Gietzener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, den (6. Januar Nummer s Auf eine Lampe. Bon Eduard Mörike. Noch unverrückt, o schöne Lamps, schmückest du. An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier, Die Decke des nun fast vergessnen Lustgemachs. Auf deiner weihen Marmorschale, deren 2temo Der Efeukranz von goldengrünem Erz umflicht, Schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelveih'n. Wie reizend alles! lachend, und «in sanfter Deist Des Ernstes doch ergossen um die ganze Form ■— Ein Kunstgebild' der echten Art. Wer achtet sein? Was aber schön ist, selig scheint «S in ihm selbst. Richard Knies. Bon Professor Dr. jur. et Phil. Karl Esselborn. Wie überall, so wirkt sich die ruhelose Hast der Gegenwart auch in den Mitteilungen von Zeitschriften und Zeitungen über noch lebende Menschen aus, di« sich in Wissenschaft, Kunst oder sonstwie öffentlich hervorgetan haben. Früher war es üblich eingedenk der dein Menschenleben von dem Psalmisten gesetzten Grenze ihrer bei ihrem siebzigsten Geburtslage zu gedenken. Später mochte die Erkenntnis, dah nur ein verhältnismäßig kleiner Bruchteil diese Grenze erreicht, bewirkt haben, dah schon zum sechzigsten Geburtstage solche Aufsätze erschienen, wurde doch mit dieser Altersgrenze die Schwelle des Greisenalters überschritten. Aber auch dieser Termin war noch weiter nach unten verschiebbar: fünfzig Jahve bilden ein halbes Jahrhundert, und vierzig Jahre gar find das Schwabenalter, oder wenn man sich klassisch ausdrücken will, die Atme, der Höhepunkt des Lebens. Man könnte die Grenze noch weiter heruntersetzen: ein Dreihig» jähriger hat das erste Menschenalter vollendet, ein Fünfund» zwanzigjähriger das erste Dierteljahrhundert und ein Zwanzigjähriger, wenn er auch noch ein Jahr auf seine Volljährigkeit warten muß, doch so viel staatsbürgerliche Einsicht erlangt, um sich an den politischen Wahlen beteiligen zu können. Man kann also, wenn es sein mutz, alles begründen. Dah man über einen Menschen, der noch gar nicht geboren ist, schon etwas schreiben Sann, das hat Sterne in seinem Tristran Shandy glänzend bewiesen, und wenn sich eurer heutzutage auf diese keineswegs dornenlose und überaus unsichere Bahn des Lebens bemüht, so könnte das schon genügen, um sein öffentlich zu gedenken. Erwägt man, welche Aufgaben ein Neugeborener lösen und was er alles dereinst auf bekannten und noch nicht bekannten Gebieten leisten könnte, so wiirde es noch nicht einmal schwer fallen, genügend Stoff zufinden für einen solchen — Nekrolog, Venn nach der Anschauung vieler Heiligen der Frühzeit des Christentums ist die Geburt der Beginn des — Todes. Diese Ausführungen sollen aber keineswegs die Gedächtnis- aussätze zu allen möglichen uird unmöglichen an den Haaren herbeigezvgenen Gelegenheiten rechtfertigen, und wenn hier ein» mal aus Sm rheinhessischen Dichter Richard KnieS hinge» wiesen wird, so geschieht das mcht, weil er zufällig am 12. Januar fein vierzigstes Lebensjahr vollendet hat, sondern weil er und feine hierzulande gar nicht genügend bekannten Werke eines Hin» weises verdienen, ein solcher Hinweis aber mehr Aussicht daraus hat, von einer Zeitung ausgenommen zu weiden, wenn er an ein bestimmtes aktuelles Ereignis anknüpft, als wenn er durch die Laune des Schreibers aus der Luft gegriffen zu sein scheint. Knies ist nicht nur ein