Eichener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, den 13. November Nummer 91 Reiter im Herbst. Von Sans Benzmann. Vier wilde Gänse schrecken scheu empor — Wer reitet noch zum Abend übers Moor? Der dicke Nebel teilt sich schwer und trag — ein rotbraun Nößlein klappert übern Weg. Ein Rtttersmann! Sein Fähnlein schwimint in Tau, schwarz ist die Rüstung, und sein Auge grau blickt starr und still wie in ein weites Grab, senr Rößleln nagt am Weg die Kräuter ab. Er reitet wie verdrossen, wie inr Traum, wohin er blickt, erschauern Busch und Baun», und was er streift mit seiner Eisenhand, Riedgras und Rohr, sinkt nieder wie verbrannt. So taucht er langsam in das Nebelmeer — Dicht fallen welke Blätter hinterher. Das Postamt und der Schmetterling. Von Vicki Baum. Zwischen fünf und sechs Uhr abends. Von» Simmel schlappen feuchte Nebeltücher in die Straßen herab, die Laternen stellen trübgelbe Kreise in das Dunkelgraue. Streifige Autos vor dem Bahnhof, glotzende Tiere, werfen Schatten in den Nebel. Menschen gehen schnell, blaß, frierend imd übelgelaunt. Das Postamt hält feilte Linterseite dem Ostwind hin, der über den Bahndamm schneidet. — Sekretär Kronholler in der Telegraphenzentrale spürt, daß er morgen Rheumatismus haben wird; die Apparate ticken, fressen Papierbänder, spucke» Papierbänder aus. Die Beamten arbeiten lautlos. Direktor Purtwang in der Direktion des Telephonamtes, Treppe D, liegt, schiefgewickelt wie er ist, in einem Klubstuhl, findet Kaffee, Zigarre, Zeitung, Politik, Beruf, Welt: übelriechend. Am Schalter für Einschreibebriefe, Schalter drei, stehen vierunddreißig mißgelaunte Menschen und mustern durchbohrend Lerrn Julius Koroleh und Lerrn Stropp. Julius Koroletz, junger Mann bei Essig und Seidenfaden, sechzehn Jahre alt, keine Schönheit, wartet mit vierundzwanzig Einschreibebriefen seit einer halben Stunde. Seine Frostbeulen schmerzen; er bläst ein wenig Wärme in den Schal, der feucht um seinen Lais liegt, und betrachtet gehässig Lerrn Assistenten Stropp, der seinerseits wütende Blicke aus deut Schalter- fenster stößt; denn er leidet an Kopfneuralgte, und die Schmerzen toben rasend los, sooft die kalte Zugluft zum geöffneten Schalterfenster hineinströmt. Es riecht nach Gas, nach feuchten Kleidern; drei große Bogenlampen schleudern stachliges Licht umher, weiß in gelbgraue Gesichter. Zu diesem Zeitpunkt, fünfzehn Minuten nach fünf, geschieht es, daß der Ostwind einen Schmetterling über den Bahndamm treibt, welcher mit starren Flügeln an der Ecke zwischen Bahnhofs- und Poststraße landet; an jener Ecke, wo im penetranten Licht einer Karbidlainve zu schwarzen Silhouetten gewandelte Menschen sich Pferdewürstchen kaufen. Der kleine Kessel wirft ein wenig Dampf und Wärme aus sich, der Schmetterling fühlt sich dunkel hingezogen und sinkt auf einen Teller aus Pappe, dicht neben ein Kleckschen von Sens. Die schwarzen Silhouettenmenschen mit den Pferdewürstchen in den Länden schieben die Köpfe vor, sie beginnen zu lächeln; sie lachen: langsam, still verwundert, mit einem abwesenden Ausdruck in den Arbeiter- und Lastträgergesichtern. Der Schmetterling steht mit seinen kleinen Kristallaugen nach allen Seiten, rollt einen zierlichen Rüssel aus sich heraus, riecht nach dem Senf; er zittert mit den Beinchen, streckt einen Fühler nach dem warmen Dampf der Würstchen, zieht ihn entsetzt wieder em; fliegt auf und ist weg. Solange er dasaß, war es warm, sommerlich, das Leben nicht ganz zu verwerfen, die Würstchen ziemlich schmackhaft. Nun schließt sich wieder neblige Februarkälte um die Wurst- bube; aber es bleibt das Lächeln noch in den Gesichtern, undine Wurstfrau schüttelt den Kopf und sagt ungläubig: „Nu sowat! Nu sowat! Der Schnietterling schließt sich einem Schieber an, der eine erregte Depesche, nicht eingetroffene Seifensendung betreffend, zu verschicken beabsichtigt, und gelangt so in den Schalterraum des Postamtes. Er fliegt geradewegs gegen eine Bogenlampe, er surrt und klatscht leidenschaftlich gegen das warme Glas und erzeugt ein Geräusch, das fremd aus den andern Geräuschen des Ortes herausleuchtet. Köpfe heben sich, fuchend und sonderbar getroffen. Es wird Wärmer; es ist etwas da, wie in abendlichen, sommerlichen Wirthausgärten; es könnte ferne Musik spielen, es könnte nach Linden duften: es flattern Schmetterlinge an die Lampen. Die Gesichter lächeln, drehen sich, abgelenkt von ihren Postgeschäften, folgen gespannt dem Schmetterling, der sich dem jungen Mann, Julius Koroletz, nähert, ihn zweimal umkreist Wie eine Blume und sich dann auf sein blaues Landgelenk seht. Koroleh gibt offenen Mundes ein seliges Lächeln von sich, et ist sich bewußt, ein Aus- erwählter zu sein; die vierunddretßig Menschen vor dem Schalter sehen ihn freundlich und respettvoll an. Er hält die Land mit den vierundzwanzig Einschreibebriefen und den Frostbeulen ganz starr und ist tief innen, unterhalb des Korolehschen Bewußtseins, zärtlich angerührt. Dem Assistenten Stropp seinerseits fällt die Amtsmiene vom Gesicht herunter wie eine trockene Lülse, er steckt seinen ganzen neuralgischen Kops zum