Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, den (4. Dezember Hummer (00 Wrntertage. Äon Erika v. Watzdorf-Bachoff. Ich lerne langsam deine Ferne tragen Und weiß nur dich. Mein ganzes Herz sagt: du. Die Sehnsucht wächst aus weißen Wintertagen Wie Tannengrün den grauen Himmeln zu. Wird sie vielleicht in dunklen Trauerkränzen Dein Leid bewachen und sich selbst verstehn? Wird sie als Weihnachtstanne für dich glänzen, Um dann in Staub und Alltag zu vergehn? Ich will nicht fragen, fordern oder klagen, Geweihte Nacht ist nah, die selig macht Und Sehnsucht wächst aus weißen Wintertagen Doch einmal sternenhoch in blaue Nacht. Erwin (Bros, der Pfarrer und Dichter. Von Prof. Dr. jur. et phil. Kari Esselborn. Der im folgenden wiedergegebene Artikel, der uns bereits seit längerer Zeit vorlag, bisher aber aus äußeren Gründen zurückgestellt werden mußt«, ist, obwohl ursprünglich als eine Würdigung des mitten im Leben Stehenden gedacht, auch wohl dazu angetan, dem Gedächtnis des am 2. Dezember im Alter von 61 Jahren Verstorbenen gewidmet zu werden. Die bekanntesten deutschen Volkserzähler hat der Pfarrerstand gestellt, das beweisen Männer wie Albert B i tz i u s (1797—1854), bekannt unter dem Pseudonym Jeremias Gotthelf, Wilhelm Derlei (1798—1867), bekannt als W. D. von Horn, Rudolf D e s e r, der unter dem Decknamen D. Glaubrecht schrieb, Karl Heinrich Caspari (1815—1861), Heinrich Hansjakob (1837—1910) und Ludwig Frohnhäuser (1840—1912) oder, wie er sich aus den Titelblät- tem seiner Erzählungen nennt, Konrad Fron. Die Reihe der Namen könnten noch vermehrt werden, doch mögen dies« genügen, um zu zeigen, daß die zwischen dem Berufe als Pfarrer und als Volksdichter obwaltenden Beziehungen keine zufälligen sein können. Die auffallende Erscheinung findet ihre einfache Erklärung darin, daß niemand tiefere Einblicke in die verborgensten Falten des Volkslebens zu tun vermag als der Geistliche, wofern er nur zu beobachten versteht. Unter den jetzt lebenden deutschen Volkserzählern nahm Erwin Gros, der ebenfalls feines Zeichens Pfarrer war, eine der ersten Stellen ein. Erwin Gros nennt den Taunus seine Heimat. Sein Vater, Heinrich Gros, geboren am 2. März 1833 zu Idstein, gestorben am 26. November 1910 zu Westerburg, war Lehrer, ebenso sein mütterlicher Großvater, Anton Steinhäuser, geboren 1803 zu Nassau a. d. L., gestorben 1886 zu Okriftel a.M. Er selbst erblickte am 13. April 1865 zu Niederems im Taunus das Licht der Welt. Seinen ersten Unterricht erhielt er in der Schule des Vaters zu Katzenelnbogen, dann wurde er von verschiedenen Pfarrern unterrichtet und besuchte hierauf ein Jahr lang das Gymnasium zu Hadamar; nach der Versetzung seines Vaters nach Okriftel kam er auf eine Privatschuie nach Biebrich, wo er die Einjährigenprüfung ablegte. Seine drei letzten Schuljahre, 1881 bis 1884, verbrachte er auf dem Ludwig-Georg- Gynmasium zu Darmstadt, das er auf Ostern 1884 mit dem Zeugnis der Reife verließ. Schon als Primaner verfaßte er eine sehr blutige fünfaktige Tragödie „Die Curiatier" und arbeitete den Plan eines Dramas aus," das mit Goethes Egmont eine fatale Aehnlichkeit hatte. Dieser erste dichterische Versuch ist verschollen, und der zweite gedieh nicht über den Entwurf hinaus, da der Verfasser jene Aehnlichkeit rechtzeitig erkannt hatte. Zu Beginn des Sommersemesters 1884 bezog Gros die Universität Leipzig, um nach dem Wunsche seines Vaters Theologie zu studieren; obwohl seiner Neigung die Germanistik mehr entsprochen hätte. In seinen beiden ersten Semestern befaßte er sich denn auch mehr mit Literatur und Geschichte als mit seinem Fachstudium, und in den beiden folgenden genügte er seiner Militärpflicht. Dann siedelte er nach Marburg über, wo ihm Adolf H a r n a ck und Wilhelm Herrmann die bisher entbehrte inner« Beziehung zu der the »logischen Wissenschaft gaben. Im siebenten Semester, toommer 1887, legte er in Herborn die Prüfung ab, daran schloß sich der einjährige Besuch des dortigen Vredigerseminars. Nach Ablauf des Kandidatenjahrs war er zwei Monate vertretungsweise an der evangelischen Schicke des oberen Rheingaues zu Erbach, die von dem Prinzen Albrecht von Preußen zum großen Teil unterhalten und von dem Pfarrer Adolf D e i ß m a n n , dem Vater des Berliner Theologen gleichen Namens, geleitet wurde. Bei dem geistig lebendigen, von. religiöser Leidenschaft durchpulsten Manne von hinreißender, volkstümlicher Beredtsamkeit lernte er viel. Gleichzeitig erledigte er seine vier Arbeiten für die zweite Prüfung. Als er sie im Juli 1888 bestanden hatte, kam er als Staatsvikar nach Kroppach in den Westerwald zu Dekan Kaspar Naumann, einem geborenen Hessen aus Bleichenbach bei Büdingen. Die erste selbständige Wirksamkeit im Pfarvdienste übte Gros in Frohnhausen bei Dattenberg aus, wohin er im September 1889 gekommen war. Trotz seiner nur einjährigen Amtstätigkeit daselbst faßte er dort festen Fuß. Ein Jahr danach wurde er aus seinen Wunsch nach Hartenrod in dem 1866 von Hessen an Preußen abgetretenen Hinterland versetzt. Hier galt es, in dem neun Dörfer umfafsenden Kirchspiel das kirchliche Leben, das unter einem der Ausgabe nicht mehr gewachsenen alten Pfarrer arg darniedergelegen hatte, wieder zu heben. Aber nicht nur kirchliche Arbeit harrte seiner, auch dem in erschreckender Weise sein