Gießener Zainilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, den (2. Oktober Hummer 82 OKtoberlied. Von Theodor Storm. Der Nebel steigt, es fällt das Laub; Schenk ein den Wein, den holden! Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergolden! Und geht es draußen noch so toll, Unchristlich oder christlich, Ist doch die Welt, die schöne Welt So gänzlich unverwüstlich! Und wimmert auch einmal das Herz, — Stoß an und laß es klingen! Wir wiffen's doch, ein rechtes Herz Ist gar nicht umzubringen. Der Nebel steigt, es fällt das Laub; Schenk ein den Wein, den holden! Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergolden! Wohl ist es Herbst; doch warte nur, Doch warte nub ein Weilchen! Der Frühling kommt, der Himmel lacht. Es steht die Welt in Veilchen. Die blauen Tage brechen an; Und ehe sie verfließen, Wir wollen sie, mein wack'rer Freund, Genießen, ja genießen! Meines Onkels Iagdgefchrchte. Von Friedrich F r e k s a. Wenn mal wieder eine recht schöne Jagd vorbei war und in später Stunde bei Punsch und Rotspon die Erzählungslust wuchs und jeder der Erzähler mindestens dreimal um sein Leben gekämpft hatte, sagte mein Onkel Johannes nur immer: „Tjä! tja!" und nickte beifällig mit seinem freundlichen Bockskopf. Dann kniff er ein Auge zusammen und schätzte ab, ob es sich lohne, loszufeuern. Und genau so, wie er den Abstand von einem Stück Rotwild schätzte, traf er auch immer den richtigen Zeitpunkt, um mit seiner alten, ehrenwerten Geschichte die Gesellschaft wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurückzuversetzen, das heißt an den Tisch mit der leergetrunkenen Punschbowle. Der dicke Domänenrat von Oldeslo hatte etwa gerade erzählt, wie er nichts ahnend auf der Grenze zwischen Heide und Moor auf Enten gegangen fei. Aber plötzlich wurde ein Hügel hinter dem Knick lebendig. Ein Elefant brach aus dem Busch. „Da stand ich nun mitten in Holstein, und so ein großer afrikanischer Elefant mit kleinen, tückischen Slugen und Ohrlappen, die wie Fächer aufgestellt waren, brauste auf mich los wie eine durchgehende Eisenbahnlokomotive. Na, ich dachte mir, einmal stirbst du nur und hast jetzt wenigstens die Genugtuung, auf Elefanten Jagd gemacht zu haben. Und drückte meine beiden Schrotschüsse auf den Bengel los. , . , ,, ...... , Wissen Sie, das kitzelt verdammt auch einem solchen Dickhäuter in der Nase. Wenn ihm das Blut über die Riechzäpfchen läuft, verliert er die Witterung. Und diese kurze Pause, die muß man ans- nützen. Das tat ich denn auch. Ich galoppierte einen kleinen Moor- vfad entlang. Der Elefant kam hinter mir her. Aber ich war tm Vorteil, weil er mit seinen dicken Beinen immer wieder m den Sumpf kam. Und dann kam dis Stelle, wo ich mit meinem Arm nach einem langen Erlenaste griff, und mit einem halben Riesenschwung, den ich als alter Turner noch brillant konnte, über einen ziemlich breiten Wassertümpel hinwegsetzte. Der Elefant, der die Tiefen des Wasserlochs doch nicht so genau kannte wie ich, stürzte hinein und verfing sich unten in alten Baumwurzeln. Da konnte ich mir das alte, böse Tier besehen, wie es den Rüssel herausstrecktc, trompetete, nut den Ohrlappen so schlug, daß ein weißer Wasserschaum wie ein hollandifcher Ratsherrenmühlenkragen um ihn herum stand. . . Als ich mich dann einigermaßen verpustet hatte, ging ich in den Ort und telephonierte nach Lübeck. Da erfuhr ich denn, daß der alte Elefant den Hagenbeckleuten auf dem Bahnhof Biestorp ausgekommen war. Und durch meine Fürsorge also ist dann das wertvolle Tier wieder seiner Menagerie einverleibt worden. Der Domänenrat hatte das Bild ausgreifend geschildert, mehr mit den Augen und Armen, als mit Worten. Wenn ihm auch keiner die Geschichte glaubte, so herrscht« doch an diesem Abend das Uebereinkommen, das keiner den anderen einer Lüge zeihen wollte. Nun aber ging der Onkel Johannes ins Geschirr. „Tja," sagte er, „mit einem Elefanten kämpfen ist ganz gut und schön. Aber wer von den Herren hat einmal mit einem Spuk gekämpft? Mit einem leibhaftigen Spuk?" „910," sagte der Oberförster, „einen Spuk trifft man auch nicht alle Tage auf der Wildbahn. Aber erzähle nur!" Onkel Johannes strich seinen Bocksbart und begann: „Da war ein Jäger in Rendsburg, Klaukenborn hieß er, der hatte sich eine neue Jagd gepachtet in der Nähe von Totenbüttel. Ms er das erstemal dahin kam, verlief er sich und nahm am Abend Unterkunft in einem Bauerngasthaus am großen Weg. Nachdem er gegessen und getrunken hatte, stellte er fest, daß der. Weg nach Totenbüttel zu lang fei, darum wollte er übernachten. Und die Frau führt ihn zu einem Zimmer. „Nr. 6!" sagte sie. „Aber 9tr. 10," sagte er, „ist ein Eckzimmer und am Ende des Ganges. Das ist doch viel angenehmer!" „Nein," sagte die Frau, „Nr. 10 vergeben wir nicht! Da ist ein Spuk drin!" „Ach!" lachte Herr Klaukenborn. „Ein Spuk! Wer wird so altmodisch sein und an einen Spuk glauben! Nein! Lassen Sie mich da ein und wenn ein Spuk kommt, bann werde ich schon mit ihm fertig!" „Da muß ich erst den Vater fragen!" sagte die Frau. Und dann kam der Vater mit der Pfeife und der Altknecht, und sie schüttelten bedenklich die Köpfe und