Gießener Kmnlienblatter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, -en (6. März Nummer 22 Vorfrühling. Von KarlRöttger. Rebel füllt den Abend schon — Dämmerung ist mild und leis«. Blanke Tropfen, silberweiße, Fallen langsam, Don an Ton. Von den Zweigen... an di« Erde. — Einer Drossel sel'ges Flöten Lieber nackten Gartenbeeten Kündet, daß nun Frühling werde. Grau im Blauen wie ein Traum Stchn die Dinge... Durch den Garten Geht bas Schweigen — Boller Warten Auf das Licht stehn Strauch und Baum: Voller Warten auf das Licht Heller Tage, bah sie ihre Sehnsucht wie durch offne Türe Grünend dränge an das Licht... Die Rofeninfel. Ein alttürkisches Märchen, nacherzählt von unserem E. S.-Korre- spondenten, Konstantinopel. Als in grauer Vorzeit die Vorfahren der Türken aus den Steppen und Wüsten Jnnerasiens, in gewaltiger Kraft alles vor sich zermalmend, nach Westen zogen, kamen sie zuerst an ein großes Gewässer, das sich unermeßlich weit zu erstrecken schien. Steppen, Sandwüsten und fast undurchdringliche Schilfdickichte umsäumten die Gestade dieses Meeres. Ein Teil des wandernden Volkes lieh sich hier nieder, wahrend die anderen weiter nach Westen strebten. Durch das wogende Gras der unermehlichen Ebene zogen die kriegerischen Aeiterscharen auf ihren flinken, ausdauernden Vossen, bis sie wieder an ein Meer gelangten. Das war ein gewaltig großes Meer von herrlich grünblauer Farbe, das unter den Strahlen der südlichen Sonne gleich Saphiren und Smaragden schimmerte. Hier, auf den üppigen Grasfluren am blauen Meere lieh sich ein Teil des Türkenvolkes dauernd nieder. Gegenüber ihrem Wohnsitze, nur durch einen schmalen Meeresarm getrennt, der später ganz versiegte, lag eine grohe Insel, die nicht von Menschen bewohnt zu sein schien. Herrliche Wiesen und Steppen gab es dort, umrahmt von hoch zum Himmel ragenden Bergen und schattigen Mildern. And über die tvunderbare Fusel herrschte der Sage nach eine mächtige Fee, die auf dem höchsten Berggipfel, dem Tschathr Dagh, Hausen sollte. Sie herrschte über die Tiere, die Bäume und Blumen der Wälder und Steppen, in einem friedlichen Paradiese, das keines Menschen Fuh betrat. Die Türken aber am Gestade des Meeres wurden mit der Zeit immer reicher, nicht allein durch ihre groben Heroen, sondern auch durch die Raubzüge, die sie nach Borden, in das Land der räuberischen Kosaken unternahmen. And arabische Händler kamen ins Land, brachten ihnen kostbare Gewänder, goldenes Geschmeide und Juwelen. So wurde das Leben der einfachen Hirten immer üppiger. And die Töchter der reichsten Leute verbrachten ihre Zeit nur noch damit, sich zu putzen und zu schmücken. And viele dieser törichten Mädchen dachtem nicht mehr daran, zu heiraten, sondern glaubten in ihrer Torheit, sie könnten ihre Zeit ewig mit so müßigem Getändel verbringen. Da sprach an einem Frühlingsmorgen eines dieser Uliaochen zu seinen Gespielinnen: „Laßt uns Kähne nehmen und nach der Insel fahren! Dort soll es schöne Wiesen geben, auf denen die herrlichsten, farbenprächtigsten Blumen blühen,, um welche bunte Schmetterlinge gaukeln. Dort wollen wir die Zeit mit Spiel, Gesang und Tanz vertreiben, unbeobachtet von jedem männlichen Auge!" And sie fuhren nach der Insel, und ergötzten sich den ganzen Tag in fröhlichem Spiel. Die Hirsche, Rehe und Antilopen, die auf den Wiesen grasten, betrachteten erstaunt aus ihren großen braunen Augen die fremdartigen Wesen, hatten aber keine Scheu vor ihnen. , Als die Mädchen aber am Abend an die Heimfahrt dachten, horten sie plötzlich in den Lüften ein Rauschen und Brausen, und ein riesengroßer Adler flog vom Gebirge zu ihnen nieder. And auf dem Rücken des Riesenvogels sah em herrliches Weib in goldglitzerndem Gewände, mit einem langen Stabs aus Ebenholz in der weißen Hand. And ihre aufgelösten Haare flatterten beim schnellen Fluge des Adlers hinter ihr her, wie eine schwarze Fahne. Als sich der Adler niederließ, trat die Fee vor die erschreckten Aiädchen, die bebend vor Ehrfurcht auf die Knie sanken. Zürnend aber sprach die Fee zu ihnen: „Ihr törichten Jungfrauen! Ihr verbringt eure Tage in müßigem Spiel und trotzt dem Gebot» Allahs, der euch zu Gattinnen und Müttern bestimmt hat. Zur Strafe behalte ich euch hier und nehme euch in mein Blumenreich auf. Dort sollt ihr keine anderen Früchte tragen, als solche, die die Vögel unter dem Himmel gemeßen!" Dabei berührte die Fee die Mädchen mit ihrem Zauberstab«, und sie verwandelten sich sämtlich in herrlich blühende Rosen büfche. Daheim glaubte man, die Mädchen seien auf ihrer Fahrt verunglückt. Der betäubende Dust der Rosen war aber so stark, daß er bis nach dem Festlande zu spüren war. Das war die Seele der verzauberten Jungstauen, aber die Qeute wußten das nicht! Anter den Türken an der Kiiste gab es aber auch, viele Burschen, die längst keine Jünglinge mehr waren, aber trotzdem nicht daran dachten, zu heiraten. Warum, so sprachen sie, sollen wir ins Ehejoch? Ist der unbeweibte Krieger beim Angriff nicht der Tapferste? And stehen uns bei unseren Raubzügen in das Land der Kosaken nicht überall die