Gichener ZamilienbMer __Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Mb Samstag, öen H. August ~~ Nummer 65 Fühle nur. Von Otto Julius B i e r b a u m. Einsam bist du? Sieh, die vielen Sterne Stehn, ein Weltenkranz, ob deinem Haupte, Und die Lindenbäume, Kconenträger, Schicken ihre Düfte dir ins Zimmer. Fühle nur! Saug ein und gib dich wieder! Schmähe niemand, schmäh auch dich nicht selber! Denk: du darfst auf dieser reichen Erde Durch den sonnenvollen Weltraum fliegen. Und dein Herz gehört auch zu den Sternen, Die ein bißchen Licht und Wärme strahlen. Der „Bayreuther Gedanke". Zum 5Sjährigen Bestehen des Festspielhauses in Bayreuth. Von Sophie Lederer-Cben. Alle bahnbrechende Größe in Leben, Wissenschaft und Kunst kennt nur die eigene brennende Triebkraft (ihr ureigenes Gesetz), daraus der Felsenglaube an sich selbst hindernisverachtend emporbricht. Fußt Größe auf hervorragend edlem Menschentum„«so wird dieser Glaube helfen wollen, wird er sich eine erlösende, beglückende Mission schaffen, und — „ob die Welt voll Teufel wär'" — die erlösende Tat tun müssen, leben- und todverachtend. — Solch providentieller" Gestalten, wie Heinrich Heine sie, von Luther sprechend, nennt, sind wenige. Sie erscheinen wohl alle Jahrhunderts einmal. Richard Wagner ist eine von ihnen. Er ist die echte, große „providentielle" Erscheinung, das erste Genie auf künstlerischem Gebiet seit jener Zeit um 1800, wo Schiller und Goethe, Mozart und Beethoven wirkten. Das Studium ihrer Werks von früher Jugend an verehrungsvoll hingegeben, zog er die Summe dessen, was er mit ihnen erlebt, so, wie er sie ziehen mußte: gab seinem Volke eine nationales Musikdrama. Ich sage nicht: das Musikdrama. Denn wir haben uns nun genügend von Wagners Wirken zeitlich entfernt, wir haben genügend Distanz zu ihm gewonnen, um einsehen zu können, daß nur er Genius war, um auf seinem Boden bauen zu können. Daß niemand es nach ihm tun oder ihm nachtun kann. Die restlose Unfruchtbarkeit auf musikdramatischem Gebiet nach Wagner ist schlagender Beweis! — Aber noch bedarf es auch keines neuen Genius! Nach LOjährigem Bestehen ist Bayreuth lebendiger denn je — trotz aller überstandenen Kriegsmühsalen. Trotz allen Zusammenbruchs klingt und leuchtet das Leitmotiv von Bayreuth — aufrüttelnd, leben- und taierweckend. — Das Festspielhaus — dieser schlichte, auf idyllischem Hügel in dem fränkischen Städtchen aufragende Bau, Symbol des 1870 geeinten Reiches, und doch weit mehr als nur Symbol: Kulturwerk, infolge der aus deutschem Geist empfangenen Offenbarungen, Denkmal höchsten idealen Geistes und deshalb von allgemeinster, von internationaler Wirkung. Wie um den Gral, erlösungsuchend, scharten sich die Völker um die deutsche Kunst, die hier erlebt wurde. Das Gesamtkunstwerk, wie es sich ihm offenbarte, von Weber in seiner „Euryanthe" bereits erstrebt, ohne erreicht zu werden, diese Vereinigung der damals in sich selbst erstarrten Einzelkünste (Poesie, Musik und Plastik) erschien Wagner als der Gipfel unserer gesamten Volkskunst. Nicht aus der zerrissenen deutschen Geschichte konnte solch Werk erstehen, auch nicht aus innerer Kenntnis der Geschichte deutscher Kunst, sondern nur aus der Seele des Volkes selbst, wie sie sich am unmittelbarsten in all ihrer mystischen Innerlichkeit und Tiefe offenbart: im Mythos, in seinen Jdealgestalten, die Grundzüge germanischen Wesens bedeuten. Wagners schöne und starke Menschen sind, bei aller Blutfülle, Symbol: sie erlösen sich durch höchste Lie- beskraft zur wahren Freiheit, so wie Wagner durch die dem Werk gehörige höchste Liebeskraft sich selbst erlöste von aller Tiefqual seines Ledens. Wenn Wagners erste Oper: „Die Feen" von der italienischen, „Das Liebesverbot" von der französischen Spieloper, „Rienzi" von Meyerbecrs Prunk- und Massen-Szenen-Vorbild beeinflußt sind, so tritt doch schon im „Fliegenden Holländer" der Gedanke als Grundzug hervor, wird das Motiv angeschlagen, das zum Leitmotiv seines ganzen Werkes werden sollte: Erlösung durch h ö ch st e Liebeskraft. Ein im innersten Kern nationaler Gedanke, den in seiner Erzählung vom „Fliegenden Holländer" Heinrich Heine zutiefst und zu allererst erfühlt. „Tannhäuser" aber hatte den ersten leidenschaftlichen Widerspruch von Publikum und Presse beschworen, und es bedurfte erst eines begeisterten Berichtes von Liszt über die Aufführung des „Lohengrm in Weimar und dessen Erfolg, um den Schaffensdrang verkannten Meisters Brust wieder freizumachen. (Wagner nonu 184)8 Qtl öer Revolution künstlerisch, nicht politisch teilge- Der Siegfried-Stoff hatte den Meister schon in Dresden ergriffen. Er schrieb „Siegfrieds Tod". Aber bald erweiterte sich diese Arbeit zu dem gewaltigen Werk, wie wir es jetzt kennen. Um dieses ungeheure Drama nicht „betteln gehen zu heißen", oder es von einer Provinzbuhnenmisdre in die andere fallen zu lassen (Wagner hatte die Jämmerlichkeit des Provinztheaterbetriebes zur