Eichener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 Samstag, den 18. Dezember Kummer W Maria mit dem Kinds. Von Fritz D i e t t r i ch. Wiese, breite dich zum Tisch! Baum, neig dich geschwisterlich Uebern Quell, der Silber spinnt Für Maria und das Kindl Wie ein Menjchenschwarm beim liJ, Flockt es nieder dicht an dicht Aus dem leisen Wind, Engel um das Kind. Und schon ist der kleinste Zoll Lieblichen Gewimmels voll. Jedes Blümlein hell Wird zum Spielgesell. Aus dem Grase dreht hervor Flügelgrotz ein Hasenohr. Waldgetier kommt leis, Schmiegt sich rings im Kreis. Und nun dehnt die Wiese sich Weit nach jedem Himmelsstrich, Und wir all« sind Blumen um das Kind. Deutsche Dichter der Weihnacht. Bon Dr. Friedrich S p r e n n. Fragen wir einen Engländer nach dem „Dichter der Weihnacht", so wird sich ganz von selbst der Name Dickens auf seine Lippen drängen, und auch der Däne denkt wohl sogleich an seinen Märchenfreund Andersen, der nicht nur in seiner schönen Geschichte vom Tannenbaum, sondern auch sonst allenthalben das Fest in seinen Werken verherrlicht und im „Märchen meines Lebens" mit frohen Kinderherzen gefeiert hat. Wir Deutschen wissen auf die Frage nach unserm „Weihnachtsdichter" keine bündige 'Antwort zu geben. Wohl haben Unzählige das Fest der Feste besungen: in unserer Lyrik blüht ein immergrüner Kranz schöner Weihnachtsgedichte, der Christerzählungen mit der Verlobung unter dem Lichterbaum ist Legion. Aber wir haben keinen Poeten, in dessen Schaffen die Schilderung der Weihnacht so mächtig und strahlend sich hervordrünpte, wie bei dem englischen Schöpser der „Weihnachtserzählungen". Erst wenn wir uns näher in unserer Literatur umsehen, finden wir hie und da verstreut kostbare, z. T. wenig gekannte Weihnachtsgeschichten, die wohl einmal zum leuchtenden Strauß gesammelt werden sollten, erkennen, daß auch so manche unserer Poeten de» Ehrennamen eines „Dichters der Weihnacht" verdienen. Aehnliche Stimmungen wie bei Dickens sind bei uns zu gleicher Zeit, wenn auch nicht so einheitlich, in den Werten von Raabe, Storm, Reuter festgehalten. Aber bereits lange vorher blühte die Weihnachtspoesie in den schönen Mysterien und Volksspielen, den vielen herrlichen Weihnachtsliedern, die allerdings mehr das Fest der Kirche, als das der deutschen Familie feiern. Die gemütvolle Sphäre des deutschen Hauses ist erst später geschaffen worden. In dem Roman des Jörg Wickram, dem frühesten unserer Literatur, in dem „Knabenspiegel", den „guten und bösen Nachbarn", im Gedicht vom „irr reitenden Pilger" sitzen Eltern und Kinder bei der Bibel zusammen und singen traute Lieder zu Weihnacht, und Hans Sachs findet in seinen Weihnachtsspielen warme Töne einer innigen Beschaulichkeit und Herzensheiterkeit. Doch das find nur alles verflogene Klänge, zerstreute Spuren: nirgends in der Dichtung steht das Weihnachtsfest in unserem Sinne im Miielpunkt. Goethe und Schiller haben Weihnachten gefeiert, auch Musäus, Mathias Claudius und Joh. H. Voß. Aber wie dürftig ist der Schein, der davon in ihre Dichtung fällt! Was bedeutet es, daß der Weihnachtsbaum im „Werlher" erwähnt in einem Altersgedicht Goethes spielerisch-mystisch besungen wird, daß das Fest schattenhaft durch die „Volksmärchen" des Musäus und die Betrachtungen des Wandsbecker Boten huscht! Ganz anders ist die Stellung der Weihnacht im Leben und Dichten des „siebenten Klassikers". Jean Paul dürfte man mit Fug und Recht den ersten deutschen „Dichter der Weihnacht" nennen. Er hat das Fest wirklich erlebt: es war sein Hauptfest, in das er stets „den Heilio-nschein des bescheerenden Christkindchens warf", wie seine Tochter erzählt. Schon Tage vorher brachte er wohl Stücke Marzipan mit nach Hause und sagte:' „Heut, ihr Kinder, ging ich in den Garten hinaus, und wie ich den Himmel ansehe, kommt eine rosenrote Wolke gezogen, und da sitzt dar Christkindchen daraus und sagt mir, weil ihr heut so gut gewesen seid, so wolle es auch euch etwas schicken." Oder wenn die Kleinen in der finsteren Stube auf seinem Kanapee hockten, rief er plötzlich: „Habt ihr nichts gehört? Das Christkindchen war's!" und langte aus dem Fenster Süßigkeiten herein. Unter seinem großen Mantel schleppte er die schönsten Sachen an, und am heiligen Abend freute er sich auf die Bescherung wie ein Kind und konnte sie gar nicht erwarten. Dieser echte Herzenston lebt auch in seinen Dichtungen, wo er, wie im „Quintus Fixlein" und den „Flegeljahren", des Festes gedenkt. Ein besonderes Denkmal hat er ihm zum Schluß der reizenden Idylle vom „Jubeisenior" in dem Appendix „Meine Christnacht" errichtet. Aus dem Licht des brennenden Baumes und den Feierklängen der Christnachtsmusik schwingt sich sein Geist zu grandiosen Visionen von Gott und Ewigkeit auf. Zu gleicher Zeit legte ein anderer Kinderfreund, Joh. Peter Hebel, echte Christfreude in seine Dichtung: auch er ist durch die vielen seiner „alemannischen Gedichte", die vom Weihnachtsfest erzählen, zu einem unserer frühesten Weihnachtsdichter