Gießener Milienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, Sen (5. April Nummer 50 3m Frühling. Hon Eduard M ö rik«. Hier lieg’ ich auf dem FrühlmgShügel: Die Wolke wird mein Flügel, ein Bogel fliegt mir voraus. Ach, sag' mir, alleinzige Liebe, wo du bleibst, dah ich bei dir bliebe! Doch du und die Wfte, ihr habt kein Haus. Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüt« offen, sehnend, sich dehnend in Lieben und Hoffen. Frühling, was bist du gewillt? Wann wird' ich gestillt? Die Wolke seh ich wandeln und den Fluh, es dringt der Sonne goldner Kuh mir tief bis ins Geblüt hinein; die Augen, wunderbar berauschet, tun, als schliefen sie ein, nur noch das Ohr dem Ton der Diene lauschet. Ich denke dies und denke das, ich sehne mich, und weih nicht recht nach was: Halb ist es Lust, halb ist es Klage; mein Herz, o sage, was webst du für Erinnerung in golden grüner Zweige Dämmerung? — Alte unnennbare Tage! Hans Holms Gelübde. Aach einer lübeckifchen Sage erzählt von Clara Prieh. 3m Jahre 1506, zu der Zeit, als die reiche und ansehnliche Stadt Lübeck ihre schweren Händel mit dem König Hans von Dänemark gar tapfer ausfocht und sich mit ihren starken Schiffen aus deutschen Meeren Ruhm und Ehre gewann, ist Hans Holm einer freien und Hansestadt getrauer Hauptmann gewesen. Sie erzählten von ihm, dah er ein sehr verwegenes Wagestück gegen die Dänen vollbracht habe. Zu seinen Genossen dabei erkor er sich zwei Diebe, die gehenkt werden sollten, junge G^ sellen, denen solches Sterben gar sauer wurde. Die hat er sich vom Rat ausgebeten und sie alsdami gefragt, ob sie lieber in Ehren sterben wollten als in Diebesschanden. So haben sie um einen ehrlichen Tod gebeten, und um sich den zu erwerben, gerne geschworen, dah sie dem Hauptmann treulich folgen, auch in allerlei Rot und Gefahr tapfer beistehen wollten. Ms dann hat Hans Holm bei sich selbst ein hohes und heimliches Gelübde getan: so Gott ihm helfen wolle, sein Vorhaben zu einem guten @nbe zu bringen, fo toolte er teixig bteiben itttb nichlt freien sein Leben lang. (Es hatte aber seine Liebste kurz vorher einen anderen gefreit und dem Hauptmann damit viel Verdruß und Herzweh bereitet.) . _ , _ , .. .. , Qlun ist in bet EhromE zu tef en, tote Haus Hl>fm mit bi cf en beiden Galgenstricken bei Rächt auf einer Schute hinausfuhr in den Oerefund, wo die ganze dänische Flotte lag, und nut allerlei Feuerwerk heimlich den Brand hineinwarf in etliche von den größten Orlogschiffen der Dänen. So hat er den Feinden einen schlimmen Schaden angerichtet, ist darauf selbst ans Land entkommen und hat die beiden Diebe mit einem guten Zehrgeld laufen lassen, wohin sie wollten. Dergleichen wohlbestandenes Abenteuer hat Ha>w Holm zu groben Ehren bei Rat und Bürgerschaft gebracht, ist ihm aber auch so zu Kopfe gestiegen, dah er immer mehr Ruhm gewinnen wollte und keine Ruhe im Lande mehr fand. Run bat er sich von einem Rate zwei Orlogschiffe aus, fuhr damit durch den Sund in die Westsee und machte dort Jagd auf dänische Schiffe So hat der Hauptmann eines vor einem französischen Hafen weggekapert und schon nach Hause fuhren wollen. Aber die Franzosen hatten auch etliche gute Schiffe tm selbigen Hafen liegen und wollten solche Willkür nicht leiden, vielmehr lieber selber einen guten Fang tun. Da war es mit Hans Holms Krregsgluck Ende. Sw nahmen seine Orlogschiffe weg und führten ihn selbst bei Rächt gefangen landeinwärts an ehren festen Ort in einen alten, grauen Turm. . ..,,, . x Des Hauptmanns Haft war kerne von den gröbsten und schlimmsten. Man hat ihn nicht peinlich verhört oder sonst gequält, auch mit Speis' und Trank wohl gehalten, aber di« Einsamkeit und di« Langeweile haben ihn übel geplagt. Sein Verlieh war zehn von seinen Schrillen lang und sieb« breit und so hoch, dah es dem Hauptmann erst als eine schier überflüssige Vorsicht erschienen ist, dah das viereckige Fensterloch oben an der Decke fo wohlverwahrt war mit Gitter- und Drahtwerk. Als aber ein Tag nach dem andern in solcher Trübsal dahinging, hat Hans Holm in dem groben Gestein, daraus der Turm g^chichtet war, allerlei Fugen und Riss« gefunden, weich« er künstlich und mit Geduld für seinen Fuh zurechtgemacht und erweitert hat, so dah er zuletzt an der Wand ht die Höhe klettern und an dem kleinen Gitterfenster Ausschau halten konnte. Das Fenskerlein lag nur wenige Schuh hoch über einem fletnea Garten, darin des Turmwächters Tochter etliche windzerzauste Obstbäumchen, auch Reseden und Relken zog Darüber hinaus sah man die weihen Klippen und einen Streifen duirkelblaues Meer. — Da hat dem Hauptmann eine unbändige Sehnsucht nach Freiheit ersaht. Des Turmwächters Tochter war nicht schön, auch schon längst über die Jahre hinaus, wo fast jedes Weib einmal lieblich inä> rosig < anzuschauen ist. Aber Hans Holm ist sie wie ein Engel vom Himmel erschienen, als er sie zum ersten Wale in ihrem Gärtlein lustwandeln sah. Da er nun auf