Gießener Kmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang |926 Samstag, öen Dezember ~ ~ Nummer 99 Bor Weihnachten. Bon Karl Röttger. Rebel hängt um Straßenlichte! Wie ein Schleier. Leise singt Wohl ein Kinderstimmchen, singt Wie zum Fest schon ... Helle Lichi-r Scheinen, und viel Angesichter Staunen in die ausyebreit'ten Bunten Fensterherrlichkeiten Festlich glühn die vielen Lichter ... Dämmerung ist siiß und leise, Kinder stehn und schau'n — im Herzen Eine Wunder-Weihnachtsweise, Glanz der Fest- und Tannenkerzen Dos Domkmd. Von Nikolaus Schwarzkops. Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach 1. König Saul, der lange Kapellmeister des Domes, trieb sich, ach, io aern in den verwinkelten Gassen der Altstadt umher, wankte ey ihnen wie trunken vor Wonne im Bannkreis der ungeheuren re, starrte hinauf und versteckte sich, um ungestört lauschen zu können, und ließ seine Seele zu ihnen aufstreben gleich lebendig gewordenem, zierlichem Gerank. .. In allen Stimmungen belauschte er den Som; er sah ihn, wenn seine Seele traurig war und mlld vom Getös der Erde und mud von dem Jubel seiner Chorbuben; er sah ihn, wenn seine Seele frohlockte über das Getös dieser Erde und über den versprühenden Jubel seiner Chorbuben. Er sah Regenbogen aus den sechs Türmen emvorsteioen, sah einen Adler eine Taube erhaschen, sah Wasserströme von den schieferschwarzen Dächern schießen, als sei der Dom ein Gebirge für sich. Zwischen den zu schier ewigem Leben erweckten Steinen sah er die Sonne rauschen, daß die Giockenrander nachein- ander aufleuchteten, und immer Hub das Sing- imb Glockenspiel seines eigenen Herzens fröhlich zu lauten an! Helle Lolkchen schimmerten zwischen den Türmen und hinter den mächtigen Schaulöchern, Sterne flimmerten zwischen Kreuzblumen und ?ckvlschen winzigem, vielfach steinbewimpeltem Geturm, der Mond hockte un- entweai aut den verzackten Firsten, wo tagsüber die Tauben fro)- llch einher gingen. Und wahrlich: manchmal Wichte der Kapellmeister nickit aus noch ein mit dem Singspiel ferner Brust. Eines schönen Tages aber entdeckte er zwischen den steinernen Blumen da oben einen bläulichen Rauch, und der kam aus einem Schornsteinrohr, das windschief bei etlichen Fialen stand. Sogleich kiel der König Saul zum Küster Tippenkucker und erfuhr, was er ■ missen können: daß der Türmer stch vor kurzem ei!>e Frau hinaufgeholt habe in seine Einsamkeit! Und wie der Dom- n und stand eilt" er die dreihundert echsundneunzig Stukn desTiirLes hinan und sagte oben w e zur Entschuldigung: er wolle nur einmal nach seinem Heimatdorfchen schauen, da^ tief unteir hinter^ jenen WAdern liege, dort inmitten der weitgedehnten ssEäs a MS Stt &Ä“ ss. s« Türmen und es verging bald keine Woche, ohne daß er m ÄS Ä »SS8Ä.8. NON oben her ein leichter Schritt entgegen. Sogleich dachte er, das könne der Schritt des Christkindchens fein, und er bekam ein ffimflonfen denn es war ein alter Glaube, daß alljährlich < Vehriftfinb einen Sprung mache aus dem Himmelreich un- miUelbar auf die Kreuzblume des Ochsten Domturnws, mn als^nn die unendliche Treppe herabzueilen unter die Menschen, ^voa fiel aus dem verhaltenen Gepolter der Schotte eine sanfte Fragen stimme an der steinernen Treppenfpinde meder, und König SM., blieb im Lichte einer Luke stehen und lauschte. war, und alle schmunzelten. Und auch sie waren sogleich hnfi her Weibnacktscboral ausfallen sollte, ov- „Das erste Geschenk/' sagte die Frau deutlich, „ist also ein Christbaum! Wie schön, wie schön!" ... ' Die Frau trug ein Kösferchen in der Hand, das schwarz über- zogen war, und der Kapellmeister riß die Augen auf