Gießener Zamilienblätler Unterhaltungsbeilage Zum Siebener Anzeiger Samstag, den <7. April Jahrgang 1926 Hummer 3( Spruch der Erde. Don Johannes Heinrich Braach. Der Bauer drückt den Pflug ins Land und zügelt seine Pferde, und während er die Scholle sticht, und während er die Bahnen bricht, spricht er den Spruche der Erde: „Allmutter Erde sei uns gut und gut dem Werl der Hände, die Mühe, die das Feld bebaut, die Hoffnung, die dem Feld vertraut, Mr' du zu rechtem Ende. Wirf Gnade in die weite Flur, wirf Segen in den Samen, das Land ist arm, dem Voll fehlt Brot, brich du di« Bitterkeit der Rot — sei uns barmherzig — Amen." Adaldert Stifter. Von Felix Braun. In der Reihe der 4-Mark-Dücher des Insel- Berlages (16) erschien ein schmuck ausgestattet«:, schmaler Band der schönsten Erzählungen des Dich- te'-s Felix Braun schickt ihnen eine feinsinnige Einführung voraus, der wir mit Erlaubnis des Verlages folgenden Abschnitt entnehmen: Was wohl ist es, das uns in Stifters Welt so schön dünkt? Warum sind wir schon beglückt, wenn wir nur den Anbeginn einer dieser Erzählungen lesen, sei es, daß eine Waidlandschaft oder das Innere eines Hauses uns aufmmmt, s« es, daß uns ein edles Menschenangesicht grüßt? Es ist die Mmofphared^ Reinheit, die uns aus jeden, Wort hier anhauaft. Zu Stifters Zeit maq sie vielleicht aus die Menschen nich, so erhebend gewirkt haben, denn sie war selbstverständlicher, alltäglicher Besitz. Der bürgerlichen Kultur des vormarzlichen Wien, drsien Gesellschaft noch eine in Klassen und Schichten str«rg geschiedene war, die Vermischung nur dort zulieh, wo der Geist oder das Verdienst sie gestattete, wohnte, wenn mcht das Weien, so doch das Prinzip der Reinheit ein, das durch Aostuftmg, Abgrenzung. Erschwerung des Eintritts in reden nächsthöheren Lebenskreis nichts ohne ein GeMl der Achtung geschehen lieh, üern voneinander gehalten, bedeuteten die Geschlechter mehr fure naiider als heute. Eine erste Begegnung war schicksalhaft schichal gründend der Gedanke an die Dauer bis zum SoDe, ja über den Tod hinaus, verlieh dem Entschluß der Liebenden eine religiöse Feierlichkeit, die dem Weg der Verlobung, dem Lag der Hochzeit eine höchste Bedeutung zumaß. Bindung war mcht nur PfMt, sie ging unweigerlich aus dem Erlebnis hervor. Wer Bindung versäumte, entfremdete sich dem Leben, verlor das Leben, wie es Grillparzer, Raimund Lenau «nSußea mußten Stifter band — oder richtiger: bändigte — sich im letzten Augenblick: aber zu einer anderen .Zeit wäre er in seinem Kampf um Reinheit schwerlich so siegreich geblieben, wie er e3 wn das Opfer seines tiefsten Lebens, seines im Grunde leidenschaft- llchen, ja. gewaltsamen Herzens — tourDc. Die „dreifache Ehrfurcht" der Wander; ah re K1*® die Zöglinge einer erdichteten „pädagogischen Prownz gevitoer. zu ihn«, muß auch Adalbert Stifter gerechnet ^en Religiom Aatur, Liebe sind die Beweger seiner PoLsw Wo di^e Geruea nicht von Zweifel angetastet wer^n, ist Reinheiü Ueberall^>rt wo Absolutes geglaubt wird, ist Reinheit: wo das Vokative durchsickert, Trübsinn. Da jedoch aS"? gilt: wie denn vermag Reinheit auf uns zu wirken? Ohne Frage ergreift uns solche Lauterkeit mit einem romantischen Gefuhll und das ist's, was die lesende Einkehr m ihr Bereich s° köstlich macht. Als eine für immer verloren« ide-^e Welt b-zaubeiä uns die des „Rachsommers", als «in Charakter, der unter w.s nie möglich wäre, entzückt uns der Witikos Die S-Hnsucht emmn Mädchen wie dem mit dem Krmize ^r Rosen auch einmal zu begegnen, ein holdes Antlitz tote das Angelas oterliwä btt ■ Mädchens im .Waldsteig" wirklich vor imS $u erblicken, L-reue. Ernst, Würde, Hochsinn an Menschen zu erfahren, tote sie Brigitta, Abdias, der Arzt in der „Mappe .der im..Kalk- stem" vorstellen: das ist's, was den Genuß dreier Scheckwn wie einen nie versieglichen des Märchens, fort vnd fort G.mk spenden läßt. Denn di« Idealwelt, die uns vom Dichter mit bewußt lehrhafter Absicht dargetan wird, ist gleichwohl die unseres Lebens, unserer Gegenwart. Es'ist hier durchaus etwas von dem im allgemeinen und dauerhaft Schönen erreicht, das in den Bildwerken der Griechen und des gotischen Mittelalters, in der deut- scken Musik und in der Dichtung Goethes — alle diese Schöpfungen und Schöpfer sind die Vorbilder Sttsters gewesen — unver- welklich durch die Völker und Zeiten fortwährt. Ein Zweites, dessen die Seele des Lesers durch Stifter froh wird, ist die Entrückung ins beseligende. Grün. Die Landschaft, sonst der romantische Hintergrund der Handlung, hier überwächst sie den ganzen Plan. Der Wald umrauscht das lesende Haupt, Kräuter, Blumen, Gräser sprießen aus der Erde, über die der im Geist Schauende wahrhaft zu