Eichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 Samstag, den (5. Februar Nummer 13 Webet. Von Gustav Falke. Herr, laß mich hungern dann und wann, Sattsein macht stumpf und träge, und schick mir Feinde, Warm um Mann, Kampf hält die Kräfte rege. Gib leichten Fuß zu Spiel und Tanz, Flugkraft in goldne Ferne und häng' den Kranz, den vollen Kranz, mir höher in die Sterne. Der Goldkäfer. Von Edgar Allan Poe. Hoiho! Hoiho! der Bursche tanzt wie toll Von dem Tarantelbiß in seinem Blut. (All in the Wrong.) Vor vielen Jahren fing ich eine intime Freundschaft mit einem gewissen Herrn William Legrand an. Er stammte aus einer Hugenottenfamilie und war einst wohlhabend gewesen; aber eine 'Reihe von Mißgeschicken hatte ihn soweit gebracht, daß er in Not geriet. Um dem ständigen Erinnertwerden an sein Unglück zu entgehen, verließ er New Orleans, die Stadt seiner Vorfahren, und nahm seinen Wohnsitz auf der Sullivans--Insel, in der Nähe von Charlestown, in South Carolina. Diese Insel ist sehr unbedeutend. Sie besteht aus wenig mehr als etwas Deesand und ist ungefähr drei Meilen lang. Ihre Breite übersteigt an keiner Stelle eine Diertelmeile. Sie ist durch eine kaum wahrnehmbare Bucht vom Festland getrennt, die ihren Weg durch eine Wildnis von Schlamm und Dunst, einen Lieb- lingsausenthalt des Sumpfhuhns, winden muß. Di« Vegetatton ist, wie man sich denken kann., kärglich oder zumindest sehr dürftig. Bäume, die irgendwelchen Anspruch auf Größe machen könnten, findet man da nicht. In der Gegend der äußersten Westgrenze allerdings dort, lvo die Feste Woultrie steht, und wo sich einige elende Blockhäuser befinden, die denen als Zufluchtsstätte dienen, di« vor dem Fieber und Dunst in Charlestown flüchten, kann man auf einige stachelige Palmen stoßen; dagegen ist die ganze Insel — mit Ausnahnre dieses westlichen Punktes und einer harten weißen Geröllrnie an der Küste — mit dichten Gebüschen von lieblichen Myrthen bedeckt, die das Entzücken aller englischen Gärtner sind. Die einzelnen Sträucher erreichen oft eine Höhe von fünfzehn bis zwanzig Fuß und bilden ein fast undurchdringliches Dickicht und erfüllen die ganze Atmosphäre mit ihrem Wohlgeruch Im tiefsten Innern dieses Dickichts nun, nicht weit von der Ostgrenze, also auf dem etwas höher gelegenen Teil der Insel, hatte Legrand sich eine Hütte gebaut, die er damals, als ich durch einen bloßen Zufall seine Bekanntschaft machte, bewohnte. Diese erste Bekanntschaft ging bald in eine Freundschaft über, denn der Einsiedler hatte vieles an sich was Interesse und Achtung einllößen konnte. Ich fand ihn gebildet, ungewöhnlich begabt, aber ’ angekränkelt von Menschenscheu und ein Spielball abwechselnder Launen von Begeisterung bis zur Niedergeschlagen- heit. Er hatte viele Bücher mit sich genommen, sie aber fast nie benützt. Seine Hauptvergnügungen waren Jagd und Fischerei, oder aber er schlenderte an der Küste entlang und durch daS Dickicht, um nach Muscheln oder seltenen Käfern zu suchen; seine Sammlung dieser letzteren hätte den Meid jedes Forschers erwecken können. Gewöhnlich begleitete ihn auf diesen Ausflügen ein alter Neger, Jupiter geheißen, der zwar vor dem Zusammenbruch der Familie freigelassen worden war, den man aber weder durch Schläge noch durch Versprechungen bewegen konnte, von dem zu lassen, was er für sein gutes Recht hielt, nämlich über die Schritte seines jungen „Master Will" zu wachen. Es ist nicht umnöglich daß die Verwandten von Legrand, die ihn für einen unruhigen Geist hielten, diese Hartnäckigkeit in Jupiter hineinerzogen haben, um eine leichtere Kontrolle über den Ruhelosen zu bekommen. In dem Breitengrad, wo die Sullivans-Jnsel liegt, ist der Winter niemals sehr streng, und es ist wirklich eine große Seltenheit, wenn man mal gegen Jahreswende etwas heizen muh. In der Mitte des Oktober 18.... ereignete es sich aber doch, daß ein Tag von ungewöhnlicher Frostigkeit hereinbrach Gerade vor Sonnenuntergang mühte ich mich, meinen Weg durch das Immergrün zu der Hütte meines Freundes zu finden, den ich schon seit mehreren Wochen nicht mehr besucht hatte, da ich zu dieser Zeit mich in Charlestown aushielt, das in einer Entfernung von neun Meilen von der Insel liegt, und die damaligen Derkehrs- möglichkeiten weit hinter den Errungenschaften der Jetztzeit zurückst anden. Als ich die Hütte endlich erreichte, klopfte ich, wie dies meine Gewohnheit war, und als ich keine Antwort er» vielt, holte ich ben Schlüssel aus feinem mir bekannten Versteck, schloß auf und trat ein. Ein schönes Feuer prasselte im Kamin. Es war dies zwar eine Neuerung, aber keinesfalls eine unwillkom- niene. Ich zog meinen Mantel aus, schob einen Armsessel zu den krachenden Scheiten und erwartete geduldig meine Wirte. Sie kamen