Gießener Kmilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 ________ Samstag, -en |8. September Nummer 75 Beginn des Herbstes. Von Johannes Heinrich B r a a ch. Die Straße, die ich walle, die dunkle Straße Rot, von Dolden, vollen und schweren, von Ebereschenbeeren ist dicht bestreut und rot. Es wächst aus Nebeln am Berge ein Dorf in den Abend emvor. Muß ich um Arbeit bitten" am zweiten oder dritten, am siebten, neunten Tor? Seit Wochen die eine Frage, bangend von Tür zu Tür, und immer das gleiche Bescheidene Mr müssen selber leiden uni) können nichts dafür. Am Himmel fetzen Wolken, es regnet am ersten Haus. Wird man mir Obdach schenken, treibt Spott mich ohne Bedenken in Nacht und Nässe hinaus? Die Eberejchenbeeren brennen am Wege rot. O Heimat — wie soll das enden, wird Winter die Wehmut wenden, reicht schon der Herbst uns Brot? Dis Schwester. Zum 500. Todestag Hubert von Eycks. Von Carl Ferdinands. Hubertus van Eyck geleitete den hohen Rat der Stadt Gent, der feine Werkstatt in Augenschein genommen hatte, durch den breiten geräumigen Hausflur zum Tor. Er selbst, der fast Sechzigjährige, der bei aller Gelassenheit im Irdischen prunkvolles Gewand unb reiches Leben liebte, schritt in pelzverbrämter Houppelande. einen blauen Sammetrock mit grauem Pelzfutter und -besaß daher: silber- graues, loses Haar stand ihm gebauscht, wie die Mode es erforderte, um die von Krähenfüßchen durchzogenen Schläfen, die seinen braunen, schauenden Augen den heitergütigen Ausdruck gaben. Er verabschiedete sich höfisch von den Großen des Magistrats, fein Blick weidete sich mit Wohlgefallen an all den edlen Tuchen und Pelzhüten, an den schweren blitzenden Goldketten unb an dem schimmernden Cdelgestein der Kleinode. Er hörte noch einmal all das Lob aus klugem und aus törichtem Munde, dann sah er die Gebietenden in engem, lautredendem Verbände die Straße hinunterschreiten und schloß das Tor leise zu. Mit schnellerem Schritt ging er in seine weitläufige Werkstätte zurück, die vom Abendschein eines in Sonne un dWolken wechselnden, blaugetönten flnndristhen Herbsttages überflutet war. Während er seinen schweren Festrock ablegte, rief er feine Schwester Margarete, die sich in einem Nebenraum zu schaffen machte. „Nun noch, Mar- griet, dir und mir einen edlen Becher von dem Spanischen, damit wir diesen Tag genießen können!" Margarete, unvermählt wie er, die beste Gehilfin des Meisters, eine Malerin, die, wenn sie nicht die Schwester des großen Hubertus gewesen, sicher in allen flämischen Landen als ein weibliches Wunder der Kunst gepriesen worden wäre, so aber feine Wirtschafterin und getreue Hilfe in tausend handwerklichen Dingen, brachte nach einer Weile, als Hubert schon auf einem, mit zierlichem Maßwerk versehenen Schnitzstuhl saß und sein unfertiges Werk, die Anbetung des Lammes, das er für Jodokus Veyts Kapelle in der Kirche Sankt Bavo malte, nachdenklich, als sehe er es soeben zum ersten- | mal, betrachtete, den gewünschten Pokal, aber nur einen, stellte ihn auf ein Eichentischchen und wandte sich wieder zum Gehen. Hubert sah auf. „Margriet, wo bleibt dein Becher?" fragte er, noch mit [einem Werke beschäftigt. Schon halb abgewandt antwortete die Schwester mit einer unsicheren Stimme: „Ich nicht, mir keinen Becher, ich will das Gemach -räumen und wieder Ordnung schaffen noch all den Männern und Stimmen!" Da erhob sich der Bruder schnell, sein scharfes Ohr hatte den wehen Ton erkannt, er eilte auf die Schwester zu, die nun, leicht ergraut, mit manchen Spuren des Alters, aber noch aufrecht und stolz, vor ihm stand. „Hat dir einer der Ratsleute etwas Aergerliches gejagt?" „Nein, sie ehrten mich alle, sie lobten meine Pasteten, sie lobten meine Suppe, sie lobten am meisten den Hecht mit den Steinpilzen, sie sagten, keine Frau in ganz Gent könnte so feine Pfeffernüsse backen, sie sagten . . . „Margriet!" Hubert nahm die Hand der fraulichen Schwester und hielt sie die nach den schnell hergefprochenen Worten enteilen wollte, fest. Eine Weile war Stille in dem weiten Raum, und das machtvolle Gemälde von der Anbetung des Lammes strahlte fein mildes, ab- geklärtes Licht aus, die grünen Blumenwiesen dieser himmlischen An waren belebt von den Heiligen des Herrn, von den Aposteln Eremiten und Ordensleuten, von den heiligen Vätern und Bekennern und heiligen Jungfrauen. Daneben aber standen drei weitere möchte Tafeln, Gottvater im Glanz ewiger Kleinode, Johannes der Täufer mit der erhobenen Rechten und die Gottesmutter, wie lebend, wie eine blühende Tochter Margaretens. Dann aber beugte sich die Schwester, die Hubert noch immer festhielt und ernst beforgt betrachtete, nieder und begann, obwohl sie dagegen kampste, immer heftiger zu schluchzen. Der Meister, er- chuttert und zweifelnd, zog sie zur Truhe, drückte sie nieder, saß selbst neben ihr und fragte solange unb zart, bis endlich sie zu sprechen begann. „Ich schäme mich dieser Tränen, ich weine über mich, weil ich mich nicht zurecht finde in mir. Sieh, als all diese Männer, die klugen