Schalter hinaus, et fühlt weder Zug noch Kälte;' er ist ein Junge, der über heiße Wiesen läuft, und er sagt, fast zitternd vor Aufregung: „Ein Schwalbenschwanz, weiß Gott, ein Schwalbenschwanz! Gan^ was Seltenes. Wie schön, wie schön..." And einen Augenblick lang stockt das ganze Postgettiebe, und alles drängt und ballt sich vor Schalter drei, um den Schwalbenschwanz zu sehen, der selten ist und wunderschön. Die mißgelaunten, eiligen, gehetzten Menschen, Bankboten, Laufburschen, Schieber, Geschäftsfrauen ruhen einen Augenblick und lächeln, eigenartig ergriffen, ohne es zu wissen. Der Schmetterling verläßt Julius Koroletz, »velchet tief ausatmet, et macht einen Bogen um Lerrn Stropp, an dem er das Erwachen alter Iagdinstinkte zu wittern scheint, er schlüpft durch das Schalterfenster in den wärmeren Raum, wiegt sich zwischen den riechenden Gaslampen. Et hat entzückend geschwungene blaßgelbe Flügel, mit dunkelblauem Samt verbrämt, rubinrote Sprenkel, ein schillerndes Seidenmühchen am Kops. Er wiegt sich, und alle die Maschinenmenschen hinter den Schaltern erleiden einen Knacks an ihrer Mechanik, schnurren ab und verlieren, angenehm erleichtert, die Disziplin. Die Beamten machen leichtsinnige Gesichter, stempeln falsch ab, sie denken unklar: ein Schmetterling; Schönheit, Sommer, Ausflug zu zweien; Reglementswidriges. Die Lilfsbeamtinnen stoßen bei dem Anblick kleine, beglückte, mütterliche Schreie aus. Mit der jüngsten von ihnen, Fräulein Lüde, verläßt der Schmetterling stürmisck» den Raum. Er begibt sich mit ihr in das Treppenhaus D, das kalt ist, schlecht beleuchtet, und auf großen Warnungstafeln verkündet: Lier ist jeder Lärm zu vermeiden. Der Schmetterling, kühl behaucht, drängt feinen kleinen Leib an Fräulein Lildes Lals- ausschnitt, er klammert sich mit allen feinen fechs kleinen, zitternden Beinchen an ihre warme Laut, er umarmt sie, foweit seine Dimensionen es zillassen. Fräulein Lilde, solcher Aggressivität ungewohnt, kann nicht anders als lachen und schreien zugleich. Im zweiten Stockwerk ruft es aus aufgerissenen Türen: Was ist los? Was ist denn da los? Ein Schmetterling! Ein Schmetterling! Ein entzückender Schmetterling! Es ruft durch das ganze Laus. Aus allen Bureaus kommen Leute, Mädchen mit Tinte an den Fingern, Mädchen mit Gummi und Kleister an den Fingern, gelbgesichtige Beamte, Lerren in Alpakkaröcken, blaugefrorene Jungen mit dem Titel von Unterhllss- beamten. Das Treppenhaus, in dem jeder Lärm zu vermeide» ist, hallt und tobt. Der Schmetterling zickzackt irritiert empor und nieder, ihm ist kalt und unglücklich zumut. Aber die Postbeamten sehen chm sehnsüchtig zu. Lerr Direktor Pmttvang selbst, schiefgewickelt wie er Ist, erscheint ander Tür seines Bureaus, um das Vorkommnis des lärmenden Treppenhauses als unerhört zurückzuweisen. Er steht seine verwandelten Beamten, sieht den Schmetterling, gelbliches, zitterndes, edelgesckwimgenes Licht zwischen graugetünchten Wanden, er schweigt, lächelt und denkt: Lm, Lm... Unvergleichliches Erlebnis aber war es für Sekretär Kronholler in der Telegraphenzentrale, als der Schmetterling bei ihm erschien und sich müde, oh, sehr müde, auf feinem Tintenfaß niederließ: denn Kronholler war Witwer, kinderlos, zerknittert und außerordentlich allein. Er fchaute den Schmetterling an, der unendlich fein und hilfsbedürftig erschien, er sah die Zeichnung, d,e zarten Adern in der Opalhaut, die Kristallaugen. Er dachte, eigentlich habe ich noch nie einen Schmetterling wirklich gesehen... Und zugleich fühlte er sich von unbekannter Warme überströmt und be- reichert um die Erkenntnis all der Dinge, die er eigentlich nre Wirklich gesehen hat: Frauen, Theater, Bilder, Berge, gewellte Felder in Sommerhitze, seewärts ziehende Kieser-nwalder am Abend... And im Gefühl eines besondE Augenblicks nimmt Sekretär Kronholler das Einstedeglas mit Riibensirup, den die Postbeämten — 362 — zu zwei Mark vierzig das Pfund geliefert erhalten, gießt einige Tropfen davon in fein Schwammschälchen und wartet es dem Schmetterling auf. Der Schmetterling, obwohl schwindlig, verängstigt und sterbensmüde, versteht die freundliche Handlung. Er rollt die Spirale seines kleinen Rüssels auseinander und kostet: es schmeckt mcht. Er taumelt, er hebt sich zackig auf, fliegt empor, leuchtet gelblich durch den Raum hin. And ist weg. Die Apparate ticken, die Bänder laufen. Keiner achtet auf die Telegramme. Der Schmetterling wird fieberhaft gesucht, wird von dem erblaßten Sekretär Kronholler unter Benutzung seiner Dienstzeit hinter Regalen, Akten und Kanzleigewühl gesucht. Er ist weg. Er kam um fünf Ahr zwanzig in das Postamt und verschwand um fünf Ahr dreißig. In diesen zehn Minuten wurden acht Briefe falsch frankiert, zweiundsechzig Telephonabonnenten falsch und zwölf gar nicht verbunden. Achtzehn Telegramme wurden nnt absolut konfusem Inhalt abgeliefert, und am Markenschalter stirmnte die Abrechnung nicht. Zweihundertsiebzehn Menschen aber (inklusive des Direktors des Telephonamtes selbst) gingen sonderbar ergriffen, beglückt und angerührt heim und trugen das Lächeln herum, mit dem mar: ein Wunder sieht: ungläubig, still und unbewußt... Der Schmetterling lag die ganze Nacht auf dem Akt Nr. 8625,B und träumte gelbe Felder, Wiesen, rot und lila bestickt, und Waldränder mit blühenden Heckenrosen und Erdbeerduft. Als die Reinemachefrau Pachulke um sechs Ahr morgens das Bureau ausfegte, hatte er die schönen Fliigel gefaltet und lag auf der Seitez aber in seinen zitternden Fühlern war noch Leben. 