warnten Herrn Klaukenborn aus Rendsburg: „Herr! Das tut nie und nimmer gut! Gehen Sie lieber' auf Nr. 6!" Aber Klaukenborn fetzte feinen Dickschädel auf. Und das Zimmer wurde ihm geöffnet und geputzt, und Klaukenborn sagte, für die Mühe würde er heute einen Punsch geben, einen großen Punsch, daß alle im Hanse mithalten könnten. Und er würde selbst auf den Punsch trotz dem Spuk und Grusel ausgezeichnet schlafen. Und damit stellte er seine Doppeltasche auf das Kanapee, zog feinen Rock aus und kam dann in Pantoffeln, die ihm der Wirt geliehen hatte, und einer Strickweste behaglich in die Gaststube. Und unter der breitfchirmigen Petroleumlampe braute er einen steifen Punsch aus Arrak, Madeira und Rheinwein. Das war eine feine Sache! Und dann wurden Spukgeschichten erzählt, eine nach der andern, bis alle große Augen hatten. Und dann war der Punsch zu Ende, und dann ging Klaukenborn zu Bett. Knabe auch recht schnell müde. große Hände, ... noch nie gesehen hatte. „Hei!" dachte er, und er fährt schnell auf. Doch irt verschwunden. Er zündet die Lichter Ul2)ef'alte Knabe machte die Lichter wieder aus. Kuschelte sich so recht behaglich im Bett wieder zusammen und lachte Über seine eigene Dummheit Da källt sein Blick wieder auf das Bettende und wieder sieh? er die beiden Hände zwischen den Pfosten höhnisch hin- und herwackeln, als wollten sie sagen: „Na, warte nur, Junge! Wart« nur Junge - bis du schläfst!" Er duckte sich also zusammen und faßt den Spuk ins Auge und schnellt sich wie ein Kater nach vorn. Na natürlich der Spuk war schlauer als er. Die Hande waren weg. Warte nur, dachte er. Dich werde ich schon kriegen! Und wie er sich wieder auf das Kopfkissen legt und gewahr wird, rote die Hande da so langsam und höhnisch emporwachsen, greift er in d,e Spalte Na, und dann war alles ruhig in dem alten Gasthaufe. Es war eine Bollmondnacht, in der das Land in Licht und Stille stand. Klaukenborn hatte zwei Kerzen angezündet und schaute, ehe er ins Bett ging, ob die Tür ins Nachbarzimmer verschlossen sei. Er öffnet den Schrank und schloß ihn wieder zu. Er schaute unter das Bett. Niemand war darunter. Es war alles in Ordnung. Klaukenborn dachte: „Wie kann da ein Spuk sein?" Und zog seine Rendsburger Zeitung heraus, um nach den Spukgeschichten noch einmal etwas Vernünftiges, Tatsächliches zu lesen. ' Na, und dann wurde der alte Knabe auch recht schnell muhe. Er blies die beiden Kerzen aus, nachdem er vorher das Feuerzeug zurechtgelegt hatte. Dehnte sich aus und wollte gerade eindöseln. Und wie er es sich behaglich machen wollte, da sieht er? Ja, was sieht er denn? Also, hinten am Fußende des Bettes sieht er ganz richtig die beiden Kugeln von den Bettpfosten und dahinter die weiße Rollgardine, die das Fenster abdeckt. Und die weiße Rollgardine ist ganz hell vom Mond beschienen. Ja, das war alles richtig' Aber, da er noch einmal, sich duckend, scharf hinsah, gewahrte er zwischen den beiden Bettpfosten ein paar unverschämt große Hände, die langsam emporwuchsen. Häßliche Hande, wie er sie a P • „soll das der Spuk sein? >d) alles ist friedlich. Die Hände sind Lichter an. Er schaut unter das Bett. — 326 zwischen Bett unb Nachttisch, wo er seine Büchse hat, und zieht diese ganz vorsichtig, daß der Spuk es nicht sehen soll, an sich. Und nun Hai er sie im Arm und weiß, er kann nicht fehlen. Da lacht er noch einmal heimlich in sich hinein, zielt, zieht ab und paff! paff! dröhnen die Schüsse. Ein schreckliches Gepolter, ein Schrei wird laut! Herrschaften! hatte der Klaukenborn eine Angst! Denn der Spuk hatte mit höllischen Kralle,^ auf ihn eingehakt, und wimmernd faßte der Verletzte nach seinen Füßen. Alle Leute im Hause liefen mit Kerzen zusammen. Der Vater schlug mit der Faust gegen die Zimmertür von Nr. 10. Der arme Klaukenborn konnte gerade noch vom Bett aus den Türriegel zurückschieben, so daß die Leute ins Zimmer kommen konnten. Da standen sie mit Kerzen in den Händen alle im Hemd und besahen sich die Bescherung. Das Fenster war entzwei, und was glaubt ihr, was noch geschehen? Klaukenborn hatte sich beide Schrotladungen in die Füße gejagt. Na, der Doktor hat gut an ihm flicken können! Die aber in dem Gasthause wissen auch heute ganz genau, warum sie noch seht Zimmer 10 nicht hergeben. Cs ist ein Spuk drin. Und Klaukenborn, der mit ihm gekämpft, kann es bezeugen! „Tjä! tjä!" schloß Onkel Johannes, „das kommt davon, wenn einer so fest von seiner eigenen Vortrefflichkeit und seinem Iagd- mut überzeugt ist!" Für Psychologie der VeMehrs-UnfZAs. Von Universitätsprofessor O. K l e m m , Leipzig. Die erschreckende Zunahme der Verkehrsunfälle ist ein ernster Anlaß zur Besinnung auf den Anteil, den die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit an derartigen Ereignissen haben. Man braucht nur an die erstaunliche Zunahme der für einen irgendeinen Großstadtbezirk in den letzten Jahren zugelassenen Kraftfahrzeuge zu denken, um die „Knäuelerscheinungen" vorauszusehen, die sich bei der „Abwicklung" des Verkehrs ergeben müssen. In den Vereinigten. Staaten fahren nahezu 35 Millionen Autos. In Chicago wurden vom 1. Januar bis 15. September' vorigen Jahres 547 