Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 T Samstag, -en \T. Juli Nummer 57 Warnung vor dem Rhein. Von Karl S i m r o ie erstaunte er, als er in dem umschwärmten Jüngling seinen Studenten wiedererkannte! Diese Darstellung birgt in sich so viele Unwahrscheinlichkeiten, daß sie als phantasievolle Erdichtung abzulehnen ist. Cs braucht nur darauf hingewiesen zu werden, das; Goethe damals noch keineswegs der weit bekannte Dichter war, den Professoren anstaunten. Daß allerdings die Bekanntschaft unter romantischen Umständen erfolgte, ergibt sich ans Goethes Brief an Höpfner vom 27. Oktober 1782, in dem er jenen an die „wunderbar angefangene Bekanntschaft" erinnerte. Ueber diesen Gang Goethes nach Wetzlar schreibt Kestner in sein Tagebuch (18. August 1772): „Goethe, der den Kriegszahlmeister Merck hier erwartet hatte, ging nach Gießen zu Fuß, traf dort Herrn Merck schon an beim Kriegszahlmeister Pfaff, wo Lottchell (Buff) auch war. Sie aßen zusammen in Gesellschaft von Professor Höpfner." Von einer Ueberraschung Höpfners kann keine Rede fein. Denn aus einem Briefe an Raspe, den er von Kassel aus kannte, geht hervor, daß er diesen Besuch erwartete (16. August): „Heute abend oder morgen kommt unser Merck zu mir. Wären Sie doch auch bei uns! Sie und Gotter und Goethe (ein Mann von großen Talenten) und Merck, was sollte das für eine Freude fein!" Im großen und ganzen wird man Goethes Darstellung annehmest müssen. Bei dem lebhaften Austausch von Kenntnissen und Meinungen lernte Goethe Höpfner bald näher kennen und schätzen. Freudig ergriff der junge Dichter die Gelegenheit, sich mit dem Gelehrten über manche unklare Frage zu besprechen, und Höpfner ging gern auf feine Zweifel und Bedenken ein. Höpfner arbeitete damals an seinem, 1780 erschienenen „Naturrecht des einzelnen Menschen, der Gesellschaften und der Völker". Wie sehr Goethe in diese Gedankengänge eingedrungen war, beweist sein „Prometheus", der unverkennbar den Einfluß dieses Werkes verrät. Der Freundschaft des Dichters brachte Höpfner gleiche Wärme entgegen. Er nennt Goethe den besten, gutherzigsten, liebenswürdigsten Sterblichen und erklärt, er sei auf seine und Mercks Freundschaft stolz. Unter diesen Umständen stieg in Goethe der lebhafte Wunsch auf, in Gießen in Höpfners Nähe zu bleiben, „um mich an ihm zu unterrichten", ohne von der Tätigkeit in Wetzlar sich zu trennen. Doch seine Freunde Schlosser und Merck arbeiteten unbewußt gegen diesen Plan. Mit Höpfner blieb Goethe auch später noch in Verbindung. Drei Briefe von ihm sind erhalten. Im ersten vom 7. Mai 1773 dankt Goethe für die Gipsabgüsse nach Antiken, die Höpfner ihm nach Vorbildern in Kassel besorgt hatte, und freut sich, daß diese Köpfe jetzt auf seinem Tische ebenso stehen wie sie einst auf Höpfners Pult standen, als er das erstemal in dessen Zimmer trat Auch die bedeutsame Tatsache, daß Goethe dem Gießener Professor die Bekanntschaft mit Spinoza verdankt, ergibt sich aus diesem Brief. Von jetzt ab findet sich in Höpfners Briefen an seine Freunde der Name Goethes öfter. Er vermittelt die Bekanntschaft mit Boie, dem Goethe Beiträge für den Göttinger Musenalmanach gibt. In dem zweiten Briefe von Anfang April 1774 empfiehlt Goethe seinen Freund Klinger, der die Universität Gießen besuchen will. Höpfner nahm den jungen Dichter in sein Haus auf und förderte ihn nach Kräften. Eine besondere Rolle spielt Goethes Name in dem Briefwechsel Höpfners mit Nicolai in Berlin. In dem letzten der erhaltenen Briefe Goethes