Gießener Zainilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1926 Samstag, den 16. Oktober Nummer 85 Gemeinsame Fahrt. Von Gnstav Falke. Treugesellt in einem Nachen, nach dem unbekannten Ziel, trau'n dem Glück wir und der schwachen Planken leichtgefügtem Kiel. Einmal Hauch erfrischter Wiesen, einmal eines Kornfelds Gold, lächelnd wie aus Paradiesen grüßt uns eine Rose hold. Trauerweiden, überhängend, spiegeln still ihr Nachtgeäst. Ufer, auseinanderdrängend, dämmern wie ein Nebelrest. Blasse Sterne, dunkle Weiten, Meeresgruß und Mövenschrei, eingelegte Ruder gleiten einem letzten Licht vorbei. Thodorvie^is Reise Nach Danzig. Zum 200. Geburkskage des Künstlers*). Von Wilhelm B o e ck, Gießen. 11. Juni 1773. Früh 8 Uhr. Der wachhabende Offizier am Olivaschen Tor zu Danzig geht bedächtig hin und wieder, bedient sich seiner Tabatiere und hebt und senkt sich auf den Fußspitzen, daß das Leder sachte knarrt. Dann tritt er vor das Tor. Die Sonne ist schon recht hoch geklettert und bespiegelt sich wohlgefällig im schwarzen Glanze der Stiefel des Gestrengen. Große Schattenkleckse warfen die jungen Linden aus das breite, leuchtend weihe, gerade ausgespannte Band der Allee, die sich im zarten Duft der Ferne verliert. Von dort her schwebt leise zitternd das Tönen von Olivas Klosterglocken heran, ungern sich dem harten Widerhall vermischend, den das Sandalenklappern eines kapuzenbewaffneten Paters weckt. Ein Reiter nähert sich. Felleisen, Wettermantel und Wachstuchdreispitz verraten eine weite Reise. Doch ohne ein Zeichen von Ermüdung sitzt der große, schlanke Herr, der den Lenz seines Lebens schon weit hinter sich gelassen hat, im Sattel. „Pardon!" — Der Wachhabende salutiert höflich und eröffnet sein kleines Examen. Die geistvollen Augen des Fremden lächeln ireuherzig den Pflichteifrigen an. Bereitwilligst steht er Rede und Antwort: Daniel Nikolaus Chodowiecki, Miniaturmaler und Kupferstecher aus Berlin. Hat den beschwerlichen Weg durch die unwirtliche Kassubei zurückgelegt. Will die Frau Mutter, Marie Henriette Chodo- wiecka, besuchen. — „Ah, j’aime bien la peinture! Je vous rendroi visite. Monsieur können passieren." Ein devotes Kompliment beiderseits. Stolpernd setzt sich der reisemüde Falbe, der in jüngeren Jahren ein sehr schönes Tier gewesen sein mag, in Bewegung und entführt seinen Herrn geruhsam um die nächste Straßenecke. Vor dem alten Hause in der Heiligengeistgasse steht Chodowiecki. Ein schwacher Wind bewegt wenige Härchen seiner fein gestrichelten Perücke und läßt die Kastanien, die an der Freitreppe des Beischlags Wache halten, traumhaft rauschen. Ein wehmütiger Blick gleitet die schmale, dreisenstrige Fassade des Hauses hinauf und bleibt sinnend an dem barocken Giebel hoch oben, dem Firmament benachbart, hangen. , Langsam ersteigt der Künstler die Treppe und öffnet zaghaft die unverschlossene Tür. Gespenstisch drohen aus dem Dunkel der Diele die riesenhaften Renaissanceschränke und die eleganten Bögen der Galerie. Von hellem Licht umflossen erscheint eine Person. Ein Schrei der Freude und des Erstaunens: Daniel! Schwester Luise fliegt dem Langentbehrten an die Brust. Henriette folgt ihr auf dem Fuße. Im weiten, kahlen Raume der Kinderschulstube ihrer Töchter ist Frau Chodowiecka beschäftigt, die kurzbeinigen Stühle für das jugendliche Auditorium zurechtzuschieben. Sie sieht noch recht stattlich aus in ihrem Karmoisinroten mit dem geblumten Busentuche. Mit hastiger Bewegung richtet sie sich hoch auf, rückt das Häubchen, das ihre energischen Züge umrahmt. Ihr Sohn! Ja. ihre Ahnung! *) Dargestellt nach den Aufzeichnungen in Chodowieckis Reisetagebuch aus dem Jahre 1773. Der Brief heute morgen war dem Burschen nicht von einem Berliner Kaufmann gegeben worden. Ihr Daniel hatte sie nicht zu heftig überraschen wollen. Das Mutterherz ahnt den Zusammenhang. Die Rührung lähmt ihre Schritte. Indem reiht sich Chodowiecki aus den Armen der Schwestern, schließt die Fassungslose ans Herz. „Mein Sohn, mein Stolz, wie lange hast du mich warten lassen!" Die überströmenden Gefühle ergießen sich in heißen Tränen. Ein trüber Tag schaut durch die hohen Fenster der Danziger Residenz des Fürsten Primas, Erzbischofs von Gnesen. Die fraise- farbenen Gardinen des weiten Gemaches sind ganz zurückgezogen, um möglichst viel des fahlen Lichtes einzulassen. Denn selbstgefällig schmunzelnd ruht in einem Armsessel am Fenster Madame Oehmchen, die Intendantin und amie de coeur des hohen Herrn, die, von einigen Zügen verwitterter Schönheit abgesehen, in ihre weite