wandeln wähnt: er spürt den Duft des Laubes, der Radeln, der Halme, des Harzes, des Taues, der Sonne, wie sie Pflanzen und Getter wärmend zum Leben bringt, und dieses ganz und gar erfüllte Raumbild bleibt mcht wie ein gemaltes im schönen Augenblick gebannt, sondern tote auf einer Wanderung vergeht es in Nächst Tieferes und immer so Tieferes und Innigeres — Gründe tauchen aus Gründen, werden durchgangen, versinken, neuen Bereichen unendlichen Waldgrüns sich öffnend, und so erlebt der mit dem Dichter hindann Schreitende nicht bloß Landschaft, das wäre immer noch ein zu sehr mit Kunst Verbundenes, vielmehr Land, nicht zu einem Rahmen ausgeschnitten, svnderii unbegrenzt« Aatur sell>st, Wald, in den man sich nur verlieren kann und darin doch das Kleinste das Herz anhält: denn ein Blick in einen Blumenkelch ist ein nicht minder unendlicher als ein Reisezug über die dämmer- blauen Waldrücken. Anschauung ist.viel, ist alles, was der Dichter geben kann: hier aber wird auf wunderbare, kaum ganz faßbare Weise Anschauung zum Ort selbst verwandelt, tritt eilt Versinken in Anschauung ein, das nicht mehr der Fiktion der E^ählung bedarf, sondern eine zweite Gegenwart ist gewönne^ in der keineswegs anders als in der „wirklichen" Baume und Wasser rauschen, Gräser flüstern, Lichter spielen, Blumen leuch- ten, ja, vielleicht tiefer noch umzaubrrt hier das Waldesgru« voll Vogelsangs und Dienentons, voll feuchten Hauchs und Holz- geruchs das Herz. Unsäglich ist diese Dichtung, auch sie, wenn man mag, eine senttmentalische in dem Sinn, den wir früher von der Reinheit gebraucht haben. Wie zu Stifters Zeit das Leben der Menschen sich kaum von dem unterschied, das er in seinen Erzählungen zeigte: so auch ist sein Wald kein poetisierter, sondern «s ist der Dohm« Wald, wie ihn der Knabe, der Jüngling, der Mann, der Greis, wie ihn der Maler und der Wanderer, wie ihn der Kenner der Pflanzen und der Steine, wie ihn der Dichter erlebt.hat. Rur von uns Späteren aus gesehen, scheint solche Üinmittelbarkeit! romanttsch. Weil unsere Herzen träger zur Liebe für Die Ge- schöpfe Gottes geworden finit, darum find wir ferner der geduldigen Well der Pflanzen. Glauben ist die große Kraft, die Stifters Dichtung erhebt; oft nur schwer erhebt, so daß fein Geist Muhe hat, die tiefe Anstrengung, den harten Dienst, das schmerzliche Opfer nicht merken zu lassen. Glauben an Gott, an Gottes Wort, an Gottes Schöpfung fordert, daß selbst die Satzungen des Menschen mit in das widerspruchslose Reich der dauernden Gulttgkeit ^- zogen werden. Dis weit in die irdische und in die zeitliche WM reicht das Absolute herein: durch Die Sakramente heiligt es unsere Entschlüsse und Taten Ja, eS ist b-glückend. an die feste Ordnung der Welt zu glauben. Was auch haben„wir mit dem Erkennen, Erwägen und Gestalten von „Problemen eizillt? Schwere, mutlose Herzen, trübe verzweifelnde Seelen. Aber nun scheint es wahrhaftig, daß über den älmweg eines ganzen Jahrhunderts der Geist wieder »»r Bekräftigung dMen gekommen ist was ehedem den Ahnen als unverwirkbares Gill der Seele immer schon seststand. Liebe zu: Gott zum Vaterland zur Geliebten, zu Den Kindern, zu der P sticht des Lebei^- Stifter lehrt sie glauben, und er lehrt sie üben, als ein unanfechtbar Seiendes und Wirkendes zeigt er fle und so einfach, Won «n» gut, daß auch der Klügste aus seinen Zweifeln die Kraft schwinden fühlt. Wie die Waldbäume in den Himmel ragen, wie Die Waldgräser in dem Windhauch wehen, wie Der Waldbach durch die Lehmerde rauscht: so strebt das Herz zu Gott, so träumt d^ Herz seine Liebe, so strömt das Herz in alles Leben htn^Ohne Angst vor Dem Zukünftigen lebt der fromm sich(Dindmde fortmr2W Die Svehnat, an das Haus, an Gott gebunden erhalt sich der M«isch Kinder sind Der höchste Lohn, Der ihm das Opfer der Bindu^ Betautet. Wo dieser Lohn ausbleibt. Dort, nur dort ist Leid. Dies Leid zwar erscheint reichlich in Stifters Dichtungen — war es doch das einzig unheilbar gebliebene seines irdischen Daseins . aber niemals verläßt seine Melancholie die strenge Grenze, die 122 feine Ergebung in den Willen Gottes zieht. Nichts soll uns entsetzen. Große Gefahren der Natur, Gewitter, Schneestürme, Kriege werden gewendet durch ein schlichtes Herz. Ohne Furcht gehen die Kinder durch 6en Schneefall des Gebirges. Aus dem Kampf für das Recht kehrt Witiko in sein W ild land heim. Diese geistige Dreifaltigkeit der Reinheit, der Natur und des Glaubens vermöchte allerdings kaum so zu wirken, wie sie wirkt, wenn nicht eben auch das Wesen des Schönen selbst, das in einer weisen Kraft des Maßes seine Wurzel hat, aus der Musik, aus der Malerei und aus der Liturgie feine Muster holt, allen dreien