Gießener Kmilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgangs Dienstag, den lb. Zebruar Kummer H Masken. Bon Richard Dshrnel. Du bist es nicht, du stolzer Tempelritter Sm Panzerkleid, auf das die Kerzenstrahlen Des bunten Saals mit täuschendem Gezitter Geheimnisvolle Charaktere malen; Dein Blick ist schwarz, laß das Visier nur zu! Du bist es nicht, — doch Ich bin Du. Du bist es nicht, Zigeuner mit der Geige, Der tvild sein Lied läßt in die Zukunft bluten; Dein roter Bart ist kraus wie älrwaldgwsige, tim die rauchprasselnde Frühfeuer gluten; Dein Blick ist grau, laß nur die Mask« zu! Du bist es nicht, — doch Sch bin Du. Du bist es nicht, Traumkönigin; ©eerofen Trügst du im wolkenschweren Haargeflecht« tlnd bleichen Asphodelos und Skabiosen, Die Janfter sind als purpurdunkle Rächte; Dein Blick ist braun, last deinen Schleier zu! Du bist es nicht, — doch Sch bin Du. Du bist es nicht, mein blonder Puck; dein Röckchen Sst viel zu kurz für deine Mädchenbein«, Man sieht es doch datz dein hefl Klingelstöckchen Ein Totenköpschen krönt, du freche Kleine; Dein Blick ist stahlblau, latz dein Lärvchen zu! Du bist es nicht, — doch Sch bin Du. And du, bist du's, du Domino im Spiegel, Sn dessen Blick die Farben meerhaft schwanken. Du maskenlos Gesicht? Zeig her das Siegel, »Das mir ausdrückt den Grund deiner Gedanken! Bin ich das selbst? Ausdruck, du nickst mir zu; Grundsiegel — Maske - Din Sch Du? Äichtrvende. Bon Dr. Karl Reurath. Johann Gottfried Herders Wahlspruch, der auf seinem Grabmal in der Stadtkirche zu Weimar eingemeitzelt ist, umfaßt in drei Worten alles, was unterem Dasein Sinn verleiht und Inhalt: Licht, Liebe, Leben! E-s ist der sinnfälligste und knappste Ausdruck für den innersten Gehalt allen wahren Menschentums. Erne Dreiheit und doch eine Einheit, nicht anders als die Dreieinigkeit, die wir vom Christentum her kennen, die aber auch alle anderen großen Religionsshsteme haben, auch die. die älter sind als der christliche Kult. Wem: wir uns in dies« alten, vielfach mit Märchen und Sagen verschlungenen Äeberlieferungeni versenken, wenn wir den Spuren nachgehen, di« das religiös« Empfinden der Menschheit zu allen Zeiten und in allen Zonen in seinen Sagen, Märchen imb Gebräuchen, vornehmlich auch in feinen religiösen Hebungen, und schließlich in seinem Schrifttum hinterlassen hat, dann sinden wir, daß der tlrgrund aller in Herders Wahlspruch enthalten ist, in den Worten Licht, Liebe, Leben. Was wir heute als Weihnachtsfest, Ostern oder Pfingsten kennen, sind schon in den fernsten Zeiten immer und überall, wo höher entwickelte Menschen beieinander lebten, di« großen Freudenfeste gewesen, bei den alten Asshrern unter Sonnenbrand und Wüstenglut, genau so wie bei den alten germanischen Stämmen, hoch oben in Skandinavien; bei den Persern, deren Gilga- meschepos die Menschwerdung eines Gottessohnes Jahrtausende früher erzählt als das neue Testament und erstaunlich oft mit denselben Worten, wie bei den Babyloniern und denAeghptern. Wir sinden sie dann bei den Griechen, den Römern, ja bei allen Kulturvölkern, die wir kennen. Immer und überall ist die Sehnsucht des Menschen, ist di« Religion eines Volkes aufs innigste verbunden- mit den astronomischen Erscheinungen, ist sie im letzten Grunde eine Symbolisierung des Lichtes in seiner wechselnden Gestalt. Bei den Naturvölkern und den fogenannten Heiden leuchtet das ohne weiteres ein, bei dem Christentum will's uns fraglich scheinen, aber noch ganz kürzlich hat ein so namhafter Gelehrter, wie Artur Drews, den Nachweis versucht, das Evangelium des Lukas als die märchenhaft« Ausgestaltung der damaligen astronomischen Ansichten zu erllären. Viele werden sich Dagegen wehren, obwohl der sittliche Wert des Christentums dadurch nicht berührt wird, aber daß die ganze Darstellung des Lebens und Leidens Christi ungemein viel Züge mit den Jahrtausende alten Lichtmythen gemein hat, das wissen wir längst, tlnd wie sollte es auch anders sein? Märchen, Mythen, Sagen wandern durch die ganze Welt, befruchten und beeinflussen di« Anschauungen des Volles, gliedern sich mit anderen, früher ererbten zusammen un& bilden schließlich eine so innig verbundene Einheit, daß es selbst den geschulten Forschern nur noch selten möglich ist, di« wahren Quellen zu entdecken, die fremden Einflüsse nachzuweisen, Geschichte, Sage, Mythos nach ihren Wechselwirkungen zu ergründen. Wer von uns, der sich nicht wissenschaftlich mit diesen Fragen beschäftigt, denkt tiefer nach über die alten Märchen, di« von den Gelehrten als die ältesten aller Lleberlieferungen überhaupt angesehen werden? Wenige nur, die mit ihren Kindern in der Dämmerung sitzen und ihnen Märchen erzählen, werden wissen, dah die Geschichte von Rotkäppchen z. B. über Frankreich aus dem Orient zu uns gekommen ist, und wie wenige von diesen wiederum wissen, daß die gange