Gießener Kmilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, -en November Nummer 92 Maria. Von Novalis. . Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt, Doch keins von allen kann dich schildern, Wie meine Seele dich erblickt. Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel Seitdem mir wie ein Traum verweht Und ein unnennbar süßer Himmel Mir ewig im Gemüte stehl. „Die Christenheit oder Europa." v? Von Reinhold Lindemann, München. I. Mit dem unbeirrbaren Seherblick des begnadeten Menschen, der — als das Stück Schicksal, das Stück Geschichte, das er selber leibhaft darstsllt — zu den verborgenen Mächten geschichtlichen Geschehens in unmittelbarer Beziehung steht und deshalb, anders als jeder Durchschnittsmensch, Ausgang und Abklang einer Epoche ahnend verausfühlt — hat Goethe in einem Briefe an Zelter zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit vollkommenster Deutlichkeit die Zeitscheide gekennzeichnet, die „sein" Jahrhundert vom Geist einer neu anhebenden Epoche, der Welt des „nachgoetheschen" Menschen trennt. Es heißt dort: „Alles, mein Teuerster, ist jetzt ultra, im Lenken wie im Tun. Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, niemand den Stoff, den er bearbeitet — Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt. Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren. — Laß uns so viel als möglich an der Gesinnung halten, in der wir herankamen: wir werden, mit vielleicht noch wenigen, die Letzten sein einer Epoche, die so bald nicht wiederkehrt." Noch ehe man in Deutschland die ersten Lokomotiven kreischen gehört, hat Goethe mit diesen Worten den Sieg des 19. Jahrhunderts — des Jahrhunderts einer durchgängigen Mechanisierung und Zersplitterung des Lebens — vorausgesagt, das seinen ersten fahlen Schein schon mit der Aufklärung vorauswarf und dessen verderbliches, fluchbeladen angewachsenes Erbe wir alle angetreten haben. Fluchbeladen, denn die giftig weiterfressende Entzauberung von Natur und Leben, die den Verlauf dieses Jahrhunderts ausmacht, mußte unentrinnbar zu einer Epoche führen, die alle Götter zu Grabe trug, alle Gemeinschaften brach, die den isolierten Menschenwillen zum Gesetz der Welt erhob und viele ihrer Größten in die Wüste der Einsamkeit stieß, wo sie im Wahnsinn schmerzhafter Jchverzückung verbrannten. Während Goethe, von hoher Warte reiner Weltschau aus manches vom Geist der neu anhebenden Epoche mit der ihm eigenen Anverwandlungskraft in fein allseitiges Weltbild doch organisch einfügt, stet neben ihm die reine Jünglingsgestalt Hölderlins auf, von den rocnigen, die zu den Letzten der Goethefchen Aera gehören, der Größten und Edelsten einer. Aber enger, zarter, unbedingter, als der immer gerecht vcnnittelnde Weise von Weimar, ist es ihm nicht gegeben, dem neuen Zeitgeist gegenüber sich rein betrachend zu verhalten oder in schmerzlich-heiterer Entsagung weise Duldung zu üben. Und so steigert sich fein seherischer Blick ins Herz der Zeit zu qualvollstem Leiden an seiner Zeit, erhebt sich sein bitteres Wissen zu richtender Rede und bricht in wunde Klage aus: Weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Ork:», Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben Sind sie geschmiedet allein, und sich, in der tosenden Werkstatt Höret jeglicher nur, und viel arbeiten die Wilden '' Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen. Der mahnenden Klage des Sängers des „Ärchipelagus" antwortet in seltsamem Gleichklang fast ein Jahrhundert später die Stimm« des jungen Nietzsche, aus den „Unzeitgemäßen Betrachtungen", nur trostloser, gewaltsamer, schmerzhaft gespannter. Den was Hölderlin mit der überscharfen Witterung seiner zarten Seele vor 1800 schon geahnt — ist jetzt da bis zum Erwürgen. Und