Gietzener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926________________________Dienstag, -en 13. Juli________________________ Nummer 56 Toskana. Bon Adolf Holst. Als wär's ein (Barten, liegt hier das Gelände Und von des Abends Milde so beschenkt, Als hielte einer der sich Bettler denkt. Beschämt von Rosen rot die übervollen Hände Und stände Nun ganz Gefühl und ganz in sich versenkt. Wie ist das alles weich und wundersam verhängt, In Duft hinabgetrunken wie in einen See, Zu dessen Uferborden im Gedränge , Langsam herniedersteigen die Olivenhänge Wie filberbärtige Wächter von Gethsemane. Von Wolken überwülkt, auf dem Gedunst der Tieft Ruhn der Gebirge saphirblaue Schalen, Bis an den Zackenrand gefüllt mit rotem Schnee. Es ist so still, als ob die Welt entschliefe. Nur über mir die todesdunklen, schmalen Zypressensteige wandeln in Sandalen Weißkuttige Mönche singend nach Fiesole. 3m Süden der Deutschen. Bon Gustav W. E b e r l e i n , Rom. IV*) Wo die Welt am schönsten, ist der Deutsche am nächsten. Und die Welt ist überirdisch, ja geradezu kitschig schön zwischen den Golfen von Neapel und Salerno. Sie kennen doch diese unglaublich blau hingestrichenen Ansichtskarten mit den unschuldweißen Segeln darauf und dem tadellos vom Azur durch Rot ins füh-süße Orange verlaufenden Himmel darüber? Diesen ganz schrecklichen Kitsch? Geradeso sieht die Wirklichkeit aus. Die Deutschen haben infolgedessen die ganze Aussichtsterrasse, auf der man solches gewahr wird, besiedelt: die Straße von Sorrent bis Amalfi. Straße! Da könnte man gerade so gut des Wolkenweges, „bebende Rast", die Wotan zur Burg der Götter hinaufdonnert, so nennen. Seine Riesen haben sie geschaffen, haben das Kap von Sorrent mit einem mythisch gewaltigen Felsenzaun umgeben, jeder Pfosten so hoch, daß er Himmel und Meer verbindet. Und dann sind die Menschen gekommen und haben, ungefähr in der Mitte, ein Band durchgezogen, durchgeflochten. Darauf trippeln nun jene Sorrentiner Pferdchen dahin, die auf der Stirne eine weiße Straußenfeder tragen. Und in den blitzblanken Wägelchen, die sie ziehen, sitzen die Deutschen und — — ja, sollten sie etwa nicht schwärmen? Sie haben das Jahr für Jahr getan, und die Eingeborenen sind beinahe wohlhabend davon geworden. Wer irgendwie konnte, ließ seinen abschüssigen Weinberg — die Rebe wächst hier schon auf dem Fels, wenn man ihn etwas mit Sand bestreut — im Stich und ging zur Fremdenindustrie über. Ja, die Deutschen machten sich mit der Zeit sogar seßhaft, es enftanben blühende Gastkolonien. Sorrent, Amalfi und Capri waren im Sommer, wenn sich auch noch die Ferienreisenden einstellten, dermaßen deutsch, daß man die Reichsflagge mindestens so oft wie die italienische sah. Dann kam der Krieg. Dann die Inflation. Dann der Boykott, diese schmerzvolle Entsagung. Die Straße der Wunder vereinsamte. Wo sonst Wagen auf Wagen folgte, kam uns nur — so was gibt es jetzt wieder — ein Gipsfigurenhändler entgegen. Wären die zahllosen, steil abfallenden oder steigenden, engen Pfropfenzieherkurven nicht, in denen man sich mehr am Steuerrad anklammert, als es zu lenken, wo das kleinste falsche Manöver genügt, um die senkrechte Wand hinunter ins Meer zu jagen, wo Anfänger oder nervöse Fahrer buchstäblich im Handumdrehen weiße Haare kriegen können, dann könnte man die Strecke von Sorrent bis Amalfi in einer kleinen Stunde zurücklegen. Positano, das deutsche Malernest, ist wie ausgestorben. Denn hier ist für den Engländer, der sonst so gern in die deutsche Lücke springt, nicht gut sein. Wie soll man auf einer Treppe, um nicht zu sagen einer Hühnerleiter, Gols spielen? Positano ist vertikal gebaut. Vom Meere aus gesehen: weiß gesprenkelte Steilfelsen. Die Deutschen entdeckten alle ihre Knabenseligkeiten jn diesem romantischen Nest. Und um die Wahrheit zu sagen: die paar, die jetzt hier sind, sinden es viel schöner als je. Bald werden andere die Vorzüge der Nichtüberfüllung heraus haben, und so stirbt die Abkehr von Italien. Weiter im Pfropfenzieher. Vetiica. Praiano. 'Nester, wie von Strandvögeln gebaut. Die Spuren der großen Bergkatastrophe, die *) Vgl. Nr. 43 vom 29. Mai. L uor einigen Jahren die Küste heimsuchte, sind schon vernarbt wie die Wunden der Schlachtfelder. Amalfi, das damals die Reporter- Phantasie völlig in Trümmer legte, liegt unversehrt und geputzt da wie am Hochzeitstag. Die Glocken läuten, die Rosen duften und die Menschen sind voller Erwartung. Nur der Bräutigam läßt auf sich warten. Ach, käme er selbst in Wadenstrümpfen und Loden, man würde die Augen zu- und ihm die Hand drücken . . . Im berühmten Kreuzgang des Gott sei Dank nicht trockengelegten Kapuzinerklosters sitzen jetzt lauter Amerikaner. Very nice — dieser Whisky. Look here, die Sonne geht unter! — O yes, sehr gut, der gelbe Capri. Royalll! — Lurlei — Mieramaaaaar! — Paradiso! Paradies is fchööön! — Paradies is schööööön! — Die marinai schreien, flöten, fingen ihre Hotels in wohlgesetztem Rhythmus den Fremden