Geschichte ein Lichtmythos ist, daß das Rotkäppchen di« von der Morgenröte ausgesandte Sonn« ist, in der Dämmerung des Waldes schon dem Dämon der Finsternis begegnet, der sie schließlich frißt, bis sie von dem neuen Tag, dem Säger, aus ihrem dunklen Gefängnis befreit wird. Auch viele andere, von uns gemeinhin als deutsch angesehene, aber bei fast allen Völkern nachweisbaren Märchen sind derartige Tages- oder Licht» mhthen, wie auch das aus Frankreich zu uns gekommene Dornröschen eine ist. And nicht anders ist es mit der Heldensage. Siegfried zum Beispiel ist wahrscheinlich im letzten Grund der alte Sonnengott, den die Rächt erschlügt, wie in der nordischen Göttergeschichte die Sonne von dem Fenriswolf verschlungen wird, oder gar wie Baldur, der urgermanische Gott des Lichtes, in mittelalterlichen Legenden noch manchmal mit Christus gleich- gesetzt, von Hodr, dem Gott der Finsternis, getötet wird. Sm Lauf der Zeit haben natürlich märchenhaste Zutaten, geschichtliche Ausschmückungen und vieles andere, toaS bi Volle» Herz treibt und dichtet, di« ursprüngllchen Keime verdeckt, und erst bte vergleichende Forschung hat sie wieder ans Licht geholt. Eng verbunden mit diesen Lichtmythen ist der Monat Februar. Sn diesen Tagen tritt die Sonne aus dem Zeichen deS Wassermannes in das höhere der Fische, und deshalb war der Februar bei allen Völkern des Westens von jeher der Monat des neuen, des aus steigenden Lichtes. 2luch in unserer germanischen Vorzeit und bis auf diesen Tag ist er im Volksglauben der eigentliche Lichtmonat, dessen mythische Bedeutung die katho- llsche Kirch-e in Mariä Lichtmeß, auch Mariä Reinigung, bewahrt hat. Es ist der Monat, in dem di« Griechen ihren Dsgs- tationsgott Dionysos in den eleusinischen 'Mysterien feierten, die Römer ihr« Luperkalien, die alten Germanen ihre Fastnacht, di« in allen wesentlichen Zügen miteinander übereinstimmen. Der Februar ist eben, wie sein Name besagt, der Monat der Reinigung, da man den Göttern sein Opfer bringt, damit das Licht siege, da man schon in fernsten Zeiten den Winterdämon höchst feierlich verbrannt«, wie das heut« noch in den Hochburgen des Karnevals geschieht, der gewiß nichts anderes ist als ein letzter Rest der alten heidnischen Frühjahrsfeste. Es ist besonders im Norden eine weitverbreitete Ansicht, daß der Karneval, also unsere Fastnacht (die aber nichts mit Fasten zu tun hat, sondern eine christliche Entstellung aus Faselnacht ist), eine katholische Einrichtung wäre. Das ist ganz falsch; und dies« Meinung konnte nur dadurch aufkommen, dah der Protestantismus ihr Vorschub leistet«, um das lustige Fest mit aller Strenge unterdrücken zu können. Es ist aber nur ein christianisierter Dolksbrauch, wie es Ostern und Pfingsten und Weihnachten ebenfalls ist. Der luftige Prinz Karneval ist der alte, sehr ernsthafte Gott des Frühlings, ist tnr fehren tief verborgenen Wurzeln sicherlich gle'lchbed-eutenL) mit Siegfried, mit Baldur, mit Dionysos, nur sieht ihm unter der bunten Schellenmütze heute niemand mehr an, daß er em legitimer Spross« des Himmels ist. Als symbolisches Zeichen ihrer ehemaligen Bedeutung haben all« diese alten Lichtgötter, und das ist sehr wesentlich, Zweigs eines immergrünen Busches getragen, bte sich mit der Zeit, als man die Bedeutung nicht mehr erkannte, zu Riemenbunlseln. Britsclien usw. umwandelten. Erhalten geblieben aber ist der Volksglaube, daß die Berührung mit diesen Zweigen oder daraus entstandenen Attributen Fruchtbarkeit verleihe, ein Brauch Der sich in mancherlei Gestalt fast Überall wiedersindet. Dittpr^ssio- neu, FruHtbarkeitszauber hat auch die Kirche aus dem Volks- glauben übernommen und noch mehr. Wie der alle heidnische Glaube, der heute noch in allen Gebräuchen des Bolles und der Kirche nachzuweisen ist, diese Lichtmythen in Spiele ernsten und fröhlichen Anhalts kleidete, so tat es auch die Kirche. An Deutsche land schuf sie damit die Anfänge des großen Dramas, das zuerst in der Kirche dargestellt wurde und zunächst nur in einem liturgischen Frage- und Antwortspiel bestand, das sich auf die Auferstehung bezog. Komik und Derbheiten aller Art waren nicht verpönt, aber trotzdem geht das deutsche Lustspiel nicht auf diese komischen Szenen, sondern auf die altgermanischen Fastnachtsspiele zurück. Die Verschmelzung heidnischer und christlicher Anschauungen ist aber nur möglich gewesen, weil die Geistlichen damals selbst noch ganz in der heidnischen Ueberlieferung lebten, weil sie ihrem Gesichtskreis die heidnischen Helden des Lichtes durchaus mit de!, christlichen Anschauungen vermischten, wie wir das in der niederdeutschen Evangelieicharmonie des Heliand deutlich sehen, wo Jesus als gernianischer Herzog auftritt und seine Jünger sich nicht wie arme morgenländifche Fischer, sondern wie gut niederdeutsche Ebelings — wie Srrelo degenos — benehmen, und zwar in