Eichener Kmilienblätter Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger Jahrgang <926 Dienstag, ösn September Nummer Z4 NachMed. Von Friedrich H e b b e l. Quellende, schwellende Nacht, voll von Lichtern und Sternen: In den ewigen Fernen, sage, was ist da erwacht! Herz in der Brust wird beengt, steigendes, neigendes Leben, riesenhaft fühle ich's weben, welches das meine verdrängt. Schlaf, da nahst du dich leis, wie dem Kinde die Amme, und um die dürftige Flamme ziehst du den schützenden Kreis. Der Wiederaufbau eines Limeslurmes (Burgus) bei Bad-Nauheim. Von Paul Helmke, Denkmalpfleger für die Bodenaltertümer in Oberhessen*). In diesen Tagen geht ein Bauwerk seiner Vollendung entgegen, das in mehr als einer Hinsicht das Interesse der wissenschaftlich Gebildeten wie der wanderfreudigen Naturschwärmer erregen wird: es ist die Rekonstruktion eines Turmes am römischen Pfahlgraben beim Gorsthaus Winterftein, ganz in der Nähe der Kaiser grübe. Der Gauls köpf, auf dem sich der Turm erhebt, wird von der Gemarkungsgrenze der beiden Dörfer Nieder- und Ober-Mörlen überschnitten und steht auf dem Gelände des erstgenannten Ortes. Der Untergrund ist Schiefer; der Turm selbst ist aus Taunusquarzit, der in nächster Nähe gebrochen worden ist, gebaut; das Dach besteht aus Schiefer. Es fei gestattet, auf die Entstehung und die Baugeschichte der Rekonstruktion einzugehen, da sie auf die Hilfsbereitschaft und das freudige Eintreten eines Deutschen in den Vereinigten Staaten von Amerika für sein altes Heimatland und damit auf die Heimatltebe der Deutschen im Ausland« überhaupt einen hellen Strahl wirft. Ein Vortrag im staatlichen Museum von Bad-Nauheim, den ich vor Kurgästen bald nach Beendigung des Krieges über die vorgeschichtlichen und römischen Verhältnisse der Wetterau hielt, und der in eine Klage über die durch die eingetretene Verarmung Deutschlands ins Stocken geratene archäologische Tätigkeit auslief, veranlaßte einen Zuhörer, mir für diese Aufgabe einen größeren Beitrag in Aussicht zu stellen. Das hochherzige Anerbieten, das auch durch die Dankbarkeit für die Segnungen der Heilquellen van Bad-Nauheim mit veranlaßt mar, setzte mich zunächst in den Stand, die Reste des römischen Turmes auf dem Gaulskopf am Winterstein, dessen Umfang und Form trotz wiederholter Untersuchungen in der Zeit der Tätigkeit der Reichs-Limeskommission nicht genau festgestellt worden war, freizulegen und in allen Einzelheiten zu bestimmen; Geheimrat Professor Dr. F a b r i c i u s in Freiburg i. B., der Dirigent der genannten Kommission, der die Bearbeitung und Herausgabe der gesamten Limesuntersuchungen leitet, beteiligte sich persönlich an den Arbeiten am Turm. So war es möglich, an den stellenweise noch über 1 Meter hohen Trümmern die genauesten Maße und die zuverlässigsten Aufnahmen zu gewinnen, ein um so wertvollerer Erfolg, als schon vor dem Krieg die Mittel für so umfassende Grabungen nicht ausreichten. Freilich mar der Zustand des Turmes infolge von Verwitterungsemflüfsen und der mehrfachen Untersuchungen, sowie auch der Einwirkungen von Frost, Wurzeln und Ameisen so schlimm, daß die Erhaltung der Ruine nicht mehr möglich war; die Baufälligkeit beruhte namentlich auch darauf, daß der Turm ohne Fundament direkt auf den nackten Schieferfels auf einer trockenen Rollschicht errichtet war. Die Aehnlichkeit unseres Turmes mit den Fundamenten eines auf dem Johannisberg neben der alten Kirche stehenden, den ich in den ersten Jahren des Jahrhunderts zusammen mit Baurat Sprengel (t) aus Nauheim untersucht hatte, sowie der Unterschied beider gegenüber den anderen bekannten Formen der römischen Wachttürme in Germanien, und nicht zum wenigsten die wunderbare Lage des Gaulskopfes mit feiner umfassenden Aussicht, alles das ließ in mir den Gedanken auftauchen, ob es nicht möglich sei, an dieser Stelle den Turm als Muster eines „burgus“ und zugleich als herrlichen Aussichtspunkt wieder erstehen zu lassen. Der *) Einige Bilder zu dem nachstehenden Aufsatz hoffen wir später in „Heimat im Bild" zu bringen. Schwierigkeiten,, namentlich der Geldbeschaffung in dieser armen Zeit, war ich mir wohl bewußt, wenn man auch nicht ahnen konnte, daß die später einsetzende Inflation allen guten Absichten ein jähes Ende bereiten würde. Jedenfalls fand ich bei Gustav Ober- tuender, einem gebürtigen Düsseldorfer, der jedes Jahr aus Amerika herüberkommt, um sich in Nauheim gesund zu baden, ein offenes Ohr und eine willige Hand, um nach der durch ihn ermöglichten Untersuchung der römischen Ruine auch den Wiederaufbau des Turmes selbst zu unternehmen. Ebenso bereitwillig stellten sich die staatlichen Behörden in den Dienst der Sache: Das Hess! che Hochbauamt Friedberg (Oberbaurat Haag, Regierungsbaumeister Lepdhecker, Dberbauinfpettor Sui tmann) und die Hessi che Oberförsterei Nauheim (Forstrat Ohl) setzten ihre ganze Tatkraft ein, nm das Unternehmen zum glücklichen Ende zu führen; dankbaren Herzens gedenke ich auch der starken Unterstützung von feiten der Bauabteilung des Hessischen Ministeriums der Finanzen (Ministerialdirektor Dr. Kratz und Ministerialrat Wagner), der Forstabtei- lung (Geheimer Forstrat Walther) und der