Siebener zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 Dienstag, den \5. Juni ” Nummer 48 An den Schlaf. Bo« 3e& Sternberg, Schwebe vorüber, gütiger Schlaf! Wcht an beit vergeude die köstliche Schale, dem Wachen säst ist. Sondern bringe dem Trostlosen sie, der sich die Hölle des Daseins gräbt ins verbitterte Herz und schleire von Lager zu Lager, ob ein Angeliebter in einsame Kissen weint — ihnen allen schenke den Trank des Vergessens! Ich — siehe — liege int Dunkel: ein nächtlicher See, darin sich die Sterne spiegeln: Doppelleuchben der Liebe.,. Nicht zusallen last mir das Auge — Ich versäumte mein Leben, versäumte ich nur eines Atemzugs Länge von dieser schlummerlofen Nacht, Das Wunder. Von Seemann Stegemann.*) Sie staitden mitten auf dein Gottesacker vor der weißen Kirche. Die Abendsonne schlug durch die Gewitterwolken, die mit zerrissenen Flanken, ihrer Blitze und Donner ledig, über das Tal zogen. Ein greller gelber Schein brach aus dem Gewölk und badete das dampfende Gelände. Da beendigte der Pfarrer das Gespräch, indem er die Soutane wie ein Weiberkleid aiffraffte und über Pfützen unb Gräber stelzend, zu dem Bauer sagte: „Eh bien, wer kein Ohr hat, der muß den Buckel Hinhalten, das ist eine alte Regel. £lnb wenn Ihr das Saufen nicht laßt und Euer Weib nicht das Maul in acht nimmt, ja, dann habt Ihr halt die Sölle daheim, die feurige Sötte. And die hätt' doch noch im andern Leben für Euch Zeit genug, n’est-ce pas?“ Sprach's und sah wohlgefällig auf den feurigen Schein, der das Tal durchflammte und ihm den treffenden Vergleich eingegeben hatte. Der Bauer stieg ihm breitspurig nach und schlenkerte ingrimmig den LehmgruNd von den schweren Schuhen. „An der Söll' fehlt bigoscht nicht viel, Serr Pfarr", gab er kleinlaut zu, und fuhr dann, da der Pfarrer schwieg, schlau fort: „Da habt Ihr recht, aber der Wein ist nicht schuld daran. Ich trink' ja >mr, um das Gift totzutrinken, das sie mir zu kosten gibt." „Jetzt wird's mir nimmer besser!" schnaufte der Geistliche und blieb so plötzlich stehen, daß der Bauer, hinter ihm dreintrottend, ihn, die Sacken heruntertrat. Excusez, Serr Pfarr", stotterte er. „Da ist nichts zu exkusieren, meine Strümps' verleiden noch einen Sahnentritt, aber den Lug von dem gottlosen Saufen — den verzeiht Euch der Pfarr heut nimmer! And — tenez, Sepple, daß Ihr nur wisset, wie's pfeift und geiget: Ihr und Euer Weib seid Futter für des Teufels Zinken, wenn nicht ein Wunder Euch zu Sils' kommt. Schad um Euer Maidle, das Ihr auch noch verderbt! Bringet's unter die Saube, damit es den Krambol daheim nicht länger vor Augen hat, das ist alles, was ich noch weiß. So --- jetzt kennet Ihr dem Pfarr seine Meinung, und der Pfarr und seine Meinung, die sind beide nicht gestern. Bon soir, Sepple!" And ehe der niedergeredete Bauer einen Schnaufer getan und Atem geschöpft hatte, stapfte der alte Serr bett Weg entlang, zum Pförtchen hinein, und verschwand in der Sakristei. Sein schwarzer Schatten, vom Sonnenbrand an die Mauer gelvorfen, war flugs hinter ihm drein. Sepple starrte ihm nach und schnaufte wie einer, der lange unter Wasser gewesen ist. „Kreuzhagel und Rebholz, der hat mir wieder einmal Bohnenstecken auf dein Schädel gespitzt! Aber Courage hat er, unb sell muß man gelten lassen." So befreite er endlich Vas beschwerte, verstörte Gemüt, dann drückte er den Filz auf's Ohr und verließ den Gottesacker. Er ging ips Wirtshaus. Dort holte ihn seine Tochter ab, als er nicht heim zur Nachtkost kant. „Ich komm' schon, presstert's Euch mit den geschwellten Erdäpfeln denn alleweil so?" murrte er und schob sich heimwärts. Anterwegs machte er attf einmal Salt und blinzelte sein Kittd pfiffig an. *) Die Novelle erschien in der Sammlung „Seintkehr" (Verlag der Deutschen Verlagsgesellschaft in Stuttgart) auch in Buchform. „Spät bist du ausgeschlüpft und ich könnt bein Großvater (ein. Aber zu jung heiraten, das ist nichts fiir ein Weibervolk, das nehm' ich an deiner Mutter ab." „Wer redet denn vom Seiraten, Vater?" stotterte das Mädchen, und die Sommersprossen, die auf feiner Nase saßen, ein schelmisches Völkchen, verschwanden in einer brennenden Röte. „Wer? Der Serr Pfarr, und wenn ich dich anschau und seh, wie deine Backen zünden, so scheint mir das Ding nicht weit vom Wege zu sein. Safi du aufs mal schon einen Fuchs im Eisen? Red'!" „Aber, Vater, was denket Ihr auch!" wehrte sich das Mädchen und schupfte in blinder Verlegenheit den dicken rotblonden Zopf, der auf seinem Kopf ein krauses Nest bildet, so hin und her, daß die Strähne sich löste und ihm auf den starken Nacken fiel. „Je nun, der Doppelzentner Erdäpfel driickt dich nicht zu Boden, Wege« dem könntst du das Seiraten schon verleiden," gab der Alte plötzlich wieder gutgelaunt zurück und seufzte dann wehleidig mit lustig zlvinkernden Augen und einem schmerzlich verzogenen Mund: „Wenn deine Mutter so fest wär' wie du, Maidle, ich hält' keine ganze Rippe mehr unten« Semd." Das Mädche« antwortete nichts, es starrte in den weinroten Nachthimmel und schrak zusammen, als sie über den Sof gingen und bie scharfe Stimme der Mutter aus der Küche zu ihnen herüber- schallte. „Aus dem Wirtshaus! Sab' ich's doch gewußt!" rief sie