schönsten Frauen zur Verfügung? Eines Tages aber sprach einer von diesen Kriegern zu seinen Genossen: „Laßt uns nach der Rvseninsel fahren und einige Kähne mit Rosen heimbringen!" Kaum aber hatten sie die herrliche Rofenflur betreten, als der große Adler von den Bergen zu ihnen herabstieß, und die Beherrscherin der Insel vor ihnen stand. Aeberirdisch schon sah sie aus, aber ihre großen schwarzen Augen blitzten so zornig, daß diese rauhen, tapferen Krieger vor ihr niederfielen und ihre erschreckten Gesichter in den Staub drückten. And zürnend sprach die Göttliche zu ihnen: „Diebe und Räuber seid ihr, Allah ein Greuel! Räuber, die nur die Gewalt und den rohen Genuß kennen, die nur nach den Frauen anderer die Hand ausstrecken. Hart soll darum eure Strafe fein! In häßliche Dornbüsche will ich euch verhandeln, die keine Frucht tragen, die jedes Getier ängstlich meidet!" And sie berührte mit ihrem Zauberstabe die vor ihr im Staube Liegenden. Sofort verwandelten sich deren Glieder in stachlige Zweige mit großen Dornen und kleinen, häßlichen Blättern. So standen jetzt die starren, unansehnlichen Dornsträucher zwischen den herrlich blühenden Rosen. Wenn aber der Seewind über die Insel fuhr, dann neigten sich alle diese Büsche zueinander, tote von einer geheimen Sehnsucht getrieben, als wollten sie sich vereinigen... Seit auch die jungen Krieger nicht mehr zurückgekehrt waren, wagte niemand mehr, die Roseninsel §u betreten, das Reich der mächtigen Fee... So verging ein halbes Jahrhundert, und di« verschollenen Krieger und jungen Mädchen waren bereits völlig vergessen. Da schwebte eines Tages die Fee von, ihrem Felsenthrons zu ihrem Rosengarten nieder und berührte mit ihrem Zauberstabe der Reihe nach alle Sträucher. And diese verwandelten sich wieder in Menschen! Aber siehe da! Es waren jetzt Greise und Greisinnen, sämtlich älter als siebzig Jahre, mit weißem Haar und verrunzeltem Gesicht! Mit Tränen der Reue betrachteten sie einander, in stummer Trauer! And die Fee sprach zu ihnen, nicht mehr zürnend, sondern in mitleidsvoller Weise: „Ihr alle, die ihr die Gebote Allahs nicht besolgt habt, ihr habt das Göttliche im Menschen nicht erkannt, das Göttliche der Liebe! Ihr habt den Sinn des Lebens nicht- verstanden! Darum war euer Leben verfehlt und verdorben!... Ihr armen alten Jungfrauen! Gegen euch will ich Gnade walten lassen, und euch wieder in Rosen verwandeln. Sv könnt ihr dennoch alljährlich immer wieder in unvergänglicher Schönheit prangen!... Ihr alten llllänner aber, die ihr jetzt M nichts mehr nütze seid, weder zum Kampf noch zur Liebe, ihr seid die Schuldigeren! Begebt euch heim, wo man euch längst vergessen hat, und tragt die Bürde des Alters weiter, bis an das Ende eures verfehlten Lebens!..." So sprach die mächtige Fee, die ewig junge Herrscherin im Reiche des ewig Schönen, streichelte liebkosend die Antilopen isii> 'Bügel, die sich zärtlich zu ihr bräitgten, mich schwebte wieder empor zu den schroffen Felsgipfekn des in blauer Kerne schimmernden Tschatyr Dagh. Neues vom Gehörsinn. Von Äniv.«Professor Dr. O. Sternm. Als einst der König von Preußen den Astronomen Befiel fragte, was es neues am Sternenhimmel gäbe, antwortete dieser zwar: „Kennen Majestät denn schon das Alte?" Trotz- dem mag es gerechtfertigt sein, in unserem Falle einmal nur von dem Neuen zu sprechen. Denn es handelt sich um eine überraschende .Entdeckung, die der experimentell psychologischen Forschung der letzten Jahre geglückt ist: Das menschliche Gehörorgan ist nämlich mit einer geradezu märchenhaften Empfindlichkeit für die kleinsten Zeitunterschiede in der Erregung der beiden Ohren ausgerüstet. Wenn von einem äußeren Schallreiz, z. CB. einem Pfiff, Schallwellen ausgehen, so pflanzen sich diese in der Luft nach allen Richtungen hin mit gleicher Geschwindigkeit fort. Sie erreichen also das linke und das rechts Ohr nur dann in demselben Augenblick, wenn der Weg von der Schallwelle zu den beiden Ohren gleich lang ist, wenn also in unserem Beispiel der Pfiff etwa gerade von vorn foirnnt. Kommt aber der Pfiff ein wenig von rechts, so ist der Weg zum rechten Ohre hin kürzer, als zum linken, und die Schallwellen langen in dem rechten Ohre eher an, als in dem linken. Bis hierher ist alles ganz einfach. Jetzt aber kommt die lieber« raschung, ja geradezu das Wunder: zuverläffige Messungen, die an verschiedenen Forschungsstätten bestätigt worden sind, haben gezeigt, daß das Gehörorgan unter den geschilderten Umständen noch auf Zeitunterschiede anspricht, die auf den Betrag von Vsoooo Sekunde herabgesunken sind, also 30 OOOmat so klein sind, als das flüchtige Dorübergleiten einer einzigen Sekunde! Dieser Wert ist erstaunlich viel kleiner, als die kleinsten Zeiten, die sonst in der Psychologie eine Rolle spielen. Wir wissen es längst, daß unsere Gedanken nicht mit der Blitzesschnelle einander folgen, von der die Dichter sprachen, auch der rascheste Äebergang von einer Vorstellung zur anderen, eine sogen. Assoziation, nimmt eine Zeit von einigen Zehnteln Sekunden in Anspruch. Richt viel schneller sind auch die