von 1782 trägt er dem Gießener Gelehrten eine Professur in Jena an. Höpfner lehnt ab; er hatte sich dem Sturm unb Drang und damit auch Goethe immer mehr entfremdet. Seitdem hört jede Verbindung zwischen den beiden Männern auf. Höpfner, der schon lange mit Nicolai in Beziehungen stand, schwenkte allmählich immer stärker ins Lager Nicolais über, der zum ausgesprochenen Feind Goethes wie der neuen Richtung überhaupt wurde. Gegenüber dem Dichter Goethe blieb Höpfner nach wie vor ein begeisterter Verehrer, wie die Wirkung der „Iphigenie auf ihn beweist. Erst am 21. Juli 1823 wurde der alte Goethe an den Gießener Freund erinnert, als Höpfners Tochter, die Frau von Rehberg, Grüße vom Rhein nach Marienbad brachte. Seit 1781 wirkte Höpfner als Geheimer Tribunalrat in Darmstadt. Der von Goethe verspottete Christian Heinrich Schmid war seit 1771 Professor der.Beredsamkeit und Dichtkunst in Gießen. Er war ein oberflächlicher Vielschreiber und urteilsloser Kritiker. Goethe hatte ihn bereits am 9. August 1772 zu Garbenheim kennen gelernt. In einem Brief an Kestner vom 25. Dezember 1772 urteilt Goethe sehr geringschätzig über eine Besprechung seines Aufsatzes „Mm deutscher Baukunst" in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen, die er als „gesudelte" Rezension bezeichnet und worin er Schmid gleich erkannte: „Der Kerl ärgert sich, daß wir nicht nach ihm sehen und sucht uns zu necken, daß wir fein gedenken." Aus Höpfners Brief an Raspe vom 19. Oktober 1772 läßt sich erschließen, daß der Darstellung von Schmids Verspottung in „Dichtung und Wahrheit" Tatsächliches zugrunde liegen muß: „Mit Merck und Goethe habe ich viel vergnügte Stunden gehabt . . . Schmid kam einst in unsere Gesellschaft. Aber Himmel, wie ging es dem armen Sünder! Ferner, witziger und boshafter ist noch nie ein Mensch gegeißelt worden als er." Wenn Goethes Plan, länger in Gießen zu bleiben, durch Schlosser und Merck vereitelt wurde, fo waren die Gründe grundverschieden. Denn Schlosser hatte eben begonnen, mit Goethes Schwester Cornelia in ein näheres Verhältnis zu treten, und Merck sehnte sich aus Gießen fort, dessen rohes, studentifches Treiben ihn abstieß. Sv waren Höpfners und auch Goethes Bemühungen vergebens, und der Rückweg nach Wetzlar wurde angetretem Merck durchschaute sofort die schwierige Lage seines Freundes Lotte Buff gegenüber und erkannte auch, daß nur schnellste Trennung helfen könnte. So beschleunigte er durch den lockenden Anreiz einer Rheinreife den Verzicht auf die ebenfo leidenschaftliche wie aussichtslose Liebe. AN» 11. September 1772, ohne Abschied, verließ Goethe Wetzlar, die Wertherstadt. Dis SommsrnKcht. Von Maximilian Dauthendep. Die Sommernacht, und andachtvoll der dunkle Garten und schwer zufrieden mit den reichen Bäumen. Derselbe Mond, der all die großen Bäume klein gesehen, vor dem die dunkeln Blätter staunend glänzen, unwissend stumm gekommen, unwissend stumm vergehen. Der dunkle Garten, braus ein kalter Atem weht, sehr kühl vom kaltgewordnen Schweiß der Erde, lind immer kommt und geht darin der Mond und wird nicht müde, nie, und kommt und geht. Doch auszudenken, daß wir müde einst für immer gehen, unwissend mit uns selbst. Clenderle. Von Georg Türk (Schluß.) Elisabeth lunHammetie noch immer das Fensterkreuz. Schön waren die Vosen, schön war das Licht des vollen Mondes, schön war das Leben! Wie schön das Leben war, wußte sie erst feit diesem Morgen. Vorher hatte sie es nur geahnt! Gie lief) das Fensterkreuz los und Breitete die