ihnen entgegen. Der Vater aber hatte just soviel Wein im Leib, als zu einer rosigen Laune vonnöten, und erwiderte der Schmälenden: „Aber was der Serr Pfarr gesagt hat von uns, das errätst du nicht." „Was wird er gesagt haben," gab sie scharf zurück, „daß bu ein Lump bist, ein Vaurien, ein malproprer Fink!" So ergoß sich die Lauge über sein Saupt. Aber er merkte, daß die Neugier stärker ivar als der Zorn, und entgegnete: „Das wär' justament nichts Neues. Nein, nein, ganz was anderes — und dann noch was ganz Besonderes!" Er lvar in die rußige Küche getreten, und das Mädche« fuhr aufgeregt um den Tisch und warf zwei Sände voll Salz in die Salatschüssel. Die Mutter nahm sich noch die Zeit, ihm für die doppelte Ladung einen Puff zü geben, dann herrschte sie den Mann an: „Red', was hat der Serr Pfarrer gesagt?" Da schlug er der kleinen Frau, bie das scharflinige Gesicht nicht von ihm wandte, bie Sände auf die Schultern und sprach: „Er hat mir ein Wunder versprochen, und dann käm' alles zum Gute«. Mich tat der Wein nicht mehr regieren, und dich bie Bosheit und das Gift nicht mehr." Einen Augenblick starrte ihn die Bäuerin verblüfft an, dann schüttelte sie seine Sände ab und blies ihn an: „Bringst du das aus dem „Kreuz" heim? Schämst du dich denn vor deinem Serrgott nicht, den Pfarrer und das Sakrament zu schimpfieren?" „Was fährt dir denn jetzt schon wieder über die Leber, Mutter? Wenn ich dir doch sag', daß das dem Pfarrer sei« Wort ist. Sin Wunder, ein veritables Wunder — hat er gemeint." Jetzt wurde die Mutter nachdenklich. Sie schwieg eine Weile, und der Bauer setzte sich und langte in den Salat. Da trat sie dicht zu ihm und flüsterte scheu: „Ein Wunder! Jesus Maria, das kann erschrecklich werden. Mit den Seitigen ist das so eine Sach'. Mir grauset's halber. Jetzt siehst du, Sepple, soweit bist du abgekommen vom Christenweg mit deinem Satffen." And sie tat einen schweren Seufzer. Dem Bauer überliefen die Augen von dein versalzenen Salat und er schluckte schweigend, lachte in sich hinein und machte einen krummen Rücken, damit der Schein der Küchenlampe ihn nicht verrate. Auf einmal hob die Mutter den Kopf und fragte: „Sat er nicht noch mehr gesagt? Es ist mir so, wie wenn du noch mehr im Sack hättest." „Nichts Apartes mehr, nur daß das Rikele heirate« soll", erwiderte er gleichmütig u«d fischte den Speck aus dem Salat. Die Mutter aber ließ Brot und Gabel fallen. „Das hat er gesagt! Das Kind aus dem Saus! Wege« mir am End gar! Ab, der kommt mir geschlichen, das wär' mir noch schöner! Kannst dir's einbilden, Maidle!" keifte sie und fuhr dann auf das Mädchen los, das sich duckte wie ein Suh« vor dem Sabicht. „Ja, da kannst bu jetzt giften, was bu vermagst. Wenn der Pfarrer sagt, bei uns im Forlenhofsei bie leibhaftige Söll' im Brand, dann hat's geschellt. Dann nur unter bie Saube mit dem Rikele." Der Bauer sah schon wieder gewitterhaft drei«, als er so sprach, und nun schrie ihm die Frau gereizt, mit zomblaffen Lippen entgegen; „Die Söll', du Lotter, die Söll' bei uns! Der Wein und der Schnaps sind's, die dich verbrennen, das ist unsere Söll'!" — 190 „Nundedie noch einmal, fängst du schon wieder an, treibst du mich nicht ins Wirtshaus mit Giften? Dort bin ich sicher vor deinem Maul und dein säuern Gesicht." And seine Faust schlug auf den Tisch, daß die Teller sprangen. Der Knecht, der eben die Stallschuhe ai» der Schwelle austrat, zuckte weislich zurück, als er das Wetter gewahrte, und das Nikele schoß an ihin vorbei ins Freie. „Komm, Franzsepp, komm, ich bring' dir hernach die Kost auf's Gartenbänkle, in der Küche sind sie am Hettensonnen," raunte das Mädchen dein Bursche», zu und griff ihn ain Kittel. Der Franzsepp pfiff durch die Zähne. „Kommt's zum Klopfen, so halt' ich den Buckel nicht dazwischen," gab er Bescheid, und sie stahlen sich hinter das Laus. Dort fragte er: „Und jetzt sag', ist's dir jetzt ums Nisten, Rikele?" Da seufzte das Rikele, drückte sich an ihn und erwiderte: „Ja, wenn der Lerr Pfarrer meint, es tät mir besser, so wird die Mutter >vohl schweigen dazu." „Die »litt» schweigen, — das erlebt das Elsaß nimmer," lachte der Knecht und faßte sie fester. Der Lolunder umfing fie n>it seinem starken Duft »ind schwarzen Schatten, And darin berichtete die Tochter von der Anterredung des Vaters nut den, Pfarrer, was sie wußte. Ein Knall schreckte die beiden auf. Der Bauer >var wie ein Wilder aus dem Laus gestürzt und schnrctterte das Loftor zu, daß die Liihncr in der Scheuer flatterten und schrien, als wäre der Marder unter sie gefahren. In der Küche lärmte die Bäuerin in ohnmächtiger Wut. Jetzt stieß sie die Tür auf und rief das Rikele bei Rainen, und dann zeterte sie in den stillen Abend hinaus: „Ein Wunder, alle Leiligen bringen das Wiinder nicht zustand, und wem, sie ..." „Nichts für ungut, Forlebäuerin," unterbrach sie der Knecht, schob sich zwischen sie und ihre Rede und fuhr fort: „Man soll nichts verreden, imd der Sankt Morand hat schon manchem das Schädel- weh gcnomnien." Die Frau stutzte. Ihre Lästerung hatte sie schoi, gereut, noch ehe sie ihr die Zunge verbrannt hatte, und jetzt überlegte sie, daß der Franzsepp den heiligen Morand nicht zu Anrecht beschwöre. Ein