Eichener jamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, den (5. Mai Hummer 59 Erinnerung. Von Ricarda Huch. Einmal vor manchem Jahre war ich ein Baum am Bergesrand, und meine Birkenhaare kämmte der Mond mit weißer Hand. Hoch übern Abgrund hing ich windbewegt auf schroffem Stein, tanzende Wolken sing ich mir alS vergänglich Spielzeug ein. Fühlte nichts im Gemüte weder von Wonne noch von Leid rauschte, verwelkte, blühte; 'm meinem Schatten schlief die Zeit. Weltuntergang. Bon Ricarda Huch. Daß am 13. Juli 1599 die Welt ein plötzliches Ende nehmen, Nämlich untergeh-en würde, schien durch einen Komet oder Schweisstern, welcher in der Nacht genannten Tages auftreten und seiner unregelmäßigen Natur zufolge blindlings zwischen die friedliche Ordnung der übrigen Himmelskörper fahren sollte, allerdings klar bewiesen, so daß ich, der Mathematik und Astronomie Professor, bewandert und erprobt in diesbezüglichen Untersuchungen, wohl befugt war, meine und anderer Gelehrten Wahrnehmung dem Pastor Wolke, meinem Freunde, mitzuteilen, was ich um so unbedenklicher tat, als ich selber dem bevorstehenden Ereignisse mit dem Gleichmut des guten Gewissens «ntgegensah. Ich hätte freilich wissen können, daß dieser heilige Mann, welchen der feurige Geist Gottes erfüllte und wie einen Irrwisch umtrieb, damit er den Menschen als Warnungszeichen diene und sie nicht im Moraste ihrer Sünden versinken und verfaulen lasse, einen so wichtigen Vorfall nicht ungenützt würde Hinsehen lassen, wenn ich auch nicht voraussehen konnte, was für eine Lawine sich aus meinem Mrmdvoll vertraulicher Worte zusammenrollen sollte. Gin herzlicher, unschuldiger und aufrichtiger Mann war Pastor Wolke, auch fröhlich, dem die leichtsinnige Jugend den Damen Jammerbold nur deswegen gegeben hatte, weil er in seinen Predigten die Keppigkeit und allgemeine Gottlosigkeit der Äkenfchen zu bejammern Pflegte, die er sich nicht aus mißgünstiger Bitterkeit oder sauertöpfischer Gesinnung, sondern aus richtiger Erkenntnis Gottes und Mitleid mit der verteufelten Welt zu Herzen nahm. Obgleich sich in der Regel diejenigen verhaßt machen, die den Epikureer aus seinem Sinnesrausche wecken, genoß doch Wolke unbegrenzt« Verehrung, und seine Kirche war nicht nur immer voll, sondern wurde auch von den reichsten und vornehmsten Familien besucht. Diese, unter denen Herr Mümmelle, der Pelzkönig, und der Färbereibefitzer Dchwämmle, genannt das Dukatenmännchen, weil er sich gern mit goldenen Ketten und Schaumünzen recht sichtbar behängte, die gewaltigsten waren, hielten sich Mar nicht an die Vorschrift der Wolleschen Predigten, bekundeten aber ihre christliche Tüch- ttgkeit durch fleißiges Anhören derselben. Gin viel weniger prächtiges Publikum Hatte der Lustbold, der so recht im Gegensätze gt Pastor Wolle zu einem frohen Genüsse des Lebens auf» ierte, was er mit viel Scharfsinn aus Dibelstellen und Ansen frommer Personen und Kirchenväter als durchaus christ» , ja gottgefällig hinzustellen wußte. Die Anhänger Wvlkes betrachteten dies Treiben mit Mißfallen, während es anderer- seits den Freunden des Lustbolds zum Aergernis diente, daß Wolkes Frau eine Wirtschaft führte, die mit seinen Grundsätzen nicht im Einklang zu bringen war; denn sie, eine stattliche Dame aus angesehener Kaufmannsfamilie. trieb auf eigene Hand ein großes Prunken und Verschwenden, kleidete sich in Pelz und Sammet und Seide und würzte ihre Küche mit allen Seltenheiten, die flottenweise in den Hafen unserer Stadt eingeführt wurden. Der arme Mann war aber mit seinen Gedanken und der Sorge um die Gemeind« so vollauf beschäftigt, daß er keinen Einblick in feinen Haushalt hatte, wozu noch kam, daß seine Frau, klug unb sein, wie sie war, sein arglches Gemüt dadurch zu täuschen wußte, daß sie sich über das wÄtltehe Wesen b« wchermi häufig mit Entrüstung verbreitete und ihr« eigene Verachtung 6e8 törichten Krams mit vielen hochtrabenden Worten beto«Ä So möchte jeder in feinen Sünden fröhlich weiter dahrn- gefahven sein, wenn nicht der Weltuntergang tote eine Kanonenkugel in die faule Brühe geschlagen wäre. Ja, jetzt merkte man erst, wie der Alte predigen konnte! Mit feiner tapferen Ras« hakte er die Leute fest, daß sie stillhalten und ihn anfehen mußten und leiden, daß feine kleinen flammenden Augen geschwind durch sie hindurchliefen und alles sahen und merkten bis in den hintersten Schlupfwinkel, daß er es herausholte und an« gesichte der ganzen Gemeinde wie alte Pluderhosen ausklopfte, daß der Staub flog und die Löcher llafften. „Ihr kommt hierher, um zu Gott zu beton?" rief er. „Das Geld ist euer Gott! Was habt ihr lieb, was ist euch wert, wofür kämpft ihr, wofür arbeitet ihr, was beschützt ihr? Wenn ich von euem Kindern absehe, die ihr wie der vernunftlose Affe auf Kosten der übrigen Menschheit vergöttert, bleibt nichts als das Geld, das Geld, das Geld. An Geld denkt ihr, von Geld träumt ihr, um Geld betet ihr. Gott hat euch! die