Genüge als Kapellmeister kennengelernt), plante er für das Werk ein „Nibelungen- theater , plante er „abseits vom gemeinen Leben" ein Haus für stil- gemäße Aufführungen für die Gattung des musikalischen Dramas. Unter den denkbar schwierigsten und niederdrückendsten äußeren Verhältnissen ward der „Nibelungenring" geschrieben; sie erinnern schmerzlich an die Lage Beethovens, als er sich durch die „Missa solemnis' vom Leben zu Gott erlöste. Wagner schrieb in Not und Einsamkeit, wie er. Der Bruch mit seiner Frau Minna, geb. Planer, die nicht auch nur das schwächste Verständnis für fein lisirten und seine Mission aufzubringen vermochte, war soeben geschehen. Der „Ring" ist nicht nur Denkmal größter Schöpferpotenz, sondern auch echten menschlichen Heldentums. Denn Waq- ner schrieb das Werk in der sicheren Erwartung, von Publikum und Presse als unsinniger Phantast ausgepfiffen zu werden. — Aber — Mission hält aufrecht. Aus der tiefen, leidenschaftlichen, aber entsagungsreichen Liebe zu Mathilde Wesendonck erblüht das tonende Schweigen des Tristan. — Hans Sachs, der „lieber« wmder", — Parswal, „durch Mitleid wissend", — sie alle sind Personifikationen des Meisters auf den verschiedenen Entwicklungsstufen seines Wesens. Der junge, hingerissene, eben erst gekrönte Bayernkönig, 18jährig, nimmt sich seiner an, beruft ihn nach Manchen. Nun ist er wenigstens vor Not geschützt. Aber der Plan, in Manchen, nach Sempers Vorlagen, ein Festspielhaus zu er« richten, sind ihm selbst, diirch seine theoretischen Schriften, durch seine Polemik, immer klarer geworden. So hält er immer zäher an dem Gedanken des Festspielbaues fest. Diese Bühne soll, im Geiste Schillers, der sie zu einer moralischen Anstalt umgeschaffen wissen wollte, fein Theater werden, sondern ein Denkmal deutscher Kultur. Für die aber mußte ein neuer Boden gewonnen werden, denn die bisherigen Kultur- und Kunstzustände waren faul und überlebt. • Umwälzung! Die Kunst soll zum bestiminen- den Faktor im Leben des einzelnen, sowie des Volkes werdsn, „sie soll dort die Führung übernehmen, wo der Staatsmann verzweifelt, der Politiker die Hände sinken läßt und der Sozialist in fruchtlosen Systemen sich plagt." Sie soll die Religiion erretten, und nach Schiller, „der Welt die Richtung zain Guten geben", — soll erzieherisch wirken. In beispielloser 'Treue arbeitet der Meister im Geist an seinem Plan, arbeitet Carl Tausig an der Spitze eines „Patronatsvereins", arbeiten die Wagnervereine an der Verwirklichung des innerlich Erschauten 1848 schon schrieb Wagner einen Entwurf zur Organisation eines deutschen „Raiio- nal-Theaters". Und nun wird der Grundstein gelegt. Das Jahr 1870 kommt. „Im Gefolge jener Strömung der Gemüter glaubte ich ein gesteigertes Empfinden für alles Pflichtgefühl dem Vaterlande gegenüber erwachen zu sehen", schreibt der Meister. Als 1876 mit den ersten Vorstellungen des „Ringes" unter Hans Richter das Haus eingeweiht wird, hat ein Kulturgedanke Gestalt gewonnen. Er wurde zum Kampfsymbol, zur Fahne, um die sich die Anhänger aus allen Teilen der Welt scharten. Aber Wagner rief immer wieder nach „mitschöpferischen Freunden", — „denn das echte Kunstwerk ist lebendig dargeftellte Religion" und muß mit« erlebt werde». — 1882 folgte „Parsival" und weihte Bayreuth noch inniger zu einer „feierlichen Zusammenkunft des Volkes", zu einer Kunststätte, wo „Deutschland sein Volkstum erleben und feiern" konnte. Weltanschauung zu gestalten, war Wagners Ziel. Seine Kunst ist Gottesdienst. Und aus diesem stimmungsgeweihten, festlichen gottesdienstlichen Charakter resultiert Bayreuths Einzigkeit. Ist die Persönlichkeit Richard Wagners, der durch ein ganze» Leben voll von Hindernissen und seelischen Schmerzen, voll von Kämpfen, für die Verwirklichung eines einheitlichen Volksbewußtseins litt und stritt, ist ein Gelingen, seine Tat, sein Bayreuth nicht ein ernster, ein eherner Mahnruf an jeden Einzelnen von uns Deutschen?! — - 258 Im Herzen von Dalarna. Von Fritz Löw e*). Geht mit hinauf zum Siijansee In, Takt des Dalarmarsches! Geht mit, beschaut die Lande, Wo Kirchen stehn am Strande So glänzend wie die Lilie In ihrer weihen Pracht! So singt der schwedische Dichter Karlseidt in seinem berühmten Dillarmarsch. Und in der Tat! Das Landschaftsidyll um den sagenumrauschten Siljansee ist von so eigenartigem Reiz, daß es mit das Schönste ifi. was Schwedens so abwechslungsreiche Natur zu bieten vermög. Mit Recht nennt man daher die Provinz Delarna das Herz und den Siljansee „das leuchtende Auge" Schwedens. Drei Namen glänzen mit güldenen Lettern unter den vielen lachenden Plätzen am See: Rättvik, Leksand, Mora. Hier wohnt ein kernfester Boftsschlag, der die von den Altvorderen übernommenen Bräuche bis ans den heutigen Tag bewahrt har. Zahlreiche historische Erinnerungen, alte Kirchen, Holzbauten, vor allem aber der Sauber der buntfarbigen Volkstrachten, locken in jedem Jahr einen mehr und mehr