Wunder hatte der Pfarrer ihnen angedroht. Nun wohl! So gingen sie ihn, entgegen, und zwangen'sie das Wunder, so ivar's verdientes Glück. Der Sankt Morand, der mit den, Rebmesser im Kalender stand und seine Gebeine in, Tal zu Sankt Morand in der neuen Wallfahrtskirche gebettet hatte, der war der Rechte. Der hatte den Wein ins Ta! gepflanzt, der war verpflichtet, ein übriges zu tun. And sie besann sich, daß der imb jene mit Kerzen und Gelübden zu ihn, gegangen waren, und der eine hatte sein Schädelweh in der Kirche gelassen, und die andere den Fuß mit dem Gebrest in das Loch unter dem Grabstein des Leiligen gestreckt und nach hundert Vaterunser», heil wieder herausgezogen. „Lug um deine Säu', sie lüpfen ja schier den Laden ab," schnauzte sie nach einer Weile den Bursche», an, der verwundert vor ihr stehen- gcblieben >var. „A la bonne heure," murmelte der Franzsepp, „ich hab' schoi, gemeint, sie hab' sich die Zunge abgebissei,", und ging seines Weges. Die Mutter aber »var schweigsam. Eine ungewohnte, unheimliche Stille war in der Küche, so daß es dem Rikele angst und bang wurde neben der Sinnenden. Es begann laut mit dem Milchkessel zu klappern, um den Bann zu brechen. Aber ehe es sich desse», versah, fuhr die Mutter auf es los und giftete: „Was lärmst da toic der Gemeindediener mit seiner großen Trumme! Wenn du heirate», willst, so gibt's anderes zu tun.'Zähl' deine Lemden und lug, wann der Moranditag in, Kalender steht." Der zwiespältige Befehl machte das Rikele ganz wirr. Es begriff nicht, was der Sankt Morand mit seinen Lemden zu tun hatte, und zugleich schoß ihm ein heißer Strom über das Lerz. Die Mutter hatte so gut wie Ja und Qi men gesagt. Nun begannen beide, Mutter und Tochter, auf den Bauern zu wirken, daß er mit ihnen zur Stadt fahre, dem Sankt Morand zuliebe. Der Alte wehrte sich, als sich aber die Frau hinter den Pfarrer steckte und dieser, den guten Willen der Bäuerin nützend, ihm bei allen Löllenstrafen die Fahrt anriet, als gar derKnecht meinte, der Sankt Morand tonne ihm von, Schädel- und Gliederweh Helsen, und listig beifügte, das mache den Wein nicht giftig, sondern süffig, da gab sich der Sepp, und eine Zeitlang war eitel Zufriedenheit und gespannte Erwartung im Forlenhof. Das Korn stand noch de,»So»,»»tag über auf dem Lalm; die Fahrt ward beschlossen. In der Nacht vor der Bittfahrt und dem Wunder, das sie erwarteten, fuhr das Rikele ängstlich und aufgeregt im Lose un,her, bis es für eine Weile beim Franzsepp untern, Lolderbaum Ruhe fand. Dan», kroch es in seine Kammer. Die Bäuerin lag fiebernd unter dem Federbett. Als sie den Sepp schnarchen hörte, begam, sie sich für sein Leben, sein Leil zu plagen, und rief ihn an. Er stellte sich taub, und da er in, Anverstand ?u schnarchen aufgehört hatte und keinen Schnaufer mehr tat, erschrak die Frau und winselte: „Wenn's nur schon Tag wär', mir grauset's! Le, Sepple, sag' auch ein Wort, bist du auch im Reinen mit deinem Lerrgott?" Der Sepple hatte einen Liter Alten im Leib und stand mit der Welt und dem Limmel just recht gut. And als die Frau in ihrem Kissenhaufen Plötzlich zu schluchzen anfing und endlich gar zu ihn, herüberlangte, da kam eine friedliche Stimmung über die beiden, die sonst wie Katz und Lund lebten, und sie besannen fich auf die alte Zeit. In aller Lerrgottsfrühe, als die Tagesglut noch säumte und der Linunel in rosiger Lauterkeit schimmerte, führe», sie der Stadt zu, alle zusammen, dem, der Franzsepp hatte einen Kamerade», gedungen für ven Tag als Knecht und saß mit auf dem Wagen, dieweil er, wie er gesagt hatte, in der Stadt auf der Kreisdtrektio», wegen seiner Reserveübung ettvas zu besorge», habe. Der Bauer hatte ein schiefes Gesicht gezogen, als der Knecht aber die Kreisdirektion auftrumpfte, da hatte er ihn gewähre», lassen. „Wem, sie dich gar acht Wochen zum Militär holen, hernach stell' ich einen andern ein. Oder meinst, das Rikele und ich, wir mögeu's allein machen ohne dich?" brummte er noch vor der Abfahrt. Da flog ein Blick zu dem Mädchen hinüber, und dann sagte der Bursch: „Sell weiß ich, daß Ihr's nicht mache», könnt. And das sag' ich justament dem Kreisdirektor." „Bist du mit ihm in die Kinderlehr' gegangen?" spottete die Bäuerin. Der Bursch antwortete nicht, sondern knallte mit der Geißel, und sie fuhren gerüttelt und geschüttelt das Tal entlang. Dick lag der Staub, und als sie eine Stunde gefahren waren, kramte der Bauer nach etwas Trinkbarem und suchte und fand nichts. „Nein, das gibt's nimmer so geschwind, Sepple", suchte ihn die Frau zu beruhigen. Er grollte einen Fluch ins Vorhemd, saß bann aber gebulbig unb stieß nur zuweilen ben Knecht in bei, Rücken, bannt er den Gaul nicht einschlafen lasse. Das Städtchen hing wie ein leeres Nest, so verlassen und still an der Lügelwand, von der der Kirchttirm mit bunten Ziegeln herabglänzte. Die Sommerglut zitterte über den Dächern und brütete in den Gassen. Im Wirtshaus „Zur goldener, Kanone" stellten sie den Gaul ein. Dann zog der Knecht davon, angeblich auf die Kreisdirektion. Der Bauer ging ein paar Wendgabeln einzuhandeln, die Bäuerin und das Rikele löffelte», ein paar Kacheln Kaffee, und dann stiege», sie zur Kirche hinauf, mit einem Bittgang