2iver wie Äerr Sekretär. Kronholler, der eine halbe Stunde vor Beginn der Arbeitsstunden mit einem Geraniumstöckchen kam, um, chn nochmals zu suchen, ihnf and, lag er schon tot auf dem Akt Rr. ^62o B. „Das Kind Europas". Von Walter Appell, Plauen. Die Große Deutsche Polizeiausstellung hat wieder einmal das Augenmerk auf jene fast mysteriöse Erscheinung gelenkt, die wir unter dem Namen Kaspar Hauser kennen. Die Ansbacher Polizei hatte Urkunden aus der kurzen Zeit seines „offiziellen' Lebens ausgestellt. Wie sie zeigen, hat das wenig planvolle Vorgehen der damals verantwortlichen Äehörden ein gut Teil Schuld daran, daß wir eine einwandfreie Lösung des umstrittenen Problems vielleicht nie mehr erwarten dürfen. Im Mai 1828 wurde in Nürnberg ein junger Bursche auf- gegrifsen, der körperlich wie geistig in der normalen Entwicklung gehemmt schien. Ein Brief — mit dem die damalige Zeit ungleich weniger anzusangen wußte, als es heute wohl der Fall wäre — wies ihn »an einen Nürnberger Offizier, der jedoch nichts mit der Sache zu tun haben wollte. (Sie Untersuchung scheint, wie in vielen anderen, so auch in diesem wichtigen Punkte nicht mit der gebotenen Gründlichkeit geführt worden zu sein.) Der Briefschreiber behauptete, das von der Mutter ausgesetzte Kind gefunden, „christlich erzogen", aber all die Zeit in finsterm Gewahrsam gehalten zu haben. (Diejenigen, die diese Geschichte für Schwindel halten, fragen hier — und nicht nur hier — mit Recht: warum? Genau so unsinnig erscheint die später aus Kaspar heraus-, wenn nicht in ihn hineingefragte Behauptung, daß man ihn zum Waschen und Umkleiden jedesmal mit Opium betäubt habe.) Als Geburtstag sollte die Mutter des Knaben auf einem Zettel den 30. April 1812 angegeben haben. Von der Polizei verhört, konnte der seltsame Findling weiter nicht viel sagen als seinen Namen, Kaspar Hauser, und ein paar eingetrichterte Sätze, so den Wunsch, Soldat zu werden. Das stimmte mit dem Inhalt des Briefes überein, in dem gebeten wurde, den Jungen bei einem „Schwolifche- (Chevauleger-) Regiment unterzubringen. Auch die „Erinnerungen", die er dann mühsam herausbrachte, deckten sich mit dem Inhalt des Briefes, insbesondere, was den Aufenthalt in dunklem Verließ betraf (auf den überdies organische und psychologische Eigenschaften schließen lassen konnten). Es scheint heute müßig, den damaligen Amtsstellen Vorwürfe machen oder nachträglich Lehren erteilen zu wollen. Erwähnt sei aber doch, daß schon die erste Bekanntmachung des Nürnberger Bürgermeisters mehr geeignet war, den Fall ins Romantische zu verwirren, als ihn zu klären. So war es kein Wunder, daß sich die Sensationslust, die damals nicht geringer, sondern nur ärmer an Stoss war als heute, rasch der Angelegenheit bemächtigte. Und dem Hang der Zeit folgend, kristallisierte sich aus dem Durcheinander der Ansichten bald eine als die wahrscheinlichste heraus: aus Gerüchten, die vorher schon im Umlauf waren, aus ungefährer lieber» einstimmung der Geburtsdaten und anderen, für noch schlüssiger gehaltenen Argumenten folgerte man, daß „Kaspar Hauser" der rechtmäßige Anwärter auf den badischen Großherzogsthron sei. Ein solcher war am 1. Mai 1812 geboren worden, aber angeblich bald gestorben. Die Meinung, daß das lebenskräftige Kind gegen ein todkrankes vertauscht und beiseite gebracht worden sei, fand in dem berühmten Rechtslehrer A. v. Feuerbach — Großvater des gleichnamigen Malers — ihren überzeugtesten Verfechter. Vertieft wurde sie durch ein 1829 auf Kaspar verübtes (mißlungenes) Attentat. Der Täter konnte trotz ausgesetzter Belohnung nicht ermittelt werden. Inzwischen hatte ein reicher Engländer den Jungen, der schwülstig „das Kind Europas" genannt wurde, adoptiert und, wie das auch andere taten, mit auf Reisen genommen. Rach einigen Jahren solch ruhelosen, aber Aufsehen erregenden Lebens kam Kaspar auf Betreiben Feuerbachs als Gerichtsschreiber nach Ansbach. Dort arbeitete er, noch von den gleichen Rätseln umgeben wie am ersten Tage seines plötzlichen Austauchens, bis er im Dezember 1833 ein Ende fand, das seinem „Leben" entsprach: ein Unbekannter, der ebenfalls nie ermittelt werden konnte — was nach Lage gewisser Dinge heute wohl möglich fein mühte —, verletzte ihn mit einer dolchartigen Waffe so schwer, daß Kaspar wenige Tage später starb. Sein Grabstein nennt ihn, was übertriebener klingen mag als es ist, „das Rätsel seiner Zeit". Mehrfach ist versucht worden, den Stoff dichterisch zu gestalten, am erfolgreichsten in Jakob Wassermanns Roman („Kaspar Hauser oder die Trägheit des Herzens"), 8er den Jungen als den reinen Toren hinstellt, der die Menschen nicht versteht und den die Menschen nicht verstehen. — Daneben