kurz nach Einbruch der Dunkelheit und bewillkommneten mich herzlich. Jupiter grinste von einem Ohr zum anderen und kramte herum, einige Sumpfhühner für das Abendbrot zurechtzumachen. Legrand hatte einen seiner Anfälle — lote sonst sollte ich's nennen — von Begeisterung. Er hatte eine neite zweischalige Muschel, die eine ganz neue Gattung darstellte, gefunden, und, mehr noch, er hatte einen Skarabäus aufgestöbert und fing ihn auch mit Jupiters Hilfe. Gr hielt ihn für voK° kommen neuartig und wünschte am nächsten Morgen meine Meinung darüber zu hören. „Warum nicht Beute noch?" fragte ich, während ich meine Hände über der Glut wärmte und innerlich dieses ganze Gehabe mit allen Skarabäen der Welt zum Teufel wünschte. „Ach hätte ich nur gewußt, daß du da bist!" sagte Legrand, „es ist schon so lange her, daß ich dich sah; wie konnte ich da annehmen, daß du mich gerade heute abend besuchen würdest? Als ich hierher kam, begegnete ich dem Leutnant G.... von der Festung, und dummerweise habe ich ihm den Käfer geliehen; so ist es für dich umnöglich, ihn vor morgen noch zu sehen. Dlerbe heute nacht hier; ich will Jupiter gleich bei Sonnenaufgang darum schicken. Es ist das herrlichste Ding auf Erden." „Was? — der Sonnenaufgang?" „Ach, Unfinn! Nein! — der Käfer. Er ist von glänzender Goldsarbe, ungefähr in der Größe einer dicken Walnuß mit zwei pechschwarzen Tupfen cm dem einen Ende fernes Rückens, und einem etwas längeren an dem anderen. Die Fühlhörner sind..." „Da ist gar fein Horn an ihm, Master Will, ich wiederholen es." unterbrach uns hi« Jupiter, „der Käfer sein Goldkäfer, ganz ech, jeder Zoll von ihm, in- und auswendig Gold, pures Gold, auch die Flügel, mein Lebtag hab ich kein so schweren Käfer getragen." „Nun, gesetzt den Fall, es sei so. Jup," antwortete Legrand mit mehr Ernst, als mir für diese Sache notwendig schien, „wäre denn das ein Grund, die Vögel verbrennen zu lassen? Seine Farbe," wandte er sich hier an mich, „ist allerdings dazu angetan, Jupiter auf solche Gedatcken zu bringen. Du hast sicher noch keinen prächtigeren Metallglanz gesehen als den auf seinen Flügeln. — Aber ich vergesse, daß du darüber erst morgen urteilen kannst. Inzwischen kann ich dir einen Begriff fernes Aeußersn geben." Mit diesen Worten setzte er sich an einen kleinen Tisch, auf dem zwar Feder und Tinte, jedoch kein Papier waren. Er suchte in einer Schublade, fand aber keines. „Macht nichts," meinte er, „das wird genügen", zog einen Fetzen Papier aus seiner Westentasche, den ich für ein schmutziges Stück Propatriapapier hielt, und warf mtt der Feder eine flüchtige Skizze darauf hin. Während er dies tat, behielt ich meinen Sitz am Feuer, da ich noch immer durchfroren war. Att er seine Zeichnung fertig hatte, reichte er sie mir herüber, ohne dabei auf» zu stehen. Ich nahm sie und sogleich hörte ich ein taute# Winseln, dem ein Kratzen an der Türe folgte. Jupiter öffnete sie, und ein großer Neufundländer, Legrands Eigentum, stürmte herein, sprang an meinen Schultern hoch und überhäufte mich mit Zärtlichkeiten; denn ich war bei meinen früheren Besuchen immer sehr nett mit ihm gewesen. Als sein erster Jubel sich etwas gelegt hatte, blickte ich auf das Papier und — die Wahrheit M gestehen — konnte nicht recht klug auS meine- Freundes! Meisterwerk werden. „Hmk" sagte ich, nachdem ich es einige Zett betrachtet hatte, „daS ist allerdings ein sehr merkwürdiger Skarabäus, daS muß ich schon sagen, wirklich ganz neuartig für mich, ich habe noch nie so ettoaS gesehen — außer vielleicht einige Totenwpfe ober Schädel — denen er, von allem, was je mir unter die Augen! gekommen, noch am ähnlichsten ist." „Einem Tvtenkopfk" wieder hotte Legrand, „ja — allerdings — zweifellos — so auf dem Papier hat es gewisse Aehnlichkeit damit. Die oberen zwei Tupfen sehen wie Augenhöhlen aus, nicht? Änd der untere tote em Mund — und das Ganze ist ja auch oval." „Mööglich" sagte ich, „aber ich fürchte doch, mein lieber Legrand, du bist fein großer Künstler. Ich mach wohl tixirten, — 50 — AS Ich ihn mit eigenen Augen sehe, wenn ich mir eine Vorstellung von ihm machen soll." „Ich weih nicht," sagte er etwas gekränkt, .ich zeichne doch ganz anständig — wenigstens sollte ich es tun —, ich hatte ja gute Lehrer und schmeichle mir, doch kein absoluter Dummkopf zu sein" .Dann willst du dir einen Späh mit mir machen, lieber Freund," antwortete ich ihm, .das ist ein sehr passabler, ja sogar ein ausgezeichneter Schädel, wenigstens nach den Anforderungen, die das grobe Publikum an dergleichen anatomische Abbildungen stellt — und dein Käfer muh der sonderbarste Käser der Welt sein, wenn er einem Totenkopf gleicht. Wir können ja ein recht aufregendes, gruseliges Stück Olbmglauben auf ihn aufbauen. Ich vermute, du wirst