den Anfang zu mache»,. Am Nachmittag aber sollte der Bauer mit seinem Weib nach der Sankt Morandi-Kirche gehen, die eine halbe Stunde das Flußtal aufwärts aus den Matten auftauchte, weiß und heilig, und im Geruch besonderer Gnaden stand, beim im Steinsarg, der mitten in dem Kirchlein auf vier stämmigen Steinpratzen ruhte, lagen unter verlötetem unb verputztem Deckel bie Gebeine des Leiligen. Der hatte bei, Christenglauben ins Tal gebracht, die ersten Reben gepflanzt unb half von Kopf- unb Gliederschmerzen, so man gläubig eine ber Messingkronen aufs Laupt hob, bie auf feinem Sarg lagen, unb betete unb büßte. Die Sonne stach, unb weiße Wolken bauschten sich im Westen über den, blaue», Gebirge, ba schlich ber Franzsepp ben Felbweg entlang, ber zwischen Matten unb Rebgärten hinlief. Blank lag bie Moranbi-Kirche in, Sonnenschein, unb die Grillen zirpten betäubend. Als ber Knecht über ben Vorplatz schoß unb so schnell in bas Kirchlein flüchtete, als wäre ein Bienenschwarm hinter ihm drein, bewegte sich drüben auf der Landstraße, im Schatte», der Plantanen, bie Bäuerin einher. Neben ihr beinelte das Rikele. Der Bauer fehlte. Schluß folgt. Bom Vermögen des Auges. Von Dr. Ludwig Neundorfer. Was vermag das menschliche Auge? Wir nehmen durch das Auge das uns Amgebe»,de in der Weise des Bildes wahr. Diese Wahrnehmung ist eine unmittelbare, d. h. der Vorgang des Sehens ist einfach, ist nicht zerlegbar oder aus verschiedenen Funktione»» unseres Körpers zusammensetzbar. Wohl kann man den physiologischen Vorgang dieses ^lktes beschreiben, kam, einzelne Teile besonders benennen, aber das Sehe», an sich, dieWahrnehmung mit dem Auge ist unmittelbar. Das Sehen ist eine der Formen unmittelbarer Wahrnehmung. Andere sind Lören, Tasten, Riechen. Deshalb ist auch das Bild nicht bie einzige Weise, in ber ich bie Welt erfahren kann. In ähn- kicher Weise kann der Ton, der Körper, der Duft mit Wahrnehmungsweise werden. Das Charakteristische der Augenerfahrung ist, daß sie sich in Farbe», unb Linien vollzieht. Wir sehen also unsere Amwelt durch das Auge als eine farbig und linear bestimmte. Nehmen wir z. B. die Luft. Sie erscheint dem unmittelbaren Sehen als blauer Limmel, — wir haben bestimmte Worte für solche schauende Erfassung der Amwelt, die nur dem Sehenden sinnvoll sind; man wird einem Blinden vergeblich klar zu machen versuchen, was rot, was blau ist. Er wird ganz andere Inhalte mit diesen Worte», verbinde», als ein Sehender. Dem mittelbare», Erfassen durch den Verstand erscheint dieselbe Luft als so und so chemisch zusammengesetzt oder als eine errechenbare Zahl von Aetherschwin- gungen. Es fragt sich nun allerdings, ob diese unmittelbare Wahrnehmung durch das Auge den Gegenstand auch wirklich erfaßt. Die Wissenschaft der letzten Jahrzehnte hat sich alle Mühe gegeben, uns die Täuschung durch unser Auge zu beweisen. Aber mit allen ihren vernunftmäßigen unb errechnete», Feststellungen über ben Gegenstand hat sie die Anmittelbarkeit der augenmäßigen Erfahrung nicht Hinwegschaffen können. Den, Schauenben ist bie Lust immer noch ber blaue Limmel, wenn er auch bie Schwingungszahl ber Wellen unb die chemische Form der Zusammensetzung ans verschiedenen Elementen kennt. Was das Auge sieht, ist keine Täuschung, so wenig wie bie errechneten ober benkmäßig gefundenen Feststellungen falsch zu sein brauchen. Die Wirklichkeit ist weit genug, um noch viel widersprechendere Ansichten in sich tragen zu können. Wir haben ver- — 191 — schiedene Wege zum Ding, den des Verstandes wie den der Sinnes- wahrnehmung, und sollten dessen froh sein und jeden an seiner Stelle Das Ding, der Gegenstand unserer Wahrnehmung existiert. In seiner vollen Wirklichkeit ist es uns nie erfaßbar, die Fülle ist zu groß, als daß wir sie eindeutig zu fassen vermöchten. Immer nur können wir einiges von dem Ding erfahren, nie das Ding selbst, es sei denn durch eine besondere Begnadung. Darum kann es sich affo hier nicht handeln, wenn wir fragen ob das Auge seinen Gegenstand denn auch wirklich erfasse. _ , Auch darum geht es nicht, daß die einzelnen Organe des Sehens richtig funktionieren, also nicht um physiologische Tatbestände. Wenn ich schlechte Augen habe, wenn also gewisse Funktionen des Sehens gestört oder geschwächt sind, kann ich natürlich nicht wirklich sehen, sondern ein Schleier zieht vor allem hin. Wenn ich beim Sehen nicht alles auf diesen Akt konzentriere, anderes noch dabei tue imi> so die Aufmerksamkeit störe, kann ich nicht wirklich sehen, vieles wird mir entgehen, anderes wird nur ungenau wahrgenommen werden. Aber das ist nicht mit der Frage gemeint. Vielmehr dieses: Die Umwelt trägt ganz bestimmte Qualitäten in sich: Farben und Linien. Sie sind ein Stück Wesen jeden Dinges. Vermag nun das Auge, diese Qualitäten, die Farben und Linien eines Dinges, so zu erfassen, wie sie wirklich sind, d. h. in genau denselben Abstufungen und inneren Beziehungen, wie sie in Gegenstand des Sehens vorhanden sind? Dies scheint nicht leicht zu sein. Schon der physiologische Befund lehrt, daß int menschlichen Auge ein Sehzentrum vorhanden ist und ein Amkreis, in dem nicht mehr scharf gesehen werden kann. Es roird also beim wirklichen Sehen