leichtfüßigsten Entschlüsse, die durch unser Bewußtsein zu huschen vermögen. Erst bei den Reflexzeiten kommen wir auf merklich kleinere Größen; die ruckweisen Bewegungen unserer Augen, deren wir etwa 5 bis 7 beim Äeberfliegen einer gewöhnlichen Druckzeile ausführen, erfolgen als Reflexe, also als unwillkürliche Bewegungen auf die einzelnen Gesichtsausdrücke hin, so schnell, daß die Dauer jeder einzelnen von ihnen meist unter Vio Sek. bleibt. Aber um wieviel kleiner als alle diese Zeiten! sind doch die vorhin genannten Zeitunterschiede in der Erregung beider Ohren, auf die unser Gehörorgan noch anspricht! Freilich kommen sie nicht als solche zum Bewußtsein, sondern sie setzen sich in räumliche Unterschiede um, nämlich in Richtungsunterschiede. Wird das rechte Ohr von demselben Schallreiz um einen solchen außerordentlich kleinen Betrag von Viooo bis Vsoooo Sek. eher betroffen als das linke, dann verlegen wir den Schall in unserem Beispiel von vorhin also den Pfiff, nach der Seite des rechten Ohres hinüber, d. h. wir erkennen die Dichtung, aus der ein Schall kommt, auf Grund der Zeitunterschiede, im Anlangen der Schallwellen im linken und rechten Ohr. Hier kann man in Wahrheit das Wert aus demParsival umkehren, und davon sprechen, daß sich die Zeit zum Raume verwandelt. Zur experimentellen Prüfung dieser Theorie bedarf es feinster Meßinstrumente, die uns die Zeiffpanne von einer Sekunde noch in 30 000 gleiche Teile einteilen, so daß wir künstlich einen solchen Zeitunterschied machen zwischen der Erregung der beiden Ohren Herstellen können. Es ist nun aber höchst interessant, daß wir einige dieser Phänomene auch mit ganz einfachen Hilfsmitteln erzeugen können. Wir brauchen nämlich weiter irichts dazu, als zwei Taschenuhren. Unsere Taschenuhr ist im Grunde genommen ein Präzisionsinstrument, das uns fast zu vertraut geworden ist, als daß wir ernsthaft darüber nachdächten, was es eigentlich an Genauigkeit leistet. Bei den meisten Taschenuhren schwingt die Unruhe so, daß fünf Schläge innerhalb einer Sekunde entstehen, die in einem charakteristischen Rhythmus eingebettet sind. Wenn man nun zwei beliebige Ähren nimmt, so wird stets die eine gegen die andere etwas verschieden gehen. Angerwmmen, sie überholt sie am Tage um rund 2*/2 Minuten, so überholt sie sie also in je 10 Minuten um eine Sekunde. Die schneller gehende Ähr schiebt ihre einzelnen Schläge an die der langsameren heran: die Abstände zwischen je einem Schlage der langsameren und der schnelleren Ähr werden immer kleiner bis herab zu Rull, und dann entfernen sich ebenso allmählich die Schläge der schnelleren Ähr von den zurückbleibenden der langsameren. In unserem Beispiel vollzieht sich dieses Hindurchgehen durch die allerkleinsten Zeitunterschiede zwischen den Schlägen der beiden Ähren je einmal innerhalb von 10 Minuten. Der Leser kann nun selbst den folgenden höchst merkwürdigen Versuch anstellen. Man halte eine Taschenuhr vor das linke und eine andere vor das rechte Ohr. Dann fallen im allgemeinen die Rhythmen der beiden Ähren deutlich aus- 86 — einander. Man kann sich mit der Aufmerksamkeit bald der einen, bald der anderen zuwenden, hört aber deutlich, daß eben zwei solcher Ähren vor den Ohren schlagen. Dun heißt es, sich mit Geduld wappnen, bis auf Ginmd des GangeSunterschiedes der beiden Ähren in der geschilderten Weise die Rhythmen einander näher kommen. Bevor sie wirklich gufammenfallen, stellen sich bei dem ganz allmählichen Zusammenrücken Zeitunterschiede her, die tatsächlich so klein sind, daß sie unter den früher genannten Wert von V1Ooo herabsinken. Änd nun tritt das merkwürdige Phänomen ein: Das Ohr hört jetzt nur noch eine Ähr schlagen, und der Schlag dieser einen Taschenuhr, die ich allein noch Are, wandert in geradezu geheimnisvoller Weise durch bas Jrniere des Kopfes hindurch, von einem Ohre zum anderen. Der Schall der beiden Ähren ist zu einem gemeinsamen Eindruck verschmolzen, und dieses Schallbild folgt den kleinen noch übrig gebliebenen Zeitunterschieden. Das Gehörorgan setzt genau so wie beim gewöhnlichen Hören diese allerkleinften Zeitunterschiede in Aich- tungsunterschiede um, und daher rührt das geheimnisvolle Wanderin von einem Ohre zum anderem Dem mathematisch denkenden Leser fällt es rächt schwer, aus dem Gangunterschied der beiden Ähren zu berechnen, wie klein beim tatsächlich die Zeitunterschiede sind, während deren diese Wanderung des Schalles dauert. Wenn er gut beobachtet hat, wird er immer wieder in die Rähe der genannten sehr kleinen Werte hingeführt! Der Taschenuhrenversuch ist zugleich ein belehrendes Beispiel dafür, daß oft in dem scheinbar bekannten und selbstverständlichen die eigentlicheii Wunder versteckt sind. Der Leipziger Psychologe E. H. Weber schilderte 1846 als erster den verschiedenen Eindruck, den man von dem Rhythmus zweier Taschenuhren erhall, wenn man sie entweder beide vor dasselbe Ohr hält, oder sie auf beide Ohren verteilt. Wahrscheinlich hat er nicht lange genug die beiden Ähren angehört; das entscheidende an dem Phänomen — die Wanderung des Schallbildes — entging ihm. Sie entging ebenso den vielen, die nach ihm diesen Versuch wiederholten, und erst in diesem Jahre fand Der Kieler Psychologe Wittmann in dem Tafchenuhrenversuch das eigentliche Kernstück — die Wanderung und die genaue Äebereinstimmung mit der aus anderen Messungen bereits bekannt gewordenen feinen Zeitempfindlichkeit des Ohres. Wer als wissenschaftlicher, denkender Mensch gelernt hat, im kleinen das Große zu erkennen, der achtet auch in dieser Einzelheit die wahren Wunder der Natur, denn wie es zügeht, daß im Gehörorgan jene kleinsten Zeitunterschiede zur Wirksamkeit gelangen, das bleibt im Grunde genommen in Dunkel gehüllt. Spiegel, das Kätzchen. Ein Märchen von Gottfried Keller. (Fortsetzung.) Sie wurde heiter, und wenn sie dazwischen traurig war, geschah dies in dem Wechsel der Liebesfurcht und Hoffnung, welche immerhin ein edleres und angenehmeres Gefiihl war, als jene peinliche Verlegenheit in der Wahl, welche sie früher unter den vielen Freiern empfunden. Jetzt kannte sie nur eine Mühe und Besorgnis, diejenige nämlich, dem schönen und guten Jüngling zu gefallen, und je schöner sie selbst war, desto demütiger und unsicherer war sie jetzt, da sie zum ersten Wale eine wahre Neigung gefaßt hatte. Aber auch der junge Kaufmann hatte noch, nie eine solche Schönheit gesehen, oder war wenigstens noch keiner so nahe gewesen und von ihr so freundlich und artig behandelt worden. Da sie nun, wie gesagt, nicht nur schön, sondern auch gut von Herzen und fein von Sitten war, so ist es nicht zu verwundern, daß der offene und frische Jüngling, dessen Herz noch ganz frei und rmerfahren war, sich ebenfalls in sie verliebte und das mit aller Kraft und Rückhaltlosigkeit, die in seiner ganzen Natur lag. Aber vielleicht hätte das nie jemand erfahren, wenn er in seiner Einfalt nicht aufgemuntert worden wäre durch des Fräuleins Zutulichkeit, welche er mit heimlichem Zittern und Zagen für eine Erwiderung seiner Liebe zu halten wagte, da er selber keine Verstellung kannte. Doch bezwang er sich einige Wochen und glaubte die Sache zu verheimlichen; aber jeder sah ihm von weitem an, daß er zum Sterben verliebt war, und wenn er irgend in die Nähe des Fräuleins geriet oder sie nur genannt wurde, so sah man auch gleich, in wen er verliebt war. Er war aber nicht lange verliebt, sondern begann wirklich zu lieben mit aller Heftigkeit seiner Jugend, so daß ihm das Fräulein das Höchste und Beste auf der Welt wurde, an welcher er ein für allemal das Heil und den ganzen Wert seiner eigenen Person setzte. Dies gefiel ihr über die Maßen wohl; denn es war in allem, was er sagte oder tat, eine andere Act, als sie bislang erfahren, und dies bestärkte und rührte sie so tief, daß sie nun gleichermaßen der stärksten Liebe anheimsiel und nun nicht mehr von einer Wahl für sie die Rede war. Jedermann sah diese Geschichte spielen und es wurde offen darüber gesprochen und vielfach gescherzt. Dem Fräulein war es höchlich wohl dabei, und indem ihr das Herz vor banger Erwartung zerspringen wollte, half sie den Roman von ihrer Seite doch ein wenig verwickeln und ou^innen, um recht auszukosten und zu genießen. Denn der junge Mann beging in feiner Verwirrung so köstliche und kindliche Dinge, dergleichen sie niemals erfahren, und für sie einmal schmeichelhafter und angenehmer waren, als das andere. Er aber in seiner Gradhett und Ehrlichkeit konnte es nicht lange so aushallen; da jeder daraus anspielte und sich einen Scherz erlaubte, so schien es ihm eine — 87 neu. Sie sah ihm deutlich an, daß er log und daß es fern einziges Vermögen und ganze Hoffnung war, welche er ihrem Glücke opferte; doch stellte sie sich-, als glaubte sie seinen Worten. Sie lieh ihren freudigen Empfindungen freien Lauf und tat grau» samerweise, als ob diese dem Glücke gälten, nun doch ihren Erwählten retten und heiraten zu dürfen, und sie konnte nicht Worte finden, ihre Dankbarkeit auszudrücken. Doch plötzlich besann sie sich und erklärte, nur unter einer Bedingung die großmütige Tat annehmen zu können, da sonst alles Zureden unnütz wäre. Befragt, worin diese Dedingung bestehe, verlangte sie das heilige Versprechen, daß er an einem bestimmten Tage sich bei ihr einfinden wolle, um ihrer Hochzeit beizuwohnen und der .beste Freund und Gönner^ ihres zukünftigen Ehegeinahls zu werden, sowie der treueste Freund, Schützer und Berater ihrer selbst. Errötend bat er sie, von diesem Begehren abzustehen; aber umsonst wandte er alle Gründe an, um sie davon abzubringen, umsonst stellte er ihr vor, daß seine Angelegenheiten jetzt nicht erlaubten, nach der Schweiz zurückzureisen, und daß er von einem solchen Abstecher einen erheblichen Schaden erleiden würde. Sie beharrte entschieden auf ihrem Verlangen und schob ihm sogar sein Geld wieder zu, da er sich nicht dazu verstehen wollte. Endlich versprach er es, aber er muhte ihr die Hand darauf geben und es ihr bei seiner Ehre und Seligkeit beschwören. Sie bezeichnete ihm genau den Dag und die Stunde, wann er eintreffen solle, und alles dies muhte er bei feinem Christenglauben und bei seiner! Seligkeit