entgegen, die den Dampfer schon mit ihrer Neugier und Ungeduld auf die Seite gedrückt haben. Das Aus- booten in Sorrent gehört nicht immer zu den angenehmsten Steife» erinnerungen, denn so etwas wie einen Hafen gibt es nicht. Bei stürmischer See muß der Dampfer seine leidende Fracht in der nächsten Bucht ausschissen, wo die Bootsleute dann dem unglücklichen Strandgut unverschämte Preise abverlangen. Nur ja nicht vergessen, bas Mussolini zu sagen, hat mir beim Abschied meine Wirtin auf die Seele gebunden. Nun, es booten sich wenige aus, denn es ist ja ein Runddampfer, einer, der alles an einem Tage macht. Ich will das Hauptprogramm mitmachen, den Besuch der blauen Grotte en mässe, und boote mich also ein. Schon von weitem sehe ich im Stern des Schiffes Windjacken flattern —• also Deutsche. Eine breite Seitenwelle wirft den Dampfer um, ich strande gerade vor einem Paar Hauchstrümpfe. Beg your pardon! — O. bitte. Ein deutscher Bubikopf also. Als der majestätische Doppelfels aus den Fluten austaucht — der Dichter war schlecht beraten, als er Sorrent die schimmernde Blüte der Wellen nannte, statt Capri — wachsen die Stative aus dem Deck heraus wie Pfifferlinge. Die Deutschen photographieren ihren Traum. Vier Fünftel der Passagiere sind Deutsche, wenn auch viele der Paß als Polen, Tschechen und Serben ausweist. Am wenigsten hört man österreichische Dialekte. Nicht lange, verschwinden die Objektive mit einer gewissen Ueberstürztheit. Wir haben das Kap hinter uns, ungehindert pfeift der Wind durch beide Golfe. Die Schönheiten der Natur verlieren merklich an Interesse, gewisse Schiffsgegenden sind dauernd besetzt, mit einem unverschämt feinen Grinsen bietet ein Mensch Portwein an. Nur um Gottes willen Haltung ^bewahren, denkt jeder und schaut dem andern fest in die Augen. Sonderbar, wie grün der wirb. Hupp — ho, hupp — ho. Hm, das Schiff rollt. Cs wird leerer auf Deck. Ich habe zu bleiben, denn bin ich nicht zur Berichterstattung da? Mein Gegenüber verschanzt sich hinter eine fingerdicke Berliner Zeitung. Er muß schon als Matrose auf die Welt gekommen sein. Seine Beine bohrt er wie Grundpfeiler ins Deck. Plötzlich, sehe ich recht, fängt auch er zu zittern an. Na, kein Wunder, wenn ihm schlecht wirb bei dieser Politik. Wer weiß, was er gerade für einen Artikel lieft. Nachbarin, meinen Arm? Ach ja, und sie sieht, an die Reeling begleitet, tief ins Meer. Ich dem Zeitungsleser bei dieser Gelegenheit über die Schulter. (Brimbgütiger Himmel, er liest einen Arükel von mir! Als die blaue Grotte in Sicht kommt, ist das Deck menschlich so bevölkert wie die Erde am ersten Schöpsungstag. Aber da sitzen mir plötzlich, ohne recht zu wissen wie, im Boot und werden unter einem Mordshalloh in die blaue Grotte hineingerissen. Wer sich nicht rechtzeitig legt, wird geköpft. Drinnen stoßen sich so viele Boote herum, daß für den Fischerknaben, der laut Baedekervorschrist zu baden und damit zu zeigen hat, daß das menschliche Fleisch im Wasser zu Silber wirb, kein Platz übrigbleibt. Er friert bloß, friert wie ein junger Hund. Dann geht es im Hui wieder hinaus, und jeder versicherte, drinnen fei es tatsächlich noch blauer gewesen. Zur Rückfahrt nach Sorrent stellte sich ein paar Tage später ein Dampfer ein, der früher einmal dem berühmten Seeräuber mit der schwarzen Flagge gehört haben muß. Lang und schmal, wie das heutige Frauenideal. Ein riesiger Klüverbaum ragte aus dem kühn geschwungenen Schnabel. Leider fuhr der „Korsar" — er kann nicht anders geheißen haben — so, daß er die langen Dünungs- wogen der ganzen eigenen Länge nach zu spüren bekam. Bald streifte die eine Reeling das Wasser, bald die andere. Vier moderne Frauenideale umstanden uns mit ängstlichen Augen und wollten wissen, wie lange es fei nach Sorrent. Sie 222 hätten nun de» Ozean.zweimal überquert, aber so ein Tanz sei noch nicht dagewesen. Beim Versuch, am Luv angeklammert, eine Zigarette anzustecken, flog ich nach Lee und einem uniformierten Menschen in die Arme. Er rieb tatsächlich ein Zündholz an, kriegte eine Lira für das Kunststück. Da stellte er mich auf die oberste Sprosse der Gefellschaftsleiter: Thank you, Mylord! Das ist das Höchste, was ein Deutscher in Italien erreichen kann. Seinen Homer in der Tasche, weiß der kundige Fremdling: Hier erheben sich Klippen mit zackigem Hang und es brandet Donnern empor das Gewoge der bläulichen Amphitrite. Und als der Dampfer gar keine Miene machte, an der blauen Grotte überhaupt nnzulegen, erstens weil kein Boot in die Grotte, und zweitens, weil keine von den 243 Halbleichen an Bord in ein Boot hineinzubringen gewesen wäre, da zitierten ahnungsbleiche Lippen: Nimmer entrann auch ein Schiff der Sterblichen, welches hinanfuhr . . . Aber das war gestern. Heute sieht es anders aus. Die blaue Glasglocke über den „Jrrfeljen" ist auf Hochglanz poliert. Capri, Insel der Sirenen! Insel der Deutschen . . . Das transparente Blau der blauen Grotte garniert jetzt Fallreep und Ruder, die