Menschen durch Auiounfälle getötet! Die Grausamkeit dieser Zahlen spricht für sich. Die Verkehrsvorschriften greifen regelnd ein. Aber als unberechenbares Glied steckt in der Verstrickung der Ereignisse, die sich — ach, in so kurzen, kostbaren und nicht ausgenutzten Bruchteilen von Sekunden — zum Unheil wenden können, der erlebende und handelnde Mensch mit seinen Entschlüssen, mit feiner Vorsicht oder seiner Fahrlässigkeit, mit seiner Aufregung oder seiner Kaltblütigkeit. Oft ist die Psychologie zu Rate gezogen morden, wenn der Richter vor der schweren Ausgabe stand, den Zusammenhang der Ereignisse soweit aufzuhellen, daß über die schuldhafte Mitwirkung der Beteiligten, insonderheit des Fahrzuglenkers entjchieden werden konnte, und in der Tat sollte bei keiner solchen Verhandlung neben dem technischen und neben dem medizinische» Sachverständigen der psychologische fehlen! Die Psychologie erforscht ja eben das Zustandekommen solcher Entschlüsse, die der Lenker des Fahrzeuges, oder der in den Wirbel des Verkehrs gerissene Passant zu fassen hat. Sie ist seit langem darauf aufmerksam geworden, daß auch die schnellste Ausführung einer noch so einfachen Handlung eine bestimmte Zeitdauer, die sog. „Reaktionszeit" in Anspruch nimmt. Die „Blitzesschnelle der Gedanken" ist ein Traum der Dichter. In Wirklichkeit finden wir durchaus meßbare Zeiten für die Aufeinanderfolge unserer Vorstellungen. Von der Aussassung eines Sinnreizes, die als Signal dient, z. B. eines Licht- oder Schallreizes, bis zur Beantwortung dieses Signals mit einer verabredeten ober gut eingeübten Bewegung, z. B. dem Loslassen eines Tasters, verstreicht im Durchschnitt eine Zeit von bis V» Sekunde. Das erscheint auf den ersten Blick nicht viel. Es ist ober in der Tat eine lange Zeit, wenn mir sie vergleichen mit den unwillkürlichen Reaktionen des Organismus, etwa der Schließung der Augenlider, bei Annäherung eines Fremdkörpers. Bei solchen „Reflexzeiten" kommen wir bis auf Vs» Sek. herab. Außerdem kommt bei Einbettung des geschilderten „Reaktionsvorgnngs" in ein zusammengesetztes Erlebnis, etwa „Ausweichen des Passanten vor dem im letzten Augenblick sichtbar werdenden Auto", immer noch hinzu, daß hierbei größere Muskelpartien in Bewegung gesetzt werden müssen, und dies schiebt den Vollzug dec retetnben Handlung hinaus. Auch der Kraftfahrer, der das plötzlich austauchende Hindernis vermeiden will, hat an seinem Steuerrad und an den Bremshebeln umfangreichere Bewegungen auszuführen, als bei jenen einfachen Reaktionshandlungen in dem psychologischen Laboratoriumsversuch. Je nach den Umständen kann sich hierdurch die Reaktionszeit auf das Doppelte ober Dreifache ber vorhin genannten Beträge erheben, unb sich leicht dem Betrage von einer Sekunbe annähern. Wir wollen aber nicht vergessen, baß ein Auto bei bei» burchaus mäßigen Tempo von 18 Km. pro Stunbe boch im Laufe einer Sekunde schon 5 Meter zurücklegt. Man sieht mit Grauen, wie groß der Gefahrenbereich ist, den unsichtbar jedes Auto vor sich her trägt! Wären mir bei unserem Verhalten innerhalb des Verkehrs nur auf eine Reaktionszeit angewiesen, dann stünde es in der Tat schlecht um uns. In Wirklichkeit aber üben wir fortwährend auf Grund der Gleichmäßigkeit im Ablauf der uns vertrauten Verkehrsvorgänge eine Voraussicht der zukünftigen Ereignisse aus. Wir bereiten unsere Handlungen für den kritischen Augenblick vor. Wir nehmen den Augenblick des Eintretens vorweg, und reagieren nicht erst auf den wirklichen Eintritt des Ereignisses. Das wird an einem einfachen Beispiel klar. Cs ist nicht schwer, auf eine fahrende Straßenbahn aufzuspringen, da wir den Sprung auf das Trittbrett so vorbereiten können, bah unsere eigene Bewegung gleichzeitig mit betn an unserem Stanbort vorbeihuschenben Trittbrett ersolgt. Aber ber Sprung mißlänge sicher auf bas tückischste, sähen wir bas Trittbrett erst in biefem Augenblick, unb sollten ihn nun als eine „Reaktion auf biesen Reiz" aussühren. Aehnliches ereignet sich fortwährend in dem Gewühls des Verkehrs. Wir leben eigentlich immer schon in dem nächstfolgenden Augenblick, sehen Schittpunkt von Fahrtrichtungen und Ausweichestellen voraus, auf Grund der augenblicklichen Fahrtgeschwindigkeiten unb Bewegungsrichtungen oder ihrer aus den Umständen, z. B. Straßenkreuzungen, voraussichtlich entstehenden Aenderungen. Diese „gleitende Aussassung" der Bewegungsvorgänge unb bis Sicherheit in ber Voraussicht ihrer Wirkungen für bie nächsten Sekunben, ober auch nur Bruchteile von Sekunben, führt uns in ber Tat durch bie Verstrickungen bes Verkehrs hindurch unb läßt uns in ben meisten Fällen bie tatsächlich vorhandene Gefahr nicht einmal zum Bewußtsein kommen. Jetzt sehen wir klar vor uns ben eigentlichen psychologischen Ursprung der Verkehrsgefahren. Auf ber einen Seite leben wir alle, sowohl als Lenker eines Fahrzeuges, wie als Passant, in einer Vorwegnahme bes Zukünftigen, auf Grund ber Gleichförmigkeit bes Geschehens, wir verhalten uns so, als ob in bem nächsten Augenblick gerabe bas einträte, was nach unseren vielfältigen Erfahrungen aus der augenblicklichen Lage hervorgeht. Aus ber anberen Seite steht