „Rach seinem vollen Geständnis," so schloß der Sheriff seine Geschichte, „gab es natürlich keine Rettung mehr für den armen Pedro. Morgen früh muß er hängen, und dein alter Freund Jim hat das Vergnügen, seinen alten Freund Pedro aufzuknüpfen." — Es war inzwischen ein Llhr geworden, der blasse Mond stand bereits tief am Rande der Prärie. Clarence war sich unklar darüber, wen er mehr bedauern sollte, den unglücklichen Pedro oder feinen Freund, den Sheriff. „Eine schlimme Geschichte," murmelte er. „Aber Ami ist Amt. Ihr werdet eben beide dran glauben müssen." Als sich^ die beiden gute Nacht sagten, fragte Jim einigermaßen nachdenklich: „Also, du fährst um sechs .Uhr dreißig nach dem Osten ab? — Dann solltest du noch einige Stunden schlafen. Gut, daß du gekommen bist, das hat mich! auf eine vortreffliche: Idee gebracht." „Was für eine Idee?" „Abwarten," entgegnete Jim, und war verschwunden. — — Wenige Minuten nach sechs Uhr schlenderte Clarence verschlafen Bem Bahnhof zu. Mit Schaudern blickte er nach dem Gefängnis hinüber. Llnd flehe, — aus der Tür heraus trat ein schlanker, hoch gewachsener Mann, der in 6er Rechten einen schweren Reisesack trug. Es war Jim. „Good morning, old boy," sagte Clarence. „Hast du schon — ich meine Pedro —" „Schnell, Clarence, der Zug kommt bereits," flüsterte Jim, den Freund mit sich fortziehend. „Gehst du mit auf den Bahnhof?" fragte Clarence einigermaßen erstaunt. „Ich gehe mit dir nach dem Osten," erwiderte Jim mit glückseligem Grinsen. „Aber dein Amt —“ „Mein schriftliches Entlassungsgesuch liegt in dem Bureau auf dem Tisch." „Und Pedro?" „Der Teufelskerl ist mir wieder durchgebrannt, — muh bald an der mexikanischen Grenze fein." „Ja, ist er denn beritten?“ fragte Clarence, feinen Freund von der Seite ansehend. „Jawohl — denke dir, der Spitzbube hat mir mein Pferd gestohlen/' „Dir -— dein Pferd — gestohlen?" „Well, kurz und gut, er sitzt darauf." Im nächsten Augenblick donnette der Zug in die Bahnhofshalle und hielt an; —- Jim und Clarence stiegen ein. Jur Geschichte des Kaffees. Von De Ernst Darmstaedter. Im Jahre 1582 erschien zu Frankfurt am Maßt ein Buch des Augsburger Arztes Leonhard Rauwolff, in dem vielleicht die erste Erwähnung des Kaffees in Europa zu finden ist. Rauwolff war Stadtphysikus in seiner Vaterstadt Augsburg, machte eine Reise nach dem Orient, aus der er unter anderem viele Pflanzen beobachtete und sammelte. Seine Erlebnisse schildert er in seinem erwähnten Buche, das ein schönes Zeugnis für den flnternehmungsgeist und die Forschereigenschaften des Autors ist. In dieser „Beschreibung der Reyhs Leonhardt Rauwolsen, der Artzney Doctorn und bestellte Medici zu Augspurg, so er vor dieser Zeit gegen Ausgang in die Morgenländer, sürnehmlich Syriarn, Iudeam, Arabien« usw. nicht ohne Mühe und große Gefahr selbst vollbracht", erzählt der Verfasser int achten Kapitel des ersten Teiles ^,von großen Gewerben und Handlungen des Skats Haleppo. Item der Türken mancherlei Speisen, Getränken, Zeremonien usw." und schreibt „... hat einer Lust etwas zu essen oder zu trinken, so habens auch weite offene Läden, darinnett sie sich zusamnten auf die Erden oder das Pfletz setzen und miteinander zechen. Anter anderm habetts eilt gut Getränk, welches sie hoch halten, Chaube von tuen genennct das ist gar nahe wie ©tuten so schwarz, und in Gebrestett, sonderlich des Magens gar dienstlich. Dieses pflegens am Morgett frii, auch du offenen Orten, vor jedermeniglich, ohne