Gedanken als Engel der Anbetung in euer Haupt gegeben, ihr habt sie zu Aasgeiern gemacht, die auf stinkendes Geld stoßen. Denkt euch," sagte er, „ihr kenntet eine Insel, die jeden Herbst vom Meere verschlungen würde, und ihr sähet im Frühling Menschen kommen, die sie besiedelten. Sie rodeten Bäume, sägten Holz, schleppten Steine, bauten Häuser, zankten sich, wer mehr hätte und regieren sollte, schlügen und pufften sich, daß Blut flösse, spuckten sich ins Gesicht und stießen sich gegenseitig ins Wasser. Ihr würdet gewiß aus vollem Halse schreien: Seht die Narren! die Bösewichte! seid aber weder besser noch klüger als sie. Auch eure Insel wird unter« gehen, und ein Schiff wird euch nach dem jenseitigen Strande führen, aber von eurer Habe dürst ihr nichts mitnehmsn, damit es nicht zu sehr belastet wird. Dann könnt ihr eure Diamanten und Perlen auf die Straße werfen, nicht einmal der Kehrichtsammler wird sich danach bücken, lind eure Person, ist sie denn wert, das Schiff auf seinem weiten, gefahrvollen Wege zu beschweren? Wer seid ihr denn? was könnt ihr denn? Pasteten essen und Malvasier trinken, solche Künste florieren drüben nicht. Im Geisterlande gilt nichts als Lieben, Schauen, Schwingen und Schweben." Der Zuhörerschaft, welche von den letztgenannten Fertigkeiten bisher wenig gehalten hatte und durchaus nicht darin bewandert war, tropfte ein kalter Schweiß von der Stirne; indessen als sie aus der Halbdunkeln, durchräucherten Kirche ins Freie traten und das Meer sähen, wie es sich unter dem hohen sonnigen Himmel glitzeimd hin und her wälzte, daß die stattlichen Segel taumelten, faßten sie noch einmal Mui und meinten, daß die Sache wohl nicht so dringlich wäre. Hingegen waren die armen Leute, Arbeiter. Bedienstete, Bettler und Vagabunden, ganz durchdrungen und entzündet von den Worten des Jammer» bolds, wallten singend durch die Straßen und wiesen jede Zumutung, sich nützlich zu beschäftigen, mit Verachtung zurück, so daß die Beständen sich außerordentlich behindert fühlten und den Pastor Wolle unter der Hand ersuchten, er möchte doch das Volk zur Arbeit ermuntern, da ja treue Pflichterfüllung in Gottes Augen nicht anders als wohlgefällig fein könnte. Damit hatten sie nun freilich nicht das Rechte getroffen. „Glaubt ihr," sagte er, „Gott hielte eS für eine wichtige Angelegenheit, daß euer Rindfleisch zur rechten Zeit gebraten auf den Tisch kommt? und daß eure Stuben am Samstag gescheuert werden und eure Haube nach der Ordnung gefüttert wird? Ihr solltet lieber den ganzen Trödel verbrennen, damit ihr der Sorge dafür ledig seid imd endlich an das denken könnt, was not tut“ Diese Predigt hielt der Jammerbold auf dem freien Platz vor der Kirche von einer steinernen Kanzel herunter, welche an der Außemnauer angebracht war; denn der Zulauf war so groß, daß die Menge in der Kirche nicht Platz gehabt hätte, und obwohl zuweilen ein Regenschauer den Leuten ins Gesicht schlug, da es ein warmer aber stürmischer Frühlingstag war, rührte sich nicht einer vom Flecke, so schön und entsetzlich wußte der Pfarrer zu reden. Den Anstoß zu der großen Llmwälzung, welche nun statt- fand, gab Herr Hans Johannsen, ein Großhändler in Gewürzen, der von seinem Vater Mvaltige Reichtümer, aber nicht dessen unternehmenden Eharakter geerbt hatte. Vielmehr war daS zierliche bloiibe Männchen verzagt und weicheren Herzens, wagte sein Geld nicht zu genießen, weil es ihm wie unrechtmäßiger Besitz vorkam, traute sich aber auch nicht, es an die Bedürftigen auszuteilen, einerseits well er nicht gewußt hätte, wie er ohne Vermögen sein Leben hätte fristen sollen, und ferner weil er glaubte, wenn er sich von dem armen Gesindel nicht vornehm zurückhielte, würde man ihn für ihresgleichen halten und in der ehrbaren Gesellschaft nicht mehr von ihm wissen wollen. So war er froh, daß er eine Gelegenheit fand, den gehässigen Reichtum auf gute Weise loSzuwerden, begab sich zum Pfarrer und fragte, — 154 ob ct fein Geld unter die Armen verteilen oder einfach aus allzu großer Verachtung ins Meer werfen sollte; aber sie einigten sich schließlich dahin, es auf dein Markte aufzuhäufen und preislich auszustellen. Wie man beim Beginne des Winters wohl" ganze Bergs von hellgrünen Kohlköpfen an öffentlichen Plätzen aufgestapelt sieht, glänzte nun dein staunenden Volke der goldige Mammon in die Augen, ohne daß jemand ihn an» getastet hätte, sei es, weil sich einer vor dem andern schämte oder weil das Geld bereits etwas zu Mißfälliges und ihibe» siebtes geworden war. An diesem Abend klopfte es zu später Stunde an meine Tür, und als ich! vorsichtig öffnete, trat Herr Mümmelte, der PÄz- könig, ein, entledigte sich seiner Bermummung und fragte nach vielen höflichen Redekünsten, ob es wirklich an dem sei, daß die Welt am 13. 