so ist auch kein klagender Mahngestmg mehr möglich: in der Wüste wächst drohen- die Stimme des Predigers —: „Man sieht mit banger Erwartung auf unsere Zeit wie in den Braukessel einer Hexenküche: es kann jeden Augenblick zucken und blitzen, schreckliche Erscheinungen anzukündigen. — Daß die einzelnen sich so gebärden, als ob sie von allen diesen Besorgnissen nichts wüßten, macht uns nicht irre: ihr« Unruhe zeigt es, wie gut sie davon wissen: sie denken mit einer Hast und Ausschließlichkeit an sich, wie noch nie Menschen an sich gedacht haben, sie bauen und pflanzen für ihren Sag, und die Jagd nach Glück wird Nie größer sein, als wenn es zwischen heute und morgen erhascht werden muß: weil übermorgen vielleicht überhaupt all« Jagdzeit zu Ende ist. Wir leben die Periode der Atome, des atomischen Chaos. Wir befinden uns im eistreibenden Strome, er ist aufgetaut und in gewaltige verheerende Bewegung geraten. Scholle türmt sich auf Scholle, alle Ufer sind überschwemmt und gefährdet." So der junge Nietzsche. Ist Leiden, überhell wissendes Leiden an der Zeit — nicht weise Zeitschau nach goethescher Art — der gemeinsame Urgrund, in dem Hölderlins wie Nietzsches — vor allem des jungen Nietzsche — Weltbild unverkennbar wurzelt, so gesellt sich, wie sehr auch immer im persönlichen Ausmaß verschieden, zu den beiden großen Leidenden des neuen Jahrhunderigeistes — aber ätherischer noch im Kern al» selbst Hölderlin und deshalb krankhaft-hellsichtiger — als dritte Leioensgestalt Novalis. Denn Novalis ist nicht nur der schwärmerische Sänger der „Hymnen an die Nacht": .er hat — tiefinnerlich glühend gleich Hölderlin und rückhaltlos hadernd mit seiner Zeit wie der junge Nietzsche — die geistesgeschtchtliche Situation um 1880 im Wesen klar erkannt und an der damals überall beginnenden Weltentzauberung, vor allem aber an jener giftig um sich fressenden Mechanisierung der heiligen Natur, die das Hauptwerk der Auf- klärung war, mit geradezu selbstzerstörerischer Inbrunst gelitten. „Die Natur, der Erdboden, die menschliche Seele und die Wisfen- Kn von der Poesie gesäubert, jede Spur des Heiligen vertilgt, ndenken an alle erhebenden Vorfälle und Menschen durch Sarkasmen verleidet und die Welt alles bunten Schmucks entkleidet" — das ist der Grundton all seiner Anklagen gegen die Zeit. Er fleht entsetzt einen allgemeinen Religionshaß um sich greifen, der „sich sehr natürlich und folgerecht auf alle Gegenstände des Enthusiasmus ausdehnt", und der eines Tages zum allgemeinen Chaos führen mutz. So scheint ihm die Einheit von Seele, Gott und Welt endgültig zerstört und die „unendliche schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, einer Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller", zu einer sinnlos"',,sich selbst mahlenden Mühle" von den Predigern des neuen aufklärerischen Zeitgeistes entstellt. H. Dem als tiefverderblich erkannten Wesen seiner Zeit hat Novalis nicht einen naturseligen, hymnisch gepriesenen Hellastraum gegenübergestellt, noch auch das körperlos« Gespensterbild eines aus frevle- rischer Jchverzückung heraufbeschworenen Uebermenschen. Sein Weltbild ist wesentlich stiller, anspruchsloser als das Hölderlins oder Nietzsches, in vieler Hinsicht hält es die glückliche Mitte zwischen der hymnischen Naturbegeisterung des einen und der schrankenlosen Jch- betontheit des andern. Wenn nicht durch rauschhafte Selbstaufgab« noch auch durch Höchstmögliche Steigerung der Luziferselbstigkeit des empirischen Jchgefühls suchte Novalis neue Bindung und Beseelung der chaotisch sich auflösenden Menschheit zu finden, sondern aus brünstiger Versenkung in jenes höhere Ich, das in der strahlenden Wesenheit der Liebe gefunden, das all« starr« Selbfthsit aufgezehrt hat und