alles abschemven, zu trinket-, auS irdiiten und Porzellanischen tieffett Schalem, so warnt, als sie können erleiden, setzen oft an, tun aber kleine Trünklein, und lassens gleich — 195 — weiter, wie sie nebeneinander im Kreiß sitzen, herumgehen. Zu dem Wasser nemen sie die Frücht Bunnu von Inwohnern genennet ..." Der Name „Bun" findet sich öfter fiir den Kaffee noch zuweilen im achtzehnten Jahrhundert, so z. B. im Zedler'schen Aniversal- ferifon, und man hat bisweilen die Bezeichnung „Kaffeebohne davon ableiten wollen, aber wohl mit Anrecht. Aus der weiteren Beschreibung Rauwolffs und aus anderen Berichten geht hervor, daß früher bisweilen die ganze Frucht des Kaffeebaumes, also nicht nur die Samen (Bohnen) verwendet wurden. In diesem Falle hat man aber die Bohnen wohl nicht geröstet und also ein Getränk erhalten,- das mit unserem Kaffee sehr wenig Aehnlichkeit haben konnte, und infolge etwaiger Gärung vielleicht sogar alkoholhaltig war. Eine weitere Erwähnung des Kaffeebaumes und des Kaffees findet sich bei Prosperus Alpinus „De Plantis Aegypti", Venedig 1592, und in „De Medicina Aegyptorum" 1591. Dieser Paduaner Professor schreibt unter anderem (von mir aus den, lateimschen Text übersetzt): „Läufig verwendet wird ein Absud, Chaouva genannt, den man aus gewissen dunklen Samen, die eine Aehnlichkeit mit Bohnen haben, zu bereiten pflegt. Diesen Samen nennen sie „Bon und ich habe den Baum, der die Frucht trägt, im Garten eines türkischen Beis gesehen. Er stammte aus Arabien..." Alpinus erzählt weiter, daß man sich in Kairo z. B. am Kaffee delektiert wie bei uns am Wein und macht schließlich eine interessante Bemerkung. Er meint nämlich, der Geschmack des Kaffees habe an, meisten Aehnlichkeit mit dem des Zichorien-Absuds. Offenbar kannte man schon damals diesen Trank, der später bekanntlich als Kaffee-Ersatz eine große Rolle spielte und noch spielt. Wir hätten dann den merkwiirdigen Fall, daß der Ersatz in Europa früher bekannt war, als der Kaffee selbst. Die Leimat des Kaffeebaumes ist wahrscheinlich Abessinien. Bon dort stammt auch die Sage von der angeblichen Entdeckung der anregenden Wirkung des Kaffees, die wir hier erwähnen, ohne sie sehr ernst zu nehmen. Litten sollen nämlich beobachtet haben, daß ihre Tiere, Kamele und Ziegen, gelegentlich besonders lustig herumsprangen, und zwar, wie sich herausstellte, nach dem Genuß bestirnmter Blätter — der Blätter des Kaffeebaumes. _ . ,, Von Abessinien kam der Kaffee nach Arabien. Der Scyeich Ek-Ghadzeli und der Mufti Gemaledin in Aden sollen die Sitte, Kaffee zu trinken, im 15. Jahrhundert in Arabien eingeführt haben. Die Gewohnheit bürgerte sich bald in Aden, Mekka, Medina, Kairo ein. Dort entstanden auch die ersten Kaffeehäuser, die offenbar gern von Leuten mit geistigen Interessen besucht wurden, da sie „Schulen der Weisheit" und „Schulen der Erkenntnis" genannt wurden. Es wurde dort Schach gespielt und iiber Politik geredet. Cs herrschten also dort schon ähnliche VerhälMisse, wie später m vielen europäischen Kaffeehäusern. Es wird auch berichtet, daß bte Derwische in den Nächten, die sie im Gebet zubringen sollten, Kaffee tranken. Sie hatten ihn in einem großen, roten, irdenen Gefäß und empfingen ihn mit Ehrfurcht aus der Land ihres Vorstehers in Tassen. Es waren wahrscheinlich rote Tonkannen, wie sie heute noch z. B. in Nord-Ostafrika gebraucht werden. Die mohammebam scheu Geistlichen sollen sich dariiber geärgert haben, daß die