anschwellenden Touristenstrom in diese freundlichen Täler. Hat doch hier jedes Kirchspiel feine eigene Tracht, von auserlesenem Farbensinn, sowie hervorragende Tüchtigkeit im Weben zeugend. Diese Tätigkeit wird als Heimarbeit mit bewundernswertem, künstlerischem Resultat betrieben. Aber mit noch vielen anderen 'Arten von Heimarbeit beschäftigt man sich ringsum auf den Bauernhöfen. Die Frauen klöppeln, die Männer betätigen sich als Möbeltischler und Uhrmacher. Jeder Bezirk hat seine eigene Spezialität. Die frühere Isolierung Delarnas hat, seitdem die Eisenbahnen das Land befahren, aufgehört. Diese Gegenden gehören jetzt zu den von Touristen nm häufigsten besuchten. Direkte Schnellzüge, die vorzüglichen Anschluß an die Kontinentalzüge haben und Restau- rations-, Salon- und Schlafwagen mit sich fiihren, durchschneiden setzt Dalarna nach allen Richtungen. Einem lichten Sommernachtstraum gleicht die Fahrt durch das Land. Der bekannteste Platz, das Zentrum des Touristenlebens, ist Rättvik am 290 Quadratkilometer großen, vielbesungenen Siijansee, der von einer Erweiterung des mächtigen Dal-Elf gebildet wird. Die ruhige, harmonische Schönheit der Landschaft, die sich in Form und Farbe äußert, die weiten Perspektiven fesseln hier von» ersten 'Augenblick Auge und Sinn. Die Aussicht über Rättvik und den Silja»» ist mit Recht weit berühmt. Mit dem Reiz und der Erhabenheit der Natur stimmt das Gepräge der Wohlhabenheit, der Gesundheit, die die Gegend trägt, wohl überein. Auch der, dem die historischen Erinnerungen Mttviks unbekannt find, faßt bald Interesse für das Volk, das in feinen farbenreichen und kleidsamen Trachten — besonders an Sonn- und Feiertagen — von rein malerischem Gesichtspunkte aus dem landschaftlichen Gemälde eine wirkungsvolle Staffage verleiht. Rättvik ist in hohen» Grade von gefchichtlicher Tradition umstrahlt. Hier lebte und wirkte der schwedische Valksheld Gustav Wasa. Hier war es, wo er in begeisterten Reden die Bauern mit sich foririh, daß sie wie eine Flutwelle über die Dünen hereinbrachen und Stockholm a»!s der Gewalt Christian des Tyrannen befreiten. Auf schmaler, weit in den See ragender Landzunge erhebt sich die berühmte historische Kirche von Rättvik. Aus dunklem Grün leuchten ihre weißen Manern weithin. Steil über dem See ragt der Gedenkstein an Gustav Wasa auf, den Volk und König seinem Befreier und dessen Getreuen errichtete. Am Eingänge zuin Friedhos liegen eine Anzahl kleiner Holzhäuschen, die sogenannten Kirchställe, in die in früherer Zeit die von weither kommenden Bauern während des Gottesdienstes ihre Pferde einftettien. In der Nähe der Station liegt mit prächtigster Aussiiht auf den Siljansee das bekannte Touristenhotel Rättvik. Eine Brücke von einem halben Kilometer Länge sührt von hier zu einer künstlichen Inst! in» See. Der Blick über denstlbeir ist von »vunderbarer Schönheit, am reizvollsten jedoch bei Sonnenuntergang. In weitem Bogen umschlingen »valdige Hügel den blitzenden Spiegel. Auch diese Stätte ist historisch. Seine glitzernde Fläche passierte in einer Winternacht Gustav Wasa auf der Flucht vor den Dänen, geführt und gerettet von einem treuen Dalekarier. Bon Rättvik führt die Bah»» am Norduser des Sees entlang; bald ist die Grenze zwischen bei» Kirchspielen Rättvik und Mora erreicht. Non Mora Roret führt eine kurze Verbindungsbahn über eine stattliche Brücke nach Mora, das auf einer sandigen Landzunge gelegen ist. Sind die Rättviker Künstler, so kann man die Bewohner von Mora, die als Uhrmacher berühmt sind (Mora- Uhren), Mechaniker nennen. Sie werden von alters her auf diesem Gebiete als gewöhnliche Talente betrachtet. Mora ist einer der ältesten und angesehensten Plätze in Dalarna. Auch hier ist die Kirche das interessanteste (Bebänbe; ihr leichter, hoher Turm ist ein Werk von Nikodemus Tessin. Südlich der Kirche liegt das wegen seiner kostbaren Sammlungen von Kunstsachen und Altertümern berühmte Gut des Malers Anders Zorn. Auf dem nahen Friedhof befindet sich ein eigenartiges Grabdenkmal. Mora ist einer der historisch interessantesten Plätze am Siijansee. Außerordentlich sehensrvert ist die.Volks-Hochschule mit einer ganz her- *) Vgl. den Aufsatz „Schwedische Reise" in Nr. tzl der F.-Bl. vom 31. Juli. vorragenden Sammlung von Gemälden Zorns, Ankarcronas und anderer. Aber immer wieder sehnt man sich nach Rättvik zurück. Nach diesen unfagbar schöne»» Abenden im Touristenhotel, in denen Bauart und Einrichtung das schwedische Milieu bis in die kleinsten Einzelheiten stilgetreu durchgeslihrt ist. Da fehlt auch nichts, nicht die aus den Bildern Karl Larrjons so rvohlbekannten Bauern- stuben mit ihren buntfarbigen Möbeln, nicht die riesigen Kachelöfen, nicht die vielfarbigen Blumen auf dem Fensterbrett und vieles andere. Blau und rot gehalten sind die Malereien an den Wänden. Auf den Paneelen paradieren bunte Bauernteller und geschnitzte Holzkrüge. Durch mattgelbe Scheiben fällt das Licht, den ganzen Raum magisch erhellend. Aus kunstfertig geschnitzten. Holzschalen ranken sich duftende Blumen. Wie behaglich sitzt es sich auf den buntgewebten Kissen der in der Gegend geschnitzten Bänke. Im Kamin flammen Riesenholzscheite. Im bequemen Großvaterstuhl davor läßt es sich so schön sinne»» und träumen. Lautlos gleiten junge, schlanke Schwedinnen, die in Dalarna-Tracht servieren, durch de»» Saal. Das ai» unb für sich herrliche Mahl wird durch den Anblick so vieler farbenfreudiger Jugend und Schönheit gewürzt. An der Brücke liegt der Dampfer zur Fahrt nach Leksand bereit. Der Sonntags-Gottesdienst ist in diesem an der Südseite des Siljansee gelegenen Orte ein .Ereignis für die ganze Gegend. Von nah und fern ströme»» an diesem Tage die Touristen nach dort, um dem berühmten farbenfrohe»» Kirchgang von Leksand beizuwohnen. Ein strahlender Sonntagsmorgen ist angebrochen. In schneller Fahrt geht es über die blitzenden Wogei» des Siljan. Auf allen Haltestelle»» steige»» in Nationaltracht gekleidete Frauen, Mädchen und Kinder on Bord. Das Deck dieses Kirchschiffes bietet einen eigenartig prächtige»» Anblick; Bilder voller Lebenslust entrollen sich. Kurz vor Leksand durchfährt der Dampfer die aufgezogene Schiffsbrücke und macht am Bollwerk fest, lieber die hinter uns niedergelassene Brücke ergießt sich ein farbenprächtiger Strom. Zu Fuß, zu Auto, zu Wagen, zu Rad streben sie alle zur Kirche hin. Es leuchten die bunten Trachten um die Wette mit den flatternden blaugoldenen Fahnen. Ich ichliehe »»»ich den» vorwärtsdrängenden Zuge an. In der langen Kirchenallee ein Leben und Treiben wie in einer füditalieni- schen Stadt. Hier treffen sich Sonntags die Angehörigen der verschiedenen Kirchspiele. Die* Farbenpracht der verschiedenartigen Trachten ist von ganz eigenartiger Wirkung. . Da plötzlich ein Stocken in der Menge. Am Eingang des ck»»ed- hoses steht ein blumengefchmückier Sarg. Die Glocken beginnen zu läuten. Acht junge Bursche»» heben den Sarg sanft auf ihre Schultern Der Tra»»erzug setzt sich in Bewegung und durchschreitet die Pforte des Kirchhofes. Voran der alte Glöckner. Die Glocken klingen so melodisch, weithin duftet das Heu, Vögel jubilieren in den Lüften. Die Sonntagssonne seqnet mit glitzernden Strahlen das scheidende Menschenkind. Auf grünem Rasen steht der Sarg. Ilm »hn schließt sich der bunte Kreis. Klar schallen die Worte des jungen Priesters durch die Stille. Der Sarg finkt herab. Aus den roettgeöffnetei» Türen der Kirche dringen brausende Oraelklänge. In langem Zuge acht es zum Eotieshause. Weihevoll klingt der Choral der Gemeinde durch den altertümlichen Riesenraum. Kam» doch die in der für Dalarna charakteristischen blauen Farbe gehaltene Kirche 5000 Besucher fassen. Ergreifend wirkt der Gottesdienst, der noch nach den alten Sitten und in tiefer, von bei» Vätern ererbten Religiosität vor sich acht Ich sitze auf der Bank vor der Kirche, inmitten des hochge- ieaenen Friedhofes. Mi! weichen Armen umschlingt ihn der Siljansee. Seine Wogen rauschen Vergessen. Die hier schlafen, haben sicher den Frieden gefunden. Inmitten dieser ernsten Stätte küßt sich hinter mir ein junges Menschenpaar. Machtvoll rauscht die Orgel auf, der Gottesdienst ist beendet. . ■ , „ Ein unüberlehbarer Strom wälzt sich aus der Kirche. Ich lasse diele farbenfrohe Welt an mir vorüberziehen. Voran, Arm in Arm, kichernd und lachend, bildhübsche Mädels und junge Frauen. Es leuchten die blütenweißen Hauben. Darunter blitzt das blonde Haar in der Sonne wie feuriges Gold. Wie die Perlen an den Miedern funkeln! Vielfarbige Tüchlein haben sie sich wirkungsvoll um bie jungen Schultern gelegt, und in den Händen tragen sie große Sträuße von Feldblumen. Bedächtig folgen die älteren in dunklen Rocken und bunten «-chur- W» Neben ihnen trippeln entzückende Kinder, Goldblondchen, in ihren bunten Kleidern wie süße Puppen anzuschauen. Den Schluß des langen Zuges bildet ein uraltes Paar; Philemon und Bauchs m eigener Person. Er in langem schwarzen Rock und gelbe»» Hosen. Auf dem Kopse einen großen schwarzen Hut; lang wallt unter" der breiten Krempe das schneeweiße Haar herab. Stolz und aufrecht fug-rf er das steinalte Mütterchen am Arm. Aber nein, es find doch nicht die allerletzte»» Kirchgänger. Auf den Winter folgt noch immer der Frühling. Hmid in Hand tritt das junge Paar, das ich vorhin auf dem Friedhof überrasch!, aus der Kirchpsorte. Er ein junger Student, keck die weiße Upsalumtze mit das lockige Hgar gedrückt. Das Mädel rosig zum Anbeißen, auf goldblondem' Haar die weiße Spitzenhaube. Es blitzen die Perlen auf dem Mieder. Heller aber noch blitzen ihre Aiigen den »ungei» Burschen an. . „ . Bor bei' Kirchpsorte halten eine Unmenge von Autos. Nach allen Richtungen flitzen sie gefüllt mit Landvolk und frohen Sommer- 9°! Bann'1'm»e ich im blühenden Garten. Auf grünem Rasen stehen unter schattigen Obstbäumen Tische und Stühle. Verführerisch hangen rotwanoiae Früchte über meinem Haupte. Aus der -Liefe Hütgt das Rauschen des Dal-Elf. Leichtfüßig springen die bedienenden jungen — SS9 S im fri GWe. Von Hans Franck. Sie Gäste sind im Morgengrau gegangen. Das Haus verbirgt mir hinter grellem Wachen Sein müdes Antlitz. Der Garten schlaft. Ein Lachen, Das taumeltoll im Birnbaum sich verfangen, Schlägt roimmemb seine Falterflügel wund. War es mein Fuß, der hier im Tanz gesprungen? Und der am lautsten Lied auf Lied gesungen, Indessen wir uns drehten, warft du's, Mund? Hab ich soweit aus mir mich fortgespielt, Dah ich als Märchen heute mir erzähle, Was gestern ich in heißen Händen hielt? Droht, Herz, noch immer dir das „Wag und wähle, i Rein, nein! Schon betet unverwirrt mein Wille Inbrünstiger denn je: „Kehr wieder, Stille!" Hamuran überfallen worden. Es war ein scharfes Gefecht zwischen Steinen hervor und von den Palmbäumen herunter, und die Kompagnie mutzte mit dem Bajonett vor, um ans Wasser zu kommen und dem Ding ein Ende zu machen. Der Hans ist halbtoll vor Durst und taumelnd von der Sonne und der seelischen und körperlichen Erschöpfung mit den andern wie ein Wilder ins Feuer gerannt. Der Mülhäuser Sergeant, der die Kompagnie geführt hat, als die Offiziere abgeschossen waren, hat mir alles haarklein mit tausend Flüchen erzählt. Sie haben den Brunnen erobert und drei Stunden dabei- gelegen, ohne zu trinken, denn sie fürchteten, die Araber hätten ihn vergiftet. Siebzehn Mann waren gefallen. Ein Schwerverwundeter hat dann zuerst Wasser verlangt, und der Mülhäuser hat mit dem Gewehr danebengestanden, um ihm eine barmherzige Kugel zu geben, wenn das Gift sich bemerkbar machen sollte. Als er nach einer Viertelstunde noch kein Zeichen von Vergiftung gab, haben sie alle getrunken. Drei Tage hielten sie den Brunnen beseht und haben noch fünf Mann begraben, dann drang der Ersatz zu ihnen durch, und sie wurden nach El Hamuran zurückgenommen. Die Leichtblessierten kamen nach Biskra in die Ambulanz, und dort traf ich den Mul- häuser. Der Hans war zuerst in Ei Hamuran zurückgeblieben. Er hatte einen Lungenschutz. Aber glatt durchgeschlagen, offenbar aus einem ganz modernen Gewehr. Es sind heute drei Wochen her, und die Wunde ist schon vernarbt, die Lungenentzündung beinahe geheilt, so daß er bald transportfähig ist. Er liegt hier im Lazarett, sie wollen ihn nicht herausgeben, trotzdem er ausgebrannt ist wie die reinste Schlacke, aber ich holl ihn heraus. Seit er hier in Biskra auf der Krankenstation ist, bin ich meiner Sache sicher. Ich kenne Den ersten Ingenieur, der die Oasenbahn gebaut hat, von Spanien her, und ich habe mich hinter ihn gesteckt. Und geht es so nicht, dann müssen wir ihn entführen, wie eine Haremsschöne. Sag dem Vater nur, daß Hans sich zuletzt doch noch brav gehalten hat. Er ist der Verwundete gewesen, der zuerst getrunken hat." Als Annelies diese Stelle zum zweitenmal vorgelesen hatte, warf der Forstmeister die zerkaute Zigarre fort, stand langsam auf und blickte mit seinen schwachsichtig gewordenen Augen verloren >n bte Ferne. „Ja, beim Trinken, da mar er immer der erste", sagte er aus einmal mit einem Kitzel im Hals und strich mit der Hand über den Bart, um das Zucken der Lippen zu verbergen. „Wenn das alles ist, was ihr auf den Brief des Berthel zu sagen roifct —" begann die Mutter zornig und erhob sich zu heftiger Gegenrede. Da legte ihr der Forstmeister begütigend die Hand auf die Achsel. „Zehn wie der Hans sind nicht einen Berthold wert. Eure Säge schneidet dem verlorenen Sohn des Meltzer den Sarg. Das les ich aus dem Brief. Und ich will's zufrieden sein. Aber schad ist s um die andern, die dort drüben ihren Uebermut, ihre Jugend, oder meinet« ' wegen ihre Dummheiten und Sünden büßen. Ob ich den einen verliere, der von Anfang an schwach war und verloren, das ist einerlei und gebt nur mich an. .Auf allen vieren1 hat der Bub geschrieben! Ich glaub', daß das Vaterland dort drüben in der tfrembenlegion Hunderte und Tausende unter der Fuchtel, unter der Kugel und im Fieberbrand enden sieht, das geht uns alle an. ,Aus alten vieren hat der Bub geschrieben! Ich glaub', der Berthold bringt ihn aus dem Schrägen heim!" Satz hatte sich an Satz, Gedanke an Gedanke gereiht, und die Augen des Forstmeisters Meltzer waren dabei ins^Weite gegangen, während seine Hand schwer auf der Schulter der yrnu liegen blieb, die seinen Worten nun willig lauschte. Erst nach einer Weile räusperte sie sich und antwortete: In freilich, das ist alles schön und gut, aber die Hauptfach' bleibt doch, daß der Berthel und die Annelies Hochzeit machen! Und der Annelies stieg unter ihren Tranen langsam das schönste rote Blut in die Wenigem Doch der Juli schwand, und der August ging zur Neige, und als die Aevfel sich röteten, waren die Wangen der Annelies bleich geworden, denn aus Afrika kam keine Nachricht mehr. Der Forstmeister vergrub sich in beharrliches Schweigen, nur die Mutter Bertholds blieb ruhig und gelassen. Und als wieder einmal der Postbote den Weg nicht zu den fünf Tannen gefunden hatte, unter denen die Annelies am Abend sah, sagte das Mädchen zu der Rosine: „Heute hab' ich bestimmt eine gute Nachricht erwartet. Jetzt wird mir selbst bang." —— Die alte Magd wußte keinen Trost und ging ins Haus. Blaue Schatten fielen von den Bergen ins Tal, hinter den Vogesen erlosch der letzte Scharlachstreif der verscheidenden Sonne. Matthias Meltzer ging an seiner Tochter vorüber ins Städtchen hinunter. Eine Stunde verstrich. Langsam erhob sich Annettes, um zur Arbeit zurückzukehren. Sanfte bläuliche Nacht loste alle Umrisse, und als der Vater auf dem Rückweg wieder über die Matte daher- tam, erkannte sie ihn kaum. Er ging leise und behende, schlich beinahe wie ein Dieb. Und dann erschrak die Annelies auf einmal bis ms innerste Herz, denn plötzlich wuchs die Gestalt besJBaters in eine andere. Sie schrie laut auf, und dann mar dieser Schrecken nurnoch seligste Freude, und Annliese Meltzer hing am Halse Berthold Nokks und stammelte: Die Hsimkehe. Don Hermann S t e g e m a n n. (Schluß.) So blieb alles ins Ungewisse gestellt, und der Blutenschnee verfärbte sich, das Blattgrün schoß auf warnie Regen wu,chen b>e,;lur, und in sanftem Rauschen wiegte sich wohlig der hohe Wald. Glanzende weiße Wolkenburgen wuchsen über den Vogesen cmpoi, die Sommersonne-zog ihren höchsten Bogen, und der Duft der Reben- blüte schwängerte die Lust. Bis spät m die Nacht schnargie Bandsäge und orgelte die Kreissäge in der Sägerei Nokl und füllten der Ännelies das Ohr mit Erinnerungen und das Herz mtt Sehnsucht. In dieser Zeit der Erwartung und inneren Erlebens wurde bte Annelies Meltzer reif und ihr Wesen geläutert und klar. Und in dieser Zeit der letzten Aengste um den Sohn und zur Ruhe Delegier Hoffnungen wuchs der Forstmeister Meltzer immer stärker in Milde und Verzeihen hinein. Er hatte das Beit verlassen. Die Bureauarbeiten gingen ihm leicht von der Hand, nur im Revier war sein Adjunkt noch allein für ihn tätig. „Ich weih, daß der Bub nicht mehr weit springt. Aber wenn er nur"noch den Heimweg findet!" Sie faßen unter den Tannen, und Annelies ließ die Zeitung ruhen, aus der sie dem Vater vorgelesen hatte. Von der Nokkschen Säge klang ein schneidend heller Ton herüber. Die Kreissäge fraß sich in einen Eichenstamm. „Sie sägen Hartholz", murmelte der Forstmeister. „Das ist der Hans nicht." m „ In der Rheinebene strichen schon die toenfen durchs Gras. Von unzähligen Grillen und Heuschrecken tönte rings bte Halde, und regungslos stand der Wald. „Dort kommt Mutter Stoff." Annelies war kerzengrad von der Bank gefahren und preßte die Hand aufs Herz. In ihrer Stimme war ein seltsamer Klang gewesen. Mit zitternden Fingern strich Meltzer ein Zündholz an, um, Gelassenheit heuchelnd, eine Zigarre in Brand zu setzen. Dann saßen sie zu dreien, unter den Tannen, und Annelies las den Brief Bertholds vor. Die Sommerfonne schien aus das Papier, im srifchen Höhenwind schifften weiße Wölkchen über den tfelbberg nach Westen. nach Westen. „Lies noch einmal, wie er ihn gefunden hat, sagte der Vater, lehnte den Kopf zurück und blickte still ins dunkle Geäst. „Es war fein Glück, daß sein Fluchtversuch noch vor der Aus- stihrung mißlungen ist. Sie haben den Augsburger ms Cachot gesteckt, den Hans aber, an den Trainkarren angebunden, mitgenommen, mittags ist die Kolonne beim ersten Brunnen hinter CI Mädchen über den blumigen Rasen. Ein bildhübsches Kind, mit einem Gesicht wie Milch und Blut, serviert mir den Kaffee und legt lachend immer wieder neues Gebäck auf. Um mich herum spielt sich das typisch schwedische Landleben mit seiner gesunden Lebensbejahung ah. Um den geschmückten Kaffeettsch sitzen die Alten. Das junge Volk eilt aus die Wiese zum Tanz. An der Spitze des farbenprächtigen Zuges ein paar famose Burschen, lustig die Fiale spielend. Hinter ihnen in bunter Reihe die frohe Schar der Tänzer und Sängerinnen. Wie alle diese blühenden jungen Mädchen und Männer in ihrer Schönheit sich im Tanze drehen, ist ein Bild voller Jugendlich und Sonnenschein und gehört auch mit zum schwedischen. Milieu; denn eine Eigenart dieses nordischen Volkes ist die stete Betonung von Lebenslust und Frohsinn. .... .. ■■ n < Draußen auf der Landstraße rollen, geschmückt mit grünem Laub und flatternden blau-goldenen Flaggen die Autos vorbei. Graziös sitzen auf ihren blumenüberdeckten Rädern die flotten schwebten Mädels. Frohe Zurufe klingen zu mir herüber. Eine blutrote Rose fliegt auf meinen Tisch. , r _ Spät fahre ich nach Räitvik zurück. Die imtergehenbe »onne Mrft rosa Schleier über die Wolkenränber. Purpurrot wogt der Slljan, so rot wie die Rose, die ich zum Andenken an die anmutige Geberin und den unvergeßlich schönen Tag mit mir nahm. „Jst's denn wahr, Berthell Ja, ist's denn wirklich wahr!" Die Mondsichel blitzte in den Waldbäumen, die Bäche rauschten, und wie die Bäche