3u(i des laufenden Jahres untergehen müsse. Ich sagte, leider verhalte es sich wirklich so, worauf er meine Gelehrsamkeit belobte und sagte, wie er gehört hätte, daß ich auch sonst noch über mancherlei Zauber gebiete und auch die berühmte Alraunwurzeln besitze, Lurch, die man sich so viel Reichtümer, wie man wolle, verschaffen könne, und ob ich ihm wohl gegen reichliche Bezahlung eine ablassen wollte. Ich fragte, ob er, ein so gewaltiger Geld mann und Pelzkönig, denn solche heimliche Mittel nötig habe, um sich zu bereichern, welches er weit von sich wies, denn, sagte er, er habe im Gegenteil im Sinne, sich seines ganzen Dermögens zu entäußern und sich! auf das Himmelreich voi^ubereiten, wie er ja immer der Ansicht gewesen sei, daß das Glück nicht in vollen Kisten und Fässern stecke, sondern in den Süften schwebe und sich nicht auf die Erde herabzieheni lasse. Indessen, fügte er hinzu, müsse ein sorglicher Mann doch an den Fall denken, daß die Erde unerwarteterweise durch die gefahrvolle Konstellation hindurchschlüpfe, und was dann werden solle? Da nun, wie er gehört hätte, die Ratur dem Menschen; allerhand unschuld'ige Mittel an die Hand gegeben hätte, damit er sich ihrer Schätze bemächtige, sähe er nicht ein, warum man sich derselben nicht unter tim ständen bedienen solle. So ganz unschuldig, erwiderte ich wären diese Mittel nun freilich nicht, vielmehr könnte man dabei leicht in die Gewalt des Teufels geraten und der ewigen Seligkeit verlustig gehen, was auch die üirsache wäre, daß ich mich noch nicht damit abgegeben hätte. Hierauf lächelte der Pelzkönig unschuldig wie ein spielendes Kind und sagte, ein frommes Gemüt wie das seine brauche den Teufel nicht zu fürchten, ich möchte ihm nur getrost ein Alräunchen überlassen und ihn im Gebrauche desselben unterweisen. Also holte ich. eine seltsam geformte, gelbliche Wurzel von ganz unschädlicher Art hervor, dergleichen ich zuweilen im WaDe gefunden hatte, und sagte, daß er in einer Mondnacht auf den Kirchhof gehen -und das neueste Grab suchen, dann unter dreimaliger Anrufung des Teufels die Halste der Wurzel essen, die andere Hälfte in das frische Grab stecken müsse, worauf er bei gehörigem Suchen und Wühlen mehr Schätze finden würde, als er jemals verbrauchen könne. Nachdem wir uns gegenseitig tiefes Stillschweigen über den Handel zugeschworen hatten, entfernte er sich so vorsichtig, wie er gekommen war. Indessen verkaufte ich am nächsten Abend eine ähnliche Wurzel an das Dukatemnännchen und in der folgenden Zeit sieben andere an andere große Kaufherren und Regierungsräte, welches Geschäft mir alles in allem viertausendfünfhundert Goldgülden eintrug. Diese und noch, viele andere Herren breiteten nun ihr Gold und Silber neben dem des Herrn Johannsen auf dem Markte aus, wobei es vielleicht verblichen wäre, wenn man nicht gesehen! hätte, daß hie und da Leute mit Schiebkarren kamen, dieselben füllten und wohlgemut davonführten. Run schien es, daß mit dein geopferten Gelbe durch Menschenverführung Änheil an- gerichtet würde, und der Pelzkönig schlug vor, es möchte aus allen vorhandenen Edelmetallen ein ungeheures Bildwerk gegossen werden, welches das goldene Kalb vorstellen und als ein abscheuliches Götzenbild zur öffentlichen Beschimpfung und Verhöhnung gezeigt werden sollte. Dieser Vorschlag fand allgemeinen! Beifall, und das Material wurde sogleich einem rühmlich bekannten Bildgießer zur Derarbeitung übergeben. (Fortsetzung folgt.) Rokoko. Von Robert Hohlbaum. Die Geigen jauchzen jubelnde Gavotten, die Bratsche singt ein süßes Menuett rauschend« Reifrock, knisternde Eulotten, schmachtender Baß und kicherndes Falsett. Da wird kandiert, gebroten und gesotten, MarquiS und Graf schwimmt in Bordeaux und Fett, ihr Degen blitzt für reizende Kokotten, die ganze Welt W ein damasknes Dettl Die Stege aber, die int Staube kriechen, sie brauchen nur ein Tröpflein Blut zu riechen, die Bestie brüllt, die Well wird zum Schafott, dsS köpft MarquiS und Graf, König und Gott, der Jüngste Lagl... Asin. Mozarts Seele tÄck. ©e*n Lied Hal unS mit Isst versöhnt. Hinter der Maske des Rokoko. Reue Beiträge zur Lebensgeschichte Friedrichs deS Großen. Bon Friedrich v. Oppeln-Bwonikowski. Zierlich geschweifte Möbel, mit zartgetönten Stossen bezogen, in intimen Salons und Boudoirs, deren Wandfelder mit Hellen Bespannungen, vergoldeten Täfelungen oder hohen Spiegeln bedeckt sind, alles gerundet und gefällig, als hätte die Well ihrs Ecken und Kanten verloren. In kunstvoll durchbrochenen AaH- men färbensalle Bilder, die sich bisweilen an der Decke fort* setzen, als fände man nicht Raum genug dafür! Konsolen und Mppestischchen mit zerbrechlichem Porzellan, Rankenwerk, Amoretten und Girlanden wie zu einem ewigen Fest; hohe Fenster, die die halb«! Wände in Licht auflösen, Kristallkron- leuchter und Wandleuchter, deren sanfter Kerzenschein von den Spiegeln vervielfältigt die Rachtstunden in rosigen Rebel taucht. In diesen Räumen, die zum heiteren Lebensgenuß einladen, bewegen sich mit Grazie Damen mit R-eifröcken und Wespentaillen, Schönpslastern und Fächern, Herren mit