Gießener Krmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1926 Samstag, den \2. Juni Nummer Söhne nnd fünf Töchter, bei. deren Erziehung sie ihm zur Seite stand. Die Söhne, in denen Leopolds Heldengeist fortlebte, wurden sämtlich preußische Generäle, drei von ihnen Feldmarschälle. Alle taten sich in den Kriegen Friedrichs des Großen hervor: Leopold Max erhielt den Feldmarschallstab schon 1742 auf dem Schlachtfeld von Czaslau, und Leopolds Lieblingssohn Moritz starb an der bei Hochkirch erhaltenen Wunde. Da Anneliese 1701 vom Kaiser zur Reichsfürstin erhoben und mit dem Erbfolgerecht für ihre Kinder ausgestattet worden war, wurde sie zur Stammmutter des späteren dessauischen Fürstenhauses. Ihr ältester Sohn Gustav starb 1737 an den Blattern, und so folgte der zweite, Leopold Max, dem Vater in der Regierung. Aber Anneliese war nicht nur eine gute Gattin und Mutter, sie war auch die kluge und einsichtige Gehilfin, die während Leopolds häufigem Fernsein im Kriege und im preußischen Dienste an den Regierungsgeschäften teilnahm und die Durchführung seiner landesväterlichen Absichten überwachte. Denn der Dessauer war nicht nur der Kriegsmann und Haudegen, als der er in der Volkstraditivn sortlebt, sondern auch ein trefflicher Regent unb ein Genie bet* Wirtschaft. Qltit hell-en Augen yatte dieser Soldat sich in der Welt umgesehen. In den Niederlanden und in Oberitalien hatte er die Deichbauten und Kanäle, in Süddeutfchland die Obstkultur, in Italien und der Provence Die Gartenkunst und Maultierzucht kennengelernt und diese Künste in feine nordische Heimat verpflanzt. Er baute einm Kanal zur Entsumpfung der Gegend von Oranienbaum, einen Elbdamm,forderte den Gartenbau, legte für teueres Geld eine große Orangerie an, betrieb Pferde- und Maultierzucht, erbaute zahlreiche Dörfer und einen ganzen neuen Stadtteil in Dessau, schenkte seinen Landeskindern für 180 000 Taler Baumaterial. Wit den Geldern, die er im preußischen Kriegsdienst erworben hatte, kaufte er ein Gut nach dem andern auf und führte dort eine großzügige Musterwirtschaft ein, nicht nur int Dessauer Ländchen, sondern auch in Ostpreußen. Seine dortigen Güter wurden zum Vorbild des großen „Retablissements" dieser Provinz, das zu den inner« politischen Großtaten des Soldatenkönigs gehört. Gleich diesem war er sparsam, aber in großen Dingen freigebig und wußte, wenn es der Anstand heischte, fürstlich zu repräsentieren Sn alledem war die Apothekerstochter Anneliese sein ttichtiges Ebenbild. Als sie am 2. Februar 1745 in Dessau starb, ließ ihr greiser Gatte die schlesischen Winterquartiere und sein Statthalteramt im Stich und vergrub sich mit seinem Schmerz in Oranienbaum, da-er seine Hauptstadt, wo sie gestorben war, nicht. sehen wollte. Dieser harte Kriegsmann war ein leidenschaftlich liebender Gatte und Vater. Als seine Lieblingstochter Luise, die Fürstin von Bernburg, 1731 hoffnungslos daniederlag, Wünschte ste ihren Vater an der Spitze seines Regiments noch einmal zu sehen. Leopold rückte mit ihm in Dernburg ein und ließ es vor den Schlvß- senstern paradieren. Nach der Legende war seine Gemütsbewegung so hestig, daß er sich weinend auf die Kme warf und das Gebet hervorstöhnte: „Herr, ich bin kein solcher LumP. her dir bei jeder Hundsfötterei mit Gebeten beschwerlich fallt. Sch komme nicht oft, will auch sobald nicht wiederkommen; so hcks mir denn jetzt und laß meine Tochter wieder gesund werdem Diese Anekdote ist freilich von der Wissenschaft widerlegt worden aber in ihrer offensichtlichen Liebertreibung tragt fie doch einen psychologischen Kern. Leopold vergaß es seinem Schwiege^ sohn nicht, daß er noch vor Ablauf des Trauer;ahres> eine neue Ehe entging. Änd als sein Erbprinz 1737 an den Blattern starb, war er so erschüttert, „daß es einen Stein in der Erde er&armenl möchte". So war dieser alte Recke in der knappen Preußischen Montur, wild in seiner Liebe wie in feinem Haß. Man versteht nun, weshalb er von seiner Sugendliebe nicht hatte loffen toolten und die Heirat mit ihr ertrotzte; selbst eine kstoste ^talieitreis«. auf die ihn die mutter geschickt hatte, die rauschenden Vn- gnügungen des Karnevals von Venedig und tolle SugendsttetchH halten ihn nicht von ihr geheilt. Theodor Fontane hat ihnin seinem reizenden Gedicht im Neuruppiner Dilderbogenstil treffend Beiunaen- Wir haben viel vonnöten oeiunge . wachem guten Rat. Und sollten blaß erröten Dor diesem Mann der Tat. Verschnittnes Haar int Schopfe Macht nicht allein den Mann; Sch halt' es mit dem Zopfe, Sind solche Männer dran. Wenn man aber auch immer des alten Dessauers gedenken wird, soll man seine Gattin, die Apothekerstochter, mit ihm zusammen nennen. Die Trommel gerühret. . . Von 3. W. von Goethe. Die Trommel gerührt! Das Pfeifchen gespielt! Mein Liebster getoaffnet Dem Haufen befiehlt, Die Lanze hoch führet, Die Leute regieret. Wie klopft mir das Herze! Wie wallt mir das Blut! O hält' ich ein Wämslein Und Hosen und Hut! Sch folgt' ihm zum Tor 'naus Mit mutigem Schritt, Ging durch die Provinzen, Ging