geworden. Im Jahre 1803 erschien ein kleines, aber inhaltsschweres Büchlein „Die Weihnachtsfeier. Em Gespräch" von Friedrich Schleiermacher. Der große Theologe hat in diesem viel zu wenig gekannten Jugendwerk, das zu dem Tiefsten gehört, was je über das Fest gesagt worden, die Ehrfurcht und Weihe dargestellt, mit der die Romantik Weihnachten umgab. In Goethischem Prosastil, aber mit einer eigenen Wärme entfaltet sich Feier und Bescherung, wie sie zu Anfang des 19. Jahrhunderts in einem guten Bürgerhause üblich waren, in der schönen Dichtung: geistreiche Erzählungen und sinnvolle Betrachtungen schließen sich an. und dos Fest wird als „die herrlichste Anerkennung der unmittelbaren Vereinigung des Göttlichen mit dem Kindlichen" ausgedeutet. Romantische Märchenkunst knüpft nun an Weihnachten an. Im „Nußknacker und Mausekönig" gibt E.T.A.Hoff- mann das unerreichte Muster, malt zuerst die fieberhafte Spannung der Kinder im Dunkeln, ihre Verzückung bei der lichterhellen Bescherung und läßt dann aus den erregten kleinen Gehirnen einen phantastischen Spielzeug-Spuk mit unheimlicher Lebendigkeit sich entwickeln. Auch für die gespenstische Stimmung des „Meister Floh" ist die Weihnachtsbescherung des kleinen Peregrinus Tyß, in ihrem unwirklichen Zauber meisterhaft geschildert, der geniale Auftakt, der aus der Wirklichkeit ins Reich der Träume hebt. Viele haben danach diesen „realen Märchenton" angeschlagen, keiner mit der gleichen Kraft wie der dämonische Kammergerichtsrat, und bald trat die harmlose Weihnachtsgeschichte für die Jugend in der Art von Christoph von Schmids „klassischem Weihnachtsabend" daneben. Romantische Nooellenkunst bemächtigt sich des Motivs in dem „Weihnachtsabend" von Ludwig Tieck mit seiner vorzüglichen, auch kulturgeschichtlich wertvollen Schilderung des Berliner Weihnachtsmarktes. Das hier behandelte Thema, wie der verlorene Sohn in Reichtum und Glück am heiligen Abend zu der armen Mutter heimkehrt, wird dann eine ständige Situation rührseliger Romane. Karl von Holtet z. B. kann sich gar nicht genug darin tun, immer wieder beim Weihnachtsfeste die Gegensätze von Elend und unverhofftem Glück, von unschuldigem Frohsinn und der sehnsüchtigen Reue verdorbener Menschen aufeinander stoßen zu lassen. So war das Weihnachtsfest in der Erzählungsliteratur um 1850 allmählich zu einem abgenützten Requisit geworden. Es bedurfte wieder einer Vertiefung und inneren Beseelung, und sie wurde ihm von jenen Poeten des „silbernen Zeitalters" unseres Schrifttums zuteil, die wir vor allem unsere „Dichter der Weihnacht" nennen können. Für Hebbel ist das Christfest der hellste Schein in dunklen Jugendtagen, der beste Trost in den Qualen seiner Kampfzeit, die reinste Freud« seiner Reifeepoche gewesen. Mit höchster Feinheit hat er, dem die Darstellung des Idyllisch-Realistischen eigentlich widerstrebte. es in sein Epos „Miitter und Kind" verwoben, wo es wie eine lichte Spur die ersten Gesänge durchzieht. Adalbert Stifter in seiner seinen Novelle „Der Weihnachtsabend" und Hermann Kurz in seinem originellen „Weihnachtsfund" boten klassische Weihnachts- erzählungen. Als die prächtige Dreiheit unserer eigentlichen Weihnachtsdichter aber möchten wir Raabe, Reuter und Storm bezeichnen. Bedeutungsvoll und tiefsinnig läßt Raabe schon in seinem Erstling, der „Chronik der Sperlingsgasse", diesem „Programm" seines ganzen Schaffens, die Weihnachtstöne anklingen, und es bedürfte einer langen Abhandlung, um zu zeigen, wie diese Töne in seinem wundervollen Lebenswerk zu einer mächtigen Sinfonie anschwellen. Es sei hier nur an seine nachdenkliche Traumgeschichte „Weihnachtsgeister" erinnert, in der sich der Honigkuchenkerl, der Apfel und die Tänzerin am Wcihnachksbaum allerlei erzählen. Reuter führt uns in der „Stramtid" ins „Pasterhus", wo so komische Geschenke im lustigen „Julklapp" hereinfliegen, und erzählt in der Geschichte vom „Kutschbuck", was bei einer Ueberraschung rauskommen kann. Ernster, getragener, feierlicher ist Storm, dieser Meister im Feiern der Weihnacht, der in seinen Briefen so unnachahmlich schon von der Herrlich- - 402 feit des Festes gesprochen hat. Die ausführlichste dichterische Darstellung gab er in seiner Novelle „Unterm Tannenbaum", in der die Wehmut des aus der Heimat „Verbannten" ergreifend mitschwingt. Der anschaulichen Lebendigkeit und überwältigenden Empfindung gegenüber, mit der er das Glück des heiligen Abends gemalt, verblaßt alles, was spätere Dichter an weihnachtlicher Poesie geschaffen haben. Und doch möchten wir Roseggers anmutig schlichte Christus- geschichten, Liliencrons großzügige Weihnachtsphantasie im „Pogg- sred" nicht missen wollen, gedenken auch gern des Lichterbaums, den selbst in den trübsten Zeiten des Naturalismus Gerhart Hauptmann im „Friedensfest", als Sinnbild einer besseren Welt aufgerichtet. Unzählig ist dann die Schar der neuesten Lyriker und Erzähler, die das Christfest besungen haben. Kann sich auch die deutsche Poesie keines Weihnachtsdichters