schließlich nach Natur und Mensch in seine reine Liebe erlösend einschließt. Zu diesem hohen Ziel hat Novalis zwei Hauptwege gewiesen: einmal ein völlig neuartiges Naturgefühl — die eine wesentliche Seit« seiner Weltauffasiung —, ein recht eigentlich magisch zu nennende» Naturerleben, das von Hölderlins hymnischer Naturtrunkenhett so verschieden wie irgend möglich ist und zur Grundlage der gesamten romantischen Naturversenkung werden sollte." Die Natur soll uns wieder magisch werden, das heißt wir sollen in allen körperlichen Dingen nur Zeichen, Chiffern geistiger Intentionen erblicken, aßt Naturwirkungen müssen uns wie durch höheres Geisteswort, durch geheimnisvolle Zaubersprüche hervorgerufen erscheinen, nur so werden wir in die Mysterien eingeweiht." Was hier A. W. Schlegel mit besonderer Deutlichkeit ausgedruckt hat, findet man in dem grandiosen Trümmerfeld der sogenannten „Fragmente" des Novalis in unzähligen Wendungen wieder. Alle» wird ihm zur Geistererfcheinung, zum Geisteswort, die ganze sinnlich« Vielfalt der Natur löst sich vor feinem inneren Auge in ein „Panda- monimn von Mythen" auf. Denn Ich und Welt, Mikrokosmus unb Makrokosmos sind für Novalis durch geheime Korrespondenzen un- löslich miteinander verbunden, ja sind Glieder eines Wesens. Das ist der Sinn jener ebenso bekannten wie dunkel klingenden Worte, die m den „Fragmenten" immer wiederkehren, etwa daß alles „Aeußere ein in Geheimniszustand gehobenes Inneres" sei, oder daß die gesamte Natur eine einzige magische Bilderschrift beb eilte, einen ,Km- versaltropus, einen enzyklopädischen systematischen Index und Plan unseres Geistes ober ein symbolisches Bild desselben'. Jede tiefere 366 — 5 dringung. * ei Fs bei vo be Zei so ' bk lich obs t q o d u Mii Die Uns nid) al si> dc un be bo woh bum früh Hen 1 Nab und rcid gros dem Uni Vol hab grc Sc: Gr da- ihn un! fetz so ote uni int Ao ft» gehört hat. Die mystisch erlebte Nähe der Geliebten hat den lähmenden Schrecken des Todes verscheucht: „Zur Staubwolke wurde der Hügel", so singen die „Hymnen", „und durch die Wolke sah ich die verklärten Züge der Geliebten. In ihren Augen ruhte die Ewigkeit — i- scheinung, die auch, ohne noch an göttliche SchiMig dabei zu denken, ein bedeutsamer Riß in den geheimnisvollen Vorhang ist, der mtt tausend Falten in unser Inneres heremfällt? In den weisesten Büchern findet man unzählige Traumgeschichten von glaubhaften Menschen, und erinnert Euch nur noch des Traums, bcn uns ^"lich ber ehr- würdige Äofkaplan erzählte, und der Euch selbst so merkwürdig Hyazinth und RssenMütchen. Von Novalis. Vor langen Zeiten lebte weit gegen Abend ein blutjunger Mensch. Er war sehr gut, aber auch über die Maßen wunderlich. Er grämte sich unaufhörlich um nichts und wieder nichts, ging immer still für sich hin, setzte sich einsam, wenn die anderen spielten und fröhlich Mren, und hing seltsamen Dingen nach. Hohlen und Wälder waren sein liebster Stuf enthalt, und dann sprach er immerfort mit Tieren oder Vögeln, mit Bäumen und Felsen, natürlich kein vernünftiges Wort, lauter närrisches Zeug zum Totlachen. Er blieb aber immer mürrisch und ernsthaft, ungeachtet sich das Eichhörnchen, die Meerkatze, der Papagei und der Gimpel alle Muhe gaben, ihn zu zerstreuen, und ihn auf deii richtigen Weg zu weisen. Lie Gans erzählte Märchen, der Bach klimperte eine Ballade dazwischen, ein großer, dicker Stein machte lächerliche Bocksprunge, Die Rose schlich sich freundlich hinter ihm herum, kroch durch seine Locken, uno der Efeu streichelte ihm die sorgenvolle »tim. Alles« vor Mißmut und Ernst waren hartnäckig. Seine Eltern waren sehr betrübt, sie wußten nicht, was sie anfangen sollten. Er war gesund und aß, nie hatten sie ihn beleidigt, er war auch bis vor wenig Jahren fröhlich und lustig gewesen, wie keiner; bei allen Spielen voran, von allen Mädchen gern gesehen. Er war recht bildschön, sah aus wie gemalt, tanzte wie ein Schatz. Unter den Mädchen war eine, ein köstliches, bildschönes Kind, sah aus wie Wachs, Haare wie goldne Seide, kirschrote Lippen, wie ein Püppchen gewachsen, brand- rabenschwarze Augen. Wer sie sah, hätte mögen vergehn, so lieblich war sie. Damals war Rosenblüte, so hieß sie, dem bildschönen Hyazinth, so hieß er, von Herzen gut, und er hatte sie lieb zum Sterben. Die andern Kinder wußten's nicht. Ein Veilchen hatte es ihnen zuerst gesagt, die Hauskätzchen hatten es wohl gemerkt, die Hauser ihrer Eltern lagen nahe beisammen. Wenn nun Hyazinth die Nacht an seinem Fenster stand und Rosenblüte an ihrem, und die Kätzchen auf den Mäusefang da vorbeiliefen, da sahen sie die beiden stehn, und lachten und kicherten oft so laut, daß fle es hörten und böse wurden. Das Veilchen hatte es der Erdbeere im Vertrauen gesagt, die sagte es ihrer Freundin, der Stachelbeere, die lleß nun das Sticheln nicht, wenn Hyazinth gegangen kam; so ersuhr's denn bald der ganze Garten und der Wald, und wenn Hyazinth ausging, so rief's von allen Seiten: Rosenblütchen ist mein Schätzchen! Nun ärgerte sich Hyazinth, und mußte doch auch wieder aus Herzeirs- grunde lachen, wenn das Eidechschen geschlüpft kam, sich auf einen warmen Stein fetzte, mit dem Schwänzchen wedelte und sang: Rosenblütchen, das gute Kind, Ist geworden auf einmal blmd, Denkt, die Mutter sei Hyazinth, Fällt ihm um den Hals geschwind; Merkt sie aber das fremde Gesicht, Denkt nur an, da erschrickt sie nicht, Fährt, als merkte sie kein Wott, Immer nur mit Küssen fort. Ah, wie bald war die Herrlichkeit vorbei. Es kam ein Mann aus fremden Landen gegangen, der war erstaunlich weit gereist, hatte einen langen Bart, tiefe Augen, entsetzliche Augenbrauen, ein wunderliches Kleid mit vielen Falten und seltsamen Figuren hinein» gewebt. Er setzte sich vor das Haus, das Hyazinths Eltern gehörte. Nun war Hyazinth sehr neugierig und setzte sich zu ihm und holte ihm Brot und Wein. Da tat er seinen weißen Bart voneinander und erzählte bis tief in die Nacht, und Hyazinth wich und wankte nicht, und wurde auch nicht müde, zuzuhören. Soviel man nachher vernahm, so hat er viel von fremden Ländern, unbekannten Gegenden, von erstaunlich wunderbaren Sachen erzähll, und ist drei Tage dageblieben, und mit Hyazinth in tiefe Schachten hinuntergekrochen. Rosenblütchen hat genug den alten Hexenmeister verwünscht, denn Hyazinth ist ganz versessen auf seine Gespräche gewesen, und hat sich um nichts gekümmert; kaum daß er ein wenig Speis« zu sich genommen. Endlich hat jener sich fottgemacht, doch dem Hnazinth ein Düchelchen dagelassen, das kein Mensch lesen konnte. Dieser hat ihm noch Früchte, Brot und Wein mitgegeben, und ihn weit iveg begleitet. Und dann ist er tiessinnig zurückgekommen und hat einen ganz neuen Lebenswandel begonnen. Rosenblütchen hat recht zum Erbarmen um ihn getan, denn von der Zeit an hat er sich wenig au« ihr gemacht und ist immer für sich geblieben. Nun begab s sich, daß er einmal nach Hause kam und war wie neugeboren. Er fiel seinen Eltern um den Hals und weinte. Ich muß fort in fremde Lande, sagte er; die alte wunderliche Frau im Walde hat mir erzählt, wie ich gesund werden müßte, das Buch hat sie ins Feuer geworfen und hat mich getrieben, zu euch zu gehn und euch um euren Segen zu bitten. Vielleicht komme ich bald, vielleicht nie wieder. Grüßt Rosenblütchen. Ich hätte sie gern gesprochen, ich weiß nicht, wie mir ist, es drängt mich fort; wenn ich an die alten weiten . zurückdenken will, so kommen gleich mächtigere Gedanken dazwischen, die Ruhe ist fort, Herz und Liebe mit, ich muh sie suchen gehn. Ich wollt' euch gern sagen, wohin, ich weiß selbst nicht, dahin, wo die Mutier der Dinge wohnt, die verschleierte Jungfrau. Nach der ist mein Gemüt entzündet. Lebt wohl. Er riß sich los und ging fort. Seine Eltern wehklagten und vergossen Tränen, Rosenblütchen blieb in ihrer Kammer und weinte bitterlich. Hyazinth lief nun, was er konnte, durch Täler und Wildnisse, über Berge und Ströme, dem geheimnisvollen Lande zu. Er fragte überall nach der heiligen Göttin (Isis) Menschen und Tiere, Felsen und Bäume. Manche lachten, manche schwiegen, nirgends erhielt er Bescheid. Im Slnfang kam er durch rauhes, wildes Land, Nebel und Wolken warfen sich ihm in den Weg, es stürmte immerfort; bann fand er unabsehliche Sandwüsten, glühenden Staub, und wie er wandelte, so veränderte sich auch fein Gemüt, die Zeit wurde ihm lang und die innere Unruhe legte sich, er wurde sanfter und das gewaltige Treiben in ihm allgemach zu einem leisen, aber starken Zuge, in den sein ganzes Gemüt sich auflöste. Es lag wie viele Jahre hinter ihm. Nun wurde die Gegend auch wieder reicher und mannigfaltiger, die Luft lau und t' m, der Weg ebener, grüne Büsche lockten ihn mit anmutigen Schatten, aber er verstand ihre Sprache nicht, sie schienen auch nicht zu sprechen, und doch erfüllten sie auch fein Herz mit grünen Farben und kühlem, stillem Wefen. Immer höher wuchs jene süße Sehn- ucht in ihm, und immer breiter und saftiger wurden die Blatter, immer lauter und luftiger die Vögel und Tiere, balsamischer die Früchte, dunkler der Himmel, wärmer die Lust, und heißer ferne Liebe, die Zeit ging immer schneller, als sähe sie sich nahe am Ziele. Eines Tages begegnete er einem kristallenen Quell unr einer Menge Blumen, die kamen in ein Tal herunter zwischen schwarzen himmelhohen Säulen. Sie grüßten ihn freundlich mit bekannten Worten. Siebe Landsleute, sagte er, wo find' ich wohl den geheiligten Wohnsitz der Isis? Hier herum muß er fein, und ihr seid vielleicht hier bekannter als ich. Wir gehn auch nur hier durch, anroorteten die Blumen; eine Geisterfamilie ist auf der Reise und wir bereiten ihr Weg und Quartier, indes sind wir vor kurzem durch eine Gegend gekommen, da hörten wir ihren Namen nennen. Gehe nur auf- märts, wo wir Herkommen, so wirst du schon mehr erfahren. Die Blumen und die Quelle lächelten, wie sie das sagten, boten ihm einen frischen Trunk und gingen weiter. Hyazinth folgte ihrem Rai, frug und frug und kam endlich zu jener längst gesuchten Wohnung, die unter Palmen und anderen köstlichen Gewächsen versteckt lag. Sein Herz klopfte in unendlicher Sehnsucht, und di« süßeste Bangigkeit durchdrang ihn in dieser Behausung der ewigen Jahreszeiten. Unter himmlischen Wohlgedüsten entschlummerte er, weil ihn nur der Traum in das Allerheillgste führen durfte. Wunderlich führte ihn der Traum durch unendliche Gemächer voll settsamer Sachen auf lauter reizenden Klängen und in abwechselnden Akkorden. Es dünkte ihm alles so bekannt und doch in niegefebener Herrlichkeit, da schwand auch der letzte irdische Anflug, wie in Lust verzehrt, und er stand vor der himmlischen Jungfrau, da hob er den leichten, glänzenden Schleier, und Rosenblütchen sank in seine Arme. Eine ferne Musik umgab die Geheimnisse des liebenden Wiedersehens, me Ergießungen der Sehnsucht, und Motz alles Fremde von diesem ent- zückenden Orte aus. Hyazinth lebte nachher noch lange mit Dtofen« dlütchen unter seinen frohen Eltern und Gespielen, ltt^ ,lm u Enkel dankten der alten wunderlich«» Frau für ihren Rat und ihr Feuer; denn damals bekamen die Menschen soviel Kinder, als sie 5 wollten. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck der Brühl'schen Aniversikäts-Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.