beschwören. Erst dann nahm sie sein Opfer an und lieh den Schatz vergnügt in ihre Schlafkammer tragen, wo sie ihn eigenhändig in ihre Reifetruhe verschloß und den Schlüssel in den Busen steckte. Run hielt sie sich nicht länger in Mailand auf, sondern reiste ebenso fröhlich über den Sankt Gotthard zurück, als schwermütig sie hergekommen war. Auf der Teufels- brücke, wo sie hatte hinabspringen wollen, lachte sie wie eine An- kluge und warf mit Hellem Jauchzen ihrer wohlklingenden Stimme einen Granatblütenstrauh in die Reuß, welchen sie vor der Brust trug, kurz ihre Lust war nicht zu bändigen, und es war die fröhlichste Reise, die je getan wurde. Heimgekehrt, öffnete und lüftete sie ihr Haus von oben bis unten und schmückte es, als ob sie einen Prinzen erwartete. Aber zu Häupten ihres Bettes legte sie den Sack mit den zehntausend Goldgulden und legte des Aachts den Kops so glückselig auf den harten Klumpen und schlief darauf, wie wenn es das weichste Flaumkifsen gewesen. wäre. Kaum konnte sie den verabredeten Tag erwarten, wo sie ihn sicher kommen sah, da sie wußte, daß er nicht das einfachste Versprechen, geschweige denn einen Schwur brechen würde, und wenn es ihm um das Leben ginge. Aber der Tag brach an und der Geliebte erschien nicht und es vergingen viele Tage und Wochen, ohne daß er von sich hören lieh. Da fing sie an, an allen Gliedern zu zittern und verfiel in die größte Angst und Bangigkeit; sie schickte Briefe über Briese nach Mailand, aber niemand wußte ihr zu fugen,- wo er geblieben sei. Endlich aber stellte es sich durch- einen Zufall heraus, daß der junge Kaufherr aus einem blutroten Stück Seidendamast, welches er von feinem Handelsansang her im Haus liegen und bereits bezahlt hatte, sich ein Kriegskleid hatte anfertigen lassen und unter die Schwerzer gegangen war, welche damals eben im Solde des Königs Franz von Frankreich den Mailändischen Krieg mitstritten. Rach der Schlacht bei Pavia, in welcher so viele Schweizer bas Leben verloren, wurde er auf einem Hausen erschlagener Spaniolen liegend gefunden, von vielen tödlichen Wunden zerrissen und fein rotes Seidengewand von unten bis oben zerschlitzt und zerfetzt. Eh' er den Geist aufgab, sagte er einem neben ihm liegenden Seldwhl-er, der minder Übel zugerichtet war, folgende Botschaft ins Gedächtnis und bat ihn, dieselbe, auszurichten, wenn er mit dem Leben davonkäme: „Liebstes Fraulein! Obgleich ich Euch bei meiner Ehre, bei meinem Christenglauben und bei meiner Seligkeit -geschworen habe, auf Euerer Hochzeit zu erscheinen, so ist es mir dennoch nicht möglich gewesen, Euch nochmals zu sehen und einen andern des höchsten Glückes teilhaftig zu erblicken, das es für mich geben könnte. Dieses habe ist erst m Eurer Abwesenheit verspürt und habe vorher nicht gewußt, weich eine strenge und unheimliche Sache es ist um solche Liebe, wie ich zu Euch habe, sonst würde ich mich zweifelsohne bess^ davor gehütet haben. Da es aber einmal so ist, so wollte ich lieber meiner weltlichen Ehre und meiner geistlichen Sehgteit. oerloren und in die ewige Verdammnis eingehen als ern Meineidiger, denn noch einmal in Eurer Rahe erschein nut einem Feuer in der Brust, welches stärker und unauslöschliche W, als d^ Höllenfeuer, und mich dieses kaum wird verspüren lassem Betet E etwa für mich, schönstes Fräulein, denn ich kann und toer&e nie' selig werben ohne Euch, sei es hier. oder dort und formt lebt glücklich und seid gegrüßt." So hatte in dieser Schlacht, nach welcher König Franziskus sagte: „Alles verloren außer der Ehre!" der unglückliche Liebhaber alles verloren, die Hossnuim. die Ehre, das Leben und die ewige Seligkeit, nur die Liebe, nicht, die ihn verzehrte. Der Seldwhler kam glü-Kich davon, und chbald er sich in etwas erholt und außer Gefahr sah, toneS er dw Worte des .Umgekommenen getreu auf feine Schrrnbtcchel, um fte ™3> zu vergessen, reiste nach Hause, meldete sich bei dem, unglücklichen Fräulchn und las ihr die Botschaft so Mfunb kriegerisch .vor, tote er zu tun gewohnt war, wenn er fonft die kNamrschast fernes Fähnleins verlas; denn es war em Feldleutnant. trautem aber zerraufte sich die Haare, zerriß ihre Kleider und begann so Komödie zu werden, als deren Gegenstand ihm seine Geliebte viel zu gut und heilig war, und was ihr ausnehmend behagte, bas machte ihn bekümmert, ungewiß und verlegen um sie selber. Auch glaubte er sie zu beleidigen und zu hlntevgehen, wenn ec da lange eine so heftige Leidenschaft zu ihr herumtrüge und unaufhörlich an sie denke, ohne daß sie eine Ahnung davon habe, Was doch gar nicht schicklich sei und ihm selber nicht recht! Daher sah man ihm eines Morgens von weitem an, daß er etwas vrwhatte, und er bekannte ihr seine Liebe in einigen Worten, um es einmal und nie zum zweitenmal zu sagen, wenn er nicht glücklich fein solle. Denn er war nicht gewohnt zu denken, daß ein solches schönes und wohlbeschafsenes Fräulein etwa nicht ihre wahre Meinung sagen und nicht auch gleich zum erstenmal ihr unwiderrufliches Sa oder Rein erwidern sollte. Er toar. ebenso jart gesinnt als heftig verliebt, ebenso spröde