solchem Maße, daß der geistliche Dichter alle jene Stellen des Testaments weglieh, die feinem deutschen Enipfinden widersprachen, andere, die ihm gefielen, über die Vorlage hinaus erweiterte, wie die Stelle von dem Schwerthieb des Petrus, die ihm offenbar über die Maßen gut gefallen hat und ihn zu lebhafter Zustimmung begeisterte. Natürlich sind bei ihm Dezi sh ungen zu den alten Lichtmythen seiner Vorfahren nicht selten. Das alles beweist aber auch wie stark unsere germanischen Vorfahren — im Gegensatz zu unseren -Zeitgenossen — an ihren, Volkstum hängen, wie mannhaft sie wider alles kämpften, was ihnei, fremd und gegensätzlich war. Sie beugten sich nicht einfach vor der höheren Kultur, sondern nahmen nur das auf, was ihrem Wesen entsprach, was ihnen verwandt und wertvoll schien. Ihnen, die ihre Sonnenwendfeiern, insbesondere die heutige Weihnacht, längst vor dem Erscheinen des Christentums auf der Erde zu einem tief innigen Familienfest gemacht hatten, das in Plattdeutschland heute noch Julfest, das ist Freudenfest, heißt, ihnen, die noch kein künstliches Licht hatten, als höchstens einen dürftigen Kienspan in ihren langen schweren Winternächten, war das wesentlichste zum Dasein das Licht, das alles zur Liebe, alles zum Leben weckt. -lind wie diese Menschen, die noch in elenden Lehmhütten hockten, in mühsam schwelenden Feuerchen den bösen Winter- dämon verbrannten und voll Sehnsucht auf den Tag der Licht- wende harrten, der sie erlösen sollte, so harren wir heute wieder, -lind wie sie von ihren Frühlingsgöttern Sonne und Segen erfleht haben, so wollen wir an dieser Lichtwende bitten um Licht, Liebe und Leben für uns und unser Volk. Masken und Feste in künstlerischen Darstellungen. Von Walther Appelt -Plauen. In diesen Wochen sehen wir erneut, daß weite Kreise nicht nur an frohem Festtrubel, sondern auch immer noch und immer wieder, an, Maskeraden Freude empfinden. Gönnen wir sie ihnen, soweit sie dabei die Grenzen des Taktes sowie der Rück- ficht auf die einhalten, die sich das Festefeiern versagen müssen, -ttnd vergessen wir nicht, daß es sich bei den Fastnachts- und Karnevalslustigkeiten um die ileberbteibfel alter Bräuche handelt, die unseren Vorfahren einmal heilig waren und bei denen es — toemt auch nur im Anfang ■— sehr ernst herging. Doch gehört das nicht in den Rahmen dieser Betrachtung, die sich die Rieder- schlage des Masken- und sonstigen Festtreibens in der Kunst zum Thema gestellt hat., . Die Bilder, die uns die Vorläufer oder ersten Anfänge ?Es Fastnachtstreibens zeigen, gehören durchweg mehr ins talturhistorische als ins rein künstlerische Gebiet. Das mag seinen Grund u. a. darin haben, daß bis zur Mitte unseres Jahrtausends und darüber hinaus die bedeutendsten Künstler in ersten Lime auf kirchliche Aufttäge angewiesen waren. Das hatte zur Folge, daß sie ihr Schaffen mehr oder weniger ganz darauf einstellten und an profane Stoffe nur vereinzelt herangingen. Stoffe aber, die so offenkundig heidnischen Charakters waren wie die Fastnachtsbräuche namentlich der Landbevölkerung, glaubten so völlig meiden zu sollen. Deshalb ist das Material, auf das hier verwiesen werden könnte, spärlich und wenig bekannt. Zumeist liegt es. wie die Schembart-Bücher mit ihren Zeichnun- gen, im Handschriftenschatz der und jener Bibliothek. Mit dem 16. Jahrhundert aber tauchen auch im Werk des einen und andern namhaften Künstlers Darstellungen von Masken und entsprechenden Veranstaltungen auf. Die Annahme, daß es sich dabei um Karnevalsmasken handeln dürfte, wird dadurch gestützt, daß das deutsche Theater — im Gegensatz zum griechischen — in seinen Anfängen keine Masken (im Sinne der Gesichtsmaske) kannte. Jedenfalls sei erwähnt, daß wir unter der Graphik Heinrich Aldegrevers (gest. 1555) mehrfach „Oma« mente mit Masken" finden. Richt verwunderlich ist, daß ein schon so weltlich orientierter Künstler wie Hans Sebald Deham (gleichzeitig) außer blattreichen „Bauernfest"-Folgen auch wiederholt „Masken" in Kupfer gestochen oder in Holz geschnitten hat. Im großen und ganzen aber sind das Ausnahmen, und vollends vereinzelt steht in Dürers graphischem Werk ein Holzschnitt „Maskerade". Allzu häufig sollten Werke, die sich unserer Betrachtung einordnen ließen, auch in der Folgezeit der deutschen Malerei nicht Teilt. In auffallendem Gegensatz dazu steht namentlich die Smmverwandte, damals aber doch wohl mehr von den romani- en Kulturen beeinflußte niederländische Kunst. Der sog. Banern- Dreughel (gest. 1569), der neben anderen Szenen ländlich sinnen- froher Daseinsbejahung auch Fest-, Tanz- und Maskenver- gnügungen gemalt hat, fand hinsichtlich feiner Themenwahl zahlreiche Nachfolger. Unter ihnen ist, neben Oftade und Denier, auch Rubens zu nennen. Der Brauch der Vermummung und Maskierung ist u. a. zu erkennen in Jordaens' „Dreikönigsfest" und in Pieter