Badedirektion (Baddirektor von Boehmer) von Nauheim; unvergessen sei auch die Bereitwilligkeit, mit der die Gemeinde Nieder-Mörlen und ihr freundlicher Bürgermeister das Gelände zur Verfügung stellten. Die Pläne zu dem Turm, die im engen Zusammenarbeiten mit Geheimrat Fabricius entworfen waren, wurden von der Bauabteilung des Ministeriums ausgearbeitet; in anderen Fragen erfreute ich mich des Rates von Professor Dr. Herzog in Gießen. — Sv wuchs denn der Bau nach Ueberroinbung der unvermeidlichen anfänglichen Schwierigkeiten langsam «der beharrlich aus der Tiefe empor; eine unangenehme Verteuerung stellte sich dadurch heraus, daß die Baustelle von dem Basaltsteinbruch und der Wasserstelle fast eine halbe Stunde, und von der nächsten Stadt (Bad-Nauheim) über eine Stunde entfernt liegt, so daß die Heranschaffung des Materials und des Rüstzeugs bedenkliche Mehrkosten verursachte. Am schlimmsten aber wurde es mit dem Eintritt der Inflation, die unsere schönen Dollarnoten wie Butter an der Sonne schmelzen ließ, und eines Tages — der Turm war mit den Mauern neun Meter hoch geworden — war es mit dem Geld zu Ende; er versank in Dornröschenschlaf. Alle Bemühungen, beim Reich und beim Land, beim Bad und bei den benachbarten Städten Mittel fluffig zu machen, waren vergebens, und es schien, al- ob dem mit so frohem Mut begonnenen Werk bas traurige Schicksal des Unvollendetseins beschieden sein sollte. Da trat — inzwischen war das Jahr 1926 herangekommen — Gustav Oberlaender wieder in die Bresche und stellte die noch fehlenden Mittel zur Fertigstellung des Turmes und zum inneren Ausbau zur Verfügung. Heute ist der Turm vollendet; weithin leuchtet er mit feinen weißen Mauern in die Ferne und ruft den archäologisch Interessierten wie den frohen Wandersmann zu sich. Seien wir stolz darauf und dankbar dafür, daß ein Deutscher im fernen Ausland sich und uns ein so prächtiges Denkmal gesetzt hat. lieber bie Form des Turmes ist folgenbes zu sagen: Das Bauwerk unterscheidet sich sehr von den in Lehrbüchern und Modellen bekannten Mustern; vor allem fehlt ihm die so oft erwähnte offene, umlaufende Galerie. Es sei dafür auf die (Erläuterungen und Zeichnungen verwiesen, die F a b r i c i u s in der 1926 erschienenen Limespublikation (Lief. 44 „Der Odenwaldlimes vom Main bis zum Neckar") gegeben hat. Er weist darin einwandfrei nach, daß zum mindesten die Odenwald-Limestürme die Form besessen haben, die auch unsere Rekonstruktion auf dem Gaulskopf hat; einen untrüglichen Beweis dafür bieten namentlich die zahlreichen Werkstücke der Odenwaldtürme, Säulen, Tür- und Fensterlünetten ufw., für die Fabrlrius auch außereuropäische römische Bauwerke zum Vergleich und zur Ergänzung herangezogen hat. Eins freilich darf man dabei nicht außer acht lassen: Das Sleinmaterial im Odenwald (Sandstein) ist für die Verarbeitung viel geeigneter als der spröde und harte Taunusquarzit; so kommt es, daß dort bie größere Anzahl auch ber kleinen Grenztürme in biefer Form errichtet worben ist, währenb bei uns meist bie bekannte Art bes steinernen Unterhaus mit Fachwerk-Oberbau unb Holzgalerie gewählt worben fein mag. Allerbings finb auch hier, z. B. im Friebberger Burgwalb am Winterftein, unter römischen Turmresten Bauglieder gefunben worben, bie Verwandtschaft mit den Odenwald türmen aufweisen; wir konnten und muhten also für den Gaulskopfturm, dessen Maße ihn noch dazu aus der übrigen Menge ber Grenztürme herausheben, mit gutem Gewissen bie Form ber Odenwalbtiirme zugrunbe legen. Es Ist für bie vorliegende Beschreibung belanglos, die genauen Maße des Burgus zu geben; nur soviel sei gesagt, daß seine Seitenlänge (über 8 Meter) die ber gewöhnlichen Limes türme saft um die Hälfte übertrifft, und daß auch seine Höhe (etwa 15 Meter), die durch die Stärke des Fundaments bewiesen wirb, weit über bas gebräuchliche Maß hinausgeht. Der Unterbau, an ben vier Ecken unb — 294 in der Seiienmitte durch breite, aber nicht hohe Pfeilervorsprünge gegen Schiebungen gesichert, steigt senkrecht auf und hat eine Mauerstärke von fast 14 Meter; ungefähr in 1 Meter Höhe ist dann die Mauer auf der Außenseite in kleinen Stufen abgetreppt, so daß der dnraufstehende eigentliche Turm kürzere Seitenmaße aufweist. Die Tür zu dem Bau liegt etwa zwei Meter höher als der Erdboden und wird durch eine Holztreppe von außen erreicht. Zwei Stockwerke hoch steigen die Mauern senkrecht empor, ohne eine andere Unterbrechung und Gliederung der breiten Wände als durch schmale Fensterfchlitze; dadurch wird eine gewaltige Wucht und Massigkeit des in durchlaufenden Quaderreihen aufgeführten Turmbaus erzielt, die feine Aufgabe als Verteidigungswerk so recht in die Erscheinung treten läßt. Lebhafter gegliedert ist der oberste Stock; er hebt sich für das Auge durch ein doppeltes vorspringendes Gesims heraus; die darüber stehenden Wände sind in vier meterbreite Fensteröffnungen von rund 14 Meter Höhe zerlegt; die dazwischen stehenden Pfeiler schließen oben ebenfalls mit einem profilierten und vorspringenden, den ganzen Turm umlaufenden Gesims ab. Die Pfeiler tragen die gewölbten Fensterbogen. Den Abschluß bildet das verhältnismäßig flache vierseitige Pultdach, auf dessen