Arme weit aus, als wollte sie die ganze Herrlichkeit der Sommernacht - 227 — umfangen. Grenzenlose Seligkeit erfüllte ihr Herz und drohte es zu zersprengen. Nun konnte sie dem Kommenden ins Auge Wauen, ohne zu erschrecken. Denn es war Erfüllung und Doll- enbung! Gin Jahr noch! Ein letztes Jahr! Dann war die Kraft aufgebraucht, dann war der Lauf vollbracht! Sie hatte den Onkel Joachim gezwungen, ihr die Wahrheit zu sagen. Auch er muhte sich ihrem Willen fügen... Sie ist stark gewesen in ihrer Schwachheit! Sie hat gearbeitet, hat ihren Matz ausgefüllt! Der Mahner drinnen im Herzen mutzte schweigen! Sie wollte, daß er schwieg! And nun durfte sie noch das Größte erleben!... Sie wird sich mit roten Rosen bekränzen, sie wird den Decher, gefüllt ntit rotem Wein, bis zur Neige leeren! Amklungen von gewaltigen und doch süßen Melodien wird sie ihre Tage vollenden! Ja, zu einem wundervollen Liebe soll dieses letzte Jahr werden, und voll und schön soll es verklingen! Ein "jauchzender Akkord — das soll das Ende sein! Dor vierzehn Tagen war der Vikar Jürgen Wendelin gekommen. Der Vater brauchte Ruhe, um sich von seiner schweren Rippenfellentzündung zu erholen. Vierzehn Tage waren sie nebeneinander hergegangen. Sie hörte ihn predigen. In seinen Augen glühte ein seltsames Feuer. Seine Worte waren von einem Ernst durchzittert, der erschrecken machte. Es war totenstill in der Kirche. Ihr Herz klopfte... Sie sahen bei den ge- me'insamen Mahlzeiten einander gegenüber. Er sah sie nicht an. Immer hielt er den Blick gesenkt. Aber ihr ganzes Wesen drängte sich zu ihm hin. Es war ihr, als habe sie immer auf ihn gewartet. Diesen Morgen war es geschehen. Er saß auf der Dank am Rosenhügel. Sie ging den gelben Weg entlang zu ihm hin, einen Auftrag-des Vaters auszurichten. Da sah er sie an. Die Welt versank. In dem einen Blick verriet er ihr, was sein Mund verschwieg. Da tat auch sie die Türen ihres Herzens weit auf unb lieh ihn die Wunder sehen, die es barg. And die Rosen dufteten, dufteten ... Die röten Rosen blühten in ihrem Herzen, aus ihrem Wunde. And alle Rosen sollten ihm gehören. Sie 'wollte ihn reich "bep schenken, ehe sich das Tor für immer "schlöß.' Sie wußte von seinem großen Hunger. Deutlich hatte sie ihn in feinen Augen gelesen. Alles Glück und alle Wonne hatte sie nur für ihn gehütet. Nun sollte er alles, alles haben!... Der Mond ging über den bleichen Himmel. Die weiße Bank sah zu ihr herüber. Im Nußbaum rauschte es stärker. And durch die Rosenbüsche ging ein leises Erschauern. Ein kühler Wind wehte durchs Fenster. Elisabeth lieh die Arme sinken. Plötzlich übersiel sie eine bleierne Müdigkeit. Es war ihr, als ginge ein Weinen durch die helle Nacht, ein trostloses Weinen. Sie konnte das Licht des Mondes auf einmal nicht mehr ertragen, und wünschte, eine Wolke möchte ihn verhüllen. Der Duft der Rosen ward ihr zur 'Quai. Mit weit offenen Augen starrte sie "in den Garten, durch den unsichtbar irgend etwas Unheimliches, Drohendes hinglitt. Mit zitternder Hand schloß sie das Fenster und zog. die Vorhänge zu. Der Mahner in ihr pochte, pochte unbarmherzig. Sie verstand es nicht, warum die Freude in ihr so jäh erworben war wie eine Blüte, die der Frost einer kalten Frühlingsnacht streift. Sie spürte nur die bleierne Müdigkeit und ein unsagbares Verlangen nach Schlaf. Sie legte ihre Kleider ab. Morgen, morgen — Der Schlaf übersiel sie wie ein gewappneter Mann und lieh alles Fragen im tiefen Meere des Vergessens untergehen. Am andern Morgen, als die