schmutzigste Hand wird darin zu einer wellen- fchncnngeborenen, der Bootsmann singt und die malerischen Korallenverkäuferinnen sagen Madame und Mylady. Man wird fast gerührt. Manche setzen den Fuß wie im Traume ans Land. Manchen wird ein langgehegter Traum süßeste Wirklichkeit. Und viele, viele begrüßen die der Wunder volle Jnfel wie einen alten lieben Bekannten, den sie lange böse Jahre nicht mehr sahen. öie setzen sich in die funicolare, und es geht durch Rosengewucher und Nelkenvorhänge hinaus, hinaus. Es ist eine wahre Himmelsleiter, diese Drahtseilbahn. Und sie führt nicht zu den wolkigen Höhen der dunkelmächtigen, germanischen, sondern in den heiteren Himmel der griechischen Mythologie. Der erste Blick beim Aussteigcn fällt natürlich auf den Spadaro. Er sieht halb wie ein Garibaldianer, halb wie ein Fischer aus, trägt einen jDallenben Vollbart mit einer langen Gipspfeife darin, eine rote Tellermütze auf dem patriarchalischen Haupte und dient zum Photographiertwerden. Er stand schon da, als unsere Väter, Großvater und Urgroßväter nach Capri kamen. Vielleicht war er es nicht selber, sondern fein Vater, Großvater oder Urgroßvater, aber das ist ja ganz gleich. Der L-padaro vererbt sich ad infinitum. Irgend ein ungeschriebenes Gesetz verbietet jegliche Konkurrenz. Und der wackere Alte verdient das, denn er hat sich um die Verbreitung des Postkarten- und Malerkitsches schon unsterbliche Verdienste erworben. Allen Dilettanten dient er als Staffage, natürlich gegen Bezahlung. Jeder Fremde öffnet zuerst die "Kamera, dann die Börse. Dementsprechend hat er auch das Einkommen eines Schwerarbeiters. 'Ach, der «padaro ist da, na, dann ist ja alles gut! Und in der Tat, der todjein trügt nicht. Capri will nichts von Politik wissen. Capri hat natürlich auch einen grimmigen Faseio, Liktorenbundel und Trikolore, aber Capri lebt von den Deutschen, feinen Gründern sozusagen. Hier braucht kein Fremder eine andere als die Sprache Goethes zu kennen, die undefinierbarsten Sirenen der eleganten, internationalen Welt stammen hier aus Pirna oder Graz oder Berlin. Hier hängen wie in Heidelberg ober Tübingen Schilder aus den Fenstern heraus mit der deutschen Einladung: Schönes Zimmer zu vermieten. Hier haust nach immer der „Kater Hiddigeigei" und versammelt am Abend das internationale Publikum (aus den obengenannten Gegenden) zum Foxtrott. Selbstverständlich hängen die Capresen auch immer noch die gute alte deutsche Fahne heraus, das Schwarzweißrot leuchtet von den womöglich noch blanker geputzten Wägelchen, und wenn die prallen Pferde davor auch keine Pleureufe auf der Stirne tragen wie ihre äorrentiner Kollegen, fo dafür eine ellenlange Fafanenfeder. Wie in allen Städtchen des Südens folgt auch in Capri ein heiteres reli- giöfes Fest dem andern und dann wird das Bild der Madonna ober des Lokalheiligen hochgezogen in der Straße wie eine Bogenlampe und zu beiden Seiten Wimpeln die Farben aller Nationen herab. Aber fo etwas geht in Capri schnell vorüber. Hier gibt es nur eine Farbe: Blau. Ich ging die lieben Gassen hinunter, und es war nur, ich schreite auf dem Blumenteppick) vor der Tür einer Braut. Viele Kinder sieht man mit hellen Augen. Silles ist auf ein Scherzo gestimmt. Die beiden Reitesel heißen Michelangelo und Raffael. Man kann zu den Ruinen des Tiberius ober bes Barbarossa hinaufreiten. Der Treiber versichert, unb wir kommen barüber in wissenschaftlichen Streit, bah tatsächlich der Barbarossa bie Burg gebaut habe. Endlich, im alle Probleme lösenden Blau dort oben, ergibt sich, baß wir beide Recht haben: bie Burg hat ein Barbarossa gebaut, nur baß es nicht der Kaiser dieses Namens, sondern ein Seeräuber war. Der Himmel lacht. — Am dritten Tage entdeckt man mit Betrübnis, daß sich doch einiges auf Capri geändert hat. Ein Verfall heiterer Schönheit hängt ja immer mit Politik zusammen. Im Hotel Pagano durchblätterte ich das Fremdenbuch, das durch den täppischen Eintrag eines Diplo- motenpikkolos eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Dab betreffende Blatt, auf dem der hoch über der menschlichen Niederung schwebende Mond so tapfer angebellt wurde, ist herausgeriffen und seither haben sich nur noch wenige Gäste darin ein Denkmal gesetzt. Cs ist eines von jenen Büchern für geschmacklose Leute, die in schlechten Reimen eine höhere Ausdrucksform sehen. Dagegen zählte ich im eigentlichen Gastbuch, dem polizeilichen, in den letzten drei Monaten auf 130 Fremde 73 Deutsche. Das normale Verhältnis für Capri sind 85 Prozent Deutsche. Im anderen Hotel Pagano sand ick) nur sechs. Vor dem Kriege war Capri das 6tetlbid)ein aller beutfchen gerienreifenben, sie wimmelten in solchen Massen über bie Insel, daß selbst Ställe unb Höhlen als Unterkunft begehrt waren. Auch heute ist Capri noch beutsch, aber dock) nur relativ genommen, unb man sieht es ben meisten an, daß sie — zum Leidwesen der Eingeborenen, die nur von der Fremdenindustrie (eben — mit ihrer Edelvaluta recht haushälterisch