Enveloppe eingewickelt, wie eine fette Bratwurst anmutet Ihr gegenüber hat Chodowiecki auf dem Marmor eines zierlichen Tischchens sein Malgeräte ausgebreitet. In der Tiefe des Saales flüstert der geschmeidige Chevalier du Bouloir der reich aufgeputzten und koiffierten Schwägerin des Fürsten, Gräfin Podoska, die neueste pikante Anekdote zu, dieweil der Herr Graf mit zwei Domestiken auf einer Versteigerung Schätze zu erwerben sucht. „Wie ich vorhin zu erfahren das Glück hatte," wendet sich der Chirurg Wolff, der der Arbeit des Künstlers interessiert zusieht und nebenbei ein fanatischer Preußenhasser ist, an Chodowiecki, „hat Ihr netter König Friedrich, den erbarmungswürdige Schmeichler den Großen nennen, in der Tat Neufahrwasser besetzt. Katharina soll diese Frechheit billigen, O, ich möchte lieber ein Schwein sein als Untertan des Königs von Preußen!" Der Künstler, der sich anfangs mit Indignation abgewandt hat, vermag feine Zunge nicht mehr zu zügeln: „Herr Doktor, ich überlaste sehr gerne die Qualitäten eines Schweins denen, die nicht Courage genug haben, sein Untertan zu sein." Ein unterdrücktes Kichern wird hinter dem Vorhang von Madame Oehmchens Bett laut. Wütend schießt diese über den Spiegel des Parketts auf ihr Töchterchen los, das als entdeckte Lauscherin unter allgemeinem Gelächter hervorkriecht. Doch Fortuna kommt der reizenden Sünderin zu Hilfe. Der Hausmeister meldet der Gräfin ihren Tailleur, der gekommen ist, Madame Maß zu nehmen. Auch er wird hereingebeten. Indes der Chevalier sachverständige Ratschläge zu der neuen himmelblauen Robe der chere comtesse erteilt, hat die kleine Demoiselle schon wieder Mut gefaßt und dem Spinett eine artige Weise entlockt, die ihr der Maitre gestern einstudiert hat. Der vielseitigen Gräfin kommt eine paffende Erinnerung: „A propos, Monsieur Chodowiecki, wir waren sehr betrübt, Sie gestern auf dem Wege zu einem Rendezvous zu überraschen. Ich hoffe, Sie haben Demoiselle Ledikowska auf dem Wall nicht allzu lange warten lassen. Uebrigens ist sie eine sehr aimable, graziöse Person." ■— „Die Berliner Kavaliere pflegten bislang nicht, ihre Damen zu Pferde zu besuchen." — „Gerade dieser Umstand schien dem Chevalier äußerst fatal. Er befürchtete eine Entführung. Doch habe ich sogleich reüssiert, ihn durch einen Hinwris auf die Magerkeit Ihres Tieres zu beruhigen." — Noch will Madame Oehmchen einen geistreichen Diskurs anknüp- fen, da tritt Serenissimus höchstselbst in Erscheinung. Behaglich würdevoll, wie es einem geistlichen Fürsten wohl ansteht, aber leutselig und tolerant lächelnd, tänzelt der etwas korpulente Primas herein. Nachdem er den Fortschritt des Porträts gebührend bewundert und die Oehmchen wegen ihres Stillesitzens belobigt hat, läßt er sich vom Heiducken drei kleine Rahmen reichen. „Ich finde Ihre Miniaturen, die mir Monsieur Grischow gegeben hat, sehr gut getroffen. Besonders die Bilder des Prinzen Heinrich und der Königin von Schweden haben eine immense Aehnlichkeit. Der Prinzessin von Destau haben Sie etwas sehr geschmeichelt. Ich hoffe, Sie werden Madame Oehmchens Charme auch ins rechte Licht zu rücken wissen. Dann ist mir eingefallen (fährt er fort). Sie müssen ohne Gnade uns allen noch die Silhouette nehmen, ehe Sie abreisen. Das Zimmer des Grafen (Podoski, seines Bruders) läßt sich sehr leicht verdunkeln. Dort können Sie die Schattenrisse ganz kommode entwerfen." Des Fürsten Kammerdiener meldet, daß einer der Domherren Seine Eminenz um Audienz ersuche. „Ich bin unglücklich, Ihnen jetzt nicht mehr den merkwürdigen Ursprung des Namens Silhouette erklären zu können. Aber ich wünschte, daß Sie beim Diner nicht fehlen." Madame Oehmchen vereinigt ihre Bitte mit dem Wunsche des Fürsten: „Sie können sich nicht exkusieren; übrigens hat unser Garkoch eine neue Truthahnpastete ausfindig gemacht." Fürst Primas reicht dem Künstler nach polnischer Sitte die Hand zum Kusse und geht. Mit der Arbeit am Elfenbein ist es nun vorbei. Chodowiecki empfiehlt sich gleichfalls. - 330 Unter schwerer Bürde keuchend, treibt die Treckschute langsam auf den braungrünen Fluten eines kanalartigen Weichselarmes dahin, «charf siechen die Umrisse des mächtigen, schwer stapfenden Zughengstes, der seine Soimtagsnachmiitagsruhe den vergnügungslustigen Danzigern opfern muß, vom weißen Horizont ab. Weit hinten recken noch die zahlreichen Türme des nordischen Venedig die Halse, da blinken schon im Norden die weißen Bastionen des Wsichselmunder Forts. Drüben auf dem Holm ducken sich die breitgelagerten Bauernhäuser ins satte