bie Dauer unserer Reaktion aus ein unerwartetes, wirklich neues Ereignis, unb bie Dauer ist eben, gemessen an ben hohen Geschwindigkeiten, die nun einmal der Verkehr angenommen hat, erschreckend groß. Wie sehe ich ein Auto senkrecht auf eine Straßenbahn zufahren, bie, solange sie mit annähemb gleicher Geschwinbig- keit weiter fährt, sicher an dem Schnittpunkt ber beiben Fahrtrichtungen an bem Auto vorbeikommt. Wenn sie aber an betn Schnittpunkte plötzlich stille hielte, verhülfe auch bie rascheste Reaktionsbewegung auf dieses neue Ereigns nicht mehr dazu, einem Zusammenstoß zu entgehen. Nun — Straßenbahnen halten ja nicht so plötzlich an, und in diesem Falle mag bei bem angenommenen Verhalten bes Autolenkers bie Gefahr tatsächlich äußerst gering sein. Aber es gibt auch Fahrer, die sich ähnlich verhalten, wenn ein Mensch ihren Weg kreuzt, etwa gar ein Kind, mit seinen unberechenbaren Aenderungen von Geschwindigkeit und Richtung der Bewegung, und jetzt steht mit einem Schlage das Schema vor uns, nach bem sich schon manches Unglück abgespielt hat. Dazu kommt, baß manche Menschen in ber Schätzung von Geschwindigkeiten, bie hier immer mit beteiligt ist, eigentümlichen Täuschungen unterworfen sind. Sie weichen in ber Schätzung von ben Ereignissen etwa bes Schnittpunktes zweier Bewegungsrichtungen von ber Wirklichkeit ab. Dies hängt mit einer indivibuellen Anlage zusammen, bie in ber Psychologie feit mehr als hundert Jahren unter dem Namen „ber persönlichen Gleichung" aus ben eigentümlichen Fehlern bei gewissen astronomischen Beobachtungen, nämlich ber Schätzung des Durchtritts eines Sternes durch die Fäden im Gesichtsfelde des Fernrohrs bekannt ist. Wer sich in die geschilderten Zusammenhänge hineindenkt, der wird darauf bedacht fein, bei feiner eigenen Teilnahme am Verkehr jene Vorsicht walten zu lassen, daß er trotz jener „gleitenden Auffassung" immer noch die Bereitschaft zur Ausführung echter „Reaktionsbewegungen" sich bewahrt. Die Unterschiede in der Veranlagung bes einzelnen hierfür finb sehr erheblich. Es wirb also gerabezu eine moralische Anforderung, die eigentlichen aktiven Träger des Verkehrs, eben bie Lenker von Fahrzeugen, einer möglichst sorgsamen Eignungsprüfung zu unterwerfen. Gewiß lafsen sich bie vollen Ernsterlebnisse niemals innerhalb eines solchen Prüfungsversuches herbeiführen, unb wenn es bas Unglück will, kann auch bie beste Anlage irgend einmal versagen; aber das find Ausnahmen, denen die beachtliche Mehrheit ber Fälle gegenüversteht, in benen wir schon jetzt mit Sicherheit bie Ungeeigneten von biefem verantwortungsvollen Berufe fernzuhalten vermögen. Jonathan Swift nnd die Astrologie. Von Dr. A. W. R o e b e r, Gießen. In biesen Tagen, ba ber „Hundertjährige Kalender" wieder ganz besonders zu seinem Recht zu kommen scheint, ist es interessant, auch einmal auf literarischem Gebiet über bie Bebeutung ber Wahrsagekunst nachzuforschen und deren Beziehung zu Dichtern herauszugreifen. Einer der anziehendsten Schriftsteller, der in dieser Hinsicht sesselt, ist der Engländer Jonathan Swift (1667—1745). Er war keineswegs der Erzähler harmloser Geschichtchen, für den man ihn im allgemeinen zu halten pflegt, sondern vielmehr ein geistvoller Satiriker und ein mit schneidender Ironie begabter Kämpfer gegen alles Böse und Schlechte seiner Zeit. Seine scharfen Streitschriften und witzigen Satiren sind heute wohl kaum mehr bekannt. Gelesen werden eigentlich nur noch „Gullivers Reisen" (1726), eine Satire auf die zeitgenössische Politik, Parteien, Religionsfehden und aus das ganze Menschengeschlecht. Jetzt ist das Werk [einer Satire beraubt unb nur die beiden ersten Teile sind für die Jugend zurechtgemacht worden; in dieser Form ist es uns meisten Deutschen ja auch vertraut. Swift war nun einmal in eine Angelegenheit verwickelt, die nicht nur bezeichnend für ihn selbst ist, sondern auch für die ganze literarische Kampsesweise im 17. und 18. Jahrhundert, welche sich dadurch besonders charakterisierte, daß der literarische Gegner gern mit Hilfe anonym erschienener Schriften aus seinem wohlverschanzten Lager heraus unb in eine Falle gelockt würbe. Die kleine Geschichte, bie leiber noch viel zu unbekannt ist, sei Im solgenben kurz wieber- gegeben. - 327 — In jener Zeit war das Kalendermachen in der Mode. Die Her- « steller solcher Kalender, die Astrologen, oder wie sie sich selbst nann- I ten, Philomaten, waren Betrüger, die skrupellos die Leichtgläubigkeit des Publikums ausnützten, um sich die Taschen mit Geld füllen zu können. Der berühmteste unter ihnen war ein gewisser John Partridge, der, eigentlich Flickschuster seines Zeichens, mit seinen Kalendern schier die ganze Welt in Bann hielt. In seinem Gerech- tigkeitsempsinden zögerte Swift nicht, diesem Propheten einen gehörigen Denkzettel zu geben und seine Anhänger von ihrem Aber- glariben gründlich zu heilen. Als eines Tages wieder ein Kalender dieses berühmten Astrologen erschien, veröffentlichte Swift kurzerhand unter dem kuriosen Namen Bickerstaff — ein Name, den er zufällig in einer Straße auf einem Schild gelesen hatte — einen aufsehenerregenden neuen Almanach; dieser war