Coddes „Vorbereitang zum Karneval". Anders sind dagegen die „Festmahle" und andere Bilder von Frans Hals zu werten, aus dessen Schule der letztgenannte hervorging. Bei Hals kommt es vor allem auf die Porträtähnlichkeit der Dargestellten an, die durchweg auch die Auftraggeber sind. Dahinter tritt der sie — angeblich — zusammenführende Anlaß wett zurück. Außer den Niederländern sollten die Künstler romanischen Blutes Wesentliches zu unserem Thema geben. Nicht zuletzt deshalb, weil in deren Ländern das leichtere Temperament der Bevölkerung schon die entsprechenden Bräuche zu üppigerer Blüte gelangen ließ. Künstlerische Gestaltung haben diese besonders durch venetianische Weister gefunden. Das ist deshalb bemerkenswert, weil das venetianische Karnevalstreiben lange auch für unsere Gesellschaften vorbildlich war. Hauptsächlich in der Zeit des Rokoko war es üblich die Festräume in ein Ku- lissenvMedig zu verwandeln, das natürlich reichste Möglichkeiten einer südländisch bunten und lebenslustigen Mannigfalttgkeit bot. Aus dieser Zett, wie auch schon aus dem vorangegangenen Barock, besitzen wir zahlreiche Werke, die uns Masken- und Kostümfeste zeigen. Der einzige Unterschied zwischen damals und den ähnlichen Veranstaltungen unserer Zett besteht eigentlich in der — längst unmöglich gewordenen — verschwenderischen! Pracht. Eine hervorragende Stellung in dieser Kunst, zu der alle Nationen beisteuerten, nehmen die französischen Kupferstiche ein. Die Kreise, in denen viele Künstler sich vorwiegend ihre Motive suchten, lebten großenteils in einem sorgen- und verantwortungslosen Taumel, der ihr ganzes Dasein als ein einziges Fest erscheinen ließ. In Wirklichkeit war es freilich, strenger betrachtet, nichts als eine große und nicht immer erfreuliche — Maskerade, die sich nur anspruchsvoller gab als. es ihr zukam. So müssen die zahllosen „Liebesfeste", „Ländliche Feste", „Parkfeste" eines Watteau, Fragonard, Boucher und ihrer Zeitgenossen betrachtet werden. Selbst scheinbar schlichten Stoffen wie einem „Frühstück im Grünen" haftet bei aller Größe der künstlerischen Gestaltung eine gewisse Unnatur, ein Stück Theater an. (Die unterbewußte Erinnerung daran ist es vielleicht, die uns zuweilen verwandte Werke der Impressionisten- — Manet, Szinjet — beeinträchtigen will.) Masken sÄhen wir auf diesen Darstellungen einer eitlen, selbstgefälligen Welt nur selten. In größerem Maße finden wir sie erst wieder auf Goyas zahlreichen Bildern aus dem spanischen Volksleben. Und auch die deutsche Kunst hat im 19. Jahrhundert zu dem wir mit Goya gelangt find, häufiger als vorher Masken- und Festtteiben gestaltet. Außer den Malern des Biedermeier sind hier vor allem die Romantiker und sttachromäntiker zu nennen. Schwind, Spitzweg, Kaulbach u. a. haben manches hierher Gehörige geschaffen, zuweilen karikaturisch (wie in Frankreich gleichzeittg Dore und Daumier). Auch weiterhin sollte das gleichsam neuerschlossene Stoffgebiet immer mehr gepflegt werden. Sind Menzels berühmte Hofball-Bilder noch in der Hauptsache repräsentativ, so haben die ihm folgenden Künstler die wechselvollen, -reichbelebten- Eindrücke bunt durcheinander wogender Gesellschaften festzuhalten- versucht (Corinth, Slevogt u. a.). Einer der modernsten aber unter unseren Malern ist zu dem zurückgekehrt, was einst die Aldegrever und Deham taten. Emil Nolde Malt und zeichnet „Masken". Und seine starke Aus- druckskunst erreicht, daß wir von diesen Darstellungen lebloser Dinge ganz anders gepackt werden als etwa von einem Stilleben. Die Maske ist dem Künstler das Unheimliche, Dämonische, bas nicht nur einen Menschen, der es trägt, verwandeln kann — sondern das in seiner kalten Blutleere vampyrartig nur auf ein Opfer zu warten scheint. Das führt zurück zu den ersten Qtnfängen der Fastnachtsbräuche, von denen wir ausgegangen waren. Auch die legten den Masken eine mehr als bloß symbolische De-deu- tung bei. Die Stadt ohne Karneval. Don Dr. Hans Beerli. Es gibt leichtsinnige Städte, in denen doch beim Karneval keine richtige Stimmung aufkommen will, und umgekehrt wieder sehr fromme und gestrenge, die zur Fastnachtszeit vor Ausge- lafsenheit aus den Fugen gehen. Aber selten dürfte der Fall fein, daß eine Stadt überhaupt keinen Karneval kennt. Zu diesen Seltenheiten gehört Genf. Ja, der Calvinismus! wird sich der Leser sogleich sagen. Nur nicht so voreilig! Mit dem Fehlen des Karnevals ist nämlich nicht gesagt, daß Genf den Mummenschanz Nicht kennt; denn irgendwo will das Leben einmal sein Ventil für die Narretei haben. Und wer je einen Maskenball kn Genf mitgemacht hat, der weiß, daß es dabei keineswegs — 5ö muckerischer zugeht als in irgendeiner anderen Stadt, ob nun Calvin darüber seine Freude hätte oder nicht. Aber das Merkwürdige liegt darin, daß diese Maskerade in die anderorts so stille Adventszeit fällt. Denn dann feiert