reichgestickten Kleidern und bunten Seidenweften, den Galanteriedegen an der Seite, den Haarbeutel im Racken, eine kostbare Sabotiere in den spielenden Händen, die aus Spitzenärmeln her- versehen; allesamt gepudert, als wäre das Grau des Alters ihre natürliche Haarfarbe, Sie führen eine gelstsprühende, spott- lustige Lknterhaltung oder tändeln galant, lassen sich von süßem Flötengirren rühren oder tanzen graziöse Menuette, die das Suchen und Fliehen, das Werben und Gewähren des Liebesspiels in gemessene, rhythmische Formen zwingen. Eine spielerische, feinschmeckerische Lebensführung, ein sonniger, lachender, farbenprächtiger Herbst, mit dem Flaum und Schmelz reifender Früchte ... Aber dies bunte Laub wird fallen; rauher Sturm- wind wird die Früchte abschütteln, und an ihnen nagt oft schon der Wurm ... Was tut es? „Morgen leben wir nicht mehr, darum laßt uns heute leben .. Daß der Tod, die Vergänglichkeit alles Lebens hinter dieser festlichen Maske hervorgrinsen, zeigt sich vielleicht nirgend erschütternder als in dem Briefwechsel zweier typischer Vertreter des Rokoko, Friedrichs des Großen und seiner Schwester, der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, Diese Briefe lagen bisher größtenteils im Staub der Archive; einige sind in den „(Eueres de Frederic le Grand“ ober in feiner „Politischen Korrespondenz“ auf französisch gedruckt, meist nur den Gelehrten bekannt. Jetzt liegt eine zweibändige deutsche Auswahl (K. F. Koehler, Berlin) vor. Der erste Band, der bis Ml Thronbesteigung Friedrichs reicht, ist in dies«« Blättern schon vor Jahresfrist gewürdigt worden; der zweite, der bis zum Tode der Markgräfin (1758) führt, ist soeben erschienen. Hatte der erste die Kämpfe und Konflikte des Geschwisterpaares mit ihrer oft feindlichen Llmwelt zum Thema, so zeigt der zweite sie auf der Höhe des Lebens, im Besitz von Macht, Ruhm und Glücksgütern, als Repräsentanten ihres Zeitalters. Man sollte meinen, sie seien glücklich, und doch verfallen beide nach und nach in einen Pessimismus, der den ßesßenSßanfrott streift, lange bevor die furchtbaren Prüfungen des Siebenjährigen Krieges ihnen ein Recht darauf gaben. Denn es gibt GelegeicheitS- und Gewvhnheitspessimisten, solche aus äußeren Anlässen, die geheM werden können, wenn die Anlässe verschwinden, und solche aus seelischer Anlage, die unheilbar find. Zu diesen gehören beide Geschwister. Wie war di^e Entwicklung möglich? Es ist, kurz gesagt, der Gegensatz zwischen Lebensform und Weltanschauung, Fühlen und Geist, die immer schmerzlichere Spannung zwischen Denken und Tun. Beide beginnen als echte Kruder ihrer Zeit mit einem freudigen Optimismus, mit dem Glauben, daß der Mensch zum Glück geboren sei; bellte genießen mit verfeinerten Verven alle Reize des Daseins. Aber gerade diese epikureische Verfeinerung ihres Seelenlebens macht sie empfindsam; der Tod treuer Freunde trifft sie ebenso Kes wie der Verrat falscher, und der Anblick menschlicher Ehrfurcht und Selbstsucht widert sie an. Schon mit 38 Jahren fWlt Friedrich sich so gealtert, daß ihm die jetzige Welt fremd erscheint. Beide vereinsamen und schließen sich ab. oder sie schenken ihr Herz ihren Windspielen Folichon und Diche; lange vor Schopenhauer erklärten sie die Tiere für besser und treuer als die Menschen ... Was bleibt ihnen als Drost? Die skeptische AufklärungSphilosophie hat ihnen früh das Jenseits zerstört; der schlichte und innige Glaube, der ihrem frommen Vater in qualvoller Krankheit und schweren Sorgen immer wieder Trost oder Ergeburrg beschert hat, ist bei ihnen zum verwaschenen Deismus geworden, der höchstens ihren Verstand, nicht ihr Herz befriedigt. Friedrich bezweifelt, ob sich die „Vorsehung" Saupt mit den menschlichen Erbärmlichkeiten abgebe, und ckmine ist überzeugt, daß das Paradies von Diche und Folichon auch das ihre fein werde... Weniger hohe SeesiM als die ihren, die von antiken Tugendideen erfüllt find, verfallen in solchem Geistes- und Gemütszustand leicht Laster«, um sich zu betäuben — chr Zeitaller gibt erschreckend viele Beispiele dafür —; und da ihnen der Himmel nichts mehr Bietet, überliefern sie sich der Hölle. WaS bleibt ihnen sonst? ^Philosophiei“ rrchnt beide als echte Kinder der AuMärung. Aber welche? — 155 — Ewig schwanken sie -wische« Gpikur und Sitxt, zwischen 2ln- läufen $ur Fühllosigkeit und dem Horazischen Carpe diem, dem verfeinerten Genutzteben. ..Unterhalte dich," mahnt Friedrich die Schwester; „wenn wir tot sind, dankt uns8 keiner für unsere Enthaltsamkeit." Aber was Hilst solche Betäubung der Sinne, toenn der Tod einen Freund dahinrafft, wenn zunehmende KränWchkeit sie quält und besonders Wilhelmines Dasein mehr und mehr zerrüttet; wenn die Bürde des Amtes Friedrich brückend wird? Da find rauschende Vergnügungen kein Trost; selbst die Geselligkeit mit dem Diamantfeuerwerk des Esprits licht das Herz kalt. Rur die Musik öffnet beiden noch eins Morte zu einer tröstlichen Lieberwelt. „Es