Gläubigen mehr in die Kaffeehäuser als in die Moscheen gingen. Aus diesen und wohl auch aus politischen Gründen wurde der Kaffee wiederholt verboten, breitete sich aber trotzdem aus und kam über Damaskus und Aleppo nach Europa. Das erst« Kaffeehaus soll in Marseille entstanden fern; später finden sich auch solche in Paris und Deutschland, wo 1694 in Leipzig das Laus „Zuin arabischen Coffee-Baum" eröffnet wurde, das heute noch besteht und vielen in angenehmer Erinnerung rst. Bisweilen ging man gegen den Kaffee vor, so z. B. Friedrich der Große, der auf eine Eingabe erwidern ließ, er selbst sei in seiner Jugend m,t Biersupve erzogen worden, die viel gesünder sei. Lieber den Kaffee ist eine große Literatur entstanden und orientalische Dichter haben begeisterte Verse über ihn geschrieben, von denen wir einige wiedergeben. (Nach C, Lartwich, Die menschlichen Genußmittel", Leipzig 1911.) „Komm zu genießen die Gesellschaft des Kaffees an den Orten, wo er seine Residenz aufgeschlagen hat, denn die göttliche Güte umgibt die, die teilnehmen an seinem Feste. Dort — die Schönheit der Teppiche, die süßen Freuden des Lebens, die Gesellschaft der Gäste, alles gibt ein Bild der Statte, wo die Seligen wohnen. . „ „ , . Keine Sorge vermag dein Kaffee zrl widerstehen, aller Verdruß schwindet beim Anblick der dir vorgesetzten Tasse. ... Keinen Kummer gibt es var außer einem Trüpplein Enten, das rätschend dahinwatschclre, da erwiderte es: „So sei's halt, wie du gesagt hast, und komm bald nach, Mutter. Es steht ein Wetter a>n Limmcl." Die Mutter antwortete ihm nicht, und nun ging es mit schnellen Schritten seines Weges, als fürchtete es wahrhaftig die Wolken, die langsam gegen die Sonne vorrückten. Ehe es von der Landstraße abbog, sah es sich noch einmal um. Die Mutter hockte immer noch trotzig auf dem Steinhaufen, anzusehen wie ein schwarzes, böses Wegweiblein. Da lief das Mädchen rasch über den Feldweg auf die Kirche zu, schoß an dein Anwesen des Verwalters vorüber, das sich hinter die weiße Kirchenwand duckte, und stand aufatmend unter dem niedrigen, dunklen Portal still. Die Grillen zirpten rings im Feld, die Luft zitterte iiber den rötlichen Sauerainpferstauden, die sich dicht an die Kirchenstufen herandrängten, und auf Rikeles Stirn glitzerte der Schweiß. " ' Auf einmal schrak es zusammen. Ein lautes Echo schallte aus der Kirche. Da hatte jemand gehustet. Lind nun tvarf es die Leder- ture auf und klemmte sich rasch hindurch ins goldfunkelnde Dämmerlicht des Gotteshauses, in dem ihm der Blick verging, so daß es eine Weile nichts sah als hüpfende goldene und purpurrote Lichter, die die wunderlichsten Kreise schlugen. And wieder ein Lüsten, und dann lag das Rikele, wie von einem Wind hineingeweht, neben dem Franzsepp auf den Fliesen hinter dem steinernen Wundersarg des Leiligen auf den Knien, und sie stießen die Köpfe an den Sarkophag und beteten vorerst fleißig und gewissenhaft ein paar Sprüche. Ein Seufzer, das Mädchen ließ sich aufatmend auf die Fersen zurückfallen, und vorsichtig legte der Franzsepp den Arm um seine schultern. So hockten sie eine Weile stumm, regungslos im Schatten des Steinsarges in der menschenleeren Kirche. Durch die aufgestoßenen Scheiben der bunten Fenster drang das Zirpen der Grillen, eine Brummfliege tanzte an ihren Stirnen vorbei, daß sie aufichreckend die Köpfe aneinanderschlugen, sonst kein Laut als der scheue Ateni des Mädchens. Der Franzsepp hustete nicht mehr. „Geh jetzt, die