ist aber auch die wissenschaftliche Behandlung des Falles nie zur Ruhe gekommen. Neuen Anlaß dazu gab die vor zwei Jahren erfolgte, angebliche Entdeckung des Verließes, in dem Hauser seine Jugend verbracht haben sollte (in Schloß Pilsach. Oberfranken). Festgestellt muß. werden, daß die von der sensationellen Meldung hervorgerufene Debatte recht wenig von der Thronerben-Legende übrig gelassen hat. Gewiß beweist die Veröffentlichung der Sterbeurkunden des „echten" Thronfolgers gar nichts, gewiß konnten Nebenlinien oder sonstige Gegner ein Interesse am Aussterben der regierenden Linie haben — aber es muh wohl einleuchten, wenn Dr. E. Verend darlegt: die an der Wegschaffung des Thronerben Interessierten oder damit Beauftragten hätten kaum dümmer und ungeschickter verfahren können, als Feuerbach und seine Anhänger es ihnen zutrauten. (Nur einige Fragen: Welchen Sinn sollte es haben, den Jungen nach sechzehnjähriger Einkerkerung plötzlich freizulassen, um ihm alsbald wieder nach dem Leben zu trachten?) Außerdem mühte die Kindesvertauschung, von welcher Seite sie auch inszeniert worden sein könnte, immerhin eine beträchtliche Zahl Mitwisser gehabt haben. Sollten es die wirklich, ohne eine einzige Ausnahme, fertig gebracht haben, ihr Geheimnis mit ins Grab zu nehmen? . . . Mel mehr hat die schon.1887 in einem umfangreichen Werk v. d. Lindes niedergelegte Meinung für sich, daß Kaspar Hauser einfach ein — Betrüger gewesen ist. Wenn auch nicht ein Betrüger aus materiellem Eigennutz.— obwohl auch der hineinspiett (vgl. die Reisen!), sondern ans psychologisch übersteigerter Eitelkeit, aus dem, wohl hysterischen, Drang, eine Rolle zu spielen. Die trotz vieler Bemühungen unaufgeklärten Attentate, selbst das tödlich verlaufene, wären dann Selbstverletzungen, wie sie in ähnlichen Fällen auch anderweit beobachtet werden. Ihr Motiv konnte sein, das vielleicht nachlassende Interesse der Oeffentlichkeit neu zu beleben. Auch mit anderen Erscheinungen in Hausers Leben ist diese Ausfassung, die allerdings dem „Rätsel des Jahrhunderts" den Nimbus raubt, unschwer in Einklang zu bringen. Kaspar würde dann wohl auch den Brief selbst geschrieben haben, ebenso einen von dem zweiten Attentäter angeblich verlorenen Zettel ähnlich geheimtuenden Inhalts. (Wieder ein Punkt, von dem man sich heute eine befriedigende Aufklärung des Falles versprechen könnte, ohne daß diese indessen nachträglich noch möglich wäre.) Zu wenig scheint im Rahmen dieser Auffassung bisher die Frage erörtert worden zu fein: wie weit Hauser vielleicht unter dem Einfluß Dritter, ähnlich Veranlagter, gestanden und gehandelt hat. Denn es ist doch möglich, daß er wohl einen Überlegenen Schwindel größten Ausmaßes mit seiner ganzen Zeit trieb — woran dann auch sein vormaliger Wohltäter, der erwähnte Engländer', nicht zweifelte —, daß aber die Antriebe dazu nicht seinem eigenen Hirn entstammten. Wenn wir noch einen Schritt weitergehen und annehmen, daß Kaspar schließlich sogar regelrecht für feine abenteuernde Rolle vorbereitet wurde, so könnte das alle Beobachtungen erklären, auf die sich die Gegner der Betrüger-Theorie berufen (Unkenntnis in einfachsten Dingen, Begriffsstutzigkeit gegenüber Glas und Feuer, gutes Sehvermögen im Dunkeln ufw.). Denn es wäre ja möglich, daß der Junge tatsächlich eine Reihe von Jahren (wenn auch nicht sechzehn) zu wohlbedachtem Zweck in dunklem Kerker gehalten wurde. (Trotz vielem Bestechenden, das diese Ansicht für sich hat, bleibt es freilich immer noch fraglich, ob sie die letzte Lösung des Rätseld birat. Die Zeitgenossen Kaspar Hausers haben zuviel versäumt und ungenutzt gelassen, als daß wir auf eine solche überhaupt noch mit Bestimmtheit rechnen dürften.) Port Arthur. Von Alfons Paquet. In der Finsternis vor dem Bahnhof gibt es nichts als ein paar trübe Wagenlaternen. Schon fährt mich der Kutscher mit fliegenden Frackschößen über eine polternde Brücke. Ich sahre auf der menschenleeren Straße am Wasser entlang» Nichts zu erkennen, als ein Licht in der Takelage eines gespenstischen Schiffes. Die hohen Korridore des Hotels sind bis in den letzten Winkel von elektrischen Birnen beleuchtet. Aber sie sind leer. Im Zimmer stehen frisch« Blumen neben der grün verhängten Lampe. Sie beruhigen nicht. Ich trete auf den Balkon. Drüben im Dunkeln liegt ein Haus, das in seiner ganzen Breite von einem Baugerüst bedeckt ist. Finstere Berghohen drohen dahinter und verkleinern den Sternhimmel. Zu ihren Fuße" schimmern bleiche Häuser einer totenstillen Stadt. Am Morgen fallt mein Blick zuerst auf jenes Haus. Seine Fensteröffnungen sind mit Brettern zugenagelt. Die Straße liegt in der Morgensonne. Aber sie schweigt jetzt noch tiefer als die Nacht. Neben den halberwachsenen Bäumchen der Allee läuft ein Graben. Er ist mannstief und sorgfältig ausgemauert. Ist das nicht sinnlos? Wofür braucht man hier einen solchen Graben! Bis zum Wasserspiegel des Hafens hinab senkt sich «ine Wiese mit Blumenbeeten und einem Musikpavillon. Große Gebäude mit verödeten Veranden, geschlossenen Fensterläden und Rissen in den Mauern schauen aus die Bucht. Der