an sich rühmen, so ist sie doch reich an prächtigen „Dichtern der Weihnacht". Gespräche nach auswärtS. Eine Weihnachtsgeschichte von Fritz Müller, Partenkirchen. Das Hauptpostamt — Abteilung auswärtige Telephonverbin- dungen — ein paar Tage vor Weihnächten, Vormittag, Börsenzeit — wartende, ungeduldige Menschen mit starren Blicken auf besetzte Telephonzellen — ein fast unhörbares Summen liegt in der Luft. Die Glasscheiben der Telephonzellen liegen im Halbkreis wie das Facettenauge eines Ungeheuers; unverwandt, hypnotisch schaut das Faeettenauge des Telephonungeheuers die wartenden Menschen an. Einige gehen auf und ab mit gezwungener Gelassenheit. Einige trippeln von einem Fuß auf den andern. Einige pfeifen halblaut, aber wütend zwischen aufeinandergepreßten Zähnen. Hinterm Schalter sitzt ein blonder Postbeamter und lächelt und merkt mit mäßiger Eile die angemeldeten Gespräche vor. Das Telephon des Beamten: „R — r — r — rrrrr." Der Beamte: „Jaaa? Ist gut---Stettin meldet sich--- He, Herr, Sie dahinten . . ." Das ungeheure Summen liegt drängender in der Lust als je. Kommt ein langer, zappelnder Mensch durch die Saaltür an den Schalter geschossen: „Bitte, sofort Hamburg!" „Schön — Amt und Nummer, bitte?" „Amt eins — Nummer sechstausendzweihundertvierunddreihig, aber nur rasch, bitte." „Bedauere, da sind verschiedene vorgemerkt." „Dann also .Dreifach Taxe dringend', in Gottesnamen." „Bedauere, auch .Dringend' sind noch zwei vorgemerkt." „Herr, im Himmel, ist das eine Wirtschaft!" „Das ist keine Wirtschaft, sondern, mit Verlaub, das Hauptpostamt und . . ." Die andern Mißvergnügten heitern sich ein wenig auf: da ist 'n;r, der noch länger warten muß als ,ie. Das Telephon des Beamten: „R — r — r — rrrrr." Der Beamte: „Jaaa — ----Ist gut---Breslau meldet .ch —--- Bitte, wer hat Breslau von den Herren . . * Kommt ein Dienstmädchen, eines vom Lande, mit einem Paket ’interm Arm. Unbekümmert um alle Blicke klatscht das Dienstmädchen chr braunes Paket auf den Schaltertisch: „Soo, das wär' also das Paket für den Alois —" „Sie haben den Eingang verkehlt, Fräulein ~ draußen, links um dir Ecke —" Das Telephon des Beamten: „R — r — r — rrrrr." Der Beamte: „Jaaa? — — — Ist gut---Hamburg Dringend —---Wer hat Hamburg Dringend?" „Hier!" „Halt — ha—a—alt, Sie nicht — der andere Herr war vorher "orgemerkt . . ." Das unhörbare Summen liegt schwer über den wartenden Men- Hen. Die Facettenaugen des Ungeheuers Telephon glitzern. Kommt eine Dame hereingerauscht. „Bin ich recht hier? Ich will nach Magdeburg telephonieren." „Nummer, bitte." „Nummer? Ach Gott, die Nummer weiß ich nicht." „Dann den Namen, bitte." „Namen? Geheimrat Bi — Geheimrat Bi — Bi ach nein, jetzt fowas — nun habe ich den Namen in dem Briefe rein vergessen." „Bann haben Sie den Brief da?" „Den Brief? Den habe ich im Koffer, der schon abgegangen ist — aber sagen Sie einmal, bitte, können Sie mich vielleicht auch so...?" Das Telephon des Beamten: „R — r — r — rrrrr." Der Beamte: „Jaaa?---Schön---Köln Dringend, bitte---Herr, Herrrr. . .!" * Kommt ein gemütlicher Herr herein. Er wischt sich mit dem Taschentuch noch zwei Biertropfen vom Schdurrbar: „Na, kommt setzt München bald?" „Tut mir leid, war schon da, während Sie drüben im Restaurant gesessen sind." „Ja, hätt's mi halt dann holen lassen!" „Wollen Sie noch einmal bezahlen für eine zweite Vormerkung, Herr?" Das Telephon des Beamten: „R — r — r — rrrrr." ; Der Beamte: „Jaaa — — — Schön. —--Der Herb mit Bremen, bitte?---- Wo ist der Herr mit Bremen, bitte?" Der Ruf: „Bremen? — Bremen? — Bremen? — Bremen . . ." pflanzt sich mit hohen und tiefen Stimmen abwechselnd fort durch den Saal, brandet an die Tür, schrillt in den Gang hinaus . . . * Die Luft wird dick. Die Facettenaugen des Ungeheuers Telephon beginnen sich zu trüben. Die Türen der Telephonzellen schlagen auf und zu. Die Angeln knarren. Der Beamte lächelt und merkt neue Verbindungen vor. Die wartenden Menschen schauen sich feindselig an. Die hastende Ungeduld sitzt ihnen wie ein Sperber im Genick und pickt in abgemessenen Schlägen auf ihren Kopf zwischen die wohlfrisierten Scheitel. Ein wütender Herr läuft zum sechsten Male an den Schalter: „Nun sagen Sie einmal, ist Wien denn noch nicht da —?" „Nein." „— wo ich das einzige Wien hier im Saal bin — nun warte ich schon eine Stunde ober zwei —" „Sie warten genau seit zwölf Minuten, mein Herr." „Ach was, zwölf Minuten! — wo ich das einzige Wien bin, verstehen Sie. das einzige Wien — das ist einfach ein Skandal —" Ein anderer wartender Herr ist herangetreten: „Sie gestatten — Rauchmeier — sehr angenehm — ich möchte nur bemerken, daß gegenwärtig die diplomatischen Gespräche wegen des Völkerbundes . . ." „Erlauben Sie, was geht mich der Völkerbund an —?" „Was Sie der Völkerbund angeht? Ja, wissen Sie denn nicht, daß diplomatische (3efpräd)e selbst den Vorrang vor unseren Dreisach- Taxe-O-Gesprächen haben? Nicht wahr, Herr Oberpostsekretär?" Ein anderer Herr hat sich eingemischt: „Und womöglich zahlen diese diplomatischen Gespräche nicht mal ■eine Gebühr!" „Was? Nicht mal eine Gebühr! Und wir sitzen hier —" Es hat sich eine telephonische Volksversammlung um den Schalter gebildet. „— und wir sitzen hier, meine Herren, und verlieren unsere schöne Zeit —" Viele Köpfe nicken heftig. Man hört halbunterdrückte Beistimmung: „Bagaschi — elende — Schweinerei — elende — miserablige . . ." „— wissen Sie, meine Herren, was ich verliere, wenn mein Gespräch nicht mehr recht kommt für den Börsenanfang —" „Bagaschi — überhaupt die Diplomaten — Skandal — Schweinerei — elendige . . ." ,.