Mitte sich ein kurzer, verbleiter Knopf erhebt. Es würde zu weit führen, auf Einzelheiten einzugehen; hingewiesen sei nur auf die Eingangstür, die mit der Wucht ihrer massigen Größe und der Schönheit der schmiedeeisernen Beschläge von der liebevollen Gewissenhaftigkeit zeugt, mit der Regierungsbaumeister Leydhecker den andernorts gefundenen Originalen getreulich nachgegangen^ist. Zwei Wasserspeier auf der dem Pfahlgraben zugewandten beite unter dem ersten Gesims sollen das durch die offenen Fenster eindringende Regenwasser ableiten. Auch die Dachschiefer entsprechen genau den durch Funde gesicherten römischen Formen. Der in Gestalt einer Lünette über dem Eingang angebrachte Türsturz trägt folgende lateinische Inschrift: GVSTAVVS - OBERLAENDER NATIONE - RHENANVS - CIV1TATE ■ AMERICANUS BVRQUM ■ LIMITIS • ROMANORUM VETVSTATE • CONSVMPTVM IMPENSA - SVA > RESTITVIT PAVLVS • HELMKE • GIESSENSIS • FACIENDVM CVRAVIT > ANNO • P • CHR • N • MCMXXIII • Sie besagt also, daß der durch die Länge der Zeit zusammengebrochene Bau von dem Amerikaner Gustav Oberlaender, einem geborenen Rheinländer, auf seine Kosten wieder errichtet worden ist, und daß Paul Helmke aus Gießen die Anregung zur Rekonstruktion gegeben und ihre Durchführung geleitet hat. Das Innere des Burgus ist, den Mitteln und Zeitläuften entsprechend, einfach gehalten; der Fußboden ist mit Quarzitplatten belegt, deren Fugen mit Zement ausgegossen sind; die Böden der beiden oberen Stockwerke sind aus Dielen bzw. behauenen Stämmen gebildet, zu denen bequeme Holztreppen hinausführen. Die Wände sind rauh und unverputzt geblieben und bieten möglichst geringe Gelegenheit zum Beschmieren und Beschreiben. — Sie Aussicht von oben ist überwältigend schön. Man überblickt den ganzen Zug des Taunusrückens mit den Kastellen Kapersburg, Saalburg und 'Feldberg; zwischen dem Turm und den waldbedeckten Höhen breitet sich die weite Hochfläche von Usingen und den andern Ortschaften bis zum Weiltal aus. Nach Norden senkt sich der Blick in das „Schwarze Loch" nach Ziegenberg und schweift über Langenhain (Römerkastell) bis nach der Römerfestung Butzbach und zum Hausberg, über dem sich bei klarem Wetter in blauer Ferne das Massiv des Dünsbergs bei Gießen erhebt. Wohl am prächtigsten ist die Aussicht nach Osten, wo sich der Johannisberg, Bad-Nauheim, Münzenberg und die' ganze gesegnete nördliche Wetterau mit der reichen Fülle ihrer Dörfer, Aecker und Wiesen dem entzückten Auge darbietet. Die südliche Wetterau und Friedberg sind dem Blick durch den vorspringenden Winterstein entzogen. Welche Bedeutung hatte der Bau in römischer Zeit? Dem aufmerksamen Leser wird es nicht entgangen fein, daß wiederholt das Wort burgus, das auch in der Bauinschrift steht, angewendet worden ist. Zu seiner Erklärung sei auf den entsprechenden Artikel von S e e ck in Pauly Wissowa, Reallexikon der klass. Altertumswissenschaften, verwiesen, wo es heißt: „. . . es bezeichnet ein ganz kleines Kastell (castellum parvulum, quem burguni vocant. Veg. IV. 10.), wie man es als detachiertes Fort in der Nähe größerer Festungen zu errichten pflegte . . . ." „Namentlich aber dienen die burgi zum Schutz der Grenzen, an welcher sie, in mäßigen Abständen errichtet, die Zwischenräume zwischen den großen Festungen ausfüllen und das Durchschleichen kleiner feindlicher Raubscharen beobachten und verhindern." Beziehen wir dies auf unseren Burgus, so erkennen wir sofort den Zusammenhang: Er liegt unmittelbar hinter dem Pfahlgraben auf einer überragenden Kuppe; 180 Meter südlich davon befindet sich das Zwischenkastell Kaisergrube und etwa zwei bis drei Kilometer nördlich das Kastell Langenhain, das den Durchbruch der Ufa durch das Gebirge bei Ziegenberg deckte. Unter diesen Umständen scheint es, als ob man noch mehr solcher burgi am Limes wird suchen müssen; ich denke z. B. an das kleine Fort nördlich von der Kapersburg im Ockstädter Wald. Aber damit ist die Frage nach der Bedeutung dieses burgus noch nicht erschöpfend gelöst; es ist schon früher darauf hingewiesen worden, daß der Oberbau mit feinen durchbrochenen Fenstern ganz anders als bei den gebräuchlichen Limestürmen mit ihren offenen Umgängen gebildet ist. Die Deutung gibt an d-er angeführten Steile Fabricius, der mit Recht darauf hinweist, daß dort oben Geschütze gestanden haben, die wie die modernen Maschinengewehre das Gelände beherrschten; durch die Ecken, die Pfeiler und das Dach waren die Bedienungsmannschaften gegen einschlagende feindliche Geschosse gesichert. „So entwickelte sich hier die Turmform, deren bestes Beispiel aus spüthellenistischer Zeit in der kleinasiatischen Stadt Perge erhalten ist. Wie nach oben läßt die Entwicklung dieser Turmsorm ich auch nach unten, in das Mittelalter verfolgen. Auf ihr beruht >er besonders in Italien vertretene lombardische Kirchenturm mit einer nach allen «eiten geöffneten Plattform im Dachgeschoß." Und ein anderes Beispiel aus römischer Zeit finden wir in Deutschland selbst: Die Porta nigra in Trier mit ihren mächtigen zahlreichen Fenstern, die durchaus Verteidigungszwecken dienten. Und noch eine Frage ist zu klären; besteht ein Zusammenhang des burgus auf dem Gaulskopf mit dem auf dem