Soirne aufging, erhob sie sich wundersam gestärkt, Wohl war ihr Antlitz bleicher denn gestern rind ehegestern. Der Spiegel an der Wand verriet es ihr. And die Hände? Die Hände waren schmal und durchsichtig. Aber sie konnten noch schwere Lasten heben, wenn's sein mutzte! Sie konnten noch immer beweisen, datz ihr die Lehrersfrau jenen Namen zu Anrecht gegeben hatte. Sie öffnete das Fenster. Der Rosenhügel war in einen feinen Nebelschleier gehüllt. Am die Weiße Bank lag es wie ein "Frieren. Llber das Unheimliche, Drohende war aus dem ©arten gewichen. Elisabeth schob den schweren Riegel der Haustüre vorsichtig zurück. Niemand durfte wissen, daß sie das Haus verließ. Ob der Vater noch schlief... und die Mutter... und Jürgen Wendelin? ... Zum Friedhof waren es wenige Schritte, Er lag hinter der Kirche einen sanften Hang hinan. Aber sie brauchte nicht so weit zu gehen. Das Grab der Großmutter lag vorne nach der Straße zu, hart an der Kirchenmauer. Neben dem Grab der Großmutter war ein alter, grauer Stein, mit Moos bewachsen. Auf diesem Steine saß sie oft. Die Großmutter, ihres Vaters Mutter, war eine prächtige Fran gewesen. Alle ihre Kinder- svrgen und Kinöerfreuden brachte Elisabeth zu ihr. Die alte Frau verstand die Kunst, alles Trübe fortzulachen. Fünfzehn Jahre war Elisabeth alt, als die Großmutter starb. Sie hatte ihr redlich geholfen, den schweren Kampf gegen die Schwachheit und das Müdesein zu kämpfen. Elisabeth spürte, daß von dem Grabe, das ein schlichtes Kreuz zierte, eine merkwürdige Kraft ausging. Wenn sie auf Sem grauen Steine saß, konnte sie sich das sieghafte Lachen der alten Frau am besten vergegenwärtigen. Es zog sie an diesem Morgen mit zwingender Gewalt 6ort* hm. Denn es galt, ein hartes Werk zu tun. Die schmalen, durchsichtigen Hände mußten eine riesige Last aufheben... Als sie nach dem längen, tiefen Schlaf die Augen auf» schlug, erkannte sie es mit voller Klarheit: Es galt 'nur, die Kraft zu gewinnen zu der letzten großen, schweren Pflicht. Es galt, die Lehrersfrau noch einmal Lügen zu strafen... Die saß auf "dem grauen Stein und hüllte sich fröstelnd rn. das dunkle Tuch. Die Sonne war noch nicht hinter den Häusern emporgestiegen. Das Gras zu ihren "Füßen war feucht. Sie bückte sich ganz tief, daß sie die Mutter, wenn sie aus Bem Fenster schaute nicht sehen 'könnte. .„Großmutter, sag'! Ist die Last nicht zu schwer?" Sie flüsterte es ganz leise und wühlte die Hände in die Blätter des Efeus. Da rief aus den Zweigen "der nahen Linde ein Vogel. Leis und lockend war fein Rufen. Elisabeth suchte ihn mit den Augen, fand ihn aber nicht. Plötzlich ging ein Schwirren über sie hin. Run lag der kleine graue Vogel am Rande des KirchenbacheS und strich sich mit dem Schnabel die Fedewi glatt. Noch einmal rie'f er. Dann war er verschwunden. Sie jäh ihm sinnend nach'. Jürgen Wendelin... Wie urteilte der Vater neulich "über ihn? „Er ist ein Grübler und nimmt das Leben schwer. Gott schenke ihm eine große Freude, daß es in seinem Herzen licht werde!"