ist etwas Göttliches tn der Musik," schreibt WWelmine dem Brüder, „das die Seele bewegt, indem es die Sinne rührt." Weinen mich sie, wenn sie schöne Musik oder sein Mtenspiel hört, find auch Friedrich findet in der Musik die Wollust der Tränen. „Wehe denen, die nie die Wonne der Tränen empfunden haben!" ruft et aus. Wenigstens eine Ablenkung von nagendem Schmerz ist auch die Arbeit. „Indem man seine Gedanken auf einen anderen Gegenstand richtet," schreibt Wilhelmine, „lenkt man sie nach und nach von seinem Schmerz ab." Aber mit dieser Ablenkung wächst die Spannung zwischen Weltanschauung und Tat, zwischen Fühlen und Denken nur noch mehr, und als im Siebenjährigen Krieg Anglück über sie hereinbricht, werden sie zu verzweifelten Lebensmüden, die mit äußerster Anspannung von Geist und Willen um ihr Leben und ihre Selbstbehauptung kämpfen. Da wird diese Spannung so widersinnig und unerträglich. daß sie sich schließlich in dem Vorsatz freiwilligen Todes löst ... Aber es blieb beiden noch eine letzte heilige Stätte, der Tempel der Freundschaft. 3e mehr andere Freunde dahin- starben oder untreu wurden, desto kostbarer wird ihnen die Freundschaft zwischen Bruder und Schwester. Sie bietet beiden nicht nur Ersatz für die Geschlechtsliebe, der Friedrich feit seiner Thronbesteigung ganz entsagt hat und auf die Wilhelmine, ewig kränkelnd, an der Seite eines flatterhaften Gatten hinwelkend, wohl auch nicht mehr rechnen konnte; sie wird beiden zum Lebenselement. Die Gegenwart kennt diese Freundschaft kaum noch, aber diese beiden Geschwister, die geistig im Altertum lebten, empfanden sie elementar. „Du bist das einzige Wesen, dem ich zwanglos mein Herz öffnen tonn“, beteuert Friedrich in einem der letzten Briefe vor Wilhelmines Tod. And sie lebt, so krank sie auch sein mag, unter seiner Freundschaft wieder auf „wie eine Fliege im Sonnenstrahl". Freilich hat diese übersteigerte Freundschaft auch ihre ernsten Gefahren. Immerfort beteuert einer dem andern, fein eigenes Leben und Glück sei nichts wert, aber das des andern unendlich kostbar, und er könne daher den Tod des andern nicht überleben. Sie spielen so lange mit diesem Gedanken, leben sich derart in dies Gefühl ein, daß Friedrich im (Sieben* Mrigen Kriege, als der Zusammenbruch Preußens ihm unabwendbar erscheint und er in den Tod gehen will, es ganz natürlich findet, daß die Schwester ihrem Leben gleichzeitig ein Ende macht. And sie erklärt fest: „Dein Schicksal wird auch das meine fein. Ich werde dein Anglück und das meines Hauses nicht überleben." Aber sie behält wenigstens einen kühleren Kopf, richtet ihn durch ihren ernsten Zuspruch wieder auf: „Je größer das Anglück, desto nötiger bist du." And dank diesem Zuspruch und dank seinen Siegen kehrt sein Selbstvertrauen zurück — zu seinem und Preußens Glück. Wilhelmines zerrüttetes Dasein aber hat in diesen Monaten den Todesstoß empfangen; sie haben, wie sie selbst schreibt, ihr Leben „um viele Jahre gekürzt" ... Sie verflackert wie eine verlöschende Lampe, und an dem Anglücksiage von Hochkirch, an dem auch der Fekdmarschall Keith, Friedrichs bester Heerführer, fällt, stirbt sie wie ein Held — nicht des Krieges, aber des Leidens. Dies Zusammentreffen war vielleicht ein Glück, denn gerade nach dieser Katastrophe muhte Friedrich, wie er selbst sagt, „den Kopf oben behalten". So überwand er die neuen Selbstmorbanwandlungen, die ihm damals kamen. Zehn Jahre später erbaute er ihrem Andenken den noch stehenden FreunbsHa.ftstempel in Sanssouci, (das Pendant zu dem Mausoleum einer anderen Heldin des Leidens, der Kaiferm August« Diktoria), in dem ihre Marmorfigur sitzt, während Bilder berühmter Freundschaftspaare die Schäfte der Säulen schmücken. Diese Freundschaft ist nicht nur als menschliches Dokument ergreifend, sie ist auch von höherer Warte tief aufschlußreich, denn Friedrich und Wilhelmine waren nicht nur Kinder, frm* beim auch Spitzen ihrer Zeit, nicht weil sw aus dem Throne saßen, sondern weil sich in ihnen bereits eine Geistesverfassung verkündet, Sie bald allgemein wurde und zu einer tiefen seelischen Umwälzung führte. Es brauchte nur ein Genie wie Rousseau zu kommen, das an den gleichen inneren Wirrnissen litt, um den Ausweg aus diesem Bankrott der „Aufklärung" zu finden. Abwendung von der AebeÄultur, von der Suprematie des Verstandes, Hingabe an das Gefühl bis zur Empfindsamkeit, Hinwendung zur Sahir, zum Volke, zum Schlichten und Natürlichen, ein neues religiöses Empfinden waren Me notwendige Reaktion gegen den Geist der Aufklärung, teils bis zum gegen* teiligen Extrem umschlagend. Die Ansätze und Voraussetzungen zu dreier Entwicklung waren, tote wir sahen, sowohl bei Friedrich als auch bei feiner Schwester vorhanden, aber Wilhelmine erlebte Rousseaus Wirken nicht mehr, und Friedrich, obwohl et Rousseau hochherzig ein Asyl bot, ist von ihm nicht mehr berührt worden, zumal dieser ihn durch persönliche Wunderlichkeiten gegen ihn