und sprach: , Sind Sie vielleicht die . . . und ist alles gut gegangen? . " versetzte die Frau, und das Tageslicht fiel ihr ie Angesicht. König Saul konnte sich nicht halten, hinan, kehrte um und rief schallend laut: ch das Christkind, weise Frau! Aber so be- > auch mich, denn ich bin der Taufpate des und was ist's?" „Ei, ein Bub!' .v.,., prall ins lächelnde Anges , rannte etliche Stufen hinan, kehrte^ um „Dann sind Sie ja doch Christkind. . ■ glückwünschen Sie nun auch mich, denn ich bin der Taufpate des neuen Dombewohners!" . . , Und dann überhüpfte der lange Mann immer,ort zwei Stufen, umpackte mit der einen Hand ruckweise die Spindel und zog stchmi Flug empor, und die schwarze Soutanella flabbte auf seinen Knien. Der Türmer stand im hellen Glanz und streckte ihm beide Hande entgegen und zog ihn leise im Rundgang des Turmes hinter sich linÖ lißf "* S. f. CKrtv- Infi C121nitvtOY ffhflüPtl schehen war, und alle schmunzelten, und aua> ,ie waren damit einverstanden, daß der Weihnachtschoral ausfallen fol gleich er seit siebenhundert Jahren nur zwolfmal ausgefallen fei siebenmal, weil der Dom daniederlag, dreimal, weil man die Glocken zu Kanonen eiugeschmlozen, einmal, weit der Dom Stall der französischen Dragoner gewesen sei, und einmal, weil in der ganzen Stadt niemand mehr etwas geglaubt habe!). Und die Patenschaft, die der Bischof übernommen, müsse auch die Stadt übernehmen, das sei selbstverständlich! König Saul rannte zurück in den Dom; er träumte dabei in feiner Freude, und es wollte ihm ein bißchen stttsam vorkommen, bat- er den Knaben, der weit über den Hütten der Menschen geboren war, erlaucht und weltgeschichtlich also belastete und schier verpslich tete wie das Kindlein von Bethlehem. Der Türmer konnte sich nicht faffen Freude, sprach immerfort ben feinen Namen vor sich hm: Paulus Moguntius Niko,aus, um nur mit Mühe hielt ihn der König Saul davon ao, der jungen Mut - !,.».»»«“»•« mn,vergoldet so kam der Joseph des hochwürdigen Herrn Jnb bSe einen Ämit Wein und Kuchen. Und kaum war Joseph geganaeli so kamen zwei Stadthausdiener und brachten emei. no.,, schwerere.', Korb, der enthielt die erlesensten Weine, wie die Stadt fi. selber baut, und einen Brief des Bürgermeisters, den der totabi- hausdichter geschrieben hatte König Saul,las,'hii laut vor. Gleich hpm ersten Satz klingelte aus bem Schlafzimmer Das ,uverm Mtarsckellchen, das der Türmer irgendwo gefunden und ans Bett gestellt hatte. „Wer chit geschrieben? fragte die ^urmerin, und der Türmer erzählte alles, was geschehen war, und auch dec Könia Saul trat in die Tür, und alle freuten sich über die TOa6en. ' König Saul faßte kleine rotbäckige Aepfel an Adene ,,-aden m WWWS Ule,u uuu »eß ihn durch das Fenster ins Schlafzimmer schauen. Da lag das Kindlein in der Wiege, und die Wintersonne zeichnete den dick überringelten Kopf des Kapellmeisters auf das weiße Kis,en. Und weil die junge Mutter gerade schlief, nahm der junge Baier ben Freund mit in die Schlafstube hinein und reichte ihm fein Patenkind auf die Arme. In dem Herzen des langen Musikers erhob sich die Weihnachtskadenz seiner Kirche; er legte das Kmdlein wieder hin und trat heraus und starrte in die fetzenweis verschneite Landschaft jenseits der nicht minder verschneiten Sacher, und eme Wehmut überkam ihn: da er selber etnmal als Kmdlein eme alten Eltern weihnachtsmäßig beglückt hatte . und da er selber von derlei Geheimnissen nicht beglückt werden konnte! Er rieb sich die. hohe Stirn, und es kam ihm em seltsamer Ge- bante- er wollte einmal den Bischof bitten, aucy die Patenschaf, zu übernehmen und das feierliche Geläute heuer