und weisheitsvollen von Gent, hier standen, und dein Werk unser Werk, lobten unb priesen, als sie dich über alle Maler der Erde hoben, da habe ich etwas empfunden, was ich haßte. Ich mar neidisch. Ich dachte: Hast du nicht auch die hohe Kunst, Margarete, kannst du nicht ebenso die Pinsel führen, wie Hubert, hast du nicht manches Schwungstück und manche Blume und manchen Rasensleck aus den Bildern gemalt? Hat nicht Hubert immer gesagt, es fei vortrefflich? Und hat er dich nicht gefeiert, als du die Krone der Mutier Maria fo echt gemalt hattest, daß man sie greifen konnte? Daran, war ich neidisch unb dachte, den Hubert loben sie und für dich finden sie kein Wort, obwohl es mancher von ihnen weiß daß du an den Bildern arbeitest, und obwohl Hubert es ihnen sagte, daß du dis Krone unb die Geschmeide und die Blumen gemalt hast. Mer die Pasteten und den Hecht unb bas Gebäck loben sie mir O Verles, wie weh tut ber Reib, wenn man nicht neidisch ist!" Hubertus, der Gute, Hilfreiche, war zuerst hilflos vor diesem Ausbruche seiner Schwester, die mit ihm alt geworden war. Eine Welle mar mieber Schweigen, bann sagte er, von der Dämmerung immer mehr verhüllt: „Es ist nicht meine Hand, die malt, es ist nicht deine, es ist des Vaters, der Mutter, der Urahnen Hand die so kunstreich ist. Und wenn ich gerühmt werde, denke ich, sie rühmen den Vater, die Mutter, die Ahnen, dessen sollen wir alle beide stolz sein und die Gewesenen verehren. Wie könnte ich wagen, zu sagen, dies Werk da, die Anbetung des Lammes, habe ich, Hubert van Eyck, geschaffen? Ich diene nur wie du, Margarete! Und nun geh, hol Dir den Pokal, damit mir fröhlich werden!" Und sie, die ein Leben seiner Größe geopfert hatte, folgte, nun lächelnd und innerlich erwärmt, seinen Worten. Unb als die edlen Kristallgläser leise zusammenklangen, schwiegen die alternden Geschwister und ließen sich ganz überströmen von der Übermensch- lichen Wucht ber Tafeln, die da ans dem Dunkel immer strahlender hervorleuchteten. Die Erstbesteigung des Aneohuma. Von Rudolf Dien st. In das Wunderland Südamerikas führt uns das soeben im Verlaufe Strecker & Schröder in Stuttgart unter dem Titel „I m dunkelsten Bolivien" erschienene reich bebilderte Buch von Rudolf Dienst (Preis 8 Mk.). Wir finden den Verfasser im geheimnisvollen Düster ber tropischen Urwälber, wandern mit ihm über die 4000 Meter hoch gelegene Pampa und begleiten ihn mit noch drei deutschen Bergsteigern auf vorher nie bestiegene Kordillerengipfel, die bis zu 6600 Meter über dem Meere liegen und alpine Höchstleistungen erfordern, die denen der englischen Mount-Everest-Expedition keineswegs naWehen. Die habet zu überwindenden Schwierigkeiten gibt ein kurzer Ausschnitt aus dem Buche anschaulich wieder. (441) Nur zu schnell verging der Tag. Die Nacht kam unb mit ihr der Frost. Auf dem nackten Boden ausgestreckt versuchten wir noch ein Weilchen zu schlafen, aber bald trieb uns der eisige Wind hoch. 298 Still und gedrückt trafen wir die letzten Vorbereitungen. Ganz anders als heule früh bei klarem Sonnenschein nahm sich jetzt nnfcr Vorhaben aus. Es war-doch ein eigen Ding, in der Dunkelheit, bei dem starken Wind und der Kälte, zu zweit nur den Gang über die ungeheuren Gletscher anzutreten. Die Fleischkonserven waren uns gar nicht gut bekommen, beide fühlten wir Magenbeschwerden. Schauernd unter den Windstößen legen wir das Seit an, klettern den Fels hinab auf den Gletscher. Die langsame gemessene Bewegung aufwärts, immer aufwärts, bringt Besserung, lieber uns steht der Mond, erleuchtet mit seinem silbernen Licht die weihen Halden der Berge, die unnahbar in kaltem Stolz das Tal einschliehen. Unzählige Diamanten glitzern im Schnee. •— Welch unsinniger Gedanke, abends um sieben Uhr, im Juni, dem kältesten Monat, zur Besteigung des höchsten Berges in Bolivien aufzubrechen! Das Schweigen des Todes bedrückt mir die Brust. Ist es ein Traum oder ist es Wirklichkeit? Bin ich es, der hier die müden Glieder den Gletscher hinaufschleppt, oder ist es eine zu ewiger Unrast verdammte Seele, die mit unruhigem Flügelschlag die schneeigen Hänge umflattert? Wie oft lag mir in dieser ersten unendlich langen Stunde der nächtlichen Wanderung der Ruf auf den Lippen: „Kehren wir um! Wozu das alles? Unmöglich wird es sein, der Kälte oben zu widerstehen!" Liber im letzten Augenblick erstirbt mir immer das Wort auf der Zunge. Was gewännen wir auch, wenn wir uns jetzt abwärts wendeten? Nichts! Wir haben unsere Schiffe verbrannt. Die Träger nahmen die wärmenden Decken mit ins Tal, die Lebensmittel sind zu Ende. Eine Flasche mit Kakao, etwas Schokolade, Keks und Coca ist alles, was wir mit uns führen. Auf jeden Fall gäbe es eine schlechte Nacht. Besser also versuchen, den Gipfel zu erreichen! Vorwärts, in Bewegung bleiben! Sonst bringt der kalte Wind die Glieder zum Erstarren. — Und bann erstirbt all das Drängen und Fragen in der Eintönigkeit der Waiidercmg. Mit langsam abgemessenem Schritt, mechanisch heben sich die Beine aus dem Schnee. Mechanisch