einnahm. Als Friedrich aus dem Siebenjährigen Kriege heimkehrie, war er seelisch erschöpft und zu alt, um noch umzulernen. Er blieb im Banne Voltaires, der feinen Geist gebildet hatte. Am so stärker und nachhaltiger aber wurde das junge Geschlecht von Rousseau beeinflußt, allen voran der Dichter des „Werther". D:s BagÄtsLe. Ein Rokokogeschichtchen von Alexander von Gleichen-Rutzwurm. Am die Mitte des 18. Jahrhunderts war in Bad Ems eine heiter gestimmte Gesellschaft vereint, die sich um jeden Preis zu unterhalten gedachte. v Herr von Pöllnitz, der an allen Höfen weidlich! bekannte preußische Kammerherr, schlenderte mit Frau von Hardenberg auf der sogenannten Promenade, einem Aferweg an der Lahn, den die Kurgäste mit den ortseingesessenen Schweine- und Gänseherden teilten. Die Rokokoeleganz hatte leicht einen Stich ins Ländliche. „Der Markgraf hat mich ausgezeichnet, Pöllnitz", sagte die Dame, die zum Hof König Georgs in London gehörte, und, obwohl sie eine Hannoveranerin war, geflissentlich die englische Mode zur Schau stellte. „Gestern wieder so stark ausgezeichnet, baß ...“, sie senkte den Kopf, die Schminke gestattete ihr Nicht, zu erröten. ... „daß Sie eine Bagatelle im Anzug glauben", vollendete Pöllnitz. Bagatelle nannte man damals jenes Liebesspiel, daS sich zwischen Flirt und Leidenschaft bewegte. „Mein Freund, der Oberst, hat mir bereits eine Szene gemacht, vor Eifersucht. Was soll ich tun? Die Diplomaten in Berlin haben bereits davon gesprochen." Pöllnitz machte ein ganz verschmitztes Gesicht und sagte: „Markgraf Friedrich von Bayreuth ist ein Fürst, der zu leben versteht, und ein sehr schöner Mann." „Aber der Zorn der Markgräfin, sie ist die Tochter deS Königs von Preußen." . . Frau von Hardenberg gab sich gern diplomatische Bedeutung. „Es wäre doch schlimm, um einer Bagatelle wegen die politischen Fäden zu verwirren." Das Sonnenschirmchen hochgehalten, sah man die Markgräfin Wilhelmine mit ihrem Gefolge kommen. Etwas gelangweilt ging der Markgraf neben ihr, sprang über ein vorgelagertes Schwein und lachte. „Anhöfliches Pack, so ein Tier weiß nicht einmal, was ein Markgraf ist." Wilhelmine übersah und überhörte diesen Seitensprung geflissentlich. „Friedrich," meinte sie, „wir müssen eine Heine Unterhaltung erfinden. Diese steife Hardenberg ist zu komisch. Machen Sie die Dame ihrem Oberst abspenstig." „Ich finde sie scheußlich." „Am so besser. Der Scherz wird um so ausgiebiger. Sie alte Klatschbase Pöllnitz kann Memoiren darüber schreiben. And die Tugendhüter in Berlin ärgern sich schwarz." „Wilhelmine, Sie haben recht. Eine gespielte Bagatelle, die nicht einmal Bagatelle ist, wird in Srns erweitern. En avant I“ Sie Gruppen begegneten sich, förmliche Verbeugungen inmitten der landschaftlichen Idylle, leichtes Gespräch mit begin- nenbem Geplänkel, der Markgraf trennt sich mit der aufgetakelten Same von den übrigen, Wilhelmine und Pöllnitz fangen den englischen Oberst ab, der verzweifelt seine Schöne sucht und kaum die nötige Haltung aufbringt zu gepflegter Rokoko-Konversation. Doch Wilhelmines Liebenswürdigkeit gewinnt ihn. Ser Flügeladjutant ihres früheren Bewerbers — denn fast wäre sie, anstatt Markgräfin zu werden, Königin von England geworden — steht bald in Gefangenschaft der heißen Blicke, die auf ihm, dem tief leidenschaftlichen, wenn auch äußerlich kühlen Engländer, die schöne Frau lächelnd ruhen läßt. Er hofft hier und will sich dort an Frau von Hardenberg rächen; die Intrige beginnt. Herr von Pöllnitz setzt sich auf eine Gartenbank, die in der Vergessenheit der Promenade steht und scheint zu zeichnen. Die Markgräfin sagte ihm später nach, er habe Notizen gemacht. Zur Anterhaltung sämtlicher Kurgäste, deren Hauptver- g,trügen im Beobachten des fürstlichen Paares und der Frau von Hardenberg bestand, denn diese galt für König Georgs Geliebte und wurde in der Londoner Gesellschaft „der Haifisch" genannt, ging der flotte Markgraf mit Feuereifer an die Eroberung der alternden Kokette. Man wunderte sich! ein wenig über seinen Geschmack (manches junge Frauchen hätte gerne angebandelt) und über die rührende Nachsicht der Warkgräsin. Oder sollte sie sich mH dem strammem englischen Oberst trösten? Manche hörten beide zusammen englisch sprechen und lachen. Pöllnitz gab mysteriöse Andeutungen, wenn ihn Bekannte aussorschten, man wußte, dah er einen dicken Brief nach Berlin an die Königin gesandt hatte, und alles in EmS war voller Wichtigkeit. Der markgräfliche Scherz gelang von Szene zu Szene immer besser, Frau von Hardenberg wußte vor Einbildung über ihren vermeintlichen weiblichen Sieg gar nicht, was sie machen sollte, und der Oberst ging wie ein verliebter Jüngling weit hinaus in - IM - Me Landschaft, fein Herz zu beruhigen. Mit Frau von Hardenberg verzagte er sich so gründlich, daß beide sich kaum und nur tn steifster Form begrüßten, wenn eine Begegnung unvermeidlich Dar. „ilmfete Bagatelle naht ihrem Schluß," meinte