wesentlich darauf ankommen, daß das Sehzentrum, die scharfe Einstellung des Auges, den Punkt in der Außenwelt trifft, der beit Schlüssel zu den ihn umgebenden darstellt, mit anderen Worten, unser Auge muß, um scharf zu sehen, seine Scharfeinstellung auf den wesentlichen Punkt des Gegenstandes gerichtet haben. , ~ Aber wohin den Blick richten? Die Amwelt tst ohne Grenzen, ohne klar und eindeutig greifbare Gliederung. An tausend Punkten kann unser Auge ansetzeit. Welcher ist der rechte? Die bedrückende Erfahrung der Hilflosigkeit hat wohl jeder schon an sich selber gemacht. Er braucht sich nur rückerinnern zu wollen, wie eine durchschrittene Straße aussieht, um zu spüren, wie verschwommen der Eindruck war. Das Auge hat nirgends einen Kalt gefunden, von dem aus es den Amkreis mit begreifen konnte. Es war ziellos umhergeschweift, ohne irgendwie eine Scharfeinstellung zu haben, oder aber es hatte einen falschenPunkt fixiert — „er sah unter sich", oder „er guckte in die Luft", sagt man dann wohl. _ Versucht man aber z. B. bei Besichtigung einer Stadt genau und scharf zu sehen, um den Gegenstand wirklich zu erfassen, so er- ntüdet das Auge bald. Die Anstrengung, immer neue Punkte der Amwelt zu fixieren, ist zu groß. Man findet eben nicht den rechten Punkt, auf dem das Auge ruhen und von dem aus es die Amwelt fassen kann. .. . Dieser Zustand des „Nicht-sehen-könnens" hat feme Arsache m der Angeübtheit des Auges. Sowohl das stumpfe auf einen Punkt starren wie das ruhelose Amherirren der Augen ist nur eine große Hilflosigkeit, man kann seine eigensten Organe nicht mehr gebrauchen, ist ihnen ausgeliefert statt sie dienen zu lassen. Das „Nicht-sehen-können" ist ein Charakteristtkum unsrer Kulturlage und als solckes zu beheben. Es ist kein angeborener, sondern nur ein saktischer Mangel. Das beweist die Tatsache, daß auch heute es Menschen gibt, die sehen können. Am deutlichsten erkennbar bei den Malern. Das Gemälde ist ja das Ergebnis eines Sehens, einer Augenwahrnehmung. Wer eine Landschaft malt, der muß die Landschaft zuerst wirklich gesehen haben, d. h. er muß ihre Färb- und Linienqualitäten wahrgenommen haben. Diese Wahrnehmung formt der Maler dann in seinem Bild, er „spricht sie aus" mit den Mitteln seiner Kunst. Wie man erst dann von einem Ding sagen kann, es sei blau, wenn man es recht gesehen hat, so kann auch der Künstler erst dann sein Bild von dem Ding schaffen, wenn eres recht gesehen hat. And er muß das in einer viel intensiveren Weise getan haben, als der nur Benennende, weil er ja die Individualität deS Gegenstandes, nicht nur seine Allgemeinbestimmtheit ersaßt. Die Existenz von Gemälden also beweist, daß man ein Ding wirklich sehen kann, denn die Färb- und Linienqualitäten des Dinges in ihrer inneren Beziehung und Abstufung sind im Gemälde klar und eindeutig geformt. Das Gemälde trägt nun alle die Eigenschaften, deren Mangel wir beim Sehen-wollen der Amwelt als hemmend empfanden. Das Bild ist klar begrenzt; das eben ist ja die Funktion des Rahmens, eine deutliche Grenze zwischen dem zuBeschauenden und dem anderen Ringsum zu sehen. Das Auge findet im Rahmen einen festen Anhaltspunkt, der ihm die äußere Grenze des Sehseldes angibt. Von stlbst wird es durch den nach allen Seiten hin Schranken ziehenden Rahmen zur Bildmitte gelenkt. Der ganze Aufbau des Gemäldes — seine Komposition — ist nun häufig so, daß in dieser Mitte der Schlüsselpunkt des Bildes liegt. So stößt das Auge gleich hierauf den „rechten" Punkt, auf den sein Schauen konzentriert sein muß. Zum mindesten sind aber von der Bildmitte aus die Kaupt- punkte zu finden, sei es, daß sie symmetrisch zu ihr angeordnet sind, sei es daß sie auf irgend welchen Linien sich befinden oder auch nur irgendwie zugeordnet sind. Am diese Kauptpunkte, ob sie nun rational auszuweisen. sind oder nicht — gruppieren sich die übrigen Inhalte des Gemäldes und es entsteht ein ausgewogenes Ganzes, das durch seinen Inhalt auch Sinn bekommt. Das Gemälde stellt ja etwas dar — und sei es auch im abstraktesten Sinn. Cs ist immer mehr, als ein Kaufen Farbkleckse und Linien. Wenn ivir also unser Auge auf ein Gemälde richten, so stehen wir nicht hilflos vor einer unendlichen Mannigfaltigkeit ohne Grenzen und Ordnung, int Gegenstand unseres Schauens liegt eine klare Begrenztheit und Ordnung, die unserent Auge Kilfe ist. Man sollte denken, daß vor einem Gemälde viel mehrMenschen „wirklich" sehen kömtten. Aber dem ist nicht so. Man braucht nur in Galerien Amschau zu halten. Da hängt z. B. eine Madonna von Raffael. Man liest zunächst das Schild unter dem Bild. „Raffael." Das Wort wirkt Wunder, man spürt ordentlich den inneren Ruck, der „Bewunderung" einschaltet. Ah-Laute werden leise unterdrückt, dann Worte des Staunens: „Wie wundervoll gemalt", dann Arteile: „Ja, der hat malen können", „Ja, diese Zeit, die hat noch etwas gekonnt". And dann ganz zufällig entdeckt man einen Baum im Kintergrund oder eine Blume, oder sieht sich an, was das Kind in der Kand hält. Vor anderen, weniger berühmten Meistern ist man schnell dabei, ihnen Fehler nachzurechnen, der Arm sei zu dünn und das Bein nicht richtig. Ob man sich einmal die Anwürdigkeit solchen Treibens klar gemacht hat? Irgendwo hat man erfahren, Raffael sei der berühmteste Maler. Also muß man Raffael anstaunen. Daß das ganz öde Nachbeterei fremder Arteile ist, daß man zu feige oder zu wurstig, nachlässig oder bequem ist, ein eigenes Arten sich zu bilden, daran wird man selten erinnert. Oder aber, daß man ganz leichtsinnig, ohne sich die Mühe des Begreifens zu machen, eines Menschen Werk abtut. In Galerien spürt man — oft allzu bitter — die ganze Altkultur unserer Tage. Ehrfurcht und Wille, ein Werk wirklich zu schauen, sind selten. Diese beiden aber sind die unbedingten Voraussetzungen, soll die Kraft unseres Auges überhaupt wirksam werden. Man kann keinen Menschen zwingen, zu sehen und sich dem nur dem Auge Wahrnehmbaren zu öffnen. Die innere Bereitschaft des ganzen Menjchen ist die erste Bedingung für das, was int folgenden über das Vermögen des Auges gesagt ist. Wem der Wille zu sehen fehlt, mit dem ist es simtlos, über solche Dinge zu reden. Es ist ganz charakteristisch für die Art, wie wir Bilder beschauen, daß wir sofort dabei reden müffen. Wenn wir gezwungen sind, vor einem Bild fünf Minuten still sein zu müffen, auch nichts zu hören, so wird es uns unbehaglich oder wir werden zerstreut. So wenig sind wir gewohnt, durch das Auge aufzunehmen. Beim wirklichen Sehen ist es ganz unmöglich. In so kurzer Zeit das Gesehene in Worte zu fassen. Selbst wenn, wie bei dem Gemälde int Gegenstand selbst, die Anhaltepunkte für die Abstuftmgen und Beziehungen vorhanden sind. Was so vorschnell von Bildern geredet wird, ist meistens ■—• mit Verlaub zu sagen — Quatsch —, es sei denn, es seien wissensmäßige Angaben über Künstler, Zeit, Stil usw., die aber erst in dritter Linie vor einem Bild gesagt werden müßen. Man erzählt von Carl Iusti, der den Lehrstuhl für Kunstwissenschaft in Bonn inne hatte, und schon durch seinen Beruf aufs inmgste mit Kunstwerken vertraut war, daß er oft stunden- und tagelang qesessen habe, das rechte Wort für eine Augen-Wahrnehmung zu finden, und wer Keinrich WölMn je vor Bilderit sprechen hörte, dem hat es sich tief eingeprägt, wie dieser Mann, so sehr mit seinem ganzen Sein der Kunstbetrachtung verwachsen, um das rechte Wort rang, seinen Augeneindruck den Körer mitspüren zu lassen. Man sollte zutiefst mißtrauisch sein gegen jeden, der vor einem Gemälde schnell mit dent Wort bei der Kand ist. Ein ernstes Kennzeichen, daß das Auge wirklich an der Arbeit ist, heißt Schweigen. Wenn das Auge auf ein Gemälde stößt, so braucht es zunächst alle Aufmerksamkeit des Beschauenden. Cs muß sich zurechtfinden. Der Rahmen gibt zwar eindeutige Grenzen, aber er umhegt eme große Mannigfaltigkeit. Die gilt es zunächst einmal nnt einem Blick zu fassen. Daraus entsteht ein Allgemein-Eindruck des Gemäldes, wie ihn ähnlich die Anterschrift des Bildes gibt: Madonna mit Kind, Landschaft mit Sonnenuntergang, weibliches Blldnrs. Nun haftet sich das Auge an den Kauptpunkten des Bildes fest, es konzentriert seine Scharfeinstellung ruhig und stetig auf diese Punkte. Ein äußeres Kriterium für dieses „wirkliche", Schauen wird ein ruhiges Verweilen vor dem Bild sein. Die tritt Kennerblick hin- und herlaufen, sind keine echten Kenner. Wan mag wohl erst den rechten Standpunkt finden müssen, wenn ein Bud schlecht gehängt ist oder eine Glasscheibe blendet, aber dann ist ruhiges Stehen. „ , ..... Bei solch konzentriertem Schauen, wenn alle Aufmerkiamkeck dem Auge zugewendet ist und das Auge scharf die wesentlichen Punkte seines Gegenstandes faßt, in solchen Augenblicken kann man m sich seltsame Dinge spüren. Es ist, als ob sich etivas in unserem Innen, weite, als ob wir leichter, beschwingter würden. Cs gehört em wenig Mut dazu, dem standzuhalten. Dann wird das Bild „lebendig". Wir spüren etwas zwischen dem Bild und uns wirksam. Das kann zutiefft beglücken oder auch erschüttern. Wir können es nicht weiter beschreiben. Es ist nicht immer und wohl auch nicht bei jedem Menschen. . Sicher aber wird einem solchen ruhigen und emdrmgenden Schauen das Gefüge des ganzen Bildes offenbar, die Kaupffarben, Kauptlinien, denen das Einzelne zugeordnet ist. Man mag nun das Auge auf Wanderschaft schicken,, daß es all die Feinheiten im Bild entdeckt, den besonderen Schmelz einer Farbe, eine kleine Schelmerei an unbeobachteter Stelle, die einzelnen Lmien eines Baumes, die Lichter eines Raumes, die Kostbarkeit einer Spitze im Gewand der Dargestellten. Jede Ecke des Bildes kann so das Auge absuchen und es wird oft noch vieles entdecken, wo es im Anfang nur ein einheitliches Dunkel sah. Was ist alles im tiefen - 192 — Schatten Renrbvandt'scher Bilder noch enthalten, wenn inan einmal genau zusieht. Aber aus dieser Freude tun Einzelnen, am Detail, muß sich das Auge zurückfiuden zum Ganzen. Es wird mut vergleichend hin- und hergehen, wird versuche», die Beziehungen innerhalb des Bildes Wahrzunehmen, die Zuordnung der Farben, das Gefüge der Linien, der Sinir der Einzelheiten. So rvird dem Auge das Bild von neuem zusammenwachsen, es wird es wieder als ganzes fassen, aber nun nicht um einen Ällgemeineindruek zu haben, sondern mir alles in diesem Bild zusammen zrr sehen. Irr diesen» Blick erst ist die »virk- liche Wahrnehmung des Gemäldes