als kindlich und ebenso stolz als unbefangen, und bei ihm galt es gleich auf Tod und Leben, auf Sa oder Rein, Schlag um Schlag. Sn demselben Augenblick aber, in welchem das Fräulein fein Geständnis anhörte, das sie so sehnlich erwartet, überfiel sie ihr altes Mißtrauen, und es fiel ihr zur unglücklichen Stunde ein, daß ihr Liebhaber ein Kaufmann fei, welcher am Ende nur ihr Vermögen zu erlangen wünsche, um feine Unternehmungen zu erweitern. Wenn er daneben auch ein wenig in ihre Person verliebt sein.sollte, so wäre ja das bei ihrer Schönheit kein s ond erli ch es _ Der dienst und nur um so empörender, wenn sie eine bloße erwünschte Zugabe zu ihrem Golde vorstellen sollte. Anstatt ihm daher ihre Gegen- llebe zu gestehen und ihn wohl aufzunehmen, tote sie am liebsten getan hätte, ersann sie auf der Stelle eine neue List, um ferne! Hingebung zu prüfen, und nahm eine ernste, saft traurige Miene an, indem sie ihm vertraute, tote sie bereits mit einem jungen! Mann verlobt sei in ihrer Heimat, welchen sie auf das allerherzlichste liebe. Sie habe ihm das schon mehrmals mitteilen wollen, da sie ihn, den Kaufmann nämlich, als Freund sehr lieb habe, wie er wohl habe sehen können aus ihrem Beiiehmen, und sie vertraue ihm wie einem Bruder. Aber die ungeschickten Scherze, welche m der Gesellschaft aufgekommen seien, hätten ihr eine vertrauliche .Unterhaltung erschwert; da er nun aber selbst sie mit feinem braven und edlen Herzen überrascht und dasselbe vor ihr aufgetan, so könne sie ihm für seine Neigung nicht besser danken, als indem sie ihm ebenso offen sich anbertraue; 3a, fuhr sie i.ort, nur demjenigen könne sie angehören, welchen sie einmal erwählt habe und nie würde es ihr möglich fein, ihr Herz einem anderen Mannesbilde zuzuwenden, dies stehe mit goldenem peuer m ihrer Seele geschrieben und der liebe Wann wisse selbst nicht, tote lieb er ihr sei, fo wohl er sie auch kenne! Aber ein trüber Unstern hätte sie betroffen; ihr Bräutigam sei em Kaufmann, aber fo arm tote eine Maus; darum hätten sie den Plan gefaßt, daß er aus den Mitteln der Braut einen Handel begründen Jolle; der Anfang fei gemacht und alles auf das beste eingeleitet, tue Hochzeit sollte in diesen Tagen gefeiert werden, da wollte em unverhofftes Mißgeschick, daß ihr ganzes Vermögen plötzlich ihr angetaftet und abgeftritten wurde und vielleicht für immer verloren gehe, während der arme Bräutigam in nächster 3ett feine ersten Zahlungen zu leisten habe an die Mailänder und Dene- zianischen Kaufleute, worauf fein ganzer Kredit, fein Gedeihen und seine Ehre beruhe, nicht zu sprechen von ihrer Vereinigung und glücklichen Hochzeit! Sie fei in der Elle nach Mailand gekommen, wo sie begüterte Verwandte habe, um da Mittel um, Auswege zu finden; aber zu einer schlimmen Stunde sei sie gekommen; denn nichts wolle sich fügen und schicken, wahrend der Tag immer näher rücke, und wenn sie ihrem Geliebten nicht hoffen könne, so müsse sie sterben vor Traurigkeit. Denn es sei^der ffebste und beste Mensch, den man sich denken könne, und wurde sicherlich ein großer Kaufherr werden, wenn ihm geholfen wurde, und sie kenne kein anderes Glück mehr auf Erden, als dann dessen Gemahlin zu fein! Als sie diese Erzählung beendet, hatte sich der arme schöne Jüngling schon lange entfärbt und war bleich wie ein weißes Tuch. Aber er ließ keinen Laut der Klage »ernesm-er« und sprach nicht ein Sterbenswörtchen mehr von sich selbst und von seiner Liebe, sondern fragte bloß traurig, auf totemel fij> denn die eingegangenen Verpflichtungen des glücklich unglücklichen Dräuttgarns beliefen? Auf zehntausend Goldgulden! antwortete sie noch viel trauriger. Der junge traurige Kaufherr stand auf, ermahnte das Fräulein, guten Mutes zu fein, da sich gewiß ein Ausweg zeigen werde, und entfernte sich von ihr, ohne daß er sie anzusehen wagte, so sehr fiihlte er sich betroffen und beschämt, daß er fein Auge auf eine Dante geworfen, die so treu und leidenschaftlich einen andern liebte. Denn der Arme glaubte jedes Wort von ihrer Erzählung tote ein Evangelium. Dann begab er sich ohne Säumnis zu seinen Handelsfreunden und brachte sie durch Bitten und Einbüßung einer gewissen Summe dahin, seine Bestellungen und Einkäufe wieder rückgängig zu machen, welche er selbst in diesen Sagen auch gerab mit seinen jebntaufen& Goldgulden bezahlen sollte und worauf er seine ganze Laufbahn bauete und ehe sechs Stunden verflossen waren, ersch-ien er wieder bei dem Fräulein mit feinem ganzen Besitztum und bat sie um Gottes tollten, diese Aushilfe von ihm annehmen zu wollen. Ihre Augen funkelten vor freudiger Aeberrafchung und ihre Brust pochte tote ein Hammerwerk; sie fragte ihn, wo er Benn dies Kapital her genommen, und er erwiderte, er pabc es (mf seinen guten Namen geliehen und würde es, ba feine Geschäfte sich glücklich wendeten, ohne Unbequemlichkeit zuruckerstatten kon — 98 - laut zu schreien itni> zu weine», bafj man es die Straße auf uni) nieder hörte und die Leute zusammenliefen. Sie schleppte wie wahnsinnig die zehntausend Goldgulden herbei, zerstreute sie auf dem Boden, warf