feinen Fahrten zu Wasser und zu Lande einiges von der französischen Sprach« erlernt hatte, sich auch allezeit»eines guten Mundwerks erfreut«, redete er die Jungfrau höflich an und klagte über seine Hot Run wartete diese Jungfrau schon feit langen Jahren in Geduld, das; die Heiligen sich ihrer erbarmen und ihr einen Freier bescheren möchten, der sie aus der Einsamkeit ihres Lebens hier zu neuen Freuden hinwegführen sollte. So erkannte sie in ihrem hoffnungsvollem Herzen bald in dem Hauptmann den ihr bestimmten Freiersmann und kam ihm tröstlich und liebreich entgegen. Da sie aber eine vorsichtige Jungfrau war. hat Han« Holm ihr ein hohes Gelübde tun müssen: wenn sie ihm behilflich sein wolle zu entfliehen und sodann mit ihm davonziehen, dann solle sie ihm in Lübeck als sein eheliches Weib angetraut werden. c Daraus hat die Jungfrau Rai gefunden durch ihre angeborene Weiberlist, Hans Holm in dunkler Rächt zur Flucht zu verhelfen imd mit ihm auf einem Heinen Schifflein übers Meer zu entkommen. . Auf der Reise hat der Hauptmamt stch allzeit höflich und von guten Sitten gegen seine Gefährtin bewiesen, doch langst nicht so feurig und liebesbeflifsen, wie sie erwartet hat; er ist vielmehr oft in traurigen und schwierigen Gedanken einhev- gegangen, well ihm seine beiden unterschiedlichen Gelübde da« Herz schwer machten. Denn als er die jungen Dirnen in Flandern und Deutschland sah, die Schwarzbraunen und auch bte Blonden, hat er immer deutlicher erkannt, dast seine Jungfrau gar all und garstig sei, auch mager und knochig am allen Gliedern. Er verwunderte sich manches liebe Mal, daß sie ihm damals, al« er am Kerkerfensker Ausschau hielt, fast anmutig und holdselig erschienen war tmd ihn ihr Anblick sehr erquickt hatte. So zogen sie nach vollbrachter Reis« eines Abends mitew ander durch das Holstentor in die ehrbare Stadt Lübeck ein urd> nahmen ihren Aufenthalt in dem stattlichen Hause in der Alf- sttahe, welches Hans Holm als Erbteil seiner Eltern guge- s^Dor^haben sie etliche Tage in Ehren und Züchten miteinander gehaust Dann lud der Hauptmann auf einen Tag bte vornehmsten Geistlichen und Domherren sowie auch allerlei gelehrte und rechtsverständige Leute bei sich zu Gaste und ga» ihnen so viele Schüsseln und noch etliche mehr, als em hohe« Rat für solche Gelegenheit erlaubt und vorgesehen hatte. Die Jungfrau aber sah auch mit zu Tische, und es haben sich die Herren in ihrer Unwissenheit heimlich verwundert, ttxirum der Hauptmann sich eine so Alte und Magere von seinen toettel Reisen mit heimgebracht hatte. Als sie nach gehaltener Mahlzeit alle fröhlich beiemanbee tatet bat Hans Holm ihnen in Anwesenheit der Jungfrau e» öHnet, dah ihm zwei unterschiedliche Gelübde das Herz beschwerten: wie er damals In jungen Jahren, als er mit Dal Galgenstricken aus Abenteuer aussuhr, m ferner Rot gelobt, bafi er niemals freien, sondern ledig sterben wolle. Zum anbeai aber wie er in Frankreich in Ketten und Banden gelegen, hab« et keinen anderen Weg zur Freiheit gesehen, als dieser Jung- frau zu verspvechsn, dah sie in Lübeck fern anvertrautes Ehe» 118 - «mahl werden sollte, so sie ihn löste und hei mbeg leitete. Ium Schluß bat er die gegenwärtigen Herren, daß sie ihm sagen sollten, wie er sich in diesen Gelübden zu verhalten habe, denn in so schwieriger Gewissenssache wisse er sich allein keinen Rat und Ausweg. Die gelehrten Herren haben sich stark verwundert, sind dann tn ein anderes Gemach gegangen und haben dort lang« miteinander über diesen seltsamen Rechtssall disputiert und gestritten. Als die Zeit der Abendmahlzeit gekommen war und sie wieder Hunger und Dtrrst verspürt haben, riesen sie Hans Holm zu sich tn das Gemach und verkündeten ihm einmütig solchen Bescheid: vor allen Dingen solle er Gott halten, was er Gott versprochen habe. Doch dürfe er deshalb auch nicht vergessen, der tugendsamen Jungfrau seine Dankbarkeit zu beweisen. Sie möge sich also in der Stadt Lübeck einen guten, ansehnlichen Gesellen zum Ehemann erwählen. Dem solle der Hauptmann so viel an Brautschah und Unterhalt geben, als er pflichtig und schuldig gewesen wäre, der Jungfrau zu leisten, so sie sein Ehegemahl geworden wäre. Dies Urteil hat dem Hauptmann gar wohl gefallen und ist ihm zu Mute gewesen, als ob sich ein schwerer Stein von seinem Herzen löse. Denn obgleich er der Jungfrau von Herzen dankbar und erkenntlich war, so schien sie ihn doch weder lieblich anzusehen, noch anzuhören. sintemal auch ihre Zunge spitz und scharf geschaffen war. Auch gefiel ihm das welsche Wesen schlecht, und daß sie eines Kerkermeisters Tochter gewesen. So hat er mit Freuden gelobt, sie reichlich auszustatten und an Geld und Gut in geziemender Dankbarkeit wie sein eigenes Ehegemahl zu halten. Als man dann die Jungfrau aus ihrem Gemache herbeirief, hat man große Mühe gehabt, ihr die Sache begreiflich zu machen. Wie sie endlich alles verstand, hat sie schlimm getobt und in Ihrer fremden