aiisfallen zu lassen! Und so rannte er herab und stürzte mit taugen Schritten >ns Bischosshaus, und der gnädige Herr, der seinen Musikantengenera, liebte, war sogleich mit allem einverstanden! Unb bann rannte der Kapellmeister auch ms Stadthaus, und da der Bürgermeister gerade in der Sitzung bei ixu .Raten mar, tieft er ihm ein Briefchen hinschieden. Das mußte sehr luftig ge wesen fein, denn der Bürgermeister schmunzelte immerzu trommelte mit dem Bleistift und sagte schließlich zu den Raten, was ge - 394 Mark, der Jndustriekönig tausend Mark! Gar nicht aufzuzählen ist, was der König Saul olles verstauen muhte! Hinter der Bretterwand lag die Wöchnerin und immer klingelte das Ministrantenglöcklcin, wenn jemand gegangen war, und die Männer schütteten wahllos ihre Freude der Kindesmutter ins übsrfreudige Herz, und ihre Wangen röteten sich hellauf. Wie wenn der König Saul hätte dämpfen wollen, sagte er dies: „O, ihr alle," sagte er, „die ihr am Weihnachtsabend so gerne wohltätig seid und euch rühren laßt von dem göttlichen Kindlein, um das ihr euch das ganze Jahr nicht mehr kümmert — müsset doch, daß der zerfallene Stall jener Fluren Bethlehems nunmehr in den Straßen eurer Städte steht und immer weiter zerfällt, wenn ihr nicht, den Hirten gleich, kommt mit euren Gaben! Und wisset weiter, daß jede gute Tat in den zerfallenen Ställen eurer Herzen ein .Kindlein gebiert, eine göttliche Freude, die euer vom Geld verödetes Leben glückhaft überstrahlt!" Wahrlich: es gab kein Haus, wo nicht des Domkindes gedacht wurde gleich dem Jesuskind, und an den Straßenecken blieben die Leute stehen und richteten dis Blicke nach dem höchsten Damturm. Mancher tat feine Börse auf und schenkte mehr, als er sonsthin schenkt, und es darf gesagt sein, daß das Domkind an diesem heiligen Abend alle Menschen dieser Stadt in etwas besser machte! Um sechs Uhr läuteten die Glocken aller Kirchen, nur die des Domes schwiegen. „Wie zart von unserm König Saul!" sagte die Wöchnerin zu ihrem Mann, „aber ich habe mich eigentlich auf das Geläute gefreut, und mein Söhnchen hat sich auch gefreut! Doch heute haben wir ja Freude genug!" König Sunt stand draußen an der steinernen Brüstung und starrte in die Landschaft und hörte das Gswogs der vielen fernen Glocken, hörte sicher auch das ländlich rotbäckige Gebimmel seiner Heimat und freute sich. Als er dann herunterstieg vom Turm, saß auf der untersten Treppenstufe der Küster Tippenkucker und rauchte sein Pfeifchen, das er draußen im Dom nicht rauchen durste. „Gloriaengel," sagte der König Saul, „Gloriaengel, Ihr habt heute lang auf mich warten müssen!" „Ich hab denkt: ’s ist Christabend heut, da schmauch ich ein Pfeifchen mehr, und es kommt gewiß nicht drauf an!" „Wart Ihr schon oben, Tippenkucker?" „Ich oben? Was soll ich oben tun? Ich gehöre unten hin!" „Doch, geht einmal hinauf: ein allerliebstes Kindlein, sag ich Ihnen!" „He? Was sagen Sie, ein Kind? Wer hat ein Kind?" „Die Türme rin hat doch heut ein Söhnchen bekommen!" Tippenkucker steckte die erkaltete Pfeife in die Rocktasche, zog den Schlüssel, dem Kapellmeister aufzuschließen^und sprach im Tonfall des Bischofs: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, aus dessen Schultern Herrschaft ruht! . . . Aber was geht das dem Gloriaeugel an?" 2. Um die Mitternachtsstunde wird alljährlich im Dom dis Christmette gefeiert, und obgleich nur mit einem dünnen Glöcklein geläutet wurde, war doch der Dom zum Bersten voll von Menschen. Hinter dem von hundert Kerzen mnlcuchteten Hochaltar schmetterte der Domchor unter des Königs Saul Leitung dis Weihnachtsantiphon: Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, auf