Johannisberg, und welcher? Beide Bauten zeigen auffallende Aehnlichkeiteu: Die Größe der Mauerlänge, die an den Ecken vorspringenden Pfeiler, die Dicke der Mauern, die Höhenlage u. a. Andsrerfeits gibt es auch Unterschiede: Der Nauheimer Turm war mit gebrannten Ziegeln der XIV. Legion (Gemina Martia Victrix) gedeckt, der Gaulskopf mit Schiefer; auch die Fundstücke sind verschieden, denn der Jo- hannisbergturm ist schon am Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts unter Domitian gebaut und dann weiter bis zum Ende der Römerherrschaft (260 n. Ehr.) benutzt worden, während der Turm am Winterstein erst in der Mitte des zweiten Jahrhunderts errichtet worden ist; feit dieser Zeit sind also beide gleichzeitig in Verwendung gewesen. Dazu kommt, daß sie alle zwei an Stellen stehen, die weiteste Sicht gewähren; man kann heute von dem neben der römischen Ruine stehenden Aussichtsturm auf dem Johannisberg sowohl den Gaulskopfturm als auch den Feldberg hinter ihm erkennen; ebenso sieht man den Johannisbergturm aus der Wetterau von Butzbach, Arnsburg, Inheiden, Echzell, Oberflorstadt und Friedberg (lauter römischen Kastellorten) deutlich. Da liegt es nahe, an die Benutzung der Limestürme als Signalstationen "zu denken, die bei Tage durch Rauch, bei Nacht durch Feuer Zeichen gaben. Diese zweite Aufgabe kam also dem Johannisbergburgus neben der Verteidigung bei der ersten domitianifchen Limesanlage zwischen 90 und 100 n. Ehr. zu; er vermittelte durch Zeichen den Verkehr zwischen den Kastellen des Taunus und der Wetterau. Als dann der Limes vorgeschoben wurde, wurde auf dem Kamm des Gebirges der Burgus auf dem Gaulskopf mit denselben Aufgaben errichtet; durch seine höhere Lage entsprach er der Anforderung, weithin sichtbare Zeichen zu geben, viel besser als sein älterer Nachbar auf dem Johannisberg. Doch blieb auch letzterer noch weiter für diese Aufgabe in Tätigkeit; denn wir haben ja schon früher gesehen, daß vom Gaulskopf aus die Sicht nach dem Kastell Friedberg und damit nach der südlichen Wetterau durch den vorliegenden Winterstein verdeckt ist. Wir haben uns also den Vorgang so zu denken, daß Feuerzeichen von den Taunuskastellen (z.B. dem Feldberg) von dem Burgus auf dem Gaulskopf in die nördliche Wetterau übermittelt wurden; sie wurden aber auch sofort von dem Burgus auf dem Johannisberg aufgenommen und nach dem Kastell Friedberg und den anderen Südwetteraukastellen weitergegeben. Daß der Gaulskopfturm der Aufgabe als Signalstation vor allem gedient hat, ergibt sich vielleicht neben den angeführten Gründen auch "aus der Tatsache, daß der Fußboden und die Ostfeite des Turmes hoch mit Brandschutt bedeckt waren, über dem sich aber noch eine spätere römische Schicht ausbreitete; der Turm ist also einmal ausgebrannt und dann wieder aufgebaut worden. Allerdings braucht dieser Brand nicht durch Unvorsichtigkeit beim Signalisieren entstanden zu sein, sondern kann auf Blitzschlag, feindlichen Angriff oder eine sonstige Nachlässigkeit der Mannschaften zurückgehen; immerhin aber darf er als möglich mit in den Kreis der Betrachtung einbezogen werden. Am Limes zwischen Rhein und Main stehen heute drei Rekonstruktionen römischer Grenztürme: Eine bei Butzbach, eine bei Sayn und eine bei Bad-Nauheim. Von ihnen ist die letzte am bedeutendsten. Möchte der Turm am Winterstein das Ziel recht vieler Wanderer sein und Gelegenheit geben, sich in die alten Zeiten zu vertiefen und zugleich der 'Schönheit der Heimat zu erfreuen I Darin werden wir alle, die wir am Wiederaufbau beteiligt sind, unseren Lohn finden! Mit dem Bergenexpretz über die norwegischen Hochgebirge.*) Von Fritz Löwe, Kristiania. Berge und Fjorde Norwegens werden von Jahr zu Jahr in immer größerem Maßstabe Brennpunkte des internationalen Touristenverkehrs. Es gibt wohl wenig Gebirge, die eine ähnliche Fülle von landschaftlich schönen und imposanten Gegenden aufzuweisen haben, wo sich Komfort und Gastlichkeit bis in die bescheidensten Dörfer erstreckt. In entsprechend günstiger Weise sind die Eisenbahnverbindungen Norwegens entwickelt. Durch bequeme Anschlüsse von allen größeren Städten gelangt man rasch nach den Hauptreisezielen. Eine Kulturtat von ganz besonderer Bedeutung hat Norwegen mit dem Bau seiner Hochgebirgsbahnen vollbracht. Sind doch die norwegischen Hochgebirge im Sommer wie im Winter das große Zukunftssanatorium für die internationale Welt. *) Vgl. auch die Aufsätze in Nr. 61, 65 und 68 der „Familienblätter". _ ..... — 295 — In Norwegen Eisenbahnen anzulegen, ist mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden. Hohe Berge sind zu durchbohren, Brücken über tiefe Klüfte zu spannen, Abhänge auszubauen, kostspielige Schutzbauten gegen Schnee und Steinlawinen anzulegen. Man muß es der Leitung der norwegischen Staatsbahnen hoch anrechnen, daß sie diese wunderbaren Hochgebirgsbahnen geschaffen hat, technische Meisterwerke, die Gegenden erschließen, die früher nur den geübten Hochtouristen zugänglich waren. Aber nicht nur dies. Mit offenen Augen dafür, daß nur das Beste gerade gut genug ist, sorgt die norwegische Regierung dafür, daß trotz her enormen Kosten das Land mit einem ausgedehnten Netz von