— ich als das einzige Wien im ganzen Saal, meine Herren —" Der Postbeamte: „Aber ich muh doch bitten, meine Herren —" In diesem Augenblick ist die Tür ausgegangen. Ein kleines lockiges Mädchen ist hereingetreien. Es sieht sich mit strahlenden blauen Augen ganz unverschüchtert um. Alle politischen Gespräche sind mit einem Schlag verstummt. Alle Augen, auch die des blonden Postbeamten, schauen wie verwandelt auf das kleine Mädchen. Alle, alle sind gespannt, was das kleine Mädchen im Hauptpostgebäude, Abteilung für auswärtige Telephongespräche, jetzt beginnen wird. Das kleine Mädchen aber schreitet unterdessen unbekümmert auf eine offene Telephonzelle zu, deutet mit seinem kleinen weihen Zeigefinger hinein und wendet sich ruhig an die telephonische Volksversammlung: „Dees is Delefon, gell?" Und die telephonische Volksversammlung vollführt ein einziges freundlich lächelndes Nicken. Dann hat das kleine Mädchen sich auf die Zehenspitzen gestellt und, von unten — uff — in die Höhe schiebend, einen schwarzen Hörer aus der silbernen Gabel herausgeholt, sich den Hörer fest an die rosige Ohrmuschel gelegt, und jetzt wahrhaftig tapfer gegen das Telephon hin zu sprechen angefangen: „Is Dristdindl dort?" geht die dünne Kinderstimme durch den großen Telephonsaal. Niemand stört sie. Niemand sagt etwas. Erstaunt glotzen die Telephonzellen im Halbkreis. Der Postbeamte räuspert sich und will was sagen. „Pst!" sagt der dringliche Herr aus Wien und hebt den Finger, und der blonde Postbeamte lächelt wieder und schaut auf fein Telephon, ob das jetzt rattern wird — jetzt gleich? Aber es rattert nicht. Es hält auch den Atem an und schaut auf das Kind. Jetzt geht besten Silberstimme weiter: „So — also jetzt pah auf, Dristdindl, Susi will zu Weihnachten nicht die Meine Puppe mit dem brünen Bleib — Susi will drohe Puppe mit blaues Dleid — und der Maxi will auch ein elebendiges Schaukelpferd, gell, Dristdindl — adiä, Dristdindl, ein schönen Druß von mir und von der Mutti — adiä — adiä." Und jetzt hat die Susi den schwarzen Hörer wieder ganz geschickt von unten in die Silbergabel hinaufgeschoben, hat sich herumgedreht, ist ruhig durch den Saal gegangen, hat sich noch einmal lächelnd mit den strahlenden Augen nach der starren telephonischen Volksversammlung umgeblickt -und ist verschwunden. Still und unterwürfig blickt das Facettenauge des Telephonungeheuers. * „R — r — r — rrrr", macht jetzt das Telephon des Postbeamten „Jaaa? — — — Wie sagen Sie? Wien?--— Wo ist der Herr mit Wien? (lächelnd): Mit dem einzigen Wien?" Der Herr fährt erschrocken aus einer nachdenklichen Stellung auf: „Was? Schon da?" - 403 — Das Domkind. Von Nikolaus Schwarzkopf. Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach. (Fortsetzung.) Die Mutter überlieh es ihnen, und sie setzten sich zu ihm zwischen die Blumen und gaben ihm die schönsten in die Hände, daß es damit spiele. Das Kind aber wollte selber schmücken helfen, und es durfte über die Leiter klettern, auf die Altarplatte treten, und es steckte eine dunkelrote Rose dem kleinen Jesusknaben, der aus dem Arm seiner Mutter zappelte, in das vorgehaltene Händchen. Daran ergötzte sich das Domkind und setzte sich unten in die Bank zwischen den Blumenstöcken, und indes die Nonnen weiter schmückten, nahm es sein Däumchen und schlief ein. Die Schwester, die das Kind zuerst schlafen sah, schlich von der Leiter herab, nahm es sachte in den 2lrm, rückte mit ihm in die düsterste Ecke der Kapelle und lieh es auf ihrem Schoß sich behaglich ausstrecken. Unterdessen putzte die andere Nonne weiter, doch nach einer kurzen Weile lieh sie die gerossten Röcke fallen und kam herzu und flüsterte: „Nun haben Sie's aber lange genug gehalten, Schwester!" Da stand die erste auf, übergab das Kirch der zweiten und sprach leise: „Nun will ich aufpassen, daß niemand kommt!" „Sie haben geweint, Schwester!" erwiderte die zweite, doch die erste wandte sich ab und putzte wahllos den Altar und sah mehr zum Kind zurück als zu Maria. Dann erwachte Paulus und rief nach seiner Mutter, und die erste Schwester sagte zu der zweiten: „Auf Ihrem Schleier liegen mehr Tränen als auf meinem!" Das Kind lief fort, die eine Schwester folgte ihm, die andere lief hinterdrein und rief in die Turmtür hinauf: „Schwester, ein bißchen Kreide geben lassen!" Dann lauschte sie so lange, bis die Tritte nicht mehr zu hören waren. „Ach, Frau Türmerin," sagte