grausames Handwerk treibenden Wucher mußte er begegnen. Die vielen Hofoerkäufe hatten den Grund und Boden entwertet und durch den infolgedessen eingetretenen Niedergang des Bodenkredits waren die Bauern in die Hände von Wucherern getrieben worden. Es war nichts Seltenes, daß früher wohlhabend gewesene Bauern kaum noch eine Kuh im Stalle hatten. Um diesen Mißständen abzuhelfen, gründete Gros im Jahre 1891 in dem Kreise Biedenkopf den ersten Raisfeisenverein. Seine atemlose und vielseitige Arbeit in seiner Gemeind« erwarb ihm Vertrauen: der verschlossene Bauer tat ihm sein Herz auf. Die glückliche Harten- roder Zeit, in deren Anfang die Gründung seines Hausstandes mit Hermine Woeke (November 1890) fällt, endete im Jahr« 1897 durch eine Strafversetzung nach dem nassauischen Sibirien, Höchstenbach im hohen Westerwald, weil er aus der Kreissynode die Psingstjägerei des Regierungspräsidenten gerügt hatte. Seine Hartenroder Abschiedsund seine dortige Antrittspredigt „Ein' fest« Burg ist unser Gott" erschienen 1898 bei Vandenhoek und Rupprecht in Göttingen und bilden seine erste Verössentlichung. Nach einem Jahr der Verbannung wurde er durch Gemeindewahl nach Esch bei Idstein im Taunus berufen. Dort sollte ihm eine oin- undzwanzigjährige Wirksamkeit beschieden fein. Der verhältnismäßig geringe Umfang dieser Pfarrei gab ihm Muße zu schriftstellerischer Betätigung. Diese hing von Anfang an aufs engste mit seinem geistlichen Berufe zusammen. Durch die Andachten Friedrich Naumanns, mit dem er lange Jahre als Rationalsozialer zusammengearbeitet hatte, erhielt er die Einsicht in die Notwendigkeit, „nicht nur die religiöse Vorstellungswelt des Bauern kennen zu lernen, sondern auch in seiner Sprache zu ihm zu sprechen", und dadurch mittelbar die Anregung zu einer Sammlung religiöser Betrachtungen „A u s d e r D o r f k a n z e l". Die in Sohnreys „Deutscher Dorf- zeitung" zuerst erschienenen Andachten kamen fast gleichzeitig mit Gustav Frensfens „Dorfpredigten" heraus, waren aber von diesen gänzlich unbeeinflußt. Im Mai 1900 erschien der erste Band in Buchform, dem bis 1913 noch sieben weitere folgten, alle seitdem wie der erste wiederholt aufgelegt. In dem Kampf gegen die die Volksseele vergiftende Schundliteratur erblickte Gros von Anhang an einen Zweig seiner seelsorgerischen Tätigkeit. Er führt« diesen Kampf vor allem dadurch, daß er selbst echte Volksschristen verfaßte. Seine Erzählung „Der Lehrer von Harten- Hausen" (1903, 7. und 8. Aufl. 1921) ist sein erster und gleich glänzend gelungener Versuch auf diesem Gebiet. Hinter Hartenhausen verbirgt sich Hartenrod, und die Erzählung ist im Grunde nichts anderes als der „Kriegsbericht" seines dortigen Kampfes gegen den Wucher. Acht teils ernste, teils heitere Geschichten vereinigt das Buch „Von schlichten Leuten". Bon den darin enthaltenen ernsten Geschichten verdient die erschütternde Erzählung „Trotzige Herzen hervorgehoben zu werden. Sie zeigt den Kampf, den der rauhe, aber in seiner trotzigen Kernhaftigkeit sympathische Bürgermeister Daniel Schädler, ein Bauer von echtem Schrot und Korn, gegen die in sein Dorfeingedrungene In- dustrie führt. Altererbter Bauernstolz und Bauerntrotz, der besfere und mildere Regungen des Herzens unterdrückt, um sich ja nichts zu vergeben, ist auch in der Erzählung „Linsemanns Knecht" die Ursache schwerer Geschicke. Der köstliche Humor ober ist entfaltet in der kleinen Geschichte „Das ungeduldige Herrchen" sowie in den Humoresken „Der Gipfel der Bosheit" und „Wie Winkelhude Luftkurort wurde". Durch bfe Winkelhuder Schilderungen fühlten sich mehrere Städtchen betroffen, die Gros niemals gesehen hatte, ja kaum dem Namen nach kannte, und beschwerte sich entrüstet über die „Gemeinheit", ihr Städtchen und seine ehrsame Bürgerschaft so zu „blamieren". Gewiß ein schöner Beweis von des Verfassers lebenswahrer Darstellung! - 398 Eine Variation über Las Thema „Wenn sich zwei Herzen scheiden, die sich dereinst geliebt", ist die Erzählung „Schielendes Fever" (1912, 2. und 3. Ausl. 1919). Durch die Rachsucht eines hinterlistigen Schleichers werden zwei sich liebende junge Leute getrennt. Aus Trotz heiraten beide andere, doch ihre Herzen gehören ihrer ersten Liebe. Dafür müssen beide schwer büßen, bis sie am Ende als in der Schule des Lebens geläuterte Menschen noch einander angehören dürfen, nachdem der Gedanke an verscherztes Glück in ihnen wie „schwelendes Feuer" weitergeglimmt hatte. Ein Märchenbuch, aber nicht für Kinder, sondern für Erwachsene geschrieben, um sie hinzuleiten, über den in dieser Form dargebotenen Gedanken zu sinnen und sie fortzuspinnen, veröffentlichte er unter dem Titel „Frau Sehnsucht" (1914, 2. und 3. Ausl. 1921). Es ist schwer, unter den sieben Geschichten eine besonders hervorzuheben, doch verdient wohl die Erzählung „Wie der alte Steffen zu seiner Jugend zurückkam" unter ihnen die erste Stelle. Zu Theodor Körners hundertjährigem Todestage schrieb er das kleine Büchlein „Theodor Körner, der Sänger und Held" (Potsdam 1913). Die Kriegsjahre waren für ihn reich an äußerm und innerm Erleben. Drei Söhne hatte er im Felds stehen, von denen der jüngste, Ottmar, zuletzt, schwer verwundet, in Gefangenschaft geriet und 1926 noch ein spates Kriegsopfer wurde. Seine älteste Tochter heiratete einen Marineoffizier, einen