überall mit. Die Feinde schon weichen. Wir schießen darein. Welch Glück sondergleichen, TSin Mannsbild zu seins Anneliese von Dessau. Von Friedrich v. Oppeln-Drvnikowski. Man muh die großen Häuser im Reiche mit frischem Blute kreuzen" sagte Friedriche der Große 1770 zu dem geistvollen Fürsten von ßigne. Diesen Grundsatz hatte schon sein Großoheim, Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, bewahrheitet, der „alte Dessauer" wie der Volksmund ihn nennt, der Exerziermeister und Freund des Soldatenkönigs Friedrich, Wilhelm I., dessen Standbild von Schadow den Wilhelmsplatz in Berlin ziert. Er war srei- lich noch ein sehr junger Dessauer, ein jugendlicher Kriegsheld und Draufgänger, als er 1698, kurz nach, erlangter Mündigkeit, die Regierung seines Ländchens antrat und einen Monat daraus feine um ein 3ahr jüngere Sugendgeliebte, die Apothekerstochter Anneliese Föhse, ehelichte. Ueber diesen damals unerhörten Schritt stand die Welt Kopf, aber die Zukunft sollte Leopold recht geben. Da das erfolgreiche Singspiel „Anneliese von Dessau" diese Ehe- schließung zum Gegenstand hat, dürften ein paar Worte darüber von Interesse sein. Schon Leopolds Vater Söhann Georg war ein Kriegsmann gewesen. Als brandenburgischer Feldmarschall hatte er seinem Schwager, dem Großen Kurfürsten, in den Tagen der Schweden- Nvt (1674/75) treulich beigestanden, bann beim Entsatz Wiens aus der Türkennot (1683) sich hervorgetan. Als er 1693 in Berlin starb übernahm seine kluge und energische Gemahlin, Henriette Katharina von Oranten, die Schwester der Kurfürstin Luise Henriette die Regierung ihres Ländchens und die Erziehung ihres 1676 geborenen Sohnes Leopold. Ein geborener Soldat, inmitten Blutiger Kriege ausgewachsen, erbat und erhielt dieser das brandenburgische Snfanterieregiment seines Vaters und verdiente sich schon 1695, als neunzehnjähriger Oberst, die Sporen vor Namur im Krieg gegen Ludwig XIV.; bereits im folgenden Jahre wurde er General. Da Kaiser Leopold Bert jungen Krie gs - mann vor der Zeit für mündig erklärt hatte, hätte er jetzt die Regierung seines Ländchens antreten können, aber er wartete die gesetzliche Frist ab und widmete sich nach dem Ryswyker Frieden ganz der Ausbildung seines Regiments, bei dem er den eisernen Ladestock, den Gleichschritt der Bataillone und eine bisher ungekannte Feuerdisziplin einführte. Dies Regiment wurde zum Muster der ganzen preußischen Snfanteri-e und zur Pflanzschule einer neuen Fechtweise für ganz Europa. Sn den blutigen Schlachten des spanischen Erbfolgekrieges, bei Höchstädt, Cassano Und Turin, sollte es unter Leopolds Führung Wunder der Tapferkeit vollbringen, die den Ruhm der preußischen Waffen weit über Deutschlands Grenzen hinaustrugen und ihren Nachhaft bis zum heutigen Tage in dem „Dessauer Marsch" falben, jenem rauschenden Schlachtliede von Cassano, das, wie die Vvlks- tradition will, zum Lieblingsliede des Dessauers wurde, nachdem er sogar Kirchenlieder gesungen haben soll und das für jene Zeit das gleiche geworden ist, was für die Neuzeit die „Wacht am Rhein" wurde. Als Leopold infolge der furchtbaren Strapazen tn der Hochsommerglut Stallens nach der Schlacht bei Cassmio erkrankte und fiebernd nach Brescia gebracht wurde, eilte ihm seine Gattin entgegen und pflegte ihn so hingebend, daß er nach! drei Wochen heimkehren konnte. Diese treffliche Frau, sein „liebes Wiesgen, tote er sie nannte, war ihm eine treue Gefährtin und schenkte ihm fünf 186 Städte des Ostens. Bon Josef Pont«-«. I. Die schön gebaute Stadt. Sie kann mit Rom in Vergleich gebracht werden. Sie ist ohne allen Zweifel eine der schönsten Städte. 3ta ihr hat sich eine Geschichtsepoche so großartig, so eindeutig wie selten bis zum sinnlichen Ausdruck ihrer selbst durchgefunden. Man kennt sie wenig, denn sie liegt „aus der Welt". Sie heißt Petersburg. Wenn ich sagte: Vergleich mit Rom, so ist das ein überlegtes Wort. Ja, durch die Lage übertrifft Petersburg Rom. Es liegt im innersten Zipfel jenes sackgleichen Meeres, das der Finnische Dusen heißt. Es ist eine Seestadt. Es wurde mit dieser ausdrücklichen Bestimmung von Peter gegründet. Es sollte das gastliche Tor Rußlands zur westlichen Welt sein und selbst eine westliche Stadt. Dieses Tor ward aber auch ein fester Dau, Abschreckung der Zudringlichen. Die Zudringlichen waren in damaliger Politik und nach russischer Auffassung die Schweden. Eine Insel im Meer liegt der Stadt in einiger Seemeilen Entfernung vor, die unheimliche Festung Kronstadt darauf, und Petersburg ist eine von der See her uneinnehmbare Stadt. Heute noch, mehr denn früher. Denn die modernen tiefgehenden Schiffe können sich nur durch einen stundenlangen, durch Molen gebildeten Kanal nähern, und auch draußen vor dem Kanal im flachen Meer ist das Fahrwasser durch Seebojen weit Hinaus abgesteckt, und jedes einfahrende Schiff braucht den Lotsen. Petersburg ist aber auch- eine Flußstadt. Fluhstadt in ganz anderer Weise als Rom, das keine Seestadt ist, nur barmherzig-er- weise eine Flußstadt, denn der wenig schiffbare