Sprache allerlei böse Worte gegen Hans Hol>n und jene ehrwürdigen Herren geredet. Die geistlichen Herren sind fast erschrocken über solchen Zornteufel und bald-nach Hause gegangen. Hans Holm aber war in seinem Herzen dankbar und zufrieden, haß er solches Hauskreuz nicht sein Leben lang auf sich zu nehmen brauchte. - — Rach Weiberart ist die tugendsame Jungfrau nach etlichen Tagen ruhiger geworden und hat auf vieles Zureden verständiger Leute hin eingesehen, daß sie aus schweren Ge- wissensgrunden des Haudtmanns Eheweib nicht werden konnte. Doch hat sie darauf bestanden, daß sie bei ihrer Ehelosigkeit bleiben und ohne Mann ihr Leben enden wolle. So konnte Hans Holm denn in Frieden denr lieben Gott sein Gelübde halten und im Junggesellenstande leben und sterben. Rach Abenteuern imt> Reisen stand sein ©imi nicht mehr, auch hatten die Lübschen derweil mit den Dänen einen ehrlicher» Frieden geschlossen. Es hat der Hauptmann bis zu seinem seligen Ende in seiner guten Vaterstadt gelebt, ein ansehnlicher, wohlgelittener Herr, den sie beim Wein gern von seinen Fahrten und Abenteuern: erzählen hörten. Im 'Alter wurde er gar stark und schwer am Leibe, war aber allzeit fröhlich int» guter Dinge, wenn ihn dos Zipperlein nicht allzusehr plagte. Die Jungfrau hat er allerwegen hoch in Ehren gehalten, ihr auch mit Freuden gegeben, was sie an Geld und Gewand als zum Leben nötig von ihm begehrte. Und das war nicht wenig. Doch hat eS ihm nimmer leid getan, daß er nur dem lieben Gott und nicht dieser 'tugendsamen Jungfrau sein Gelübde zu halten brauchte. Denn dieselbe nahm mit den Jahren weder an Lieblichkeit noch an Sanftmut zu, ward auch trotz des guten Lebens immer magerer und kümmerlicher, bis sie endlich im Jahre 1523 eines seligen Todes starb. Da hat der Hauptmann sie ehrlich betrauert, ihr dann ein köstliches Begräbnis bereitet und sie im Dome hinter dem Ehore beisetzen lassen. Dies alles haben dem Chronisten etliche vornehme, ehrliche Biederleute erzählt, die sowohl den Hauptmann als auch die Jungfrau bei ihrem Leben wohl gekannt haben. Pharaos Tochter. Don Friedrich v. Oppeln-Dronikowski. „Bei der heutigen Erziehungsweise der jungen Mädchen", klagt Behle-Stendhal in seinem berühmten Buch „ließet die Liehe" (1822), in dem et manch verständiges Wort über Frauen- erziehung, Ehescheidung usw. sagt, das für seine Zeit neu und kühn war, „sind alle weiblichen Genies für das allgemeine Glück verloren. Sobald der Zufall ihnen die Mittel gibt, sich zu betätigen, sieht man sie die seltensten Talente entwickeln. Man sehe eine Katharina II., deren einzige Erziehung in der Gefahr und in ihren Liebschaften bestand, eine Frau Roland, eine Königin Karollne von Reapel, die den Einfluß des Liberalismus belfer zu hemmen verstand als unsre Pfaffen." Gr hätte diese Liste noch stark erweitern können, denn zu allen Zeiten haben Frauen Staaten beherrscht oder mitbeherrscht. Zunächst einfach als Gattinnen schwächlicher oder halbverblödeter Herrscher, wie die berühmte Elisabeth Farnese, die Gattin Philipps V. von Spanien, deren ehrgeizige Pläne ganz Europa in Atem hielten, Karollne von Dänemark, die mit dem ehrgeizigen Struensee die Herrschaft an sich riß und gleich ihm schlimm endete, oder die schon oben genannte Karollne von Reapel, die Schwester Marie Antoinettes von Frankreich Dann kommen Erbtöchter verlöschender Dynastien, die die Herrschaft ihres Hauses wenigstens für ihre Lebensdauer erhalten haben, wie die Königinnen Elisabeth und Anna von England oder die Zarin Elisabeth. Daneben solche, die einem Prinzgemahl die Hand gereicht und nicht nur regiert, sondern auch die Dynastie in der weiblichen Linie fortgesetzt haben, so Maria Theresia oder in unfern Tagen die Königin Diktoria von England und die Königin Wilhelmine der Riederlande. Andre Frauen sind durch Webschaft oder Ehe zu großem Einfluß im Staatsieben gelangt, so Frau von Main- tenvn, die Gattin des Dichters Scarron, Geliebte, dann zur linken Hand angetraute Gattin Ludwigs XIV., die Marquise von Pompadour, die Staatsmätresse Ludwigs XV,, die offiziell mitregierte, Minister ernannte und stürzte und den Staatsratssitzungen präsidierte, oder die Gattin des Girondeministers Roland tn der französischen Revolution, die ebenso offiziell mitvegierte und die Seele, aber auch das Verderben der Girondistenpartei wurde. Sie sind nicht immer legal und anständig zur Herrschaft gelangt, haben nicht immer segensreich gewirkt, so wenig wie die Männer, und doch haben die Völker, d. h. die Männer, sich ihrer Herrschaft gebeugt, ihnen Aemter zuerkannt, die sie sich sonst selbst Vorbehalten. Regierende Königinnen wie die von Saba, die Salomo besuchte, oder eine Amazone wie die sagenhafte Semiramis, die aber jetzt durch Keilschriftenfunde der Deutschen Orieutgesellsch.ast zu einer historisch greifbaren Gestalt geworden ist, hat es schon im alten Orient gegeben. Bei Barbarenvöllern finden wir sie immer wieder, aber