ihn „Skarabäus caput hominis" oder ähnlich benennen, die Naturgeschichte ist ja reich an solchen Manien. — Aber wo hat er denn seine Fühlhörner, von denen! du sprachst?" „Die Fühlhörner," sagte Legrand, der, wie mir schien, all- niählich ziemlich grundlos in Feuer geriet, „die Fühlhörner mußt du doch gesehen haben, ich habe sie so deutlich hingezeichnet, wie sie an dem Tiere selbst zu sehen sind, und ich glaube, das genügt." »Man, nun,“ entgegnete ich, „vielleicht hast du sie gezeichnet, ich kann sie bloß nicht sehen," und gab ihm das Papier zurück, ohne weiter etwas zu sagen, da ich ihn nicht noch mehr verstimmen wollte. — Allerdings war ich über die Wendung, die die Sache genommen hatte, sehr verwundert, denn die Aufregung meines Freundes war mir absolut unerklärlich; auf der Zeichnung waren keine Fühlhörner zu sehen, dafür glich sie aber bis ins kleinste den üblichen Abbildungen eines Tvtenkopfes. Sehr mürrisch nahm Legrand die Zeichnung entgegen und wollte sie schon zerknittern, anscheinend um sie ins Feuer zu werfen, als ein zufällig darauf geworfener Blick seine Aufmerk» samkeit zu fesseln schien. 3m Augenblick wurde sein Gesicht glühend rot, dann wieder totenbleich. Sekundenlang betrachtete er unbeweglich die Zeichnung aufs genaueste. Endlich erhob er sich, nahm eine Kerze vom Tisch und setzte sich dann auf eine Kiste, &ie in der äußersten, Ecke des Zimmers stand. Dort begann er von neuem die Zeichnung aufs genauere zu prüfen, wobei er sie nach allen Seiten hin und her wendete. Er sagte nichts, und obwohl sein Benehmen mir höchst seltsam erschien, hielt ich es wch nicht für ratsam, seinen wachsenden Mißmut durch eine Bemerkung zu erhöhen. Auf einmal zog er ein kleines Notizbuch seiner Tasche, legte die Zeichnung sorgfältig hinein und teer» « r» fe*n Pult. Nun gewann er allmählich seins Fassung wieder, aber mit feiner ersten Begeisterung war es vor» ber Er schien allerdings weniger verstimmt als in Gedanken versunken zu fein. 3e mehr der Abeiw vorschritt, um so mehr vergrub er sich in seine Träumereien, denen ich ihn durch keinerlei Scherze zu entreißen vermochte. 3ch hatte eigentlich die Absicht gehabt, die Macht in der Hütte zu verbringen, wie sonst, doch da ich meinen Wirt in solcher Stimmung sah, fand ich es angebracht, mich zu verabschieden. Er drängte mich auch nicht, zu bleiben, aber als ich mich verabschiedete, schüttelte er meine HEde noch viel herzlicher als gewöhnlich. ®2> mochte ungefähr ein Monat seit dieser Begebenheit verflossen fein, in der Zwischenzeit hatte ich nichts von Legrand gehört, als mich eines Tages sein Diener Jupiter in Charles- town aufsuchte. 3ch hatte den guten alten Neger noch nie so verzweifelt gesehen und fürchtete, daß irgendein schweres Unglück mernem Freunde zugestohen sei. . »Da, 3up," fragte ich, „was ist denn passiert, wie geht es demem Herrn?" „Master, er nicht so wohl fein, wie er fein müssen." „Nicht wohl? Das tut mir aufrichtig leid! Was fehlt ihm denn? sein." Das sein, ja! — er über nichts klagen — er doch sehr krank „Sehr krank, Jupiter? Warmn hast du daS nicht gleich gesagt? Liegt er zu Bett?" „Olein, er nicht liegen, er nicht wissen, wo er fein, das ist, — mein Herz sehr schwer für arme Master WM." „Jupiter, ich bitte dich, nimm dich zusammen, drücke dich deutlicher aus. Du sagst, dein Herr sei krank, hat er dir nicht gesagt, was ihm fehlt?" „Nein, Massa nicht braucht unruhig fein, Master Will nie toadjagen, er sagen wird, ihm nichts fehlen; aber was machen ihm 1° desi Kopf hängen, und dann wieder stehen wie ein Soldat und weih im Gesicht wie eine Gans? Und was machen ihn immer die Hmur anstarren?" „Was anstarren? 3upiter?" „Die Haut anstarren mit den Figuren, die tollsten Figuren, die mich gesehen. Ich Angst kriegen, sagen ich Euch, ich jetzt immer scharfes Auge auf ihm haben muß. Vor paar Tagen er mir fort, ehe Sonne auf, und den ganzen Tag nicht mehr gesehen. -Kh mir geschnitten dicken Stock, ihn fest schlagen, wenn er kommt, ich aber nicht getan haben, weil er schauen so elend und krank." — bms? — ach so! — ja du hast recht, aber fei doch lieber nicht zu streng mit dem armen Kerl. Schlag ihn nur ja nia>t, er kann Schläge nicht gut vertragen. — Aber kannst du dir denn gar nicht denken, was die Ursache dieser Krankheit, oder besser gesagt, dieser Veränderung ist? Ist denn etwas .Unangenehmes Dorgcf alten, feit ich euch sah?" ... „Olein, Massa, nichts Unangenehmes seit damals — war am selben Abend, an dem Ihr da wart." „Was meinst du?" „Ohm, ich Käfer meine — das ist." „OBcn?