Hügel der Kathedrale ist in der Mitte. Aber die Kathedrale ist nie gebaut worden. Die Sandhaufen und die zum Fundament bestimmten Steine liegen noch da. Der weiße italienische Marmor war schon unterwegs auf den Schiffen. Aber er ist in einen, chinesischen Hafen abgeladen worden und dort liegengeblieben. Ein Torpedoboot und ein von Dschunken umgebener Handelsdampfer liegen in der Bucht. Mehr ist nicht dä. Am Ufer des Hafens rosten alte Schiffskessel, halb gesunkene Pontons und eine Menge schwerer Ankerketten. Der jenseitige langgestreckte Hügelrücken trennt die Lagune vom offenen Meer. Er trägt die Sommerhäuser und den Badestrand, den in den heißen Monaten die Japaner von Dairen und die reich gewordenen Chinesen von Mulden besuchen. Den Hintergrund bildet die einstige Neustadt mit den breiten Geschäftshäusern jener großen ostafiatischen Firmen, die sich einst auf Befehl des Generalgouvcrneurs Alexejeff hier niedergelassen" haben, und deren Namen längst vergessen sind. Der Wachtelberg trägt das japanische Sie^esdenkmal. Es ist ein Schintotempel von strenger und einsamer Form. Zu seinen Füßen windet sich der Weg zu den ärmlichen Häusern der Altstadt mit den Ruinen der Docks und den kleinen Läden der japanischen Drogengeschäfte, der Kohlenverkäufer und Schiffshändler. Das find Dutzende von Löchern» vollgestopft mit rostigen alten Waffen, Granathülsen und Schisfsgeräten, mit offenen Schubladen voll von Uniformknöpfen, Koppelschnallen, Nickelmantel- geschossen und kleinen, von Grünspan überzogenen Kreuzchen, die russische Soldaten einst auf ihrer Brust getragen haben. Chinesische Bauernhände haben das alles von den^ Schlachtfeldern zusammen- geiragen. Und die Hände von fremden Seeleuten und Bergnügungs- reisenden wühlen ohne Scham in diesem klirrenden Zeug. Der Weg durch die Stadt führt in die Berge. Die Falten der Berge sind ausgezeichnete Artilleriestrahsn. Kahle Höhenzüge verwehren den Blick auf das Meer. Die Stadt löst sich endlich in ein paar chinesische Gehöfte auf, die in Baumgruppen eingebettet sind. Oben, auf das Meer gerichtet, liegen die Kasematten, weiß, fläch und fensterlos wie die Häuser einer arabischen Stadt. Man kommt an der von Mauern umgebenen einstigen Residenz des Generals Stössel vorüber, die jetzt der Militärgouoerneur bewohnt. Dort in der Nähe der Kasernen und der Reitbahn steht ein Schuppen, der früher der russischen Militärverwaltung diente: das Kriegsmuseum. Eine Futz- brücke, deren Geländer aus alten Kanonenrädern gemacht ist, führt zu ihrem Eingang. Ein schlanker, schwarzhaariger Japaner erscheint in der Tür, um mir die Eintrittskarte zu geben und sofort zu verschwinden. Innen steht gleich das ausgestopste Reitpferd Stössels mit dem prahlerischen Monogrannn auf der Schabracke. Man hat die Granatlöcher im Dach offen gelassen, der blaue Himmel scheint auf Schränke und Glaskästen. Da liegen, sorgfältig nusgebreitet und mit Nummern besteckt, Waffen und Uniformen, Schanzzeug, Tornister, Kochgeschirr, Winkerflaggen, Telegraphenapparate ärztliche Bestecke, die zerfetzte Hülle eines Fesselballons. An den Wänden hängen die Bilderbogen aus den Jnftruktionsftuben der Kasernen: Szene» aus dem Jahre 1812, dem Krimkrieg, dem Balkanfeldzug, dem Feldzug gegen die Turkmenen, bildliche Unterweisungen im Wachestehen und Salutieren, Abbildungen von Rangabzeichen, Orden und Chrenrnünzen, Photographien russischer Offiziere, Oelbilder japanischer Generäle. Hier liegt ausgebreitet, von Kugeln durchlöchert, das Unterzeug eines Soldaten, Mütze, Schaftstiefel, Seitengewehr und Heiligenbild daneben. Plötzlich ein ganz leises Geräusch im Nebenraum. Es hört sich an, als habe lich jemand, der unherschleicht, durch eine einzige Bewegung verraten; sofort ist alles wieder still. Erstaunt gehe ich in das andere Zimmer. Niemand ist da. Aber in der Ecke steht ein Käfig mit ein paar lebenden Tauben. Brieftauben aus der Zeit der Belagerung. Vielleicht auch nur ihre Abkömmlinge: Mein Kutscher fährt mich jetzt durch ein äußerst armseliges chinesisches Dorf und in ein tief eingeschnittenes Tal. Auf den Abhängen h den die Granaten überall ihre Riesenstapfen hinterlassen, aber auf den Feldern, die noch von unregelmäßigen Gruben durchzogen sind, brehet sich die grüne Saat in den eigentümlich gekrümmten Furchen des Ackerbaues. Dürres Gestrüpp von Zwergeichen säumt die Straße, Bauernkarren init lautschreienden Holzrädern kommen vorüber. Eine Hochzeitsgesellschaft. Auf dem von Ochsen gezogenen Wagen sitzt eine Ladung Frauen mit breitgesäumten, hellblauen, mantelartigen Kleidern, weiß umwickelten Füßen, hochrot geschminkten, birnenförmigen Gesichtern und dem Kopfputz aus Silberflitter und farbigen Emaillestücken. Neben diesen Fabelwesen gehen langsam, die Tiere antreibend, die Bauern und die Kinder. Aus die Höhe des Bergrandes führt die in den Fels gehauene Straße des Tungkikwanschan zum Standort der unbesiegten „Batterie B", die von den Russen am Tag der Uebergabe in die Luft gesprengt wurde. Drei durch gedeckte Gänge miteinander verbundene Forts und eine Kette von Lünetten boten da oben eine gewaltige Abwehr gegen den Angreifer, der die davor hingebreitete Talsenkung zu überschreiten hatte. Dieser Berg war Orkanen ausgesetzt, die seine äußere Form veränderten. Kein Zollbreit Boden, den der Kugelregen verschonte. Die Steinklötze der Brustwehr sind auseinandergerissen, die Gräben mit Splittern eingeebnet. Dünnes zähes Gestrüpp wuchert wie Stacheldraht auf den übereinander getürmten Trümmern. Hier klebt noch, zwischen Steine geklemmt und vom Regen verwaschen, ein Fetzen dunkles Tuch. Ein Stück Lederzeug liegt bei einem gebleichten Knochen. Bedauernd, betroffen wiege ich ihn In der Hand und lege ihn an seine Stelle zurück. In einer Mulde liegen Hunderte verrosteter Konservendosen. Aber von dem unge- heueren Hagel vop Blei und Eisenstückchen, der einst auf diese Felsen nieberging, ist nichts übriggeblieben. Die Chinesen streisen noch immer mit Stab und Säckchen umher. Der Blick schweift landeinwärts. Täler, Mulden, breite Felder legen sich zwischen felsige, einsam stehende Hügel, deren Abhänge noch immer von Gräben umwickelt sind. Diese schweigende, heroische Landschaft enthält keine Farben als das vielfältige Braun der Erde und darüber den Himmel, das blaue, klare, unbeteiligte Element. Kein Leben regt sich auf diesen von kalter Luft umströmten Höhen. Wenn ich mich umwende, sehe ich unten einen Halbkreis, eine Arena von niederen Bergen, die di« Stadt und den zum Meere offenen, das Blau des Meeres widerspiegelnden Hafen umfchliehen. In die Talfalte schmiegt sich eine Häusergruppe, deren Wände noch die halb verwaschenen großen Zeichen des Roten Kreuzes tragen. Und in einer ganz entfernten, kaum noch merklichen Falte des Berges liegen geschweifte graue Dächer, ragen rote, mit Mastkörüen beschwerte Stangen eines chinesischen Gehöftes. Eine grüblerische Neugier führt mich Schritt für Schritt durch die Einöde. Aus, diesen verlassenen, unter Sand und Felsstücken begrabenen Forts lebt kein anderer Laut als das Zwitschern der: Vögel, die in den Gräsern nisten. Gleichen nicht die kleinen schneeweiße» Wolken dort am Himmel den geballten Wölkchen der Granaten? Dort drüben auf der Berghöhe von Bodai ist ein grelles Glitzern in der Mittagssonne. Es ist vielleicht nur eine armselige Glasscherbe, und doch weitreichend wie der Strahl des Spiegeltelegraphen. Ich höre das Ende eines Donners. Cs ist nur mein Wagen, der hinter mir herfährt und über eine hölzerne Brücke poltert. Einen Augenblick war es ivie das Dröhnen der Geschütze, die das Herz der Verteidiger zittern macht«. Ich steige, rutsch«, falle in das von Granaten geschlagene Loch eines Betongewölbes, dessen Eingang nicht mehr zugänglich ist. Die Außenwand gleicht einem von Pocken und Narben entstellten Antlitz. Es ist die „Dritte Fortifikation". In dieser langgestreckten Höhe leitete der tapfere General Kon- bratento bie Verteidigung, bis ihn die Splitter eines japanischen Geschosses zerrissen. Durch die mit Schutt fast ausgefüllten Gräben des Nordforts bringe ich in bas Innere einer verödeten Galerie und steig« an der anderen Seite hinaus. Dann klimme ich den hohen, steilen, kegelförmigen Bodai hinan. Auf dem Gipfel haben die Japaner die Schiffsgeschütze stehen lassen, die dieses alles überschauende Adlernest vergeblich verteidigten. Japanische Schriftzeichen sind in bie Lafetten eingeritzt. Rings liegen Scherben von Bierflaschen und Gläsern. In ber Ferne, nach Norden gesehen, ragt der berühmte, einzelstehende 203-Meter-Hllgel. Wer erinnert sich noch, daß ber Verlust?dieses Hügels den Fall ber Festung entschied? Alles ist vorüber. Und schon so lange her. Mit bem Abendzuge verlasse ich Port Arthur,, abgestoßen von derselben Kraft des Grauens, die mich hingezogen hatte. Kein Volk der Erde ist unberührt geblieben von den Folgen des großen Würfelspieles, das sich in dieser öden Landschaft am äußersten Rand« des asiatischen Festlandes vollzog. Andere Erinnerungsstätten sind uns näher. Um ihr Grauen zu spüren, brauchen wir nicht mehr weit zu reisen. Der Zug hält einen Augenblick in Tschanglingtsu. Das ist die kleine Bahnstation, die einst die Operationsbasis ber Japaner biibete. Im Mondlicht schimmern die öden, knochigen Formen ber Hügel, bie kahlen, wie von ben Fluten eines Wolkenbruches zerrissenen Abhänge. Ich bin ganz allein in bem hell beleuchteten, mit rotem Plüsch gepolsterten Pullmanwage». Aus bem Nebengleise steht eine Lokomotive. Ihr starker, blinkenber Leib sprubelt schwarzen Atem aus seinem kurzen Halse. Unb sie läutet, läutet unablässig mit gellenben, gleichmäßigen Schlägen. Mit ihrem dröhnenben Bellen heult sie ben Monb an. Der Vogel Phönix. Von Georg Engel. " (Schluß.) Der Deuwel sprang auf, fuhr mit ber Klaue unter bas Oberdeck und kniff Ante in den großen Zeh, daß sie ausschrie. „Was?" schimpfte er, „du willst hier noch widersprechen? Auf der Stell sagst du jetzt ja oder nein." „Ja, ja, ich will ja!" schrie Ante kläglich, „aus reine Folgsamkeit will ich es tun. Bloß das Muckern in bem Zeh soll aufhören." „Das is dein Glück", beruhigte sich der Deuwel. Dann löschte er das Licht aus, soff noch etwas aus dem Spiritusfaß unb stieg endlich