Genf sein größtes patriotisches Fest, die „Escalade“. Das will sagen, daß jene Lage dem Andenken der Nacht des 11. Dezember 1602 geweiht sind, da Herzog Karl Emanuel von Savoyen in einer Zeit vertraglich gewährleisteten Friedens Genf zu überrumpeln gedachte, indem er seine Söldner mit Leitern in der Dunkelheit die Mauern erklimmen und in das Innere eindringen ließ. Daher der Name „Escalade", was ungefähr so viel heißt tote Ersteigung einer Mauer mit Sturmleitern. Daß die Sache dann für die Savoyarden schließlich einen schlimmen Ausgang nahm, missen wir aus der Geschichte. Sn Genf selbst aber gehen noch verschiedene Legenden um, so die von der beherzten Mutter Royaume, die einem der Feinde tijren Kochtopf samt dem siedenden 'Inhalt an den Kopf geworfelt haben soll. Dieser Suppentopf oder die „Marmite", wie man hier sagt, ist seither gewissermahen zum Symbol der (Befreiung Genfs geworden und während der Festtags in tausend Nachbildungen, bald aus Schokolade, bald aus Marzipan, käuf- lich Tagelang wogt die Maskerade abends durch die beflaggten Straßen, wenn die Jahrmarktsbuden ihren grellen Schein aus die Ebene von „Plainpalais“ werfen. Kurz, ein Karneval vor Weihnachten, der einer Fastnacht im Februar kaum etwas nachgibt. Ja ein Zyniker hat einmal bemerkt, daß diese Jahreszeit für die Anknüpfung zarter Verbindungen vorzuziehen sei, Werl man da noch den ganzen Winter vor sich habe! Wer aber die wahre Bedeutung der „Escalade" kennen lernen will, der darf sie nicht im Trubel suchen. Der muß einmal dabei gewesen sein, wenn die Studenten ihren Kranz am Denkmal der in jener Schreckensnacht gefallenen Genfer Freiheits- Helden bei der Kirche von Saint-Gervais niederlegen, muß gesehen haben, tote der übliche Festzug sich durch die Straßen! bewegt. .Unter dem schweren Takt alter schweizerischer Trommel- märsche, im wechselnden Licht der vorangetragenen Fackeln ziehen wie eine lebendig gewordene Vision vergangener Jahrhunderte die Genfer Reiter in ihren Eisenhelmen, die „Ärgoulets", vorüber, gefolgt von dem Heinen Lanzenwald der „Piquiers". Wer denkt dabei nicht an die Lanzenträgep des berühmten Bildes der Ueber- gabe von Breda von Delasquez? Auf dem Platz von „Bourg- de-Four" wird der erste Halt gemacht. Fanfaren schmettern, und dann liest der berittene Herold mit dem Genfer Wappen auf der Brust seines Sammtwamses die Proklamation, welche dem heutigen Geschlecht die Bedeutung dreses Tages als Beginn der neuen Freiheit Genfs vor Augen führen soll. Wieder blasen die Trompeten, und diesmal entblößen sich die Häupter, denn es ist das altehrwürdige Escaladelied, das angestimmt und von der Volksmenge aufgenommen wird: „Ce que l’aino...“ zum Preise dessen, der in der Höhe wohnt, , des Dchlachtenlenkers, der Genf aus der Macht der Feinde befreit hat. Wieder erheben sich die Lanzen, die schweren Hakenbüchsen werden ausgenommen, und neuerdings schlagen die Tambours ihren Takt. Noch an verschiedenen weiteren Plätzen wiederholt sich das Schauspiel, bis der Zug zuletzt wieder zur Altstadt zurückkehrt, diesmal zur Schlußzeremonie im Hofe der Kathedrale von Saint-Pierre. Bereits haben Feuerwehrleute auf ihren schwanken Leitern alle elektrischen Lampen in der Höhe ausgelöscht. Dunkel liegt über der schweren Masse der Kirche, von deren Türmen das Glockenspiel in die Sternennacht hinaustönt. Wie aber das Rollen der Trommeln, vielfach gebrochen in den krummen Straßen, allmählich näherrückt, belebt sich plötzlich der Platz. Die alten Pechpfannen, die ihn heute umsäumen, werden angezündet. Dann flammt plötzlich in der Mitte ein großer Holzstoß auf, und nun. im flackernden, von schwarzem Rauch vermischten Feuerschein, ziehen die Krieger ein. Hell leuchten die Farben der Wämser, auf Helmen und Drustpanzern schweben zuckende Lichter. Jetzt ist es auf einmal Rembrandts Nachtwache, die leibhaftig vor uns steht. In das Pferdegetrampel, das Waffengellirr und das Knistern des Feuers tönt von der Kathedrale her vielstimnuger Gelang Unter den riesigen Säulen der Pvrticus hat sich in aller Stille und Dunkelheit der Kirchenchor aufgestellt, der die Bater- landshymne ansttmmt. Roch einmal hören wir die Proklamation, noch einmal erklingt nun, durch den geübten Chor verstärkt, das wuchtige „Ce que l’aino...“ Dann sinkt das Feuer allmählich in sich zusammen, und spukhaft, wie er gekommen ist, verschwindet der Zug, um sich in der Nähe auszulösen. Aber kaum ist der letzte Ton der ernsten Feier verklungen, so schwirrt es schon von luftigen Maskensch.wärmen in allen Straßen. Pterrots und Colombinen, gepuderte Marquisen, Savoyarden in blauer Bauernbluse, Gigolets und Gigolettes — alles wild durcheinander — lachen, kichern und schreien sich zu. Wie eine vom Wind plötzlich von fern hergetoehte Menschenwolke wirbelt das an uns vorüber, so rasch wie ein flüchtiges Traumbild. Cs ist kalt in den Straßen für die Masken im leichten Kostüm, und alles drängt sich in die Ballsäle, die ihre Gäste kaum zu fassen vermögen. Was in diesen Tagen getanzt, gelacht und gebummelt wird, das reicht wohl für den ganzen Winter aus, und man braucht also mit den Genfern kein Mitleid zu haben, wenn sie während der eigentlichen Karnevalszeit eine so ernsthafte Miene William Legrand.’ zur Schau tragen. Sie gleichen eher jenen scheinheiligen Ehemännern, die nur deshalb so tugendhaft sind, weil sie den Leicht- inn hinter sich haben. Auch den Aschermittwoch! Der Goldkäser. Von Edgar Allan Poe. (Fortsetzung.) „Lind du denkst, daß dein Herr von dem Ster wirklich gebissen worden, und infolge des Bisses krank geworden .fei/ „Ich nichts denken, ich wissen. Warum träumen er so viel von Gold, wenn er nicht gebissen von Goldkäfer? Ich schon oft gehört von Goldkäfer.“ „Aber woher weiht du, daß er von Gold träumt? „Wie ich wissen? — Gr doch immer sprechen im Schlaf — so ich es wissen." , „ ,, , „Nun, Jupiter, es kann ja sein, daß du recht hast, aber welchem glücklichen Zufall verdanke ich, daß du heute zu mir gekommen bist?“ „Was Massa meinen?“ ,Hast du mir etwas von deinem Herrn auszurichten? „Nein, Massa, ich bloß diesen Brief bringen,“ und damit übergab er ihn mir, er hatte folgenden Inhalt: „Mein Lieber! Warum habe ich Dich so lange nicht mehr gesehen? Ich hoffe. Du bist nicht so dumm. Dich durch mein unhöfliches Benehmen neulich beleidigt zu fühlen.' Doch nein, das ist kaum °"^Seit"ich Dich sah, hatte ich oftmals Grund, nervös zu sein. Ich hätte Dir etwas zu sagen, weiß aber nicht, tote ich es sagen soll, oder ob ich es überhaupt sagen soll. Die letzten Tage war ich nicht ganz wohl, und der arme alte Jup quält mich auf eine kaum mehr zu ertragende Art mit seinen wohlgemeinten Ausmerksamkeiten. Ist eS zu glauben, neulich legte er sich einen dicken Stecken zurecht, um mich zu züchtigen, weil ich ihm entwischt war und den ganzen Tag allein in den Bergen des Festlandes Ijerumgeftreift bin. -M glaube wirklich, daß nur mein schlechtes Aussehen mich vor dem Verprügeltwerben bewahrt hat. Meine Sammlung hat seit unserem letzten Beisammensein teinen Zuwachs mehr bekommen. , - Wenn es Dir irgend möglich ist, richte es so ein, daß Du mit Jupiter herüberkommen kannst. Ditte, komm doch! Ich möchte Dich heute abend in wichtiger geschäftlicher, heit sprechen. Ich versichere Dir, daß meine Mitteilungen von außerordentlicher Wichtigkeit sind. Ganz der Deine: In dem Tone dieses Briefes lag etwas, was mich hochlM t beunruhigte. Sein ganzer Stil war so absolut Legrand unähnlich Worüber mochte er nun wieder grübeln? Welch neues Steckenpferd trabte nun wieder in feinem leicht ^^gbaren Kopfe herum? Was konnte das für eine außero^entlich wichtige gelegenheit sein, die er da mit mir besprechen sollte? JuPiters Bericht über ihn ließ nichts Gutes hoffen.^ Ich besuichtete, daß sein andauerndes Mißgeschick memen »reund um den letzten Rest seiner Vernunft gebracht habe. Also machte ich mich, ohne einen Augenblick zu zögern, auf, dem Deger zu folgen Als wir das Ufer erreichten, bemerkte ich eure Sense und 6rei Spaten auf dem Boden des Kahnes, den wir besteigen sollten. ~ , ., „Was bedeutet all dies, Jupiter?“ fragte ich. „Sense und Spaten, Massa?“ „Ja, was sollen die Benn hier?" . Die Sense und Spaten ich haben gekauft für ^Master Will in Stadt, und Teufel viel Geld dafür geben muffen. Aber was, im Namen alles Geheimnisvollen, will denn dein Massa Will mit Sense und Spaten anfangen? „Das mehr fein, als ich weiß, und als er wissen,, der ~eufel soll mich holen! Aber alles kommen von dem Kaser. ___ Ich muhte einsehen, daß ich von Jupiter keme^zufriedenstellende Antwort bekommen würde, da fein ganzes Denken von dem Käfer in Anspruch genommen zu sein schien. oe- ftieg das Doot und machte die Segel Har. Mit Suchttgenr, starkem Winde erreichten wir bald die Nordsette der Festung Moullrte, und ein Weg von etwa zwei Meilen brachte uns zu der Hütte. Es mochte ungefähr drei Ahr nachmittags sein, als wir ankamen. Legrand hatte uns nnt verzehrender Ungeduld erwartet. Er ergriff meine Hand mit solch nervösem Eifer, daß ich in meinen Befürchtungen über Auen Gesundheitszustand nur bestärkt wurde Eme geisterhafte blasse lag über feinen Zügen, und feine Augen, die ganz tief in ihren Höhlen lagen, sprühten ein unnatürliches »euer, ^ach eimgeit Fragen nach seinem Befinden fragte ich ihn — da ich> mch anderes zu sagen wußte, — ob er den Goldkäfer von Leutnant G. schon zurückerhalten habe. „O ja,“ antwortete er heftig errötend, „ich bekam ihn zurück am nächsten Morgen. Nichts auf der Welt soll nach bewegen mich von diesem Skarabäus zu trennen. Weiht du, daß Jupiters Ansicht über ihn ganz richtig war?" .Welche Ansicht?" fragte ich, von bösen Ahnungen erfüllt. ■ „Daß der Käfer aus purem Golde wäre." Er sagte dies mit