allerdings nur eins Parodie, in der er aber sich selbst als den großen Gelehrten und Astrologen seiner Zeit bezeichnete und scharf gegen die minderwertigen Kalenderschmiede Front machte. Mit einer bewunderungswürdigen Offenheit und Kühnheit prophezeite er die delikatesten politischen Ereignisse für das folgende Jahr. Er scheute sich sogar nicht, die prominentesten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens namentlich anzuführen und bloßzuftellen. Unter diesen Prophezeiungen wurde auch ganz nebensächlich eines Falles Erwähnung getan, der zeigen sollte, wie unwissend die Pseudoastrologen in ihren eigenen Angelegenheiten seien. Dieser „nebensächliche Fall" war Partridges Tod, den Swift genau auf Tag und Stunde, ja sogar nach der Ursache (er nahm eine Fiebererkrankung an) festsetzte. Genau ein Tag nach diesem letzten vorausgesagten Ereignis erschien ein Brief an eine fingierte hohe Persönlichkeit, der die erste Bestätigung der wundervollen Prophezeiungen Herrn Bickerstasfs enthielt. Zugleich erfolgte die Mitteilung, daß Herr Partridge tatsächlich am ungesagten Tag gestorben sei, wenn auch um vier Stunden später, als ursprünglich festgesetzt; nachgewiesenermatzen handelte es sich aber nur um einen kleinen Fehler des Herausgebers. Natürlich stammte dieser Brief auch von Swifts Hand. Die in den ganzen Plan Eingeweihten erlebten eine Riesenfreude an dem inszenierten Scherz; andere dagegen, die nicht darum wußten, nahmen die Angelegenheit sehr ernst. Die portugiesische Inquisition ordnete sogar die Nerbrcnnung der Bickerstaffchen Schriften an wegen der darin gemachten unglaublichen Enthüllungen über Personen und Ereignisse. Trotz dieser und anderer Gegenmatzregeln konnte aber die von Swift beabsichtigte Wirkung nicht ausbleiben: Herr Partridge wurde offiziell im Buchhandel für wirklich tot erklärt. Mehrere witzige Köpfe, die nunmehr absichtlich für Patridge und sein unglückliches Los eintraten, spannten den Scherz in lustigster Weise weiter aus. Auch Patridge selbst raffte sich auf und richtete einen flammenden Protest gegen den falschen Astrologen Bickerstaff; er versuchte alles mögliche, um sich zu rehabilitieren und beteuerte wiederholt, daß er immer noch am Leben sei und sich sogar noch bester Gesundheit für lange Zeit hinaus zu erfreuen gedenke. Doch blieben seine eifrigen Anstrengungen völlig fruchtlos, denn Swift ließ ihm keine Ruhe mehr. In einem neuen Almanach für das nächste Jahr bewies er dem Armen sogar schlagend, daß er mausetot sei und suchte diese Behauptung durch einige überaus humoristische Beweise zu stützen. So gab er u. a. die angebliche Meinung der Leser des Partridgeschen Almanachs wieder: kein Lebender könne derartigen Unsinn schreiben. Auch erklärte er, Partridges Boraussagen miesen darauf hin, daß er mit dem Teufel im Bunde stünde; das sei aber nur nach dem Tode möglich. Schließlich deutete er überhaupt Patridges eingene Worte vollständig in seinem Sinne um. Kurz, Partridge war überlistet; er lieh nichts mehr von sich hören. Aber noch im selben Jahre enthüllte Swift wahrheitsgemäß die ganze Fehde, aus der Partridge und die Astrologie geschlagen und ihres Rufes beraubt hervorgingen. Die Probeschwefter. Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung.) Auf der Felsenburg gab's ein fröhliches Wiedersehen. Der alte Braubach war in trefflicher Stimmung. Er trug Gedichte von Scheffel vor und gab auch eigne Sachen zum besten. Bei sinkendem Tag fuhr man heim. Der Himmel bedeckte sich mit fahlem Rot, daß ringsher Menschen und Dinge in geisterhaftem Licht erschienen. Dietrich erzählte von allerlei Mißhelligkeiteu, in die der Wirt auf der Felsenburg während seines langen Lebens geraten war, die ebenso für seinen Freimut wie für seinen Rechtlichkeitssinn sprachen. „Ich hatte den alten Herrn nur zweimal flüchtig aus dem Freihof gesehen", sagte Schwester Luise. „Nun hab' ich ihn erst kennen gelernt. Der Mann hat bittere Ersahrungen gemacht. Sein Humor trägt ihn über alles hinweg. Ich fand auch seine Gedichte recht hübsch. Es waren im Grund ja nur Scherze, aber so was in Reime zu bringen, dazu gehört denn doch Talent." „Er zählt zu den Originalen," sagte Dietrich, „die man hierzulande selten, desto häufiger in Ihrer ostpreußischen Heimat trifft." Sie sah ihn verwundert an. „In meiner ostpreußischen Heimat? Kennen Sie die?" „Gewiß kenn' ich sie. Mein Weg führt mich jedes Jahr ein paarmal hin. Ich stehe da mit Leuten in Geschäftsverbindung, die mir wirkliche Freunde geworden sind. Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir demnächst in der Nähe von Memel eine Zweigfabrik gründen. Die Verhandlungen schweben noch. Zuweilen hör' ich. Ihre Landsleute klagen, daß sie aus so weit vorgeschobenem Posten stehn. Ich bin der Meinung, das ist ihr Glück, denn nur so bewahrt sich dieser tüchtige, kernhaste Menschenschlag seine Eigenart. Es ist geradezu erstaunlich, was für einen Aufschwung die Industrie dort droben genommen hat. Es wird nicht mehr lange dauern, und sie steht gleichgeltend neben der Landwirtschaft. Wer in die Verhältnisse hin- einsehen kann, der weiß, was das zu bedeuten hat." Er nannte, ihr große Fabriken, deren Umsätze sich auf Millionen bezifferten, von deren Bestehen sie keine Ahnung hatte. In ihren Kreisen mar von derlei Dingen wenig ober gar nicht gesprochen worden. Sie meinte, sie hätte den Ostpreußen diese gewerbliche Regsamkeit nicht tzugetraut. „Als Fabrikherren," entgegnete Dietrich, „kamen sie sich zuerst ein wenig komisch vor. Jetzt fühlen sie sich recht wohl dabei." Es war völlig dunkel geworden, als sie den Freihof wieder erreichten. Dietrich erwarteten Briefe, die er las und gleich zu beantworten begann. Abend für Abend, wenn der Gutsherr sich zurückgezogen, hielt Dietrich die Schwester noch für ein Schwätzstündchen fest. Die Welt erschien ihm im heitersten Licht, er hatte die Segel hochgespannt und war wie ein König in seinem Reich. In Berlin arbeitete er, wie die Hamburger Kaufleute tun, eine kurze Frühstückspause abgerechnet, bis nachmittags fünf Uhr durch. Dann fühlte er sich als freier Mann. Und von der Flut sich treiben zu lassen, war ihm der Gipfel des Vergnügens. Nicht, daß er der Zügellosigkeit verfiel, er suchte vielmehr wie ein Feinschmecker aus, was er zu [einer Anregung brauchte. Daß man sich auf Berlin versteifen konnte, hatte er nie verstanden. Es war die. Großstadt an sich, die ihn' in ihren Zauberkreis zog. Es war ein unbestimmbares Etwas, das ihn umfluten, durchdringen mußte, wofern er nicht versauern sollte. Darüber sprach er sich umständlich aus, und immer war es [ein Ich, das er in den Mittelpunkt stellte. Schwester Luise verglich.im stillen die Brüder miteinander. Beider Leben wurzelte in ihrem Beruf. Hans, der Gutsherr, war der Beschauliche und Empfindsame. Ihm, der ein Innenleben führte, wurde es nicht leicht, sich an die Menschen anzuschließen. Dietrich, der Temperamentvollere, wirkte nach außen, war Allerweltsfreund und gewann im Sturm, was andere mühsam erkämpften. Zwei Brüder himmelweit verschieden, und doch ein jeder ein ganzer Mann. Das Weihnachtsfeft kam und erfüllte die Höufer und Herzen der Menschen mit [einem Glanz. Einern alten Brauche folgend, beschenkten die Weckerlings nicht nur Knechte und Mägde auf dem Hof,-sie verteilten auch Geld, Kleidungsstücke und Backwerk an die Armen im Dorf. Diesen ihre Gaben zu .bringen, hatte heuer auf des Gutsherrn Bitte fein Bruder übernommen. Schwester Luise begleitete ihn. Ein Knecht fuhr ihnen mit einem vollgepackten Karren vorauf. Wo sie einkehrten, leuchteten ihnen frohe Gesichter entgegen,hörten sie jubelnde Kinderstimmen. Hie und da tVat ein Bub oder ein Mädchen vor und sprach: „Ihr habt uns viel gegeben. Lange sollt ihr leben, Selig sollt ihr sterben, Sollt den Himmel erben!" Dietrich hatte für alle und jeden ein freundliches Wort. „Geben tut wohl!", dachte Schwester Luise, „aber man muß es auch verstehen. Dietrich versteht's: er gibt sich selbst!" Als sie den Heimweg antraten, schallte aus der Kirche feierlicher Gesang. „An einem solchen Abend," sagte Dietrich mit Wärme, „fühle ich, der eingefleischte Großstädter, doch wieder den Zusammenhang mit dem Völk und dem Boden meiner Heimat." Das Dorf lag hinter ihnen. Der Mond ging auf, stieg höher und höher und schickte [ein bläulichweißes Licht herab. Bis an die Landstraße [chob der Wald sich vor. Unter den alten Buchen, erzählte Dietrich, hatte er als Kind gespielt. Auch später, wenn er in den Ferien als Gymnasiast bei den Eltern weilte, war dort fein Lieblingsplatz. Häufig fand sich aus dem Dorf die Tochter des Pfarrers ein. Sie war fünf oder sechs Jahre älter als er. Er brachte ihr die Anfangsgründe des Lateinischen bei, sie las ihm kleine Stückchen aus dem Englischen vor und erklärte sie ihm. Cs war eine glückliche Zeit. Ihn hatte eine glühende Neigung zu dem Mädchen erfaßt. Er machte Gedichte über Gedichte, in die er seine leidenschaftliche Liebe strömen ließ. Eines Tags erschien sie mit einem Kandidaten der Theologie und stellte ihn als ihren Bräutigam vor. Da rannte er heim und schloß sich in feine Stube ein. Dann langte er die Gedichte aus dem Schreibtisch vor und verbrannte sie. - „Den Kopf hängen zu. lassen," kam er zu Ende, „war schon^a- mals meine Sache nicht. Ich machte einen Strich hinter die Ge- chichte und war entschlossen, dem Leben fest ins Auge zu sehen. Auf dem Freihof fand Dietrich ein Telegramm, das ihn für einige Tage nach Frankfurt rief. Als er wiederkam, bat ihn fein Bruder, die Geschäftsbücher durchzusehen, die durch die lange Krankheit des Gutsherrn in Unordnung geraten waren. Dietrich unterzog sich der Arbeit mit der größten Gewissenhaftigkeit. Solange er dabei war, hatte er für nichts anderes Sinn und Blick. Auf den ersten Januar hatte er feine Abreise festgesetzt. Am gleichen Tage gedachte Schwester Luise, den Freihof zu verlassen. Der Abschied würde ihr nicht leicht werden, das fühlte sie. Einmal hatte die Haushälterin, Frau Dick, ihr gegenüber geäußert: „Man spricht als, wer alt wird, wird brummig. Ich bin's nicht. Das haben Sie wohl gemerkt. Seins ist so alt, daß es nicht noch etwas lernen kann. Ich hab' allerlei van Ihnen gelernt, Schwester. Das geb' ich gern zu. Ich marschier' nun auf die Siebzig los und mutz jeden Tag darauf gefaßt sein, daß mich der