auch in großen Kulturstaaten. So tritt uns im Reuen Reich in Aegypten die Pharaonin Hatschepsut (1501 bis 1479) entgegen, die die Doppelrolle der Herrscherin und der Stammhalterin ihrer Dynastie gespielt hat, freilich mit schließlichem Mißerfolg, denn ihr Gatte Thutmosis, der unebenbürtige Sohn einer Nebenfrau ihres Vaters, stieß sie zweimal vom Thron, und sie starb im Wochenbett. Ihre Mumie nebst der ihres Kindes, in Goldblech eingekapselt, ruht heute in einem der gläsernen Schneewittchensärge des Museums zu Kairo, den Blicken neugieriger Globetrotter preisgegeben, während ihr Gatte und Halbbruder friedlich in einem andern Sarge ruht. Welche Tragödien sich zwischen diesem Königspaar abgespielt haben, zeigt ein Blick auf die Geschichte. Aegypten wat damals erst seit kurzem aus Knechtschaft und Verwüstung neu auferstanden. Der große Hyksosbezwinger Amofis hatte von Oberägypten aus das Land befreit und das „Reue Reich" geschaffen, dessen Hauptstadt das „hunderttorige" Theben wurde. Aber bereits sein Sohn Amenophis I. starb nach kurzer Regierung ohne Leibeserben, und so ging die Thronfolge auf seine Schwester, die Prinzessin Ahmes, über, die einen gewissen Thutmosis geheiratet hatte. Da sie nach ägyptischem Brauch nicht selbst regieren konnte, ging die Herrschaft auf ihren Gatten über, und sie muhte sich mit dem Titel einer „großen königlichen Gemahlin" begnügen. Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne und zwei Töchter hervor, aber die Söhne starben, und so wurde wieder eine Tochter, die älteste Prinzessin Hatschepsut, Thronerbin. Als solche wurde sie unter großen Festlichkeiten proklamiert; sie begleitete ihren Vater auf seinen Reisen nach Unterägypten; kurz, sie schickte sich offiziell zur Thronfolge an. Aber Thutmosis besaß noch zwei Söhne aus andern Ehen, die den gleichen Ramen führten tote er. Der ältere (später Thut» mvsis III.) stammte von einer gewissen Isis, vielleicht einer Haremsdame, war also unebenbürtig, der jüngere (später Thut- mosis II.) von einer Prinzessin Mut-nofret aus der Familie des AmerwpMs. Um seiner Dynastie die Herrschaft zu erhalten, beschloß Thutmosis, die Erbtochter Hatschepsut mit dem ättern," unebenbürtigen Halbbruder zu vermählen, was durchaus nicht als anstößig galt, ja sich bis in die Ptolemäerzeit fortgesetzt hat. Aber da starb die Königin Ahmes, und mit ihrem Tode erlosch das Recht Thutmosis I. auf den Thron. Sofort erhob der ehrgeizige und tatkräftige Prinzgemahl im Ramen seiner Gattin Herrschaftsansprüche. Ihr Vater wurde gezwungen, die Krone niederzulegen, und Hatschepsut bestieg den Thron. In Wahrheit aber herrschte ihr Gatte, der sie, wie einst ihre Mutter Ahmes, auf den Rang einer „großen königlichen Gemahlin" herabdrückte. Damit aber war weder sie noch ihr entthronter Vater zufrieden. Um beide bildete sich eine starke Legitimistenpartei, die auf nichts Geringeres ausging, als die Alleinherrschaft ihres angeheirateten Gatten zu brechen und ihn auf die Stellung eines Prinzgemahls und Mitregenten zu beschränken. Thutmosis III. muhte nachgeben: obwohl er der eigentliche Saatsleiter blieb, begnügte er sich äußerlich mit der Rolle des Prinzgemahls, und Hatschepsut trat offiziell als König auf. 2n allen Darstellungen, namentlich in ihrem Totentempel am Westufer von Theben, am Fuße der jäh abstürzenden gelben Felswand der lydischen Wüste, den sie sich, ägyptischem Brauch gemäß, schon bei Lebzeiten anlegte, erscheint sie mit den Kronen und Attributen des Pharaos, dem kurzen Lendenschurz und dem Kinn- bart, obwohl mit weiblichen Körperformen, und ihr Gatte nimmt nur den zweiten Platz ein. Das Aegyplische Museum in Berlin besitzt sogar eine Sphinx mit ihren Zügen, die erste weibliche Sphinx, denn alle andern ägyptischen Sphinxe sind Mannlöwen und Bilder von Pharaonen; erst die griechische Kunst hat die Sphinx zum Weibe gemacht . . . Eine Frau saß also aus t>em Thron der Pharaonen, etwas Unerhörtes in der ägyptischen Ge-> — 119 — ie ie ie » iS l» m ir t- ie er >u i« ir m t- t- t& te ei ft ie H H »n Le m 'N 'N n. ITT c- er i- ie te ,u Ze e- id er is e“ ch 36 e» m 21t !N et td it, :n ch n. ie t« er t» es n, n," ht it r» er in ne -it s, te. n. uf e* eS kl. 6, s, r» >n er )N i» it» nf in te en •ie m >e- K, und das erregte den glühendsten Hatz ihres Gatten. Er e die erste Gelegenheit, um sie wieder auf ihre Stellung als »grobe königliche Gemahlin" herabzudrücken. Ueberall wurde ihr stlarne auf den Denkmälern getilgt, ihr Bildnis ausgemeißelt oder in das seine umgewandett. Die Darstellungen des noch heute stehenden gewaltigen Totentempels geben ein beredtes Zeugnis dafür. Noch war dieser »Bildersturm" nicht vollendet, als ein neuer Staatsstreich von dem abgedankten Thutmosis I. bewerkstelligt wurde. Sein Schwiegersohn muhte abdanken, und an seine Stelle bestieg sein Sohn Thutmosis II. den Thron. Er selbst sicherte sich die Äkitregentschaft. Aber während man den Namen des Gestürzten