sich der Länge nach darauf hin und küßte die glänzenden Goldstücke. Ganz von Sinnen, suchte sie den umhev- rottenden Schatz zusammenzuraffen und zu umarmen, als ob der verlorene Geliebte darin zugegen wäre. Sie lag Tag und Nacht auf dein Golde und wollte weder Speise noch Trank zu sich nehmen: unaufhörlich liebkoste und küßte sie das kalte Metall, bis sie mitten in einer Nacht plötzlich aufstand, den Schatz emsig hin und her eilend nach dem Garten trug und dort unter bitteren Tränen in den tiefen Brunnen warf und einen Fluch darüber aussprach, daß er niemals jemand andere,» angehören solle." Als Spiegel soweit erzählt hatte, sagte Pineiß: „And liegt das schöne Geld noch in dem Brunnen?" „Sa, wo sollte es sonst liegen?" antwortete Spiegel, „denn nur ich kann es herausbringe» und habe es bis zur Stunde noch nicht getan!" — „Ei ja so, richtig!" sagte Pineiß, „ich habe es ganz vergessen über deiner Geschichte! Du kannst nicht übel erzählen, du Sapperlöter! und es ist mir ganz gelüstig worden nach einem Weibchen, die so für niich eingenommen wäre; aber sehr schön mühte sie sein! Doch erzähle jetzt schnell noch wie die Sache eigentlich zusammenhängt!" — „Es dauerte manche Sahre," sagte Spiegel, „bis das Fräulein aus bitteren Seelenleiden soweit zu sich kam, daß sie anfangen konnte, die stille alte Jungfer zu werden, als welche ich sie kennen lernte. Sch darf mich berühmen, daß ich ihr einziger Trost und ihr vertrautester Freund geworden bin in ihrem einsamen Leben bis an ihr stilles Ende. Als sie aber dieses herannahen sah, vergegenwärtigte sie sich noch einmal die Zeit ihrer fernen Sugend und Schönheit und erlitt noch einmal mit milderen ergebenen Gedanken erst die süßen Erregungen und dann die bitteren Leiden jener Zeit, und sie weinte still sieben Tage und Nächte hindurch über die Liebe des Säuglings, deren Genuß sie durch ihr Mißtrauen verloren hatte, so daß ihre alten Augen noch kurz vor dem Tode erblindeten. Dann bereute sie den Fluch, welchen sie über jenen Schatz ausgesprochen, und sagte zu mir, indem sie mich mit dieser wichtigen Sache beauftragte: „Sch bestimme nun anders, lieber Spiegel! und gebe dir die Bollmacht, daß du meine Verordnung vollziehest. Sieh dich um und suche, bis du eine bildschöne, aber unbemittelte Frauensperson findest, welcher es ihrer Armut wegen an Freiern gebricht! Wenn sich dann ein verständiger, rechtlicher und hübscher Mann finde» sollte, der sein gutes Auskommen hat, und die Sungfvau ungeachtet ihrer Armut, nur allein von ihrer Schönheit bewegt, zur Frau begehrt, so soll dieser Mann mit den stärksten Eiden sich verpflichten, derselben so treu, aufopfernd und unabänderlich ergeben zu sein, wie es mein unglücklicher Liebster gewesen ist, und dieser Frau fein Leben lang in allen Dingen zu willfahren. Dann gib der Braut die zehntausend Goldgulden, welche im Brunnen liegen, zur Mitgift, daß sie ihren Bräutigam am Hochzeitmorgen damit überrasche!" So sprach die Selige und ich habe meiner widrigen Geschicke wegen versäumt, dieser Sache nachzugehen, und muh nun befürchten, daß die Arme deswegen im Grabe noch beunruhigt sei, was für mich eben auch nicht die angenehmsten Folgen haben kann!" Pineiß sah den Spiegel mißtrauisch an und sagte: „Wärst du wohl imstande, Bürschchen! mir den Schatz ein wenig nachzuweisen und augenscheinlich zu machen?" „Zu jeder Stunde!" versetzte Spiegel, „aber Shr müßt wissen, Herr Stadthexenmeister! daß Shr das Gold nicht etwa so ohne weiteres herausfrschen dürstet. Man würde Euch unfehlbar daS Genick umdrehen; denn es ist nicht ganz geheuer in dem Brunnen, ich habe darüber bestimmte Snzichten, welche ich aus Nücksichten nicht näher berühren darf!" „Hei, wer spricht denn von Herausholen?" sagte Pineiß etwas furchtsam, „führe mich einmal hin und zeige mir den Schatz! Oder vielmehr will ich dich führen an einem guten Schnürlein, damit du mir nicht entwischest!" „Wie Shr wollt!" sagte Spiegel, „aber nehmt auch eine andere lange Schnur mit und eine Blendlaterne, welche Shr daran in den Brunnen hinablassen könnt; denn der ist sehr tief und dunkel!" Pineiß befolgte diesen Rat und führte das muntere Kätzchen nach dem Garten jener Verstorbenen. Sie überstiege» miteinander die Mauer und Spiegel zeigte dem Hexer den Weg zu dem alten Brunnen, welcher unter verwildertem Gebüsche verborgen war. Dort ließ Pineiß sein Laternche» hinunter, begierig nachblickend, wahrend er den angebundenen Spiegel nicht von der Hand ließ. Aber richtig sah er in Der Tiefe das Gold funfein unter dem grünlichen Wasser und rief: „Wahrhaftig, ich seh's, es ist wahr! Spiegel, du bist ein Taufendskerl!" Dann guckte er wieder eifrig hinunter und sagte: „Mögen es auch zehntausend sein?" — „Sa, das ist nun nicht zu schwören!" sagte Spiegel, „ich bin nie da unten gewesen und hab's nicht gezählt! Sft auch möglich daß die Dame dazumal einige Stücke auf dem Wege verloren hat, als sie den Schatz hierher trug, da sie in einem sehr aufgeregten Zustande war." — „Nun, seien es auch ein Dutzend oder mehr weniger!" sagte Herr Pineiß, „es soll mir darauf nicht ankommen!" Er