“ „Der Käser. Ich sicher fein, daß Käfer ihn gebissen irgendwo am Kopf." „And welche Gründe hast du zu einer solchen Annahme, Jupiter?" „Krallen genug, Massa, und Maul auch. Ich nie gesehen solchen verdammten Käfer, er kratzen und beißen alles, was zu ihm kommen. Massa Will ihn zuerst gefangen, aber nstichtig schnell ihn wieder laufen taffen, ich sag Euch — da Massa Stich bekommen haben muh. Das Maul von Biest mir nicht gefallen, ich auch nicht gewollt anfasfen mit meinen Fingern, ich Stück Papier genommen, was ich dort gefunden. Ich ihn gewickelt in Papier und ein Stück ihm gesteckt in Maul, das war recht." (Fortsetzung folgt.) Das Vogelbündel. Don Anton Schnack. Es traf mich schmerzlich und ich hatte fast die Bewegung, meine Hand vor die Augen zu halten, als ich beim Durchstreifen der italienischen Kleinstadt das erste Vogelbünde! erblickte. Es hing an der Türverschalung eines kleinen Kramladens, auf dem verräucherten und altersgrauen Holze hing das Bündel wie ein riesiger bunter Tropfen, dessen Schwerkraft und Dicke unten lagen und der nach oben sich zu einer leichten und gekräuselten! Nufgeblustertheit verdünnte. Es erschien mir zuerst als ein seltsames Gestrüpp von merkwürdigen Dlütenköpfen und hübschen Federbüscheln, ich trat näher heran und griff in das flittrige Zeug, aber dieser Griff gab mir einen Stich mitten durchs Herz: ich hatte in ein Bukett aus lauter kleinen und zierlichen Vogelleichen gegriffen, die mit ihren gelben, blauen, grauen und roten Federchen mir wie eine sichtbare und riesige Inkarnation der Grausamkeit und der Kreaturverachtung erschienen. Cs waren die Vögel des Nordens. Es waren die Vögel meiner Wald- und Wiesenheimat. Es waren die süßen Sänger aus Mai und Juni, es waren die Vögel, die im Teichrohr der lappländischen Moore einen kurzen feuchten Sommer genistet hatten, es waren die Vögel, die Schwedens und Norwegens kühle Wälder bevölkerten, es waren die Vögel, von den Mrken- hügeln der niederdeutschen Heiden, es waren die Vögel, deren Ölest in schwäbischen Weißdornhecken hing, es waren die Vögel von den Flußufern der Elbe, des Mains, des Rheins, des Neckars und der Weser. Norden der Erde, es waren deine Vögel, es waren die Kreaturen deines Frühlings und deiner Sommermonate: es waren die Beflügler euerer kühlen Morgenlüfte, es waren die Nister auf Lindenbaum und Ahorn. Norden der Erde, Kinder im Norden, Freunde im Norden, die ihr den Vogel liebt, der Süden mordete sie gnadenlos! Es waren die gewichtlosen rührenden Vogelkörper des flinken Steinschmätzer, der perlenden Nachtigal und des wippenden Rotschwanzes; mit ihnen zusammen hing das schimmernde Blaukehlchen aus den lappländischen Einöden, hing der farbenbunte Stieglitz der deutschen Obstbaumgärten, hing das zarte schwellende Grau des Uferschilfsängers, ach es waren zwanzig, dreißig, fünfzig schmalbrüstige, bäumen- und singergroße, ausgezehrte, erbatmungswürdige und abgewürgte Vogelleichen. Da hingen sie, die Sänger meines morgendlichen Schlafes in Frühlings- und Sommertagen, als ich noch an Rhein und Neckar wohnte, da hingen sie, deren Nest ich im Jasminbusch erspähte, das fünf graugrün gesprenkelte Eier mütterlich verbarg. Da hingen sie, lebloser Plunder, hingemordet von,grausamer Hand und grausamer Seele, vernichtet unter einem göttlich klaren und strahlenden südlichen Oktoberhimmel, da hingen sie, entseelt und jedes Flügelchen gebrochen, die ich wochenlang unermüdlich und rastlos mit mißtrauischem und spähendem Blick zum Neste in der Strauchgabel fliegen sah, wo fünf gelbe und aufgesperrte Vogelmäuler nach dem mütterlichen Futter sich reckten. Da hingen sie, deren erste Flugversuche ich von der um» bsuchten Gartenlaube aus beobachtete, mit glanzlosen und erblindeten Augen. Ach, ich erinnere mich noch, wie mir eines dieser tollpatschigen Vögelchen auf die offene Handfläche geflogen kam. Wild und unermüdlich klopfte das unsichtbare und ttef erschrockene Vogelherz. Froh ließ ich die kleine Kreatur aus Flaum, Leichtigkeit, Angst und Lebenssehnsucht wieder in den sonnigen Mvrgeüwirch fliegen, nachdem ich dem bunten, schillernden Geschöpf mit den Fingern leicht das kleine Dogelköpfchen getippt hatte. Ich ließ ihn fliegen, da er mir als kleiner und glücklicherer Bruder erschien, und da ich ihn beneidete um die Freiheit und Seeligkeit seines sorglosen Dogeldaseins. Und er blieb um mein Haus den ganzen Sommer. Und ich hörte vom hohen Wipfel des Birnbaumes her und aus dem dichten Versteck der Jasminhecke Morgen für Morgen und Albend für Abend die schmelzenden und schwermütigen Lieder seiner kleinen, beseelten Vogelkehle. Schien- es mir nicht damals, daß ich in seinem weich geflöteten Lied eine kaum merffbare schmerzliche Klage spürte, eine Angst vor nahem Tod, eine Angst vor grausameni Ende. ~ 51 Ich hatte ihm gewünscht, daß er die paar Fahre seine- luftigen und freien Vogellebens furchtlos und unbeschwert »erleben Lunte, und daß ich ihn eines Herbstes gefunden hätte als ein totes