auf den Denkmälern unangetastet lieh, wurde der Name der Hatschepsut nach wie vor auf den Denkmälern getilgt und durch die der jetzigeit Herrscher ersetzt. Zwei Jahre darauf starb Thutmosis I., und alsbald folgte ihm sein Sohn — vielleicht keines natürlichen Todes. Zum zweiten Wale konnte Thutmosis III. die Zügel der Herrschaft ergreifen. Aber er war jetzt durch Erfahrung gewitzigt: er begnügte sich freiwillig mit der Stellung des Mitregenten, und Hatschepsut trat wieder im Leben und in den Denkmälern als Pharao auf. So herrschte denn endlich Friede im Königshaus und im Lande; eine große Expedition nach dem Weihrauchlande Punt (an der Somaliküste) fand statt und wurde in dem Totentempel der Königin in prachtvollen Bildern verewigt. Aegypten blühte wieder auf; in Theben und anderwärts wurden neue prächtige Tempel errichtet, und die Heiligtümer, die unter der Fremdherrschaft der Hyksos verfallen oder zerstört waren, auf Befehl der Königin hergestellt. Zu ihrem 38jährigen Regierungsjubiläum, d. h. 30 Jahre nach ihrer Proklamierung zur Thronerbin, wurden ihr nach altem Brauch gewaltige Obelisken errichtet; einer von ihnen, einen Granitkoloß von 30 Meter Höhe, steht noch aufrecht vor dem grvhen Amonstempel in Theben; "ein zweiter liegt gestürzt und zerbrochen daneben. Thutmosis schien sich also endlich in seine Rolle hineingefunden zu haben; seine ©attin schenkte ihm sogar noch eine Tochter, die zur Thronerbin bestimmt wurde, aber das Kind starb, und bei einer zweiten Schwangerschaft starb sie selbst, wie schon gesagt, an einer Frühgeburt. Ihr Gatte war nun endlich Alleinherrscher; er war jetzt 50 Jahre alt. Noch einmal entlud sich sein Zorn gegen die Gattin, die ihm solange im Wege gestanden hatte, und gegen ihre Anhänger. Ihr Name und ihre Bilder wurden von allen Denkmälern getilgt, das Grab ihres Dertrau- ten, des Oberbaumeisters Senmut, zerstört, ihre Parteigänger ihrer Aemter entsetzt oder gar hingerichtet. Lange verhaltener Grimm spricht aus diesen Taten. Jetzt endlich konnte Thutmosis seinem Ehrgeiz freien Lauf lassen, und aus dem Friedenssürsten entpuppte sich ein gewaltiger Kriegsmann, der größte Herrscher Aegyptens, der in kühnen Alexanderzügen die ägyptische Machtsphare bis an den Euphrat ausdehnte und sein Land zum Weltreich machte. Auf den Tempelwänden von Karnak hat er feine Großtaten verewigt. Durch ihn erhielt das »Neue Reich" sein imperialistisches Gepräge; ungeheure Reichtümer strömten nach Theben und dienten zu glänzenden Bauten; fremdländische Worte und Einflüsse strömten in Sprache und Sitten ein. Das alles sind geschichtlich bekannte Tinge (vgl. G. Stein- bvrss „Die Blütezeit des Pharaonenreiches," Bielefeld und Leipzig 1900), aber neue Forschungen haben auf die Gestalt der Königin Hatschepsut noch ein besonderes Licht geworfen (vgl. Hubert Grimme, »Althebräische Inschriften von Sinai," Darmstadt 1923). Dach diesen Forschungen, die freilich noch nicht abgeschlossen und bei Aegyptologen auf Widerspruch gefloßen sind, ist Hatschepsut mutmaßlich niemand anders als die „Tochter Pharaos" der Bibel, die den Moses aus dem Nil gezogen und adoptiert hat. Unter den althebräischen Sinaiinschriften, den ältesten ihrer Art, deren Buchstaben aus der ägyptischen Hiero- alyphenschrist abgeleitet sind, befinden sich solche, die einen Msh oder Mn sh nennen, den die Pharaonin Hatschepsut »aus dem Nil gezogen und über den Tempel der Mana gesetzt" hat. Er nennt sich „Sohn der Hatschepsut" und „Obersten der Dergwerksarbeiten" von Sinai. Eine andre Inschrift ist „auf Def-hl des Thutmosis abgekratzt"; andre sprechen Don einer tem« pelschänderischen Ermordung und von gemeinsamem Sterben — dem Strafgericht Thutmosis III. Im Stnaige&iet befanden sich seit alter Zeit Turkts- und Kupferbergwerke und ein Tempel der kuhgestaltigen Göttin Hathor (hebräisch Mana) sowie des Gottes Sapdu (hebräisch Jahn), der vn „Neuen Reiche" prächtig erneuert wurde. Der Dorsteher dieser O&ergtoerfe war also ein Mann, dessen Name — nach europäischem Brauch nur in Konsonanten geschrieben — der ägyptische Name Mofeh (Sohn) ist, der z. B. auch im Damen Thutmosis steckt, aber sein Träger war ein Hebräer, den die Pharaonin Hatschepsut aus dem Dil gezogen, adoptiert und eingesetzt hatte. Eine von Ihm geweihte Hockerstatue, mit Inschriften bedeckt, stellt ihn selbst bar — Moses, von einem Bildhauer bei Lebzeiten abgebildet! Aus dem Zwielicht sagenumwobener Ueberlieferung tritt feine Gestalt tn das helle Licht der Geschichte! Wie genau stimmen dazu die Nachrichten aus der Bibel! Moses wird von der Tochter Pharaos aus dem Nil gezogen und adoptiert. Als Mann erschlagt er einen Aeghpter, der einen fronenden Hebräer mißhandelt hat, und muß vor der Rache des Pharaos fliehen, was ganz natürlich ist, wenn er «tat Schützling von dessen verhaßter Gattin und Halbschwester war. Erst als Greis, nachdem der Pharao gestorben ist, kehrt er zurück, bittet den neuen Herrscher (Amenophis II ), mit den Juden eine kurze religiöse Wallfahrt in die Wüste machen zu dürfen, und entzieht sich und fein Volk der ägyptischen Fron, indem er den Durchmarsch durch das Schilfmeer wagt, das durch östliche Winde getrocknet ist. Jahr und Tag weilen die Juden im Sinaigebiet; dort gibt Moses ihnen die zehn Gebote, die er auf zwei Steintafeln „einritzt". Wir wissen jetzt, welche Schrift er dazu verwandt hat: das semitische Uralphabet ter Sinaiinschriften, das offenbar eine Erfindung des Moses war. Den Gott des Tempels, dessen Vorsteher er gewesen, Jahu, erhebt er zum einzigen Gott seines Volkes und loscht das Andenken an die zweite Gottheit, die kuh- gestaltige Hathor, aus, aber noch auf ihrer Wanderung fallen die Juden zeitweise in den Kult des „goldenen Kalbes" (Hathor) zurück. Der Faden dieser geschichtlichen Vorgänge reicht von Moses, dem Adoptivsohn der Pharaonin Hatschepsut. bis zur Gegenwart, denn Juden wie Christen befolgen noch heute seine zehn Gebote, und auf seinem Buchstabenalphabet beruht das phönikische und das griechische, aus denen sich auch das römische und unsere ableitet... Philipp schrieb doch schon wie gestochen auf tfcC die die Mutter in Lauterbach gekauft Der kleine Philipp wuchs heran und lernte etwas. Zwar hatte er einmal ein Vierteljahr lang wie d^ anderen Kinder, keinen Unterricht, weil der schlecht bezahlte Dorfschulmeister ebenso wie sein noch schlechter bezahlt gewesener Amtsvorganger, bet Nacht und Nebel aus dem Amt entwichen war, was dazumalen öfters vorkam, und sogar das einzige bewegliche Schulmventar, den spanischen Rohrstvck als schwanken Wanderstab hatte nut» gehen heißen. Aber Philipp schrieb doch schon wie gestochen auf We kleine Schiefertafel, die die Mutter in Lauterbach gekauft hatte, hatte «uch schon gehört, daß es einen Großherzog in Der Liedchespfeifer von Angersbach. Eine Geschichte von Vogelsberger Finken und Menschen Von Franz Gros. (SortfeBunq.i „Lisbeth," sagte Philipp zu seiner Frau, „er is' gelernt, er is' got, das vergeßt e’ sei Lebtag net meß’.“ Schon wollte sein Meister ihn noch eine zweite Weise lehren, da mußte er hinaus ins Feld, schrieb noch einmal auf einen abgerissenen Fetzen Papier, auf den etliche Tränen gefallen waren, der Lisbeth einen Gruß, vergaß auch des Vogels und des zu erwartenden Kindleins nicht und ließ dann nichts mehr von sich hören. Doch dachte er auf den Märschen und beim nächtlichen Lagerfeuer immerzu an fein Weib und ihre Umstände daheim. Dis er den Soldatentod starb. Kein Wunder, daß es greinte, als es mit ihrem Buben allem in der Welt stand. Doch sie schlug sich durch , Vier oder fünf Jahre ging es mit ihr so weiter. Da geschah ein Unglück. „ , , ,, , Sie stürzte bei Dürgernreisters, bei denen sie sich schon manchen Laib Brot verdient hatte, in der Scheuer beim Strohabla^m schwer auf die harte Tenne. Als sie aus ihrer Ohnmacht erwachte — sie hatte das Schlüsselbein und einen Fuß gebrochen — lag sie auf dem Bette in der Magdkammer. Sie schrie nach ihrem Buben der am Dachrand mit anderen Kindern spielte und nicht ahnte und begriff, daß seine Mutter Schmerzen litt. Dann schlief er auch bei Bürgermeisters — im alten Wiegenbette. Die Bürgermeisterin hatte ihn herein zur Mutter geholt und versorgte ihn. Der Blutfink aber hing zwei Tage lang einsam und vergessen daheim in seinem Käfig. .. . Daraus war er — verhungert und verdurstet. Als Lisbeth das Schicksal des Finken erfuhr, blieb sie stumm in ihrem Schmerze. Run hatte sie als Andenken an ihren Mann nur noch ihren Buben, der seinen Vater me gesehen hatte Ab^ des kleinen toten Hausgenossen freundliche Weise — Hab dich von Herzen lieb, das glaube mir — wich mcht aus ihrem Sinn. Der Heine Philipp sah aber doch, daß seine Mutter sehr Hänsche," so erzählte er im ganzen Dorf, „13 tot,“ begrub es im Garten unter einen Hollunderbusch und steckt« em Kreuz darauf, das er aus einer Haselgerte verfertigt hatte. Um das kleine Grab legte er runde Kieselsteine. Ms Lisbeth genesen und wieder bei ihrer Arbeit zu sehen war, kam einer aus Storndors. &em es um f^ßtgc OBttttb *u tun war und wollte sie freien. Er stand nach dem Tode seiner Frau, die ihm keine Kinder hinterlassen hatte, fett einem Jahre allem Seine Hofreite konnte sich sehen lassen. Dee Aecker lageir nahe beieinander und am Dorfe, seine Wiesen naße am Schwalm, ufer. Zehn Stück Rotvieh standen im Stalle un& vier Schweine lagen gemästet nebeneinander. Da waren Reichtum und ^rhett benommen. Aber Lisbeth wies den Freiersmann, an dem wahrlich nichts auszufetzen war, bald ab. So, tote bleiben im Witwenstand. und toeim auch jener noch einmal einen sMchte' der sich aufs Beschwätzen von Weibsleuten verstand, und sie auch dachte, ihrem Bub könne die $eirat eme gute Erbschaft einbringen, so nutzte es dem Boten doch mchts. In Angersbach selbst hätte fürwahr kein Mannskerl gewagt, ihr zu nahe zu treten. Obschon sie arm war. Weibsleut find gar bet* - 120 — Schriftleitung: vr. Iriedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag Ser Brühl'ichen Anw..