die Nonne, „wir wollen beten, daß Paulus dereinst einmal Bischof werde!" die Türmerin entgegnete barsch: „Bitten Sie den Bischof, datz t uns auf die Erde hinunter lasse, denn sonst fürcht ich, bringt es Paulus nicht einmal zum Meßdiener!" Und sie gab ihr ein Stück Kreide. Dann strichen sich die Nonnen, noch bevor sie den Altar vollends geschmückt hatten, gegenseitig die Flecken von den gestärkten Schleiern und waren beglückt. ■ 4. Lieber freilich als mit Nonnen, Mönchen und erwachsenen Menschen aller Art, lieber als mit Heiligen und heiligen Kindern hätte das Domkind, als es gemach größer wurde, sich mit Kindern abgegeben, mit lebendigen Kindern. Es versorgte oben in der Wohnung den Kanarienvogel und das Pälmchen, und weil der Vater das Wasser mühsam heraufschleppen muhte, bekam der Bogel täglich nur fünfzig Tropfen Wasser, das Pälmchen dreißig. Zwar hatte der Türmer einen Kändel an die Dachtraufe gelegt, der sollte dem alten Kupfertier, das seit Jahrhunderten das Regenmasser hinabspie aufs Vierungsdach, die Arbeit erleichtern, aber es lief nur wenig Wasser in die kleine Bütte. Das sammelte sich vom sechsten Teil des Turm- Helms, und wenn der auch noch dreißig Meter über die Türmerwohnung emporragte, so konnte er doch nicht mehr Regen einsangen, als sonst auf acht oder zehn Quadratmeter herabfällt, und das gibt nicht so hurtig eine Bütte voll. Bald merkten auch die Turmfalken, daß sie an der Bütte jederzeit trinken konnten, und weil sie nicht artig waren und das Wasser besudelten, truader Türmer es jeweils nach dem Regen in die Küche. Mit diesem Wasser spülte die Mutter das Geschirr, putzte sie die Fußböden, und wenn recht lange Regentage waren, so durfte das Kind seine beiden Schiffe, die der Vater geschnitzt hatte, aus dem geruhigen Hafen der untersten Kommodeschublade ausfahren lassen, und drei Enten aus Zelluloid, die der König Saul gebracht, durften sich allhin tummeln in der Bütte. Es geschah auch, daß nach Regengüssen draußen im Rundgang das Wasser stehen blieb, und da konnten Schiffe und Enten sich ergehen nach Herzenslust. Neidisch lag auf der Türschwelle alsdann der graue Hase (der aber weder Wasser noch Dickwurz brauchte), neidisch sah der gelbschwarze Dackel mit seinem einen Auge in das tolle Leben, und es platzte vor Neid der kurze Berliner toeppel, der einmal Komiker in den Reichshallen war und über den seinerzeit jedermann allen Kummer und alles Leid vergessen konnte! Da lehnte er lächelnd an dem Türpfosten und grinste, weil er nicht schwimmen durfte! Auf der Brüstung stand das Domauto, von König Saul und dem Türmer aus geweihten Hölzern angefertigt, in päpstlichen Farben gestrichen und mit dem bischöflichen Hauswappen verziert! Viel lieber jedoch als mit all diesen schönen Dingen und lieber als mit Vater und Mutter und mit dem König Saul hätte das Domkind doch mit Kindern gespielt, mit wirklichen Kindern! Zwar meinte der gute Kapellmeister alle paar Wochen: es gäbe Familienzuwachs auf dem Dom, aber immer wieder täuschte er sich. Wenn er dem Kind die Umgegend zeigte und tat, als sei er klug und wissend wie ein Professor der Erdkunde, so sagte das Kind zwar immer so: ja, ja! und verstand auch alles und wußte auch alles, aber in Wirklichkeit sah es gar nicht dorthin, wohin der Professor deutete, sondern starrte in ein geöffnetes Fenster des großen Kaufhauses oder in sonst ein Fenster, und spähte, ob nicht Kinder dort unten spielten. Oder es starrte von oben aus in den schönsten Rasenplatz zwischen den Wandelhallen des Kreuzgangs; aber der war verschlossen! Das mächtige „Kaufhaus am Dom", das seinerzeit die großartige Ausstattung geschickt hatte, war in seinem obersten Stockwerk als Wohnung eingerichtet für den Herrn Geschäftsleiter und seine Familie. Und eines dunklen Abends lauert das Domkind draußen im Rundgang und guckt durch eine Scharte hinunter nach den hellerleuchteten Fenstern, die alle fünf sperrweit geöffnet sind. In der Ecke rechts steht ein Cisenbahnzug und kannte kaum abwarten, bis er losfahren darf, und eine Maschine stößt wirklichen Dampf aus. Und vier Buben und ein Mädchen knien rundum und strecken die Köpfe vor. Auf einmal, wie das Kind durch das Fernrohr des Vaters sieht, pfeift die Lokomotive, und der ganze Zug läuft hurtig davon, läuft auf wirklichen Schienen durchs Zimmer, läuft zwischen roten Polsterstühlen und läuft auch noch ins Eßzimmer links, schier an den Wänden hin — eine kleine Weile sieht man ihn nicht mehr — kommt hervor, schlüpft unter einen Tisch, auf dem drei Schulranzen liegen, und kehrt gemächlich an der Seite der größten Buben wieder zu den Kindern zurück. „Geduld, mein Söhnchen," sagt die Mutter, „der Herr Geschäftsleiter hat dir damals auch ein Matrosenanzüglein geschenkt, und er wird sich freuen, wenn er dich darin erblickt! Wir gehen einmal hinüber miteinander!" „Bei uns könnte die Maschine schön im Rundgang laufen," antwortete Paulus, und setzte sich zum Essen nieder. Nach dem Essen lagen die drei Buben mit den Ellbogen