Elementen inne wäre. Wie schön ist die Prosa dieser Schriften, obgleich sie niemals und nirgends das Poetische, sondern stets nur das Wirkliche barstellen will. Dadurch gerade aber ist sie poetisch. Der Wald rauscht aus Stifters Geist, und das, was über dem Walde ist, fühlen wir in frommer Ahnung mit Ein treuer Lehrer wandert uns vorauf, weist bald den, bald jenen Baum, bückt sich nach verborgenen Blüten oder Beeren, die er uns lächelnd zurückreicht, lobt uns dir ewige Quelle, die aus der Höhe niederdrängt, führt uns auf Schattenpfaden in die Lichtung, zu den Häusern der Menschen, unter den Sternenhimmel heraus. Auf dem Wege sagt er uns viel, auch von dem, was nicht in dem Walde ist: von der Pflicht, das Rechte zu tun, von der Heiligkeit der Ehe, von der Notwendigkeit, die Menschen zu erziehen, wie die Pflanzen erzogen werden. Es ist die Liebe, deren wir hier genießen: das ist das letzte Geheimnis, aus dem ein Werk auch der Kunst unveraltend fortbesteht. Die Worte des Korintherbriefes güten ja auch für die Worte des Schönen: „Literatur" ist, wo Liebe fehlt: wo aber sie ausstrahlt, unsterbliches Leben. Die Schuhe der Madonna. Eine Legende. Don Alfons v. Czibulka, Auf einem kleinen, sonnigen Hügel lag der Spielmann Sebastian. Hatte seine Fiedel neben sich im Grase und blinzelte unter dem breiten Hute mit der Falkenfeder vergnügt in die Welt hinaus, von der ein ordentliches und freundliches Stück ihm vor der Nase lag. Rotbraun waren die Aecker, hellgrün flössen die Wiesen dazwischen, und an ihrem Llfer standen unermeßlich die Wälder. Nur die Landstraße, die schnurgerade und bedächtig da und dort ein wenig steigend oder sachte fallend, durch die Helle kroch, war staubig, grau und unerfreulich. Darum war auch der Sebastian, als er aus dem Walde, darin er geschlafen, hervorgew ändert war, nicht auf ihrem grauen Bande fort- gegangen, das sich zum Städtchen niedersenkte, dessen Türme und Giebel schon jenseits einer Hügelkette zu sehen waren, sondern hatte sich seitwärts in die Bunten Wiesen geschlagen. Wo das Gras duftete und leuchtete, die Hummeln läuteten, die Dienen summten, und der kleine Hügel als eine grüne Bastion aus dem Dunkel der Wälder hervorspvang. Nachdem der Spielmann noch eine Weile geschlafen hatte, weil die Sonne ihm so warm auf den Rücken schien, und er auf diese Weise auch den Hunger zu betrügen meinte, setzte et sich im Grase auf und griff nach feiner Fiedel. Weil er am nächsten Morgen ben Kirchengängern auf dem Platze vorzuspielen gedachte, was ihm immer etliche Kupfermünzen eintrug, unter die sich auch manchmal ein Silbergroschen verlor, wollte er über eine neue Weise nachsinnen, die ihm schon in allen Gliedern zuckte, seit er sich ausgerechnet, daß er gerade an diesem Samstag in das Städtchen einziehen würde. So schwangen eine Weile die feierlichsten Töne und Akkorde über die Wiesen, Aecker und Hügel. Dis er ein ordentliches Kirchenstück beisammen hatte, das er, um es recht im Kopfe zu behalten, zwei- oder dreimal über die schöne Landschaft ausklingen lieh. Weil er aber als ein Spielmann nicht nur für die Erbauung seiner Nächsten, sondern auch für die Deine der Jungen und die Herzen der Alten zu sorgen hatte, selbst auch noch ein junger Teufel war, so erhob er sich, als der letzte feierliche Geigenstrich verklungen und begann, lustig ausschreitend und im Kreise sich drehend, eine fröhliche Tanzmusik, daß aus den Kronen der nahen Bäume singend und zwitschernd in bunten Schleifen und Kreisen die Dögel aufstoben, wie die Blätter im Herbste. Lieber diese musikalische Dormtttagsprobe war es Mittag geworden. Da dem Sebastian der Hunger im Magen brannte und die Sonne auf dem Kopfe, er auch wußte, daß heute die Alten und die Jungen schon am Nachmittage in den Wirtshäusern sitzen und sich bald nach einem Spielmann umsehen würden, so ging er nun doch die staubige Straße zum Städtchen hinab. Eben, als er immer langsamer auf dem schmalen Schattenstreifen, den zu beiden Seiten die Bäume warfen, in der heißen Sonne talwärts schlich und sich besann, ob er sich nicht doch lieber bis zum Abend wieder in die Wiesen legen solle, überschritt die Straße die letzte Höhe. Lind er sah das Städtchen, dessen Türme und Giebel seit einer Weile verschwunden waren, zu seinen Füßen liegen. Auch die Straße sich freundlicher zwischen blühenden Gärten hinziehen, die vor den Toren und Mauern lagen. Wo ein wenig unter dem Scheitel der Straße ein schmaler Pfad nach dem Galgenhügel abzweigte, stand eine kleine offene Straßenkapelle mit einem hölzernen Marienbilde. Dor dem die Wanderer und Fuhrleute zu beten pflegten, und man auch die armen Sünder ein letztes Vaterunser sprechen ließ, ehe man sie an den