Tiber erscheint kümmerlich neben dem breiten, gewaltigen Wasserweg der Newa. Aus dem Innern und von den großen Seen kommen die Flöße und die Newakähne von außerordentlichen Abmessungen. Sie Bringen das Holz aus dem au Holz unerschöpflichen Norden Rußlands. Man heizt in Nord- und Mittelruhland mit Holz (im Süden mit Kohle aus dem Donjezrevier, in den Steppen mit Viehmist), im Sommer werden auf den Lagern des Handels und in den Höfen der Häuser und Paläste die Brennholzburgen aufgebaut, Ofenspeise für den fünf Monate langen Winter. In München riecht es nach Malz, in Rom nach- Oel und Wein, in Petersburg nach Holz und Holzkohle. Man sagt, daß es nicht lohne, die entleerten Kähne flußauf zurückzuschaffen, man lasse sie aus der Newa liegen, und wer wolle, könne sie sich anieignen; vder sie zerschlagen. Das schon verbaute Holz und die Arbeit des Kahnbauens seien drinnen im Lande billiger als die Rückfracht. — Durch das große russische Binnenkanalsystem, das die Dinnenlanb ströme in ihren Wurzelgebieten verknüpft, ist Petersburg mit jeder großen Stadt des Innern und zuletzt mit dem Weihen, dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer verbunden. Gs bedarf feiner Worte mehr, um die geopolitische Gunst und Ded-eutung der Lage an einem solchen Erdort zu schildern. Demgegenüber muß eine technische Angunst der Lage leicht wiegen: da das Land meernah und eben ist, Anschüttungsgebiet des FlusseS, und der Grundwasserspiegel demgemäß hoch- steht, so beoarf es zu jeder baulichen Gründung kunstvoller Ram- mungen und Pfahlbauten wie in Amsterdam und Venedig (man fagt, die Mittelpfeiler der riesigen schweren Jsaakkathedrale, der Haupt- und Prunkkirche der Stadt, beginnen sich zu senken, wahrscheinlich weil die Pfahlroste verfault find). Peter hat un- festes SmnpWnd als Standort für feine Hauptstadt wählen müssen. Venedig und Amsterdam erinnert Petersburg auch durch -snseln und Kanäle. Die Newamündu-ng ist ein Delta, die Stadt liegt eben dort auf fünf Inseln und zwei Halbinseln. Die Newa teilt sich innerhalb der Stadt in zwei Wasser, die Newa und die Newka, und jede von beiden in zwei Anterwasser, in große und "eine Newa und große und kleine Newka. Die Inseln sind nur zum Teil bebaut, die äußern gegen das Meer hin tragen Garten und Parke, die glücklichen Zeiten spazieren und fahren doA die Mensch-en. Die Hauptmasse der Stadt liegt auf den beiden durch- Flußschleifen gebildeten Halbinseln, die Industriestadt auf der kleineren nördlichen mit dem Finnländischen, die Amts- und Wohnstadt auf der weit größeren südlichen mit dem Baltischen, Warschauer und Muskauer Bahnhof. Diese südliche Halbinsel ist in der Quere von zwei großen Kanälen durchschnitten, dem Obwodnykan-al (ich brauche in diesem Aussatz die alten bekannten Namen aus der Zarenzeit, die Räte haben viele Straßen, Plätze, gar Städte umgetauft) und der aus den Romanen der großen russischen Literatur bekannten Fontanka. Diese -ordnet die ebenfalls bekannte Moika ab und diese den Katharinenkanal. Man liest, daß es früher noch- mehr Kanäle in der Stadt gegeben habe, aber sie seien als nicht wendig genug für Schiffe zugeschüttet worden. Vun hat ber Leser auch ohne Karte ein genügend klares Bild der Lage. Es tauchten sch-on die Erinnerungsbilder an Venedig und Amsterdam auf. Es gibt in der Tat Architektur- bilder, die sehr an Venedig denken machen. An die Amsterdamer Grachten erinnern die Kanäle auf S-chritt und Tritt. Der Kopf einer Insel (Wassilewskaja) gegen den Stromzug, eben dort, too die Newa sich in große und kleine gabelt, erinnert mit dem bedeutenden, aus Börse und monumentalen Aferbauten entstehenden Architekturbilde an den Jnselkopf in Venedig, auf den man von der Piazetta aus blickt. Auch an London muß man in Petersburg denken wegen der Breite des Stromes, wegen des Hafens in der Mündung der großen Newa und des Schiffsverkehrs und wegen der berüchtigten Peter-Pauls-Festung (auf einer von der Insel Petersburgskaj-a anscheinend künstlich abgegliederten Insel), die das finstere Bild des Towers hhrauf- ruft. An Paris mag man denken, wenn man von den Brücken oder Inseln auf das Äser der südlichen Halbinsel zurückblickt und dort das gewaltige Winterpalais liegen sieht wie in Paris den Louvre, und an Florenz angesichts der vielen, vielen Paläste und öffentlichen Bauten hier längs der Newa wie dort längs dem Arno. An Rom denkt der in Rom wirklich Heimische noch insbesondere, wenn er in den Außenvierteln mit riesigen Mietkasernen (in denen Romane Dostojewskis spielen) das Anhav- monische, Anbefriedigende, Abstoßende an Schmutz, schlechtem Pflaster, ungenügender Kanalisation und barbarischer moderner Stadtbauerei mit in Bild und Erlebnis aufnehmen muß; draußen in Alexandrowskaja mit seinen Bahnhöfen, Kasernen, Krankenhäusern, Kirchhöfen, und in Roshdestwenskaja, wo in Schutt und Verkommenheit das ehrwürdige Alexander-Newski-Kloster und das fabelhafte Smolnhkloster liegen, mutzte ich oft an das römische Marsfeld und die Stadtviertel vor Porta Popolo oder Me Gegend um den