Grün der Insel, als wollten sie sich hinter den zieaelroten Besestigungsmauern verbergen, über denen stolz der Preußenaar flattert und die eine überaus reizvolle Folie für die blauen Uniformen der patrouillierenden Posten abgeben. Aus der ruhigen Wasferfläche, auf der sich nur wenige Schaluppen schaukeln, fehlt heute das schmutzige Gewühl der halbnackten polnischen Schimkys, die, auf ihren primtiven Flöhen kauernd, sonst die Lust mit schrillem Gekeife füllen. Dafür ist das Treiben an^Bord des Bergnügungsfahrzeuges um so mannigfaltiger. Rücken an Rücken fitzt man in' der Kajüte auf ben Tischen. Chodowiecki hat noch einen Platz neben dem Mast erobert und könnte hier vergnügt in freier Luft fein Skizzenbuch mit wunderlichen Gestalten bereichern, hielte sich nicht eine junge Bürgersfrau aus Furcht, ins Wasser zu fallen, krampfhaft an seinem Arm fest. Doch er, der gewohnt ist, selbst im Reiten zu zeichnen, läßt sich auch in dieser Zwangslage der Mühe nicht verdrießen. Denn allzu drollig stelzt dort der französische Kantor in feierlichem Schwarz auf und ab, der am Morgen für den kranken Pastor Boquet mit affektierter Betonung die Predigt vorgelesen hat und sich nun noch in seinem Erfolg zu sonnen scheint. Schnarrend wettert dort ,in schnauzbärtiger Pole in seinem malerischen Nationalkostüm ob Ser Zerfleischung seines armen Vaterlandes gegen zwei griesgrämig verbissene Ordensgeistliche ein und sucht durch sein Säbelklirren die Aufmerksamkeit zu erregen, während da der reiche Danziger Kaufmann mit seiner amazonenhaft hübschen Tochter um die Wette dein russischen Geschäftsfreund zu gefallen sucht. Ein Windstoß blüht das Segel. Die gemütlichen Windmühlen- iiüget in der Niederung haben sich in fleißig surrende Rädchen verwandelt. Die Damen auf dem Deck binden ihre Hauben fester und ziehen die Mantille dichter um. Die Nähe der Weichsel und des unruhigen Meeres macht sich durch stärkeren Wellenschlag bemerkbar. Der Ausblick weitet sich auf den stachligen Mastenwald fern in der See und den dicken Leuchtturm von Weichselmünde. um den sich grausige Wolkenklumpen ballen. Das läßt sich jedoch vorerst niemand iümmern, denn schon winkt das Ziel des Aussluges und kitzelt die Saunten mit der leckeren Aussicht auf süßen Kuchen und Zuckerbier ,.. Lieder aus dem iibyscheu Zandmeer. Von Ewald Falls, Gießen. Die überschäumende Jugendkraft der Beduinenpoesie, der Vorläuferin aller arabischen Dichtkunst, im Verein mit ihrer naiven Ursprünglichkeit, weit ab von allem, was wir Kultur nennen, sichert ihr von vornherein ein starkes Interesse. Von fremdartiger Kühnheit und heftiger Leidenschaft führt sie zurück zu den primitiven Verhältnissen eines naturwüchsigen Nomaden- und Kriegerlebens, das sich unberührt und unverfälscht bis auf den heutigen Tag in der Wüste erhalten hat. Während der so ersolgreichen Ausgrabung der großen Heiligtümer der Menasstadt in der Mareoiiswüste, sowie als Gast des letzten Khediven auf dessen bedeutsamer Expedition nach der Oase Siwah, dem ersten Herrscherbesuch seit Alexanders des Großen Tagen am iveltabgelegenen libyschen Jnpiter-Orakel, und noch auf anderen Reifen hätte ich Gelegenheit, viel unveröffentlichtes Material aus diesen Poesien zu sammeln. Die Mensche», die ich auf jenen Inseln ober in den stillen Tälern des wilden libyschen Sand- ozeans traf, pflegen keine Künste, besuchen keine Schulen. Wie den wenigsten ihr Lebensalter, d. h. ihr Geburtsdatum, bekannt ist, fo messen sie Zeiten und Wege nur am Himmelslicht. Ihre Kinder lachen nicht, und die Alten haben kaum ein anderes Bedürfnis, als das.nach Freiheit. Scheu und ungern sehen sie den Fremdling ihr heiliges Gebiet durchqueren. Macht die ^Kultur" ihnen sogar die Kräuter der Hattje, das Steingeröll des Serir ober bie Riesenwogen der Sandzone streitig? . Naht aber ein Freunb, wie tauen bie Herzen auf, die weder Tabak noch Pulver, auch nicht die vielbegehrten Heilmittel des Medizinmannes zu öffnen verstehen. Beim flackernden Scheine des Zeltfeuers, umschmeichelt vom milden Abendwind. tritt bann auch wohl in biefen Kreis bie freundliche Muse. Mir schien, als leuchtete in der so schlicht und einfach zum Trante bargebotenen Schale der feuerflüssige Goldstrom der Poesie nicht minder, als wenn er in einem der glänzend erleuchteten Salons von Faubourg St. Honorä kredenzt worden wäre! Alt und jung kennt und liebt die Lieder und Texte. Kein größeres Fest, als wenn gar der Dichter ober Tradent selbst in ihrer Mitte erscheint unb neue Lieder und Märchen vorträgt. Was ich so aufgriff und niederschrieb, ist