Unterseebootkommandanten, ward Mutter und bald darauf Witwe. Im Sommer 1915 sah er seine Söhne zum erstenmal seit dem Ausmarsch wieder bei einer Reise an die Westfront. Seine Erlebnisse und Eindrücke auf dieser Reise hat er in einem auch als Sonderdruck erschienenen Aufsatz „An der Westfront" (1916) in dem „Neuen deutschen Familienblatt" geschildert. Die gehobene Stimmung, die im Herbst darauf der erste Besuch seiner drei Krieger im Vaterhaus in ihm hervorgerufen hatte, wirkte sich aus in der innerhalb elf Tagen während der Ferien in eine Zuge niedergeschriebenen geschichtlichen Erzählung aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges „Die letzte Nonne von Walsdorf" (1915, 3. und 4. Auf!. 1919). Sie behandelt die Geschichte des in der Reformationszeit in ein adeliges Frauenstift umgewandelten Klosters Walsdorf bei Idstein und dessen Untergang. Ist dieses Werk aus einer fröhlichen Stimmung entstanden, so ist der im Winter 1917/18 niedergeschriebene „Bauernpfarrer" (1919, 10.—12. Aufl, 1925) aus großem Herzeleid heraus geboren, mußte doch Gros am 1. November 1917 seine dritte Tochter, Gudrun, die dem Studium der Zahnheilkunde oblag, infolge einer tückischen Krankheit ins Grab sinken sehen. „Der Bauernpfarrer", der erst nach dem Kriege in Buchform erschien, hatte mehrere Jahre zum Ausreisen gebraucht Er ist ein umfassendes Selbstbekenntnis seines Verfassers, der darin „ein Stück seiner innern Entwicklung festhält" und das Werk deshalb mit Recht als „[ein persönliches Buch" bezeichnete. Der Schauplatz der Erzählung ist wiederum das „Hinterland". Unter Frondorf, der Gemeinde des Bauernpfarrers, darf man sich, wie ebenfalls bereits erwähnt, Frohnhausen vorstellen, das benachbarte Biedenberg (S. 99) ist Biedenkopf, das einmal genannte Frankenstein (S. 56) Frankenberg. Der junge Pfarrer Erich Hildwein, ein Stadtkind, hat in Frondorf seine erste Anstellung gefunden und kann anfangs keine rechte Fühlung zu seiner ländlichen Umgebung finden. Zweifel an der richtigen Wahl seines Berufes steigen in ihm aus. Er erlebt schwere Geschicke einzelner Glieder seiner Gemeinde: die Trennung zweier Liebenden durch einen scheinheiligen habsüchtigen Vater und den dadurch mittelbar veranlaßten Tod beider, ober auch an sich selber: den Tod seiner Braut. Schließlich ringt er sich zu der Erkenntnis durch, daß er Pfarrer bleiben wolle (S. 468), und damit ist seine frühere Meinung abgetan, „man müsse vom Lande stammen, um als Landpfarrer sich wohl zu fühlen und wirken zu können" (S. 371). So wird dem aus der Welt der Kultur in die Welt der Natur Versetzten diese „die rechte Hochschule" (S. 45). Dem Werke wurde nicht nur in Deutschland eine glänzend« Ausnahme, zuteil) sondern es wurde auch ins Holländische übersetzt. Im Herbst 1919 beendete Gros feine Wirksamkeit in Esch. Die Besetzung des Ortes durch die Franzosen verleidete dem für Deutschlands Stärke und Größe begeisterten, durch und durch deutsch fühlenden und jedem schwächlichen Weltbürgertum und Pazifismus abholden Manne, dessen Ausweisung, wenn nichts Schlimmeres, nicht ausgeblieben wäre, den Aufenthalt daselbst. Auf seinen Wunsch wurde er deshalb nach der ehemaligen hesfen-homburgischen Gemeinde Gonzenheim, einem Vorort von Homburg v. d. H., versetzt. Mit seinem Wegzug von Esch endete auch die Privatschule, hie er seit 1902 unterhalten hatte. Es war, wie er sich selbst einmal ausbrütfte, eine Fohlenweide für stadtmüde Knaben, die durch vernünftige hygienische und pädagogische Behandlung wieder kräftig werden wollten. Hier erwies sich Gros als ein Pädagoge von Gottes Gnaden. Eine stattliche Schar Knaben ging ihm in Gestalt der zehn bis fünfzehn Schüler, die er während dieser Zeit alljährlich bei sich im Hause hatte, durch die Hände, und unter den vielen wird kaum einer sein, der nicht der in dem Escher Pfarrhaus verlebten Jahre dankbar gedächte. Im Jahre 1921 erschien die durch Soldans Geschichte der Hexenprozesse angeregte Erzählung „Elsbeth von Hetkhoven", die im Jahre 1654 spielt. Elsbeth von Helkhoven ist die Waise eines 1645 gefallenen Feldobristen und lebt bei ihrem mütterlichen Großvater, dem Präzeptor Götze zu Gunzdorf. Sie liebt ihren Lebensretter, einen jungen Musiker namens Gottsried Seeheim, weder der Junker Schmittburg noch der Graf Franz von Gunzdorf kann sie ihm abspenstig machen, sie läßt sich lieber als Here foltern und stirbt nach ihrer Befreiung an deren Folgen, als daß sie in ihrer Treue wankend würde. Gottfried, dem eine vorteilhafte Stellung in Holland an« geboten war, schlägt diese aus, um sich nicht von ihrem Grabe trennen zu müssen, und heiratet nach dem Tode des alten Präzeptors dessen jüngste Tochter. Wie die Handlung der eigentlichen Erzählung, ist auch die Einleitung freie Erfindung des Dichters, der dort erzählt, wie er auf einer Wanderung bas übermalte Bild in der Kirche zu Gunzdorf gesehen und von dem Kantor, einem Nachkommen Gottfrieds, dessen handschriftliche Aufzeichnungen bekommen habe, die er dann zur Erzählung umarbeitete. Diese Einleitung hat den Zweck, den Leser im voraus den Stimmungsgehalt der Erzählung fühlen zu lassen, und Gros hat es meisterhaft verstanden, in diesem Vorspiel die Leitmotive anzuschlagen, die in der eigentlichen Erzählung weiterklingen. Eine in das erste Drittel des Dreißigjährigen