erreicht, das unmittelbare Erfassen all der Färb- urrd Ltnienqualltäten in ihren Beziehungen, durch das Auge. Nun erst, werrrr dies erreicht ist, wenn das Auge seine Arbeit getarr hat, wenn wir das Gemälde wirklich augenmäßig rvahr- genommen habe», nun erst seht das Fragen ein, was ist dargestellt und wie ist es dargestellt. Diese Feststellungen sirrd nicht mehr allein mit denr Auge zu »rachen, sondern der Verstand muß dazu helfen. In den meisten Fällen kommen wir dabei für die Frage des Was mit Begrifferr arrs, die ganz allgemein eigen sind. Daß dies Käufer, Bäunre, Gebirge sirrd, daß dies eine männliche oder weibliche Gestalt darstellt, daß das die Madonna rmd das der Crucifixus ist, gilt unö als selbstverständlich. Allerdings hat gerade da die modernste Kunst manche Bresche in die Selbstverständlichkeit geschlagen, und die kam durch das Wie der Darstellung. Man sah nicht das gewohnte Bild rmd wurde strrtzig. Aber man sollte nicht gleich ablehnen. Das eindringliche Schauen »rächt da vorsichtig. !lnd bei der Frage nach demWie kann man viel Bereicherung er- fahren. Es ist klar, daß man z. B. die Madorma auf verschiedenste Weise darstellen karr». Der besonderen Weise nachzuspüren, die dieses Bild gibt, braucht es nicht als ein klares Denken und Sehen- körmen. . Nach alledern, rrach denr emdriirglichen Schauen in all feinen Stufen, hinter denr Erspüren der besondereir Weise der Darsstellung an letzter Stelle kormnt erst die Frage nach dem Künstler, dem Stil rmd der Zeit. Gemeinhin fängt man damit an mrd versperrt sich durch den aufgehäuften Wiffenskram den Weg zum wirklichen Erfassen des Bildes. Dem» zu diesem lehterr gehört Wissen, das sei in aller Schärfe betont rmd gewarnt vor Schwähern, die es meist nrit dem „Geiste" des Künstlers, der Zeit und denr Stil zu tun haben, lieber den Künstler, den Stil eines Bildes, über die Zeit, in der es entstand und in welcher Weise sie aus dem Bilde spricht, das sind alles Dinge, über die mair sich von denen belehren lassen muß, die das ivissen. lind das zu ivissen, dazu bedarf es vielen Studiums, und um über ben Geist einerZeit oder eines Werkes sprechen zu können, viel zuchtvolten Denkens. Das ist schwer und nicht immer möglich. Liber diese letzten Dinge sind gar nicht so rveseirtlich bei derBe- trachtung von Gemälden. Ein Bild kam» mich zutiesst anrübreir, auch wenn ich nichts über den Künstler und über den Stil und die Zeit weiß, und alles Wissen kam» es nicht bewirken, daß ich ein lebendiges Verhältnis zum Bild bekomme, wenn nicht das Ver- mögen des Auges dazu hilft. Kraft des Auges allen» können »vir ein Bild wirklich wahrnehmen. Da aber das Gemälde die Formung eiltet Wirklichkeit in ihrer individuellen Gestalt durch die Mittel von Linie und Farbe ist, kann das Auge nicht viel weitet- dringen als zu dem Bild. Durch das Auge fassen wie über den Weg des Bildes Wirklichkeit. Wir fassen sie intensiver, als wie dies sonst vermöge», da in dem Wahr- genommene» die individuellen Züge des Dinges offenbar »»erben, die ben Allgemeinbegriffen in unserem Denken nicht greifbar sinb. Darüber hinaus aber stellt sich noch ein riesengroßes Problem: baß unser Auge die Kr-aft gewinnt, bie Amwelt selber zu meistern, baß bie Hilflosigkeit, mit ber Wir heute allen Einbrücken preis- gegebei» sinb, weiche einer stetige»» bezwingenben Kr-aft. Dann würbe die Großstabt nicht mehr mit ihren» tausenb einfältigen Gewirr an unseren Nerven reißen, wir wären des Taumels von Farbe»» und Linie Wieder Lerr, indem unser Auge die rechten Kartepunkte fände, nach denen sich all das einzelne zuordnet. Denn auch die Großstadt ist kein sinnloses Chaos, sondern trägt Ordnung in sich. Nur, daß wir sie noch nicht sehen. Die Kraft des Auges zu stärken, es zu üben, daß es dieser Aufgabe Kerr »»erben kann, soll an ihrer Stelle bie Bildbetrachtung helfen. Tsr! Mcrrl« vorr Ws^srs Vszrshungsn' zu Hoffen. Von Professor vr jur. et Phil. Karl Esselborn. (Schluß.) Che aber bie „Euryanthe" zum erstenmal in Darmstadt auf- geführt wurde (27. November 1825), weilte Weber noch einmal daselbst. Eilten Besuch in Darmstadt hatte Weber schon zwei Jahre vorher geplant, denn am 13. Februar 1823 schrieb er an Gottfried ™ meinem Kommen im Sommer ist dies Jahr nichts. Men» Max »st noch zu klein, die Mutter zu ängstlich. Ein Jahr- spater hab rch mir es aber fest vorgenommen." Auf der Rückreise von Bad Ems, wo er von Mitte Juli bis zum 20. August 1824 öur Kur geweilt hatte, führte er den Plan aus, nachdem es ihm aus der Ämrofc „nicht möglich war, nach Darmstadt zu kommen", *tnb er wohl am 12. Juli mit feinem Freunde in Frankfurt, wo er »m Weroenhof abstieg, zusammengetroffen war. Em Brief vom 15. August aus Ems kündigte mit folgenden Worte» fern Eintreffen m Darmstadt an: „Lerzlieber BruderI Sonnabend den 20ten August reise ich von hier ab, übernachte in ^i.