setzte sich auf den Rand des Brunnens, Spiegel fetzte sich auch nieder und leckte sich das Pfötchen. „Da wäre nun der Schatz!" sagte Pineiß, indem er sich hinter den Ohren kratzte, „und hier wäre auch der Mann dazu; fehlt nur noch das bildschöne Weib!" — „Wie?" sagte Spiegel. „Sch meine, es fehlt nur noch diejenige, welche die Zehntausend als Mitgift bekomme» soll, um mich damit zu überrasche» am Hochzeitsmorgen, und welche alle jene angenehmen Tugenden hat, von denen du gesprochen!" — „Hm!" versetzte Spiegel, „die Sache verhält sich nicht ganz so, wie Shr sagt! Der Schatz ist da, wie Shr richtig einseht; das schöne Weib habe ich um es aufrichtig zu gestehen, allbereits auch schon ausgespürt; aber mit dem Mann, der sie unter diesen schwierigen Ämstünden heiraten möchte, da hapert es eben; denn heutzutage muß die Schönheit obenein vergoldet sein, wie die Weihnachtsnüsfe, und je hohler die Köpfe werden, desto mehr sind sie bestrebt, die Leere mit einigem Weibergut nachzufüllen, damit sie die Zeit besser zu verbringen vermögen; da wird dann mit wichtigem Gesicht ein Pferd besehen und ein Stück Sammet gekauft, mit Laufen und Rennen eine gute Armbrust bestellt, und der Düchsenschmied kommt nicht aus dem Hause; da heißt es, ich muh meinen Wein einheimsen und meine Fäsfer putzen, meine Bäume putzen lassen und mein Dach decken; ich muß meine Frau ins Bad schicken, sie kränkelt und kostet mich viel Geld, und mutz mein Holz fahren lassen und mein Ausstehendes eintreiben; ich habe ein Paar Windspiele gekauft und meine Bracken vertauscht, ich habe einen schönen eichenen Ausziehtisch eingehandelt und meine große Nußbaurnlade dran gegeben; ich habe meine Bohnenstangen geschnitten, meinen Gärtner fortgejagt, mein Heu verkauft und meinen Salat gesäet, immer, mein und mein vom Morgen bis zu Abend. Manche sagen sogar: ich habe meine Wäsche die nächste Woche, ich mutz meine Betten sonnen, ich »ruß eine Magd dingen und einen neuen Metzger haben, denn den alten will ich abschaffen: ich habe dein allerliebstes Waffeleisen erstanden, durch Zufall, und habe mein fil« bevnes Zimmetbüch,scheu verkauft, es war mir so nichts nütze; alles das sind wohlverstanden die Sachen der grau, und so verbringt ein solcher Kerl die Zeit und stiehlt unferm Herrgott den Tag ab, indem er alle diese Verrichtungen aufzählt, ohne einen Streich zu tun. Wenn es hoch kommt und ein solcher Patron sich etwa ducken muh, so wird er vielleicht sagen: unsere Kühe und unsere Schweine, aber —" Pineiß ritz den Spiegel an der Schnur, daß er miau! schrie, und rief: „Genug, du Plappermaul! Sag' jetzt unverzüglich: wo ist sie, von der du cheitzt?" Denn die Aufzählung aller dieser Herrlichkeiten und Verrichtungen, die mit einem Weibergute verbunden sind, hatte dem dürren Hexenmeister den Mund nur noch wässeriger gemacht. Spiegel sagte erstaunt: „Wollt Shr beim wirklich das Ding unternehme», Herr Pineiß?" „Versteht sich, will ich! Wer sonst als ich? Drum heraus damit: wo ist diejenige?" „Damit Shr hingehen und sie freien könnt?" „Ohne Zweifel!" — „So wisset, die Sache geht nur durch meine Hand! mit mir müßt Shr sprechen, wenn Shr Geld und Frau wollt!" sagte Spiegel kaltblütig und gleichgültig und fuhr sich mit den beiden Pfoten eifrig über die Ohren, nachdem er sie jedesmal ein bißchen nah gemacht. Pineiß besann sich sorgfältig, stöhnte ein bißchen und sagte: „Sch merke, du willst unser» Kontrakt .aufheben unb deinen Kops saldieren!" „Schiene Euch das so uneben und unnatürlich?" „Du betrügst mich am Ende und belügst mich, wie ein Schelm!" „Dies ist auch möglich!" sagte Spiegel. „Sch sage dir: Betrüge mich nicht!" rief Pineiß gebieterisch. „Gut, so betrüge ich Euch nicht!" sagte Spiegel. „Wenn du's tust!" „So tu’ ich's." „Quäle mich nicht, Spiegelchen!" sprach Pineiß beinahe weinerlich, und Spiegel erwiderte jetzt ernsthaft: „Shr seid ein wunderbarer Mensch Herr Pineiß! Da 'Haltet Shr mich an einer Schnur gefangen und zerrt daran, daß mir der Atem vergeht! Shr lasset das Schwert des Todes über mir schweben feit länger als zwei Stunden, was sag' ich! seit einem halben Sahre! und nun sprecht Shr: Quäle mich nicht, Spiegelchen! „Wenn Shr erlaubt, so sage ich Euch in Kürze: Es kann mir nur lieb sein, jene Liebespflicht gegen die Tote doch noch zu erfüllen und für das bewußte Frauenzimmer einen • tauglichen: Wann zu finden, und Shr scheint mir allerdings in aller Hinsicht zu genügen; es ist keine Leichtigkeit, ein Weibstück wohl unterzubringen, so sehr dies auch scheint, und ich sage noch einmal, ich bin froh, daß Shr Euch hierzu bereit finden lasset! Aber umsonst ist der Tod! Eh' ich ein Wort weiter spreche, einen Schritt tue, ja eh' ich nur den Mund noch einmal aufmache, will ich erst meine Freiheit wieder haben und mein Leben versichert! Daher nehmt diese Schnur weg und legt den Kontrakt hier auf bett Brunnen, hier auf diesen Stein, oder schneidet mir den Kppf ab, eins von beiden!" (Schluß folgt.) vchristleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag bet Brähl'schen Hniv.-Vuch« und Steindtuckerei, R. Lange, Gießen.