Eisenbahnen überzogen wird, die sich in bezug auf Material und Bequemlichkeiten mit den besten Europas messen können. Durchgehende Schnellzüg mit Schlaf- und Aussichtswagen verbinden jetzt West- mit Ost-, Süd- mit Nord- Norwegen. Vom kontinentalen Auslands kann man nun leicht und bequem in Durchgangswagen in die Hochgebirge Norwegens gelangen. In Europa gibt es keine Eisenbahn, die eine so lange Hochgebirgslinie aufzuweisen hat, wie die Bergensbahn, die über eis- und schneestarrende Gebirgsketten die Verbindung zwischen Kristiania und Bergen vermittelt. Nur vier der Alpenbahnen steigen höher hinauf; sie liegen aber auch 14 gegraphische Breitengrade weiter südlich. Die einzig schöne Bergensbahn, die der an der Westküste Norwegens herrlich gelegenen, alten Stadt Bergen ihren Namen verdankt, ist unter den Berg- und Alpenbahnen eine der interessantesten. Es können nunmehr die Touristen — ohne daß es einer längeren Reife auf offener See bedarf, in eigenartiger, hochinteressanter Eisenbahnfahrt das Land der wunderbaren Berge und Fjorde schnell und bequem erreichen. Die Bergen-Bahn bietet auf der 492 Kilometer langen Strecke von Kristiania bis Bergen eine Fülle wunderbarer Landschaftsbilder, die kaum übertroffen werden können. Während der Zug durch Täler, Wälder und Gebirge, an Seen und Fjorden entlang eilt, ziehen an dem Auge des Reifenden in bunter Abwechslung die lieblichsten, wie märchenhaft wildesten Bilder vorüber. Diese früher unbewohnten und nur schwierig zugänglichen Gebirgsgegenden, die die Bergensbahn durchfährt, find mit einem Schlage ein Dorado der Touristen geworden. Bei den Stationen Gjeilo, Haugastöl, Finfe, Myrdal und Opfet hat die norwegische Staatsbahn prächtige Hotels gebaut, die die besten Ausgangspunkte für Fußwanderungen und Skitouren in die grandiose Hochgebirgswelt der Umgegend bilden. Durch die großen Fenster der bequemen Aussichtswagen kann man in Muße die Landschaft betrachten, die in ihrer abwechslungsreichen und abenteuerlichen Schönheit ihresgleichen auf anderen europäischen Bahnen sucht. Nach den weltberühmten Fjorden West-Nor- wegens hat dis Bergensbahn den Touristen einen raschen und behaglichen Reiseweg geöffnet. Von den einzelnen Stationen führen ausgezeichnete Chausseen an den Hardanger- und den Sogne-Fjord, von wo aus vorzügliche Schiffe dis Verbindung mit Bergen und Nord-Norwegen aufrechterhalten. Wo noch vor vierzig Jahren nur ein Frithjof Staufen und andere kühne Männer sich hinaufwagten, um Skitouren durch die wilde Gebirgseinöde zu unternehmen, braust heute der Bergenexpreh mit feinen iuxuriöfen Salon-, Schlaf- und Speisewagen. Mit Recht wird der erste Teil der Bahn, die von Bergen nach Voß führende sogenannte Voße-Bahn mit den Bahnen an der Riviera verglichen. In der Tat erinnert sie vielfach an die Schönheiten der italienischen Mittelmeerbahn. Der Zug braust an den im nordischen Stil erbauten Villen der Bergenser reichen Handelsherren vorbei. In einem dieser Häuschen wohnte viele Jahre Edvard @rieg. Seine Asche ruht in der meerumbranbeten Klippe in der Nähe seines Heims. Laubumschlungene Seen wechseln mit moosüberwachsener Felsenwildnis. Von Tunnel zu Tunnel eilt der Zug. Immer neue, hinreißend schöne Ausblicke öffnen sich. Von blitzendem Sonnenschein übergossen, ruhen die stillen Fjorde. Hinter Voße- roangen überschreitet die Bahn den Fluh und steigt in vielen Tunnels' auswärts. Die Landschaft nimmt einen anderen Charakter an. Aus dem weiten Voßtal tritt der Zug in wilde, einsame Wälder. Nur vereinzelt stehen zwischen den steilen Felsenklippen Gehöfte. Donnernd brausen schäumende Fälle in die tiefen Schluchten. An steilen Felswänden windet sich der Zug dahin. Immer mehr lichtet sich der Wald. Die Welt des Hochgebirges mit feinen zerrissenen Gipfeln und eisglitzernden Hochplateaus umfängt uns. Bei der Station Opfet beginnt der 5300 Meter lange Gravehals- Tunnel. Beim Austritt aus demselben öffnet sich bei der Station Myrdal die einzig schone Aussicht in das Flamsdal. Steil stürzen die Felswände 600 Meter tief ab. Gleich blitzenden Silberbändern rauschen die Fälle in die Schlucht. Das enge Tal durchschäumt der Fluh. In dem kurzen Zwischenräume zwischen zwei Tunnels liegt die Station Hallingskeitz. Seit alten Zeiten haben hier die Bauern des Hardanger Tales ihre Sennhütten. Zwischen den zahlreichen Tunnels blinkt immer wieder das schneebedeckte Hochgebirge auf. In der Tiefe ruhen sonnenübergossene, vom Rauschen der Gebirgsbäche erfüllte Täler. Wie schwarze Schleier senken sich von den eisstarrenden Bergen dräuende Wolken herab. Im wilden Tanze jagt fier der Sturm heulend um die schroffen Felsenzinnen, bis sie in der Sonne zerflattern. Immer klarer leuchtet das mächtige Massiv des Harbanger-Iökuls herab, bis der 1917 Meter hohe, wolkenuinflassene Bergesriese mit blitzenden Kuppen vor uns aufsteigt. Der Zug eilt weiter zur Station Finse, der höchsten der Bahn, 1922 Meter über dem Meere. Hier liegt die berühmteste Gebirgsstation der norwegischen Staatsbahn, ein entzückender Holzbau, inj Sommer wie im Winter zum gesundheitsbringenden Aufenthalt in den Eis- und Schnee- regionen des Hochgebirges einladend. Oestlich von Finfe bewahrt die