Sch-erbesthügel denken. Nun glaube man aber nicht, daß diese Erinnerungen an Amsterdam, Venedig u. a. geweckt werden, um von ihnen für das Bild Petersburgs zu leihen, wie es in den albernen Be- nennung-en Jsarathen, Spreeflorenz, sächsische, märkische, bu^te® hudische Schweiz geschieht, nicht Wertbilder, nur Stoffbilde« sollen daher geliehen werden, weil europäische Leser diese Städte kennen und jeder mindestens eine von ihnen gesehen hat. Petersburg bedarf der Stützung seines Ansehens nicht, es ist durchaus trotz gewissen Anklängen etwas Eignes und, was Einheitlichkeit eines Architekturbildes an gebt, ohne Vergleich. Hier bauten mächtige Kaiser eines großen und reichen Landes, bauten aufwendig und rücksichtslos, sie wurden nicht beschränkt durch- geschichtliche stadtgeographische Gegebenheiten, bauten, wo ein Nichts gewesen! war, ein Vielfältiges und Großes, bauten über eine kurze Zeitspanne hin. 100 bis 150 Jahre, vom Anfang des 18. bis gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts, so daß es kein Altertum gibt wie in Rom, keine Gotik wie in Paris, feine Renaissance tote in Florenz, sondern nur Barock und Klassizismus, namentlich Klassizismus. (Wie der die Gotik nicht kennt, der nicht Straßburg oder Reims sah, den byzantischen Stil nicht, der nicht in Konstantinopel war, so kennt der den Klassizismus nicht, wer nicht in Petersburg weilte). Es bauten die Kaiser Schlösser für sich und Schlösser für ihre Günstlinge und Mätressen-, die Kaiserinnen! Schlösser für sich und für ihre Liebhaber und beide Kirchen für das Volk, es baute der Hofadel, gern oder gezwungen, es baute der Staat, kurz, Petersburg mutz von Hammer und Kell« 150 Jahre lang geklungen haben, nicht weniger als das Rmst der Päpste und ihrer Nepoten. Architekturräume von solcher geschlossener Einheitlichkeit und maßstäblichen Weitgriffigkeit tote der gewaltige Platz zwischen dem Winterpalais und der riesigem Fassadenapsis der Ministerien, alle Gebäude am Platze dazu einfarbig dunkelrot gestrichen, dürfte es in der Welt selten geben. Aeberhaupt, die Farbe! (Im Süden, in den Mittelmeerländern!, malt man die Bauten starkfarbig an — müßte man es nicht vielmehr in den nebelgrauen Nordländern tun? Erzwingen, was die Natur vorenthält? Gott sei Dank, heute beginnt man es to unseren entsetzlich- grau-langweiligen Städten zu tun.) And tote diskret sind die Farben! Der Erdgeschohsockel, der meist in palladianischem Stile zweigeschossigen Monumentalbauten (aus das Grd» geschah als Sockel ist die zwei und drei Geschosse übergreifen bei vollrunde, halbrunde oder auch blinde Säulenarchttektur gestellt) ockergelb oder weiß, die Säulen und alles architektonische Werk der Obergeschosse weiß und die Hintergründe der Säulenarchitektur und die Langmauern der neutralen Fassad-snteile gelb oder lichtblau — nichts Vornehmeres und zugleich Freudigeres zu denken. Da gibt es natürlich viele Abwandlung en des farbigen Spiels. Anvergeßlich z. B. die blau und weihe Börse oder das gelb und weiße Alexandratheater mit der großartiges Lheaterstraße dahinter. (Rossi ist der Architekt, Petersburg wurde in der Hauptsache von italienischen, aber auch frarzösischM, deutschen, zuletzt russischen Architekten erbaut. Die Arch tekino» geschichte sollte einmal die Architektenarbeit als Ausfuhrgut schildern. Dann würden manche architektonisch kostbare Städte ins Licht treten, die es neben den- kanonischen nicht zu Ruhm bringen können, so sehr sie ihn verdienen, wie Wilna und Lemberg. Man würde finden, daß Zeiten und Länder großer Kunst, wie das Italien des 15. bis 18. und 19. Jahrhunderts, ihre Aeberproduktion an künstlerischem Talent an a ndere auf nah ms- reise und -bereite Länder abgeben, und zwar meist die zw-eite Garnitur der Talente.) Wie die russischen Kaiser ihre Paläste und Staatsbauten, so baute der Adel seine Stadthäuser, übrigens nicht nur in Petersburg, auch in Landstädten, des russischen Reiches, z. B. in der architekturschönen Kleinstadt Mitau ist Kurland. Ich habe viele Architektur in Europa und Amgegend gesehen und weiß sie zu schätzen — ich glaube, ich habe nie so in Architektur geschwelgt wie in Petersburg-, trotz den rheinisch- romanifchen, trotz den französisch-gotischen, trotz beit römisch- — 187 — Bataxten, trotz den bhzantinisch-en Kirchen und arabischen Moscheen. Auch Begeisterung soll mich nicht ungerecht machen, und ich mutz zugeben, daß diese Architektur vielleicht ein wenig simpel ist, ein bißchen schnell zusammengefügt und derb und gar ein wenig hcmdwerklich>-roh in den Einzelheiten, in Profilen und Konsolen, im Ornamentalen und Figürlichen, aber hier ist Architektur wirklich einmal Stadt und — man möchte wegen des Zusammenspiels von Flüssen umd Plätzen, von Straßen und Kanälen fast sagen — Landschaft geworden. Richt die individuelle architektonische Schönheit zeichnet Petersburg aus (gut, sie soll zweite Garnitur sein!), sondern der große Wurf in Stadt wie in Dau, der Reichtum an Individuen innerhalb dieser einen Welt architektonischer Dorstellungen, russische Fülle