-Such- unö Steindruckerei. R. Lange, Dielten. beide in die Kammer der einsamen, weißhaarigen Alten. Philipp verhängte den Käfig und Pfiff: gleich darauf lieh auch das Dom» psässlein seine Kunst Höven und pfiff das Soldatenlied nach Die Alte schmerzte es bitterlich als der Fremde ihren biS» Herr gen Stubengenossen mitnahin. Denn jetzt ttxtr sie wieder s» einsam wie zuvor. Keine Maus im Walde ist so einsam als oft ein Mensch aus dem Altenteil in seiner Kammer. Fast hätte Philipp auch geweint — schon stand er mit Trän« in den Augen vor feiner Mutter. Aber diese erhielt vom Fremde» vier harte Guldenstücke, wofür sie ihm dann beim Meister ©dyiet* der in Lauterbach aus Hausmachertuch einen Anzug zum erste« Aachtmahl, und beim Meister Schuster noch obendrein ein Paar derbe Stiefel machen lassen konnte. Also hatte der Fremd«, der die Armut der Lisbeth kannte, sein Geld am rechten Platz« am- gebracht. „Euer kleiner Liederpfeifer“ sprach des Pfarrers Freund darauf zu diesem, „versteht sich auf seine Kunst: er soll sie ver- werten." Auf der Heimreise kam er durch Frankfurt. Dort machte et, ehe er mit der Postkutsche weiter fuhr, einen Vogelhändler auf Philipp aufmerksam, und traf mit ihm ein Abkommen zu gunstea des Buben. Dadurch erhielt Philipp weitere Kundschaft. Darum wurde ihm aber auch das Anlernen der Vögel zur einträgliche» Freude. . Der Gendarm, der einen langen Bart trug und so grimmig dreinschaut«, und der rotbärtige, einäugige Revierläufer der Herrschaft, dem das andere Auge von einem Wilderer ausge» schossen worden war, kümmerten sich nicht darum, wenn der Jung» durch den Wald strich und Rester aufsuchte. Der Vogelsberg barg deren ja so viele und trug seinen schönen Namen nicht um» sonst Dompfaffen und andere Vögel gab eS in Hülle und Fülle dort. Seine Vogelbauer baute Philipp an langen Winterabende« beim trüben Schein eines eisernen Oellämpchens selbst. Die Angersbacher waren ihm gewogen und erlaubten ihm im Frühjahre gerne, das; er in diesem oder jenem Haufe, wo es gerade möglich war, einen Käfig aufhinq und einen rotbrüstigea Schwarzkopf das Pfeifen lehrte. Zwei Schüler nahm er niemals zusammen vor: sonst störten sie nach seiner Meinung einander. Alltäglich wanderte er von Haus zu Haus, fütterte und trän ft« seine Lieblinge und lehrte sie. Richt daß ein jeder Vogel di« gleiche Weise gelernt hätte. Rein, wohl ein Dutzend Lieder pfiff er von früh bis spät. Jeder Schüler lernte ein solches, und war er ganz gelehrig, sogar deren zwei. Bald hieß Philipv i« Angersbach und der ganzen Amgegend nur noch der LiedcheS- Pfeifer. So machte ihn die Kunst berühmt. Seine Zeit reicht« kaum noch aus, um allen Wünschen nach Gimpeln nachzukommen, die an ihn herankamen. Bald hatte er eS nicht mehr nötig, fett* Lieblinge gerade billig herzugeben. Vier, ja fünf hessische Gulden wurden ihm für jeden ‘Sogei als Kaufpreis gerne gegeben. Das rechnete sich allmählich zusammen. So war er allmählich dreiundzwanzig Jahre alt geworden. Seine Mutter, die fleißig« Lisbeth, die so viel im Leben geschafft hatte, wurde immer blasser. Sie hustete und wurde bettlägerig Des Pfarrers Frau und die Frau Bürgermeisterin, aber auch andere Leute schickten ihr manches, womit sie sich stärken sollte. Bald wußte man im Dorfe, daß sie die Zehrung habe. Philipp sah im Raume neben ihrem Stübchen und hört« aus die schweren Atemzüge und den Bellhusten seiner Mutter. Des Bürgermeisters Tochter, die Anna, brachte täglich unter ihrer Schürze eine Suppe, in der auch ein Stück Fleisch lag oder etliche Klöße schwammen. And Lisbeth dantte ihr dafür, so gut sie es noch könnt«. Anna war des Bürgermeisters, des reichsten Mannes im Ort einzige Tochter. Sie war schlank gewachsen, rotwangig und guckt« mit blauen Augen froh in die Welt. Am Gericht in Lauterbach hatte es der Amtsdiener verraten, daß Anna im Gegensatz zu ihrem Vater sehr gewandt im Schreiben war. Ihr Vater war schreibfaul obgleich er einen offenen Kopf besaß. Im Stricke« und Spinnen ließ sich das Mädchen von Keiner übertreffen, und im Hausstand arbeitete sie besser als zwei Mägde. Mtt der Mutter war sie ein Herz und eine Seele. Das ist nicht in alle« Häusern so und bei allen Töchtern. Darum soll es hier mtt besonderem Lobe gesagt sein. Lisbeth wurde trotz aller Pflege immer schwächer. „Wie gehts dann hiet (heut) der Modder," fragte Anna eines Mittags Philipp, wie schon sv ost zuvor. „Es könnt besser gegeh’" antwortete er; „sie „haust" (hustet) gar ze arg." Da traten Anna di« Tränen in die Augen. In Beiden steckte schon lange ein sttlles Verstehen. Philipp ergriff ganz leise ihre Hände und hielt sie fest. ..Wie soll ich dr's vergell'," sprach er. „Anna, de kennst mich. Wenn ich ja riet gegeüber beim Dadder so e Bättlmann wär, dann wär's anners. Ich ho' ja Geld off der Kaß, äwwer iee» Acker net on kei Steck Vieh