Landschaft noch eine Zeitlang den gleichen Charakter bis zur Station Haugastöl. Nunmehr läuft die Bahn abwärts, und die Umgebung verliert viel von ihrer Wildheit. Ein blitzender See schließt sich an den anderen. Der Zug durchfährt das romantische Hallingdal. Zu grünen tiefen Gewässern erweitert sich der uns in munteren Spründen begleitende Hallingfluß. Am schäumenden Strome windet sich der Zug bergab. Bei Broma stürzt sich unser treuer Begleiter in wilden Stromschnellen in die Tiefe. Im Talgrund fährt der Zug durch dichten, duftenden Wald. Noch folgt Tunel auf Tunnel. Bei der Station Gulsvik erreichen wir den herrlichen Kräderen-See. Heber ihn erhebt sich der von Eiskristallen funkelnde Norefjeld. Mit einem Schlage ändert sich aus der Ostseite das Landschaftsbild. Im Schatten stiller Waldlandschaften fahren wir dahin. Hönefosj, die einzige Stadt auf der langen Reise, ist erreicht. Noch einmal grüßen uns abschiednehmend die schneebedeckten Berge des Balders und Hallingdal, während sich die Bahn vom Randsfjord zu dem fruchtbaren weiten Plateau hinaus arbeitet. Bon Hadeland sinkt sie durch Wälder hinab nach Roa und Erna. Hier breitet Nordmarken seine unendlichen Waldstricken bis zu den Kristiania umgebenden Hohen. Auf dem letzten Stück Wege fährt der Zug am idyllisch gelegenen Maridals-See vorbei und beschreibt gerade oberhalb Kristianias einen Bogen. In der Tiefe ruht im lachenden Abendfonnenschein das Akertal. Die Wolken heben sich. Im rosigen Scheine liegen die Berge. Die Sonne rüstet sich zur Neige.. Erfrischende Luft bringt durch die weitgeöffneten Fenster. Der Abend naht. Ringsum erstrahlen die Lichter von Hunderten von Gehöften, von den Bergen grüßen erleuchtete, einsame Holzhäuschen. Wie ein Kinderspielzeug jagt unser Zug in der Tiefe dahin und wirft seine Feuer in das dunkle Tal. Wie Glühwürmchen huschen auf den Bergstraßen die Autos dahin. In bläulich schimmernde Höhenzüge gebettet, liegt Kristiania, ober wie es jetzt heißt, Oslo, am blitzenben Fjorb. Hell leuchtet von bem steilen Felsen über ben Hafen bie alte Festung Akershus. Aus bem grauen Häufernreer ragt das weihe Königsschloß. Der letzte Tunnel bei Etterstad wird passiert, und kurz darauf hält der Zug in der hellerleuchteten Halle des neuen Zentralbahnhofes von Kristiania-Oslo. ~ , ,L Schwer wird die Entscheidung fallen, in welcher Jahreszeit die Fahrt mit der Bergensbahn eigentlich am schönsten ist. Schön ist sie immer. Aber jede Jahreszeit hat ihre besonderen Reize. Lieblich ist sie im Lenz, wenn bie Frühlingsstürme sich ausgebraust haben, ber Blütenschnee auf ben Bäumen und ber Winterschnee auf ben Bergen liegt. . _ Bon berauschender Schönheit ist bie Fahrt im Sommer, wenn bie Natur ihr prächtigstes Kleid angelegt hat, und bie Bergwiesen mit buntfarbigen Blumen bestickt sinb. Wenn mit all' seinem Zauber aus Sommertraumen ber Herbst erwacht, schlingt er um bie van ber Bergesbahn burchbrausten ©egen« ben einen Gürtel voller Farbenpracht. Jeder einzelne Baum steht bann auf einem smaragdenen Teppich. Heber die Bahn strecken sich granatfarbene Aeste, van allen Zweigen tropft es rote flüssiges Gold. Die Wipfel der Bäume leuchten in allen Farben, vom zartesten Grün bis zum tieffatten Rot. Selten klar liegen die Berge. Ihre Färbung ist einzig schon, und die Fernsicht ist wohl im Herbst von allen Jahreszeiten die beste. Bon ergreifender Majestät ist das norwegische Hochgebirge, wenn es sein we'ihfchimmerndes Winterkleid übergeworfen hat. Wenn in den Bergen die Waldwege tief verschneit liegen, aus blitzenden Schneehängen gleich gespensterhaften Berggeistern die schwarzen Fellen lugen, wenn die Tannen mit Schneeschkeiern verhüllt und alle Slefte und Zweige mit funkelnden Edelsteinen bedeckt sind, wenn die Berge ein einzig schimmerndes Wintermärchen sind, erwachen bie Hochgebirgsplätze zu neuem Leben. Dann regiert dort ber Schneeschuh! Blut und Eisen. Bon Max C y t h. (Fortsetzung.) Hufer Programm — Beinhaus nannte es unfern Schlachtplan — schien sich mit schneibiger Pünktlichkeit abspielen zu wollen. Im März beginnt Shepheards Hotel sich zu leeren. Du- europäischen Wanbervögel, betten es zu heiß wirb, ziehen ihrer Heimat zu. Der große Speisesaal war nur mäßig besetzt von etwa sunfzehn Fremden und vielleicht ebensovielen Herren ber europäischen Kolonie Kairos Dies war O'Donalds Leistung. Er war bei all seinen Bekannten herumgeritten und hatte ihnen dringend empfohlen, heute bei Shepheard zu Mittag zu essen. Man werde beim Nachtisch etwas Ungewöhnliches erleben. Natürlich waren es meist Engländer: junge Kaufleute, ein paar Eisenbahnbeamte, ber Telegraphendirektor Fred George, ein Arzt, der Stallmeister des Vtze- königs und andre: ein Kreis, wie man ihn in einer deutschen Kleinstadt nicht besser zusammenfinden kann. Jedermann kannte sich. Jedermann war äußerst neugierig auf bas von O Donalb versprochene Ereignis. t ... Es machte sich wie von selbst, bah ich Bridledrum gegenüber Platz nahm. Sieben ihm saß O'Donald unb ber dicke, gutherzige Freb George, neben mir Beinhaus und Heuglin, wir drei bie einzigen Deutschen am Tisch, mit Ausnahme eines kleinen schwarzen Männchens am untersten Ende ber Tafel, dessen Gesicht