Heimatschriststeller. sondern ein Heimatdichter, einer der besten, die wir haben. Wie jede echte Dichtung erlebt ist, so fühlt man bei den feinen deutlich den zwi» scheu ihnen und seinem eigenen Leben obwaltenden Zusammenhang heraus. Darum ist auch die Kenntnis seines Lebensgangs der Schlüssel zum tieferen Verständnis seiner Dichtungen. In dem rheinhessischen Dörfchen Offstein bei Worms stand seine Wiege. Sein aus Herrnsheim stammender Vater Adam ÄnieS (1856 bis 1923) war von Beruf Lehrer, seine Mutter, Maria Anna geb. Rack (gest. 1916) stammte aus Rieder-Mörlen. Die Mischung des lebenslusttgen, fröhlichen, zu Scherz und Satire geneigten rheinhessisch-pfälzischen Wesens und des schwerblütigen wetterauischen kommt tn ihm und in seinen Werken auf das glücklichste zum Ausdruck. Richard war der älteste von fünf Geschwistern. Von fernem Go- burtsorl besitzt er nur noch den durch die drollige Erzählung feiner Mutter vermittelten Eindruck eines Falles tn den immer* während fliehenden Röhrbrunnen bei dem Schulhaufe Bald darauf wurde sein Vater die Eisbach abwärts nach Horchheim versetzt. Dort wurde das alte, halb baufällige Schulhaus, »ein prächtiges, geheimnisvolles Schloß feiner Kindheit". Don hier aus versah fein Vater an den beiden schulfreien Nachmittagen die Geschäfte eines BürgermeistereisekvetävS in dem eine knappe Stunde nördlich gelegenen Herrnsheim. Mit seiner Reinerem Schwester und in Obhut der Mutter durfte er den Vater manchmal bis auf die Höhen der Hügel hinter dem Dorfe begleiten. Nach einigen Jähren erhielt der Vater die HerrnSheimer Schulstelle. Mit dem Verlassen des alten wackeligen Horchheimer Schulhauses fand das Romanttsche von Kniefens frühester Kindheit fein Ende. Die Horchheimer Kindheitseindrücke, auch die Fahrt in der geschlossenen Droschke auf der regennalfen Straße von Worms nach Herrnsheim sowie bie ersten Eindrücke in Herrnsheim, wo er drei Jahre die Vollsschule besuchte und längere Zeit an Ängstzuständen und Nervenschwäche litt, hat er nachmals poettsch tn der Erzählung „Die Gitarre" verwertet. Nach dreijährigem Besuche der Volksschule besuchte er sechs Jahre lang das Wormser Gymnasium. Da damals noch keine Eisenbahnverbindung zwischen Herrnsheim und WormS bestand, mußte der Weg, der entweder durch Neuhausen oder Hochheim und häuftg zu „Krach" mit dem dortigen Schuljungen führte, zu Fuß zurückgelegt werden. Im Herbst bot das „Aepfelstrenzen" eine willkommene Abwechselung. Wenn er allein wandert«, träumte sich der Gymnasiast auch schon fabelhafte Abenteuer zu» sammen. Bon seinen Lehrern auf dem Gymnasium vermittelte ihm nur der etwas sonderliche Musillehrer Dr. August Scheuermann dauernde Eindrücke fürs Leben durch die Ehrfurcht und Liebe, womit er Namen wie Palestrina, Mozart und Richard Wagner ausfprach Mil dem Einjährigenzeugnis verließ Knies das Gymnasium, um in das Bensheimer Lehrerseminar einzutreten. Viel sprachliche Zucht und überhaupt Gefühl filr N' deutsche Muttersbrache v^da-kte er dein an dem Seminar wirkstrden Poesor Wkl» Helm Siegler, der jetzt in Der.m wirkende Professor Heinrich Werner regte ihn einmal zu einer metrischen Aeberfetzung von Börangers Gedicht „Die Schwalben" an und der Mathematillehrer. der spätere Kreisschulinspektor Georg Eck, hatte dem für Mathemattk wenig Deanlagten gegenüber stets außerordentliche Geduld und auch sonst viel