Galgen hängte, der als ein schwarzes Gerüst über den blühenden Bäumen hervorsah. Weil der Spielmamr nun ein gottesfürchtiger Mann war und auch meinte, daß es unmöglich schaden könne, toeitn er die Himmlischen vor feinem Einzug inS Städtchen um gnädigen Beistand anriese, f» wollte er eben vor dem Bilde niederknien, als ihm einfiel, daß die Gottesmutter sich vielleicht über sein neues Kirchen stück freuen könnte. Llich damit auch ein ordentlicher Segen auf seinem musikalischen Tun ruhe, begann er die Weise zu spielen. Dann aber kniete er auf der kleinen Holzbank nieder und klagte der Madonna traurig sein Leid, weil ihm alle seine Kunst nichts nützen wolle, und er ein armer Teufel bleiben werde, sein Leben lang. Die Maria aber stand als ein schönes, einfaches Holzbild zu Häupten 6e8 Betenden und trug nichts als ein bescheidenes Krönlein im Haar und einen blauen Mantel über dem großen Kleide. Nur ihre Schuhe waren aus lauterem Golde, die der Sage nach einer gestiftet haben soll, der schon auf der Galgenleiter gestanden hatte und durch irgendeinen glücklichen Zufall wieder lebendig heruntergekommen war. Wie so der Sebastian andächtig vor dem Schnitzwerke um ein gutes Gelingen seiner musikalischen Künste betete und auch die Gelegenheit beim Schopfe erwischte, sich der Himmelskönigin so recht als eine arme Haut vorzustellen und ihr alle Nöte seines Herzens offenbarte, schien die Kapelle in einem milden Lichte zu strahlen und die Madonna sich über den Spielmann zu neigen. Lind weil ihr sein Jammer zu Herzen ging, hob die Maria, indessen sich Eier Sebastian immer tiefer über seine gefalteten Hände beugte, ein wenig ihren rechten Fuß, schnellte plötzlich mit einem zierlichen Schwünge die Spitze nach vorn, daß der goldene Schuh ihr vom Fuße glitt und in den Spielmannshut fiel, der auf dem Schemel neben dem Knienden lag. Der aber schaute verwundert auf, als es so golden neben ihm blitzte, sah noch, wie ihm die Madonna freundlich und ein wenig schelmisch zunickte und hielt so völlig verdutzt in feinem Gebete inne, daß er für eine Weile den Mund zu schließen vergaß. Als er aber begriff, daß hier offenbar ein Wunder geschehen sei, und nun wußte, daß fürs erste alle seine Nöte vorüber wären und er sogleich ans Nächstliegende dachte — sich endlich einmal satt zu essen — flüsterte er ein herzhaftes „Vergelts Gott", steckte den Schuh in die Tasche, nahm die Geige unter den Arm, den Hut in die Hand und rannte, was er konnte, zum Städtchen hinab. Weil es ihm doch nicht recht geheuer war und er nicht wußte, ob dies alles am Gude nicht nur Leufelsspuk fei. Darum zog er auch, als er sich ein wenig nirtzersetzte. um zu verschnaufen, wieder den Schuh aus der Tasche, um zu sehen, ob dieser nicht inzwischen zu einem Steine oder einer Kröte geworden fei. Wie er das bei solchen Wundern, die der Teufel vorgaukelt, um einen armen Burschen zu ärgern, schon des öfteren gehört hatte. Da aber der Schuh noch immer in der Sonne funkelte und glänzte, und nichts Teuflische an ihm zu fein schien, so marschierte der Spielmann in der Haltung eines Mannes, dessen Leben plötzlich auf eine handfeste Unterlage gestellt ist, durch das Tor in das Städtchen hinein. Wo gleich zu rechter Hand ihn ein Wirtsgarten lockte, darin schon die Menschen um die Tische sich drängten, und aus dem es um so lieblicher nach Gekochtem und Gebratenem duftete, als der Sebastian feit Tagen nichts Gescheites im Magen gehabt hatte. Also stolzierte er, feine Fiedel unter dem Arme, recht erwartungsvoll mitten in das schnatternde und lachende Gewimmel hinein, um sich an einem Tische, an dem er noch ein Plätzchen erspähte, niederzulassen. Weil das aber der Tisch war, wo ein paar Ratsherren, der Pfarrer und etliche von den angesehendsten Bürgern saßen, so kam auch der Wirt, der den neuen Gast von weitem entdeckt hatte, in eigenes Person angeschnauft, um nach dem Rechten zu sehen. Gleich den Gästen am Tische sah er wohl den verstaubten Gesellen, ein wenig von der Seite an, bequemte sich aber doch, nach seinem Wunsche zu fragen. Rieb sich sogar die Hände und buckelte vergnügt, als der Sebastian gleich ein halbes Dutzend Speisen bestellte. Da er aber indessen Zeit hatte, sich feinen Gast näher zu besehen und ihm dessen Gewand nicht im Derhältnis zur Zeche zu stehen schien, der Gesell nun gar noch von dem besten Weine bestellte, und ein Wirt es schließlich seinem Rufe schuldig ist, sich nicht um die Zeche prellen zu lassen, so fragte er, lustig mit den Aeuglein blinzelnd: „Kann der Herr aber auch bezahlen? Auf welche Frage ihn der Sebastian recht mitleidig ansah, dann aber in seine Tasche griff und ihm mit so ansehnlichem Schwünge den goldenen Schuh unter die Nase hielt, daß der Wirt nur mit Mühe einem Stüber entging. Eine Weile starrten er und seine Gäste auf das goldene Ding. Dann aber fuhr ato erster mit Entsetzen der Pfarrer empor, in dessen Geschäft die Angelegenheit ja recht eigentlich auchgehörte. und schrie: „Der Schuh der Madonna!" Lind die anderen zeterten dazwischen: O, du Teufelsbraten! Du Satansbrut! Er hat ihn gestohlen! Gleich hatten ein Dutzend Fäuste den Spielmann am Kragen und schleppten ihn, der verzweifelt mit feiner Geige um sich schlug, zum WirtLgarten hinaus und durch die Gassen und Gäßchen zum Stadtgericht. JndeS alle Gäste, um von dem Schauspiel nichts zu versäumen, hinterdrein liefen und der WirtS- garten bald als ein greuliches Schlachtfeld dalag, auf dem der Wirt freilich nicht als Sieger geblieben. Denn gezahlt hatte keiner. Da es nun ohne Zweifel sogleich eine Hinrichtung gab, weil man damals die Diebe noch henkte, nach einer solchen Belustigung aber das Volk nicht bei ihm, dem Tvrwirt, einzukehren pflegte, sondern bei seinem Todfeind vom silbernen Bären, so schlug sich der Torwirt verzweifelt aufs Marti. Demi er meinte — 123 — Gezeitenströmungen und der Meeresbrandang einerseits, der Sonnenstrahlung andererseits technisch zu verwerten.. Wenn dies bisher noch nicht, oder doch nur in auhMt bescheidenem -Umfang möglich war, so ist daran vornehmlich der Umstand schuld, daß die genannten Naturkräfte allzu unregel- mäßig und unberechenbar sind. 3n kleinem Maßstab sind die von Cooper gehegten Absichten ost genug schon von anderer Seite angestrebt und zum Teil auch verwirklicht worden, aber über das Dersuchsstadium ist man bisher noch nirgends recht htnaus» $ Der erste bekannte Entwurf, Ebbe und Flut zum Betnebe einer Mühle auszunutzen, stammt schon vom Jahre 1438 und ist von Jacvpo Marino aus Siena verfaßt worden. Die erste praktische Ausführung einer Flutmühle, wenn auch nur im, kleinsten Maßstab, erfolgte 1713 in Dünkirchen durch den holländischen Zimmermeister Perfe, nachdem schon 20 Jahre vorher ein gewisser Hardleh das englische Patent Ar. 315 »zur ©etomnung motorischer Kraft durch Ausnutzung der Bewegung der Brandung" erhalten hatte. r, , Seit 1870 hat sowohl die Ausnutzung der Wellenbewegung wie die Gezeitenströmung zu wiederholten Malen technische Kreise in Deutschland wie im Ausland eingehend beschäftigt. Schon 1871 wurde in, Dithmarschen eine Flutmühle gebaut, die sich aber nicht bewährte. Der Hamburger Ingenieur Pein hat ihr von 1895 bis zum Kriegsausbruch seine Arbeit gewidmet, und zumal fest 1807 erst in Groden bei Cuxhaven, später bei Husum, Ansehnliches geleistet. Der Krieg hat leider seinem aussichtsreichen Experimentieren ein Ende gemacht. Seit 1897 hat strner der Ingenieur Knoblauch auf gleichem Gebiete gearbeitet, 1901 auch der berühmte Qrville Wright, der eine der,beiden „fliegenden Brüder", der an der kalifornischen Küste nut Hille einer von drei Schwimmern durch die Gezeiten betriebene Pumvvorrchtung eine Turbine betrieb und aus diese Weise stündig 9 PS. getoumen wollte. Seine Fluginteressen haben ihn spater diesen alteren Arbeiten abspenstig gemacht. In längster Zert ist nwn in Sng land zu einer Berwirllichung im größeren Stil über gegangen Bei Deachley, an der Mündung des Severn, wollte man einen vier Kilometer langen Staudamm durch den Fluß stehenund auf diese Weise ein im Mittel acht Meter st^es Staubecken von 70 Quadratkilometer Fläche schaffen, das auch als Seehasen benutzt werden kann. Das Werk sollte die Was,5««. J« Gezeitenschwankungen ausnutzen und i/2 bis 1 Million PS. ständig erzeugen. Doch ist nicht das letzte Wort darüber gesprochen^. Ent- aeaen den sehr optimistischen Rentabilitätsberechnungen der eng stschm Interessenten zweifeln deutsche Fachleute stark an der Ausführung des Werkes, nicht so sehr an der technischen Ausführbarkeit, als an der Wirtschaftlichkeit der Anlage. Bei d«r eingangs erwähnten amerikanischen Planen dursten die Dinge ebenso ^liegen. Daß man heute technisch in der Lage sein wurde, Me Kraft der Ebbe- und Flutströmungen nutzbar ni*t zu bezweifeln, aber die dafür notwendigen Anlagen stno noch zu teuer, als daß eine Konkurrenz mit den sonst ubM>«l Kraftstationen möglich ist. Wird die ^^^E^Gez^tenkraf^ befriedigend gelöst, so werden die ganzen großen Gezeirenrrasi- werke nicht auf sich warten lassen! Der Liedchespfeifer von Angersbach. Eine Geschichte von Dogelsberger Finken und Menschen. Don Franz Gros. mm, daß er es Wohl besser gehalten hätte, und er sich lieber von dem einen um die Zeche hätte prellen lassen sollen, als von dem ganzen Gelichter, von dem schon ein Teil neugierig zum Galgenberg rannte. ,. $ , Dem Sebastian aber, der nicht wußte, wie ihm geschah, hatten fit zum Stadtgericht gepufft und gestoßen, und es half ihm kein Flehen und Beteuern, daß er den Schuh nicht gestohlen s sichern Ke Gottesmutter ihm diesem selbst in feinen Hut geworfen habe. Weil das Boll, das doch so gern an Wunder glaubt, darüber nur lacht wenn dann wirklich- eines geschieht. So fuhren also die Dichter wie die Habichte auf ihn los, der mit so frecher Stirn noch zu leugnen wagte, indessen schon Leute gelaufen kamen, ^ geradenwegs aus dem Wirtsgarten zur Kapelle gerannt waren imd es nun schon von weitem wie «ne Freudenbo schäft ausschrien: „Er hat ihn gestohlen, er hat ihn gestohlen. Mutter Gottes fehlt der rechte Schuh! . Weil es schon spät am Rachmittag war, man einen solchen Dieb doch unmöglich länger leben lassen konnte, sich aber auch den Sonntag mit einem so leidigen Geschäft, wie es eine Hinrichtung ist, nicht verderben lassen wollte, so beeilte man sich, zu einem Spruch zu kommen. Also sie den Sebastian schon zmn Hochgericht führten, als die Sonne noch em gutes Stuck über An Hügeln stand. So marschierte der Spielmann kawn zwei Stunden, nachdem er so vergnügt dem Städtchen zuMwandert Wieder — freilich diesmal zwischen Henker und Pfarier den Wen zurück, den er gekommen war. . . Als man zur Kapelle kam, wo die Leute schon neugierig den unbeschuhten Fuß der Madonna besahen, indes es von &em «mdern noch golden funkelte und leuchtete, hieß man, tote es der Brauch war, den Spielmann niederknien, damit er ftm letztes Stoßgebet spreche. Der aber bat, ob et vor dem Bilde noch einmal die fromme Weise spielen dürfe die er wn sruhen Rach- mittag der Madonna vorgegeigt hatte weil die Richter und die Räte nun doch das junge Blut beklagten, s°s^ttnste ja Also trat der arme Sünder zwischen Pfarrei und Heister an das hölzerne Marienbild und begann das schone Stuck von neuern^ 8 Jy ^e ersten Geigenstriche erklängen, drängte fid» das Boll im Halbkreis an die Kapelle heran, wo der Henber Pfarrer von allen Seiten den unbeschuhten Fuß sich entrüst« ffÄR es ihm, en lkNlen - Lud cÄ we Akkord über die Gärten entschwebte und der Henker den Sebastian schon vor sich herstoßen wollte hob die Maria vor allem Volk mit einem kleinen Schwung dm Itnfen Sufi wie sie es am Nachmittag mit dem rechten getan hatte und warl auch den zweiten Goldschuh vor die 8uße desSpwl-- m. M« In ihn di- »«»>-- des aanzen Erdballs vorkommen. Im innersten aviniet ver wÄger^^l^M^hB a^dw mittl^Ebbe. Man Sn^lntrtn^eeiLtaSfcer Andy-Bay,der Passamaquoddy- ™ Elektrizitätswerk «richten Hi« tft ^Ge- zeitenunterfchied zwar nicht so bcdeitte , te tn on^ter Bay selbst, erreicht aber immerhin noch sunf bt3 L ech erheblich« Teil der f^enannten Neuenglandstaaten mit billigem elektrischem Strom versorg werden. Es wäre ein ungeheuerer Fortschritt, wenn der Pwn ge ng^ und die umwälzenden Folgen im Falle ^i-ws Erfolges stnb ga^ nicht abzusehen. Immerhin ist vorläufig noch weitge^n^ vwpiw am Platze zmiial die Nachricht aus dem 2anbe bet ©er^ation imö des Rekordbedürfnisses kommt. Daß dem Cooperschen Dersuch alleraröbtes^Jntevesse gebührt, ist sicher, Semt toemt bte » ., tw in einigen Jahrhunderten bevorstehenden Er- s^pfung der Kohlen und Erdöllager nritGrlasf sehm soll, so kann nur die Hoffnung dabei miWnAn, daß käs dahin gelungen sein wird, die unbegrenzten Riesenkräfte der (gortlcnung.) □Irena lab ihm einen Blick lang in die Augen und xXZ« x- w-°-- ^,»$6 rÄ auf den Bettrand. „Ich dank d r au sche st« alles kispette o Kranke und hustete. Nebenan pfisf der Bogels möglich dann, daß ich dich lassen tarnt, hab chch von Herzen lieb, das glauL mir^' Und der Bogel Pfiff das Lied »och einmal Philipp stand daneben am trüben Senft« und sah huw»^ auf die Dorfstraße und in das dahin rieselnde Wasser des Daches. -» ta S ä“w ÄÄ SU N- SÄttfÄ’“w h°d° S^r.11- ihrer Bettlade geborgen. Ja, was sollte es geben*. Wie konnte Liebe doch schmerzen. , Drei Sage darauf bettete man Lisbeth, die so gerne am pääs-ä ä x Ix gerochen hatte. Das Schicksal ließ beiden nun die Sterbe- glocken fast zur selben Stunde lauten. ftnd sechs Nachbarn trugen die beiden zu Grabe. - 124 — Philipp wurde nach der Mutier frühem Tode noch stiller. Ein (Sinnierer. An Anna dachte er so oft. And sie dachte an ihn. Wenn er sein« Finken lehrte, sahen seine Augen wohl die verhängten Vogelbauer. Er pfiff, weil sich die Lippen in gewohnter Weif« zum Pfeifen spitzten und die Zunge ihm wie von selbst dabei half — aber A ma und immer wieder Anna stand vor seinen Augen. And dem Mädchen erging es ebenso. Wohin sie auch ging, und was sie mich tun mochte: Philipp stand vor ihr und — hielt ihre Hand. Dieser hatte ihr seinen besten Schwarzkopf zugedacht, wie er bisher keinen zweiten gelehrt hatte. And eines Morgens, als Anna, wie er beobachtet hatte, mit ihrem Vater zum Heuholen in den Wiesgrund an der Mühle gefahren war, brachte er sein GesHeük ins Bürgermeisterhaus. Die stämmige Bürgermeisterin stand ebener Erde in der Küche und knetete in einer grünglasierten Schüssel den Teig für den Sonntagskuchen. Sie hatte Eile, denn der Kuchen mußte ins Backhaus gebracht werden. Sie dachte an den Spruch, der in der Schüssel in blauen Buchstaben eingebrannt zu lesen war: Liebe mich allein, oder laß das Lieben gar sein. 1817. Das war die Zahl des Jahres, in dem sie ihren Mann geheiratet hatte. So sah sie den Philipp, der ein gar stattlicher Bursche war,' wie heimlich ins Haus treten. „Ao, Philipp, bas (was) haste?" „Vielleicht könnt Jhr's Ouch (Euch) gedenke, Frau Bürgermeistern. Ich ho' abbes fier - di Anna — Frau Bürgermeister. Rescht for u'god." Er hob den Vogelkäfig, der sorgfältig in ein Tuch gehüllt war, empor und sagte, als ob sich die Bürgermeisterin schon denken könne, was er in's Haus bringe: „Am schönst wär s, Ihr stellt ihn der Anna heimlich in ihre Stu', äwer, daß sie ihn net glich seh' koan. Dann könnt de Eiei’ Aeberrasching gewetz gelinge." „Philipp, du wist (bist) einer en ordentlicher Kerl; ich sei gleich fertig, dann brenge niet de Vöhl (Vogel) zesamme enoff." Philipp freute sich darauf und wartete. Aach einer Weile sprach die Frau: „Philipp, be (wie) hältst de dann nur so das Lawe (Leben) us?" - „Ach," entgegnete: er, „wenn mer das Esse und Trinke rechelt, dann ho' rch reichlich genungf zum Lawe. Ich verdien mer mit meine Vöhl e schö Stück Geld. Das dürft Ihr glei' (glauben). Ann der eine Bohl is immer wieder annerst wie der annere. Da gibts fei’ Langweil net. Die Vöhlsköpp sind grad so verschieden, wie di« Mensche- köpp; mer most se nur kenn'! Ann jedenfalls is mer so mancher Dlvtfink i' fein Käfig, auch bann (wann) e’ sich offbläst, lewer be (wie) so mancher, der an schwarze Felzhot off seim Kopp hat unn da Brunner neschnötzige Gedanke, mit dene er in der Freiheit 'erumleift. Das mine ich so, on darum sag ichs, wie rchs mein’. Ich ho noch an die fuffzig Vöhl im Durf hänge. Fier jeden motz der Hännler mindestens fünf Gelle (Gulden) ga’, sonst friegt e’ fern (keinen) davo’ net. Onn he' bezahlt se au’ (sie auch). Da 'krieg ich meh' got Geld off di« Kaß, als mancher Dauer, der im Johr zwa Render (Rinder) verkäst. Der Frankfurter Hännler kann’s bezohl’." Das leuchtete der Bürgermeisterin schon ein. Sie dachte nach und bekam doch «inen gewissen Respekt vor Philipp und seiner einfachen und doch so einträglichen Kunst. Dieser stand bescheiden neben ihr und wartete, bis sie mit dem Kuchenkneten fertig war. Dann gingen sie zusammen die Trepve hinauf nach Annas Stube. Philipp blieb vor der Tür« stehen; die Dürgermeisterin stellte den neuen Hausgenossen auf einen alten geschnitzten Stuhl, darin ein Herz ausgeschnitten war, dessen Breite Lehne aber doch den Käfig verdeckte. Annas Bett war kunstvoll verziert. Man sah auf der breiten Leiste des Detthauptes Eichhörnchen, die einander nachliefen. Daneben stand ein breiter, dvppeltüriger Eichenholz- schrark. Dieser gehörte einst ihrer Großmutter, di« in das Haus eingeheiratet und ihn kurz vor ihrem Sterben der Enkelln vermacht hatte. Er stand, wie für die Ewigkeit gebaut, auf mächtigen, runden Füßen, und Barg des Mädchens Kleider. Der Meister — Friedrich Wasser hieß er — und die Gesellen, die ihn einst ver- fertigten, ruhten schon hundert Jahre und mehr irgendwo längst unter der Erde. And wilde Tulpen, wie sie in di« Türen des Schrankes «ingeschnitzt waren, Blühten im Rasen auf ihren Gräbern. Die Türfüllungen und Seitenwände des Erbstückes aus Arväterhausrat, waren noch mit Rankwerk und Traubendolden verziert, in denen di« Vögel ihr Mahl hielten. Der mächtige, reichverzierte Schrank und fein Inhalt, die köstliche Tracht und die starke Dauernleinwand, die der Verarbeitung für den Ehestand harrte, war der Stolz des Mädchens. Auf Philipps Vogelbauer saß auch ein kunstvoll aus Holz geschnitzter Fink, der eine Blume im Schnabel trug. „Jetzt mach’, daß du wieder fortkömmst." sprach die Bürgermeisterin zu Philipp, der mit hellen staunenden Augen in Annas Stube hinein sah, „daß dich niemand mehr sieht, sonst is der Spatz glich verrot«," legt« ihm aber freundlich die Hand auf den Arm und ging mit ihm wieder die Treppe hinab. „Frau Bürgermeister," sagte er noch rasch, „die Anna wird ihren Spatz ho’; basse (passen) Se doch «nmal off, bas se dadezu sprecht." Gr zog noch «in weitzlernenes Säckchen aus der Tasche, das prall mit Rübsen und Svnnenblumenkernen gefüllt war, und legte es in die Küche. „Onn die Anna soll jo es