mir dunkel — 296 — erinnerlich war. Ich hatte vor dein Essen Bridledrum auf der Veranda getroffen, im Begriff, drei Damen das abgegriffene Exemplar einer „Aegytischen Times" vorzulesen. Er unterbrach jedoch seine Unterhaltung sofort und begrüßte mich mit überströmender Höflichkeit. Bei Tisch sprach«, wir von allem möglichen, mit Ausnahme der Pflugprüfung in Schubra: vom Suezkanal, von Halims Pferden, von dem drückenden Mangel unverschleierter Frauen, von der steigenden Hiße und der Unmöglichkeit, in Aegypten nach dem ersten Marz eine Woche lang zu leben. Nur O'Donald, der angenehm auf Nadeln saß, spielte ein- oder zweimal auf die Dinge an, die uns allen schwül im Kopf herumgingen, und konnte durch einen gelegentlichen zermalmenden Blick von Beinhaus kaum im Zaum gehalten werden. Doch der entscheidende Augenblick kam endlich heran Der Engländer hatte eine Riesenfiasche Sekt, eine Spezialität Shepheard, in Eis stellen lassen. Eine nicht ganz mißlungene Nachahmung von Plumpuding. in Kognak brennend und köstlich anzusehen in der Glut eines ägyptischen Nachmittags, war erloschen. Wir waren bei Apfelsinen und Mandeln angelangt. Beinhaus durchschnitt eine Blutorange und zeigte mir, mit seinem tiefernsten Blick und dem Messer lautlos, wie rot sie war. Ich fühlte, was er sagen wollte. „Herr Bridledrum!" sprach ich ernst und aufstehend, während der unverbesserliche O'Donald an sein Glas klopfte, um der Sache die Weihe einer Tischrede zu geben. Dieses frivole Benehmen in einem jo feierlichen Augenblick ärgerte mich doch: der Mensch hatte auch gar fernen Takt! Etwas schärfer begann ich aufs neue: ,^Herr Bridledriim, kennen Sie diese Zeitung?" Bridledrum warf einen schiefen Blick auf das Blatt und sagte mit leichtfertiger Gleichgültigkeit: „Nein! — ach ja, die ,Aegyptische Times — lawohl! — Bitte, Herr George, wollen Sie mir die Mandeln heraufgeben? — Was ich erzählen wollte —" . . „Herr Bridledrum!" unterbrach ich ihn, wahrend mit Bem- haus half, das kleine Männchen mit unfern Blicken auf den Stuhl zu nageln. „Kennen Sie diesen Artikel?" Damit hielt ich ihm das Blatt vors Gesicht. ,Einen Artikel? — Was meinen Sie — über die englische Flotte in Malta? Danke sehr, Herr George! Die Mandeln sind wirklich zu erbärmlich — darf ich nochmals bitten — Kellner, die Nüsie!" „Nein, nicht die englische Flotte!" -fuhr ich hartnäckig fort. „Diesen Artikel hier: über unser Pflügen in Schubra." „Ach so", sagte Bridledrum, wie erleichtert, daß er mich endlich verstanden habe. „Jawohl, jawohl! Etwas ungeschickt —ich gebe es zu — aber ohne alle Bedeutung! Ich habe ihn kaum angesehen." r .. „Herr Bridledrum!" — ich erhob jetzt meine Stimme, daß die ganze Tafel aushörte, Orangen zu schälen und Nüsse zu knacken: der entsetzliche O'Donald klapste trotzdem wieder an sein Gais und glänzte vor Vergnügen. „Ich bitte Sie, mir Ihr Ehrenwort zu geben, daß Sie mit diesem Schandartikel nichts zu tun gehabt haben." . Bridledrum wurde jetzt plötzlich krebsrot und fuhr von feinem Stuhl auf. „ „Ich — Sie —" er stotterte in steigender Erregung — „ich bin nicht verpflichtet, Herr Eyth — Sie sind nicht berechtigt — der Ton, in dem Sie sich erlauben mir an öffentlicher Tafel eine Frage vorzulegen —" „Ich bitte Sie wegen meines Tones um Entschuldigung , sagte ich mit erheuchelter Ruhe. „Aber der Artikel enthält eine so infame Entstellung von Tatsachen, an denen mir viel gelegen ist, daß ich die Fragen wiederholen, daß ich auf einer Antwort bestehen muß. Haben Sie mit diesem Artikel etwas zu tun gehabt? Haben Sie dem Redakteur Jackson das Material dazu geliefert? Ich will nicht glauben, daß Sie ihn selbst geschrieben haben. Ja oder nein?" O'Donald schob ihm ein Glas Champagner hin, das er rasch zu sich nahm. Dann rief er mit frisch angefeuchteter, entschlossener Stimme: „Sie haben kein Recht, Herr Eyth, mich zu examinieren. Ich werde Ihnen nicht antworten. Ich antworte niemand, der mich in dieser Weise ausfragt." „Und ich erkläre den Mann, der diesen Artikel geschrieben hat, für einen Schuft!" „Sie haben kein Recht, zu vermuten, daß ich den Artikel geschrieben habe." „Ich habe nicht gesagt, daß Sie ihn geschrieben haben, aber ich verlange die Versicherung, daß Sie ihn nicht geschrieben haben." „Ich weigere mich, auf eine solche impertinente Frage zu antworten!" „Das genügt!" warf Beinhaus ein, mit einer Stimme, die Hamlets Geist Ehre gemacht hätte. „Gsch, gsch, gsch!" zischte O'Donald, der sich nicht mehr halten konnte. „Es ist nicht nötig, gsch, gsch, gsch zu machen!" schrie Bridledrum jetzt in ungeheucheltem Zorn. „Wenn Sie mich einen Schuft nennen, dann — dann — dann sind Sie auch einer!" Dies war nicht gerade geistreich. Beinhaus stand auf. „Kommen Sie", sagte er mit seiner Grabesstimme. „Sie sind mit Ihren Orangen fertig: ich auch." Wir gingen gemeßenen Schritts an der langen Tafel hinunter, an der eine Stille herrschte, daß man ein Messer hören konnte, das durch einen Apfel schnitt. Auch auf der Veranda war es still und noch leer. Die untergehende Sonne vergoldete die Spitzen der Palmen auf der Csbekieh, die damals noch mit ihrem undurchdringlichen Buschwerk unter mächtigen Sykomoren eher einem versumpften Urwald