Feinfühligkeit. Da Knies nach seinem eigenen Geständnis „ein sehr ringe- berdiger Geselle" war und das Dichten ihm so langsam im Gemüt zu wühlen begann, so wurde aus der geplanten Schulmeisterei nichts. Er ergriff schließlich den Beruf eines Geometers. Das war mit einer älebersiedlung nach Mainz verbunden. das feit 1906 der Schauplatz seines Lebens ist. Gr arbeitete sich wider Erwarten in den praktischen Gebrauch der Mathemattk ein und brachte eS später alS Photogrammeter und Stereophotogrammeter zur Lösung schier unglaublicher Aufgaben. Eine Anzahl seiner ersten Gedichte sandte er dem Prinzen Emil von Schönaich-Carolath (1852 bis 1908), dessen Werke er als Jüngling schwärmerisch verehrte und liebte. Auf dessen ermunternde Antwort wandte er sich an den ihm räumlich näheren Landsmann, KarlErnst Knodt (1856 bis 1917). den in Bensheim lebenden „Waldpfarrer". Auch bei ihm fand er liebevolle Aufnahme. Wurde er auch von ihm literarisch wenig oder gar nicht beeinflußt, so wurde „der unsagbar liebe und gütige Mann" eine „große wärmespendende Leuchte in seinem Leben". Das Große und Bedeutende in seinem Verhältnis zu ihm lag im Menschlich-Persönlichen und Seelischen. Nach bei seinem letzten Besuche bei Knodt, vierzehn Tag« vor dessen plötzlichem Tode, suchte er bei ihm wie bei einem Vater Schutz vor gewissen dämonischen Mächten, die er damals nicht allein bewältigen konnte. Knodts Schaffen war die literarische Eharakterskizze „Karl Ernst Knodt" gewidmet, die als seine erste selbständige Veröffentlichrmg im Jahre 1909 (Leipzig, Fritz Eckart Verlag, 2. Äufl., München, Müller u. Fröhlich 1916) erschien. Deine ersten literarischen Arbeiten fanden Knterkunft in Zeitschriften, wie „Westermanns Monatsheften", „Daheim", „Die Grenzboten", „Das heilige Feuer", sowie tn einer ganzen Reihe von Tageszeitungen. ©eine erste tn Buchform erschienene Erzählung ,rH ö r r, ihr Herrn, und laßt euch sagen...", die 1911 bei Konrad W. Mecklenburg in Berlin herauskam und 1919 als Nr. 54/55 von »Hausens Bücherei" unter dem Titel „H ährafsa und Diebenguldennas" eine zweite Auflage erlebte, spiegelt seine humorvolle und dabei tief innerliche Eigenart vortrefflich wieder. Der Nachtwächter Peter Hinnescheid in einem Dörfchen 18 — bei Worms eü ist Herrnsheim har den C8ein am Sonntag alles glitzert und glänzt, ussefert (auswendig) alles in der Hoffart ist und, wenn man sich in acht nimmt, alles halbbatzig ist und ungewaschene Rüstig (Zeug) bis zu oberst ansGöller. daß kein Unterschied ist, am Sonntag nicht, am Werchtag nicht da gruset es einem, man hält vorume." „Du visitierst dSach gut mit Schyn, Bürfchli," sagte die Bäuerin. „05," sagte Christen und machte ein schalkhaft Gesicht, „viel hört man reden, wenn man sich achtet, und jung Bursche haben öppe nicht immer die feinste Rase, alles riechen sie nicht, sie müssen es erst greifen. Da zeigt sich dann der .Unterschied: wem es darab gruset, geht nebe ume; wer dArt hat, scheut sich nicht und hat Freude daran." Die Antwort gefiel der Bäuerin bsunderbar wohl; das sei einer, dachte sie, der dSach schmöck (rieche), aber sie doch für das halte, was sie sei, end dRase abseits dreh. Sie konnte gar nicht begreifen, wo Stüdi blieb, und wurde ungeduldig, hatte aber nicht Arsache dazu. Stüdi übertrieb es mir der Toilette nicht: es war zum Brunnen gegangen, hatte Hände und Gesicht gewaschen, Hemd und