ausgewählt aus einem reichen Schatz von Kinderweisen, Karawanengesängen unb namentlich Liebesliedern. Während eigentliche Dichter — abgesehen von Stegreifdichtern — sich nur selten feststellen lassen, gibt es eine ganze Reihe vorzüglicher Tradenten, welche in einzelnen Fällen ihrem Gedächtnis durch geschriebene Sammlungen aufhelfen. Man muß sie in der Wüste selbst auffudjen. Anderwärts, namentlich im Niltal, vermischt sich nämticb di- Meob->-.!N->-li- stark mit Fellochen-Liedern und verliert schnell den eigenartigen Reiz des Unbefangenen, der Wüste. Noch eins mag hervorgehoben werden, bevor ich dem Leser einige Textproben dieser Dichtungen mitteüe. Ein Zweig der edelsten libyschen Beduinenstämme führt feine Abstammung auf ein deutsches Christenkind, namens Singer, zurück, das allein aus einem Schiffbruch in der Nähe von Demo (Barka) gerettet wurde und dem Stamme der Senagra, einer Unterabteilung der Auladali, den Namen gab. Diese Ueberlieferung ist jedem Mariütbeduinen geläufig. Letztere zählen durchweg selbst zu den Auladali, von denen Rohlfs in seinem Werk über die libysche Wüste sagt, baß sie die einzigen noch echten, nomadischen Araber des ägyptischen Reiches repräsentieren. „Nur sie", sagt der berühmte Afrikaforscher, „haben alle Merkmale und Eigenschaften, nur sie sind, als ob sie eben erst aus ihrer Halbinsel herübergekommen wären; stolz in Haltung, sind ihre Körper zwar sehnig, aber doch von untadelhaster Form. Das kühne blitzende Auge, die nicht zu stark gebogene, aber große Nase, ein ziemlich spitzes Kinn, etwas schwellende Lippen, das ist der Durchfchnittstyp dieser Araber." In ihren eignen Gesängen aber heißt es von ihnen: Sie essen keine Rüben, Roch trinken sie Kaffee, Stolz kommen sie auf Rossen In Gruppen und die Trommel tönt! Und die Kinder Arifs Auf denen, die dem Winde gleichen, Hartherzig sind sie und weise; Alis Kinder, heißblütig unb leicht zu erregen, Sie ziehen in Scharen zum Kampf, Auf den Mähngezierten sprengen sie, Kopf und Schweif hocherhoben. Schlacht und Sieg, Weiber, feurige Roffe und Kamele, ein schönes Zelt unb Herdenreichtum, das find bie Ideale ber Auladali. Dabei eigene, Jahrhunderte hindurch vererbte Gesetze und Gebräuche! Unb alles nicht ohne tiefes religiöses Empfinben, mag auch fein Ausruck bem Fremden gegenüber verborgen oder verflacht erscheinen. Selbst im Liede tritt es deutlich hervor. So beginnt ber Schlachtgesang vom Wadi Ater mit einer Mahnung zum Gebete: Zu dir, Prophet, ber Feuerlohe gleich, Die bis zum Sternenmeere flammt in finstrer Nacht, Dem Sturm, ber Regen guillen läßt. „Nach bem Gebete zum Propheten will ich erzählen, da ihr fragt", heißt es weiter in chiesem typischen Kampflied. Unter bem ermutigenden Getriller ber Frauen tritt ber Helb bes Tages auf: Da erschien auf tanzendem Zelter Mabruk, Der Wildtaube gleich, bie ihrem Schwarm aus bem Brunnen voransliegt; Und es. erschien Bll Mirjam auf rotbrauner Stute, Scheck unb Krieger unb Richter, Und es ritt auf springendem Roß Bu Suliman In Prachtgewänber» wie ein Blütenteppich, Unb er erbeutete ein feinbliches Roß, Ein schwarzes mit seuervergolbeten Bügeln. „Das Herz würbe hart vom Hinschlachten ber Lebenbigen", heißt es an einer anderen Stelle des Liedes, — unb sie „zerstückelten gleich einer arbeitenben Säge". Viele erhielten Todeswunden Unb fielen taumelnd von den Pferden, Die Ehrfurcht zollen den Alten (b. h. die Jungens, Hatten Gesichter wie Flammen, Unb bie Feigen entfärbten sich Wie ein neuer Topf auf bem Feuer. Die Hyänen im Ater aber fraßen im Uederfluß Unb füllten sieden große Speicher voll. Aber sie fraßen nur bie Türken, Denn diese fanden sie am fettesten; Und sprachen: Grüße deine Jungen, Vorher litten wir Not.-- Auf „schlanken, körperlichen Rossen" zieht sie daher, die todesmutige Reiterschar, Rossen, alle ohne Fohlen, erlesenen Tieren von der Farbe der weißen Gazelle." Und sie werden „getrieben vom Tücherschwenken unb Geschrei ihrer Frauen." Weiter kamen sie. Um ihre ermordeten Sklaven zu rächen; Es funkelten ihre Bügel feuerstrahlend im Sonnenlicht, Bor jedem Zelte häuften sie Berge von Leichen, Es waren Helden. Und freiwillig gaben sie Kunde den Spähern. Zweihundert und mehr zogen sie in Gruppen Wie bie Windsbraut, unb wir sahen Einen schweren Tag Heraufziehen. O wieviele starben den Heldentod, Nachbem sie mit eigener Hand hoppelt fo viele getötet! Selten mischt sich in den Sampfeslärm, „wo bas Pulver knattert, wie wenn man Getreide röstet," ein Ton ber Trauer über bas Unheil, über „bie vielen herrlichen Jünglinge, bie