glich als dem eleganten Park, der heute aus ihr geworden ist. In den schwülen, schwarzen Schatten der hereinbrechenden Dämmerung flimmerten schon, wie Irrlichter, einzelne Lämpchen, und das zitternde, näselnde Kreischen eines arabischen Sängers tönte schläfrig aus derselben Richtung herüber. Unter mir in der stillen Straße saß ein verspäteter Schlangenzauberer, der, sobald er mich sah, seine glatten, zierlichen Freunde aus dem Sack holte, sie mir entgegenschüttelte und fein: „Backschisch, Backschisch, o Herr!" zischelte. Die ersten Atemzüge des Nachtwindes kühlten unsre Stirnen. Einige Minuten später gesellte sich auch Heuglin zu uns. „Ausweichen kann er jetzt nicht mehr", sagte Beinhaus. „Wenn nicht in fünf Minuten einer seiner Freunde herauskommt, muß ich für Sie hinein und die ersten Schritte tun." „Gehen Sie", bat ich. „Je schneller solche Torheiten abgemacht sind, um so angenehmer ist es." Er ging. Heuglin blieb, und was ich noch nie an ihm bemerkt hatte, sah nach dem aufgehenden Mond. Auch er hatte damals seine stillen Gedanken, die mit Fräulein Zinne, seiner holländischen Araberin, und ihrem Sarazenenschloß in Mt-Kairo zusammenhingen. Doch das ist eine andere Geschichte und gehört nicht hierher. Aber wer kann es hindern, wenn sich manchmal die Erinnerungen kreuzen wie Träume und sich verwirren, fast wie das wirkliche Leben selbst. Mein Abgesandter schien nicht so rasch zum Ziel zu kommen, als wir erwartet hatten. Nach fünfzehn Minuten endlich kam er wieder, aber nur um Heuglin zu holen. Bridledrum habe sich in sein Zimmer zurückgezogen und die Angelegenheit seinen Freunden O'Donald und Fred George übertragen. Ein ganz korrektes Vorgehen. O'Donald sei ein Mann, mit dem sich ein Wort reden lasse. Ich wußte das. Er hatte einen Onkel gehabt, der bei Balaklawa in der Krim gefallen war, und mancherlei abenteuerliche Anverwandte und Vorfahren irischen Blutes. Dies neben dem fröhlichen Blutdurst eines leidenschaftlichen Sportsman gab ihm den erforderlichen mora- lifches Halt, wenn die Dinge ernster wurden. Fred George, der Zele« graphendtrektor, einer meiner besonderen Freunde, weil er in seinen zahllosen Freistunden wunderhübsch zeichnete, wollte dagegen schlechterdings nicht begreifen, daß die ganze Sache kein Scherz war. Wenn die ,Deutschen boxen könnten wie von Gott mit Vernunft begabte Wesen, so meinte er, so wäre die Angelegenheit im Hotelgarten in zehn Minuten geregelt und könnte im schlimmsten Fall einen Zahn und ein paar geschwollene Augen kosten. Aber mit diesen Deutschen fei eben nichts zu machen: es fehle ihnen von ©ebirrt am gesunden Menschenverstände. Bei Eyth habe er bisher geglaubt, wenigstens Spuren hiervon zu entdecken. Er müsse leider znaeben, daß er sich getäuscht habe. Pistolen! — Unsinn! So ganz unrecht hatte Fred George vielleicht nicht. Aber wie war die Sachlage zu ändern? Wir hatten uns an der öffentlichen Gasthoftafel zwei Schufte an den Kopf geworfen. Wenn Bridledrum mich nicht ebenso öffentlich um Verzeihung bat und die Entstehung des erlogenen Zeitungsartikels so erklärte, daß ich den Redakteur Jackson an den Ohren nehmen kannte, war fein anderer Ausweg denkbar. Allerdings, totschießen konnte ich das kleine Männchen unter keinen Umständen. So weit war ich mit Fred George einverstanden. Nur durfte dies Beinhaus nicht wissen, denn vorläufig mußte zum mindesten der Schein gewahrt werden. Dies schien den Engländern gegenüber notwendig zur Ehre unseres deutschen Vaterlandes, das wir damals, im Jahr 1864, noch unter dem Herzen trugen und heißer liebten als manchmal später nach seiner Geburt. Ich lag immer noch auf dem Geländer der Veranda, ruhiger und etwas müde werdend, und sog die köstliche Nachtluft in vollen Zügen ein. lieber mir hatte sich der ägyptische Sternenhimmel geöffnet. Unter den schwarzen Bäumen der Esbekieh irrlichterte es lebhafter. In die näselnden Zriller arabischer Musik mischte sich jetzt die pausbackigen Klänge einer böhmischen Damenkapelle aus etwas weiterer Ferne. Die stille Harmonie einer orientalischen Nacht wurde von diesen leichten Dissonanzen kaum gestört. Erst nach einer Weile bemerkte ich, daß sich ein kleiner, schwarz gekleideter Herr neben mir auf das Geländer stützte, so daß mein Arni den seinen fast berührte. Ich sah in das bleiche, weltverlorene Gesicht des Mannes, den ich vor einiger Zeit zum erstenmal vor Meyers Bierwirtschaft in der Muski bemerkt und für einen kranken Missionar gehalten hatte. Er sah auch heute noch so aus. „Ich bin ein Landsmann von ihnen", sagte er etwas schüchtern, mir noch näher rückend. „Ich heiße Häberle." „Sehr erfreut", erwiderte ich etwas geärgert. Der Friede und die Stille der Nacht waren mir für den Augenblick lieber als Herr. Häberle. „Verzeihen Sie, ich bin aus Ingelfingen gebürtig", jiuhr er nach einer Pause fort und stockte wieder. „Ich verzeihe Ihnen dies von ganzem Herzen", verfilterte ich. da er sichtlich eine Bemerkung erwartete und ich zu weich gestimmt war, um den bleichen Mann schroff abweisen zu können. (Fortsetzung folgt.) 1 Dchristleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Berlag der Drühl'schen Llniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen,