Gießener Zamilienblatler Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 Dienstag, den |8. Mai Nummer 40 Licht. Bon Hans Franck. Mn Tag voll Weh und Wirrnis ging vorüber. Der Abend kam und legte seine Hand aufs müde Herz, das keinen Frieden fand. Ich hockte unserm Hause gegenüber und ward mit jedem Atemzuge trüber'. Rur wenig Schritte waren bis zum Kuh. And dennoch rauschte zwischen uns ein Flutz, und echois rief ich: „Hol über...! Hol über...» Als ich an meinem Äser niedersank, >- hast du in deinem Stübchen Licht entzündet. Auf goldnem Strahl bin ich dir zugegangen, und He ich noch wußte: Es gelang! hat mir — indes die Sterne „Amen!" sangen — „Ein Wunder!" dein Weinen Mund an Mund verkiindet. Pfingftwetter. Bon Clara Prieß. Der Justizobersekretär Friedrich Hillewart blieb am Samstag vor Pfingsten morgens ein Viertel vor 7 Ahr auf dem freien Platz bei dem großen Obelisken stehn, auf dem die Väter der Stadt den Bürgern allerlei Wissenswertes kund taten. Herr Friedrich Hillewärt stand hier jeden Morgen zwei Minuten still und brachte diese Zeit genau in Anschlag bei der Berechnung seines Wegs zum Amtsgericht. Heute schien ihm dies Studium der Wetterkarte und der meteorologischen Voraussage besonders nötig und wichtig. Samstag vor Pfingsten! Der Justizvberfekretär hatte einmal zu bedenken, ob er den größeren, für beide Feiertage geplanten Pfingstausslug unternehmen wolle und zum andern, wie er sich de« jeweiligen Witterung gemäß anziehen sollte. Gr war trotz seiner fünfunddveißig Jahre nicht ohne einige Eitelkeit auf sein nicht allzu stattliches, aber immerhin angenehmes und wohlgepflegtes Aeutzeve, und hätte gern den neuen Sommerpaletot angezogen. Sein sehr sparsames und geregeltes Junggesellen- leben ermöglichte ihm, sich gut zu kleiden, und seine Kollegen di« im glücklichen Besitz von Frau und Kindern waren, sahen das nicht ohne Meid. Sie wußten freilich nicht, daß auch Friedrich Hillewart schwere Stunden hatte, wo er unter feiner Einsamkeit litt unb die andern beneidete. Es war ihm aber gelungen, sich aus der Kinderzeit, die er als Schullehrersfohn aus dem Land- verlebt hatte, zweierlei in das Beamtenleben der Großstadt herüberzuretten: eine herzliche "lebe zur Natur und den unerschütterlichen Glauben, daß ihm eines Tages doch, noch die Eine, Rechte zum Liebhaben begegnen würde, -- wann und wie, das war freilich nicht abzusehen, da er jedem Verkehr mit der Weiblichkeit ängstlich aus dem Wege ging, einmal aus angeborener Scheu und Angewandtheit, dann letzthin auch, aus Angst, daß ihn irgendeine heiraten könnte, die nicht die Rechte fei. Heute hatte er allerdings auch, allen Grund zur Anzufrreden- Heit Die Wetterkarte fah abscheulich aus. Aeber Irland lag ein großes Tief, das unentrinnbar auf Mitteleuropa loszog, ohne Rücksicht auf alle neuen Pfingstkleider und Hüte. Die Wettervoraussage drückte sich noch milde aus, wenn sie von strichweisen, heftigen Niederschlägen sprach. Herr Friedrich Hillewart wußte, es würde morgen ein richtiger Landregen emsetzen und ihm all« Psingstfreude verderben. Er beschloß aber, geübt tote er m dergleichen Enttäuschungen schon war, diese Tatsache mit Ruhe hinzunehmen und sich einen Theaterplatz zu besorgen. Leider schielten nicht alle Leute drese phtlosophtsche Einstellung zu haben. Der Justizobersekretär hörte, wie jemand neben ihm laut seufzte. Dieser Jemand erwies sich als eine junge Dome, die recht hübsch, aber viel zu leicht für die gegenwärtige Temperatur gekleidet war. aus ein paar braune» Augen sehr Unternehmend in die Welt schaute und eine Aktenmappe unterm Arm trug. And jetzt fing dieses Wesen an zu reden und wandte sich geradezu an den Justizobers-ekretär. Ich möchte so schrecklich gern wissen, ob es morgen wtrkltch so schlimm regnen wird. Ditte verzeihn Sie, wenn ich frage. Aber ich sehe Sie jeden Morgen hier die Wetterkarte studieren, da verstehn Sie gewiß, was das «Wes heißen soll. Ich werde wirklich gar nicht klug daraus." Da erbarmte Herr Friedrich Hillewart stch ihrer Ankemttms und erklärte ihr nicht ungern und ziemlich umständlich die Wetterlage und verschwieg ihr hie trostlosen Aussichten nicht. Sie sah ihn ganz traurig an: „Wie schade! Ich bin für morgen nach Hudewinkel zu einer Kollegin eingeladen und hab' mich schon so gefreut. Aber da muß man noch gute zwei Stunden von der Station Fuhrenkrug aus wandern und kann gehörig einregnen. And ich möcht' doch so schrecklich gern hin — was raten Sie mir? —“ Der Justizobersekretär kannte Hudewinkel und den einsamen, ungeschützten Weg dorthin, und es wäre seine Pflicht gewesen, hier energisch abzuraten. Aber auf einmal redete er gegen fein besseres Wissen und Gewissen — ja, er log geradezu und das mit einer Gewandtheit und Leichtigkeit, die er sich selbst nicht zugetraut hätte: es würde sicher nicht so schlimm mit dem Wetter werden. Diese Meteorologen irrten sich immer. Das irische Ties müsse ich nach Westen auslösen und aus der Mongolei nähere sich in rasendem Tempo ein Hoch, das sicher noch rechtzeittg zu Pfingsten eintreffen wurde. Auf jeden