Krieges führende Geschichte folgte im Jahre 1924. Ihr Titel „Es geht eine dunkle Wölk' herein" ist einem alten Volksliede entlehnt und deutet ihren tragischen Verlauf und Ausgang an. Der Lieblingssohn des Obermüllers Heinrich Dietenstein ist sein ihm ähnlicher Sohn Götz. Er zieht ihn seinem älteren Sohn Matthias vor, der seiner Mutter gleicht. Als der Vater stirbt, und der ältere Sohn den Hof erbt, entzieht er dem jüngeren Bruder die Mittel, um in Altdorf sein Rechtsstudium zu beenden. Götz wird daher Soldat in dem Regiments seines Paten, des Obristen Pappenheim, nachdem ihm vorher des Untermüllers Daniel Lindenfels Tochter Magdalene, der er das Leben vor drei marodierenden Soldaten gerettet hatte, ihre Liebe gestanden hat. Aber darin ist er der Nebenbuhler seines Bruders. Er ist einer der Tapfersten im Regimente und bringt es bald zum Hauptmann. Die Grüße, die er durch einen invalide heimkehrenden Dorfgenossen seiner Braut überbringen läßt, fängt sein Bruder ab, er weiß den niederträchtigen Bursck)en durch Versprechungen dahin zu bringen, Götzens Tod zu melden, und nur hierdurch wird Magdalene dazu bestimmt, des Matthias Frau zu werden. Gleichwohl gilt ihre Liebe einzig dem tot geglaubten Geliebten, nach dem sie auch ihr Söhnlein nennt Kurz nach dessen Taufe kehrt Götz heim, der den Soldatenrock an den Nagel zu hängen gedenkt, da ihm Pappenheim eine Amtmannsstelle in feiner Heimat übertragen hatte. Jetzt wird er des von seinem Bruder an ihm verübten Verrats inne. Mit seinem Helfershelfer wird er zum Tode verurteilt, aber auf Magdalenens Bitte, die das ideale Bild ihres Geliebten nicht durch eine Henkerstat getrübt sehen will, von diesem begnadigt. Der Freigekaffene fällt darauf den verhaßten Bruder meuchlings von hinten mit dem Messer an, Magdalene fängt den Stich auf und verblutet daran. Matthias endet durch den Strang, Götz dagegen begibt sich wieder zum Heere und sieht seine Heimat nicht wieder. Das gleiche Jahr (1924) brachte die große, dem deutschen Landlehrerstande gewidmete Erzählung „Das leuchtende Haus". Sie spielt bald nach dem 1870er Krieg, ihr Held, der fromme, energische und von tatkräftiger Nächstenliebe beseelte Lehrer Heinrich Eckart ist ein Geistesverwandter von Albert Volker, dem Lehrer von Hartenhausen. Das Werk ist gewissermaßen ein Gegenstück zu dem „Bauernpfarrer" und setzt diesen fort, indem es, während dort der innere Werdegang vom Weltmenschen zum Christenmenschen geschildert wird, das sich schließlich siegreich durchsetzende Werk eines in Gott gefestigten Mannes zeichnet. In dem geistlichen Laienspiel „Ananias unid Sapphira" (Herborn 1925) behandelt er in drei von Gemeindegesang eingeschlossenen Bildern die Geschichte jenes im fünften Kapitel der Apostelgeschichte behandelten Ehepaares, das von dem Erlös eines zugunsten der Armen verkauften Grundstückes einen Teil unterschlägt und dafür plötzlich vom Tode befallen wird. Ein Stück Gegenreformation in dem seinem Pfarrsprengel benachbarten Holzhausen ist der Gegenstand der Erzählung „Wer mich bekennet. Aus der Geschichte einer dörflichen Gegenreformation" (Herborn 1926). Der junge Schuster Hans Heeger, von seiner Heimat flüchtig, weil er einen Franzosen, den Schänder seiner deswegen in den Tod getriebenen Schwester, getötet hatte, kommt nach Holzhausen und rettet das Dorf vor einem von einer Zigeunerbande geplanten Ueb erfüll, von dem er unterwegs Kenntnis erlangt hatte. Bei dem sich mit den Zigeunern entfpinnenden Kampf wird er verwundet. Er findet Aufnahme bei dem prächtigen Schustermeister Vogelsberger und wird von Sibylla, der Tochter des Schultheißen Peter Michel, gepflegt, dabei lernen sich die beiden jungen Leute lieben. Da Holzhausen, ein alter Besitz des Hauses der Eppensteiner, in den stürmischen Zeiten des 30jähr. Krieges in die Gewalt des kurmainzischen Kanzlers Reigersberg geraten und durch dessen Tochter an die Familie von Ingelheim gelangt war, so war der Bürgermeister, nicht aber seine Frau und Tochter, dem Reichskammergerichtspräsidenien Franz Adolf Dietrich von Ingelheim (gest. 1742) zu Gefallen zum katholischen Bekenntnis übergetreten. Deshalb will er dem jungen Manne die Hand seiner Tochter nur unter der Bedingung geben, daß auch er katholisch wird. Dieses Ansinnen weist Hans aber zurück, er verläßt Holzhausen, wird durch die Vermittlung des französischen Refugies Abraham Privat Hofschuhmachermeister in Homburg und erhält dann doch die Hand des geliebten Mädchens, das einen Konvertiten zurückgewiesen haben würde. Eine erschütternde und zugleich erhebende Predigt über das Bibelwort „Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben lässet für feine Brüder", ist die gemütvolle, gedankentiefe und auch des Humors nicht entbehrende Erzählung „Das Opfer der Maria Bach" (Herborn 1926). Die Titelheldin, die Tochter des Schuster- meifters Daniel Bach in Lemheim, kommt mit vierzehn Jahren als Magd auf den Weigandhof nach Haxthaufen und rückt wegen ihrer Tüchtigkeit schon mit sechzehn Jahren zur Großmagd auf. Der einzige Sohn des Hofbauern, Kilian Weigand, liebt das schöne und tat- - 399 — Von Das Domkind. Nikolaus Schwarzkopf. kräftige Mädchen und findet Gegenliebe. Obwohl ihre Liebe lange bleibt, so bleiben beide sich treu auch über Kilians Wüttarzeit, die er bei den Dragonern in Darmstadt