umgehen müssen. Aber was haben sick) die wackeren Capresen auch für einen üblen Spaß geleistet! Die Villa Krupp samt der Villa ihres großzügigen Erbauers heißt jetzt Augusto. Die mit einer an Vermessenheit grenzenden Kühnheit den Steilfelsen abgetrotzte Straße mit ihren phantastische» Terrassen und hängenden Gärten, ihrem Belvedere, verfällt reihend schnell. Jedes unvorsid)tige Anlehnen an die zerbröckelnde Schutzmauer bedeutet Stürz und Tod. Für ein deutsches Herz ist der Gang schwer zu ertragen, zumal an der kleinen Marina Ruine über Ruine nie vollendeter Siedelungen sonnenhungriger Deutscher das Weh der Verlassenheit und Ohnmacht in den Himmel schreit. Freilich, solange man steht und staunt, verblaßt hier bie Unzulänglichkeit des Irdischen vor der Gewalt der Blau in Blau verfließenden Golfe und dort, wo die ferne Rundlinie schneidet das Blau der oberen Kuppel, dort segelt die Sehnsucht hinaus, hinaus auf der leuchtenden Lockung der Welle. Zuweilen erlebt einer einmal im Leben eine solche Stunde, wo er so tief, fo fernwehtief einer schönen Frau in die Augen schaut. . . gefesselt wie Odysseus, gebunden an den Mast der Wirklichkeit, während Seele und Sinne sich einer betörenden Schönheit vermählen. Das ist Capri. Noch immer locken bie Sirenen, unb „verklebten wir uns aud) die Ohren mit der mächtigen Scheide des Wachses" — es wirb ben Deutschen mit seiner liebhast empfinbenben Seele immer roieber nach Italien ziehen. Und einmal wird ja auch »ns wieder das Blau des Sieges strahlen. Elsnderle. Von Georg Türk'). Merkwürdig ist es... Die Tage enteilen, die Jahre enfc* schwinden. Vieles geschieht unb versinkt im Meer des Vergessens. Es kommen aber Stunden, deren Geschehen sich tief einprägt, die in der Erinnerung fortleben, die wie in Erz gegossene Bilder gegenwärtig bleiben... Esiläbeth ftanb am Fenster ihres Stübchens und schaute nach der Dank am Roseichügel hinüber. Sie Bank wußte ein heunnis. Sie Bank wußte von einem Geschehen, das noch keinen Tag alt war. And dieses Geschehen war schuld, bah ein Bild in ihr aus tauchte, eine Begebenheit, die zu denen gezählt wer- ben will, die man nicht wieder vergißt. Sie Sterne schimmerten bläß über bem schweigenden Garten. Es war schier unheimlich anzüsehen, wie deutlich die Blumen- beete, durch die der gelbe Weg schnurgerade hinlief, im Licht des vollen Mondes sich hinbreite len unb wie die Rosenbüsche die weihe Dank umbrangten. Es war fast so hell wie am Tage, und doch sah alles ganz anders aus. Ser Garten hielt den Atem an, der Garten lag im Bann des Wunderbaren. Sie Juninacht hatte ihren silbernen Schleier über ihn gelegt unb ihn verzaubert. Elisabeth war lange nm Rande ihres Bettes gesessen. Sie konnte nicht schlafen. Sie muhte über das Geheimnis nach- sinnen, von dem die Dank am Rosenhügel wußte. Wie träumend war sie durch bie Stunden des Tages gegangen. Run, da der Mond am Himmel stand, erwachte sie. Das große Erlebiris des Morgens trat aus der Dämmerung des Traumes in das Licht des klaren Bewuhtseins. Tlnd da es in das Licht des klaren Bewuhtseins trat, fiel von ihm aus, wie von einem Scheinwerfer, ein Heller Strahl auf jenes andere, bas vor zehn Jahren geschehen war... Oh, es war nichts Bedeutendes gewesen... Sie Lehrersfrau hatte nur ein unbedachtes Wort gesprochen. Das war alles... Wer aber will scheiden zwischen großen und kleinen Dingen, zwischen Wichtigem und Unwichtigem? Sa Elisabeth auf ihrem Bette sah, trug der Hauch der Rächt den Dust der Rosen zu ihr herein unb umschmeichelte sie mit seiner Süße. Da muhte sie aufstehen unb ans Fenster treten unb in ben verzauberten Garten sehen... Jahr um Jahr geschah es, daß kurz vor ihrem Geburtstag die Rosen auf blüht en. Wenn sie am Morgen erwachte, standen immer so viele Rosen auf dem Tischlein neben ihrem Bette, als sie Jahre zählte. Dieses Jahr waren es einundzwanzig gewesen... Ganz früh am Morgen, wenn sie noch schlief, trat der Vater herein unb brachte bie kostbare Vase mit ben duftenden, tauigen Blüten. Zuweilen wachte sie schon, 'stellte sich aber schlafend, um dem Vater die Freude nicht zu nehmen. Einundzwanzig! Es blühten ungezählte Rosen auf. bem Hügel, an dessen Fuße die weiße Dank stand. Man konnte ruhig dreißig unb mehr wegnehmen, ohne dah es auffiel. Aber *) Mit Erlaubnis des Verlags I. F. Steinkopf in Stuttgart entnommen aus Georg Türk, „Die Geschichten von den sieben weihen Kerzen". Preis 2,50 Mk. Sieben feine stille Geschichten von wundervoller Beseeltheit. 223 — dreißig Rosen wird ihr der Vater nicht bringen, es mühte denn fein, daß er sie ----Nein! Daran wollte sie jetzt nicht denken! Sie wollte jetzt nicht an das denken, was vor iHr lag! Nur das Hettte durste gelten! Einundzwanzig! Ob sich die Lehrersfrau nicht wunderte, die ihr damals nur noch fünf Lebensjahre gab? Als der Vater vor fünfundzwanzig 'Jahren mit seiner jungen Frau m bas Pfarrhaus einzog und sie an der Hand zu dem grasbewachsenen Hügel führte, sagte er: „Hier sollen rote und weiße Rosen für dich blühen und hier 'soll eine Dank sür uns beide stehen!"