langsam in ben Schornstein. „Oh, bas is aber schrecklich!" wimmerte Ante hinter ihm her. Allein ber Deuwel blieb boch ein reeller Mann. Nach zwei Tagen nämlid) saß Ante Lauch freubig erregt vor ber Schatulle ihrer Ladenkasse unb streichelte mit ihren langen Spinnenfingern zärtlich °Äder einen neuen Hundertmarkschein hinweg. — 364 — ,.Er besitzt die Nummer 601025 d," murmelte sie dabei andnch- tin vor sich hin, „das hat der alte Klaas von Lehrer sich nich mal notiert. Aber ich schreibe es mich auf. So, hier steht es. Und nu soll mal einer kommen." Aber siehe, es kam dennoch jemand. Und dieser war noch viel mächtiger als der Deuwel, denn es war der Vogel Phönix, der letzt in der Domstraße 24 wohnt. Er kam aber ganz eigenartig geflogen, nämlich mit der Post. Und das geschah also: „Mutttng, Mutting!" so stürzte der lange Lehrer Kleppien an diesem Tage aufgeregt zu seiner Gattin, die gerade das Schulztmmer ein wenig säuberte, weil sie am Nachmittag Gänse darin gerupft hatte „Mutting!" rief der Lehrer und schwenkte einen großen Brief mit blauem Siegel triumphierend in der Luft, „Mutting, du sagst immer so, liebe Frau. Du behauptest, daß ich mich mit zu vielen Dingen abgäbe, die nichts einbrächten und die sich nicht miteinander vertrügen. Zum Beispiel mit meiner Bienenzucht und mit der Altertumsforschung. Und dann hätte ich noch meine Münzsammlung und die Volkszählerei und den Vorsitz in dem christlichen Lehrerverem und die Ausgabe der wandernden Bibliothek. Aber Mutting, liebes Anning, das is alles gar nichts. Aber dies hier, was ich jetzt hier Hochhalte, das wird mich zum reichen Manne machen. Und dann i« es auch was Kulturelles und was Segensreiches, was sich zu meinem Stande schickt. Kuck, Mutting, ich will mich nicht rühmen, aber cs beschleicht mich doch ein gewisses Gefühl von Stolz, wenn to dir jetzt mitteiien darf, daß der Phönix, die große Gesellschaft Phönix, mir hier für unser Börgelsund den Generalvertrieb für seine Einbruchs- und Diebstahlsverstcherung übertragen hat. Na, Mutting, was sagst du dazu? Is das nu was Nützliches und Einträgliches oder nicht?" Allein Frau Anna Kleppien wandte nicht einmal das blonde Haupt nach dem Begeisterten. Ruhig fegte sie ihre Daunen weiter zusammen und warf nur kalt und gelassen über ihre Schulter zurück- „Und wie stand es mit der Hagelversicherung, die du im vorigen Jahr gehabt hast? Dummes Zeug. Eh' du nich einen einzigen Taler ans Haus bringst, eher sag' ich kein Wort zu diesem Schnack." „Anning, liebes Anning!" rief der Lehrer vorwurfsvoll, „nimm es mir nicht übel, aber dir fehlt der Schwung und der so wichtige Idealismus für eine solche Frage. Das hier bedeutet ja was ganz anderes als Hagel. Eine solche Police verleiht dem Menschen, wie es in dem Prospekt heißt, die Sicherheit eines beruhigten Gemütes und befreit ihn von Mißtrauen. Und so was Großes und Schönes sollte sich nicht verwerten lassen? Nein, Anning, ich geh' nun gleich damit ins Dorf, und du sollst sehn, man wird allgemein entzückt davon sein." „Schön," fegte Frau Anna unbekümmert fort, „aber heute abend wird die dumme Vogelgeschichte zurückgesandt." Der Lehrer befand sich bereits unterwegs. „Lächerlich," murmelte er im Vorwärtsschreiten vor sich hin, „auch den besten Frauen scheint doch der Sinn für die mehr abstrakten Dinge zu fehlen. Diesmal werde ick es ihr schon beweisen. Aber an wen wende ich mich wohl zuerst? Laß mal sehn. Denn es ist doch klar, daß für eine olcbe Bereitwilligkeit eine gewisse Phantasie vonnöten ist. Hm, sollte Bäcker Rätz der richtige Mann sein? Aber der muß ja von Berufs wegen die ganze Nacht mit seinen Gesellen wach bleiben. Bei ihm zählt also die Gefahr des Einbruchs gleich Null. Oder sollte etwa ---?" Als er so meditierte, wanderte er gerade an dem Laden von Ante Dauch vorüber, und siehe, Ante steckte in demselben Moment ihr faltiges Haupt zu dem kleinen, kaum fußhohen Seitenfensterchen mit den grünen Glasscheiben heraus. Wie sie jedoch des Lehrers ansichtig wurde, schien sie plötzlich eine Neigung' anzuwandeln, in die Schwärze des Ladens zurückzutauchen. Allein sie war eine höfliche Frau, sie befann sich und lächelte dem Ankömmling so lieblich entgegen, als es ihr füßsaures Antlitz irgend gestattete: „Guten Tag, Herr Lehrer Kleppien," begann sie, „immer gut zu Weg? — Ja?" Der Lehrer blieb stehen und wunderte sich. Merkwürdig, diese Frau hatte sich sehr zu ihrem Vorteil verändert. Wie rücksichtsvoll war es doch, daß sie ihm gestern zu seinem Wiegenfest gratuliert hatte. Und heute nun wieder diele höfliche Anrede. Sicherlich, Ante Dauch mußte eine Art natürlichen Wohlwollens für den Lehrer empfinden. „Herrgott, wie wäre es —?" zuckte es ihm plötzlich durch den Sinn, „wie wäre es, wenn man diese Saufmannsfrau — —?" Ohne weitere Ueberlegung schritt er unvermutet vor das offene Fenster, und nachdem er respektvoll den Hut gelüftet, begann er mit ernsthafter Feierlichkeit: „Frau Ante Dauch, dürfte ich Sie vielleicht auf ein paar Minuten in einer für Sie sehr wichtigen Angelegenheit sprechen?" „Wich? — Mich?" schrie Ante unvermittelt und griff an das