stumm bort liegen unb keine Antwort geben," ober über „bange Brüste, bie sich vor bem Feuer bargen." Der Schlachttag ist, wie es in dem Poem vom Kampf bei Schobrum heißt, ein Tag der Einsicht, ein glanz- unb siegvoller Tag, ein Tag des Glückes! Preis dem Tag von Schobrum! Gleich Sturzbächen In Loken sprang das Feuer zwischen sie. 331 — Preis dem Tag von Schob rum, dem Unglückstagk Auf Jahre hinaus berichten die Leute andern die Kunde, Langsam griffen sie an, bis sie zu Tode sich trafen, So daß die Flinten von oben bis zum Schaft barsten. Kein schärferer Kontrast ist denkbar, als der zwischen dem Kriegs- «nd dem Üiebesleben dieser Helden. Der rauheste Recke weiß Saiten anzuschlagen, deren Klang an das Beste erinnert, was Dichter au schaffen vermochten. Wer vermag sich dem Eindruck folgender Apostrophe zu entziehen, die wahrhaft ein Stücklein vom Geist des Salomonischen Hohenliedes der Liebe atmet: Sei gegrüßt, du Morgengabe, o milchweiße Gazelle, Hörner von Zöpfen krönen deine Stirn! Deine Wangen leuchten 4» Im Abenddunkel Und glänzen wie ein neugebautes Schloß. Wer kennt den braunen Sohn der Wüste wieder, dem Blutrache U#b Kampf heilige Gebräuche sind, wenn er sein Lieb besingt: Ihre Augenwimpern bis zu den Wangen Wie Grannen der Magrabigerste Regengetränk! Ihr Haarschmuck Ragt unterm Burnus hervor Wie di« Stränge der Schöpfgirbe In tiefer Zistern«. • Ihre Augen Gleichen Oliven Oder Pistolen Silberbeschlagen; Ihr Mund Immer gezügelt, Weise und freundlich Mit dem Nachbar. Ihre Hüften Gleichen einer Handspanne, Gürtelumschnürt, Auf daß sie nicht zerbrechen. Ihre Fersen — Gepriesen sei, der sie schuf. Die niemals Fäulnis berührt Roch Säge (die Säge des Arztes) Ihrer Liebe Geheimnis Gleich dem Weizsnkorn Auf dem tiefen Feld In keimenden Blumen. , Er sagt es ihr aufrichtig, daß er sie besingen will: „Bleib bitte stehen und höre mir aufmerksam zu, ich will Verse auf dich machen!", sein „Gemüt ist besorgt, die Gedanken verdunkelt, das Gehirn verwirrt", kurz, all' seine Freuds, sein Kummer und Liebesleid offenbaren sich im Liede. Köstlich klingt der fromme Wunsch, den der Beduinenjüngling an die allzu grausame Hüterin der Geliebten adressiert: O diese Alte, die Christin, Die mich zankt! Warum weist sie mich vom Liebchen? O die alte Krakehlerin, . Wenn nur ein Wolf sie fressen wollte, Ein toller-möge ihr begegnen! Möge vor der Dämmerung die Totenbahre kommen: Eie laufen mit ihr zu den Gräbern Und schieben sie unter die Grabdecke Ein Abend des Glücks und der Freude! Mit weher Klage beginnt ein anderes Lied: „Mein Mädchen gleicht der sterbenden Sonne": Wehe über mich, meine Seele ist todesmatt. Mein Atem röchelt Vom Saugen ihrer Lippen Süße- Todkrank ist meine Seele. Und weich' herrliche Gedanken und Bilder sammelt ein anderer Liebesgruß, der an die Gesamtheit der Schönen gerichtet ist: Meine Grüße den schlanken Schönen, Die gradlinig wie ihre Nefeial gestaltet sind, Die varüberziehen wie wandernde Zugvögel, Welche blindlings vom Schicksal ereilt werden; Und vergehen gleich der Gerste, die der Händler aufkäuft Und in seinen Scheunen häuft, Und zerschlagen wie die hohen Strandwellen, Die übers Gestade stürzend zerfließen, Und sterben wie der Same der Erde, Grüße, ob Bote, die Liebsten! Solche Dichtung spricht für sich selbst und für ihre Dichter und ' Tradenten. Ich brauche kaum anzufügen, daß meine Uebertragungen getreu, niemals frei sind, also keinesfalls beschönigen. Der Beduine besingt das, was sein Herz am stärksten bewegt, Freund, Feind, Besitz, weniger aber, was wir als die Schönheiten der Wüste bezeichnen, ihre wilden Täler und Berge, ihren Luftzauber, den Sandozean, wo Verderben lauert. Elegische Töne gehören geradezu zu den Seltenheiten. Hier ist an eine Karawane im Sandsturm zu denken, deren Menschen und Ladung dem Tode geweiht erscheinen: Gnade, o Gott, Der Tod dräut hinter uns. Gnade, o Herr, Keine Mutter, keine Schwester, Und unversehens naht der Tod. Verlassen! niemand beweint uns, Verzeihung, o Gott — Es stand einmal ein hochgebautes Haus, Und die Welt zertrümmerte es Und zerbröckelte die Steinpfeiler. — Gnade, lebendiger Gott, Am elenden Grabs Beim Racheengel Und beim Druck der Steinmassen! Um so vertrauter werden die Tiere, namentlich das treueste und nützlichste unter ihnen behandelt. Der Ausdruck „Schiff der Wüste" für das Kamel stammt aus der Wüste selbst, ist keineswegs eine Erfindung der Kulturvölker. Da die Karawane aufbricht, seufzt der Kameltreiber im Gedenken an die Geliebte: „Die Winde strichen, und die Schiffer