und steifes Bündelchen, zusammengedrückt in «irrer Ecke unseres Gartens, da er die Kraft nicht mehr hatte, den Flug über die Riesenmauer der Alpen in die südlichen Täler und an trte südlic^n warmen Meere zu wagen. Ich hätte ihm gewünscht, daß ihn ein Sperber auf der Jagd nach Nahrung niedergestoßen und ihn mit scharfen Fanghieben -ersetzt hätte. Aber sein erster Flug, zu den ihn das Geheimnis der Natur zwang, seine erste große Reise in die Welt, die ihn vor winter- llcher Hungersnot, bitterer Kälte und tiefem Schnee bewahren sollte, trieb ihn in den grausamsten, ländlichsten und unnotwendigsten Tod, im den Tod durch den Menschen, der über jede Kreatur als Freund, Wohltäter und Vater gesetzt sein sollte. Armes, lleines Rotkehlchen, wundervolle beseeltes Kehlchen aus Süße und Schmelz, himmelansteigende unscheinbare Lerche mit dem Schnäbelchen voll Inbrunst und Gntzündetsein, schwermütig schluchzende Drossel, die in die Traumumsponnenheit meines Morgenschlafes fang, hier fand ich euch im traurigsten Wiedersehn. das Federkleid gerötet, das Köpfchen umgedveht und blutig, das Hirnschälchen eingedrückt und zersplittert, das kohlenhaft ezende Auge tot und erblindet, hier im Lande des Heiligen iz voit Asfissi, der einst mit euch in brüderlicher Liebe und mit brüderlicher Zunge redete... Aber seine Nachfolger werden in den Herbst- und Winter- mvnaten, wenn die großen Vogelwolken des Nordens sich über die Täler und Landschaften des Südens senken, mit Leimruten und Lockeule, mit Flinte und Fangnetz zu Verderbern und Vernichtern kleiner, grammleichter, unermüdlich zwitschernder und zierlicher Kreaturen. Was bietet so ein wippendes, knochenhaftes Dogelding für eine Nahrung? Zu Dutzenden zerhackt und zerschnitten werden sie zu einer dicken breiigen Suppe gekocht, die nicht einmal ein Leckerbissen ist. Anauslöschlich wird mir der gebrochene Leib eines Buch- stnken im Gedächtnis bleiben, der in dem Bündel hing und der über den Krällchen einen drahtdünnen, metallenen, weißen Ring trug. In die blinkende Spange waren winzige Worte und Zeichen eingeritzt. Vielleicht hatte der Vater eines Mädchens bt Deutschland oder in Schweden diesen aus dem Reste genommen und wieder hineingesetzten Vogel zum Glücksvogel für fein Kind gemacht. Vielleicht stand darauf: Kehre wieder! Gr wird nicht iviederkehren, er wird nicht mehr im Frühling auf den blühenden Birnbaumost seinen Lockruf schmettern und sein kleines Vogellied fingen. Vater und Kind werden den Vogel mit dem Ring am Krällchen vergeblich erwarten. Der Mensch hat ihn gemordet. Wetterkataftrophen und ihre Ursachen. Von Prof. Dr. Ludwig Weickmann, Direktor des Geophys. Instituts der Universität Leipzig. Es ist uns im allgemeinen und zu normalen Zeiten kaum be- wriht, daß sich unser menschliches Leben abspielt in einem Raume, in dem fortgesetzt gewaltige Gnergieumwandlungen vor sich gehen, daß wir auf Schritt und Tritt umgeben sind von ungeheuren Kräften, die ein ehernes Gesetz in ruhigen Bahnen hält, Dahnen befruchtender Arbeit sowohl wie langsamer Zerstörung. Wenn wir uns in einem sausenden Kraftwagen befinden, oder im rasenden V-Zug, so kommt es uns wohl in den Sinn, über die Wucht der dabei bewegten Massen nachzudenken, und wir verstehen, daß Anheil kommen muh, wenn diese Bewegung plötzlich gehennnt wird. Daß sich jedoch in den Bewegungen der Luft, die wir als Wind tagtäglich spüren und beobachten können, oder im Strome der Gewässer u. il. Energien verbergen, deren ungeregelte Entladung von den gewaltigsten Katastrophen begleitet wäre, das drängt sich uns nur auf, wenn Abweichungen vom normalen Verlauf, Sturm, Orkan, Hochwasser, Lawinen, Taufluten u. a. hereinbrechen und als deutliche Zeichen der Macht Bahnen der Zerstörung über die Gefilde menschlicher Arbeit ziehen. 3’n Ländern, die von der lebendigen Kraft der von Bergeshöhen fließenden Gewässer, von den aufgefpeicherten Energieoor- räten hochgelegener Seen und von der «weißen Kohle" leben und den Kraftbedarf ihres industriellen Lebens daraus decken, sind diese Fragen geläufiger. Es ist auch ein eindrucksvoller Vorgang, zu beobachten, wie die Sommer trrti) Winter in feinster Vertellung, Tropfen um Tropfen, Schneeflocke um Schneeflocke abgelagerte Energie sich schließlich zusammen in Staubdecken und Gerinnen als gewaltige Triebkraft bewährt. Voraussetzung aber für die einwandfreie Betätigung aller dieser Kraftquellen ist immer, daß die atmosphärische Maschine ordentlich funktioniert, daß in ihr keine bedenklichen Störungen eintreten Kleinere Störungen sind fast immer vorhanden, sie werden aber durch wirksame Regulatoren alsbald unschädlich gemacht. In der Atmosphäre sind mm eine ganze Reihe kleiner und großer Maschinen ständig im Gange, und letzten Endes kann man die