abdient. Maria schlagt deshalb die Werbung des Schullehrers aus. Bei einer Hoch- zeit auf einem Nachbardorfe verloben sich beide, aber der Vater Weigand stemmt sich dagegen, daß die arme Handwerkerstochter Hof- vauerin werden solle. Maria findet, da nunmehr nicht länger ihres Bleibens auf dem Weigandhofe ist, bei dem Pfarrer eine Stelle. Als Rliians Vater, der Beharrlichkeit des Sohnes nachgebend, eben in die Heirat eingewilligt hat, stirbt er, und das Trauerjahr schiebt die Heirat hinaus. In diesem Jahre stirbt aber Marias Mutter infolge der Geburt eines Kindes und läßt sich auf dem Totenbette von ihr versprechen, daß sie Vater und Brüder nicht verlassen werde. Sie «Sru» ui f° notwendig, daß sie, auf ihr eignes Glück verzichtend, Cin c^orL Zurück gibt, der nach zwei Jahren vergeblichen Wartens auf die Aenderung ihrer Gesinnung des Hofes wegen eine andere heiratet. Maria führt den väterlichen Haushalt, bis der älteste Frau ins Haus bringt. Sie wird nun Diakonissin. >eht Kitian erst im Feldlazarett in Nesle wieder und pflegt den Schwerverwundeten bis zum Tode. • Grasens nächstes erzählendes Werk sollte „Der Heimwanderer" Autelt sein und schildert, wie ein junger Offizier, der um des Kriegsausganges willen den Glauben an Gott, und um der Revolution willen den Glauben an fein Vaterland verliert, nach Nordamerika auswandert und dort den Heimweg zu Gott und dem 'Vaterland findet. rhkn nod> der in Gonzenheim entstandenen erbau- lichen Werke gedacht Es sind außer der kurzen Betrachtung „Cha- 'Akter (Herborn 1919), der Jahrgang Predigten „Im Frieden Gottes (Stuttgart 1924) und das Andachtsbuch für alle Tage des Jahres „Ewigkeit in die Zeit" (Stuttgart 1925). JBis an die Schwelle des Greisenalters hatte sich Gros' Geist und Körper jung erhalten, und nur die schneeweißen Haare waren die einzigen Anzeichen des Alters an ihm. Seine Predigten, Andachten und seine Erzählungen atmen eine kernige Jugendlichkeit. Der Pre- diger war m ihm mit dem Dichter gepaart, seine erbaulichen Schriften iinn f... i > .... ei. .... r. x..... . z hlenden Werke, sind sittlichem Ernst durchgluht, vermeiden aber mit sicherem Takt- gesuhl die schon vielen verhängnisvoll gewordene Klippe der Lehrhaftigkeit und vermitteln ein lebendiges Stück Volkskunde. zürnte srau ntrohschnitter und nahm sich vor, selber auf» SnÄn5nt8oUt®e^ unl,ie 1?0“te ihr Kind dabei im Arm tragen! ^ch o 'nte sie sich nicht aufraf enl Sie versuchte, vorerst einmal unauffällig den Domdekan zu sprechen. TinAauf ,*^1'“ls er Samstags aus dem Beichtstuhl kam. Doch wie er sie auf sich zukommen sieht, will er ausweichen und setzt ein verschmitztes Lächeln in die Mundwinkel, wie geistliche Herren es gegen Frauen gern zur Schau tragen, und was vielleicht Wen sollen: Na, Flitterwochen schon zu End? Warum so Ml die Turmerin läßt ihn nicht vorbei und spricht ihm !>e-lJnp. bartlose Antlitz: „Ich sterbe da oben, und mein Kind gedeiht nicht, Herr Domdekan l Er behält das Lächeln. Frau Strohschnitter liest darin: Freilich sterben Sie da oben! Wo denn sonst?I und er sagt: ,Äaben Sie denn schon eine andere Wohnung?" „Nein, gewiß nicht," versetzte die Frau, „aber ich denke: der Dom hat eine Wohnung für unsl" „Wie Sie denken, gute Frau!" .... So sagt der Dekan und läßt die Türmerin stehen, steckt die Hande in die breiten Spitzen der Aermel und schlurft davon. Weinend kam sie oben an, und der Mann sagte: „Warum weinst du, Mutter?" „Sie sind einig gegen uns," erwiderte sie, „sie haben sich gegen uns verschworen; vielleicht hat ihnen unser Taufkaffee nicht geschmeckt! Aber an jenem Tag sind sie Freunde geworden, und sie waren zuvor Feinde, und das ist also nicht anders wie bei unserm lieben Herrn und Heiland auch!" „Wieso?" fragte der Mann und goß dunkelbraunes Oel aus einer riesigen Kanne in eine Flasche. „Wie? Du wüßtest das nicht, daß Herodes und Pilatus mit dem Tod Jesu ihre neue Freundschaft verkittet haben?" „Die Zeiten sind schlimm, und sie werden noch schlimmer," versetzter der Türmer, „und wenn wir etwas durchfechten wollen, muffen wir uns beeilen!" „Und wie wär's. Liebster, wenn du dich. nach einem andern Beruf umsehen würdest?" „Was kann ich viel beginnen mit meiner zerschossenen Hand," erwiderte er, „jetzt, wo soviel Krieger ohne jede Arbeit sind, kann ich die meine nicht preisgeben!" Die Türmerin entfloh oftmals ihrem hohen Käfig, überantwortete ihr Kind seinem Vater und eilte hinab in die Stadt unter Menschen. Wenn sie nur im Gewühl der Straßen gehen durfte, wenn sie nur das Leben und Treiben sah, Menschen reden hörte, war sie schon beglückt. Wenn sie zwei Menschen an einem Schaufenster stehen sah, schlich sie sich heran, zu belauschen, was die so eifrig zu besprechen hatten, und sie freute sich an allem, was sie hörte. Wenn sie spät gegen Abend erst heim kam, stand jeweils der Gloriaengel am Domportal und wollte gerade zuschließen. Ost trieb sie sich ziellos in der Stadt umher, besah sich von jeder Straßenecke ihre „gesunde" Wohnung da oben, von der sie freilich nirgends ein Fenster erblicken konnte, Und einmal begegnete ihr der Domdekan, als die ersten Lichter schon brannten. Da sah sie dem glatten Gesicht an, daß nicht die besten Gedanken hinter den freundlichen Zügen weilten. Der alte Tippenkucker aber klimperte vorm Portal auf und ab, pnd ohne ein Wort zu sagen, schloß