Sensenmann holt. Ihnen kann ich's ja sagen, Schwester, ich quäl' mich mit schweren Gedanken, was es hier geben soll, wenn ich nicht mehr da bin. Unser Herr ist ein grundgescheiter Mann, hat sein Werk in der Reih', und doch bleibt er in vielen Sachen sein Leben lang in den Kinderschuhen stecken. Sie glauben nicht, was sich so das Jahr über alles an ihn herandrängt. Er ist zu weichmütig, kann nicht Nein sagen und wird von den Leuten ausgenützt. Er müßt' eins um sich haben, auf das er sich verlassen kann, das sich getraut, ihm abzureden, wenn die Strunzegänger kommen, und aus seiner Gut- heit Kapital schlagen wollen. Auf Sie hört er, Schwester, Sie taten hieher passen!" So hatte Frau Dick ihr Herz erleichtert. Die kannte ihren Herrn aus langer Beobachtung heraus. Bei all seinem Wissen, all seiner Tüchtigkeit war er ein großes Kiiid, darin stlnmite ihr Schwester Luise bei. Kein Argwohn wagte, bei ihm anzuklopfen, Güte war der Grundzug seines Wesens. Die ihm nahestanden, mußten alles daran setzen, daß ihm die Freude an der Arbeit und seine ideale Lebensauffassung unverkümmert blieben Bom Vertrauen eines solchen Mannes getragen, auf dem Freihof schalten und walten zu dürfen, war eine Aufgabe, die einen locken konnte. Noch immer, wenn sie auf den Grund ihrer Seele schaute, entdeckte sie einen Widerschein jener Welt, der sie so lange zugezählt war. So nur konnte sie die Regungen deuten, die Dietrich, der Weltmann, in ihr weckte, die sie vor sich selbst verbarg. Den Fall gesetzt, sie würde vor die Frage gestellt, welchen von den Brüdern sie zum Lebensgenossen wühlen sollte, sie hätte sich für den Gutsherrn erklärt. Am letzten Tag des Jahres begann der Wind, aus Südwest zu wehen, und brachte Tauwetter, strichweise auch Regen. Die Berge im Osten und Westen schienen in unendliche Ferne gerückt. Nachmittags stiegen im Flachland die Nebel auf, flatterten hin und her, um bald in Nähe und Weite alles zu verhüllen. Der Silvesterabend brach an. Im Arbeitsziminer des Gutsherrn faßen die Brüder und Schwester Luise in traulichem Gespräch beisammen. Sie hatten Verwandten uni) Freunden die üblichen Neujahrswünsche geschickt. „Wenn nur die Hälfte in Erfüllung geht," sagte Hans, „werden sie zufrieden sein." „Die Menschen sind einmal so," sprach Dietrich, „jeder hofft und jeder hofft für sich das Beste." Scherzend setzte er hinzu: „Was mich betrifft, bin ich nur froh, daß meine Wünsche keine Schellen tragen. Ich müßt' als alter Knabe sonst noch erröten, wenn man erfährt, wie oft sie den Beelzebub zu Gevatter bitten." Hans und die Schwester lachten. An die Gevatterschaft wollten sie nicht glauben. Der Gutsherr begab sich, wie immer, zeitig zur Ruhe. Dietrich und Schwester Luise beschlossen, aufzubleiben, bis das alte Jahr geschieden war und das neue seinen Lauf begann. Im Dorf hörte man Schüsse fallen. Die Burschen weihten mit ihren Sackpuffern die Neujahrsnacht ein. Dietrich trat ans Fenster. In schweren Tropfen schlug der Regen an die Scheiben. Der Sturm schüttelte die Linden, die sich mit ihrem kahlen Geäst wie Ungetüme vor dem Gutshof erhoben. Sich an die Schwester wendend, sagte Dietrich: „Ich hab' mir früh um sechs schon den Wagen bestellt, weil ich sonst den Achtuhrzug nach Berlin nicht erreiche. Ich könnte ja auch um halb eins fahren, aber dann bin ich erst nach Mitternacht zu Haus. Das ist mir zu spät. Ich mutz übermorgen frisch sein." „Sie wollen in Berlin gleich Weiterreisen?" fragte Schwester Luise. „Vermutlich ja. Nach Kopenhagen. Es ist eine ewige wilde Jagd. Jedesmal, wenn ich hier fortgehe, nehm' ich mir vor, bald wiederzukommen. Es bleibt beim guten Willen. Ich bin zu sehr an mein Geschäft gebunden. Der Freihof ist ein friedsames Plätzchen, wo man einmal stoppen und sich sammeln kann. Der Mensch braucht auch Ruhe. Sie lächeln! Sie haben recht, ganz still zu liegen, bring' ich nicht fertig. Und nun Hans! Das gerade Gegenteil. Wie lang ist's her? Bier, fünf Jahre. Da hab' ich ihn überredet, mit mir eine Fahrt nach Tirol zu machen. Wenn der eine Hü wollte, wollte der andere Hott. Es gab Verdrießlichkeiten zwischen uns, Reibereien, die wir Brüder sonst gar nicht kennen. Wir stellten fest, daß wir nicht zusammen reisen können." „Das begreif' ich", warf Schwester Luise dazwischen. ^Jn Bozen trennten wir uns. Am selben Abend setzte sich Hans in München hin und ließ eine lange Epistel an mich los. Er meinte, er habe sich wie ein rechter Streithammel benommen. Er mache sich hintennach Vorwürfe, daß er nicht verträglicher gewesen sei. Ich dürfe darum nicht an seiner brüderlichen Liebe zweifeln. Ich sollte ihm gleich ein paar beruhigende Worte schreiben. Da haben Sie den ganzen Hans. Ich fuhr damals weiter, stand tags darauf beim Aveläuten in Mailand. Es war anfangs März, aber merkwürdig wann, förmlich schwül. Vor mir ging ein Liebespärchen auf und ab. Er, ein echter Sohn des Südens mit einem prachtvollen Kopf und tiefen dunklen Augen. Sie sehr jung, schlank und blond. Was da an mein Ohr klang, war der echte Mailänder Dialekt. Er redete leidenschaftlich auf fie' ein und begleitete seine Worte mit wunder- — 328 — vollen Gesten. Sie schwieg, bleich