so tiefem Ernst, daß mir unaussprechlich bange dabei wurde. „Dieser Käfer wird mein Glück machen," sagte er weiter mit triumphierendem Lächeln, „er wird mir wieder zu den De» sitzungen meiner Familie verhelfen. Ist es da so verwunder- sich, daß ich ihn so Hochschätze? Es gefiel dem Glück, ihn mir in die Hände zu spielen und ich mutz ihn nur richtig gebrauchen, um zu dem Golde, das er andeutet, zu gelangen. Jupiter, bringe mir den Skarabäus." „Was? Den Käfer, Massa? Ich lieber nichts tun mit Käfer — Ihr müssen ihn holen selbst." . Worauf Legrand ernst und würdevoll aufstand und mir den Käfer, den er in einen Glasbehälter eingeschlossen hielt, brachte Es war ein wundervoller Skarabäus, und — zu jener, Zeit noch — den Forschern unbekannt, daher von grvtzem Wissenschaft-^ lichen Werte. An dem einen Ende des Rückens waren zwei runde schwarze Tupfen und ein etwas länglicher an dein anderen. Die Flügeldecken waren außerordentlich, hart und glänzend und glichen brüniertem Golde. Er hatte ein sehr beträchtliches Gewicht, so datz mir nach all dein Jupiters An- sicht sehr begreiflich erschien; wie konnte aber Legrand dieselbe teilen? Dies war mir absolut unverständlich. Ich habe nach dir geschickt," sagte er mit großem Pathos- nachdem ich das Tier einige Zeit betrachtet hatte, „ich habe nach dir geschickt, um dich um deinen Rat und Beistand zu bitten, wenn ich nun dem Wink des Schicksals und des Käfers folgen werde." — ■ . . .Mein lieber Legrand," unterbrach ich ihn schnell, »du bist sicher krank und solltest etwas vorsichtiger sein. Du solltest dich lieber niederlegen, und ich will einige Tage hier bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Du hast Fieber und--— „ Fühl' meinen Puls," sagte er. . Ich tat es und konnte tatsächlich nicht das geringste Anzeichen von Fieber finden. _ r „ .Aber du kannst doch auch ohne Fieber krank sein. Erlaube mir doch, bah ich dir etwas verschreibe. Vor allem aber gehe ins Veit... Dann wollen wir--- Aber du irrst dich," widersetzte er sich, „ich suhle mich so wohl, als es mir bei dieser ständigen Aufregung, in der ich lebe, möglich ist. Wenn du mir wirklich wohlwillst, so muht du erst meine erregten Nerven beschwichtigen helfen.' „And wie soll ich das machen?" „Ganz einfach. Jupiter und ich wollen einen kleinen Ausflug in die Berge des Festlandes machen und bei dieser Anterneh- mutig brauchen wir die Hilfe einer Person, der wir vertrauen können. Du bist der einzige, auf den tote uns verlassen können. Ob wir nun Erfolg haben oder nicht, die Aufregung, die du jetzt an mir bemerkst, wird sich dann jedenfalls gelegt haben. „Ich will dir gerne jeden Gefallen erweisen," antwortete ich. „aber willst du mir vielleicht sagen, ob dieser verdammte Käfer mit dem Ausflug in die Berge in irgendwelchem Zusammenhang steht?" „Allerdings." „Dann muß ich dir sagen, datz ich mit so einer absurden Geschichte nichts zu tun haben will." „Das tut mir leid — sehr, sehr leid — denn dann muffen wir es allein versuchen." „Allein versuchen! Du bist verrückt geworden! — Aber halt, wie lange gedenkst du wegzubleiben?" „Wahrscheinlich die ganze Nacht. Wir wollen gleich aufbrechen und sind auf alle Fälle noch vor Sonnenaufgang zurück." „Versprichst du mir auf dein Ehrenwort, daß, wenn du diese Laune befriedigt hast und diese ganze verdammte Käfev- gefchichte erledigt ist, du vernünftig heimkehren und meine Ratschläge wie die eines Arztes aufs pünktlichste befolgen wirst?" „Ja, ja, ich verspreche es, jetzt laßt uns aber endlich aufbrechen, denn tote haben keine Zeit zu verlieren." Mit schwerem Herzen begleitete ich meinen Freund. Ange» führ um vier Ahr brachen wir auf, Legrand, Jupiter, der Hund Und ich. Jupiter trug die ■ Sense und den Spaten, er bestand darauf, alles selbst zu tragen, weniger aus Höflichkeit oder Aebereifer, glaube ich, als aus Angst, sein Herr könnte mit den Werkzeugen irgendein Anheil stiften. Er war sehr verbissen, und auf dem ganzen Weg kam kein anderes Wort über seine Lippen als „der verdammte Käfer". Ich selbst trug ein paar Blendlaternen, während Legrand fich nur mit 'dem Skarabäus beschäftigte, er trug ihn am Ende einer Peitschenschnur befestigt und schwenkte ihn mit der Miene eines Beschwörers hin und her. Als ich diesen letzten Beweis der Störung seines Geistes bemerkte^ konnte ich die Tränen kaum mehr zurückdrängen. Ich hielt es für das beste, auf seine Launen einzugehen, wenigstens für den Augenblick, bis ich eine Gelegenheit erspähen könnte, energischere Maßregeln zu ergreifen. Mittlerweile versuchte ich — allerdings vergeblich — Den Zweck dieser Anternrhrnung aus ihm herauszubekommen. Nachdem ihm nun doch gelungen war, mich zum Mitgehen zu bewegen, hielt er es anscheinend für überfluffig, über einen unwichtigeren GegenstÄrd zu reden und antwortete auf alle meine Fragen nur mit bat Worten: „Wirst schon sehen!" Am oberen Ende der Insel setzten wir in einem Kahne über die Bucht, erkletterten das Hohe Äser des Festlandes und drangen ht Nordwestlicher Richtung durch eine äußerst wilde und öde Gegend, auf der nicht eine einzige menschliche Fußspur zu entdecken war, weiter vor. Legrand führte mit großer Sicherheit, blieb nur dann und wann einen Augenblick stehen, anscheinend um nach Zeichen, die er sich wohl bei früheren Ausflügen selbst gemacht hatte, zu suchen. Wir waren so an die zwei Stunden tveitergewandert und die Sonne war schon im Antergehen, als tote in eine Gegend gelangten, die trauriger und öder war, als alles, ivas tote bis jetzt gesehen hatten. Es war eine Art Tafelland, nahe dem Gipfel eines anscheinend unzugänglichen Berges, der vom Fuß bis zur Spitze bewaldet und übersät war von riesigen Felsblöcken, die ganz lose umherzuliegen schienen und manchmal nur deshalb nicht in die Tiefe rollten, weil sie zufälligerweise sich gegen einem Baum lehnen konnten. Tiefe, wilde Schluchten, die den Berg nach allen Seiten durchbrachen, gaben der ganzen Gegend einen noch viel rmheimlicheren Ausdruck. Die natürliche Plattform, zu der wir mühsam emporgeklommen, war vollständig mit dichtem Brombeergebüsch bewachsen, so daß tote bald einsehen mußten, datz wir unseren Weg ohne die Hilfe der Senfe unmöglich hätten fortsehen können, und Jupiter begann nun, nach den Anordnungen seines Herrn einen Pfad zum Fuß eines ungeheueren Tulpenbaumes zu bahnen. Dieser Baum stand mit acht oder zehn Eichen, die er, tote auch alle anderen, die ich jemals sah, an Gröhe, an Schönheit und Dichtigkeit des Laubwerks überragte, auf dem Plateau. Als wir diesen Baum erreichten, fragte Legrand Jupiter, ob er sich hinaufzuklimmen getraue. Der alte Mann schien bei dieser Frage etwas befremdet, und es verstrichen einige Minuten, ehe er antwortete. Endlich näherte er sich dem ungeheuren Stamme, ging bedächttg um ihn herum und prüfte ihn aufs genaueste. Als er damit fertig war, sagte er bloß: »Ja, Massa, Jup kann klettern jeden Baum, den er im Leben sieht." „Dann möglichst schnell hinauf mit dir, denn es wird bald zu dunkel fein für unsere Angelegenheit." „Wie weit ich müffen herauf?" fragte Jupiter. „Klettere erst den Hauptstamm hinauf und dann werde ich dir schon sagen, welche Richtung du einfchlagen sollst. Halt — wart' — nimm biefen Käser mit.“ „Den Käfer, den Goldkäfer? — wenn ich klettern auf ‘Saum? Verdammt ich fein, wenn ich das tue,“ rief der Neger und wich entsetzt zurück. „Wenn du zu feige bist, du großer Neger, einen kleinen harmlosen toten Käfer in die Hand zu nehmen, dann kannst du ihn bei der Schnur fassen, wenn du ihn aber auch dann nicht mit» nehmen willst, wird nichts anderes übrigbleiben, als dir mit dieser Schaufel den Schädel einzuschlagen." „Warum zornig,“ fragte nun Jupiter offenbar beschämt und jetzt scheinbar doch gewillt zu gehorchen. „Massa immer schimpfen mit alten Neger, Jup Spatz gemacht. Jup nicht feige, Jup nicht fürchten Käfer." Er nahm vorsichtig das Ende der Schnur mit dem Käfer in die Hand, hielt ihn so weit es die Amstände mir erlaubten, vom Körper ab und machte sich bereit, den Baum zu erklettern. Der Tulpenbaum, Liliodendron tulipiferum, der schönste aller amerikanischen Bäume, hat, toenn er noch jung ist, einen eigentümlich glatten Stamm, von dem die Aeste erst in ziemlicher Höhe abzweigen. Aber im Alter wird feine Rinde uneben und rauh und viele kleinere Aeste schießen aus dem Stamm hervor. So bot seine Ersteigung auch jetzt mehr scheinbare als wirk» liche Schwierigkeiten. Mft seinen Armen und Knien flammerte sich Jupiter möglichst eng an den ungeheuren Stamm, ergriff mit seinen Händen einige Vorsprünge, ließ von Zeit zu Zeit seine nackten Sohlen auf anderen ausruhen, entging ein paarmal knapp einem Fallen, und zog sich so allmählich bis zur ersten Gabel hinauf und schien dann feine Aufgabe als vollbracht zu betrachten. Den gefährlichsten Teil der Kletterei hatte er nun auch tatsächlich überstanden, obschon er einige sechzig ober siebzig Fuß über dem Boden schwebte. „Welchen Weg ich jetzt gehen, Massa?" fragte er. „Den größten Ast hinauf auf dieser Seite," antwortete Legrand. Der Neger gehorchte ihm sofort und, wie es schien, ohne größere Schwierigkeit, kroch höher unb höher, bis man keinen Zoll feiner §uf ammengef auerten Gestalt mehr durch das dichte Laubwerk erblicken konnte. Bald hörten wir ein kurzes Hallo von ihm. „Wie weit müffen ich noch gehen?" „Wie hoch bist du?" fragte Legrand zurück. „Ganz, ganz hoch." antwortete der Neger, „tarnt sehen Himmel von Spitze von Baum." „Laß den Himmel in Ruh, und tu was ich dir sage. Blicke einmal den Daum entlang nach unten und zähle die Aeste, die du auf dieser Seite unter dir hast. Aeber wie viele bist du geklettert?" (Fortsetzung folgt.) Schtifileitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.