er hinter der Türmerin zu. Sie sah ihn im grünlichen Gaslicht von der Seite an, und dabei kam ihr ein absonderlicher Gedanke . . . Sie konnte den Gedanken nicht für sich behalten, rannte in den Turm und keuchte hinan, und ihr Mann kam ihr entgegen und trug sie auf den Armen wie am Tag der Hochzeit und küßte sie immer wieder. „Wir werden ausharren müssen!" sagte er, aber sie darauf: „Paulus befiehlt uns anders!" „Was befiehlt Paulus?" „Komm, nimm mich auf deinen Schoß," erwiderte sie, „daß keins von uns umfällt vor Schreck! Der Domdekan ist mir begegnet; er hat sicher gedacht: wo treibt sich die Türmerin so spät noch umher? Und der Gloriaengel hat dasselbe gedacht!" „Der Gloriaengel denkt überhaupt nicht!" versetzte der Türmer, und die Türmerin fuhr fort: „Ich aber denke so: ich lasse mich jetzt jeden Abend spät von den Herren erwischen, bis sie in ihrer Art überzeugt sind, daß deine Türmerin ein — leichtsinniges Leben führt . . . und dann werfen sie uns aus dem Turm hinaus ... Ja, und es soll mir nichts ausmachen!!" Die Türmersleute lachten sich an, umarmten sich und wollten es anscheinend doch nicht so weit kommen lassen! 3.' Indessen wuchs das Domkind heran, ward stark und fröhlich wie die jungen Falken, die unweit feiner Wiege ihr« Nester hatten, und gedieh bester als das Pälmchen. Dor dem Fenster, wo fein Dettchen stand, ragte eine Kreuzblume ins Blaue. Wenn das Kind unter Mittag schlief, so warf die Sonne den Schatten dieser Blume auf das Dettchen, und er strich gemach über die weiße Decke, bis das Schläfchen beendet war. Die kleinen Turmfalken kamen auf die Brüstung des Rundganges geflogen und klebten sich wie Tauben an die schmalen Holzgesimse, schnäbelten, hüpften auf die Kreuzblume und stießen ihren weidmannsmäßig kurzen Ruf freudig in den Tag, der allen Straßenlärm leicht überschrie. Wenn die Luft nicht stürmte und die Sonne schien mitt), so schob die Mutter das Kind in dem Wagen heraus in den Rundgang und ließ es da Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach. (Fortsetzung.) Als die Türmerin zum erstenmal herab in den Dom kam, sich vom Pfarrer aussegnen zu lassen, wie das so Sitte ist, eilte aus einer Seitenkapelle der Domdekan auf sie zu, lüstete die Spitzen- üecke des Kindes, das von der Amme getragen wurde, und lächelte lchelmisch und sprach: „Das ist das Geheimnis der Ehe: daß man jetne Flitterwochen auszudehnen vermag ins weite Leben!" Sie lächelte zwar auch zu diesen Worten, ober eigentlich wollte fte ihm antworten, daß Zigeunervolk besser dran sei als sie! Denn Frau Strohschnitter hatte während der ersten Wochen ihrer Ehe die letzten Fliegerangriffe der Feinde mitgemacht und ward seitdem von erschreckenden Träumen heimgesucht. Sie träumte, ihr Bett stehe außen im Rundgang, und die Granaten schwirrten um sie her; sie träumte, die Turmfalken kämen und pickten ihr an den Fuß- Zehen; sie träumte, ihr Bett hänge schräg außen an den Dachfirsten und begänne hinunterzurutschen in die Tiefe! Die Türme des Domes sah sie wanken und durcheinanderpurzeln, die alten Risse breiter werden, die Gipsverklebungen, die Veränderungen der Risse anzeigen sollten, sah sie entsetzlich klaffen! Jene Nacht, da sie mit 'hrem jungen Mann unter den drei Steinkuppeln des Hauptturmes saß, war nicht so schlimm gewesen wie diese nachfolgenden Träume. Und dabei schoß das fieberhaft erregte Blut durch das winzige Gebilde unter ihrem Herzen! Monatelang war sie sozusagen nicht unter Menschen, und außer dem König Saul kam selten jemand herauf: hie und da ein Fremder, der die Aussicht betrachten wollte, hie und da einer ober eine aus dem Bereich der Zosephsgarde, und die hätten auch ganz gut fortbleiben können! Oft setzte die Türmerin vorm Spiegel am Kuchenschrank das Hütchen auf, das noch die Spuren der Mode trug, ging stundenlang so in ihrer Arbeit umher und fang dazu die Lieder der Gassenbuben! Dann setzte sie es wieder ab und meinte und sprach zu ihrem Mann: „Ich sterbe hier oben!" Ober wenn der Mann irgenbroie beschäftigt war, sprach sie zu ihrem Kinb: „Wir sterben noch ba oben, Paulus Slogantius Nikolausius! Unb bctne vornehmen Paten übertaffen uns unferm Elend!" Einmal schickte sie ihren Mann ins Stadthaus, daß er sich beim Bürgermeister erkundige, wie weit der Voranschlag gediehen sei! Der Türmer kam zurück; er hatte sich in einem Vorzimmer ab- fpeifen lassen, und da hieß es: Elektrisches Läutewerk? Feuermeldung? Liebe Zeit, wir haben eben andere Sorgen! Da sehen Sie, Herr Türmer: die Besatzungstruppen und die Besatzungszivilisten, da sehen Sie: Ausgewiesene, Kriegsfürsorge, Hinterbliebene, Arbeitslose, Schul», Krankenhäuser, Narrenhäuser, Zuchthäuser, . . . um Gottes willen, bleiben Sie uns vorn Hals mit Ihren Geschichten! Oder wenden Sie sich doch am besten an den Dom! - 4^0 — Deramwortlich: Dr. Hans Lhyriot. — Druck der Brühlfchen Aniversitäts.Duch. und Steinbruckerei. R. Lange. Grehen. köstlich schlafen, und wenn ein Fremder kam, beugte er sich über das Kind und sprach: „Seine Bäckchen smü wie trngelsbackchen, kein Wunder auch: wer so nah dem blauen Himmel aufwachsen darf, der mutz wohl geraten!" _ .. h Die Mutter schob den Wagen m den, schmalen Gang hm und her und sang dazu, und oft konnte sie unterscheiden, daß Mutter unten in den Gassen stehen blieben und heraufdeuteten mtt