Fürtuch waren rein und weist, wie man sie zu tragen pflegt, wenn man aufs Feld vor der Leute Augen geht. (Wäre wohl gut, wenn man immer daran dächte, daß alles rein sein sollte, was vor Augen kömmt und nicht bloß vor Menschenaugen, sondern auch vor die Augen, die dahin sehen, wohin noch keine Sonne geschienen, keines Menschen Auge je gedrungen ist) Mit den naffen Händen strich es sich, nun die Haare zurück, Ivos gang .geschwind sich machte, denn Schmachtlocken, tote die heutigen Meitschi sie tragen, hatte es nicht. Die Schuhe zog es aus, klopfte die Erde aus, welche darin Ivar, machte mit einem Knebel oberflächlich die ab, welche darum hing, schlüpfte wieder- hinein, imb fertig war Stüdi. Unbefangen trat es in die Küche, ließ weder am Ringgi seine Verlegenheit aus, noch verbarg es sie Hinter einem andern Gegen« stand, sondern als Christen zur Muller sagte: „So wird-doch das das Rechte fein?" und hinzusetzte: ..Grüß Gott und einen guten Abend geb dir Gott!", sagte es: „Grüß Gott d;ch wieder: schön warm hat es gemacht heute!" „Ja," sagte Christen, „dgs hab ich auch erfahren, besonders da unten das Loch herauf; bei uns oben zieht immer etwas der Wind, da unten aber wars wie in einem Käskessi, ich habe fast geglaubt, es müsse geschieden sein, und ich müsse voneinander, der eine Teil wolle zKasmuch weichen, was der andere wolle, darüber kam ich noch nicht recht, etwas Wunderlichs allweg, wie ich habe mögen merken." Dar- lächerete Mutter und Tochter, und die letztere sagte: „Oeppe viel Rars wärs Wohl nicht gewesen, wenn du bist wie die andern. „Ho," sagte Christen, „rühmen apart will ich mich nicht, es trug nichts ab, dWahrheit mutz immer an Tag, man mag es anstellen, toie man will, und sollte es hundert Jähre gchen. Aber etwas Schlechtes wird man kaum von mir vernehmen, und wenn kM auch vor meinem Herrgott ein großer Sünder bin, so ists doch nicht daß ich meine, ich müsse alles mitmachen, was die andern machen. Einer hat seine Freude den Weg, der andere diesen Weg: mir gefällt es daheim am besten, wenn man im Frieden sein kann und alles gut geht tote an einem Schnürchen." Die Rede gefiel Mutter und Tochter bsunderbar wohl, aber sie sagten nichts darauf. Die Mutter hieß die Tochter zum Essen rufen, dasselbe hineintragen, Christen hineingehen; er werde müde sein und froh, abzusitzen, hier sei er nur im Wege. Das wunderte Christen, daß er in die Stube, wo das Volk atz. gehen solle, aber es gefiel ihm: er hatte es sonst schon erlebt, daß man ihn in einem Hause sorg fällig verbarg in irgendeinem Gemach, in welches kein iincinge" weihter den Fuß setzen durste, und ihm das Esse!» heimlich zubrachte wie einem Staatsgefangenen. Diese Oeffentlichkeil geftei ihm .nut hätte er gern getoußt, war sie HauSsitt beoer ein ihm, nur hätte er gerne gewußt, war sie Haussitte oder ein Zeichen hesandern Wohlgefallens, eine Aufnahme in des HauseS traulichen Kreis. Das sah er wohl, die Leute wiesen ihn nicht von der Hand; sie schienen ihn erheblich, näherer Untersuchung wert zu finden, nicht ungünstig für ihn gestimmt zu sein. Wahrend Stüdi den Tisch zwegmachte, redete er ein vernünftig Wort mit ihm, und als der Vater kam, hieß dieser ihn Gottwillchen und gab ihm die Hand. Beim Essen tat Christen bescheiden, betete etwas länger als die andern, langte aber seltener in die Milch, redete wenig, machte sich dagegen tapfer