steigen wir in die Höhe, immer in der Mitte des Gletschers. Später schwanken wir hinüber auf die linke Talseite. Der Wind wird immer stärker. Er seufzt und stöhnt — unheimlich in langgezogenen Tönen, auf- und absteigend, doch immer lauter und wilder singt er uns sein nächtlich Sieb. Wie ein Baurn legt sich die Unendlichkeit der Eis- wiiste, die Einsamkeit auf uns. — Trotzdem wir unausgesetzt weiterschreiten, fühlen wir, wie langsam die Glieder erstarren; der Frost hat uns bis zum Mark durchkältet. Liber immer vorwärts, immer hinauf! Aufs neue ist in uns der Wunsch erwacht, zu siegen, die Spitze zu erreichen — als Erste — den Punkt, den nie vorher ein menschliches Wesen betrat. Für kurze Minuten setzen wir uns im Schutze eines großen Eisblocks nieder. Aber dann treibt uns die Kälte weiter, der fürchterliche Wind, der die Gedanken im Hirn erstarren läßt, bis nur noch ein Ziel wie in Stein gemeißelt bleibt: Hinauf! Allmählich erklimmt der Mond seinen höchsten Punkt und neigt sich auf seiner Bahn gen Westen. Soll diese nächtliche Wanderung nie ein Ende nehmen? Sind wir verurteilt, hier oben in der Einöde vor Kälte zu sterben? Nur automatenhaft noch setzt sich ein Fuß vor den anderen. — Die Uhr zeigt beinahe eins. Wir sind am Paß. Zu unseren Füßen wieder die weite Schneefläche, die unsicher im Mondschein und Sternengefunkel glitzernden unzähligen'Gipfel — gen Süden schwarz, unheimlich dunkel die Puna. Kein Lichtlein durchdringt mit tröstlichem Strahl die feindliche Nacht, zu stärken die zwei einsamen Wanderer, die, abgetrennt von aller Verbindung mit dem Menschengeschlecht, da oben stehen. — Mit unheimlicher Wut fällt uns der Wind an. Unbezwingliche Müdigkeit übermannt mich. Ausstrecken möchte ich mich und schlafen, träumen von grünen, lachenden Landschaften und den tod)nee vergessen, die Kälte, den Sturm, der hohnlachend uns bedrängt, dem Abgrund zustöht. Höchste Zeit ist es, einen Ort zu finden, wo wir uns vor dem Wind schützen, ein paar Stunden ausruhen können! Ein großer Schrund zur Linken zieht unsere Ausmerksamkeit an. Wir kreuzen hinüber und bringen nach einigen vergeblichen Versuchen burch eine Art Tunnel ins Innere bes Gletschers ein. Eine kleine Höhle tut sich auf, ein Vorsprung läbt zum Sitzen ein. Die steigeisenbewehrten Füße an bie gegenüberliegenbe Wand, den Rücken an das Todeskälte ausströmende blaue Eis gestemmt, sitzen wir da — zu unseren Füßen schwarz gähnend den halb schnee- überdeckten Schrund. Im ersten Augenblick fühlen wir uns beinahe behaglich. Vollkommen vor dem Wind geschützt, hören wir mit einem kleinen Lächeln der Zufriedenheit zu, wie es draußen stöhnt und klagt, wie die Windstöße heranbrausen, in ohnmächtigem Zorn an unserem Asyl zerschellen. Dann sinkt der Kopf auf bie Brust. So müde sind wir, baß wir trotz ber Unsicherheit der Lage für kurze Augenblicke entschlummern, um mit einem Ruck wieder aufzufahren, selbst erstaunt, daß wir während des Schlafes nicht vom luftigen Sitz fielen. Die Uhr zeigt fünf ein Viertel. Noch eine Stunde, und die Sonne wird kommen, das Licht, die Wärme. Allein die Kälte wird immer stärker, durchdringender. Von ber Eiswand, an die gelehnt wir dafitzen, geht ein so tödlich erstarrender Frost aus, daß cs nicht möglich ist, unbeweglich zu bleiben. Wir schlagen uns gegenseitig den Rücken mit den Händen, klopfen die Schenkel, die Füße mit den Fäusten, dem Pickel. Es hilft nichts. Langsam kriecht die Kälte von den Beinen in die Höhe. Vor kurzen Monden erst flieg ich aus ber dampfenden Treibhausatmosphäre der bollvianischen Tiefebenen wieder nach La Paz hinaus. Zu groß ist der Unter- schied! — Wir zählen die Minuten. — Wird diese Nacht nie ein Ende nehmen. . .? Endlich erscheint draußen ein schwaches graues Licht, bringt in die Höhle herein, erleuchtet die grimmigen blauen Eiswände. — Jetzt muß doch die Sonne kommen, das Leben! Aber das Licht draußen bleibt grau, der Tag erhellt sich nicht. Dichter Nebel be- deckt die Falten der Berge — aus vollen Lungen bläst der Wind, dicke Wolken staubigen Schnees hüllen alles in ihre Schleier. Wir halten die Kälte nicht mehr aus; Wir müssen uns bewegen, sonst bleiben mir für immer erstarrt in dieser Eishöhle! Hinaus! Nichts zu sehen! Gleich einer Wand erhebt sich bas einförmige Grau bes Nebels vor uns, hüllt alles in unsicheres Licht. In einem Augenblick läßt uns ber Winb derart erstarren, daß wir froh sind, von neuem in die Höhle unterkriechen zu können. Fvostschanernd warten wir eine Viertelstunde. Dann wieder hinaus — mit demselben Ergebnis. Wieder müssen wir uns in die Höhle flüchten. Unmöglich ist es, dem Wind zu trotzen. Beim dritten Ausfall aus unserem Zufluchtsort hat sich der Nebel ein wenig gehoben. Die Umrisse der nächsten Berge werden schattenhaft sichtbar. Also vorwärts! Den Kamin, der sich vom Paß nach Norden hinanzieht, versuche ich, in unseren alten, noch teilweise sichtbaren Fußspuren hinaufzusteigen, doch der Sturm stößt mich beinahe in den Abgrund. „Bei dem Wind kommen wir nicht hinauf", sage ich zu