lockerten; fern blieb die mit den geflochtenen Zöpfen"; sein Tier ist „ein Christenschiff, das die Tiefe durchschneidet, seine Seiten gleichen der Flanke der Feluke." Die Kamele sind: Zum Schweigen erzogen und zum Nichtreden, Und ihre Hälse wie Palmzweige, langausgestreckt! Und der Sohn der Einöde weih seinen Besitz zu schätzen: Schlagt nicht die, die das trübe Wasser schlürft, Sie kommt von Siwah hinter dem Führer her! Und ein anderes: Du trägst die Schläuche und du trägst die Körbe Und du trägst die Familie, mit Seilen gepackt. Und du trägst die Hübscheste, deren Gesicht dem Adler gleicht! Auch die Lust an flinken Rossen edler Abstammung kehrt in vielen Liedern wieder. Als Ideal gilt der Renner „mit tänzelnden Füßen, der seinen Herrn beim Gewehrknattcrn im Augenblick meilenweit trägt, furchterweckend beim Trillern tätowierter Lippen vorüberflieht, der seinen Herrn im Rate stört, der wie die Hexe wiehert. Ein Verbrechen an solchen Tieren wird schwer gerächt, ja selbst die Tötung eines Hundes fordert das Leben des Feindes. Nicht selten sind ferner Anklänge an die Tierfabel, so z. B. in den rührenden Versen der „Bürgschaft", wo ein Christ eine Gazellenmutter fängt. Diese bittet den Propheten, Bürge für sie zu sein, damit sie ihre Jungen stille. Das jüngste Gazellenkälbchen will lieber sterben, als den Propheten belästigen. Cs heißt da unter anderem: Es ergriff einer die Gazelle Und erhaschte sie. Die Gazelle ging und sprach Zum Propheten: mein Helfer und Herr! Und bat um Bürgschaft, Um ihre hungernden Kinder zu säugen. Es staunte der Prophet und sprach zum Ungläubigen: Ich sage dir, ich bin ihr Bürge; Laß sie die hungernden Jungen stillen! Da sprang die Gazelle auf mit der Stärke der Schnelligkeit Und säugte ihre hungernden Jungen, Da erhob sich ihr Jüngstes und sprach: — Es war des Saugens noch nicht gewohnt — Gehe, erlöse den Propheten; wenn wir sterben, So war unser Leben erfüllt. Auch an humoristischen Tierliedern fehlt es nicht; ich gebe hier als Probe die Klage eine Katze, welche beim Abbruch des Zeltes zu- rückgelassen wurde. Betrachte mein Gesicht und meinen Schnurrbart: Die Familie Eschlabi hat mich sitzen gelassen, Mich ausgesetzt im Jnselland! Er war eine Hyäne, sie ein Schwein, Alle waren schändlich und mitleidlos; Sie ließen mich hier am Platze zurück Und hielten keine Freundschaft mit dem Nachbar. O, was habe ich ihnen Mäuse gefangen Und sie am Schwänze herbeigeschleppt und spielen lasten! — Da sagte er: Steig' in die Feluke Und laß' uns zum Scheck Mehareb reifen. Denn dies Land ist untreu Und kennt nicht Gesetz, noch Vergeltung: — Betrachte mein Gesicht und meinen Schnurrbart, Die Familie Eschlabi hat mich sitzen gelassen! Auch in allgemeinen, zum Teil philosophischen Betrachtungen ergehen sich einige Gesänge: Tag und Weltall, ihre Begleitung ändern sich, Wenn der Südwind herrscht, Enthront ihn der Nordwind nicht? Wo ist unsre Mutter Coa? Wo unser Vater Adam? Wo sind die Scheits, Die Großen und Großmütigen, Die Sklaven und Diener hielten? Freundschaft, Gefangenschaft, Gastrecht, die Kismije-Jdee (Vorausbestimmung), alle diese Dinge und viele andere, auch unsere Kulturwelt bewegende Fragen kommen poetisch und eigenartig zum Ausdruck. Ich muß es mir versagen, hier weitere Beispiele aus diesem reichen und neuen Material anzuführen, und schließe mit einem Kinderliedchen, in dem das Knäblein mit der Gazelle verglichen wird, die am Honigborn der Mutterbrust saugt: - 332 — Mein Junge! Hundert reiten dir voraus und hundert gehorchen dir. Hundert pflegen deinen Burnus, Hundert spielen in deinen Zeltweichen, Hundert springen um deinen Hengst, Hundert befreien dich, wenn du gefangen, Hundert rufen: steig' auf, o Fürst! . Die Gazelle trägt weiße Hosen und kommt trinken zu dir, o Honigborn, Die Gazelle ist verbannt in die Sandberge und kommt trinken zu dir. o Honigborn. Die ProbeschrvesLer. Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung statt Schluß.) Was sie getan, war nicht zu entschuldigen. Und Dietrich Weckerling? Der kannte keine Bedenklichkeiten. Und doch, man mochte ihn einschützen, wie man wollte, an seiner Verschwiegenheit war nicht zu zweifeln. Sie einer Verlegenheit auszusetzen, sie bloßzustellen, dazu würde er nicht fähig sein. War's denn bittre Notwendigkeit, das Schwesternhaus aufzugeben, in dem sie eine zweite Heimat gesunden? Daheim ihre Tage vergeuden, der Mutter von neuem zur Last fallen, hieß, sie der Verzweiflung überliefern. Nein, es mußte einen anderen Ausweg geben, begangene Schillb zu sühnen und sich wieder achten zu lernen. Sie legte das Diakonissenkleid nicht ab; sie folgte dem Gebot der Pflicht, gelobte sich, in doppelter Treue und Hingebung ihres Schwefternberufes zu walten. W-r nur recht wollte, dem wuchs auch die Kraft. Der Gutsherr hatte nach Mitternacht noch kein Auge geschloffen. Gedanken flogen bei ihm ein und aus und ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Sonst pflegte er den Silvesterabend damit zu verbringen, die Briefe zu sichten und abzulegen, die er im Laufe des Jahres von Verwandten und Freunden empfangen. Heut hatte er die Arbeit für die Tage, die er wieder allein fein würde, zurückgelegt. Er hatte gute Freunde, Freunde, von denen er überzeugt war daß sie ihre Gesinnung nicht nur mit Worten, sondern, wenn es sein muhte, mit der Tat bewiesen. Der beste Freund aber war ihm sein Bruder. Bei aller Ungleichheit ihrer Naturen waren sie sich nie fremd geworden, standen sie sich in vollem Vertrauen gegenüber. Ihre geschwisterliche Liebe hatte sich ein Menschenalter hindurch und darüber hinaus bewährt, es gab keine Klippe, an der sie zerbrechen konnte. So ruhig und harmonisch das Leben in der Familie Weckerling hingeflossen war, hatten sich doch zuweilen erregte Szenen abgespielt. Der Vater fühlte sich durch Dietrichs burschikoses Leben oft verletzt. Die Mutter legte sich ins Mittel, und es gelang ihr, schnell wieder Frieden zu stiften. Das war lange her. Dietrich hatte auf seiner Lebensfahrt die Kanten und Ecken abge- schlifsen. Hans wünschte sich des Bruders gewandte Umgangsformen und feine Gabe, das Leben sich und den anderen leicht zu machen. Dem Gutsherrn eignete des Vaters schwerblütige Art, die sich mehr als nötig mit Sorgen umspann. Ein Hang zum Grübeln wohnte ihm inne, gegen den er immer ankämpfen mußte. Darüber führte der Segen der Arbeit hinweg. Zu den Menschen, deren Denken und Tun der Erwerb beherrschte, würde er nie gehören. Seine Wünsche sanden bei leidlichem Ertrag des Guts auf still umfriedeter Scholle Erfüllung. Seit er die Krankheit überstanden, klang eine Stimme in ihm und in den letzten Tagen lauter denn je: „Du brauchst ein Wesen, das neben dir wirkt, das dich versteht, mit dem du deine Gedanken tauschst, das dir in zartem, vertraulichem Band die Freude am Leben erhöht." Wenn er zurückschaute; all seine kleinen Liebeleien waren spurlos an ihm vorübergegangen. Nun war er von einem Gefühl durchdrungen, so stark wie nie zuvor, er liebte Schwester Luise, seine treue Pflegerin. Aber Verzagtheit fiel ihn an. Dies Mädchen in seiner Klarheit und Festigkeit hatte sich seinen Beruf erwählt. Wenn er vor sie hintrat und um sie warb, würde sie dem Wirkungskreis entsagen, der sich ihr eben eröffnet hatte, würde sie ihr Schicksal in seine Hände legen? All die Stunden, die er mit ihr verlebt, jede Einzelheit rief er sich ins Gedächtnis zurück. Sie hatte ihm mit keinem Blick, mit keiner Miene gezeigt, daß sie ihm mehr fein wollte als feine Pflegerin. Und doch, es konnte kein Wahnbild fein, es lebte eine Zuversicht in ihm, die er wie ein Zeichen des kommenden Frühlings empfand: er hatte ihre Neigung gewonnen, sie wies ihn nicht ob! Morgen am Tag, ehe sie ging, würde er feinen Antrag machen. Hoffnungsselig, von heiteren Bildern eingewiegt, fand er endlich erquickenden Schlaf. Anderntags zur festgesetzten Zeit brachte der Wagen Dietrich an die Eisenbahnstation. Wenige Stunden danach trat auch Schwester Luise reisefertig in des Gutsherrn Arbeitszimmer. Der hatte sie längst erwartest ging auf sie zu, ohne seine Erregtheit verbergen zu können. „Schwester Luise, jetzt, da Sie Abschied nehmen wollen, möcht' ich von Dankbarkeit zu Ihnen sprechen. Daß ich immer Ihr Schuldner bleibe, versteht sich von selbst. Der Landmann — so lautet ein Spruch bei uns — braucht fünf W, wenn feine Wirtschaft gedeihen soll: Weizenboden, Wiese, Weide, Wasser und Wald. Ich glaube, er braucht noch ein sechstes W: eine gute Wirtin. Die fehlt mir. Das klingt sehr nüchtern, nicht wahr? Und doch, wie ich hier vor Ihnen stehe, entspringt's meinem heiligsten Gefühl. Sie sind wie ein guter Engel in mein Haus gekommen. Ich bin mit Ihnen zusammengewachsen. Ich kann Sie nicht mehr entbehren. Ich bin nicht mehr jung, bin auch nicht alt. An einem jungen Baurn muh man immer stutzen und schneiden, bis er in die Höhe wächst und Früchte trägt. An einem starken Baurn kann man sich halten. Das sag ich Ihnen ohne Selbstüberhebung. Wie meinen Augapfel will ich Sie hüten. Sie wissen, daß ich's ehrlich meine: werden Sie meine Frau! Er hatte mit wachsender Wärme gesprochen. Seine