an die Erdäpfel, und al» das Brot umging, gab er es weiter, ohne abzuhauen. „Willst nicht Brot?" sagte Stüdi und reichte dasselbe ihm wieder. „Rehme nie, wenn wir Erdäpfel haben, Erdäpfel sind mir das Liebst," antwortete er. Christen hatte aber Satt; da die Diensten mit am Tische sahen, so setzte er hinzu: „Die andern nehmen immer Brot daheim, derentwegen, weil ich keins nehme, meine ich nicht, die ändern sollten es auch so machen, da läßt man ein jedes mache,!, wie es ihm beliebt. „Wer recht werchen soll, must auch recht zu essen haben", sagt die Mutter, und mir ists auch so." „He ja." sagte ein alter Knecht, „es wär so. aber an allen Orten ists nicht so. Als ich hieherkam, war es mir ungewohnt genug, daß jedes Brot nehmen konnte, soviel als es wollte, denn ich war früher an einem Orte, wo wir nur halb genug zu essen hatten. Anken und Schmutz kamen nicht viel in ihre Pfannen, die Kellen mochten das Kochen nicht ertragen, keine dauerte länger als acht Tage, sie wurden so dürr und spröd, dah sie brachen wie dürre Glasstengel. Sn der Suppe sah man selten ein Schnäfeli (Stücklein) Brot, mehr als ein Dutzend Schnittchen kamen selbst an einer Kindstaufe nicht hinein. Am Tage vorher, ehe ich fortging, da trieb ich ihnen es ein. Die Schuhmacher waren dazu noch da auf der Stör. Sobald wir gebetet hatten, nahm ich den Löffel, fuhr in der ganzen Schüssel herum wie wild: sowie ich ein Schnittchen Brot auf dem Löffel sah, nahm ich es geschwind, hielt es dem Rebenknecht dar und sagte: „Gschwind, gfchwind, häb mrs, hab mrs, ich will hurtig noch ein anderes fangen, Wenns noch möglich ist." Er hat noch lang nachher alles glachet. Sie haben es öppe ungern genug gehabt." Das war die Heldentat des alten Knechtes, die er zu erzählen liebte bei jedem Anlass«, und verübln tat es ihm niemand, war es doch die einzige Heldentat, die ihm das De- toufitfein gab. dah er was sei und was könne. Christen sagte nicht viel dazu, er kannte den Boden, auf dem er stund, zu wenig, um sich vom Stamme weg weit hinaus auf die Aeste zu lassen. Lang ah man nicht, darum konnte man auch nicht viel schwatzen, wer viel schwatzte, kam zu kurz mit dem Essen, denn, länger als die andern am Tisch zu sitzen, dessen schämten sich auch die, die sonst gerne viel schwatzten. Als wieder gebetet worden, alles aufstand und die Diensten zur Tür hinaus waren, sagte Christen, er hätte fragen wollen, ob er da über Macht bleiben könne? „Sag du, Hans!" sagte die Frau. „Hab Aparts nichts darwider," sagte Hans. „He nun, so sollt ihr Dank haben aufs allerhöchst, und Vergelts Gott!" sagte Christen. Darauf ging Christen mit Hans in den Stall hinaus zum Examen, das gerne der Bauer die bestehen läht, die zu Tochter- männern geraten möchten. Dieses Examen ist so leicht nicht, als man vielleicht wähnen möchte. Wohl gibt es auch da Sympathien und Antipathien, aber bei solchen Examen sind keine Halunken, welche die Sache karten für oder gegen zum voraus, und eben» sowe it Halunken, welche dem Examinanden die Antworten in Mund .d r er l g:n. Was aber dieses Examen besonders schwer macht, ist die Kunst, alle Tiere recht zu würdigen, ohne die Eigenliebe des Besitzers zu verletzen, kein Roß zu hoch zu schätzen, aber ohne die 'Fehler, welche den Wert verringern, besonders hervorzuheben oder aufzudecken. Das Ding ist nicht ganz leicht, aber Christen bestand gut, bestand