Schulze. Doch er ist anderer Meinung. Am Hang versucht er in die Höhe zu kommen, wo die Gefahr, hinabgeschleudert zu werden, geringer ist. Gegen den Wind gestemmt erheben wir uns, drehen um eine Ecke des Berges, stehen auf der Ostseite. Hier erreicht uns ber Sturm nicht. Die Sonne hat bie winterlichen Frühnebel besiegt, empfängt uns mit wärmenben Strahlen. Schneller pulst das Blut wieder durch die Adern. Mit der Wärme kehrt die Unternehmungslust zurück; als erster steige ich bie Wanb zum Haukana hinan. Immer mehr flaut ber Wind ab, unb schon stehen wir zum zweitenmal auf dem Gipfel des Haukana, — kaum hundertfünfzig Meter tiefer als der Ancohuma. Zu dem Einschnitt hinab! Meinen Rucksack nehme ich auf, und anstatt den zweiten Borbuckel des Ancohuma anzugehen, schwenken wir in tue Ebene bes großen Plateaus auf der Westseite'des Berges hinaus. Lleußerft weich ist der Schnee. Während drei unendlich mühsamer Stunden bricht Schulze Bahn durch das trügerische weiße Element. Ilm Mittag sind wir endlich am Fuß bes Ancohuma. Auf eine Stimbe berechnen mir ben Rest der Besteigung, lassen Rucksäcke und alles Ueberflüssige im Schnee, nehmen nur ben Kodak, Aneroid, Kompaß nsw. mit. Die Neigung bes Westhanges bes Ancohuma dürfte kaum dreißig Grad überschreiten, aber trotzdem erheben wir uns sehr langsam. Die durch die Höhe, die verdünnte Luft, die starke Sonnenbestrahlung hervorgerufene Müdigkeit macht sich wieder fühlbar. Die Stunden vergehen, schneckengleich nur nähern wir uns dem Gipfel. Schulzes Augen sind ber ungeheuren Blendung der weiten Schneeflächen nicht mehr gewachsen — er fühlt sich unwohl; von der Stelle ab, wo wir bie Rucksäcke zurückgelassen haben, ist bie Reihe an mir, vorzugehen. Weitaus unterschätzt haben wir den Höhenunterschied, der uns vom Gipfel trennt. Nur Schritt für Schritt kämpfen wir dem Berg die Neigung ab. — Zum erstenmal auf allen unseren Touren sehe ich Schulze matt in den Schnee sinken. „Kommen wir hinauf?" fragte er angstvoll. „Und wenn’s Mitternacht wird", antwortete ich. In einer Hand den Pickel, in der anderen den leichten Bambusstab, den mir von unten heraufgebracht, und der als Fahnenstange bienen soll, ziehe und schiebe ich mich mit Armkraft als mit der Arbeit der Beinmuskeln hinauf. (Das Gehen mit zwei Stäben wurde in ber Schweiz auch bei Sommertouren schon in früheren Jahren des öfteren empfohlen, da beide Arme hierdurch vom Körper entfernt bleiben, und weder Lunge noch Herz durch die nieberhängen- den Arme beschwert werden.) Um drei Uhr sind mir endlich in der Scharte, südlich unterhalb des Gipfels, der sich gleich einem rundlichen Dom über uns erhebt — rechts zu unseren Füßen ber steil anfteigenbe Grat, an besten Fuß mir vor zwei Tagen kehrtmachten. Eine kleine Vorspitze gen Osten, zu ber ein haarfeiner Grat hinaufführt, zieht ihrer Lustigkeit wegen unsere Aufmerksamkeit für einen Augenblick an. Dann streben mir unter möglichster Ausnutzung der vom Wind gehärteten Schneeschilber dem Gipfel zu. Der Schnee ist an manchen Stellen weich unb pulverig, allein bie Schneeschilber helfen uns weiter, fönst hätten wir vielleicht noch an biefer Stelle ben Kampf aufgeben müssen. Am 11. Juni 1919, um drei Viertel vier Uhr nachmittags, stehen wir endlich auf dem Gipfel des höchsten Berges von Bolivien, an dem so viele andere in ihren Besteigungsversuchen gescheitert waren. Rasender Sturm empfängt uns. Noch verteidigt sich der Ancohuma, will die Eindringlinge in den Abgrund werfen. Ein Wind von unglaublicher Stärke fällt uns an. Mit frosterstarrten Händen pflanzen wir ben Fahnenstock auf, binden unsere kleine Fahne an. Eine Bildausnahme nach Norden zu, wo der vielzackige langgestreckte Jllampu sich erhebt, und eint nach Süden auf den Gipfel des Haukana. Mit peinlicher Aufinerk- samkeit lesen mir Barometer und Thermometer ab. Einige Peilungen, ein Blick auf die rundliche Kuppe des Gipfels, die ganzlicy — 299 — verschieden von dem scharfen Grat des Jllimani, der feinen Schneide des Caca--Aca ist. Den Kamm, der in allmählicher Verengerung nach Sorata hinabführt, schweift das Auge entlang, doch dann müssen wir uns sofort an den Abstieg machen. Wir sind schon ganz erstarrt. Nur wenige Minuten duldet uns der Ancohuma auf seinem Scheitel. Zu schnell müssen wir den Gipfel verlassen, dessen Bezwingung uns so viele Opfer, so viele Mühe gekostet. Blut und Eisen. Von Max E y t h. (Fortsetzung.) „Und Sie haben Ihre Jugend in Schöntal verlebt, nur drei kleine Stunden von Ingelfingen. Das habe ich vom Hoteldirektor erfahren, der ja auch ein Württemberger ist. Und Sie, verzeihen Sie doch, Sie wollen einen Mord begehen. Lieber Herr Eyth, hier in dem Lande, in dem Joseph und seine Brüder gelebt haben." „Woher wissen Sie das?" fragte ich etwas scharf. „Vom Joseph?" fragte er erschrocken. „Nein, vom Mord." „Ich habe ausnahmsweise auch bei Shepheard zu Mittag gegessen", erklärte der Bleiche. „Der Arzt hat mir dies geraten. Dabei habe ich die ganze entsetzliche Einleitung mit anhören müssen. Und dann war ich eben bei Herrn Bridledrnm in dessen Zimmer. Ich glaube, er bereut es tief, so leidenschaftlich gewesen zu sein. Herr Eyth, Bridledrum hat eine Mutter, eine Mutter im fernen England, in seiner Heimat." „Eine Mutter habe ich auch, Herr Häberle", sagte ich ganz ernsthaft. „Und vier Schwestern!" fuhr Häberle eindringlich fort. „Da fühlte ich, daß ich nicht schweigen dürfe. Ich fühlte, daß es für mich eine Gewissenssache fei, mit Ihnen zu sprechen." „Ich habe nur eine Schwester", gestand ich. „Sie ist mir aber lieber als die vier Fräulein Bridledrum, das dürfen Sie glauben." „Sehen Sie!" triumphierte Häberle mit Milde. „Dabei denken Sie an Mord. Dabei, höre ich, feien Sie entschlossen, diesem unglücklichen, aber offenbar wackeren jungen Mann mit einer scharfgeladenen Pistole entgegenzutreten. Einem Mitmenschen, der Ihnen eigentlich nichts getan hat, der sich in der Uebereilung — ich gebe es ja zu — eine Uebereilung zuschulden kommen ließ. Er gebrauchte vielleicht das Wort blackguard; — blackguard heißt »Schuft', habe ich mir sagen lassen, ein Ausdruck, den Sie übrigens ja selbst in das Gespräch einflochten. O, Herr Eyth, hier im Lande, in dem Joseph und seine Brüder gelebt haben!" „Sol! ick) Ihnen etwas anvertrauen, Herr Häberle?" fragte ick) sehr leise. „Wenn Ihr Gewissen sich rührte," rief er heftig, „wenn es mir gelungen sein füllte, an Ihr Gewissen zu klopfen und es zu wecken! Sprechen Sie! Sagen Sie mir, daß es mir beschieden war —" „Sie meinen es gut, aber schreien Sie nicht so! Ich glaube," Sie ich ihm ins Ohr, „auch im schlimmsten Fall wird unser d Bridledrum mit dem Leben davon kommen. Ich glaube das! Wissen Sie, was glauben heißt, fest glauben, in einem solchen Fall?" „Aber — aber —" flüsterte Häberle dringend und keinen Augenblick an meinem Ernst zweifelnd, „wenn ein Unglück passieren sollte —" Beinhaus stand plötzlich hinter uns und schob den kleinen Herrn mit einer brüsken Bewegung seines langen Armes auf die Seite, scheinbar ohne ihn zu sehen. „Es ist alles geordnet", sagte er dumpf. „Das war eine Komödie mit den verfluchten Engländern, von denen keiner eine Idee von Komment hat. Der Telegraphendirektor hofft immer noch, daß Sie fid) mit Ihrem Gegner boxen werden. Er will Ihnen Stunden geben, wenn Sie nichts davon verstehen sollten. O'Donald ist ein Gentleman und vernünftig, soweit dies einem Engländer möglich ist. Pistolen, zweimaliger Kugelrvechsel auf fünfundzwanzig Schritt. O'Donald wollte fünfzig haben, aber er ließ mit sich handein. Dann wallte er ein Paar prachtvolle arabische Pistolen aus dem siebzehnten Jahrhundert gebraucht wissen, die er von einem entfernten Onkel geerbt haben will, der die Mameluckenschlachten gegen Napoleon mitgemadjt hat. Ziselierter Silberbeschlag, Feuerschlösser, eine Mündung wie eine Posaune, zum Um-die-Ecke-schießen! Hier gab ick) nicht nach. Wir nehmen die meinen, mit denen schon einmal in Baltimore ein Redakteur über den Haufen geschossen wurde. Ort und Zeit: am Obelisk von Heliopolis, übermorgen früh um acht Uhr. Als wir so weit im reinen waren, fragte mich O'Donald, wie wenn wir alle unter einer Decke steckten, ob id) wirklich glaube, daß es Ihnen Ernst sei. Diese Engländer!" Häberle, der mit allen Nerven gehorcht hatte, sah mit gefalteten Händen und einer wahren Jammermiene an den Mond hinauf. „Kann nichts geschehen?" stöhnte er. „Guter Gott, kann wirklich nidjts geschehen, um diesen Mordplan zu vereiteln?" Mit einer zweiten feiner großen Armbewegungen fegte Beinhaus, auch diesmal ohne ihn zu berühren, den Verzweifelnden in den Schatten der Veranda, in dem er laut- und spurlos verschwand, um Bridledrum noch einmal aufzusuchen, wie ich später hörte. „Heuglin und ich werden Sie übermorgen früh um 7 Uhr in Schudra abholen", fuhr Beinhaus fort. „O'Donald und Fred George nehmen Bridledrum von hier mit. Am Obelisken treffen wir zusammen. Es wird den alten Monolithen freuen, wenn er auch wieder etwas zu sehen kriegt." „Und der Arzt?" fragte ich. Häberles Prophezeiung, daß aud) dem Kurzsichtigsten ein Unglück passieren könne, ging mir doch durch den Kopf. „Ick) wollte heute abend nod) zu Riehl", antwortete Beinhaus. „Das ist der einzige Doktor hier, der nod) etwas aus seiner Stu- dentenzeit weiß. Er sei aber verreist, in Alexandrien. O'Donald will einen Engländer bringen, einen Kerl namens Wilkens, Walker, Weller oder wie er heißen mag." „Weller!" rief ich halb entsetzt, halb entzückt. Das war ein mir wohlbekannter Jagdfreund O'Donalds, ein englischer Zahnarzt, der sich feit drei Monaten in Kairo niedergelassen und bis jetzt vergeblich auf kranke Zähne gewartet hatte. Selbst Beinhaus' grimme Züge erhellte ein leises Lächeln, als ich ihm dies erklärte. Heuglin, der wie traumverloren bis jetzt am andern Ende der Veranda gestanden hatte, kam zum Vorschein. „Man muß sich in diesem dunkeln Weltteil behelfen, so gut man kann, das ist bas Alpha und Omega für ganz Afrika", sagte er. „Wer weiß, vielleicht schießt ihr euch in die Zähne. Dann ist der Mann in feinem Element." „Und Sie können Vögel häuten, wie es kein Chirurg in Europa besser zustande brächte", rief Beinhaus tröstend. „Mit Ihnen und diesem Weller auf dem Plan können wir dem Schlimmsten beruhigt entgegensehen." Es war spät geworden. Schon feit einer Stunde wartete mein Pferd mit dem neben ihm schlafenden Sais vor der Veranda auf den Heimritt. Ich dankte Beinhaus und Heuglin für ihre unbezahlbaren Freundesdienste und nahm rasch Abschied. Als ich mich in den Sattel schwang, sah O'Donald über das Verandageländer heraus. „Adieu, adieu!" rief er mir lachend zu. „Wenn Sie morgen Ihr Testament machen, denken Sie aud) an mich!" „Die Reste meines Ungarweins!" rief id) und fetzte den Araber in Bewegung. „Die bekomme id) so wie so!" fdjalllc es mir nach. Dann war id) auf meinem gewohnten stillen Weg unter den Sykomoren, die im sanften Nachtwind die ernsten Köpfe schüttelten, als sie mich kommen sahen. Blut Der folgende Tag ließ mir keine Zeit, an das gewünschte Testament zu denken. Ick) hatte auf der Insel, welche der sich spaltende Nil vor Schubra bildet, die Lage eines Pumpwerks und die allgemeine Richtung der Hauptbewässerungskanäle auszustecken. Die Gefira, wie man das kleine Gut auch nannte, umfaßte sechshundert Hektar ärmlichen Weizen- und Kleelandes, das der vom linken Nilufer herüberwehende Wüstensand gründlich verdorben hatte. Dieser Boden sollte durck) reichliche Bewässerung so rasch als möglich in gute Baumwollfelder umgewandelt werden. — Schon vom Nachmittag an waren vierzig Fellachin an der Arbeit, die Gräben für die Fundamentmauern des Pumpenhauses auszuheben, so daß ich erst spät abends wieder über den Nil setzen und nach Hause kommen konnte: wolfshungrig und in munterer Arbeitslaune. Das neue Pumpwerk, die erste Zentrifuge in Aegypten, sollte der alten Pumpe in Schubra zeigen, was in unfern Tagen Wasserspeier, heißt. Die Stimmungsnebel vom Tag zuvor waren in den sechsunddreißig Grad Reäumur der schattenlosen Insel völlig verdampft. Socij und Dragoman berichteten gemeinsam und abwechselnd, daß zwei Besuche dagewesen seien und ein Herr aus dem Palast ein kleines Papier geschickt habe. Das letztere erwies sick) als eine Visitenkarte Bridledrums, der Halim Pascha besucht haben mochte, und blieb vorläufig unerklärlich. Zum freundlichen Austausch von Visitenkarten schienen die Verhältnisse doch kaum geeeignet zu fein. Der erste Besuch fei ein bleicher, schwarz gekleideter Herr gewesen, der eine ganze Stunde lang auf mich gewartet habe. Er sei auf einem schlechten Eselchen gekommen, das zwei Ottas meiner Pferdebohnen gefressen habe. Der Herr habe nichts angenommen. Einige weitere Fragen ließen keinen Zweifel, daß ich Häberles Besuch versäumt hatte, der fid) sichtlich der inneren Mission zuwandte, seitdem ihm die äußere so wenig Freude machte. Armer Häberle! Es regnet zwar in Kairo fast nie, und doch schien er in Gefahr zu sein, aus dem Regen in die Dachtraufe zu kommen. Dann sei der große Herr mit dem langen Schnurrbart und dem roten Gesicht erschienen und habe ein Kästchen gebracht. Der habe eine Flasche Ungarwein getrunken und dem Bleichen auch etwas davon gegeben, aber nicht viel. In diesen Dingen waren die Berichte meines abessinischen Hausvogts stets von peinlichster Genauigkeit. Darauf hätten sie sich ein wenig gestritten. Der Ble,d)e habe bas Kästchen wieder mitnehmen wollen; der Rote habe dies nicht gelitten. Schließlid) feien sie ohne das Kästchen zusammen nad) Hause geritten. Der neugierige Kock) hatte es schon geöffnet. (Es enthielt zwei englische Bulldoggpistvlen und den nötigen Zubehör. Meine beiden Freunde hatten, jeder nad) feiner Art, liebevoll für mich gesorgt. Trotzdem schlief id; nach dem üblichen Kampfe mit den Moskitos, die sich unter den Gazevorhängen eingefchlichen hatten und erst erlegt werden konnten, nachdem sie bis zur Flugunfähigkeit in Blut geschwelgt hatten, den Schlaf des Gerechten und erwachte wohlgemut und kampfbereit, aber auch fest entschlossen, Bridledrum heute nod) nicht zu ermorden. Er war ein ungeschickter Lump, ohne Zweifel, und die Ehre verlangte, daß die Sache mit dem nötigen Ernst 'behandelt wurde. So weit hatte Beinhaus reckst. Auch Häberle hatte red)t, dabei konnte es möglicherweise ein Unglück geben. Aber kann cs nicht auch ein Unglück geben, wenn ich einer Riemenscheibe zu nahe komme oder Bridledrum einen bösartigen Esel besteigt? Leben wir nicht in einem Lande, guter Häberle, in dem Joseph und seine Brüder angesichts verschiedener Gefahren mit heiler Haut davonkamen und sogar ihr Glück gemacht haben? An Vertrauen in eine gütige Vorsehung übertraf ich den wackeren Missionar fühlbar. Beinhaus kam trotz seines Hessen tum s mit preußischer Pünktlichkeit. als ich gerade zu Ende war. ein Dutzend Fellachin mit ihren Weisungen für die Vormittagsarbotten abzufertigen. Er ritt, der Ehre des Tages zuliebe, eines der wenigen Maultiere, die in Kairo zu mieten find, und bestand darauf, daß ich aus demselben Grunde mein Pferd statt meines Fest- und Sonntagsesels vor- führen ließ. Mein Sais trug das Kästchen mit den Mordwerkzeugen. Heuglin, der verschlafen mar, wollte mit dem Zahnarzt und den Herren der feindlichen Partei direkt nach dem Obelisk konunen. Cs war dies nicht richtig, wie mir Beinhaus auseinandersetzte, weil zu befürchten stand, daß ihm O'Donald, Bridledrurns Haupisekundant, in seiner unpassenden Weise auf dem Wege in heitere Gespräche verwickeln würde. Aber es sei nun einmal nicht anders zu machen gewesen, da kein Mensch Heuglin aufwecken könne, wenn er über sechs Uhr hinaus schlafe. Man müsse in Aegypten ja manchmal fünf gerade sein lassen. So bestehe O'Donald darauf, das; draußen gelost werden müsse, welche Pistolen zu gebrauchen feien, und er werde feine sarazenischen Mordwerkzeuge aus dem siebzehnten Jahrhundert jedenfalls mitbringen. Hoffentlich werde ich hiergegen ein definitives Veto einlegen. Trotz des herrlichen Morgens, in den wir plaudernd hinaus- trabien, wurde ich nun doch etwas ernster. Das Unglück, das Häberle voraussah, das Kästchen, welches mein Sais übermütig in der Luft schwang, manches andre ging mir ein wenig im Kopf herum. Bridledrum hatte eine Mutter und vier Schwestern; ich hatte eine Mutter unb eine Schwester, zusammen zwei Mütter und fünf Schwestern, die alle keine Ahnung davon hatten, was uns in den nächsten Stunden bevorstand. Natürlich: der kleine schwatzhafte Bridledrum mit feinem erbärmlichen Pflug war seines Lebens sicher genug. Seine Mutter und Schwestern verdienten keine Teilnahme. Aber ich' — wer weih! •— und die Welt ist so schön, namentlich morgens. Wir hatten Schubra, feine grünen und feine schwarzbraunen, frisch gepflügten Felder hinter uns. Auch an Howards Pflug waren wir vorbeigekommen, der noch trostlos auf derselben Stelle stand, genau wie in dem Augenblick, in dein der Bleipfropf in der Feuerbüchse seiner Lokomobile ausgebrannt war. Die englischen Arbeiter waren verschwunden. Fowlers Pflüge arbeiteten längst wieder in verschiedenen Ecken des Gutes. Manchmal hörte man aus weiter Ferne das Pfeifen der Dampfmaschinen. Wir ritten in einem vertrockneten Kanal entlang und näherten uns der gelben, glänzenden Wüste, die sich bis an den Horizont ausdehnt. Jetzt sah man die Spitze des Obelisken über einer Tamariskengruppe in einem ärmlichen, versandeten Kleefeld auftauchen. In drei weiteren Minuten hatten wir alles erreicht, was von der heiligen Sonnenstadt der alten Aegypter noch übrig war. Neben dem Obelisken stand eine halb zertrümmerte Droschke. Die Wege nach Heliopolis waren in jenen Tagen kaum fahrbar und die einzige Hoteldrofchke in einem chronischen Zustand des Geflicktwerdens. Doch auch unsere Gegner hatten gefühlt, daß der feierliche Augenblick, dem wir alle entgegengingen, eine besondere Ehrung erfordere. Trotz Zechs Warnungen — Zech war der Besitzer von ^hepheards Hotel — wurde die Droschke hervorgezogen und auf Bridledrurns Rechnung gefetzt. Fünf Herren bildeten eine feierliche Gruppe um das Fuhrwerk: O'Donald, Fred George, Heuglin, Weller und neben einem Eselchen, das sehr viel besser aussah als die Droschke, in ernstem Schwarz, aber mit ungewöhnlich heiterem Gesicht Häberle, der fein geduldiges Lasttierchen noch nie so unchristlich mißhandelt hatte als heute. Galt es doch, der Droschke nachzukommen und vielleicht im letzten Augenblick noch dem Blutvergießen Einhalt zu tun! Aber wo war Bridledrum, der Mittelpunkt des Ganzen, um den sich alles drehen sollte? Wir sprangen ab. Beinhaus drehte feine Schnurrbartspitzen zornig nach oben, denen der Ritt aus dem Maultier nicht zugesagt hatte? Dann nahm er seine ernsthafteste Miene an und begrüßte O'Donald, der ihm, in knabenhafter Fröhlichkeit erstrahlend, entgegenkam. Daß der Mensch nie ernsthatf sein konnte! „Es tut mir pyramidal leib," sagte er, auch mir die Hand schüttelnd, „Herr Bridledrum mußte heute früh plötzlich in Geschäften nach Alexandrien abreifen. Halim Pascha hat ihm gestern nachmittag feinen Pflug abgekauft. Er ist halb verrückt vor Freude und hat nun alles mögliche anzunrdnen." „Namentlich einen neuen Bleipfropf herbeizutelegraphieren", sagte ich grimmig. Ich fühlte, daß das Schicksal feinen Spott mit mir trieb. Das ging denn doch über das Lachen, wenn es nun meine Aufgabe werden sollte, mich mit dem vernichteten Howardschen Pflug her:: izuschlagen. Aber es konnte ja nicht wahr fein! ' nd bann," fuhr O'Donald fort, „habe ich auszurichten, daß er f;.) Ihnen bestens empfehlen läßt und das Mißverständnis van vorgestern aufs lebhafteste bebaure, namentlich da er jetzt in weitere angenehme geschäftliche Beziehungen zu mir zu treten die Ehre Haven werde. Wenn irgend etwas, etwa eine hastige, wenn auch gutgemeinte Aeußenmg' zurückzunehmen fei: er nehme mit Vergnügen alles zurück. Unb er gebe mir die Versicherung und fein heiliges Ehrenwort, daß er den Artikel, der mich mit Recht gekränkt habe, Herrn Jackson, dem Redakteur der »legyptischen Times" — Sie hären, meine Herren, Herrn Jackson," rief O'Donald, jedes Wort scharf betonend, „weder übergeben noch