Fensterkreuz. „Erschrecken Sie nicht," fuhr der Lehrer, durch diese Heftigkeit einigermaßen verwirrt, zurück, „aber Sie können überzeugt sein, daß Ihnen — hm — daß Sie nach unsrer Unterredung die Sicherheit Ihres Gemütes vollkommen wiedergewonnen haben werden." „Meine Sicherheit?" Inzwischen war Ante aschfahl geworden: „Nicht hier draußen — vor allen Leuten!" stieß sie heiser hervor. „Was Sie mir zu sagen haben, Herr Lehrer, bei mir — im Laden." „Gewiß — gewiß, das dürfte auch viel rascher zum Ziele führen." Und nachdem er ihr nun in dem dämmernd dunkeln, frostigen Raum gegenübersaß, überwand er das unheimliche Gefühl, das ihm Antes starre Augen verursachten, und beschloß, seinen Feind mutig in der Front anzugreifen. „Frau Ante Dauch," fing er an, indem er feinen Hut hastig hin und wider drehte, „Sie wissen, die Ehrlichkeit ist in der Welt im Abnehmen begriffen. Können Sie sich vorstellen, daß es auch bei uns — in Vörgelsund — gewisse Existenzen gäbe, welche die Begierde nach dem Hab und Gut des Nachbarn nicht zu überwinden vermögen? Können Sie das?" Ante Dauch faß ganz starr. Sie preßte nur die Hände vor die dürre Brust, und von ihren Augen sah man kaum noch das Weiße. „Oh, die Verführung — die Verführung!" schlich es heiser aus ihrer Kehle. Herr Kleppien fühlte sich verstanden. „So ist es," äußerte er sehr befriedigt, „ich wußte gleich, daß Sie eine vernünftige Frau sein und mir wenig Umstände bereiten würden." „Ja, das rooll, aber was verlangen Sie nu von mir?" „Bitte, folgen Sie mir nur noch einen Schritt weiter!" forderte der Lehrer, der sich mit immer steigenderer Behaglichkeit in diese schöne Sprechrolle hineinlebte. „Nehmen wir nun an, es wäre lemand so tadelnswert und bestöhle Sie um Waren im Werte von — von zweihundert Mark." „Nein, nur hundert," wehrte Ante Dauch mit erhobenen Händen ab, „mehr nicht." „Nun gut, auch das genügt. Würden Sie nun nicht alle Hebel in Bewegung setzen, um diese Angelegenheit wieder ins gleiche zu bringen, sie gewissermaßen ungeschehen zu machen?" Ante Dauch riß die Augen auf und erhob die rechte Hand, als wünsche sie ein Taschentuch in die Höhe zu führen, um damit den falten Schweiß von ihrer Stirn zu entfernen. „Ungeschehen zu machen?" stammelte sie mit trockenen Lippen. „Je, je, was wollt' ich nich? Ader wie macht man das, Herr Lehrer? Oh, bitte, erklären Sie mir das." Der Lehrer war gerührt. Ein solch liebevolles Eingehen auf sein« soziale Philosophie hätte er bei diesem sonst so kalten Weibe nicht für möglich gehalten. Enthusiasmiert erhob er sich deshalb und klopfte feiner Zuhörerin aufmunternd auf den starr gestreckten Rücken. „Also nichts leichter als dies, meine liebe Ante Dauch", setzte er seine Belehrung hingerissen fort. „Sie unterschreiben einfach diese Police und verpflichten sich etwa für den Zeitraum von fiinf Jahren." „Fünf — Jahre — steht daraus?" murmelte Anw, in sich zu- sammensinkend. „Ja," schloß der Lehrer im höchsten Triumph, „und bas alles machen Sie dann mit hundert Mark ab. Sie werden zugeben, daß dies das Aeußerfte ist. was man Ihnen zu bieten vermag. Sind Sie damit einverstanden?" „Je, je, mich bleibt ja woll nichts andres übrig. Und ich dank' sie auch vielmals, Herr Lehrer Kleppien. Und hier — ach Gott, kucken Sie — das ist dieser Hundertmarkschein. Aberst sagen Sie mich noch Himmels willen das einzigste Wort; kommt nun auch nichts mehr hintemach?" Lehrer Kleppien faltete erst umständlich die Geldnote zusammen, bann jedoch richtete er sich stolz auf, und im vollen Bewußtsein feines soeben für den Vogel Phönix bewiesenen Wertes erwiderte er so vornehm wie möglich: „Ich bestätige Ihnen schon, liebe Frau Ante, daß hiermit diese Angelegenheit ein für alle Male erledigt fei. Für alles weitere bürgt Ihnen hoffentlich meine Persönlichkeit. Nicht wahr? Und nun danke ich Ihnen für die prompte Regulierung, Frau Ante, und versichere Ihnen noch einmal, Sie werden über die Vornehmheit des Institutes nicht zu klagen haben." Eine Minute später sah man Lehrer Kleppien hochaufgerichtet im strahlenden Sonnenschein die Dorfftraße herunterschreiten. Ante Dauch jedoch blickte ihm durch das winzige grüne Glasfenster nach, bis sie endlich, noch von innerem Grauen geschüttelt, hervorbrachte: „Ja, ja, darin hast du recht, lieber die Vomehmigkeit haft' ich nich zu klagen. Wie nobel war doch die Art, wie man mich den verfluchten Schein wieder abgenommen hat. Es geht einmal nichts über einen studierten Mann. Aber wer is schuld an dem ganzen Kram? Wer? Meine Schwester Riksch. Und darum entzieh' ich rhr von jetzt an die Unterstützung." „So, das is die Geschichte von dem Vogel Phönix," schloß der Obermaat Vota«, „und deshalb rat’ ich dich, gib dich nich erst mit Stehlerei ab. Denn dieser berühmte Vogel merkt es sofort. Und gegen seine Klugheit steht auch der öberfte Präsident von das Gericht als ein weißes Talglicht da. — So, bas überleg dir." Die Erzählung ist dem Novellenbande „Die Leute von Moorluke entnommen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Bruck der Vrühl'jchen Llniversitäts-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Stehen.