und Großartigkeit auch hier. Man gehe nach Petersburg! Wenn die Räteregierung einen hereinlätzt! Denn diese ist sehr wählerisch! in der Zuteilung von Pässen. Uitb sitzt in Moskau! Also ist Petersburg durch die Verlegung der gesamten Regierung des russischen Riesenreiches amtlich! entvölkert, verhältnismätzig still und in gewissem Sinne Ruine, wenn auch die unmittelbaren Ruinen des Bürgerkrieges allmählich! verschwinden und von den Räten viel getan wird an Aus- und Aufbesserung der Stadt, in der z. D. das ein mulmiges Gebirge gewordene Holzpflaster erneuert und überhaupt viel gewerkelt wird. Carl SJlaria von Wsbsrs Bszishrmgen Zu Hsffsn- Von Professor vr jur. et Phil. Karl Esselborn. (Fortseyung.r Bis auf zwei Aufsätze, „Ein Wort über Vogler", das im „Morgenblatt für gebildete Stande" (Nr. 146 vom 20. Sunt 1810) und „Abt Voglers Iugendjahre", der in der „K. K. privilegierten Prager Zeitung" (Nr. 204 vom 22. Juli 1816) erschien, haben sich keine auf Vogler bezüglichen Papiere in Webers Nachlaß gefunden. Der Tod Voglers, der ihn an Darmstadt erinnerte, mag die Ursache gewesen sein, weshalb Weber am 8. Juli 1814 dem Groß- Herzog Ludewig I. von Prag aus seine vor seinem Darmstädter Aufenthalt entstandene Oper „Silvana" in der Form, die sie durch die Berliner Aufführung (10. Juli 1812) erhalten hatte, mit einem Schreiben folgenden Inhalts übersandte: „Durchlauchtigster Großherzog! Gnädigster Fürst und Herr! Wenn ich es wage Euer König!. Hoheit mit gegenwärtigem zu belästigen, so kann ich nur Entschuldigung in der Gnade und Äuld finden, mit der Höchstdieselben mich bey meinem Aufenthalte tn Darmstadt beglückten, und in der guten Aufnahme die meine Oper Silvana nach einigen bedeutenden Veränderungen von Seiten der Musik und des Textes in Berlin fand; und in welcher Gestalt ich mich nun unterfange, sie Euer Hoheit von dem Wunsche beseelt zu Füüen lege, sie auf dem Hof Theater eines so erlauchten Kenners .msgefihrt zu wißen. L .... Könnte ich mir mit dieser Hoffnung schmeicheln, und gewtß fern, daß Euer König!. Hoheit meine Arbeit nicht ungnädig aufnehmen, so würde unendlich beglückt sich fühlen, der in tiefster Ehrfurcht erstirbt Euer Königlichen Hoheit des Durchlauchtigsten Großherzoges Prag d. 8. Iulv 1814. unterthänigster Diener Earl Maria von Weber Direktor der Oper und Kapellmstr. der königl. böhm. Ständischen Theater." Als die üebersendung ohne Antwort blieb, wandte sich Weber wahrscheinlich an den Geh. Kabinettsekretär Sckleiermacker mit folgendem Schreiben: „Ew. Hochwohlgebohren Verzeihen, wenn ich dieselben mit gegenwärtigem belästige, indem ich auf Ihre allbekannte Gefälligkeit und Nachsicht rechne, und auch als Freund des verewigten Geh. Nach Voglers auf Ihre Güte baue. Ich habe mich im Iuly vorigen Jahres unterstanden, Sr. Hoheit dem Herrn Großherzog meine Oper Silvana nach der Berllner Aufführung in Ehrfurcht zu Füßen zu legen und zu über- schicken. Da ich nun bis jetzt gar nichts Weiter davon gehört habe, so muß ich mit Recht befürchten, daß Se. Hoheit mein Wort ungnädig ausgenommen haben, oder daß selbes gar nicht angekommen fet>. Der erste Fall würde mir höchst schmerzlich, — der zwecke wenigstens unangenehm seyn. Meine Bitte an Ew. Hochwohl- gebohren geht also dahin, mir durch ein paar Zeilen Beruhigung oder Gewißheit zu verschaffen. „Ich weiß wie kostbar Ihre Zeit, und daher auch die Erfüllung meiner Bitte ist, und doch kann ich mir die Hoffnung der Gewährung nicht versagen, indem ich zugleich die Gefühle der ausgezeichneten Hochachtung ansfpreche mit denen ich zu sein die Ehre habe Euer Hochwohlgebohren ergebenster Diener Prag d. 18. März 1815 Carl Maria von Weber, Direktor der Oper, und Kapellmster. der königl. böhm. Ständischen Theater zu Prag." Der Erfolg dieses Schreibens war, daß ihm am 31. März zehn Karolin überwiesen wurden. Die Ausführung des Werkes erreichte er aber nicht, diese erfolgte erst siebzig Jahre später, am 11. Oktober 1885, in einer Neubearbeitung, bei der Ernst Pasgus den textlichen und Ferdinand Langer den musikalischen Teil übernommen hatte. Das Jahr 1815 ist insofern für die Beziehungen Webers bemerkenswert, als am 29. Januar zum erstenmal ein Werk von ihm auf dem Darmstädter „Operncheater" aufgeführt wurde, nämlich „Abu Hassan", den er dem Großherzog vier Jahre zuvor gewidmet hatte. Im folgenden Jahre überreichte Weber die am 18. Dezember 1815 vollendete und vier Tage später in Prag unter seiner Leitung zum erstenmal aufgeführte „Kantate zur Feier der Vernichtung des Feindes im Juni 1815 bei Belle-Allianee und Waterloo, Glaube und Sieg" (op. 44) dem Großherzog mit folgendem von Kopisten- hand geschriebenen Begleitbriefe: „Durchlauchtigster Großherzog! Gnädigster Fürst und Herr! In tiefster Ehrfurcht und innigst vertrauend auf die weltbekannte Huld und Nachsichtsvolle Milde Ew. Königl. Hoheit, wage ich es Allerhöchstdenenselben beiliegendes Werk allernnterthänigst zu Füßen zu legen. , „Es ist Eines der beglückendsten Vorrechte der schönen Künste und Wißenschasten, große und herrliche Weltbegebenheiten im freundlichen Gewände nochmals vor die Augen der Welt zu führen; und diefes fchöne Vorrecht möge auch die Kühnheit entschuldigen, mit der ich es wage bei Ew. Königl. Hoheit als dem erhabensten Beschützer und Beförderer alles Strebens zum Guten um gnädige Aufnahme des Meinigen zu flehen. „In tieffter Ehrfurcht ersterbend Ew. König!. Hoheit allernnterthänigster Prag, d. 11. Septbr. 1816 Carl Maria von Weber, dermalen Direktor der Oper und Kapellmster. der königl. böhm. Ständ. Theater zu Prag". Dieses Mal brauchte Weber nicht auf die Antwort zu warten: am 17. Oktober wurden ihm sechs Karolin angewiesen. Am 4. November 1817 führte Weber feine Braut, Karoline Brandt, heim. Tags darauf reifte er mit feiner jungen Fran und feiner Schwiegermutter über Karlsbad, Baireuth, Bamberg, Würzburg und Heidelberg nach Mannheim, wo sie am 10. November ankamen (Brief an Heinrich Lichtenstein vom 14. Mai 1818.) Nach längerer Trennung fah feine Frau hier ihren Vater wieder, bei dem ihre Mutter zurückblieb. — Am 15. November begaben sich die beiden jungen Ehegatten nach Darmstadt, wo sie wie anderwärts zur Deckung eines Teils der Reisekosten ein Konzert zu geben gedachten. In einem Briefe an Gänsbacher vom 24. August 1818 ruft er aus: „Wie sehr erinnert mich hier (d. h. in Mannheim) und in Darmstadt, wo ich den 15. hinging, alles an unsre Zeit und die vielen heitern Tage, die wir da verlebten und die nun da nicht mehr zu finden waren." Während der vier Tage, die er diesmal in Darmstadt weilte, hat er sicher auch das Hostheater besucht, denn er schreibt aus Mainz, wohin er am 21. November abreffte an den Dresdener Intendanten Grafen Heinrich Vitztum: „In Würzburg sehe ich eine elende, in Mannheim, Darmstadt und hier (d.h.Mainz), sehr mittelmäßige Gesellschaft. (Der Tenor Franz) Wild (1/92 bis 1860, in Darmstadt von 1817—1825) und überhaupt die Oper nicht schlecht. Madame (Auguste) Kr-üger-(Aschenbrenner 1796—1874) recht brav, aber führ uns doch nicht zweckmäßig." „Voll Sehnsucht, einen Teil der Trias wieber zu schauen, fo heißt es in dem letzterwähnten Brief an Gänsbacher, „eute ich nach Mainz zu Gottfried (Weber). Dies war aber der trübste Punkt meiner Reise, denn ich kam mit dem alten Kerzen voll Liebe an, und — es war nicht das Alte. Ich will nicht ungerecht Mi, ich kam zu einem ungünstigen Zeitpunkte, er hatte täglich Krimmalgeschafte, war eben ausgezogen, die Frau lag in Wochen etc. etc., wodurch er dazu kommt, an nichts mehr rechten Anteil außer fetnem Bremen zu nehmen, und ein bißchen rechthaberisch und absprechend geworben ist. Kurz es tat mir unenblich wehe, ich hatte mich so baraut gefreut, es war ein Hauptzweck meiner Reise gewesen." Aehnlich äußerte sich Weber in einem Briefe, ben er am 14. Mar 1818 an seinen Freund, ben Berliner Zoologen Hmrrch Lichtenstein (1780—1857): „Das (b. h. Mainz) war ber einzige bittere Punkt meiner Reise. Mit bem liebevollsten Herzen, wie ich es vor sechs Jahren von Mannheim mitnahm, kam ich nach Mainz su toottfneb Weber unb fanb leiber nicht mehr ganz benfelben, überhäufte Ge- fchäste, isoliert stehen, hatte ihn in sich lelbft befangen, unb wir konnten nicht fo auftaueit unb bie alte Zeit zmuckrufen, wre ich es gehofft hatte. Cs tat mir recht von Herzen wehe, ich hatte rmch jv sehr barauf gefreut.--Nach sechs verstimmt verlebten Tagen ging ich nach Darmstadt zurück, wo ich nach mancherlei überwundenen Hindernissen den 6. Dezember Konzert mit Crfolg gab. Im Anschluß an bie aus bem Briefe an Gansbacher angefteüte Briefftelle knüpft Webers Sohn, Max Maria von Weber, m cmer Lebensbeschreibung seines Vaters (Bb. 2 S. 133) bte Bemerkung. .Die Freunde lebten sich unter den Umstanden wenig miteinander ein. Sechs peinliche Tage hindurch versuchten sie das alte Ver- hältms herzustellen, gemeinschaftliche Spaziergange, gemeinsames Musizieren, selbst die Heiterkeit der Kmdtaufe wurde als Heilmittel angewandt, doch die Mitteilung der nach verschiedenen Richtungen hin fortgebildeten Kunst- und Lebensansichten entnembefe immer mehr. Die beiden Weber schieden kühl, und d,e alte Freundschaft hatte einen unheilbaren Riß erhalten". Das war zu viel (Klagt, die Entfremdung beider Freunde war nur vorüberaehenb wre bes Meisters spätere Briese an seinen Freund Gottfried Weber beweisen. So schreibt er am 22. April 1822 von Dresden aus an diesen. Wie soll ich Dir, mein herzlieber Bruder, die Freude beschreiben. 