ganze Atmosphäre als eine einzige große Maschine ansprechen. Die Hauptstellen der Wärmezufuhr sind die äquatorialen Breiten. Die dort erhitzten Luftmasfen steigen in die Höhe, wobei sich der mitgenommene Wafserdampf kondensiert in Form von Wolken und Regen. Die Kondensatimrswärme wird der aufsteigenden Luftmasse zugeführt, die, angeregt durch die Erdrotation, sich schließlich polwärts sendet, und in den bekannten Passatwinden zum Aequator zurückkehrt, nachdem sie durch Ausstrahlung und Wärmeleitung die ausgesammelte Wärmemenge wieder größtenteils verloren hat. Es umgibt also die Erde zu beiden Seiten des Aequators eine solche tropische Zirkulation, Nord-Ost, bezüglich Süd-Ost, Passat und Antipassat genannt, die wir als einen ersten Teil der Thermodhuamischen Maschine der Atmosphäre ansprechen können, als Erhitzer und Kondensor, And wenn wir nur jenen Teil der Maschine ins Auge fassen, der auf das sür unser Gebiet von Europa besonders wichtige Stück des At- lantischeu Ozeans zwischen den Kap-Verdischen Inseln und Mexiko fällt, so können wir die Leistung dieser Maschine berechnen, die wir als den Hauptbetrieb fast aller atmosphärischen Bewegungen betrachten müssen, von dem wir Europäer abhängen. Hat man doch direkte Zusammenhänge der Lufttemperatur in Mitteleuropa, insbesondere für die Wintermonate mit der mehr oder minder lebhaften Zirkulation des Pasfatwirbels nachweisen können, und viele andere ähnliche Beziehungen, zur Eisgrenze, Getreideernte usw. Der Nutzeffekt oder der Wirkungsgrad der.„Passatmaschine", die von der freien Attnosphäre im Bereiche unserer Nord-Ost- Passate gebildet wird, ergibt sich, wenn man die Temperaturen bei der Wärmezufuhr mit den Temperafirren bei der Wärmeentziehung vergleicht, oder wenn man die durch die Wärmezufuhr aufgewendete Arbeit mit der geleisteten in Verbindung bringt. Dabei zeigt sich, daß die Maschine nur einen Wirkungsgrad von 3 Prozent hat, der größte Teil der zugeführten Wärmemenge geht durch Ausstrahlung wieder verloren. Aber mit diesem Wirkungsgrade von nur 3 Prozent ergibt sich trotzdem eine Leistung der Pafsatzirkulation als thermodynamische Maschine von rund 100 Milliarden Pferdestärken. Ein Teil dieses gewaltigen Betrages wird dazu verwendet, den bekannten Golfstrom quer über den Atlantischen Ozean in Gang zu halten, außerdem aber entspringen dieser Maschine jene warmen äquatorialen Luftmafsen, die insbesondere im Winter die europäischen Küstenländer bespülen, und die dafür sorgen, daß in diesen Ländern strenge Winter fast ganz unbekannt sind, soweit rächt durch die Höhenlage dem Winter eine Stätte bereitet wird, wie im skandinavischen Hochlande. Diese Passatzirkulation löst nämlich einen zweiten Kreislauf der Atmosphäre aus, oder steht doch im engsten Zusammenhänge mit ihm, das ist die Zirkulafion der Westwinde mittlerer Breite, der auch für unser Gebiet „normalen" Winde. And nun liegen die Beziehungen zwischen dem ordnungsmäßigen Lauf der Maschine und gefährlichen Störungen ziemlich klar vor uns. Freilich kommen noch eine Reihe sekundärer Einflüsse dabei zur Geltung, vor allem der wechselnde Einfluß der Riesenkontinente, die im Zusammenspiel mit den Ozeanen ihrerseits wieder Zirkulationen erzeugen, die bekannten Monsune, und noch kleinere thermodynamische Maschinen sind am Werke; die Land- und Seewinde, sowie die Berg- und Talwinde. Aber diese letzteren können das große Bild der beherrschenden Zirkulationen nicht wesentlich Beemfluffen, jedenfalls nur lokal verändern. Wenn sich in einem normal einsetzenden Winter, wie z. D. im November und Anfang Dezember des vergangenen Jahres mit reichlichen Schneemassen plötzlich eine gewaltige Störung des Taktes der Maschine einstellt, und der Pasfatwirbel gewaltige Massen warmer Luft über die Lande schleudert, so muh eine derartige unzeitgemäße Erwärmung eine schnelle Schmelze der Schneemassen herbeiführen. Es muß zu Taufluten größeren Stiles kommen, die um so bedenklicher sein werden, wo etwa gefrorener Boden ein rasches Versickern der Schmelzwassermengen verhindert. So haben wir die allenthalben auf dem europäischen Festlande in der letzten Zeit aufgetretenen Hochwafierkatastrophen in Verbindung mit Sturmschäden, Staufluten usw. einer derartigen Störung der atmosphärischen Zirkulafion zuzuschreiben, deren Kehrseite die über Nordamerika herrschenden Kältsein- brüche sind. Denn sie sind auf ein und dieselbe atlantische Zirku» latton zurückzuführen, die auf ihrer Vordersette warme äquatoriale Luftmafsen aus Süden herangeschafst, auf ihrer Rückseite mit kalten Nord- und Süd-Ostwinden gleichzeitig polare Lustmassen über Amerika ausgebreitet hat. Die emsige Arbeit der Forscher geht dahin, Anhaltspunkte für die Beurteilung des Ganges der besprochenen gewaltigen