auf dem Tisch, und der Herr Geschäftsleiter schraubte eiserne Stäbchen zusammen, immerzu, eins ans andere, und der Große mußte sie halten, und auch der zweite mußte halten, und schließlich war eine winzige Reitschule fertig, wie Paulus sie auf der Messe schon gesehen h"tte, ein Karussell. Nun holte der Große bas Dampfmaschinchen, ließ es schnurren, zog eine Schnur unter der Reitschule her, und plötzlich bewegte sich die Reitschule heftig im Kreis. Deutlich hörte das Domkind, daß auch eine Drehorgel aufspielte! Tagsüber waren die Fenster dieser Herrschastswohnung zumeist geschlossen, und wenn sie auch geöffnet waren, so konnte Paulus doch nicht unterscheiden, was inwendig vorging. Und erst am Abend, wenn die vielen Lichter brannten, ging das große Leben an. Die reichen Kinder schaukelten auf einem vollauf gerüsteten Pferd, ließen Hunderte von Soldaten gegeneinander marschieren, malten, trommelten, fangen, der Große spielte schon am Klavier, das nur bis zur Hälfte feiner hellen Tasten zu sehen war, und die Sehnsucht des Domkindes nach solcherlei Herrlichkeit wuchs von Abend zu Abend. Ja, oft konnte es gar nicht einschlafen, oft wachte es mitten in der Nacht auf und schrie: „Anton hat mich vom Pferd gestoßen!" Oder: „Siegfried, jetzt-fahren wir aber nach Amerika!" Oft träumte das Kind, die Kinder feien zu ihm heraufgekömmen und hätten die Lokomotive mitgebracht, und die Wucht der Maschine habe einen Stein der Brüstung herausgestohen! Ost sah es die Kinder mit nicht weniger als acht Händen winken, — freilich nur im Traum! Endlich, an einem Regentag, zog die Mutter dem kleinen Paulus das Matrofenblüslein an'unb ging mit ihm fchnurstracks hinüber ins Kaufhaus. Doch — wer kannte die Nachbarsleute vom Dom? Niemand! — Wer das Matrosenanzüglein? Auch niemand! Was sie kaufen wollten? Et, sie wollten nur einmal den Herrn Geschäftsführer sprechen; sie kämen vom Domturm! Daß sie vom Turm kamen, erstaunte niemand. Niemand wußte, wo der Geschäftsleiter war: er war nicht zu sprechen! Auch feine Frau war nicht zu sprechen! Und die Kinder, die waren auch nicht da! Waren in der Schule! Als Mutter und Kind noch so standen, kam ein Hausknecht und sagte: „Sie sperren ja den ganzen Verkehr! Ich habe Ihnen doch gesagt, daß niemand zu sprechen ist! Auf wen warten Sie noch?" Da nahm endlich die Mutter ihr Kind auf den Arm und ging. Sie schlenderten durch die Stadt, tauften einen roten Hampelmann mit grüner Mütze, tränten Kaffee und naschten. Als es schon "hämmerte, tarnen sie erst an den Dom. Tippenkucker, der alte Küster, schloß gerade das Marktportal und drohte mit dem Finger, weil man wieder so spät komme: die Heiligen seien brave Leute und gingen früh schlafen! Hinter der Turmtür stand ein Eimer Kohlen; den nahm die Frau in die andere Hand. An jeder Rische, die Licht und ein bißchen Luft einläßt, blieben sie stehen; dann pfiffen sie, und der Türmer tarn gerannt. Doch siehe: am folgenden Morgen lief das Domkind unversehens durchs Marktportal hinaus und, husch, stand es in der Tür des Kaushauses. Ein schwarz gekleidetes Mädchen, an dessen Hals ein silbernes Herzchen hing, tarn zu ihm her und nahm es auf den Arm und sprach zu den andern, die alle nichts zu tun hatten: „Seht, das ist der kleine Herr Domherr vom Turm!" „Sind Eure Kinder jetzt daheim?" fragte das Domkind, und das Mädchen erwiderte: „Ja, der Große ist daheim!" Und dann trug das Fräulein den kleinen Domherrn durch eine lange Reihe von wächsernen Menschen in eine Stube, da saßen viele Leute hinter grünen, grellen Lampenschirmen und schrieben. Und ein großer Mann, an dessen Uhrkette ein golden gefaßter Zwicker hing, zog den Zwicker herauf, setzte ihn auf die lange Nase und guckte Paulus eine ganze Minute lang schmunzelnd an. Dann trommelte er mit dem Zwicker auf einem dicken Buch, sagte auch etwas, und die beiden, Fräulein und Paulus, traten in ein enges Stübchen, das Fräulein drückte auf ein winziges rotes Knöpfchen, und sogleich hob - 404 — sich das ganze Stübchen, so daß das Kind sich am Hals des Mädchens festklamnierte. Und dann drückte sie mit des Kindes Fmger wieder auf das Knöpfchen und. bums, stand die Stube still! Sie traten in eins der Eckzimmer, da sah das Kind die Eisenbahn schlafen, und das Schaukelpferd schlief, und die Bleisoldaten schliefen, aber keins der lebendigen Kinder war da; die waren alle in der Schul«. Und so hatte das Domkind auch nicht Lust, allein mit den feinen Sachen zu spielen! , , „Hast du auch Spielsachen?" fragte das Fräulein und antwortete sogleich: „Ei, dann komm ich einmal hinauf zu euch und spiele mit dir, gelt?" . Dann durfte Paulus noch in das andere Zimmer schauen, da saß der große Knabe im Pult, und ein Lehrer ging vor ihm aus und ab, die Hände aus dem Rücken, und redete in fremder Sprache. Dann kehrten beide wieder ins Stübchen zurück, Paulus drückte aufs rote Knöpfchen, und das Stübchen senkte sich rasch. „Wann kommst du einmal zu mir hinauf?" fragte Paulus an der Tür, und das Mädchen antwortete: „Uebermorgen. am Sonntag, um drei Uhr." „Und bringst du auch deine kleinen Brüder mit?" „Ich habe keine kleinen Brüder", erwiderte das Fräulein. Am Sonntag, mit dem Glockenschlag drei, riß Paulus die Tür auf, die in den Turm hinunter führt, und richtig: allsogleich hörte er unten die Turmtür gerrsn, und er jubelte seinen Eltern zu, daß das freundliche Mädchen komme, mit ihm zu spielen. Doch schon nach drei Minuten erkannte Paulus, daß der müde Schritt nicht ein Mädchenschritt sein könne, und wirklich, er lief die Treppen hinab, und wer schasste sich mühsam empor? Der Gloriaengel! Mit dem wollte das Kind freilich heute nicht spielen! Die Mutter begann von der Stunde an noch mehr auf das Kaufhaus zu schmähen und auf alle reichen Leute; das Kind aber nahm sich vor. morgen wieder heimlich drüben vorzusprechen und das Mädchen zu fragen, warum es sein Wort nicht gehalten habe! Wirklich kam es wieder bis an die Tür, und das Fräulein schoß hinter einen Ladentisch hervor und nahm Paulus auf den Arm. „Warum bist du gestern nicht gekommen?" fragte Paulus. „Richtig," erwiderte sie, „aber ihr müßt euch erst ein Stübchen anschaffen mit einem roten Knöpfchen, weißt du? Doch jetzt darf ich nicht mit dir gehen, mein Lieber, jetzt mußt du rasch wieder heimlaufen, denn wir haben keine Zeit!" Das Domkind sah fortan mit Wehmut hinunter in die großen Fenster der reichen Leute. Doch als der König Saul wieder kam, suchte dieser mit dem Fernrohr nach andern Fenstern, wo junges Leben sich zeigte, und er fand auch eins! Reckt weit vom Dom weg, jenseits von zwei Straßenzügen, erhoben sich seitlich eines frischgetünchten Giebels, der von links und von rechts her stusenmäßig schmäler ward, viele i Hinterhäuser, auf deren Eisenstabbalkönchen stets Kinderwäsche ; flatterte und Bohnen an Schnüren emporwuchsen. Bei Tag war hier nichts deutlich zu unterscheiden; aber der Domkapellmeister blieb einmal da. bis ringsum überall die Lichter brannten, und da sah er einen dieser Balkone aus einer offenen Tür grell beleuchtet. In der Stube aber, aus der das Licht kam, schob ein Mädchen einen Puppenwagen. der war so klein, daß die Füße der Puppe heraushingen. Schob ihn immerzu hin und her am schwarzen Kastenofen vorbei, hinter dem ein Mann seine Zeitung las. (Fortsetzung folgt.) Probleme Der Wüste. Bon Ewald Falls, Gießen. Im Verlage von F. A. Brockhaus, Leipzig, erschien kürzlich die deutsche Ausgabe von „The lost Oasis“ unter dem deutschen Buchtitel „Rätsel der Wüste" von A.M.HassaneiN Bcy mit einem Geleitwort von Rennell Rodd. — 606. Als kurz vor dem Kriege die englische Ausgabe meines Buches „Drei Jahre in der libyschen Wüste" erschien, war sie gewissermaßen im Handumdrehen schnell vergriffen. Rein äußerlich mochte die damalige politifche Lage, die italienische „Difesa della Tripolilana“ und die englischen Interessensphären in der Westwüste Aegyptens Mitursache zum Bucherfolg sein. Das wissenschaftliche Interesse für Libyen, bis dahin jahrzehntelang das Aschenbrödel europäisck)er Forschung, erwachte allerdings um die Zeit auch. Gerade begannen deutsche Pioniere Klarheit auch in diese Ecke des dunklen Erdteils zu bringen, da kam der Weltkrieg. In die Fußstapfen der Deutschen traten Angehörige anderer Nationen: Franzosen. Italiener, Engländer. Beson- ders'letztere brachten eine Flut teilweise guter Bücher über die srag- lichen Landstrecken und ihre Bewohner auf den Markt. lieber die Senussen. jene rätselhafte mohammedanifche Sekte mit politischem Einschlag, die dort haust, berichtete Gwatkia-Williams, den ein deutsches Unterseeboot zum unfreiwilligen Aufenthalt unter den Nomaden verurteilt hatte. Sein Buch „Gefangene der roten Wüste" (nur englisch erschienen) erzählt flott und anschaulich die Geschichte der Leute von der „Tara", des torpedierten englisdyen Schiffes. Har- ding King ließ die . Geheimnisse der libyschen Wüste" folgen. Das Zauberland Siwah beschrieb Dalrywrnle Belgrave, stark beeinflußt von meinem Buche, das er a very remVkable book nennt, und dessen politische Bemerkungen er besonders unterstreicht. Auch sein Buch ist volkstümlich, wird aber übertroffen von Rojcka Fordes (jetzt Frau A. McGrath). Sie schrieb „Das Geheimnis der Sahara: Kufara". Dieses Buch, die Fahrt zweier Weltreisenden ins Herz Libyens, widmete sie ihrem Reisegenossen, dem Aegypier Achmed Mohammed Bey Hassanein, der im Kriege durch die Talbotmisfion 1917 europabekannt wurde. Auf dieser ersten Reise durch die libysche Wüste hatte Hassanein geschworen, der Wüste für immer fern zu bleiben. Aber kaum zwei Jahre später sehen wir ihn wieder dort unten. Diesmal allein. Die Geschichte seiner Wüstenfahrt ist nun auch in deutscher Sprache erschienen. Trog ihrer wissenschaftlichen Korrektheit liest sie sich wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Auf unbetretenen Wüstenpfaden, abseits der regulären Karawanenwege, aber mit wohlerwogenem Ziele war 1923 Hassanein Bey, der erste Sekretär der ägyptischen Gesandtschaft in Washington, nach Süden