Blicke waren auf sie gerichtet, als wollten sie ihr Innerstes durchdringen. Jeder Blutstropfen war aus ihrem Antlitz gewichen, sie hatte Mühe, sich aufrecht zu halten. Was sie nicht entfernt geahnt, machte diese Stunde wahr. Der Mann, den sie so hoch schätzte, begehrte sie zur Frau. Sie nahm ihren Berus sehr ernst, sie wußte, daß man kein Spiel damit trieb, aber sie hatte sich die Freiheit gewahrt. Einem Hans Weckerling Gefährtin zu fein, um diesen Preis wäre sie gestern bereit gewesen, von der Oberin ihre Entlassung zu fordern, heut wies ihr die innere Stimme den Weg. Des arglosen Gutsherrn Frau zu sein und seinem Bruder als Schwägerin zu begegnen, das Peinvolle ihrer Lage hätte sie in Staub gezogen, wäre ihr unerträglich gewesen. „Herr Weckerling," sprach sie mit zuckendem Herzen, „ich danke Ihnen für Ihre guten Worte. Und, glauben Sie mir's, sie finden bei mir einen guten Ort. Meine Oberin hat mich hierher geschickt. Ich habe nur meine Pflicht getan. Sie haben mir so viel Siebes erwiesen, daß ich's nie vergessen werde. Aber Ihre Frau werden kann ich nicht. Ich bin Schwester und will es bleiben." Eine Blutwelle stieg ihm in den Kops. „Schwester Luise," stieß er heraus, „mein Antrag hat Sie überrascht. Daß so ein Schritt überlegt sein will, begreif’ ich wohl. Sie sollen nichts überstürzen. Sie werden Ihre Mutter, Ihren Bruder zu Rat ziehen wollen. Wenn ich auch mein Gefühl nicht zurückdrängen konnte, ich werde warten, bis Sie mir schreiben." Sie schüttelte wehmütig den Kops. „Ich werde Ihnen nicht schreiben, Herr Weckerling. Ich bin Schwester und will es bleiben. Das ist mein unabänderlicher Entschluß!" „Stebt’s so," sagte er, „dann darf ich freilich nicht in Sie bringen." Er wandte sich ab. Ein gewaltiger Schmerz durchbebte den Mann. In ihren Augen standen Tränen. Sie raffte sich auf und schritt hinaus. * Der Winter ging dem Gutsherrn in rastloser Tätigkeit hin. Er hatte vor langer Hand Unterlagen für eine Schrift über die landwirtschaftlichen Arbeiter gesammelt. Die brachte er nun zu Papier und füllte die Abende damit aus. Die Zeit der Frühjahrssaat begann. Daß kein Tag verloren werde, galt es, jeden Nerv anzustrengen. Ein paar Monate weiter, und die Wiesen trugen wieder Blütenschmuck. Auf dem Freihof wurden die Böden gereinigt und mit Stroh belegt; Wagen, Sensen und Rechen wurden in Ordnung gebracht. Das Jahr, das sich zuerst gut angelassen, brachte nun viele Niederschläge. So vortrefflich bas Futter staub, fürchtete man für bas (Betreibe. An einem regnerischen Juniabeub stellte sich unerwartet ein Gast auf dem Freihof ein: Dietrich. Seine Gesellschaft hatte ben seit lange gehegten Plan verwirklicht, hatte nahe bei Memel eine zweite Fabrik erbaut. Den Betrieb nach seinen Ideen auszugestalten, war ihm der weiteste Spielraum gelassen. Che er für mehrere Monate nach Ostpreußen ging, war es ihm Bedürfnis, den Bruder noch einmal zu sehen und zu sprechen. Das Unternehmen ins Gleis zu bringen, hatte Dietrich in der letzten Zeit schier Uebermenschliches geleistet. Nun hatte er die Bahn freigemacht und zog mit fliegenden Fahnen im Osten ein. Er mar in gehobenster Stimmung. Sein Hoffnungswagen fuhr so schnell, baß ihm ber Bruber kaum folgen konnte. „Er hat gut fröhlich fein," bachie Hans, „er wirb vom Glück auf ben Hänben getragen, unb was er ansaßt, bas gerät." Frau Dick wartete eine bestäubte Flasche auf. „Niersteiner Glöck, Herr Dietrich", schmunzelte sie. Hans füllte die Gläser unb stieß mit bem Bruber an. Ein seltsam schriller Klang burchzitterte bie Luft. „Was du jetzt für feine Kelche hast," bemerkte Dietrich, „bie mögen leicht zerbrechen." Das Gespräch, nachdem es eine Weile abgeschweift war, langte wieder im Osten an. „Was ich dir sagen wollte, Hans, von ber neuen Fabrik bis zum Heimatstäbichen deiner Pflegerin, ber Schwester Luise, ist's nur ein paar Meilen. Ich hab' bich vorhin „schon gefragt, — bu hast s wohl überhört —, wie geht's ihr benn?" „Ich weih es nicht", versetzte ber Gutsherr ein wenig befangen. Dietrich leerte fein Glas unb sagt« mit ber Zunge schnalzend: „Sie war allerliebst, schön zum Küssen!" „Ich bitte bich, sprich nicht in bem Ton von ihr." „Ach, Hans, mit beiner Harmlosigkeit! Wann wirst du endlich einmal vernünftig werden? Das beste Weib bleibt Weib. Ihr Dichten unb Trachten ist ber Mann!" (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck ber Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Steinbruckerei. R. Lange, Gießen. w steil ke ?C M ui jd Hi B w g> n tr T li xx. ? d b b b S b b a l e r 1 1 f f I