Maschine zu finden, von deren Richfigkeit und Ordmmg Wohl und Wehe der Menschen abhängt. Geographie. Don Fritz Müller, Portenkirchvi. Wenn ich an meine Geographiestunden in der Mittelschule zurückdenke, dann wird mir, ich weiß nicht wie. „Heute kommen wir zu bem Städten am Rhein", sagte der Geographieprofessor und strich sich seinen Bart, um daS erste Gähnen zu verbergen. Dann kam eine Pause. Darauf fing er wieder an: „Also zu den Städten am Rhein kommen wir heute." Wieder eine Pause. „Also was der Rhein ist, das wissen wir ja schon — Welzel, was ist der Rhein?" — 58 .Der Rhein ist Deutschlands schönster Strom“, schnurrt« Welzel herunter. Elegant umschiffte er die Klippe deS Doppelzischlauts innerhalb Deutschlands schönstem Strom. Denn er hatte de» Satz vorschriftsmäßig auswendig gelernt auf heute. .Gut,“ sagte der Prsofessor, „jetzt soll der Leschner noch bi« Länge repetieren." And der Leschner repetierte die Länge von Deutschlands schönstem Strom: „Der Rhein ist elfhuudertzweiundsechzig Kilometer lang.“ sagte der Leschner, wie ans der Pistole geschossen. „Ist richtig — foo — und jetzt soll mir noch der Hausmann — nein, der Hausmann war schon in der letzten Stunde dran — jetzt soll mir noch der Schwegerl etwas sagen —“ Schwegerl war mäßig interessiert. Schwegerl konnte mit den Ohren wackeln. Diese Ohren bewegte jetzt der Schwegerl In der Richtung nach dem Katheder und blinzelte dazu. Natürlich muhten wir lachen. „Schtvegerl, warum lachst du?“ sagte der Professor. „Ich habe nicht gelacht," sagte der Schwegerl und legte seine Ohren wieder langsam nach rückwärts. Natürlich muhten wir jetzt noch mehr lachen. And dann gab es, ebenso natürlich, eine viertelstündige Untersuchung über das Gelächter. And natürlich kam nichts heraus dabei, denn wir hielterl fest zusammen. Aber etwas, dachte der Schwegerl bei der -Untersuchung, kommt doch heraus dabei: er tvird seine Frage an mich vergessen. And verstohlen ivollte er sich setzen. „Halt." sagte der Professor, „halt, Schwegerl, du hast meine Frage noch nicht beantwortet — auf das Gelächter werde ich später noch zurückkommen. Also Schwegerl, gib jetzt Antwort auf meine Frage." Schwegerl schwieg und bewegte leise seine Ohren, wie zwei Fühler. And wir zwickten uns erfolgreich in den Oberschenkel, um das Lachen zu unterdrücken. „Nun, wirds bald, Schwegerl?" Schwegerl schwieg, nur seine Ohren sprachen eine stumme Sprache. „Wenn du auf eine solche leichte Frage nicht antwort«« kannst, Schwegerl, muh ich dir einen Vierer notieren." Schwegerls Ohren wurden vor Schrecken starr. Dafür ging jetzt sei» Mund aus: „Entschuldigen Sie, Herr Professor, aber Sie haben mich noch gar nicht gefragt." „Was? Ich hätte dich nichts gefragt? Natürlich habe ich dich gefragt. Sattler, sag ihm meine Frage." Sattler war der Primus in der Klasse. Er wuhte alles. Er wuhte mehr als alles, und er kannte den Professor in* inrf> auswendig. „Als was stürzt sich der Rhein in den Bodensee?" deklamierte Sattler. „Nun siehst du, Schwegerl, das habe ich dich gefragt." Eine Welle der Empörung ging durch die Klasse. Gin drohendes Gemurmel flog auf. „Was ist denn los?" sagte der Professor. Ich hob den Finger, ich schnellte empor, ich haspelte heraus: „Der Sattler hat etwas gesagt, was Sie gar nicht gefragt haben. Herr Professor." Ein anderer Finger flog in die Höhe: „Der Sattler hat etwas gesagt, Herr Professor, ivas Sie haben sagen wollen." „Was ich sagen wollte", sagte nachdenklich der Professor, und es gab eine lange Pause des Nachdenkens. Dann sagte der Professor: „Der Sattler hat recht — das habe ich wirklich fragen wollen. Also wchwegerl: Als was stürzt sich der Rhein in den Bodensee?" Dem Schwegerl war die eisern festgelegte Antwort längst eingeflüstert worden: „Als ein Jüngling", sagte er bedächtig, und seine Ohren legten sich befriedigt wieder nach hinten. Auch der Professor war befriedigt. „Schön," sagte er, „als ein Jüngling — foo, und jetzt kommen wir also zu den Städten am Rhein — aufgepaht, die ganze Klasse!" Mit dem Zeigestab fuhr er über die Landkarte. Jetzt blieb der Stab auf einem dicken runden Punkte stehen. Di« Spitz« zitterte darum herum: „Köln ist die größt« Stadt am Rhein", sagte der Professor langsam und feierlich And dann noch einmal: „Köln ist die größte Stadt am Rhein — Salzbrunner, wiederhvl's." And der Salzbrunner wiederholt«: „Köln ist die größte Stadt am Rhein." „Schon," sagte der Professor, und die Spitze seines Zeigestabes zitterte weiter nordwärts, „schön, und jetzt kommen wir zu Düsseldorf. Aufgepaht, die ganze Klasse! Düsseldorf ist die schönste Stadt am Rhein." Dan kam eine Pause. And baren: „Dort gibt es den besten Weinmostrich — den besten Weinmostrich — Brandenberg, sag's nach." „Düsseldorf ist die schönste