... Sie wollte ihm eine große Freude schenken, sie wollte all sein Sehnen stillen. Und dann?... Dann wiid er emes Tages mit leeren Händen dastehen. Der Vater wußte noch mehr von ihm, wußte, daß ihm schon manche Enttäuschung, widerfahren war. Werden seine Augen nicht noch dunkler, seine'Lippen nicht noch härter werden, wenn ihm sein Glück, nachdem er es kaum recht besehen hat, wieder ans den Händen geschlagen wird?... Ein Jahr noch! Länger wartete der Mahner in ihr nicht! Länger nicht! Sie hatte an sich gedacht, nicht an ihn! Sie wollte, bevor ihr Erdentag sich neigte, sich mit roten Rosen kränzen und dem roten. Freudenwein trinken. Und dann? Was bleibt ihm? Gin dunkler Weg ohne Sonne... Sie nahm die Hände aus dem feuchten Efeu. Wer an sich denkt, ist schwach! Sollte die Lehrersfrau doch noch recht bekommen, jetzt, da sie hart am Ziel war? Da sie aber bedachte, was sie tun wollte, da sie die schwere Last, die sie tragen mußte, deutlich vor sich sah, ging der Schmerz wie ein scharfes. Schwert durch ihre Brust. Ein gequältes Stöhnen rang sich aus ihr empor. Aber siehe, sie konnte weinen! Sie barg das Gesicht in den Händen und ihre Tränen strömten. Als sie sich satt geweint hatte, pflückte sie ein Efeublatt. Das wollte.sie neben sich legen, wenn sie dann der Schwester schrieb. Sie stand auf und ging den Weg zurück, den sie gekommen war. Als sie am Schlafzimmer der Eltern vorbeischlich, hörte sie, datz die Mutter schon aufgestanden war, Sie gelangte aber ungesehen in ihre Kammer und wusch sich das Gesicht mit frischem Wasser. Dann las sie den Brief der Schwester noch einmal, den fie vor zwei Tagen erhalten hatte. Hanna war einige Wochen bei Verwandten gewesen, um der jungen Frau, die Mutter geworden war, beizusteHeii. Nun war es Zeit für fie heimzukehren. Aber eine Freundin hatte sie eingeladen, mit ihr in die Berge zu wandern. Da sie jedoch" nicht wußte, wie sich die Eltern dazu stellten, sollte Elisabeth die Stimmung auskundschaften und ihr schreiben. Gestern hatte sie den Brief an Hanna angefangen, konnte ihn aber nicht zu Ende bringen. „Wandre, wandre, so lange dir's gefällt!" stand in dem Briese. Run zerriß sie das Bleckt un& begann von neuem. Sie schrieb, Hanna möge sofort heim- kommen. Der Vater sehne sich nach ihr. Sie sei auch sonst daheim netig. 'Es gäbe für sie Wichtiges zu tun... , Sie schloß den Dries und schrieb die Adresse. Das Eseublatt lag neben ihr. Dann trat sie ans Fenster. Der Garten lag im Licht der Mo-rgensonne. Die Rebel waren gewichen. Die Tautropfen funkelten wie Perlen. Die Rosen aber schienen unter dem Kusse der Sonne zu zittern. Die Bank schimmerte im reinsten Weitz. Die Felder waren abgemäht. Das Laub der Bäume färbte sich bunt. Auf den Wiesen blühten die blassen Herbstzeitlosen, in den Blumenbeeten des Gartens weiße und violette und rote Astern. Altweibersommer flog durch die klare Luft. Das Lied vom Sterben und Vergehen Rang wehmütig durch den! stillen Wald. Von der Höhe des Friedhofes hätte man einen wetten Blick. Man sah das Tal entlang, durch das sich der Fluß in vielen Biegungen wand, man sah die 'fernen blauen Höhen, man sah hinüber zu dem Wald, der dalag, als hüte er Geheimnisse, von denen niemand laut reden darf. Man sah auch den schmalen Psad, der durch die Wiesen über einen 'Steg hinüber zum Walde lief und sich in ihm verlor. Elisabeth sah auf der steinernen Dank, die auf der Höhe des Friedhofes unter dem Bilde des Gekreuzigten stand. Auf den Kreuzen und Grabsteinen lag die Herbstsonne mit ihrem milden, versöhnenden Leuchten. Sie spiegelte sich in den Fenstern des nahen Totengräberhauses, daß sie wie eitel Silber glänzten. ElisabeH sah nicht nach den fernen blauen Höhen und nicht nach den abgemähten Feldern. Sie sah nur nach dem schmalen — 228 — Wege uiib nach den beiden Menschen, die dicht aneinander- gedrängt, Hand in Hand auf ihm gingen. Es war zuerst ein unwilliges Staunen in den Augen des Vikars gewesen, als sie ihm die Schwester zuführte. Aber ihr Wille wies ihm