188 mit der Dein lieber Brief mich so überraschend überschüttet hat. So mancher herrlicher unverdiente Erfolg, den mir der Limmel geschenkt, hat mich nicht so erfreut und durch und durch belebend aufgeregt und erheitert. Du kannst mich nur dann begreifen, wenn Du weißt, wie unendlich lieb ich Dich habe, und daß ich Deine Liebe gairz für inich verloren glaubte. Gott sei Dank, daß es nicht so ist. Du bist wieder der Alte, ich habe es nie aufgehört zu sein, und ich möchte Dich nur da haben, um Dir so recht aus voller Seele zeigen zu können, welchen ivahrhaften Lichtblick Du meinem Leben wieder gibst." (PH. Weber, Unsere Familie, Frankfurt«. M. 1920 S. 68 ff.) Ein andrer, am 8. April 1825 an denselben gerichteter Brief beginnt mit den Worten: „Ich antworte Dir, herzlieber Bruder, im Augenblick des Empfanges Deines Briefs vom l.März. Wie bin ich erschrocken über Deine lange Krankheit, und wie wenig beruhigend ist noch das, was Du weiter schreibst. Ich kann Dir gar nicht beschreiben, mit welcher furchbarer Gewalt der Gedanke auf mich gefallen ist, daß ich Dich in dieser Zeit zufälligen Schweigens verloren hätte. — Welch ein wandelbar zerbrechlich Ding ist doch der Mensch, rmd wie sehr sollten die Treuen, die einander erkannt haben, fest aneinander halten, und sich Freude zu machen suchen durch ihre Liebe für diese kurze Spanne Zeit." Und Gottfried Weber bezeichnet in einem eignen Lebensabriß (Scriba, Schriftstellerlexikon Abt. 1, Darmstadt 1831 S. 419) Karl Maria von Weber als „seinen besten, liebsten und gewiß seinen unwandelbar treuesten Freund" und rechnet dessen Tod „mit unter die wichtigsten und ttaurigften Ereignisse seines Lebens". Wahrscheinlich am 24. November kehrte Weber nach Darmstadt zurück. Während das „Darmstädtische Frag- und Änzeigeblatt" vom 24. November 1817 (Nr. 47) nur unter den in der Zeit vom 16. bis 21. November eingekehrten und wieder durchgereisten Fremden aufgeführt hatte, so führt die folgende Nummer (Nr. 48 vom 1. Dezember 1817 ihn nebst seiner Frau unter denen auf, die am 29. November in Darmstadt logierten, und zwar bei „Äerrn Oberappellations-Gerichtsrat Lofmann, bei dem er und seine Frau vermutlich auch die Woche vorher abgestiegen waren. Die.Erlaubnis zu dem von ihn« geplanten Konzerte erwirkte er durch folgendes Schreiben an den Geh. Kabinettsekretär Schleiermacher : „Ew. Wohlgebohren mir so oft bewiesene freundschaftliche Güte veranlaßt mich auch jetzt. Dieselben erneut ergebenst in Anspruch zu nehmen, indem ich hierdurch Ew. Wohlgebohren ersuche S. König!. Loheit den Durchlauchtigsten Lerrn Großherzog, meine ehrfurchtvollste Bitte um die gnädige Erlaubnis ein Concert im Caßino Saale veranstalten zu dürfen — vorzutragen. „Verzeihen Sie daß ich in allen meinen Angelegenheiten auf Ihre gütige Einwirkung hoffend. Sie so oft belästige, und genehmigen Sie den Ausdruck der vollkommensten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein Ew. Wohlgebohren Darinstadt d. 25. Febr. 1817 ganz ergebener Carl Maria Fhr. von Weber König!. Sächs. Kapellmster und Director der König!, deutschen Oper." Die erbetene Erlaubnis wurde ihm erteilt, und am 29. November brachte die „Großherzoglich Lesfssche Zeitung" (1817, Nr. 143 S. 1376) folgende Konzertanzeige: „Mit aller-gnädigster Bewilligung wird unterzeichneter nächsten Montag, den Iten Dezember im großen Saal des Gesellschaftshauses, ein Vocal- und Instrumentalkonzert geben, zu welchem er die Freunde der Tonkunst hiermit einzuladen die Ehre hat. Der Anfang ist um 6 Ahr Abends und das Eintrittsgeld ein Gulden für die Person. Eintrittskarten sind bei dem Gesellschaftsdiener Peter und am Eingang zu bekommen. Carl Maria von Weber- König!. sächsischer Kapellmster und Director der König!, deutschen Oper." Das Programm hat sich erhalten und lautet: Erste Abteilung: Quartett für Pianoforte, Violine, Viola, Violoncello; Aria von Canabich; Sonate fürs Pianoforte. Zweite Abteilung: Variationen für die Flöte; Freie Phantasie aus dem Pianoforte; drei Gedichte von Körner: Schwertlied, Gebet, Lützows wilde Jagd, in Musik gesetzt von C. M. von Weber und gesungen von 16 Männerstimmen. Mächtig wirkten Webers Vortrag seiner Sonate in <2-Dur, sein Phantasiespiel und die Körnerschen Lieder. Allein der Ertrag war sehr mäßig, er betrug nur 68 Gulden. Von Darmstadt begab sich Weber wiederum nach Gießen und gab dort am 5. Dezember ebenfalls ein Konzert. „Ward sehr erfreulich aufgenommen und unterhielt mich sehr gut", schreibt er darüber am 14. Mai 1818 an Lichtenstein. Max Maria von Weber (a. a. O. Bd. 2 S. 135) kommt etwas ausführlicher auf dieses Konzert zu sprechen: „Carolinens lieblicher Vortrag der Arie ans Figaro enthusiasmierte die alte!» Professoren und stellte selbst Webers Sonate in Schatten, bis beide junge Gatten durch gemeinschaftlich gesungene Lieder zu Guitarre und Piano den Jubel aufs höchste steigerten." Das Konzert trug dem Meister über hundert Gulden ein, und stets erinnerte er sich der liebenswürdigen Ani- versitätsstadt, wo Buchhändler Leher, Professor Snell, Sekretär Merk"), Geh. Rat Ebertt°) wetteiferten, ihm gefällig zu sein und wo liebenswürdige Leiterkeit zu wohnen schien." vchrickleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Ein für Webers Beziehungen zu Darrnstadt bedeutsames Ereignis war die Berufung Gokffried Webers als Generaladvokat am Kassationshof und Lofgerichtsadvokat nach Darmstadt im Jahre 1819. Nach der im Jahre 1817 eingetretenen Entfremdung scheinen beide Freunde 1822 wieder in das alte herzliche Verhältnis zueinander getreten zu sein. Dainals scheint Gottfried Weber zum ersten- mal von Darmstadt aus an seinen Freund nach