Stadt am Rhein", wiederholte der Brandenberg zögernd. „Weiter, weiter, immer weiter!" „Dort gibt es den besten — den besten Mostrich“ „Weinmostrich“, verbesserte der Professor. And ich kann «S wieder beschwören: das war alles," was wir über Düsseldorf hörten. Neulich hat mich ein Freund, ein alter Klassenkamerad besucht. „And wo hast du deinen Wohnsitz jetzt?" fragte ich ihn. „In Düsseldorf", sagte er. „Aha," fagte ich „wo es den besten — den besten —." „— den besten Weinmostrich gibt,“ ergänzte er und lächelt«. Aber da fällt mir noch so ein schöner Satz ein. ein Wüstensatz, den wir bei ihm auswendig lernen mußten, als unser GeogvapHie- unterricht den afrikanischen Erdteil ausdörrte. „Gefleckt wie ein Panthersell liegt die Wüste vor den Augen des Beschauers, gelb der Sand, schwarz die Oasen.“ So hieß dieser Satz. And ihr werdet mir sagen, daS ist ein schöner Satz. And recht habt ihr, es ist ein schöner Satz. „ Aber einen Augenblick, bitte — laßt euch einmal diesen Satz fünfmal vorsagen, jedesmal mit einem wuchtigen Akzent vorne uns einem unterdrückten Gähnen hinten: „Hrr hrr Gefleckt wie ein Pantherfell liegt die Wüste vor den Augen des Beschauers, gelb der Sand, schwarz die O—äsen uah... und lernt ihn auswendig bis zum nächsten Freitag (beide Zergestnger in den Ohren): „Gefleckt wie ein Panthersell — gefleckt wie ein Panthersell — gefleckt wie ein Panthersell...“ ■ilnö hört ihn wieder am nächsten Freitag, erst vom Schüler: „Wie ein Panthersell liegt die Wüste vor den —“ „Falsch, der nächste!" „Wie ein Panthersell liegt —" „Auch falsch! Der nächste!" „Wie ein —" „Wieder falsch! Sattler, sag's du!" And Sattler, der Primus, sagte stolz und fest: „Gefleckt wie ein Pantherfell liegt die Wüste...“ „Brav, Sattler," sagte der Professor, „foo — jetzt der erste noch einmal...," und schreibt dann den Wüstensatz sauber nieder in eure Klassenarbeit: „Gefleckt wie em Panthersell..und hört ihn wieder bei der allgemeinen Wiederholung: . »Gefleckt wie ein Pantherfell....," und sagt ihn schließlich in der Prüfung vor dem Herrn Inspektor auf: «Gefleckt wie ein Pantherfell...," und nachdem ihr das alles getan habt, will ich euch wieder fragen: »Ein schöner Satz, nicht wahr? Ein wundervoller Satz.. ?“ And dazu möchte ich euer Gesicht photographieren, daß ihrs wißt. And als eine Revanche, freilich, eine vorausgenommen« Revanche, hatte ich euch erlaubt, daß ihr mein Gesicht, daß ihr die Gelichter unserer Klasse abphotograMert hättet, ckls eines Tages ein neuer Geographieprofessor in unser Klassenzimmer trat und sagte: „Nehmt einmal den Atlas, bitte." Den AtlaS? O, der war noch fast ganz neu. Den Atlas satten wir doch früher nie gebraucht? Was wollte nur der Neu« mit dem AtlaS? „Nun schlagt die Alpen auf.“ »Wir wollen heute einmal eine Wanderung von München nach Venedig machen. Schaut die Karte genau an: Welchen Weg werden wir da wohl machen — der erste in der ersten Bank?^ Der erste in der ersten Bank, das war der Primus Sattler: „Entschuldigen Sie, Herr Professor," sagte er, „das haben wir noch nicht gehabt." „Das weiß ich schon, drum sollt ihrs selber finden lernen! auf der Karte." Aber der Sattler fand nichts auf der Karte, sondern blleb dabei, wir hätten es noch nicht gehabt. And da geschah das Merö- würdige, daß der Schwegerl seinen Finger hob. Derselbe Schwe- georl, der mit den Ohren wackeln konnte. Derselbe Schwegerl. der noch nie in einer Geographiestunde den Finger gehoben hatte. And daun geschah das weitere Wunder, daß der Schwegerl tatsächlich den Nlpenweg über die Brennerstrahe aus der Kart« herauslesen konnte. Fluß für Fluß und Stadt für Stadt. And des Schwegerls Ohren haben nicht gewackelt wie früher „aus Klassenviecherei“, sondern nur ein wenig gezittert haben sie vor Eifer und vor Aufregung, daß er einen Älpenweg hat finden können, daß er einen Alpenweg hat finden dürfen... And wie er fertig war, her Schwegerl, wie er angelangt war in Venedig, da sagte der neue Professor: „Das tixtr ganz richtig aus der Karte herauSgelesen. So. und nun will ich euch diesen wichtigen Alpenweg auch noch lebendig machen mit dem, was ich selbst darauf gesehen hab«, als ich einmal südwärts zog." And dann erzählte der Neue, erzählte und erzählte... Mäuschenstill sahen wir auf unseren Bänken. Der grüne Ännstrom rauschte. Innsbruck tauchte auf mit feinen Bergen uberm „Goldenen Dachl", seinen erzenen Helden in der Hofkirche. Andreas Hofer stand am Jselberg mit seinen Schützen, die so prächtig zielen konnten. In die schweigende Pracht der Alpen ging e8 hinauf. Schäumend schoß der Gisack durch daS Klassenzimmer — Bozen tauchte auf, das alte Bozen — und in der Ferne winkt» schon Venedig ... Schriftleitung: Dr. Friede. Wich. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.