Fall könne er nur zu dem Ausflug nach Hudewinkel raten, und wenn es auch morgen früh bedectt fein sollte — die Sonne würde schon herauskommen. Die junge Dame hörte das offenbar sehr gern. Sie sah Herrn Hillewart vertrauensvoll an. „Ja, wenn Sie das meinen. And mein neues Kleid kann ich dann auch wohl anziehen?". Run kamen ihm doch wieder Bedenken. Das fei just nicht nötig, meinte er, lieber solle sie irgend etwas Warmes anziehen und den Regenmantel mitnehmen. Dazu schien sie weniger Lust zu haben, versicherte aber, auf den guten Rat hin morgen früh mit dem ersten Zug nach Fuhrenkrug fahren zu wollen. „And vielen Dank, tote gut, daß ich Sie getroffen habe. And jetzt mutz ich zu meinen Jungs." Er sah sie tief erschrocken an. Aber bann lachte sie hell aus. „Ich bin nämlich Lehrerin in der Grundschule, vierzig Stuck hab' ich, die ganz Kleinenj köstliche Kerlchen." And dann war sie fort und bald im Menschengewühl verschwunden. — Zum erstenmal in seiner zehnjährigen Dienstzeit kam der Herr Justizobersekretär zu spät. Der Herr Amtsrichter kam freilich noch viel später. Aber es gab immerhin zu denken, — besonders er selbst wurde gar nicht fertig mit sehr eigentümlichen Gedanken und hatte einen unruhigen Sag und eine schlechte Rächt. Aber am frühen Pfingsttage war alles klar und beschlossen. Es mußte gewagt werden. Die ganze Nacht hatte es gegossen. Run machte der Regen eine Pause, wohl um recht viele Leute zum Aufbruch zu verlocken. Herr Hillewart kannte den Schwindel. Trotzdem zog er den guten bunfelblaiten Anzug und den neuen Sommerpaletot an, nahm aber vorsichtigerweise seinen Regenschirm mit. An der Tür kehrte er noch einmal um und holte den Lodenumhang, falls eine gewisse junge Dame so unvernünftig sein sollte, ohne Regenmantel zu kommen! — And dann ging er zum Bahnhof und löste sich eine Fahrkarte nach Station Fuhrenkrug. Zuerst kam die Enttäuschung. Anter den Menschenmassen — diese Leute waren alte just so unvernünftig tote er selbst und machten Psingstausflüge trotz der schlechten Wetterlage — war die Sine nicht zu entdecken. Aber als er in Fuhrenkrug ausstieg, das nicht zu den beliebten Zielen gehörte, sah er sie gleich Sie trug ein weißes Kleid, welches ihr so gut stand, daß er ihr diesen offenbaren Leichtsinn verzieh. Schlimmer war's schon, daß sie weder Regenschirm noch Gummimantel mitgenommen hatte. Dagegen trug fie' ein Körbchen, das allerlei Mundvorrat zu enthalten schien, was wiederum sympathisch berührte. Sie begrüßte den Justizobersekretär durchaus freundlich und kameradschaftlich und hörte seine lange Erklärung, warum er gerade nach Fuhrenkrug gefahren sei, um von dort aus einen Ausflug in die Hudewinkler Heide zu machen, geduldig an. Freilich war da so eine Art verschmitzten Lachens in ihren Augen, und es blieb fraglich, ob sie auch diesmal an ihn glaubte. Er stellte sich dann durchaus ordnungsgemäß vor und erfuhr, daß sie Grete Wunder hieße, ein Wams, der ihm besonders hübsch und merkwürdig bezeichnend vorkam. Sie gingen durch das Dorf und auf dem Heideweg weiter. ES war einsam hier. Die Leute wußten wohl nicht, daß die Heide auch um diese Jahreszeit schön ist mit dem frischgrünen wehenden Laub der Birken und dem goldenen Geblühe des Ginsters.^ das in ben grauen Morgen hineinleuchtete. Die beiden aber spürten die Schönheit und freuten sich daran. And baren fing es natürlich an zu regnen — zuerst ganz langsam, bald aber mit anerkennenswerter Ausdauer und Heftigkeit. Zunächst hatte das seine Vorzüge. Gr legte ihr den RegMi- umhang um die Schultern und zog ihr die Kapuze übers Helle 158 Haar. 11 nb es ging sich recht angenehm unter seinem Regen- schinn zu Zweien. Aber dann wurde der Regen so stark, daß sie Schutz in dem kleinen Föhrenwäldchs.i suchen muhten. Sir sah kläglich auf ihre hübschen Hellen Schuhe, die nicht regenfest zu sein schienen, und er machte sich ernstliche Sorgen, falls sie sich einen Schnupfen oder gar eine Grippe holen würde. „Wie schade!" sagte sie. „Und ich hatte mich so fest auf Ihre Prophezeiung verlassen. Sie haben so etwas Zuverlässiges, daß ich Ihnen unbedingt glaubte!" Sein Gewissen schlug. „Ich bin gar nicht so zuverlässig," sagte er. „Das heißt, sonst wohl. Aber diesmal habe ich gelogen. Ich wußte, dah es heute regnen würde. Aber ich wollte Sie Wiedersehn und mit Ihnen durch die Heide gehn. — Können Sie mir verzcihn?" Ganz zerknirscht stand er neben ihr und wagte sie nicht anzusehen. Merkwürdigerweise wurde sie gar nicht böse. Sie lachte nur hell in den Regen hinein und sprach die Hoffnung aus, dah er sie nie wieder im Leben so belügen würde — dann wolle sie es ihm für diesmal nicht nachtragen. Und dann faßte sie die Sache von der praktischen Seite an und sagte, sie müsse den Besuch in HudewWel wohl aufstecken, und ob denn in dieser gottverlassenen Gegend nicht irgendein Obdach zu finden sei? Sichtlich erleichtert holte er seine Generalstabskarte hervor, die er auch heute glücklicherweise nicht vergessen hatte, unrd die er auch heute glücklicherweise nicht vergessen hatte, und stellte fest, daß