hob' ich net." (Sortierung folgt.) Darmstadt gebe und daß dieser im nahen Romrod ein großes Schloß habe. And des Nachbars Knecht, der mit dem schlimmen Napoleon im kalten Rußland war, ihn aber dann bei Leipzig hatte schlagen helfen und der schließlich noch mtt dem alten Vater Blücher über den breiten Rheinstrom nach Parts gegangen war ließ ihn aus den Knien reiten und brachte ihm und etlichen anderen Angersbacher Buben so etwas tote @«(^1^6 unö Länderkunde bei Die Mutter lehrt« ihn daheim aus dem kleinen Kate- chiSmuß bern einzigen Büchil-ein, bas fle neben ihvem abgc* griffen«« Äimgbuch besaß, die zehn Gebote Gottes und betete täglich mit ihm des Morgens und des Abends: „Lieber Gott, mach' mich fromm daß ich zu dir inn Himmel komm I Amem Das war fromme Einfalt und di« ist für einen kleinen Buben mehr wert als es oft lange Sprüche und Satze der Wettweishett für den Veunmalgefcheiten sind. Jedenfalls genügte das Gebetlein unseren beiden, denn sie waren glücklich dabei und das kann mancher, der den Herrgott im Himmel und den Glauben an eure onbere Welt daneben, in die Eck« gestellt hat, trotz allen Viel- wissens nicht von sich sagen. „ , , Svrach da der kleine Kerl an seinem zehnten Geburtstage, als ihn eben seine Mutter mit einem frischen Lauterbacher Salz- kuchen und einem selbstgestrickten grauen wollenen Wams gegen die" anrückende Kält« beschenkt hatte: „ Modder, mer wolle wider e lieb Vogelche, e Hansche how. Schier fünf Jabre war nicht vom toten Hänschen gesprochen worden, und da "kam auf einmal wie von ungefähr und ganz unvermutet von des Heranwachsenden Buben Lippe die klein« und todTfo inständige Bitte: „Modder., nwr wolle wider e Vegelch« Howe so wie mei' Dadder eins gehabt hat. Lisbeth ward es zu Mute, als sollte ihr zum zweiten Male das Herz brechen. Sie lachte und weinte zu gfe^er Zeit nahm ihren Geburtstagsbuben, drückte ihn fest an sich Jagte. „Du kriegst' bei’ Vegelche, Philivpche, wart's ab, Plttl'vpche, du ktteast eins." So streifte sie im nächsten zeitigen Frnhtahr im Walde, im „Franzosenkops" und im „OiMenkopf . umher und suckte Gimpelnester. Trotz ihrer ungeübten Augen fand fw «ndttch ed-ss Sie entdeckte es auf einem niederen »tajtenafte. Die Jungen waren noch halb nackt und lagen fest aneinanderg^chmiegt in ihrer engen Wiege. Die Alten flogen ab und zu mA brachten Futwr Noch^war ?s nicht an der Zeit, die kleine Schar mtt- ^"‘sSfctb merkte sich die Neststelle genau. Am Waldrand knickte sie einen Ast, damit sie die Richtung wieder finden komtt«. Eine Woche daraus schon hob sie die halbslügge Schar aus ihrmi Neste, hälfte sie in ihr buntes KoPfttich und setzte sie daheim behutsam in den alten Käfig, in dem einst das längst vergessen geglaubte Hänschen sein Lied gelernt hatte und darin es sv einsam und elend gestorben war. Philipp ging nicht mehr von den neuen Hausgenossen fort und hegte und pflegte st«. Als er eines Morgens erwachte, saß seine Mutter unter dem Käfigs über dem wieder das Tuch hing, und pfiff dem neuen Hänschen — feine Geschwister waren fortgetan — das alte Liedlein vor: Blau blüht ein Blümelein, das heißt: Vergiß nicht mein! Hab dich von Herzen lieb, das glaube mir. Philipv sprang im Hemde aus dem Bette und bat: „Modder, laß du mich pifi - ich'kann's au’.“ And sie ließ ihn gewähren. Er pfiff so sicher, als ob er nie im Leben etwas anderes getan hätte. Bald pfiff der Gimpel die Weise nach. Eines Tciges kam ein fremder Herr ins Angersbacher Pfarrhaus auf Besuch Der hörte vom liedkundigen Philipp und seinem befiederten Schüler, und wollte ihn gerne erstehen. Doch der Vogel war Philipp nicht feil. Aber über's Jahr sollte der Herr einen anderen haben. And dem feiitigen brachte er schon bald darauf eine zweite Melodie bei: Wer will unter die Soldaten, der mutz haben ein Gewehr. - Das mutz er mit Pulver laden und mit einer Kugel schwer. Dabei dachte er immer an seinen Vater und an den bösen, schlimmen Napoleon, von dem ihm des Nachbars Knecht erzählt hatte und den er gar zu gerne auch hätte besiegen wollen. Im Frühjahr hob Philipp selbst sein erstes Gimpelnest aus, deren er auf seinen Waldgängen so viele gefunden hatte. Niemals rührt« er die Nester anderer Vögel an. Die konnten doch keine Steher pfeifen lernen! Mit geschickten Händen hatte er im Winter zuvor selbst einen neuen Vogelbauer verfertigt. Eine alte Auszüglerin, die einsam und verlassen in der Oberstube des Nachbarhauses bet ihrem Gebetbuche den Tod erwartete, gab dem Vogel zum Anlernen gerne bei sich Anterkunft, und so Pfiff denn Philipp in Gegenwart der Alten, die fo eine kleine Abwechselung in ihrem stillen Dasein fand, in gewohnter Weise alltäglich seinem neuen Schüler ein Siebfein vor, bis dieser es bald besser flöten konnte als sein längst gelernter Waldbruder. Als der Freund des Pfarrhauses eines Tages wieder nach A-tgersbach kam, führte ihn fein erster Gang zu Philipp. „Er ist gut gelernt,“ berichtete dieser, und sie gingen