Dresden geschrieben zu haben, denn in dessen schon erwähnter Antwort vom 22. Avril 1822 findet sich die Stelle: „Also mit meinem lieben Freund Loffmann wohnst Du zusammen? da möchte ich auch einmal wieder dabei fein; ist aber fo bald keine Aussicht dazu." Gottfried Weber wohnte seit feiner Aebersiedlung nach Darmstadt bis er ein eigenes Laus tn der Neckarstraße (6 203, jetzt Nr. 11) erwarb, in dem Laufe des Geh. Staatsrats August Lofmann in der Nheinstraße 39, wo der Tonmeister in den Jahren 1810 und 1811 viel verkehrt und 1817 gewohnt hatte. Die beiden Freunde blieben nun in enger Fühlung bis zum Tode des einen. Die Briefe, die sich in ununter, brochener Reihe vom 22. April 1822 bis zum 3. Februar 1826 fortfetzten, hat Gottfried Weber im Jahre 1828 im siebenten Bande der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Caecilia" (Mainz, B. Schott, S. 20—40) „möglichst vollständig und unverftümmelt" veröffentlicht. Sie sind, wie der Lerausgeber mit Recht sagt, „vorzüglich darum anziehend, weil sie unfern Weber nicht allein als Künstler, nicht als Menschen allein, fondern gerade recht in der Verfchmelzung beider Eigenfchasten in Ein liebens- und verehrens- wertes Ganze und fo erschauen lassen, wie er sich da auszusprechen liebte, wo er, einem vertrauten Bekannten gegenüber, sich ganz und gar gehen lassen konnte und, ohne irgend auf geordneten Briefstil zu denken, höchst zwanglos, nur eben auf eine oder ein paar Brieffeiten ein paar Zeilen, um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, chitckratzte^, bloß um sich dem Bekannten mitzuteilen, gleichviel mit welchen Worten"; und dabei dienen diese Briefe in hervorragendem Maße „als Sammlung von Daten zu der Lebensgeschichte und zugleich als Charakterschilderung,' gleichsam als Selbstporträtierung" des Schreibers. In einem Briese vorn 13. Mai 1822 heißt es: „Stelle Dir vor, daß meine Frau uns den Possen gespielt hat, unsre Rechnung zunichte zu machen; um vier Wochen zu früh niederzukommen, hat sie mir den 25. April einen gesunden Knaben glücklich geboren. Der Kerl heißt nach der Mutter Willen, Max, da denselben Abend meine Oper gegeben wurde. Wenn ich nun nur nicht auch fo dumm bin und früher sterbe wie Du. And mein Seel, das glaub ich fast sicher. Ich wollte mein Freischütz gefiel dem Großherzog fo recht aus dem Salze, und er griff sich 'mal ordentlich an." Der Freischütz würde am 4. August 1822 aus dem Darmstädter Lostheater zum erstenmal gegeben. Die Vorzüglichkeit der Aufführung, bei der Franz Wild den Max, Georg Steck (f 1858) den Kaspar, Auguste Krüger-Aschenbrenner die Agathe und Luise Franck (t 1851) das Aennchen fang, hatte der Meister erfahren, der am 8. November 1822 an Gottfried Weber schreibt: „Der Freischütz soll ja exttaordinär in Darmstadt gegeben werden. Schreibe mir doch, ob der Großherzog ihn gerne hat." Bis zum 29. September wurde das Werk zehnmal gegeben. Von den umliegenden Städten Mainz, Wiesbaden, Frankfurt, Offenbach, Afchaffenburg, Leidelberg strömten die Fremden herbei, um den Aufführungen beizuwohnen, und der Freifchütz trug nicht wenig dazu bet, den Ruf des jungen Darmstädter Theaters zu heben. Ende Februar 1824 übersandte Weber dem Lofkapellmeister Valentin Appold (geb. zu Mannheim 1793, gest. zu Darmstadt am 9. Juni 1825) die geschriebene Partitur der „Euryanthe". Das Titelblatt des ersten Bandes trägt von ihm den eigenhändigen Vermerk „Zur Darstellung aus dem Großherzoglichen Lostheater zu Darmstadt Carl Maria von Weber". Appold übergab dem Großherzog am 24. Februar die Sendung und führte in der beigefügten Anzeige aus, daß das Lonorar für den Komponisten 30, für die Dichterin 10 Karolin betrage, doch empfahl er dem Groß- Herzog, dem Komponisten ein Lonorar von 35 oder 40 Karolin zu geben. Dementsprechend ordnet Ludewig I. am 29. Februar die llebertoeifung von 40 Karolin (440 Gulden) an Weber und von 10 Karolin (110 Gulden) an Frau von Chözy an. Die eigenhändige Empfangsbescheinigung Webers vom 22. März 1824 befindet sich bei den Kabinettsrechnungen. Die Freigebigkeit des Groß- Herzogs erkannte Weber an, wie sein Briefwechsel mit Gottfried Weber ausweist, worin auch von der „Euryanthe" die Rede ist. Arn 19. März 1824 hatte er ihm geschrieben: „Das Buch der Euryanthe habe ich wohl selber gewählt; ich mache nichts nach bestellten Leisten. Wenn Du das Musikalische der Situation etc. nicht einsiehst, wer soll's denn tun?" Drei Tage später, den 22. März, ließ er diesem Briefe einen weitern folgen. Darin heißt es: „Nachdem ich den 19. früh an Dich geschrieben hatte, bekam ich nach Tische Deine Zeilen. Vorgestern durch Appold einen Wechsel auf 50 Karolin: 40 für mich, 10 für die Chczy. Euer kunstliebender Lerr ist wahrlich der einzige, der aus eigenem Antriebe noch wahre Muni- fizcnz zeigt." ’) Vermutlich der Lofgerichtsadvokat und Kriminalkasserechner Jakob Merk. ,0) Weber meint wahrscheinlich den Regierungsrat und Kammer- advokat Karl Elwert. (Schluß folgt.) Brüvl jchen Anio.-Vuch» und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.