^bar. Swintag Abend hoff ich in Mainz zu sein, und Montag Mittag bitt ich mich be» Dir zu Tisch in Darmstadt! In treuer Lwbe Dem Weber." Daß der geplante Besuch in Darmstadt wirklich ausgeführt wurde, beweist das Darmstädtische Frag- und Anzergeblatt (Nr. 35 vom 29. August 1825), das Weber unter ben in ber Woche vom 21. bis 29. August angekommenen, ab- und durchgereisten Fremden aufführt. Zum letztenmal sahen sich die Freunde in Frankfurt a. M., als Weber auf dem Wege nach London durch biese Stadt kam. Am 17. Oktober 1825 hatte er ihm gefchrieben: „Wie stehts um Dein Mttressen nach Paris? ich hoffe Du hälffl Wort. So einige Tage tm Wagen beifammen, kann sich vieles loswickeln." Ein Brief vom 23. Januar 1826 konnnt auf die Angelegenheit zurück: „Nun ich ... ernfüiche Reifeanstalten mache, wird es immer leider wahrer, daß Du wohl schwerlich mit uns die Reise machen wirst. Vor der Äand nur die Notiz, daß ich den löten Februar abzureifen gedenke, und in vier Tagen Frankfurt zu erreichen hoffe, wo ich einen Tag wegen Geldgeschäfte» bleiben muß. Doch schreib ich Dir noch einmal vor meiner Abreise." Das tat er am 3. Februar, in dem letzten Brief an feinen Freund. „Glaubs gerne," so heißt es darin, „daß Du aus meinem letzten Brief nicht klug »vurdest, da ich selbst nichts klares darüber zu fchreiben wußte. Wie du aber vergessen hast, mir von der ersten Vorstellung der Curyanthe (27. November 1825) U fchreiben, so hast Du auch vergessen, daß von ber Londoner Reise bie Rede ist ... Ich für meinen Teil werde keine ftnbeguemlichkeit scheuen, um Dich mit uns zu haben, denn bie paar Tage, die ich in Paris fein werbe, werden wir uns kaum fehen, gefchiveige denn genießen können. Deir 16. hoffe ich von hier mit Extrapost, jede Nacht zu schlafen und formt ben 19. in Frankfurt einzutreffen, den 20. da zu bleiben, um Dich zu erwarten, und den 21. wieder abzufegeln". Am 20. Februar fchrieb er von Frankfurt aus an feine Frau: „Weber und Loffmam, sind noch nicht hier, und aufrichtig gefagt, ich wollte, fie t«mm gar nicht, damit ich ganz in meiner Ruhe bleiben könnte" (Reife-Briefe an feine Gattin Carolina. Lsgg. von feinem Enkel, Leipzig 1886 S. 82ff.). Aber beide Freunde kamen, und er freute sich des Wiedersehens; denn am 26. Februar schrieb er von Paris aus an feine Frau über bie Zusammenkunft: „In Frankfurt hatte ich kaum meinen Brief abgeschickt, als Gottfried Weber unb Loff- ntann ankamen, ba wurde geplaudert, sodaß ich vor Tisch gar nicht auskam." , Die Freunde sollten sich nicht Wiedersehen. Am 5. Juni 1826 starb Weber in London. Seine Beziehungen zu Darmstadt wirkten sich noch nach feinem Tode aus. Als ber unter bem Pseubonym Theodor Lell bekannte Schriftsteller Lofrat Karl Gottfrieb Winkler, Webers Freund unb Verfasser ber Texte seiner Opern „Die bret Pmtos" und „Oberon" und nunmehr auch ber Vormund feiner Kinder, des Meisters „hinterlassene Schriften", bie im Jahre 1828 erschienen, zum Besten ber Witwe herausgab, ba stellte er ben Namen bes Großherzogs Ludewig I. mit einem Wibmungsgedicht von vier Stanzen an bie Spitze ber Ausgabe. „Mir ist bekannt," so fchrieb Winkler an ben Darmstäbter Loftheaterintenbanten Freiherrn Ferbinaiib von Türckheirn, „baß bieser eble Fürst ben verstorbenen Weber in feinen Werken achtete, unb ber reiche Ankauf der Partitur bes Oberon hat noch neulich einen Beweis davon gegeben. Sr. König!. Lohei t wünfche ich das Werk widmend als e-ebutzgeist zu übergeben." Der Großherzog nahm die Widmung an, unb mit Schreiben vom 9. Februar 1829 überreichte ihm bet Kerausgebet ein Exemplar. Der „reiche" Ankauf ber Oberonpartitur, auf ben Winkler in feinem soeben angeführten Schreiben anspielt, fanb wahrscheinlich im Oktober 1826 statt, beim an» 20. verfügte ßubewig I. bie Zahlung von 50 Friebrichsbor an Kofrat Winkler in Dresben, und am 24. wurden diesem 501 Gulden 49 Kreuzet überwiesen. 3u Lebzeiten des Großherzogs Ludewig I. erschienen vier Werke Webers auf dem Darmstädter Lofcheater: Abu Lassan mit zwei, der Freischütz mit 34, Curyanthe mit 16 und Preziosa mit zwei Aufführungen. Im ganzen aber erlebten feine Werke daselbst folgende Aufführungen: Abu Lassan 8 (zuletzt 19. März 1926), Freischütz 259 (zuletzt 5. März 1926), Euryanthe 33 (zuletzt 24. Februar 1907), sowie dreimal in Laus Joachim Mosers Bearbeitung als „Die siebe»» Raben" (2., 5. und 8. Februar 1922), Preziosa 52 (zuerst 9. November 1828, zuletzt 25. April 1923), Oberon 28 (zuerst 8. März 1840, zuletzt 1. Januar 1893), Sivana, bearbeitet von Ernst Pasguö und Ferdinand Langer, 8 (zuerst 11. Oktober 1885, zuletzt 12. Oktober 1890) und „Die drei Pintos", ergänzt von Gustav Mahler, eine (am 25. November 1912). Wie häufig die „Iubel- ouvertüre" bei festlichen Gelegenheiten erklungen war, läßt sich kaum noch fefistellen. Zum hundertsten Geburtstag Webers fand in dem Lofcheater vom 17. bis 19. und am 21. Dezember 1886 ein Weber-Zyklus statt, der am ersten Abend „Abu Lassan" und „Preziosa" und an den folgenden „Freischütz", „Euryanthe" und „Oberon" brachte. An dem eigentlichen Festtage, bem 18. Dezember, ging ber Freischütz- aufführung bie Iubelouvertüre unb ein von Direktor Theodor Wünzer gesprochener Prolog Ernst voi» Wildeizbruchs voraus. Em Denkmal besitzt Weber in Darmstadt insofern, als das am 15. Juni 1890 auf dem Mathildenplatz gegenüber von Voglers Wohn- und Sterbehaus enthüllte Abt Vogler-Denkmal sein Nelief- bild neben dem Meyerbeers austveift. Schristleitung: Dr. Frisör. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Brich. und Steinbruckerei, R. Lange, Gießen.