den rechten Weg. Sie hatte die Türe^ihres Herzens zugetan und ein festes Schloß davor gelegt, fortan war in ihren Augen nut noch Herbheit und Abweisung. Ihr Mund formte kalte, spöttische Worte. Sie sorgte dafür, daß sich eine Kluft auslat zwischen ihm und ihr. Er glaubte es bald, daß er Falsches aus ihrem Blick gelesen, daß er sich getauscht habe. Und war nicht Hanna ihr ähnlich? Hanna aber war gesund, lebensfroh. Hanna zwang den Grübler, fröhlich zu sein, mit hellen Augen in die Welt zu sehen... Hanna wußte nichts von jener Nacht, da sie die Arme ausbreitete in Seligkeit, nichts von dem Gang zuni Grab der Großmutter, — durfte nichts davon wissen! Das große, schwere Schloß hing vor Elisabeths Herzen. Gleichmütig redete sie von dem Vikar. Aeckworte kamen von ihren Lippen. Die schmalen, durchsichtigen Hände hatten die Last aufgehoben. Als Elisabeth die beiden zum ersten Wale Hand in Hand durch den abendstillen Garten gehen sah, wollte sie aufschreien vor Weh. Da dachte sie an das eine Wort: Elenderle! — und ging stumm ins Haus. Das Werk, das sie zu tun hatte, gedieh ... In der 2kacht, die jenem Abend folgte, wurde sie wissend. Das Himmelstor tat sich vor ihr auf und das Licht der andern Welt flutete über iie. Da wußte sie, daß alles Glück der Erde nid)*- an die Seligkeit derer reicht, die überwunden haben. Sie sah, daß der Wog zum Himmelstor nicht mehr weit war. Nur wenige Schritte noch ... "Sie lag in 'jener Aacht wohl eine Stunde ohnmächtig vor ihrem Bette, das sie liicht mehr erreichen "konnte. 2kiemand durfte davon erfahren... . Die beiden Menschenkinder gingen Hand in Hand den schmalen Wiesenpfad entlang. 2hm schritten sie über den Steg. Da mußten sie hintereinander gehen. Hanna blieb stehen und drehte sich um. Einen Augenblick lehnte sie sich an ihn. Elisabeth lächelte. Sie eShob sich und ging die kurze Strecke zu dem Grab der Lehrersfrau, die vor vierzehn Tagen gestorben war. Die welken Kränze deckten den Hügel. Der uralte Totengräber saß in seiner Stube am Fenster und sah zu Elisabeth hinüber. Bedächtig wiegte er den weißhaarigen Kopf. Eine Ahnung sagte ihm, wem er das nächste Grab schaufeln werde. Elisabeth neigte sich über den Hügel. „Elenderle?" sagte sie leise und lächelte wieder. Plötzlich wurde es ihr schwarz vor den Augen. Sie wankte, und ihre Hand griff, einen Hakt suchend, in die Luft. Der Totengräber stand rasch auf. , „ „ , , ., Aber schon war der Anfall vorüber. Es widerfuhr ihr solches manchmal in der letzten Zeit. ' Langsam ging sie den Weg zwischen den Gräbern hinab. Die sinkende Sonne überflutete sje mit ihrem goldenen Licht. Und es war ihr, als ginge sie mitten in die Sonne hinein. Ausgaben der Polforschung. Von Professor Dr. L. W e i ck in a n n, Direktor des Geophysikalischen Instituts der Universität Leipzig. Trotzdem der Nordpol in letzter Zeit nach Byrds und Amundsens gelungenen Flügen etwas von dem ihm bisher anhaftenden Schimmer des Unbekannten verloren hat, find die Fragen, die er der Wissenschaft aufgibt, noch lange nicht gelöst. Die beiden Expeditionen waren ja auch zu tiefergehenden Untersuchungen gar nicht fähig, da sie am Pol nicht landen konnten, und ihnen so die Lösung vieler wichtiger Ausgaben, die einen längeren Aufenthalt mit Lotungen usw. erfordern würde, gar nicht möglich war. Wir Deutschen wollen den anderen gern den Ruhm des Rekordes lassen, zuerst über dem Pol im Flugzeug und Luftschiff gewesen zu sein, wenn uns nur der edelste Teil verbleibt, zuerst auf dem Pol gelandet und dort