so voll und stark strömte das Blut in den Adern der beiden Menschen. Eine Stunde später bewegte sich ein Krankenwagen die Höhe herauf, und Anneliese half den Bruder die Treppe hinauf in die Kammer tragen. „Ja, Mutter, du hast doch recht gehabt damals. Es war eine Mohrin, die ich in Biskra entführt hab«. In einem Frauenburnus haben wir ihn aus der Oasenstadt geschmuggelt." So erzählte Berthold Nokk den aufhorchenden Frauen, während der Forstmeister am Krankenbett saß und starr in das abgemagerte, wächserne Gesicht seines Sohnes blickte, der mit Morphium in Schlaf versenkt worden war. Sein Zorn war erloschen, auch der grimme Schmerz stumpf geworden, er suchte in den verwüsteten Zügen die Mutter. Zum offenen Fenster herein quoll der Duft der schwarzen Wälder. Der kleine Totenvogel klagte in den Tannen, daß es wie schluchzendes Lachen durch die silberne Nacht klang. Im Forsthaus erfuhren sie bald, daß der Hans nicht mehr der alte war. Das war der Meltzer Hans nicht mehr, sondern ein Gespenst, das in fremden Masken umging. Er fluchte französisch und spanisch, er war llnfähig, ein ernstes Gespräch zu führen, er hatte keinen Sinn mehr für das, was ihn umgab, und kein Herz mehr für feine Angehörigen. Annelies stand dem Bruder fremd gegenüber unb schauderte bald vor jeder Berührung mit ihm zurück. Aber mit eiserner Entschlossenheit zwang der alte Meltzer sich, dem Sterbenden, der Zoll für Zoll vom Tod ereilt würde, die letzten Tage leicht zu machen. Er rief die Tochter und den künftigen Schwiegersohn in sein Arbeitszimmer und sprach: „Ihr sollt heiraten. Ich will's. Es hat jeder seinen Kopf durchgesetzt. Nur ich nicht. Jetzt komm i ch dran. Ihr macht auf den Oktober Hochzeit. Er lebt nicht viel länger. Er soll jetzt keine Rutenstreiche und keine Bußpredigten mehr bekommen. Und wenn er nur noch fluchen kann, Gott's Donner, so fluch' ich mit. Wenn er den roten Wein trinken will, trink' ich mit. Wenn er lügt und Wunder- geschichten aus der Legion erzählt, lüg' ich mit. Wenn er Karten spielen will, spiel' ich mit. Er ist keine Predigt und kein Leben mehr wert, er ist ein verkommener, ausgefaulter Mensch, aber er ist mein Bub, und wir zwei, er nnb ich, bleiben beisammen und warten auf den Tod. Und wenn der Tod kommt, so will ich ihm die Tür aufmachen und ruhig sagen: .Gottlob, daß du kommst!"' „Vater!" bat die Annelies. Abwehrend hob er die Hand. „Du hast mich gemeistert, als ich noch mit Zorn und Jammer hinter ihm her war und dich und alles vergessen habe. Heute meisterst du mich nicht mehr. Du und der da neben dir steht, ihr seid gewachsen an dem Hans, und so ist er doch noch zu etwas gut gewesen. Das kreidet ihm der Herrgott wohl noch an. Du machst Hochzeit, Annelies. Wenn ich ihn dann begraben habe, so könnt ihr mich ja fragen, wo ich bleiben will." Und tagaus, tagein faß er, fortan bei dem Sohn, der an schönen Tagen in einem Feldbett auf der Veranda und zuweilen sogar auf einem Krankenstuhl unter den fünf Tannen lag und sich fiebernd und hustend verzehrte, wie der Docht einer ausbrennenden Lampe. Sie spielten Karten, und der Forstmeister lernte auf seine alten Tage noch Piquet und Landsknecht spielen und die Würfel schütteln. Von Heimweh sprach der Sohn kein Wort mehr. Seine Erinnerungen waren in einem seltsamen Rausch befangen, der ihm das Höllenleben in der Legion zu wilden Phantasien verklärte und alles andere verschluckt hatte. „Ohne uns hätten sie Biskra nie gesehen. Dreiundzwanzig Deutsche, fünf Schweizer, drei Polen und ein Ungar waren in unserer Kompagnie. Sacre nom de pipe, das war ein Leben!" Mit wilden Gebärden summte er den Legionürmarsch und träumte von den Tänzerinnen int Heiligengähchen von Biskra und von den glühenden Sonnenuntergängen der Wüste. Für Berthold hatte er kein Wort der Dankbarkeit mehr. Auch die Erinnerung an seine Flucht aus dem Lazarett hatte sich getrübt. Er war entflohen, als es gelungen war, ein paar Tänzerinnen hineinzuschmuggeln, die in der Wachtstube auftraten. Berthold hatte sie mit einer Handvoll Silberfranken und verzuckerter Früchte bestochen. Hans mar verständigt worden, hüllte sich in die Schleier und Mäntel, die ihm zugeworfen wurden, und verließ zwischen vermummten Mädchen unerkannt das Lazarett. Acht Tage lang lag er im fensterlosen Hinterstübchen der Heiligengasse versteckt, 'bann schaffte Berthold ihn mit einer Araberfamilie, die von Biskra an die Küste zurückzog, nach Algier. Aber von all dem schien Hans nichts mehr zu wissen. Er lebte ein sonderbares Traumleben, aus dem er nur aufschreckte, um fluchend die Karten zu mischen. Ans Sterben dachte er nicht. Als es Oktober wurde, ging es mit ihm zu Ende. „Eilt euch," sagte der Forstmeister zu den Verlobten, „er hat sich oufgezehrt, und ich weiß nicht, wieviel Tage er noch lebt." Da setzten sie den Tag fest und hielten stille Hochzeit. < Meltzer weigerte sich, ihr beizuwohnen, Annelies siedelte zu Bertholds Mutter über, damit der Tag