auch am sPatern Abend, als er mit der Familie allein in der Hinterstube bei einer Maß Wein sah, gut, redete verständig über seine Lage, ohne mit der Tür ins Haus zu fallen, sagte, wie seine Mutter alte, und wie er ihr zLieb und zEhr heiraten möchte, aber nicht, dah sie es böser bekomme, sondern besser: sie hätte ihm, seit der Vater gestorben, bsunderbar gut ghuset, und er möchte, dah sie in ihren alten Tagen recht gut hätte, dSach brauchen, wo sie gelüste, und dArbeit an jemand anders lassen. Er hätte schon manche haben können, aber die eine, so er möchte, und wie er sie der Mutter wegen mangle, hätte er noch nicht gefunden: es sei neue afe bös mit der Religion, und öppe, was recht sei, sinn man nicht. Kurz, Christen kaufte sich ein, und rie kriegten ein bsunderbar Vertrauen zu ihm: wir glauben, nicht zu irren, wenn wir annehmen, er sei selbe Rächt bei Stüdi zKilt aewe'en, und als er am nächsten Morgen fortging, mußte er, dah er sie am nächsten ßangnaumarft um die Mittagszeit beim ..Bären" daselbst an treff en würde. „Meine Alte wird luegen und Augen machen!" dachte er und konnte kaum ein Jauchzen bändigen, das man zu Berg und Tal gehört hätte, er bändigte es zwar weislich, aber es wollte ihm fast die Brust versprengen. Gr hinterlieh ein gut Andenken. „Wie gefällt Mr der?" fragte am Morgen die Mutter. „Gut," sagte Stüdi, „es dünkt mich saft, ich möchte ihn; wenn er nur nicht wie die andern ist! Sch glaube, ich plärete, was ich noch bei keinem getan.“ „Sa," sagte die Mutter, „erfei&et bist du mit nicht, es geht niemand übler ati mir, wenn du mannest (heiratest): aber wenn ich dir etwas zu raten habe, so nimm den, wennd einmal mannen willst! Der Aeichst ist er nicht mit Schyn, aber Sachen genug habt ihr, und einer, der huset, hat geschwind noch einmal soviel als einer, der dsHalb reicher ist, aber nichts weih, als zu brauchen." Die Mägde konnten sich nicht enthalten, ihn ebenfalls zu rühmen, öppe einen Hübschern und Töllern sehe man nicht bald, er wisse bsunderbar styf (männlich) zu reden, tue nicht so wie ein Kalb, wenn es aus dem Hälsig (Strick) sei, wie so mancher reiche Sohn tue, weil er meine, das gefalle den Leuten. Lind hochmütig sei er nicht, mit einem jeden habe er geredet und die Zeit gewünscht: brav sei er dahergekommen, aber doch nicht so narröchttg, wie es heutzutage der Brauch sei. Sie sanden alles an "ihm rühmenswert, und jede war der Meinung, wenn sie je einen möchte, so wäre eS der: es sei nur eins lätz, dah eS ihm nicht auch so sei. Wenn alles einander hilft, so kamt es nickst fehlen, und toenffl alles bläset, so muh ein Feuerfunken zur Flamme werden: so ging es Stüdi. Es mochte den ßangnauermartt kaum erwarten, und doch ward ihm fo angst dabei, dah es fast nicht ohne Weinen daran denken konnte. „Wemr es wieder fehlen täte!" mußte es immer denken. Vom Füsii wußte Christen der Mutter nicht viel zu sagen, hingegen brichtete er desto mehr von Kühersäuen. Me er gesehen, und wie Me ihm gefallen: so schöne, glatte, lange, auf kurzen Beinchen, aber mit geringelten Schwänzchen hätte er noch nie gesehen. Oh, weim doch die Mutter die sehen könnte, wie würde Me luegen, hätte er immer denken müssen. Sie seien noch zu klein gewesen, sonst glaube ec, er hätte sich unterstanden und zwei heimgebracht ungefragt und ungeheißen. Sie hätten ihm aber gesagt, sie kämen damit auf den ßangnauermartt, und