Mutter ist unterwegs", flüsterte das Rikele endlich und schob die Land des Burschen zärtlich von der runden Schulter. „Die hat wohl noch Zeit, wenn sie auf den Vater wartet", lachte er in ihr heißes Ohr und wich nicht von ihr weg. „Franzsepp", stieß sie zornig hervor und fuhr in die Löhe. I Dabei stieß sie an die Messingkronen, die auf der Sargplatte lagen, und eine kam klirrend auf die Fliesen herabgescvossen, wo sie der Franzsepp auffing. Scheu legte er sie ivieder hin, das Lerz schlug ihnen laut, als hätten sie ein Sakrileg begangen. And als müßte sich das bestätigen, erlosch plötzlich der goldene Lichtschein. Zwiespältiges, fahles Licht fiel in die Kirche, und ein dumpfer Donner lief über sie hin. „Jesus-Marei," stotterte das Rikele und drückte sich hinter den I Stem. I And jetzt ein Blitz, hell und lodernd, ein Schlag danach, daß die Glocke im wurm ein Wimmern hören ließ, und dann fuhr der Franz- I M ", panischem Schrecken von den Knien empor und stürzte zur ! Dure. Es war ihnr, als hätte der Leilige int Blitzfeuer den Sarg- I deckel gesprengt und das krumme Rebmesser nack ihm gezückt. | Kaum vermochte er die Tür zu finden, ein Wirbel von Regen und Schlägen schlug ihm entgegen, uird als er endlich das Freie erreichte und an der weißen Kirchenwatid entlang sich ins Feld schob, da blendete ihn plötzlich ein zweiter Blitz, und im farbigen Licht sah er ! etivas Schwarzes auf sich zutorkeln, mit fürchterlich brüllender I Stimme: das war der Leibhaftige selbst! | Aber da packte ihn das Entsetzen an seinem Couragezipfel. I „O du ^atanskaib, du bekommst mich nicht so wohlfeil", schrie er ! ms brauende Wetter mtd schlug auf den Anhold ein, der ihn wild I anrannte und mit feurigen Armen nach ihm griff. Er stank nach i Sprit und Schwefel. Aber der Franzsepp hatte ihn am Losenbund I erwacht und trommelte ihm auf Schultern und Schädel, daß er I ichnarchte und rülpste und alle viere streckend in die Lache schoß I öte der Regensturm ihnen in den Weg geschüttet hatte. Roch I einmal zuckte der Gebändigte mit dem Fuße und traf den Franzsepp I UN das Schienbein, daß diesem der Schmerz von dem Pferdefußtritt I des Leibhaftigen jchier das Lerz abfließ. | • - ™ 5?uiite der Bursche, das getroffene Bein schleifend, davon, ms Wetter hinein, guerfeldein dem Städtchen zu. Anterwegs schrie ! ihm eine zeternde, kreischende Stimme, die irgendwo am Wegrand | ihren Arwrung nahm, ein paar unverständliche Worte nach. Das ! war die Stimme der Bäuerin, sagte er sich, aber er hatte am Satanas genug, nach einem Tanz mit der, die dessen Großmutter gleichkam, I gehiifctc ifm nicht, und er ruhte erst, als er triefend naß und atemlos m der „ L-oldenen Kanone" Anterstand fand. Beim zweiten Schoppen | alten wurde ihm Wohler, und er schämte sieh seiner schwachen Stunde. I aber der teufet, der und fein anderer war's gewesen, darauf hätte r Echrsstleitung: Or. Friede. Wilh. Lange. - Druck und Verlag der Brühl'fchen Äniv.-Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießen. er Ovattengift genommen. Beim dritten Schoppen packte ihn das weinende Elend, und der Bock stieß ihn, als er sich des verlassenen, dem Zorn des Leiligen und den Pratzen des vor dem heiligen Ort lauernden Gottseibeiuns preisgegebenen Mädchens erinnerte. Auf em»»» erhob er sich von der Bank, zog die Losen hinauf und murmelte: I »Ach hol s, und wenn mir der Lindere mein bestes Bein ausreißt." > w ®ag versteckt unter dem blaugeschwollenen Lid, auf seiner beschmutzten I Lemdbrust waren Blutflecken. I Die Bäuerin fuhr fort: „Ja, hart an der Kirchentür hat er ihn u°ch schier erwischt, der ..., und wenn's Rikele ihm nicht 's geweihte Wasser aufgespriht hält', hernach wär' dem Vater das Gesicht im j Gemck stehengeblieben. — Glaubst du's am End nicht, daß du so I eine saudumme Visage machst?" schrie sie den Franzsepp an. Da entgegnete dieser, indem er sich das wundgetretene Schien- bem an der andern Wade rieb: „Nicht glauben! Er ist mir doch I selber aus dem Buckel gesessen, der Morximichel, der ... I And das Rikele stieß einen Schrei aus und suchte den Rosen- I kranz ttn Sack seines roten Anterrocks; der Bauer rutschte unruhig aus dem kantigen Schotter hin und her und stöhnte: „Dasmal hat I er schon gespuckt und gestunken und das wegen zwei Liter Alten und I drei Gläsle Zwetschenwasser. Nundefudder, da hat einem der Pfaff | und s Wehkreuz schier den Löllenbrand aufmirakuliert!" „Du hast ihn gesehen, Franzsepp?" fragte die Bäuerin, die ganz I gelb geworden war, und der Franzsepp nickte eifrig. And dann ergänzten der Bauer und der Knecht gegcnfeitig ihre Mitteilungen I über den Anhold, der hmter dem fäumigen Sünder dreingefahren war mit Blitz und Donnerschlag und ihn hart an der Kirchentür noch erwljcht hatte. Die Bäuerin hatte den Bauer an der Kirchentür gefunden, als sie vor dem Wetter hingeflüchtet war. Das Rikele hockte bei ihm, und dann hatten sie ihn hineingeschleppt, und er hatte dem Leiligen gelobt, was ihm in den Sinn gekommen war und seine Frau ihm ms Oyr geblasen hatte. ! Jetzt löste der Franzsepp das Rikele ab, und sie brachten den Sünder glücklich in die „Goldene Kanone". Trübselig wärmte er dss Lände an einer Kachel Kaffee und ließ sein blaues Auge mit Fenchelwasser befeuchten. Der Teufel hatte ihn fast zu Brei ge- droscyen. Kleinlaut fchirrte der Knecht den Gaul ein. Er wußte mcht recht, ob sie ihrer zwei oder drei gewesen waren in der Schlacht vor der Kirchentür: er und der Bauer oder — ihm grauste halb — er, der Bauer und der ff-j-. .Das Rikele stieß ihn bei der Leimfahrt heimlich in die Seite und rieb fernen Krauselkopf an seinem Aermel, als sie durch den dunklen Tannenwald fuhren. Da rückte er unruhig auf seinem Sitz, und als der Mond aufging und in den Föhren der Nachtkauz lachte, fing er an mit der Geißel zu knallen, daß das ganze Tal widerhallte und der Gaul die Ohren an den Kopf legte. Im Geißenaalopp erreichten sie das Dorf. Am andern Morgen ging die Bäuerin zur Beichte. Am Tage darauf das Rikele. Der Vater besann sich drei Tage und der Franzsepp vier. And dann wußte der Pfarrer mehr als jeder von ihnen und alle zusammen und freute sich des witzigen Zufalls und des wundertätigen Leiligen. Das Saufen hat der Bauer freilich nicht lange gelassen und die Bäuerin das Keifen gar nicht, aber wenn der Zank bis auf einen gewissen Punkt gelangt war, wurden sie auf einmal kleinlaut, und $a9e. war Frieden. Gegen den Franzfepp haben sie sich noch bis Martini gefperrt, aber das Rikele regierte den Burschen und die Alten, und so erging am Jinstag das Aufgebot. Als sich die Brautleute bei dem Pfarrer bedankten, sagte dieser ernsthaft: „Lastet gute Wirtschaft miteinand' und bedenket: der -Teufel steht hinter jedem." Da fror den Franzsepp im Nacken, und das Rikele, das dumme Rikele, kicherte und schluckte, als wär das ein besonderer Spaß. Von deni Wunder aber sprach keines mehr, der Mund war allen versiegelt worden im Beichtstichl.