dort begangen werde. Dem Sterbenden hatten sie nichts gesagt. Als das Brautpaar in die Pfarrkirche ging, stand die Sonne am Himmel, und Matthias Meltzer faß neben seinem Sohne unter den Tannen vor dem Hause. Würzige Waldluft strich von den Bergen. In den Weingärten leuchteten die ersten roten Blätter. Hans Meltzer war eingeschlummert. Ein zerblättertes Kartenspiel lag auf der Decke des Feldbettes. Der Vater hielt die Augen auf den kleinen Hochzeitszug geheftet, der schwarz auf der weißen Siraße emhergmg. Ein dunkles Trüpplein, weit weg, so weit, als ginge es den Forstmeister gar nichts an. fester Ergebung in das Schicksal hielt Meltzer bei seinem Sohne Wache. Zorn und Schmerz waren zur Rühe gekommen. Selbst die eigene Krankheit hatte er mit eiserner Zucht überwunden. Geh hin, Annelies, sprach er in Gedanken, du hast es verdient, das Leben frisch zu fassen und festzuhalten. Du bist kerzengrad aufgeschossen und wächst wie ein Baum, der vollsäftig in Kraft schießt. Alles Glück wünsch' ich dir und nicht mehr Leid, als nötig ist, dir das Leben recht zu mischen. Da gewahrte er plötzlich, daß der Kranke mit offenen Augen lag und unverwandt ins Tal starrte, als sähe er das alles zum erstenmal! Es war ein anderer Ausdruck in feinem Gesicht, der rohe Zug weggewischt; die Spuren des Verfalls schienen einer seltsamen klaren Blässe gewichen, und in seinen Augen stand ein Helles Licht. Jetzt drehte er mühsam den Kopf und lächelte. Es war ein ergreifendes kindliches Lächeln, das in dem mageren, von einem häßlichen Leiden entstellten Gesicht Erinnerungen an vergangene Zeiten aufleben ließ. Ein« kalte, unsichere Hand, die nur noch wie ein Wunder zu- fcimmengehalten wurde, suchte tastend den Weg zum Vater. „Salut, petit creve“ rief der Forstmeister mit gemachter Lustigkeit. Aber diesmal freute sich der Sohn nicht über den Gruß, den er dem Vater beigebracht hatte. Ein tiefes Erschrecken spannte alle Fibern seines Wesens. Der Anruf hatte ihm eine körperliche Qual bereitet, die ihn aufschaudern ließ. Krampfhaft zuckte er an der wollenen Decke und starrte den Vater an. Da überlies es Meltzer kalt, und auf einmal wußte er, daß der Sohn wirklich erwacht war. Wirklich erwacht! „Hans, Bub, grüß dich Gott! Sie halten Hochzeit, der Berthel und die Annelies, und wir zwei, wir sitzen an der Sonne." Er hatte ihm irgend etwas Liebes sagen wallen, und es war ihm nichts Besseres eingefallen. Die farblosen Lippen des Kranken zuckten. Das Licht in feinen Augen stieg bis in die innersten Tiefen. Seine Stimme hatte nicht mehr den heiseren, rohen Klang, sondern war mehr ein geheimnisvolles Flüstern, als er antwortete: „Ei ja doch, Vater! Und das ist' der Schwarzwald. Sag', ist's wirtlich der Schwarzwald?" „Ja, Hans, das ist der Schwarzwald. Lieg' still, ganz still, nein, sag' nichts, ich weiß alles. Bist daheim, Bub, bei mir, bei uns. Ein braver Bub, ei freilich, einer, der alles in Ordnung gebracht hat. Bleib liegen, richt' dich nicht auf!" Aber der Kranke klammerte sich an ihn und zog sich an ihm in die Höhe. Da stützte ihn der Vater und wunderte sich, daß er nichts mehr in den Armen hielt als ein Häuflein Knochen. „Jetzt bin ich daheim. Ich hab' aber auch geschrieben, weiht du, Vater —" „Ei freilich, alles weiß ich, Wort für Wort, ,auf allen vieren1 hast du geschrieben. Aber siehst du, nun hat die Qual ein Ende." Ein heftiger Husten, ein Atemziehen. Eine rostrote Blutblase zerplatzte auf seinen farblosen Lippen. Hintenüber sank der Kopf des Hans und rollte an die Brust des Vaters, als wäre er plötzlich vom Rumpf getrennt worden. Der Meltzer spürte, daß er den Kitzel im Hals und das Schluchzen in der Brust nicht mehr meistern konnte, aber er sprach dem Sterbenden ins Ohr: „Der Berthel hat dich heimgeholt. Aber du bist schon vorher gekommen. In dem Brief, Hans, da bist du zu uns gekommen. So wie du jetzt vor mir liegst, so wie ich dich jetzt —" Er brach ab. Die aderstrotzende Hand des alten. Mannes strich zaghaft über das versteinerte Gesicht des Sohnes, und ein rauhes Äuffchluchzen erschreckte die webende Stille, in der die Mücklein unter den Tannen tanzten. Als die jungen Eheleute allein, ohne Geleite aus der Kirche kamen und zu dem einsamen Haus emporftiegen, erhob sich der Forstmeister leise, deckte den Toten bis ans Kinn und blieb aufrecht neben ihm stehen. Jetzt waren sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt. Da hob er die Hand und sagte mit ruhiger Stimme, so ruhig, daß sie nichts Persönliches mehr hatte und wie aus weiter Ferne zu kommen schien: „Der Hans ist heimgekehrt. Und daß ihr's wißt, kehrt ein jeder heim, ob er den Weg findet oder draußen liegt. Ein jeder kehrt einmal h e i m." * Die Novelle erschien in der gleichnamigen Sammlung der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart in Buchform. Schrtstleitung: Dr. Ariedr. Wilh. Lange. -■ Druck und Verlag der Bruhl'schen Llnlv.-Buch- und Steindruckeretz R. Lange, Gieße«.