jenseits des Föhrenwäldchens eine menschliche Behausung liegen müsse. Dahin gingen sie denn wohlgemut durchs den Regen. Sie schien ihm wirklich die Sache nicht Übelzunehmen, und das machte ihn so glücklich und leichtsinnig, daß er den verregneten Frühjahrspaletot vergaß und alles andere, was ihn so oft sonst quälte und sorgte. Sie fanden nach einigem Suchen das bescheidene Häuschen eines Forstwürters. Er selbst war nicht daheim, aber seine junge Frau hütete ein Wickelkind. Sie zeigte sich hilfsbereit und tat das ihrige, die nassen Sachen am offenen Herd zu trocknen und derweil anderes Zeug zu leihen. Als Grete Wunder dann dicke, graue Strümpfe, feste Schnürschuhe und ein dunkelblaues Sonntagskleid trug, zeigten sich ihre hauswirtfchaftlichen Talente. Sie packte die mitgebrachten Vorräte aus, machte den mitgenommenen kalten Dee heiß, briet Gier in der Pfanne und ließ den Justizobersekretär gar nicht mehr aus der Bewunderung herauskommen. Draußen regnete es weiter. Aber der Tag wurde ihnen nicht lang. Während die junge Frau in der einzigen Stube ihr Wickel- nnd wiegte, saßen die beiden in der kleinen Küche auf der Holzbank am Feuer und hatten sich sehr viel zu sagen. Als sie später durch den regennassen Abend zurück zur Station gingen, schien ihnen das Wetter heute außerordentlich günstig gewesen zu sein, und sie wollten getrost weiter miteinander wandern — durch Regen und Sonnenschein, Das PfingftVogelnest. Von F. A. Fahlen. Wenn um Pfingsten herum der feuergelbe Pirol seinen drängenden Flötenpfiff aus dem hellgrünen Laub erklingen läßt, der Pfingstvogel, wie er genannt wird, so muß ich immer an den hochgelehrten Professor Eberhardt Hirtemann denken, der vor Jahren die Zierde einer westdeutschen Hochschule war, ein weltberühmter Vogelkenner, 6er nach einem zarten Flaum- federchen sofort seinen Träger, sagen wir einen hinterindischen Ziegenmelker, erkannte und genau wußte, wo sich die Garien- grasmücke auf ihrem Zugfluge am 25. Dezember befindet. So einer war er; man wanderte mit ihm durch ein Waldtal und tauschte auf das abendliche Gezwitscher der Vögel. Eine leise wiederholte Melodie gefiel einem, „möchten Sie den einmal sehen?", fragte der Professor, verschwand im Halbdunkel, kam nach fünf Minuten wieder und hatte den Sänger vorsichtig in einer kleinen Tüte verpackt, streichelte das graue Köpfchen des Tieres, der sich gar nicht so sehr zu fürchten schien, zeigte das Gefieder und entließ den kleinen Gast dann wieder in sein grünes Reich. Er war ein Papageno von fabelhafter Geschicklichkeit, in allem Menschlichen aber, bei der Suche nach dem Glück, von einer ebenso fabelhaften Hilflosigkeit. Es fehlte keineswegs an Versuchen, den guten Professor mit der dickgläserigen Drille für erwachsene Töchter einzufangen, aber gegenüber dieser felsenfesten Schüchternheit und abweisenden Zerstreutheit gab man das Rennen bald auf und dachte sich sein Teil. In seinen Arbeitsräumen saß als seine getreue, rechte Hand Fräulein Frieda Wallendar, die er heimlich in feinen Gedanken wie eine Heilige verehrte und liebte, der ein einziges liebes Wort zu sagen er sich aber nie getraut hätte. Dafür unterrichtete er seine blonde gelehrige Helferin desto reichlicher in feiner Vogelkunde und, während sie Etiketten schrieb oder Sammlungen ordnete, schwärmte er ihr stundenlang von der gefiederten Welt vor. Frieda war nun auch nicht von Stein und hörte allmählich nicht ungern aus 6er Vorlesung über Nestbau und ähnliche merkwürdige Dinge das heraus, was sie hören wollte. Am letzten Arbeitstage vor Pfingsten kam Professor Hirtemann recht unwirsch in sein Laboratorium. Wie kahl war feine Wohnung, obwohl sie von Hunderten ausgestopfter Vögel belebt war, die vom Grau des Spatzen bis zum funkelnden Smaragd des Kolibris, vom schimmernden Stahlblau bis zum prunkenden Gelb- rot des Paradiesvogels alle Farben des Regenbogens auflodern ließen. Aber was half das schließlich, wenn er einsam dazwischen saß, nur für zwei Stunden unlieblich gestört vom stolpernden, harten Schritt der Stundenfrau, die mit ihrem zottigen schwarzen Haarzopf vo-it einem Zimmer ins andere schlüpfte, itnb dazu 6er Frühling, der Duft aus den Gärten und von der nicht fernen Berglehne her der lockende Pfiff des Pirols. Ilm sich zu beruhigen, begann der Professor sein Privatissimum fortzusetzen und erzählte, während er mikroskopierte, allmählich warm werdend, weiter vom Nestbau, der auch in Deutschland manchmal recht kunstreiche Formen hervorbringe, die man sonst nur in den Tropen vermute. Da fei zum Beispiel das Nest des Pirols, des Pfingstvogels. itnb beschrieb dies Wunderwerk, das in manchem an die Kunftavbeit des indischen Webervogels erinnert. Frieda preßte die kleinen Lippen zusammen und fragte nebenher, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, ob es schwer fei, solch ein Nest zu finden. „Sehr sogar, es gibt Professoren der Zoologie, die nie eins gesunden haben, bei mir ist das allerdings anders", fügte er im begreiflichen Stolze der großen Sachverständigen hinzu. „Ach, wo haben Sie denn mal eins gesehen?" fragte Frieda sachlich weiter. „Jedes Lahr finde ich welche; das wäre noch netter, wenn ich kein Pirolnest fände!" „Auch dies Jahr?" „Aber sicher, vorige Woche habe ich sogar eins entdeckt, das fast am Boden liegt, eine große Seltenheit; gewöhnlich muß man wie eine Junge klettern, um heranzukommen und den Dau zu beobachten." Nach einer Weile fragte Frieda, während sie einen neuen Dogen Aufschriften zerschnitt, ganz nüchtern: „Ach ja, könnte man das nicht auch mal sehen?" „Sie?" antwortete Hirtemann, gab sich einen erschreckten Ruck und fuhr dann, in feine gewohnte Abwehrstellung verfallend, eifrig fort, „ja, ja, gewiß, aber das ist sehr weit von hier, mehr als zweieinhalb Stunden, in einsamer Gegend, die Pirole sind scheu, wissen Sie ..." „Oh, das macht gar nichts, da Heute nachmittag doch nicht mehr gearbeitet wird ...", beinahe erschreckt über ihre Kühnheit hielt sie inne, denn die Angst des Professors, mit Damen zu wandern, war ja stadtbekannt. Herzlich, aber etwas verwirrt, sah sie, von ihrer Tätigkeit aufblickend, dem Professor ins Auge. Der drehte, feine Verwirrung zu verbergen, mehrmals und zwecklos den Revolver an feinem Mikroskop runb,_ daß es klappte und sagte bann, wie einer, der von einem Schnellzug in den Rhein springen soll, kurz entschlossen: „Schön, sehr gern, also diesen Nachmittag zum Pirolnest!" Hub bann verabredete man Stunde und Treffpunkt. Es waren wirklich zweieinhalb Stunden, und obwohl das Herz des Professors sich manchmal zusammenzog wie eine Schnecke im Salz, sprach er kein Wort von seinen Empfindungen, sondern streifte nur hin und wieder das schlanke, rechtgeschaffene Mädchen neben sich mit ängstlich beglücktem Blick. Unb nun mußte er sie gar durch das wildeste Gestrüpp ohne Weg unb Steg führen, durch übermannshohe Ginsterdickichte, unter Buchenknorren her, durch Tannenverhaue: unb endlich standen sie, wäh- renb er unaufhörlich Vogelkunde vortrug, an dem Ziel: in einem dichten Dirkengebüfch hing an einer Astgabel mit Geflechtschnüren befestigt das kunstvolle Nest, aus dem Bast von Pflanzen, Grashalmen, Birkenrinde, Moos und allerhand anderen Gespinsten zierlich gewebt und aufgespannt, innen aber weich ausgepolstert mit Febern, Wolle und zarten Grasbüscheln. Es war noch leer, von einer hohen Dirke hinab schimpften die Pirvle > Solange die beiden, der Professor upd Fräulein Wallendar, gelaufen waren, hatten sie nichts gemerkt; nun, da sie stille standen, rührte sie beide die Einsamkeit an unb er empfand, baß dies zerzauste, frische Geschöpf neben ihm das Glück sei; aber er wagte nicht, es ordentlich anzusehen. Unb auch ihr war beklommen, viel beklommener, als sie sich das heute früh gedacht hatte; und nur wegen dieses Pirolnestes. Sie sah den Professor an und atmete schwer, bann sagte sie leise: „Seltsam, dies Nest, zweieinhalb Stunben tief in ber Einsamkeit, wie ein Märchen, so ganz allein!" Da schoß plötzlich ein gelber Feuerschein, ber Pirol, nieder und stieß nach Friedas blondem Haarschopf, ber wohl wie ein feindlicher Vogel in dieser Stille leuchtete. Mik einem leisen Aufschrei, durch den Angriff erschreckt, zuckte das Mädchen zusammen, von der fremden Berührung in ihrem Haar, zugleich aber geriet sie an den Professor, der, nun endlich erlöst, die zornigen Pirole in ihre Wipfel scheuchte und sein Glück festhielt, in der Einsamkeit, zweiundeinhalb Stunden fern von 6en Menschen. Als Hochzeit war und die junge Frau Professor in ihre Wohnstube trat, da fand sie, von ihres Mannes kunstreichen Händen fein und dauerhaft hergerichtet, unter einem Glassturz das Pirolnest aus der grünen Waldeinsamkeit, wo in den Pfingsttagen der Heilige Geist in Gestalt eines grüngoldenen Vogels vom Himmel auf sie herab geflammt war — 159 — BüchsrMel und buchhändlerischer Erfolg. Bon Dr. Fritz Adolf Hünich, Leipzig. Die Geschichte des Düchertitels. zu der hier ein Kapitel grundsätzlicher Art geliefert wird, ist noch ungeschrieben, obwohl der Gegenstand von grösstem Reize ist, weil er in das Herz des Schaffenden und seines Anwalts, des Verlegers, zugleich führt. Es gibt Titel, unter deren Zwang ein Werl entsteht und in gewissermaßen vorgezeichnete Gedankenbahnen geleitet wird, trt anderen Fällen wieder wirft die Woge, die das Werk trägt, einen Titel auf, der so völlig von dessen Idee durchdrungen ist, daß er durch keinen treffenderen ersetzt werden kann. Darüber hinaus aber wird die Titelwahl, wofern es sich nicht um rein fachliche Benennungen handelt, dem Schriftsteller und dem Verleger Anlaß zu langen und ernsthaften Erwägungen und Beratungen bieten. Der Verleger übersieht als Kaufmann mit kälterem Blute als der von seinem Werke befangene Schriftsteller die Möglichkeiten, die in einem Stoffe liegen, und so verdankt denn manches Buch den glücklich gewählten Titel seinem Verleger. Auch die Titelwahl ist sozusagen eine Ausdruckskunst. Es gilt, die bezeichnendste Geste herauszufinden, eine Formel, die den ausschlagge^nden Gedanken des Schöpfers ativdrückt und gleichzeitig mit Geheimnis umschleiert, um durch das, was sich nur erraten läßt, unsere Neugier wachzurufen und zu steigern. Ein zugkräftiger Titel muh Programm und Lockung sein. Auch das Buch, obwohl es als Gehirn und Seele uns unmittelbar anspricht als jedes andere durch Maschinen vervielfältigte Erzeugnis, bedarf Unter dem Riesenangebot gleichk- gearteter Literatur jeder Gattung der weittragenden Stimme eines ausgesuchten Titels, wenn es nicht unbemäkt bleiben und in der Menge untergehen will. Ein guter Büchertitel, sagt man, fei ein halber Reisender. Dieser Erfahrungssatz wird durch zahlreiche Beispiele aus der Geschichte des deutschen Buches, das uns hier am nächsten liegt, bestätigt; wir brauchen nur an den nach vielen Zehn- und Hunderttausenden von Exemplaren sich beziffernden Absatz von Büchern wie Frehtags „Soll und Habens, Hauptmanns „Versunkene Glocke", Bierbaums „Irrgarten der Liebe" *), Elisabeth von Heykings „Briefe, die ihn nicht erreichten...", Beherleins „Jena oder Sedan?" und Oswald Spenglers „.Untergang des Abendlandes" zu identen. Aber — und das führt uns in die Mitte unserer Betrachtungen — alles Kopfzerbrechen um einen zutreffenden Titel wird umsonst sein, wenn das Buch (Erotik und Kitsch schalten aus, weil sie immer „ziehen") nicht in irgendeinem Sinne aus den Bedürfnissen und der Sehnsucht der Zeit herausgewachsen oder von der Beliebtheit seines Verfassers begleitet ist. Hier liegt letzten Endes das Geheimnis des Erfolges. Der Verleger ist wie kaum ein zweiter sonst das Barometer für den geistigen Luftdruck seiner Zeit: er leimt ihre geheimen Strebungen und tiefsten Wünsche., Ist er der Mann, den die Zeit braucht, so weiß er auch die Kräfte aufzufinden, deren er bedarf, um aus ihnen die der Zeit (und ihm) förderlichen Werke an sich zu ziehen, Ast ihm dies gelungen, hat er, gleich dem Sucher mit der Wünschelrute, mit dem geheimnisvoll angezvgenen Herzen die verborgenen Quellen aufgefpürt, so beginnt seine zweite große Aufgabe, sie in das Bewußtsein der Zeit überzuleiten. Die Propaganda in Buchhandel und Presse ist nicht der geringste Teil der Arbeit, die ein Verleger für seine Autoren leistet. Vernachlässigung dieses wichtigen Ressorts hat oft den Untergang aussichtsreicher Bücher verschuldet, sachkundige Leitung "dagegen ist auch den weniger bedeutenden zugute gekommen. 3n vielen Fällen war und ist die Befähigung eines Verlegers für zweckmäßige Propaganda entscheidend für das Auf steigen oder Verborge nbleiben seiner Autoren. Richt minder maßgebend für die Gangbarkeit eines Buches ist, die -Umgebung, in die es gerät: in dieser Beziehung muß sich ein Verleger auf seine Jnstinktivwahl unbedingt verlassen können, was natürlich gelegentliche Irrtümer nicht ausschließt. Es ist aber hier nicht die Aufgabe gestellt, die Ursachen für das Eintreten oder Ausbleiben des buchhändlerischen Erfolges überhaupt zu ergründen und zu bestimmen, aus dem Gesagten möge vielmehr als Ergebnis entnommen werden, daß in dem Gewebe von Berechnung und Zufall, als das jedes kaufmännische Geschäft anzusehen ist, der Büchertitel ein mannigfach bedingter, unwägbarer Bestandteil ist, der selbst bei glücklichster Mahl einen Erfolg von vornherein nicht zu gewährleisten braucht. *) Hier sei ein kleiner Exkurs gestattet, weil er dem Interesse des Lesers zu begegnen hofft. Dieser Titel ist nicht von Bierbaum oder seinem Verleger erfunden, sondern er stammt aus dem 18. Jahrhundert. Im Jahre 1746 erschien von dem Verfasser der „Insel Felsenburg" I. G. Schnabel ein galanter Roman unter dem Titel: „Der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Ca- valier oder Reise und Liebesgeschichte eines vornehmen Deutschen von Adel, Herrn von ©t***". Schon Jmmermann hatte sich dieses Titels bedient, als er 1829 die Streitschrift gegen Platen Der im Irrgarten der Metrik umhertaumelnde Eavalier" veröffentlichte. — Es handelt sich also nicht allein darum, ein guter Erfinder zu sein, man muß auch den Blick und das Glück des Finders haben. V ' V > U ------------ Weltuntergang. Bon Ricarda Huch (Fortsetzung.) Uebrigens gehörte nicht die ganze Einwohnerschaft zu de» Anhängern des Jammerbolds. sondern es gab einige, deren Reichtum von jeher wie das Veilchen in der Verborgenheit geblüht hatte, die nach wie vor möglichst unauffällig ihren Ge- schäften nachgingen und die übrigen als müßige Phantasten belächelten; andere, die gewöhnt waren, jedwedes Ereignis mit Jubel zu begrüßen, damit nur die Alltäglichkeit unterbrochen! würde und sie Gelegenheit hätten. Feste zu feiern. Diese sammelten sich um den Lustbold, welcher immer ein paar fröhliche Redensarten bei der Hand hatte, um ihre Ausgelassenheit zu bemänteln, wie daß Gott den Menschen die Erde als Wohnplatz angewiesen hätte und sie sich aus Dankbarkeit so viel wie möglich darauf belustigen müßten, ferner daß, was auch später eintreten möchte, das schöne törichte Erdenleben jedenfalls die Jugendzeit der Seele sei, und ewig müsse es derjenige bereuen, der sich seiner Jugend nicht gefreut hätte. Mit solchen Sophismen mag er wohl auch die Kinder seines Gegners, des Pastors Wolke, berückt haben. Zwillinge und einander so ähnlich, daß man sie, wenn sie nicht verschiedenen Geschlechts gewesen wären, kaum voneinander hätte unterscheiden können. Als sie geboten waren, hatte sie jemand witzweise Wassertröpfchen und Schneeflocke genannt, was sich späterhin als gut geeignet erwies, denn das Geplauder des Knaben, dessen Zünglein von selber ohne Regulierung von fetten des Kopses zu laufen schien, glich dem geschwinden Tröpfeln des Wassers etwa aus einer Rinne bei starkem Regen, und das stille Mädchen war nicht nur weih wie eine Schneeflocke, sondern hatte auch etwas an sich, als könnte sie jeden Augenblick schmelzen und verschwinden. Man rief sie also Tröpfchen und Schneeflocke oder Vikus und Dika, da die feierlichen Namen Ludovikus und Ludovika, auf die sie getauft waren, augenscheinlich nicht für sie paßten. Sie waren fast jedermann bekannt und doch ganz ohne Freunde, nicht weil sie unbeliebt gewesen wären, vielmehr well die Natur sie so nebeneinander gestellt hatte, kam es ihnen nie in den Sinn, einen anderen Umgang zu suchen. Aber obwohl sie sich sehr lieb hatten, ja nicht ohne einander bestehen konnten, fühlten sie sich doch nicht befriedigt und ausgefüllt in ihrer Liebe, im Gegenteil, als die Kunde vom Weltuntergänge kam, siel es ihnen plötzlich ein, in was für einer fürchterlichen Einsamkeit sie bisher gelebt hätten, nämlich nur miteinander, die sich doch innerlich fo ähnlich waren wie äußerlich. Die Nachricht, daß es bald für immer vorbei fein würde, schreckte sie tote mit Posaunenstößen aus ihrem Halbschlummer, und sie wußten, in ihrer Angst und Ungeduld gar nicht, was sie tun sollten, um das Leben in die Hände zu bekommen. Sie waren bereit, alles zu tun, was sie nur fühlen machte, daß sie lebten. Als die Weltkinder begriffen hatten, um was es sich handelte, schien ihnen das ein Hauptspaß zu fein; sie empfingen die Zwillinge voll Zärtlichkeit, die Frauen bemächtigten sich des Tröps» chiens und die Männer der Schneeflocke, denn zunächst, sagten sie, müßten sie die Liebe kennenlernen, dann würde das Leben sich von selber auftun. Es zeigte sich aber, daß dem Vikus die Liebe nicht beizubringen war, well er es durchaus nicht ernst damit nehmen konnte, was denn doch das betreffende Mädchen, wenigstens auf Augenblicke, verlangte. Während der zärtlichsten! Wechsekreden Und Liebkosungen dachte er an hundert andere Dinge, namentlich aber mit welchen Worben er feiner Schwester das gehabte Abenteuer wiedererzählen würde, wovon eine große Unaufmerksamkeit und Zerstreutheit die Folge war, die die Geliebte beleidigte. Schließlich gab er es ganz auf und hielt sich zu den jungen Männern, die er, namentllch wenn sie groß, stark und etwas roh waren, nicht wenig bewunderte, würfelte und zechte mit ihnen, ohne übrigens ein anderes Interesse dabei zu haben als das des munteren Aefschens, das die Hantierungen der Menschen nachmacht. Unterdessen wehte Vika leicht und geräuschlos aus einem Arm in den andern, indem sie jedesmal dachte, der Kuß des neuen Geliebten würde ihr die Liebeswonne bringen, nach der sie sich sehnte. Da ihre Seele eigentlich gar nicht dabei war, wenn sie sich küssen lieh — denn sie horchte uird wartete immer auf das Wundervolle, was sich nun ereignen würde — fühlte sie sich nicht gerade entwürdigt durch den häufigen Wechsel, nur daß sie, da ihr Herz trotz allem von dem heimlichen Schauder, dem Frühlingsbeben und Blütenschwellen nichts verspürte, immer trauriger wurde und am llebsten ihren Bruder aufsuchte, um unter dem harmlosen Geplauder, das von seinen Lippen plätscherte, vor sich hin zu träumen. Während dieser Zell arbeitete der Bildgießer, Herr Brause- Wein, fleißig an dem goldenen Kalbe, das er in all seiner gottlosen! Pracht und Schönheit darzustellen versprochen hatte. Dieser MaNn genoß allgemeines Bertrauen, welches auch seine feste, knorrige Gestalt, sein breites Gesicht mit der stattlichen Rase und den Keinen blinkenden Augen herausforderte; dazu war er als uneigennützig bekannt, denn er hatte sich stets mit geringem Lohne für die zahlreichen Brunnenfiguren und Kirchenornamente, die er der Stadt geliefert hatte, begnügt und das goldene Kalb vollends ganz ohne Entgelt zu bilden unternommen. Nachdem das Vieh — 160 — fertig war, wurde nach kurze» Beratungen beschlossen, es in dem Park auszustellen, wo die Weltkinder ihre Orgien zu feiern pflegten! derselbe war nebst einem stattlichen Herrenhause von seinen heiligen Besitzern verschmäht und der Verwilderung preis- gegeben. Mit großen Anstrengungen wurde denn das schwere Bildwerk auf einen künstlichen Hügel im Parke gebracht, von wo aus man einen Ausblick über den Strand und das Meer hatte, und angesichts einer großen Menschenmenge feierlich enthüllt. 3m ersten Augenblick sah man nichts als einen blendenden, int Glanze der Mittagssonne nach. allen Seiten Strahlen schießenden Goldkoloß, so daß der Eindruck ebenso heiter wie erhaben war: erst bei längerem Schauen offenbarte das Idol die böse Natur, die der Meister mit staunenswerter Kunst hineingebildet hatte. Die ganze Figur des .Ungeheuers ließ sich etwa mit einem Nilpferd oder Lindwurm vergleichen, soweit sie breit und ungeschlacht war, doch lag in dem prallen Leibe bei aller Plumpheit etwas Elastisches, und den säulendicken Deinen, die sich gegen den Fuß zu noch beträchtlich verbreiterten, sah man an, daß sie sich wie der Blitz aufheben und ihr Opfer in den Staub zufaimnenstampsen könnten. Was aber vorzüglich mit Schrecken erfüllte, war das breite 2lntlitz mit den kleinen langgeschlihteir Augen, die dumm, grausam und tückisch nach allen Seiten zugleich zu blicken schienen. Das weite Maul hatte einen zweideutigen Ausdruck, so daß man nicht wußte, ob es in tierischer Weise lachte oder sich zum Geheul oder zu mörderischem Biß öffnete. In der Haltung des Ungetüms war etwas, als lauerte es auf den Augenblick, wo er sich aus das Volk, wenn es mit gesenkten Köpfen zur Anbetung niederkniete, herunterlassen könnte, um es zu zermalmen und zu fressen. So verschieden nun auch jeder das Götzenbild betrachten und auslegen mochte, flößte es doch allen Abscheu und Grauen ein, und es verbreitete sich bald allerlei abenteuerliches Gerede, wie zum Beispiel, da ßman der Bestie nicht gerade ins Auge sehen dürfe, da sie einen sonst behexe und nicht mehr losließe, ferner daß sie nachts, wenn der Mond ihren glatten Goldrücken beschiene, lebendig würde, zu welcher Zeit viele ein kicherndes Heulen, wie von hungrigen Hyänen, gehört haben wollten. Dies aber, sowie die Zerstampfung des Bodens umher, die man wohl des Morgens wahrnahm, mochte von dem ausaelassenen Toben der Weltkinder herrühren, die, obwohl es meistens arme Schelme waren, unter Scherz und Jubel um das Scheusal herumtanzten. Ihr Anführer zu allem war der Lustbold, der allmählich immer mehr ausartete, sich Daalspriester nennen ließ und, das graue Haupt mit Blumen geputzt, dem Götzen schmeichelte und opferte. Als ein denkender Betrachter der menschlichen Torheit mischte ich mich unter die Gotteskinder wie auch unter di« Weltkinder, öfter aber unter die letzteren, und zwar hauptsächlich aus väterlicher Zuneigung für die Zwillinge, deren Zustand ich aus des Tröpfchens zutraulichem Sprudeln und Plätschern erfuhr. Daß es eben die Kinder des Jammerbvlbs waren, die zu den gefährlichsten Unholden zwischen den Weltkindern zählten, erregte natürlicherweise großes Befremden und Aergernis: aber weniger deswegen, als aus Teilnahme für die hilflos in der Irre tappenden Kinder und ihren Vater, meinen Freund, machte ich mich eines Tages auf, um ihm die Augen über ihre Lage zu offnen. Man fand Pastor Wolke damals selten zu Hause, weil er stets mit Predigen, Lehren, Trösten und Helfen beschäftigt war, doch war mir diesmal der Zufall günstig, wie mich die heftigen Reden, die aus den geöffneten Fenstern seiner Wohnung schallten, schon von weitem merken ließen. Als ich näher herankam. sah ich zu meinem Erstaunen, daß nacheinander eine Reihe von silbernen Tellern. Schüsseln, Schalen und Kannen aus dem Fenster flogen, zum Teil von außerordentlicher Größe und Gewicht, so daß ich mick an den Mauern der Häuser entlang drückte, um nicht getroffen zu werden. Es waren nänrlich dem edeln Manne Sticheleien zu Ohren gekommen, daß seine eigene Frau zu denen gehöre, die, während der Fromme alles Irdische von sich täte, mit unverminderter Habgier auf dem Ihrigen sitzen bliebe und so, auf lasterhaftem Reichtum thronend, ihren Mann und seine Anhänger verlachte. Er hatte hierauf seine Frau zur Rede gestellt und in allerlei Truhen und Kisten den Schatz Des Hauses entdeckt, den er sogleich trotz des Tobens seiner Frau in wohlgezielten Würfen auf Ne Straße schleuderte. Er lieh sich auch durch meinen Eintritt nicht stören und Hörte erst auf, als ihm die schwachen, alten Arme erschöpft am Leibe herunterfielen, worauf er sich zu seiner Frau wendete, um ihrem Schelten Gehör zu schenken. „Du Geck, du Faselhans," rief diese, „was bist du mehr als ein einfältiger Tyrann, der alle Menschen nach seinem zufälligen Maße modeln möchte? Wärest du ein Tanzmeister, würdest du alle tanzen lassen, wärest du ein Totengräber, würdest du sie verfluchen, wenn sie sich nicht begraben lreßen, und da du nun als Gottesnarr und Iammerbold geboren bist, möchtest du alle in ein Kloster sperren, die doch toeit nützlicher und erbaulicher leben als du." Ich unterbrach die Frau, indem ich ihr bewies, daß sie die Erhabenheit und Heiligkeit ihres Mannes nicht zu fassen vermöge, dagegen hielt ich ihm vor. daß es an der Zeit sei und er Ärsache habe, sich um seine Kinder zu bekümmern, deren Seelen Gott ihm vorzüglich airvertraut hätte und in Bälde von ihm zurückfordern würde. 3n Dieser Weise redeten wir abwechselnd auf ihn ein, bis er mich mit demütigen Worten bat, ihn hinzuführen, wo seine Kinder wären, was ich sogleich tat, worauf seine Frau mit Hilfe des Dienstmädchens das Silber, soweit es noch! nicht fortgetragen war, wieder auslas und ins Haus zurückbrachte. Unterwegs erzählte ich dem Alten, was sich in der letzten Zeit mit seinen Kindern begeben hatte, wie sie, um doch einmal vor dem Ende Das schöne Erdenglück zu kosten, sich in wilde, alberne Ausschweifungen geworfen hätten, die sie aufzehrten, ohne ihnen Genüge zu geben. Die Weltkinder glaubten, als sie des Iammerbolds ansichtig wurden, nichts anderes, als daß er sie bekehren und bessern wollte, wovon sie sich eins Hauptkomödie versprachen: aber der Anblick des alten Mannes, als er seiner verlorenen Kinder ansichtig wurde und die Arms zaghaft aus der Entfernung nach ihnen ausstreckte, mit dem kleinen weißhaarigen Haupte nickend, rührte das leichtsinnige Volk, so daß einige sogar den Zwillingen Zeichen gaben, sie möchten ihren Vater nicht so lange rufen und bitten lassen. Diese starrten den Alten erst eine Weile erschreckt an, dann faßten sie sich plötzlich bei den Händen und liefen wie ein paar bei einem verbotenen Streich ertappte Kinder spornstreichs iß entgegengesetzter Richtung davon. Indessen liehen sie nicht lange auf sich warten, denn sie waren eigentlich froh, an der Fortsetzung ihres sinnlosen Treibens verhindert zu werden, und müde und überdrüssig genug, um das Ende ruhig über sich ergehen zu taffen. Dieses kündigte sich denn nun wirklich durch eine heillose Katastrophe an, die dem Weltuntergang gerade um acht Tage voraufging. Schon einige Tage lang war die Hitze ungewöhnlich lastend gewesen und die Luft klumpig und schwer, so Daß man das Gefühl hätte, man müßte sie mit den Händen von sich abstreifen oder, wenn man sich sehr anstrengte, von sich abschütteln können: nur daß einem die Kraft sich anzustrengen gebrach. Jetzt hatte der Himmel eine verwischte graubraune Färbung bekommen wie vor Einbruch eines Hagelwetters, das Meer lag schwarz und leblos wie ein nasses Tuch, und nur selten strich eine Möwe mit ängstlich zuckendem Flug dicht darüber hin. Es zweifelten nur wenige daran, daß der Weltuntergang nun baldigst hereinbvechen werde, und Der Iammerbold war so dringend aufgefordert, eine ernste Ansprache in der Kirche zu halten, baß er nicht nein hatte sagen können, obwohl ihm aller Eifer für die Angelegenheit gänzlich abhanden gekommen zu sein schien, ja man hätte an eine gewisse Verwirrung seiner Ideen glauben können, wenn man sein unzusammenhängendes Betragen mit dem früheren verglich Er sah von der ganzen Zuhörerschaft nur seine Kinder, welche dicht unter der Kanzel Platz genommen hatten und seinen inständigen Blick mit schwachem Lächeln ihrer blassen Mienen erwiderten. Auch was er sagte, schien nur für sie berechnet zu Win, .wenigstens handelte es durchaus nicht vom Weltuntergang, sondern vom Glück und wie und wo es zu finden sei, wenn denn überhaupt ein fortlaufender Faden darin war. „Wenn sie als kleine Kinder auf der Wisse saßen und Sternblumen pflückten, saß ihnen da nicht das Glück in den strahlenden Augen? Lachten die nicht wie Selige tadyen? 3a, mitten im Paradiese waren sie! Weh mir, daß ich ihnen den Apfel Der Erkenntnis gegeben habe! Hätten sie nicht ewig lachen und spielen sollen, da doch Kinder wie Engel sind?" Da er Dies noch dazu in abgebrochener Weise vortrug und zwischendurch öfters das Gesicht im de» Händen verbarg, würden die Zuhörer an dem wunderlichen Zeug schließlich Anstoß genommen haben, wenn nicht plötzlich ein fürchterliches Krachen und Poltern dem Gerede ein für allemal ein Ende gemacht hätte. Es war 'nämlich, wie sich nun zeigte, die unheilvolle Witterung Vorbote eines Erdbebens gewesen, das sich eben in diesem Augenblick entlud und die Kirche so erschütterte, daß ein Teil der Mauer nebst mehreren Pfeiler».', einstürzte. Die fallenden Trümmer töteten einige Personen und verwundeten mehrere, und der Zufall wollte, daß die Schneeflocke unter den letzteren war und an Der Hüfte und ant Dein so getroffen wurde, daß sie wohl mit Dem Leben davon- rommen konnte, aber sicherlich gelähmt bleiben mußte. Von diesem Augenblick an veränderte der Pfarrer sein Betragen gänzlich und legte nichts anderem als dem Befinden Und Aussehen seiner kranken Tochter mehr Wichtigkeit bei. Man konnte ihn häufig mit zufriedenem Lächeln wie einen Tagelöhner arbeiten sehen — Denn es war bei Dem verwahrlosten Zustande unserer Stadt allenthalben Arbeit zU istn-deir f- UM ein paar Kreuzer zu ver- dienen und ihr Blumen ober irgendeinen Tand kaufen zu können, der das weiße Gesicht vielleicht würde ladjieit machen. Die verlassene Herde des Pastoren befand sich »runmehr in solcher Span- itotng, Daß er nicht sonderlich vermißt wurde, denn es war jetzt so weit, daß der große Zusammenbruch eintreten mußte und die Folgen der Weltverachtung und Seelengröße eingeheimst werden konnten. Der 13. Juli war ein heißer, aber freundlicher Tag, welcher es Den Gotteskindern erlaubte, mit nichts als Hemden bekleidet, singend durch Die Stadt zu wallfahrten, Die Frauen mit aufgelösten Haaren, was ein lieblicher Anblick gewesen sein würde, wenn Die bedrohlichen Umstände dergleichen Betrachtungen hätten auflommen lassen. (Schluß folgt.) 7 Schriftleitung: vr. Triebr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv7-Büch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.