in den libyschen Sandozean gesteuert. Sieben Monate und dreiundzwanzig Tage blieb er von Hanse weg. 3500 Kilometer legte er mit der Karawane zurück. Die höchste und begehrteste Ehrung, die für derartige Forscherarbeit zuerkannt werden kann ward dem wagemutigen Aegypter zuteil: die goldene Medaille der König!. Geographischen Gesellschaft Englands. Hassanein durfte fortan seinem Namen die stolzen „Bier" F. R. G. 8., „fellow of the Royal Geographica! Society“ anfügen. Seine Reise brachte allerdings eine bedeutende Vermehrung des Wissens über Nordostafrika: Die wirkliche Lage von Sighen und Kufra, einer Fehlerberichtigung von 140 Kilometern entsprechend, die Entdeckung der Oasen Arkenu und Uenat nebst Bestimmung ihrer Lage, wodurch neue Möglichkeiten für das Bereisen der Libyschen Wüste geschaffen wurden, die Entdeckung eines Weges mit Wasserstellen von Südwestägypten über die Hochflächen von Erdi und Ennedi nach Darfur und die Bestätigung, daß der Tschadsee keine Abflüsse in östlicher Richtung haben kann. Mit Recht konnte daher Dr. John Ball, der Leiter der ägyptischen Wüstenaufnahme, der sich über zwei Monate lang mit der Ausarbeitung der kartographischen Ergebnisse der Route beschäftigte, sagen, daß Hassanein Beys Reise ein besonderer Platz in der Geschichte der Erdkunde gebührt. Nur ein Mohammedaner durste es wagen, die 3345 Kilometer von Sollum nach El Odeid ohne militärische Begleitung zu unternehmen. Das durchmessene Gebiet von der Syrtenküste bis ins Herz des Sudans ist größtenteils unwirtliche Wüste, in der raub- luftige und fanatische Stämme wohnen. Nicht weniger Bedeutung haben die geologischen Ergebnisse. Sie vermehren die Probleme, die immer noch für diese Gebiete strittig sind. Die geologische Untersuchung der neuentdeckten Oasen Arkenu und Uenat bedarf allerdings eines Fachmannes, aber aus Hassanein Beys Forschungen geht hervor, daß sich die Miozänschichten, im Norden und der nudische Sandstein im Süden in unveränderter Art weit westlich über die ägyptische Grenze hinaus erstrecken. Die Entdeckung der granitischen Oase, die laut Bericht noch innerhalb von Aegypten liegt, eröffnet. Im 12. Kapitel [eines Buches, das vor allem auch der die Oase Dahla. Im 12. Kapitel fernes Buches, das vor allem auch der Jugend empfohlen fei, spricht der Reisende u. a. von den Wandlungen der Wüste. Hatte noch Rohlfs 1879 auf dem Wege nach Kusra westlich von Sighen einen breiten Streifen grünen Pflanzenwuchses dort an- geirofsen, so begegnete Hassanein hier lediglich verdorrtem G-esträuch. Interessante Felsenzeichnungen sand er in der zweiten von ihm entdeckten Oase, in Kennt: Strauße, Giraffen und andere Tiere sind dort in Bildern festgehalten. Nur das Kamel fehlt. Die Frage inuchte da auf. weichen Datums die Bilder fein können. Oder ob bas Kamel nicht allen Bewohnern dieser Teile Afrikas zur Zeit der Entstehung der Zeichnungen bekannt war, oder ob gar der Graswuchs größer war und andere Lasttier« gebraucht wurden. Gerade nach Uenat führen viele Karawanenwege der alten Routen in der westlichen Wüste Aegyptens, und es ist schon möglich, daß der Weg vom Mittelmeer nach Zentralafrika im Altertum derjenige durch Uenat war und nicht durch Kufra wie heute. Jedenfalls ergeben sich auch für den Archäologen neue Perspektiven aus Hassaneins Bericht, und wie ich bereits in meinem eigenen Buche vor Jahren andeutete, wird gerade der libysche Sand noch viel Wertvolles für lange Zeit bergen. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, wie große Schwierigkeiten die Landschaft den Reisenden bot: Sandstürme, Wege ohne Landmarken, die Gluthitze. Das alles beeinflußte Menschen und Tiere aufs gefährlichste. Erwähnt sei nur die Strecke von Uenat nach Erdi. Dieser Marsch von 10 Tagen ohne Wasser und die schwierigen Bodenverhältnisse gegen Ende der Reise — das konnten eben nur Mut, Ausdauer und Takt bewältigen. Eigenschäften, di« der Diplomat Hassanein Bey in hohem Maße fein eigen nennt. So erzählt das Buch, das in jeder guten Volks- und Schulbücherei nicht fehlen sollte, das kühne Unternehmen eines Morgenländers, das er selbständig geplant und durchgeführt hat, und bei dem es ihm gelang, einen weißen Fleck auf der Karte von Afrika zu tilgen und die genaue Lage von Orten zu bestimmen, die fein großer Vorgänger, unser Landsmann Gerhard Rohlfs, unter ständiger Lebensgefahr und immer in Eilmärschen, daher nur annähernd, ermitteln kannte. Den Problemen der Wüste, die das Buch zu lösen versucht, gesellt sich uns (Europäern beim Lesen der Gedanke an das Erwachen des Orients hinzu. Jedenfalls hat der Derfaffer, der übrigens 1924 Aegypten bei den Olympischen Spielen in Poris vertrat, es glänzend verstanden, europäische Wissenschaft die er in Oxford tennenlernte, dank der Gunst iind Hilfe seines Königs, Fuad L, in Taten umzusetzen, die ihm und seinem Lande für immer zu hohen Ehren gereichen werden. DeramworMch: Dr. HanS Thyriot. — Druck der Brühl'schen Aniversitäts-Duch» und Steindruckerei. A. Lange. Gießen.