zugesandt, am allerwenigsten denselben verfaßt ober gar geschrieben habe." Häberle konnte sich nicht länger halten. Er stürzte auf mich zu, drückte mir beide Hände mit aller Macht, unb ich glaube, er hätte mich geküßt, wenn Beinhaus ihn nicht erschreckt hätte. Er kannte die Armbewegung des alten Teutonen unb sprang hastig auf die Seite. „3d) weiß nicht," sagte jener mit seiner tiefsten Baßstimme und mit zitternden Schnurrbartspitzen, „ob diese Erklärung unter den vorliegenden Umständen als genügend angesehen werden kann." „Ich weiß nicht, was wir mehr verlangen können", meinte ich mit mühsam errungener Fassung. Das Ende der Pfluggeschichte arbeitete in meinem Innern wie ein Ehininpulver. Ein Sturm brauste in meinen Ohren, ober ich fühlte, daß es meine Pflicht war, in die- fem schweren Augenblick«, in dem ich nach dem gtänzendsten Siege einer unbegreiflichen Niederlage gegenüberstand, mich wenigstens äußerlich als Mann zu zeigen. „Bridledrum hat das Aeußerfte getan, was wir verlangen können: er hat uns auf Ehrenwort feiner Unschuld versichert, hat den ,Schnfi' zurückgenommen unb ist burch- gebrannt. Ich weih jetzt, an wen ich mich zu halten habe. — Bet Gott!" — der Pflugverkauf regte sich aufs neue — „Jackson in Alexandrien soll mir Rede stehen!" „Nein, nein!" rief Häberle entsetzt. „Lassen Sie die Sache jetzt endlich ruhen, lieber Herr Landsmann. Sehen Sie doch eine Fügung in der Wendung, die die schreckliche Geschichte heute genommen hat. Seien Sie mir dankbar —" Wieder griff Beinhaus ein. Seine Armbewegung, auch in achtbarer Entfernung, genügte, Häberle mitten in einem Satz zum Schweigen zu bringen. „Wenn Sie mich gebrauchen können, wackrer Freund," sagte er mit tiefem Ernst, „stehe ich Ihnen überall und jederzeit zur' Verfügung. Die Pistolen sind in vortrefflicher Ordnung." „Vorläufig brauch« ich Sie in andrer Weise. Herzlichen Dank!" sagte ich, mich zusammennehmend. „Ich brauche Sie alle, meine Herren. Kommen Sie mit mir noch Schubra zurück. Nach diesem Morgenritt kann uns ein kleines Frühstück nichts schaden. Schade, wirklich schade, daß uns Herr Bridledrum nicht begleiten kann." Zehn Minuten wurden dem Studium des ehrwürdigen Monoliths gewidmet, der mit unerschütterlicher Ruhe auf uns herabsah, wie er in seiner einsamen Größe auf die letzten viertausend Jahre herabgesehen hatte. Häberle, der sich trotz aller Schwierigkeiten von Beinhaus unwiderstehlich angezogen suhlte, erklärte diesem die halb- verwitterten Hieroglyphen des Pharaos llfertefen, der ohne Zweifel der Pharao des Auszugs gewesen sei. So versicherte wenigstens Häberle. „Wenn man bedenkt," sagte er andächtig, „daß der Pharao, der mit dem heiligen Manne Moses verkehrte, der die Wunder Aegyptens am eigenen Leib erfuhr und der schließlich im Roten Meer ertrank, dieser Adler und Messer und Angen in bett Granit einhauen ließ, bett ich jetzt berühre, ich, Kanbidai Häberle aus Ingelfingen im Hohenlohschen." Wir fühlten alle bie Größe dieser Tatsachen mit dem kleinen wackeren Mann, der in seiner Herzens- und Friedensfreud« überaus gesprächig geworden war. Dann setzte sich die Karawane in Bewegung. Ich ritt neben der Droschke, um, mit meinem technischen Rat an ihrer Fortbewegung teilzunehmen; beim es ist nicht leicht, ein SÖagettrab, welches Hitze und Wegeshinbernisse in seine Be- ftanbteile aufzulösen begonnen haben, mit Stricken zusammenzn- halten. Beinhaus unb Häberle bilbefen die Nachhut. So kamen wir glücklich in Schubra an, wo uns ein einfaches, aber wohlgemeintes Frühstück empfing und die Todesahnungen des Morgens rasch vergessen ließ. O'Donald konnte sich nach zwei Stunden fröhlichen Plauderns überzeugen, bah mein Ungarwein fein Testament mehr nötig hatte. Die letzte Flasche entkorkte Häberle und erzählte uns dazu von dem herrlichen Gewächs seines Vaters zu Ingelfingen am Kocher. Nur wer in fernen Ländern, bratend am Rande der Wüste oder zähneklappernd im ewigen Eise, gesessen, weiß, was er in der Heimat besaß. Beinhaus berichtete später mit weitaufgeriffer.cn Augen, wie Häberle, der gute fromme Häberle, sich auf dem Heimweg in der Schnbraallee betragen habe. Dort erzählte er der Gesellschaft, daß er in seiner Kindheit dem Drang, Kunstreiter zu werden, kaum habe widerstehen können, und bestand darauf, Beinhaus zu zeigen, wie weit er es durch Beharrlichkeit und Selbstunterricht in dieser Richtung gebracht habe. Daß er schließlich in dem weißen, sechs Zoll tiefen Straßenstaub saß unb mit verwunderten Blicken feinem davon- eitenben Eselchen nachsah, möge verschwiegen bleiben. Ein tiefer Seelenschmerz lagerte sich auf feinen ernsten, bleichen Zügen, wenn jemand grausam genug war, ihn in späteren Zeiten an jenen unvergeßlichen Augenblick zu erinnern. Die andern hätten ihn liegen lassen. Beinhaus hob ihn auf, stäubte ihn ab und brachte ihn nach Hanse. Sie hatten beide den guten Kern ineinander erkannt. (Schluß folgt.) verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck der Brüh Aschen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.