jetzt müsse die Mutter mit ihm dorthin, sie möge wollen oder nicht, Me Schweinchen müsse sie sehen, und wenn sie sie sehe, so kaufe sie dieselben auch So redete er alle Tage von diesen Schweinchen, dah die Mutter sagte, er solle doch aufhören mit dem Gstürnp es erleide ihr, sie wisse gar nicht, wie das gegangen, daß ihm jetzt auf einmal nur Schweine im Kopfe seien, er hätte sich ja deren sonst gar nicht geachtet und sich ihrer nicht annehmeN wollen. Sie müsse sagen, sie fange bald an zu glauben, es fei ein schön Kühermeitle, das ihn ziehe, und nicht junge Säuft. Aber sie müsse sagen, deren eine begehrte sie nicht, vom Pflanzen verständen die nichts, und wenn Me nicht alle Sage frischen Anken und süßen Zieger hätten, so tagen sie auf dem Rücken und meinten, es müsse gestorben sein. „Mira," sagte sie, „fahr, wenn du doch den Rarren gefressen hast an deinen Kühersäulene, du weißt ja. daß ich nie zßangnau zMärit gewesen: was würden doch die Leute lachen, wenn ich in meinen alten Sagen anfing, in der Welt herumzufahren! Sie würden öppe ein Gelärm haben, es sei mir gegangen, wie es den Witweibern sonst allen geht, dsManne sei mich angekommen, und "jetzt müsse ich auch noch den Märiten nach, drÄarr z'mache." Trotz Mefem Reden, diesem Sträuben faß doch Me Wirtin aufs Wägeli früh am Sag, als ßangnaumärit toar; der Verdacht wegen der Küherstochter hatte sich bei ihr eingegraben. Dem Lumpenwerk wollte sie ein Ende machen und dem Lumpenmensch Me Sache verleiden, dachte sie. Christen, der Schalk, hatte Mefen Hebel^rasch erkannt und nichts getan, ihn aus der Mutter Gedanken zu entfernen, im Gegenteil, wenn sie über das Kühervolk pülverte, nahm er es in Schutz, behauptete immer, Schweine, wie die hätten, gebe es keine in der Welt, und wenn eine Fran sich auf die Schweine wohl verstände, so sei es ein gewonnener Handel in einer Haushaltung. Es war ein schöner Morgen im Heumonat, als Mutter und Sohn nach Langnau fuhren. Was doch so eine Wirtin, welche zugleich Bäurin ist und selten von Hause kömmt, alles zu sehen und zu bewundern hat, wenn sie in dieser Jahreszeit durchs Land fährt! Freilich weder Tinten noch Gruppen, weder die Färbung noch der Vordergrund oder gar der Hintergrund fallen ihr auf, und doch nehmen ihre Ausrufungen kein Ende. „Rein aber, sieh mir doch den Kornacker, jedes Aehre gleich hoch wie das andere, wie wenn man ihn mit der Schere geschoren hätte: nein, aber was Das für ein Dohnenplätz ist, das müssen fremde Bohnen sein, wenn ich doch deren auch hätte: sieh doch dort Me Flachsere. noch keine Bluest und schon anderthalb Ellen hoch: schöns Werch (Hanf) ist dort, doch unsers ist dicker und ebenso hoch: sieS doch dort das neue Haus, das ist afe es bravs, müssen reiche Leute sein, kennst sie?" So ging das fort in einem Zuge bis nach Langnau, wo ihr erst wieder Me Schweine und das Täschki, die Küherstochter, in Sinn tarnen. „Wo sind sie jetzt, deine Kühersäu?" fragte sie, „es wird sich wohl der Mühe lohnen, ihretwegen einen Sag zu versäumen und koch Kosten zu haben, es weiß kein Mensch wieviel!" „He, das wird sich zeigen, Mutter!" antwortete Christen. „Beim „Bären" wollen wir einsteften, denke ich, von dort wird es wohl nicht fce'.t sein auf den Säumärit." (Schluß fotzt.) Schriftleitung: Dr. Friede, Mich Lange. — Druck und Verlag der Vrühl'jchen Univ.-Bilch- tmb Steindruckerei, A- S