... Die 'Mutter hatte es ihr an 'ihrem zwanzigsten Geburtstage, als sie nebeneinander auf der Dank faßen, erzählt und dabei wunderselig gelächelt. Die Dank war je und je von Geheimnissen umwöben. Nun wüßte sie em neues... Damals vor zehn Jahren... Elisabeths Gedanken gingen vom Heute zum Gestern und Ehegestern. Das Erlebnis der Morgenstunde stand klar und scharf vor ihren Augen, aber es war umwoben von bunten Bildern jener Tage, jener längst vergangenen Tage... Damals vor zehn Jahren war sie an einem sonnigen Morgen auf der Dank gesessen. Sie wüßte noch ganz genau, wie es war. Elf Jahre war sie vor wenigen Tagen geworden. Sie faß mit geschlossenen Augen und träumte. Auf ihrem Schoß log das Märchenbuch. Die Rosen dufteten stark und süß. Da sah sie im Geiste das Schloß, in dem Dornröschen schlief. Das Schloß war von einer Mächtigen Hecke umschirmt, an der hunderttausend Rosen blühten. Lind der Königssohn nahte sich auf stolzem Rosse... Die Geschwister lärmten unter dem hohen Nußbaum, der hinter dem Hause stand. Sie vernahm die lauten Stimmen der drei jüngeren Drüber und der Schwester, die zwei Jahre älter war als sie. Sie waren alle gesund und kräftig. Ihnen tat die Drust nicht Weh, wenn sie die Dorfstratze entlang rannten oder mit den Lehrersbuben den Anger hinaüfstürmten, wo der alte Schäfer neben seinem Karren saß und Strümpfe strickte, Während der schwarze Hund die Schafherde hütete. Sie hätten gut lachen und tollen! Ihnen 'strich der Vater, bevor er am Sonntag, angetan mit dem Etzorröck, zur nahen Kirche hinüber- fing, nicht mit bekünunerter Miene über das Haar! Elisabeth atte es wohl vernommen, wie Onkel Joachim, der Arzt in der nahen Stadt war und ost zu Desuch kam, zu den Eltern sagte: „Das Kind bedarf der Schonung!" Man hört manches, was man nicht hören soll... Elisabeth lehnte den Kops an das weihe Fensterkreuz und sah zu der Bank hinüber. Still stand die Dank und hütete das neue Geheimnis, von dem sie seit diesem Morgen wußte... Damals, als sie 'im Geist das Dornröschenschloß und die Rosenhecke und den Prinzen sah, weckte sie der Ruf des Vaters aus ihrem Träumen. Sie ging zu ihm in die 'Studierstube. Er saß an seinem Schreibtisch und wandte ihr, als sie eintrat, sein gütiges Gesicht zu. „Du könntest wohl dieses Schreiben zum Herrn Lehrer tragen," sagte er freundlich, „die andern sind, wie ich merke, wieder einmal sehr beschäftigt!" Sie 'lies die 'sonnige Dor'siträhe entlang. Es war nicht weit zum Schulhause. Aber schon der kurze Weg machte sie müde. Die Sonne brannte heiß hernieder. Allein sie färbte ihre Wangen nicht braun wie die Wangen der Schwester und der Drüber. Es war in den Heuferien. Der Lehrer sah in dem alten Lehnstuhl und rauchte aus seiner langen Pfeife. Seine Frau goß die Geranien am Fenster, die ihr besonderer Stolz waren. Die beiden schauten Elisabeth an. Sie spürte auch in ihren Blicken das Mitleid. Es war ihr immer peinlich, von den Leuten mitleidig angesehen zu werden. Schnell richtete sie den Gruß des Vaters aus und gab das Schreiben ab. Als sie sich zum Gehen wandte, kam — sie erinnerte sich genau! — durch die Türe, die weit offen stand, ein junges graues Kätzchen herein. Es hatte ein struppiges Fell und war entsetzlich mager. Mitten rm* Zimmer blieb es stehen und schrie jämmerlich mit einem fernen Stimmlein. „Ach, du Elenderle, da armes!" sagte die Lehrersfrau, goß ein wenig Milch in eine Schale und stellte sie auf den Boden. Sofort lief,das Kätzchen hinzu und leckte die Milch begierig aus. Sie schauten ihm zu, und der Lehrer sagte: „Es gehört dem Nachbarn. Die Leute kümmern sich aber nichts um das arme Sier. Es kommt fast jeden Tag!" Elisabeth bückte sich und streichelte mit sanfter Hand das struppige Fell. Dann ging sie aus der Stube. Als sie an den offenen Fenstern vorüberging, hörte sie drinnen die Lehrersfrau sagen: „Die ist auch so ein Elenderle! Ob sie nach fünf Jahren noch das Leben hat?" Ja, man hört manches, was man nicht hören soll... Ein scharfer Schmerz ging ihr durch und durch. Daß sie mit diesen Worten gemeint war, verstand sie sofort. Sie war auch fo ein Elenderle wie das mägere'Kätzchen! Lind in'fünf Jahren.. Ein Grauen rann Üjr über den Leib. Das schlimme Wort, das für ihre Ohren nicht bestimmt war, verfolgte sie den ganzen Tag. Und in der Nacht konnte sie nicht schlafen. Als ihr im Morgengrauen die müden Augen zufielen, träumte sie, ein weißer Sarg werde aus dem Hause hinüber zum Kirchhof getragen. Der Vater und der Lehrer gingen vor' ihm her, die Kinder sangen, und hinter dem Sarg schritten die Mutter und die Geschwister und alle Leute vom Dorf, sind die Lehrersfrau nickte immerzu mit dem Kopfe. In dem Sarge lag sie selbst, und auf dem Deckel sah eine kleine graue Katze. Das eiserne Tor des Kirchhofes sprang krachend auf... Mit einem lauten Schrei fuhr sie empor und starrte in das junge Licht des Tages. Die Schwester, die neben ihr lag, lallte