wirklich gearbeitet zu haben. Aufgaben gibt es noch genug und der deutschen Polarluftfahrt wird es hoffentlich vorbehalten sein, sie zu lösen. Dazu ist die geplante Expedition eines deutschen Zeppelin- Schiffes, die im nächsten Frühjahr verwirklicht werden soll, besonders berufen. . Die Arbeit, die noch zu liefern ist, liegt in erster Liine auf geographischem und geophysikalischem Gebiete — die Erforschung der Arktis mit Hilfe des Luftschiffes ist übrigens wesentlich leichter möglich, als der Antarktis, da sich der Verwendung dieses Hilfsmittels am Südpol weit größere Schwierigkeiten in den Weg stellen, als am Nordpol. . Eine der wichtigsten geographischen Fragen, die es in der arktischen Forschung noch zu lösen gibt, und die auch durch die „Norqe" und Byrd sicher noch nicht annähernd gelöst sind, ist die nach Verteilung von Land und Meer. Seit 25 Jahren sind im Polarbecken immer wieder neue Inselgruppen entdeckt worden von Sverdrup 1900, von Stefensson 1916 nördlich der kanadischen Bruchplatte. 1913 von dem Russen Wilkitski, nördlich des Kap Tscheljuskin, des sog. Nikolaus II.-Land. Ein amerikanischer Geophysiker, namens Harris hat aus den Ebbe- und Flutbewegungen des Polarmeeres geschlossen, daß noch nördlich der von Sverdrup entdeckten Inseln Land liegen müsse, ein Schluß, der allerdings nach neueren Untersuchungen nicht zwingend ist. Um aber eine solche Aufgabe lösen zu können, ist es nötig, ein Luftschiff zu bauen, das einen entsprechenden Umweg nicht zu scheuen braucht, das nicht in 40 Stunden, wie die „Norge" ausgefahren ist, sondern das 120 bis 150 Stunden fahren kann, das auch eine Zwischenladung in ungünstigem Gelände aushäli. Insbesondere ist dies letztere notwendig für die zweite Gruppe von Aufgaben, die geophysikalischen und die geologischen Probleme. Um die Ausdehnung der im Polarmeere vorhandenen Landmassen zu erforschen, sind Lotungen nötig, die von der eigentlichen KUstenzone weg noch hinaus auf das Meer verlegt werden müßten. Besonders wichtige und der Lösung bedürftige Fragen liegen noch vor auf den Gebieten des Erdmagnetismus und der Meteorologie. Wir kennen mit fast alleiniger Ausnahme der polaren Gebiete die Verteilung der magnetischen Feldstärke der Erde überall. Aber gerade die polaren Regionen, die dem magnetischen Erdpol am nächsten liegen, sind uns in ihrem erdmagnetischen Verhalten ganz unbekannt. Wenn man dazu kommen könnte, bei einer Zwischenlandung von einigen Stunden genaue magnetische Vermessungen auszuführen, so wäre das bereits genug, um die empfindlichen Lücken auf unseren Karten zu schließen und dies wäre auch von unmittelbar praktischer Bedeutung. Die meteorologischen Vorgänge unserer Breiten hängen aufs engste mit denen der Arktis zusammen. Die aimosphärifchen Druckgebilde sind so ausgedehnt, daß sie unter Umständen die ganze Nordatlantis und ganz Europa um- fafsen. So können wir also auch, wenn die Umrandungsstationen des Polarbeckens ihre Wetterbeobachtungen gemeldet haben, mit ziemlicher Sicherheit auf den Verlauf der Luftdrucklinien schließen, aber nicht in allen Fällen. Wenn z. B. eine Trennnngslinie zwischen Hoch- ujtb Tiefdruck über dem Po! liegt, kann niemand sagen, wo sie verläuft. Wenn es gelänge, durch Messungen an verschiedenen Punkten des Polarbeckens die Bedingungen festzustellen für die Ausbildung und Bewegung solcher Grenzlinien, der kalten polaren Luftmassen gegen die wärmeren unserer Breiten, so wäre damit ein Einblick gewonnen in den großen Mechanismus der großen