die Markgräfin, als ihr Gatte eines Abends sich von ihr verabschiedete, „tote unser Emser Aufenthalt. Wir wollen die Sache als Farce zur allgemeinen Belustigung beenden." Er lächelte fein, etwas doppelsinnig, als er antwortete: „Liebe Wilhelmine, ganz nach Ihrem Geschmack. Sie sind Herrin in Arkadien." Sobald sie allein war, schrieb Wilhelmine mit verstellter Schrift zwei Briefchen, klingelte ihrer vertrauten Kammerfrau und gab ihr den Auftrag, beide im Geheimen noch am Abend bestellen zu lassen. Die Vertraute machte etirfrt devoten Kni?, beschnüffelte vor der Türe die Briefe auf das genaueste und zeigte sie erst dem Herrn von Pöllnitz, ehe sie den Befehl ihrer Herrin vollzog. Am anderen Morgen war bei der Brunnenkur die vornehme Gesellschaft in höchster Erwartung, der Klatsch schlug gewaltige Wogen, eine Dame wollte sogar gehört haben, der Markgraf sei bereit, Frau von Hardenberg zu entführen und die Markgräfin habe den englischen Oberst zu ihrem Hof- marschall ernannt ,.. das liehe zum mindesten tief blicken. Der Oberst hielt aber ein Drieflein in Händen, das in zierlicher Rokokoschrift den Satz enthielt: „Die Dame, die Sie liebt, erwartet Sie ...“ und es war eine Zeit angegeben und eine Laube in dem verschwiegenen Garten des Schlößchens, der vornehmen Kurgästen offen stand. Und Frau von Hardenberg konnte sich auch kaum vor Ungeduld halten, ohne Aufsehen in den kleinen Park zu gelangen, um dort, von den hohen Hecken verborgen, der Laube zuzu-- streben, denn der Markgraf — es konnte ja nur der Markgraf sein — „wollte" mit dem Schäferstab der arkadischen Nymphe seine Huldigung darbringen." Ihre Kammerfrau flüsterte ihr bei der Toilette zu, man habe Seine Durchlaucht bereits in der Richtung des Schlößchens durch die Straßen gehen sehen. Angetan mit der Tracht der Bürgerntädchen, kleidsam und zierlich, huschte die Markgräfin in den Garten und kam gerade recht, von einem Versteck aus hinter dem. Sandstein-Amor neben der Laube zu sehen, wie zu ihrem unsäglich komischen Erstaunen der Oberst mit Frau von Hardenberg zusammentraf und keines der beiden im ersten Schrecken ein.Wort der Erklärung fand. Hätte der Markgraf, der hinter einem kleinen Weingott auf der anderen Seite der Laube verborgen war, seine Kon- tenance gehalten und wäre nicht losgeplatzt in lautem Lachen, dürften die beiden Gefoppten wortlos auseinandergelaufen sein. So trat in ihrer unüberwindlichen Anmut Die Markgräfin vor, schwang einen bebänderten Stab, den einige Rosen schmückten, und sagte ein BerÄein, das sie am Abend vorher gedichtet, um der Sache die verletzende Spitze abzubrechen: Was euch getrennt und neu zusammenführt, Die große Welt nennt's eine Bagatelle; Diel Platz jedoch im Herzen ihr gebühret, Denn Liebe jagt man nicht von seiner Schwelle. So endete der Scherz in Ems mit einem kleinen Souper nach Pariser Art; aber die Bagatelle zog, dick geschwollen Den giftigem Klatsch, in die Politik, verschnupfte in London wie in Berlin und veranlaßte ein Schreiben des gestrengen Königs an seine Tochter, „sie möge sich bessern, denn sie habe sich in Ems fürchterlich aufgeführt". Arrs Weimars klassischer Zeit. (Angedruckte Briefe der Herzogin Luise von Hessen. In dem Machest der von Dr. R. Pechel herausgegebenen „Deutschen Rundschau", das in den nächsten Tagen erscheinen wird, wird Hermann Dräuning-Okiavio ungedruckte Briefe der Prinzessin Luise von Hessen mitteilen und ausführlich erläutern, die seit 1775 die Gemahlin des Herzogs Karl August von Weimar war. Diese Briefe, von denen wir mit Erlaubnis des Verlags der „Deutschen Rundschau" hier einige mitteilen, bilden nur die Auslese einer sehr umfangreichen Korrespondenz, die in der Hauptsache zwischen Luise und ihrer Schwester Amalie von Baden geführt wurde. Der Zeit entsprechend, war der Briefwechsel in französischer Sprache gehalten. Hermann Dräu- ning-Oktavio, dem 6ie Briefe auS demPrivatbefltz deS GroßherzogS von Hessen zugänglich gemacht wurden, hat in der Aebersetzung den Sinn der Originale so getreu wie möglich zu treffen versucht: Weimar, am 21. Juli 1780. Ich vergaß ganz, Dir zu sagen, während de« Gothaer Hof hier war, wurde ein neues Singspiel von Goethe aufgeführt. Ich glaube, man wird es zu Beginn des Winters noch einmal geben. Alles was von ihm kommt, ermüdet und bedrückt nicht, ja, scheint überhaupt nicht ermüden zu Wunen; denn man wiederholt seine Stücke immer wieder. In Ettersburg ist man eben auch dabei, ein Stück in Szene zu setzen: ich glaube, wir werden bald die erste Aufführung haben. Weimar, am 5. März 1790. Erinnerst Du Dich noch an ein Fräulein von Lengefeld aus Rudolstadt, die bei Frau von Stein wohnte? Es war ein hübsches junges Mädchen, die tanzen konnte, wie (unleserlich), so daß es Dir auffiel. Dieses Persönchen hat jetzt Schiller geheiratet, der gegenwärtig Professor in Jena ist. Es ist arg schade um das hübsche Kind ... Goethes Tasso! Mir scheint es ein aaußergewähnliches Werk zu