ein paar unverständliche Worte und schlief weiter. Elisa- beth sah sie an. Sie hatte runde, rote Wangen, sie schlief so gut und fest. Hanna war kein Elenderle wi« sie! Da kroch iHv der Neid Über das zuckende Herz... Draußen fuhr ein Wagen vorüber. Aus dem Knarren der Räder klang es höhnend: „Elenderle! Elenderle!" Dann hörte sie Schritte, ein Hüsteln wurde vernehmbar... Ging der alte Totengräber vorüber? Die Schwester stand auf, sind während sie sich anzog, fang sie, wie sie es gewohnt war, mit frischer Stimme ein Morgen? sied. Elisabeth blieb liegen. Ihre Wangen glühten. Sie hatte Fieber... Acht Tage lang mußte sie das Bett hüten. Sn diesen acht Tagen reifte ein großer Gedanke in ihr. Sie wollte die Lehrersfrau Lügen strafen! Sie wollte kein Elenderle mehr sein, wollte das ewige Müdesein durch ihren Willen überwinden! Noch fünf Jahre gab ihr die Frau. Sie wollte aber mindestens noch zehn Jahre leben! Es war doch so schön auf der Welt, so schön bei Vater und Mutter! — — Elisabeth umklammerte mit beiden Händen das.Fensterkreuz und atmete tief auf. Der volle Mond wanderte langsam über den Himmel. Regungslos lag der Garten in seinem Lichte. Nur in den Blättern des Nußbaumes war ein leises Flüstern. Elf Jahre alt war sie damals. Dor wenig Tagen hatte sie ihren einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert und am frühen Morgen ihr Gesicht in die einundzwanzig Rosen gedrückt! Sie hatte ihren Willen durchgesetzt! Ob die Lehrersfrau noch an ihre Worte von damals dachte? Merkwürdig, was der Wille vermag! Es stand ja wohl, das wußte sie jetzt, ein höherer Wille hinter chrem Willen. Gott gab ihr Kraft zum Wollen!... Sie hat das Müdesein uiedergezwungen! Sie lief mit den andern Kindern die Dorf? straße entlang, sie stürmte mit ihnen den Anger hinaus. Die andern durften es nicht sehen, wenn sie die Hände auf das klopfende Herz preßte, wenn sie die stechenden Schmerzen verbiß. Sie lauerte sich rasch hinter dem Rücken des Schäfers nieder, wenn es Hr schwarz vor "den Augen wurde und der Boden unter ihr tvansie. Sie wölkte kein Elenderle fein sie wollte nicht! Das graue Kätzchen kam nicht mehr zu den Lehrersleuten. Es war Wohl — nein! Es war ganz gleichgültig, was mit dem Kätzchen geschehen war! Die wollte nicht mehr an das armselige Tier denken! — — (Schluß folgt.) Die Sage von Sankt IuNanus dem Gastfreien. Von Gustave Flaubert. (Schluß.) 'Jie.d) der Bestattung sah man ihn den Weg eiiifdjlacfen, der in die Berge führte. Er wandte sich zu mehreren Malen um und verschwand zuletzt. Bettelnd zog er in die Welt! Er streckte vor den Rittern auf den Wegen seine Hand aus, nahte sich mit gebeugten Knien den Schnittern ober harrte reglos vor den Zäunen der Höfe, und fein Gesicht war fo traurig, daß man ihm das Almosen niemals verweigerte. Aus Demütigungssucht erzählte er seine Geschichte, und alle flohen ihn, indem sie das Zeichen des Kreuzes schlugen. In den Dörfern, durch die er schon gekommen war, schloß man die Türen, sobald man ihn erkannt hatte, rief ihm Drohungen zu und warf mit Steinen nach ihm. Die Mildherzigsten stellten eine Schüssel auf den Rand ihres Fensters, dann schlossen sie die Läden, um ihn nicht zu erblicken. Ueberall zurückgeftoßen, vermied er die Menschen und nährte sich von Wurzeln, von Kräutern, von verdorbenen Früchten und von Muscheln, die er längs den Gestaden suchte. Manchmal, wenn er um einen Hügel bog, sah er unter sich ein Durcheinander von eng gedrängten Dächern mit steinernen Spitzen, von Brücken, Türmen und schwarzen, sich kreuzenden Gassen, aus denen ein immerwährendes dumpfes Summen bis zu ihm heraufdrang. Das Bedürfnis, sich mit dem Dasein der anderen Menschen zu vermischen, ließ ihn in die Stadt hinuntersteigen. Aber der tierische Ausdruck der Gesichter, der Lärm der Geschäfte und die Gleichgültigkeit der Gespräche erkälteten sein Herz. An Festtagen, wenn das Läuten der Kirchenglocken von Tagesanbruch an das ganze Volk in Freude versetzte, sah er die Einwohner aus ihren Häusern treten, sah die Tänze auf den Plätzen, die Fässer mit Kräuterbier cm den Straßenecken, die Darnastzelte vor den Wohnungen der Fürsten und, wenn der Abend herabgesunken war, durch die Fenster der untersten Stockwerke die langen Familientische, an denen Großväter ihre Enkel auf den Knien hielten; Schluchzen schnürte ihm die Kehle zu, und er wandte sich wieder in das Land hinaus. Er betrachtete mit überquellender Liebe die Füllen auf den Weiden, die Vögel in ihren Nestern, die Käfer auf den Blumen, — bei feiner Annäherung suchten alle das Weite, verbargen sich erschreckt oder flogen schnell davon. — 224 — Er suchte die Einöden auf. Aber der Wind trug es an sein Ohr wie Todesrücheln, und die niederfallenden Tautränen erinnerten ihn an andere Tropfen van einem schwereren Gewicht. An allen Abenden goß die Sonne Blut in die Wolken, und in jeder Nacht, im Traume, wiederholte sich sein Elternmord. Er fertigte 'sich ein Büßerhemd mit eisernen Stacheln. Auf den Knien erklomm er alle Hügel, die eine Kapelle trugen. Aber die unerbittliche Erinnerung verdunkelte den Glanz der Tabernakel und marterte ihn noch inmitten seiner Bnßerqualen. Er lehnte sich nicht gegen Gott aus, der ihm diese Tat auferlegt hatte, und verzweifelte dennoch darüber, daß er sie hatte begehen können. Seine eigene Person flößte ihm einen solchen Abscheu ein, daß er, in der Hoffnug, sich ihrer zu entledigen, Gefahren suchte. Er rettete Gelähmte aus Feuersbrünsten und Kinder aus den Tiefen der Klüfte. Der Abgrund warf ihn wieder aus, die Flammen vermieden ihn. . Die Zeit linderte nicht feine Qual. Sie wurde unerträglich. Er beschloß zu sterben. Und eines Tages, da er sich am Rande einer Quelle befand und sich hinüberbeugte, um die Tiefe des Wassers zu prüfen, sah er einen abgezehrten Greis mit weißem Bart und so jammervollem Aussehen sich gegenüber auftauchen, daß ihm unmöglich war, seine Tränen zurückzuhalten. Auch der andere weinte. Ohne sein Abbild zu erkennen, erinnerte sich Julian dunkel eines Antlitzes, das diesem da ähnelte. Er stieß einen Schrei aus, es war sein Vater, und er dachte nicht mehr daran, sich zu töten. Solcherweise die Last seiner Erinnerung tragend, durchwanderte er viele Länder, und er gelangte an einen Fluß, dessen Ueberfahrt gefährlich mar wegen seiner reißenden Strömung und weil an seinen Ufern große Schlammflächen lagen. Seit lange wagte es niemand mehr, ihn zu überqueren. Ein altes, halbvergrabenes Boot streckte seinen Bug aus dem Schilf hervor. Als Julian es untersuchte, entdeckte er ein Paar Ruder darin, und der Gedanke kam ihm, sein Dasein im Dienste anderer Menschen zu verwenden. Er begann auf der Böschung eine Art Dammweg herzustellen, welcher es ermöglichte, bis an das Fahrwasser herunter zu gelangen, und er zerbrach sich beim Rollen der mächtigen Steine die Nägel, lehnte sie gegen seinen Leib, um sie zu tragen, glitt in den Schlamm, versank darin sind geriet mehrere Male in Gefahr, umzukommen. Dann besserte er das Boot mit angeschwemmten Schiffsresten aus und fertigte sich eine Hütte aus Lehmerde und Baumstrünken. Sobald die Fährte bekannt geworden war, stellten sich die Reisenden ein. Sie riefen ihn vom anderen Ufer ans herbei, indem sie Fahnen schwenkten, und Julian sprang eiligst in seine Barke. Sie war sehr schwer, und man überlud sie mit allen Arten von Gepäck und Lasten, ohne die Saumtiere zu zählen, welche vor Furcht ausschlugen und die Gepferchtheit noch vergrößerten. Er verlangte nichts für seine Mühe, einige gaben ihm Reste von Lebensmitteln, die sie aus ihren Quersäcken nahmen, oder abgenützte Kleidungsstücke, die sie nicht mehr wollten. Rohe Burschen stießen manchmal Schmähungen aus. Julian vermahnte sie mit Sanftmut, und sie antworteten mit Beschimpfungen. Er begnügte sich damit, sie zu segnen. Ein kleiner Tisch, ein Schemel, ein Bett aus trockenen Blättern und drei Tonschüsseln, das war seine ganze Ausstattung. Zwei Löcher in der Mauer dienten als Fenster. Auf einer Seite erstreckten sich bis ins Unabsehbare unfruchtbare Ebenen, hie und da fahle Teiche auf ihrer Fläche, und vor ihm wälzte der große Strom seine grünlichen Fluten. Im Frühling hatte das feuchte Erdreich einen Modergeruch. Dann blies ein dürrer Wind den Staub in Wirbeln in die Luft. Er drang überall ein, verschlämmte das Wasser und knirschte zwischen den Zähnen. Etwas später kamen Wolken von Mücken, deren Surren und Stiche weder tags noch nachts aufhörten. Dann brach furchtbarer Frost herein, welcher die Dinge hart wie Stein machte und ein rasendes Bedürfnis, Fleisch zu essen, eingab. Monate verstrichen, ohne daß Julian einen Menschen sah. Oft schloß er die Augen mit dem Streben, durch das Gedächtnis in feine Jugend zurückzukehren — und der Hof eines Schlosses tauchte auf mit Jagdhunden auf einer Rampe, Knappen im Waffensaal, und unter einer Rebenlaube sah er einen Jüngling mit blonden Haaren neben einem Greise, der in Pelze gekleidet war, und neben einer Dame mit großer Haube; mit einem Schlage lagen bann die beiden Leichname vor ihm. Er warf sich platt auf sein Bett und wiederholte schluchzend: „O armer Vater, arme Mutter, arme Mutter" und verfiel in ein Schlafwachen, in dem die düsteren Gesichte fortbauerten. Eines Nachts, da er schlief, glaubte er jemanben nach sich rufen zu hören. Er reckte bas Ohr — und vernahm nichts als das Branden der Wellen. Aber dieselbe Stimme Hub wieder an: „Julianus." Sie kam vom anderen Ufer, was ihm in Anbetracht der Breite des Stromes außerordentUch erschien. Ein drittes Mal rief es: „Julianus." Und diese hohe Stimme hatte den Klang einer Kirchenglocke. Nachdem er feine Laterne angezündet hatte, verließ er seine Hütte. Ein wütender Sturm erfüllte die Nacht. Die Finsternis war tief und hier und da zerrissen von der Weiße der schäumenden Wogen. Nach einer Minute Zögerns löste Julian das Tau. Das Wasser wurde sofort ruhig, die Barke glitt hinüber und legte sich an bat andere Ufer, wo ein Mann wartete. Er war in eine zerfetzte Leinwand gehüllt, sein Antlitz glich einer Gipsmaske, und seine beiden Augen waren röter als Kohlen. Als Julian ihm feine Laterne nahe brachte, gewahrte er, baß ihn ein scheußlicher Aussatz bedeckte, aber dennoch hatte er in feiner Haltung etwas wie Majestät eines Königs. Sobald er die Barke betrat, sank sie, niedergezwungen von seinem Gewicht, tief in die Flut; ein Stoß trieb sie wieder herauf, und Julian fing an zu rudern. Bei jedem Ruderschlag hob der Ansturm der Wellen das Vorderteil hoch in die Luft. Das Wasser, das schwärzer als Tinte war, raste wütend zu beiden Seiten am Rande vorbei. Es wühlte Abgründe auf, es türmte Berge, und das Boot sprang herüber und verfank bann in Tiefen, wo es vom Winde gepackt kreiste. Julian beugte seinen Körper vor, reckte seine Arme, und warf sich, die Füße anstemmend, mit einer Drehung seines Rumpfes nach hinten über, um mehr Kraft zu haben. Der Hagel peitschte seine Hände, der Regen riefelte seinen Rücken herunter, die Wut der Luft benahm ihm den Atem, und er hielt ein. Da wurde das Boot vorn Sturm fortgerissen. Aber begreifend, daß es sich um eine wichtige Angelegenheit handle,' um einen Befehl, dem man nicht ungehorsam fein dürfe, ergriff er feine Ruder wieder, und das Knarren der Dollen unterbrach das Heulen des Sturmes. Die kleine Laterne brannte vor ihm. Flatternde Vögel verdunkelten sie von Zeit zu Zeit. Immer aber sah er die Augen des Aussätzigen, der hinten unbeweglich wie eine Säule aufrecht stand! Und das dauerte lange, sehr lange! Als sie in der Hütte angelangt waren, schloß Julian die Tür, und er sah ihn nun vor sich auf dem Schemel sitzen. Das Leichentuch, welches ihn umhüllte, war bis auf seine Hüften herabgefallen, und seine Schultern, seine Brust, seine mageren Arme verschwanden unter Schilden schuppiger Pusteln. Ungeheure Risse zerfurchten seine Stirn. Wie ein Skelett hatte er an der Stelle der Nase ein Loch, und seine bläulichen Lippen strömten einen Atem aus, der dick wie ein Nebel und ekelerregend war. „Mich hungert!" sagte er. Julian gab ihm, was er besaß, ein altes Stück Speck und die Krusten eines Brotes. Nachdem er es verschlungen hatte, trugen der Tisch, der Napf und der Stiel des Messers die gleichen Flecken, die man aus seinem Körper sah. Darauf sagte er: „Mich dürstet." Julian holte seinen Krug, und als er ihn aufhob, strömte ihm ein würziger Duft entgegen, der fein Herz und seine Nüstern weitete. Es war ein Wein, welch ein Fund! . . . aber der Aussätzige streckte seinen Arm aus, und mit einem Zug leerte er den ganzen Krug. Dann sagte er: „Mich friert." Julian entzündete mit feinem Talglicht ein Bündel Farnkraut inmitten der Hütte. Der Ausfätzige wärmte sich daran und bebte, auf den Fersen kauernd, an allen Gliedern, und seine Kräfte vergingen; seine Augen glänzten nicht mehr, seine Geschwüre liefen, und mit fast erstorbener Stimme murmelte er: „Dein Bett." Julian half ihm behutsam, sich dorthin zu schleppen, und breitete sogar, um ihn zu bedecken, die Leinwand seines Bootes über ihn aus. Der Aussätzige ächzte. Seine Mundwinkel legten die Zähne bloß, ein fliegendes Röcheln schüttelte seine Brust, und fein Bauch höhlte sich bei jedem Atemzuge bis auf die Wirbelknochen. Dann schloß er die Augen. „Wie Eis liegt es in meinem Gebein! Komm neben mich!" Und Julian hob die Leinwand und legte sich auf die trockenen Blätter neben ihn, Seite an Seite. Der Aussätzige wandte den Kopf. „Entkleide dich, auf daß ich die Wärme deines Körpers habe!" Julian tat feine Kleider ab, dann legte er sich, nackt wie am Tage feiner Geburt, in das Bett zurück, und er fühlte an feinem Schenkel die Haut des Ausfätzigen, welche kälter als eine Schlange und rauh wie eine Raspel war. Er versuchte ihm Mut einzusprechen, und der andere antwortete keuchend: „Ach, ich werde sterben! . . . Komm näher, wärme mich! Nicht mit den Händen! Nein! Gib deinen ganzen Leib!" Und Julian breitete sich vollständig über ihn, Mund an Mund, Brust an Brust. Da umschlang ihn der Aussätzige, und seine Augen erfüllten sich mit Sternenklarheit, seine Haare verlängerten sich wie Sonnenstrahlen, der Hauch seiner Nüstern bekam die Süßigkeit von Rosen, eine Weihrauchwolke erhob sich vom Herd, und die Wellen draußen fangen. Währenddessen drang ein Strom von Wonnen, eine überirdische Glückseligkeit wie schwellende Flut in die Seele des Julian, und der, dessen Arme ihn immer noch umschlangen, wuchs, bis daß fein Haupt und seine Füße die beiden Wände der Hütte berührten. Das Dach verschwand, die Himmelswölbung breitete sich über ihnen---und Julian schwebte in die blauen Räume hinauf, von Angesicht zu Angesicht mit unserem Herren Jesus Christus, der ihn in den Himmel trug. Und das ist die Geschichte von Sankt Julianus dem (Saftfreien, ungefähr so, wie man sie auf einem Kirchenfenster in meiner Heimat findet. Schtiftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Sange. — Druck und Verlag bet Btühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.