atmosphärischen Maschine. Ans diesem Gebiet kann übrigens das Luftschiff auch ohne Landung wertvolle Dienste leisten, wenn es durch vertikale Navigation feststellt, wie hoch die Polarzone kalter Luft reicht, welche Windrichtungen in der Höhe herrschen, ob der von verschiedenen Forschern vermutete große Polarwirbel in der Höhe Realität hat, welches die Temperaturen in den verschiedenen Luftschichten neben- und übereinander sind, kurz alle Aufgaben der arktischen Aerologie erfüllt. Um aber dies durchführen zu können, darf man nicht, wie di« beiden letzten Expeditionen gezwungen sein, ängstlich mit Minuten zu rechnen und zu geizen, immer verfolgt von den, Schreckensgespenst der Frage: wird es reichen, ober nicht? sondern man muß mit möglichst großer Sicherheit arbeiten können. Diese Sicherheit gewährt ein Luftschiff in weit größerem Maße, als ein Flugzeug. Bei ersterem muß es das Bestreben sein, eine möglichst große Nutzlast (Brennstoff. Ausrüstung, Lebensmittel usw.) mitnehmen zu können. Das Verhältnis zwischen Nutzlast und Schiffsgröße wird nun immer günstiger, je größer das Luftschiff ist. Deshalb war es das Bestreben der geplanten deutschen Zeppelin-Polfahrt, mit einem großen Schiff von vielleicht 150 000 Kubikmeter Gasinhalt zu fliege», einem beinahe lOfachen der „Norge". Der i. I. 1914 gebaute „L. 3" hatte z. B. eine ßuftoerbrängung von 22 500 Kubikmeter und eine Nutzlast von 8700 Kilogramm, der 1917 erbaute „L. 59" hatte die dreifache Luftverdrängung, aber die sechsfache Nutzlast. Aus diesen Gründen wächst natürlich der Aktionsradius großer Schiffe und dies um so mehr, als nicht im gleichem Maße die Motorenstärke zu wachsen braucht. Der „L. 59" hatte nur doppelt soviel P. S., wie bet „S.3", trotzdem war seine Geschwindigkeit wesentlich größer. Ganz anders liegen die Dinge beim Flugzeug. Hier ist die Bilanz zwischen Nutzlast und Flugstrecke ziemlich ungünstig. Bei langen Flügen wird die Tragfähigkeit des Flugzeuges durch den Betriebsstoff erschöpft, so daß z. B. bei Byrds Fluge für Nahrung und Ausrüstung so gut wie nichts übrig blieb. Der erste Flug Amundsens ist ohne Zweifel — abgesehen von der Schwierigkeit der Orientierung — an dieser prekären Bilanz gescheitert, so daß es nur unter Ausnutzung des Betriebsstoffes beider Maschinen gelang, den Rückflug auf einer davon zu bewältigen. Der Flug des Amerikaners Byrd stellte daher gewiß ein Wagnis dar, aber das hauptsächliche Risiko, das er lief, war das Versagen des Motors ober bet Orientierung. Andere Bedenken bestehen nicht, ein Flug von zwanzig Stunden Dauer ist ja längst keine Gipfelleistung mehr, und für einen erprobten Motor ist es auch nicht ungewöhnlich, daß er vierundzwanzig Stunden ununterbrochen läuft. Eine Landung allerdings ist im Polargebiet für das Flugzeug bedenklicher, als für das Luftschiff, solange das Problem des Schraubenfliegers nicht völlig gelöst ist, der sich langsam lotrecht aus die Erde herabsenken kann, ein Problem, das übrigens der Lösung sehr nahe ist, wenn auch In etwas anderer Form, als ihn der spanische Ingenieur De la Cierva gegeben hat. Solange die Flugzeuge große Landungsplätze brauchen, haben sie in den Eisfeldern und Packeisbergen der Arktis nichts zu suchen, und bleibt jeder Nordpolflug im Flugzeug ein tollkühnes Wagnis. Trotz Amundsens und Byrds Flügen bleiben für die geplante technische Polarfahrt noch genügend Aufgaben übrig, die der Lösung harren. tzchriftleitung: l)r. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, 2t. Lange, Gießen.