und verwirrt, aber aus ihrem hübschen Gesicht sprach schon ein halbes Gewähren. Das Bild festzuhalten, wünscht' ich mir einen Maler herbei. Ich vergaß den Dom mit all seiner Herrlichkeit und schaute immer wieder auf das Pärchen hin. Mir war so wohl, ich kann Ihnen nicht sagen, wie wohl." Er hielt inne, breitete die Arme aus und holte tief Atem, indes über das Gesicht der Schwester eine jähe Röte tief. Von Mailand, erzählte er, war er an die Riviera gegangen, hatte dort ergriffen, was sich ihm an Lustbarkeiten bot. Von Zeit zu Zeit brauchte er Zerstreuungen, Erregungen, aus denen heraus er neuen Anreiz für seine Arbeit gewann. Segelbootfahrten, Kletterpartien in die Alpen, eine Blumenschlacht in Mentone, ein Fest im Kasino zu Monte Carlo, das lebensprühende Nizza, das stolz-vornehme Cannes, das alles hatte er mit vollen Zügen genoffen. Auf diesem gesegneten Küstenstrich entfaltete die Freude ihr Panier. Unter heiterblauem Himmel wagte ein Menschenstram hin und her, einzig von dem Wunsch getrieben, dem Augenblick sich hinzugeben und zu genießen. Wer es noch nicht wußte, dem ging hier die Erkenntnis auf: in jedes Menschen Brust wohnte ein tiefes Verlangen nach Freude. Von Kunst hatte er allerlei erhascht, nicht eben viel, desto mehr hatte ihn die Natur erhoben. Die See mit ihrem ewig wechselnden Farbenspiel, die Türme und Zacken der Alpen, die Wälder von Palmen und Orangen, Blumen in nie gesehener Pracht, das alles floß in einem Bild von überwältigender Schönheit zusammen. Zumeist ober waren es die Menschen, die er beobachtet hatte. Vor seinen Augen hatten sich Romane abgespielt, so wundersam, wie keines Dichters Phantasie sie ersann. Sein Gedächtnis war staunenswert. Was er erlebt und erfahren, war ihm zum unvergeßlichen Besitz geworden. Vielleicht, daß er hie und da ein bißchen Wertrieb,' aber sein Vortrag war so lebendig, daß man gefesselt, ja mitgerissen wurde. Schwester Luise sah wieder in blühende Gärten, denen sie den Rücken gewandt, hörte wieder Klänge, denen sich ihr Ohr verschlossen hatte. Und von dem Mann, der zu ihr sprach, drang etwas auf fie ein, das sie wie Naturkraft berührte und ihre Sinne gefangen nahm. Mitternacht. Das neue Jahr zu verkünden, hoben im Dors die Glocken zu läuten an, kaum hörbar zuerst, dann in immer volleren, tieferen Tönen. Dietrich schritt auf Schwester Luise zu. „Ich wünsche Ihnen ein glückliches neues Jahr!" sagte er mit einer Stimme, aus der es wie ein Nachhall von all den Lebensfesten klang, die er im sonnigen Süden gefeiert. „Ich wünsche es Ihnen auch!" erwiderte sie leise. Er ergriff ihre Hand. Die lieh sie ihm. Sein Blick ruhte voll auf ihr. Es war, als sprühten aus seinen Augen Funken. Unwillkürlich wich fie ein wenig zurück. Da zog er fie an sich. Auf ihren Lippen brannte fein Kuß. Und fie küßte ihn wieder in jäh erwachter Leidenschaft. Mund an Mund gepreßt, hielten sie einander umschlungen. Plötzlich riß sie sich los und stürzte, das Gesicht von roter Glut übergossen, hinaus. Eine Weile stand er wie gebannt, dann nahm er den Kopf zurück und sprach vor sich hin: „Ein bißchen Mut, daran liegt dach alles! Eben läßt man ihn ausmarschieren, und schon kommt einem das Ziel entgegen. Uebri- gens ein wundernettes Mädchen. Schade, daß sie die Haube trägt!" Dem netten Abenteuer noch ein wenig nachzusinnen, zündete er sich eine Zigarre an. Die rauchte er mit vielem Behagen. Erst gegen ein Uhr löschte er die Lampe aus und suchte seine Schlafstube auf. Droben in ihrem Zimmer hatte sich Schwester Luise aufs Bett geworfen. Ein unnennbares Gefühl, all die Zeit her niedergehalten, trieb ihr im Fieber das Blut durch die Adern. Sie brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Wie war's möglich gewesen, daß sie sich so vergessen konnte! Sie mochte vor Scham in die Erde sinken. Vordem hätte es ein Mann wagen sollen, ihr mit seinem Gelüst zu nahen, fie hätte ihm die Zähne gewiesen. Dem einen stand sie wehrlos gegenüber, mehr noch, es zog sie wie im Rausch zu ihm hin. Sie kannte sich nicht mehr. Etwas Neues, Fremdes brach da hervor, vor dem sie in der Seele erschrak. Nun rächte es sich, daß sie den Beruf der Schwester ergriffen, ohne sich im tiefsten Herzen geprüft zu haben. Der Familie, den Verhältnissen ein Opfer bringen, bedeutete noch lange nicht, fo schwerer Verantwortung gewachsen zu fein. Ihr fehlte die Zucht, die Strenge gegen sich selbst. Gut, daß sie erst in der Probezeit stand. Morgen, wenn sie ins Schwesternhaus kam, wollte sie um ihre Entlassung bitten. Früh um sechs Uhr reifte Dietrich Weckerling ab. Sie wollte ihn mit keinem Blick mehr sehen. Ein paar Stunden später konnte der Wagen wieder auf dem Freihof fein, würde ihr zur Verfügung stehn. Dann sagte sie dem Gutsherrn Lebewohl und kehrte in die Stabt zurück. Sie begann^ was sie an Wäsche- und Kleidungsstücken bei sich führte, in ihre Reisetasche zu packen, und ordnete sonst noch allerlei. Darüber ebbte der Sturm, der sie durchtobte, und eine ruhigere Auffassung der Dinge gewann in ihr Platz. (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr, Hans Thhriot. — Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei. R. Lange, Gießen.