Sonnenschirm und bekleideter Hand. Bon Ost bis Sudwest konnte der Kinderwagen im Gang bequem hin und her geschoben werden, unweit hinter dem großen „Kaufhaus am Dom breitete sich de. Bischofs Palast in die enge Gasse und sah rmt vierundzwunzig Fenstern über eine ganze Herde armer Schieferdächer herauf, doch waren alle Fenster iinmer geschlossen, und der gnädige Herr sah sein Patenkind nie spazieren gehen! , t r Oft trug auch der König Saul das Domkind auf den Armen, sang ihm weltliche Lieder, die er nach und nach erst wieder lernte, ließ es in die Landschaft schauen, zeigte ihm den Rhen« und hieß es auf die tiefen Signale der Schiffe lauschen, auf den Sturm, der zwar die Pappeln senseits des Flusses beugte, dem Turm aber nichts anhaben konnte, und zeigte ihm das Gebirge von Stein und Schiefer, über öeffen Abgründen es geboren war. Er brachte einen Kanarienvogel, und der schmetterte schon am ersten -ag. weil er sich in den hohen Lüften wohl fühlte. Sie und er," sagte die Türmer,n zum König Saul, „Sie beide haben's gut hier oben! Sie sind ii, Ihrem Element, aber mir nnbcrn finb nicht für bic geboren! .. . Bogel und Pülmchen waren so bescheidene Kostgänger und waren so dankbar! Wenn Paulus Langeweile hatte, so frng der Bogel an zu singen, und Paulus patschte mit den Händchen nach . ihm und sang mit. An warmen Abenden des ^"chlommers wollten beide nicht aus dem Rundgana weg. und einmal schlief die ganze Familie unter freiem Himmel. Auch die Turmfalken hatten ihre helle Freude an dem gelbgrünen Sänger und verzogen sich ost W« u„b melke sie mit Schnee und Eis, hängte ferne nebelichten Gardinen rund um den Turm, so daß man tagelang die andern Turme nicht einmal sehen konnte, kein Dach, kein Licht unten in der Stadt, und wenn der alte Gloriaengel nicht seine Glockenserle gezogen hatte, wäre man aus den Gedanken gekommen: d,e Menschen seren aus- O^An Zeinen» solchen Nebelabend aber kam zum ersten Male St. Nikolaus auf den Turm: ein ungeheurer Kerl, der, von zottigen Glockenseilen umwickelt, mit zwei ausgedienten Uhrzeigern, die er bestimmt auf dem Domspeicher gefunden hatte, Lärm schlug und einen Bart auf der Brust baumelnd trug, der ebenso aus zer- zauselten Glockenseilen zusammengekordelt war! Das Domkind meinte, als es den Heiligen sah, "ber da riß der ^eiliae seine Lumpen ab, und aus dem verstaubten Speicherkram hob sich ein schwarzgeringelter Schopf und ein gutmutigesAnge- sicht das dem König Saul gehörte und allen Schreck verscheuchte. Da atmete das Domkind auf und jauchzte, und das Bögelchen, das sich auch schon gefürchtet hatte, hob sein Lied in die Gewölbe. 'Das war die stille Adventszeit, in der die dunklen Glocken keine Rübe baden dürfen, dann kam der Weihnachtsabend, der Ge- burlstag, und der brachte vom Bischof einen Korb Wern und von der Stadt auch einen, und die Türmersleute feierten mit dem Könia Saul bis zur Mette um Mitternacht. Als die Sonne sich wieder in die Höhe schwang, begann Paulus im Rundgang ihr entgegenzulaufen. Er lief durchs die beiden großen Stuben hinaus in die kleine Küche, die ohne rfenfter rm Zweiten Turmgewölbe stak; er lief an dem Schurz der Mutter durch ein winziges Türchen auf den Turmspeicher allwo die Mutter morsche Bretter zerhackte fürs Küchenfeuer; er lief an der Hand des Balers die steile^Treppe hinunter zur Turmuhr und sah zu, wie die schweren Gewichte sich hoben, wie die blanken Rader sich verzacklen, und er trat pendelnd von einem Bem aufs andere, als musse er dem Uhrwerk gehen helfen. Mit dem langen Pinsel durste er die Mder ö[»n Er mußte auch die Glocken schmieren, die hinter dem Uhr- kästen hingen, und er durfte mit hinaufsteigen zu den kleineren Glocken qrad über der Küche. Wenn er mit seinen Fingerten an erzkalten Wände knöchelte, antworteten ihm die großen Glocken nicht; aber die kleinsten waren stets bereit, mit ihm zu spielen, denn 16 Aus^den schultern des Vaters durfte Paulus mit hinunter m den Dom. Da kamen allerlei freundliche Menschen, denen mußte das Domkind ein Händchen geben und mußte ihnen zeigen daß es laufen konnte. Da war auch der König Saul und trug ein weißes Spibenhemd über der Soutane, und viele Manner und Knaben standen um ihn her und sangen. Da schob ein alter Mann einen langen Stab von Bank zu Bank an den Leuten vorbeh und an dem Stab hing ein Säcklein aus Samt, und an dem Socklem bimmelte ein Sckellchen, wie es die Mutter am Bett stehen hatte. An den Wänden lehnten Menschen aus Stein. Kinder hockten da und bliesen die Flöten, aber man hörte sie kaum! Buben m farbigen Röcken durften alle zwei Minuten Ichellen, so laut sie wollten. Der alte Mann mit dem Schellchen am Stab war mit dem Vater befreundet und plauderte hiiiter einer Säule lang mit ihm, und Daulus durfte die Hand am Stab halten. Dann beugte sich der Alte zum Domkind herab und sagte: „Ich bin dein Onkel Glmm- enoel, gib mir ein Händchen!" Da gab Paulus ihm ein Händchen, und nun ritt er auf des Vaters Schulter wieder treppauf. Das Domkind spielte am liebsten mit dem König Saul und spielte mit dem König Saul am liebsten im Dom. Der lange Kapellmeister, dessen Reich hinterm Hochaltar bis in die hohen Chorstühle der Domherren sich erstreckte, überragte seine Süngerschar von der Schuller an. Da sah das Kind den liebreichen Mann jederzeit freundlich zu sich lächeln, indessen