Wasser net vergaß!" Mit heißen Wangen kam diese aus dem Wiesgrunöe zurück. Sie trug eine Heugabel über der Schulter. Ihre grünbunte, gestrickte Jacke tag ihr wie angegossen um Brust und Rücken. Sie ging, als wiegte sie sich in den Hüften, und doch war nichts Geziertes an ihr. Zwei alt« Bauersleute, mit der weiße» Zipfelmütze auf dem Kopfe und der kurzen Pfeife im Munde, die sich über das Weit: - und die Ernteaussichten unterhielten, schwiegen etnen Augenblick still, blickten ihr nach, verzogen bedeutsam den Mund, nickten wohlgefällig mit den bärtigen, verhutzelten Köpfen und bedauerten wortlos, daß für sie des Lebens Mai — vorüber war. „Hiet (heute) hast de noch en Spaß," sagt« daheim die Mutter zur Tochter. „Womit?" „Ro, es wird sich scho’ wies (weisen)", sagte jene. „Ao, sprech' mer's doch! Modder." „Wart's ab, wer warte kann, kriegt auch en Mann, unn wann er «' schwarz Hetche (Hütchen) off hat", lachte die Mutter. Anna verstand den Sinn ihrer Wort« nicht. So kam eine Anruhe in ihr auf. Sie erschrak bei dem Gedanken, daß ihr ein Freier angeboten würde, etwa einer aus dem nahen Lauterbach, wo die Mannskerle schwarze Hüte trugen. Aber gleich darauf sand sie in ihrer Stube Phllipps Gabe. And der Schrecken wich schnell wieder von ihr. Andern Tags winkte sie nur dem Schenker zu. Das war für ihn Freude und Dank genug. Als sich der Fink an seine Umgebung gewöhnt hatte, pfiff er eines Morgens in der Frühe, zuerst noch zögernd, dann aber ohne Zagen, die Weise: Ich liebe dich herzinniglich, von Herzen bist du meint Du bist fürwahr mein liebes Kind, mein eigen sollst du fein! Anna schlug das Herz rascher vor Freude. Sie wußte ja schon lange, wie es um Philipp stand. Als sie aber näher an den Käfig Hera »trat, flog der Liebesbote wie wild in ihm umher. Da ahmte das Mädchen nichts Gutes. Rach der Abendsuppe hieß der Vater die Magd hinausgehen. Sie nahm das zinnerne Eßgeschirr und trug es in die Küche. „Anna," sprach der Bürgermeister, „hiet hat mich der Wiesemüller v'geredt. Er will fei’ Werk dem Hannes gah (geben) und Hot scho' off dem Ortsgericht die Qo^ettel bestallt. Du gehst heut Owend in die Spinnstub, der Wiesemüllers Hannes soll a«' hinkomme" „Liewer Vadder, de weißt, wie unser Parr Widder die Spinn- stuwwe is. Letzthi' bei Völlers is es Widder so iwwel hergegange. Mer motz sich jo schäm', dotz mer von Angersbach is." „Ro, wos wor do los?" räusperte sich der Bürgermeister. „De weißt Vadder," antwortete die Tochter, „wos der Ortsdiener gesaht Hot onn gefrogt Hot, ob's an’S Kreisamt berecht' Wern sollt, deß die Dorsch dem naue Schreinergesell bet’S Hann» jörgs, der fo verricht off die Madercher is, nor's Hemd onn die Strümp o’gelosse unn en so besöffe gemächt ho (haben), dotz er off dem Heimweg nur so gedorzelt is. Das heiß’ ich fa Spinnstub net; ich geh net hi." „Mer sinn all «mol jung gewest onn ho (haben) onfer Späß gemacht, aber so was kömmt net wider fier! Dadefier Wern ich scho' sorg«, so wahr ich der Dürgermeisder fei’.“ „Vadder, ich will net u’gezoge fei’. Awer in fei’ Spinnstub geh ich net." „Ich will d'r emol ebbes sprech', Mädche, das sinn Asrede. Schlag mer nur den — den — Philipp us dem Kopp. So lang wie der noch e Lausbub wor, da könnt der hier bei ons tnn* und usgegeh. Alleweil Hot die Sach owwer e End. Gleibst (glaubst) de villicht, mer Hot dich als onfer anzig Dochter groß gezoge, damit so en Betteljong in onfer Werk kemmt, der nescht zu Asse onn nescht je bisse Hot als fei’ schlecht« Vöhl? Wann die de Pipps krieche, kriecht «’n ihr Herr nach unn gehd kabutt. Dann kann er Widder wie fei Vadder als Knecht zur Herrschaft gegeh'. He (hier) in Angersbach sitze mer in unferm Werk, solang Ängersbach steht onn mer Branche so fa’n Kerle net, däi im Freiahr im Wahld noch de Vöhlsnester 'erumstronze, unn im iwwerige tote verreckt nach de Drckebalke gucke, wo die Vöhlshiefer (Vogelhäuser) Hanke und's Mal spitze (Maul spitzen), onn bene schsech.de Dlotsinke wos vorpseiffe. Ann ollewill will ich dr's grob erussprech', dotz kei Irrtum da driwwer net ent« stett: Dann (wann) de net in di« Spinnstub Witt (willst), so könne mer’s auch annerst gemach’! Dann kimmt der Hannes direkt dement i’ on's Hrrs. Si (sein) künftig Werk unn mi’ Werk basse zesomme, wie mer sichs net besser denke könnt. Dazu liegt alles schee netoer« nanner. Da will ich «mol seh, ob's noch im ganze Kreis Lutterbach nachher noch «’ Frau gilt (gibt), wie dich unn die auch „was droff Bot", unn wanns die 'Baronin britotoe uff der Lutterbacher Burg selber wär." (Fortsetzung folgt.) Schristleitung: Dr. Friede. Wich. Lange, — Druck und Verlag der Vrühl'schen Aniv.-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Dießen.