fein, und das beste, was er ieben hat. Weimar, am 28. Juni 1790. Ich empfehle Dir ganz besonders, so schnell wie möglich, den Doktor Faust zu lesen. Wenn Du dann nicht ganz begeistert bist, nicht ganz außer Dir, nicht ganz aus allen Angeln, nicht ganz aus dem Häuschen, usw., usw., wenn du bann nicht ein* gestehst, daß es ein Meisterwerk einzig in seiner Art ist, daß, Werde ich vor Erstaunen starr fein, in mein Nichts zurückfinken und in Ohnmacht fallen. Weimar, am 30. Oktober 1791. Sage mir doch, ich bitte dich inständig, was man bei Euch von diesen Franzosen hält, besonders von dieser National-Der- sammlung. Hat man darüber eine hohe Meinung und findet man einzig, was sie tun? Der König spielt gewißlich die erbärmlichste Rolle, die man sich nur denken kann. Wäre jemand arideres an seiner Stelle König gewesen, so wäre es nicht so weit gekommen. Ich muß gestehen, daß die Franzosen mich nervös machen. Ich habe mir nie viel aus ihnen gemacht, und mache mir heute noch weniger aus ihnen. Ohne Zweifel handeln sie in ihrem besten Interesse, wenn sie sich die Privilegien, die sie früher besahen, wiederholen . Aber sie sollten sich damit begnügen und jetzt nicht die Freiheit mißbrauchen. Der dritte Stand wird an die Stelle des Adels rücken und dieser an seine. Denn Gleichheit wird es doch niemals geben: die Reichen werden immer wieder mit den Reichen gemeinsame Sache machen. Auch dieser abscheuliche dritte Stand wird ganz gewiß nicht in einen Topf geworfen werden wollen mit den Klassen unter ihm. Ansere Schöngeister sind nicht besonders erbaut über die Leuchten der Nationalversammlung. Nur Knebel hat immer noch Hoffnung; aber dazu ist er schließlich verpflichtet, denn er hat ja die französische Nation bei Ausbruch der Revolution unter feinen Schutz genommen und sie gegen alle Welt mit einer unglaublichen Wärme verteidigt. Wirklich, manchmal könnte man sich darüber totlachen. Aber seit einiger Zeit bekommt er es ihret- tosgen ein wenig mit der Angst zu tim. Ich habe ihm bereits ein „National"-Kamisol und einen „National"°Fächer zum Geschenk gemacht. Wenn Du irgend etwas Neumodisches unter diesem Namen findest, was für einen Mann patzt, und was nicht zu teuer ist, so schicke es mir bitte. Ich möchte es ihm dann geben und ihn damit wieder an seine Schützlinge erinnern. Weimar, am 6. November 1793. Mein Gott, wie mich diese arme Königin (Marie Antoinette, am 16. Oktober 1793 guillotiniert) dauert! In einem fort muß ich an sie denken! Was hat sie doch für ein gräßliches Schicksal erduldet! Vier Jahre in Kummer und Elend den abscheulichsten Demütigungen ausgesetzt sein. Endlich noch von der Hand dieser Henker und auf die schändlichste Art das Leben lassen zu müssen! Dazu noch die letzte Anklage, die einen vor Entsetzen schaudern läßt! Das Eine wenigstens ist gewiß, feit der Revolution hat sie eine selten zu findende Seelengrötze bewiesen. Daß sie diese Charakterstärke bis zum Augenblick des Todes bewahrt hat, ist wahrscheinlich ein Trost für alle, die ihr .Unglück und Schicksal beklagen ... Wie lange sollen denn noch all diese Abscheulichkeiten und Schandtaten dauern, die dieses entsetzliche. Volk begeht? Weißt Du nicht, welchen Eindruck diese Nachricht auf die französische Armee gemacht und ob sie ihre Entrüstung zum Ausdruck gebracht hat? Ist es wirklich wahr, was die Zeitungen schreiben, daß drei französische Regimenter zu den Oesterreichern übergegangen find? Weimar, am 30. Dezember 1803. ... Herder ist am 18. gestorben . Ich kann Dir gar nicht sagen, tote sehr mich sein Tod betrübt und wieviel Kummer er mir verursacht! Es ist ein wirklicher Verlust! Es ist schwer, sich vorzustellen, daß jemals wieder ein solcher Mensch geboren wird, der soviel vorzügliche Eigenschaften in sich vereinigte mit solchem Talent und solchem Wissen. Gr wollte gern noch leben. Mer gerade zu Beginn seiner Krankheit tat er sehr wenig dafür, fern Leben zu erhalten, weil er es nicht in so großer Ge- sahr glaubte. Als er sich endlich davon überzeugte, war es schon zu spät. Seine Familie ist sehr zu bedauern. ... Frau von Dtaeil ist eine ganz außergewöhnliche Frau. Es ist mir sehr angenehm, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben; denn ich habe niemals eine so merkwürdige Mischung in einem Menschen gesehen, wie bei ihr. Sie Hat einen äußerst durchdringenden Geist und sagt die geistvollsten, oft treffendsten Dinge. Oft fragt sie auch Sachen, die ein tiefes Gefühl verraten, Sie spricht übrigens über alles und versteht es, einen jeden mit ihren ziemlich gewöhnlichen Manieren imd ihren oft unverschämten, um nicht mehr zu sagen, Betragen auszusöhneu. MU einem Wort, ich habe niemals ete derartiges Nebeneinander in einem Menschen gefunden. Ditte, verrate mich ja nicht mit dem, was ich Dir über ihr Aeutzeres gesagt habe. Vchristleitung: vr. Kriedr. Witz. Sang«. —"vruck «ch DeÄag der Brühllfchen Äniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Suu-r,