die überaus langen Arme umherfuchtelten und anscheinend bis zu den gemalten Sternen des Chores hinaufgriffen, als müßten sie dort erst herabholen, was die vielen weitgeöffneten Münder der Männer und Knaben fangen. Oft aber fand das Domkind den geliebten Onkel ganz allein im Chor; da fang er, da summte er, da blätterte er in großen Büchern, die auf eichenen Pulten ausgebreitet lagen . . . und wenn dann Paulus im Wachstuchschürzchen unversehens angetrippelt kam, da verschwand der lange Schwarzrock sogleich, und Paulus mußte ihn erst wieder suchen. Aber Paulus hatte immer Glück, denn der schwarze Lockenkopf war so ungeheuer dick, daß er sich nicht leicht hinter einem geschnitzten Schaf oder in einer Bank verstecken liefe! Doch läuft das Domkind nicht schnurstracks hin und Zupft den König an der Soutane oder an der Soutanella, sondern es versteckt sich selber hinter einem geschnitzten Esel, der eine Brille trägt, ober hinter einem hölzernen Schwein, das Manschetten anhat, und es ruft: „König Saul! König Saul!" (aber das darf aufeer den Dom- schweizern und aufeer dem Gloriaengel niemand hören!) Uno bann erhebt sich bei König und stapft zu einem hölzernen Engel, der aus einem Pult hockt und in den Tag hinein lacht, und stellt sich breitspurig vor ihn und fragt: , Männeken, habt ihr nicht Paulus Moquntius gesehen, euren Gespielen?" „Nein!" anroortete ber Engel, „nein, König Saul!" Dann geht ber König zum heiligen Martinus, bem Schutzpatron des Domes und ber Diözese, ber in Stein lebensgroß auf seinem Gaul sitzt unb so tut, als wollte er über Altäre unb Menschen hinwegreiten, unb ber Heilige antwortet, ohne gefragt zu sein: „Nein, Majestät" „Hat sich ber Bursch etwa in belnen Mantel verkröchet?" spricht König Saul unb steigt am Thron bes Bischofs in die Höhe, unb bann steht plötzlich das Dom- kind da inmitten des Chores und lacht und ruft immerzu: „Korng Saul! " Da schießt ditzser der Stimme nach wie einem Woll- faben und erhascht wie einen Klüngel das Domkind, hebt's über eine Locken empor unb trägt’s einher. Das Kind war im Dom zu Hause; es lief schließlich ganz allem die vielen Treppen herunter, trieb sich vor den Kindern umher, die doch seine Gespielen hätten sein können, und stieg allem, wieder empor. Die Domfchweizer, die in bem Glanz unb in ber Herrlichkeit vergangener Jahrhunderte einherstapften, kannten es und lleßen es gewähren; die Glöckner beauftragten es zu winzigen Handreichungen, die jungen Geistlichen nahmen es an ber Hand und zeigten' ihm immer mehr Kinder auf Bild und Stein, der Dam Pfarrer führte es in die Geheimnisse der Sakristei, und waren die Ministrantenröcke nicht gar zu groß gewesen, so hatte es gleich den Domschweizern bunt einhergehen dürfen in den weiten Raumen! Kinder, die zum Dom beten gingen, verehrten bas Somfinb, als gehöre es auf einen Mar, und empfanden eine heilige Scheu vor ihm und viele glaubten: es sei wirklich aus einem Altarbild heruntergehüpft, weil es sich dort gelangweilt habe! Und weil es bes Bischofs Patenkind war und auch das des Oberbürgermeisters, so trauten sie sich nicht, mit ihm zu reden (was im Dom überhaupt so eine Sache war, denn die grofeen bunten Schweizer hatten Ohren wie Hechelmäuse!), unb das Domkind hätte doch so gern ein paar Freunde gehabt unter den Kindern! Auch die Erwachsenen, die zum Dome pfarrten, sonderlich die getreuen Stammgäste, die tagtäglich kamen, gewohnten sich daran, bafe bas Domkind, des Bischofs Patenkind, frei aus- und eingehen durste im heiligen Hans, und sie tiefeen sich nicht in ihrer Andacht stören. Ja, sie freuten sich unb erbauten sich, wenn immer fie es iahen unb viele tarnen untertags nur deshalb in den Dorn, daß sie das Patenkind ihres Bischofs sehen konnten! Unb sie brachten ihm. was man Kindern bringt, fühlten sich beglückt, wenn Paullls ihnen zum Dank das Händchen reichte, unb oft sah man nachher das Kerlchen in einer der hohen Bänke sitzen und naschen. Wiederholt führte der Bischof selber das Kind durch den Dom. wenn er nicht gerade in feierlichem Ornat einherging, und zeigte ihm die unübersehbaren Schätze von Bildern in Farbe, Stein, Holz unb Elfenbein. War bei den gewichtigen Geschichten, bie bargefteUt würben, kein Platz für solche Weltenbürger, so bürsten doch etliche von ihnen so, wie ber liebe Gott sie erschaffen hatte, in ben breiten Rahmen umherpurzeln, durften längst verstorbenen Domherren Blumenkränze halten und Rosen, durften die Schleppen der vornehmen Heiligen tragen, dursten die Krone der Gottesinuiter schwebend halten, dursten bei Gottvater selber unterm Baldachin bes Thrones himmlischen Schnickschnack treiben. Freilich bei großen Festlichkeiten mußte das Domkmd oben bleiben in seinem Turm, wenn nicht gerade irgendein Erwachsener jifi) feiner erbarmte und es zu sich nahm. Am Tag vor Christi Himmelfahrt kehrt die Mutter Strohschnitter mit Paulus aus der Stadt zurück, und wie sie nach der Turmtur kommen schmücken zwei Nonnen den Marienaltar, und ein ganzer Blumengarten sicht da und jubelt in die düstere Seckenkapelle wie eine Schar fromm ausgelassener Kinder. Die Nonnen sehen Mutter und Kind und fragen: ob bas nicht bas Patenkmd des feodjmurblgcn Herrn sei, und sagen: „D, lassen Sie uns doch das K'mblein em Weilchen, wir bringen es Ihnen hernach hinauf in den Turm. iForttehung folgt.)