dessen Schultern Herrschaft ruht! Und die hellen Stimmen der Knaben erhoben sich über die Bahakkorde der Männer wie Raketen aus der Nacht und schossen an den Gewölben hin, als wollten sie die Gewölbe zerbrechen, um hinaufzuschweben in die Turmstuben, wohin ein Stück des Wunders von Bethlehem eingskehrt war. Der Bischof schritt feierlicher als sonst inmitten der jungen Kleriker dem Altäre zu und trug den Glanz feines Brokates in den Glanz der Kerzen, dis Domherren gingen gesammelter als sonst hinter ihm drein, und auf eines jeden Antlitz lag ein besonderer Glanz. Und als sie an der Krippe vorüberkamen, die zwischen den mächtigen Vierungs- pfeilcrn unter Fichten und Stroh errichtet war, sah ein jeder einmal in die von einer roten Ampel belichtete Szene, und ein feder sah statt des gipsernen Kindleins ein lebendiges Kindlein strampeln. Einer der Domherren aber strahlte wirklich Licht aus Augen und Stirn. Die alten deutschen Weihnachtslieder — ein viertel Tauchen höher gesungen, als die Orgel das wünschte — strahlten Licht; aus den Worten des Predi-zers strahlte Licht, die Alumnen des Priesterseminars strahlten Licht aus Gebärden und Gebeten, und die kleinen Meßdiener glichen wirklichen Engeln. Wenn sie Weihrauch auf die Holzkohlen des Rauchfasses schöpften, nahmen sie das goldene Löffel- chen übermäßig voll und schöpften viermal oder gar fünfmal, damit der Qualm gewaltig aufsteigen sollte durch die Löcher der Glockenfeile bis hinauf zu dem kleinen Gespielen. Wenn sie die silbernen Schellen schwangen, mutzte der Arm alle Kraft hergeben damit das Kindlein im Turm auch etwas Habs! Und wer nach der Mette aus dem Dom fortging, blieb stehen und sah nach der Türmerwohnung, und die kalte Nacht umglitzerte mit all ihren Sternen den seltsamen Stall. Gleich am ersten Feiertag wurde das Kind getauft, und der Bischof ließ sich vom Türmer zu einem Glase Wein einladeu und ging durchs Türchen, und der etwas dicke Bürgermeister, der das Glaubensbekenntnis gut gebetet hatte schritt mit wippenden Schultern hinterdrein. Am folgenden Tag, am zweiten Feiertag, kamen nacheinander die sieben Domherren, und ein ieder besah sich das Kindlein und schenkte ihm etwas und legte unsichtbar aus der Fülle feiner Weisheit noch einen besonderen Wunsch dem Kindlein hin, und jeder ging wieder und trag jein Herz die unendliche Treppe hinab und betrachtete es nachdenklich und verklärt. Und am vierten Weihnachtstag kamen die getreuen Diener, die Küster aller Kirchen, die Balgtreter und ihre Frauen, die Putzweiber und ihre Kinder. „Das ist bestimmt die Josephsgarde, die angerückt kommt!" sagte die Wöchnerin. Und dann füllten sich sogleich die beiden großen Stuben und die Frauen kamen ins Schlafzimmer, und zwei oder drei Männer trieben sich im scharfen Winde des Rundgangs umher. Die Frauen fangen „Stille Nacht, heilige Nacht", die Kinder fielen ein, und die Männer zögerten nicht lange, so daß dieses wonnige Lied bestimmt unten in der Stadt gehört werden konnte. Während man sang, trugen die Frauen die kleine Wiege, die der Türmer aus geweihten Hölzern zurechtgezimmert, heraus in die Wohnstube und stellten alle Blumen rundum auf, daß es eine Art hatte. Dann nahmen sie ihre Kinder zur Seite und knieten nieder und falteten die Hände, und als das Lied zu Ende war, fingen sie nochmals von vorne an. Joseph Güldenpenning, der beim Generalvikar diente, zog ein hölzernes Schäfchen, das mit Watts flockig bekleidet war, aus der Tasche, sagte mitten ins Lied hinein: er sei ehedem Schäfer gewesen, und stellte das Tierchen auf seine Streichholzbeinchen in die schon angewelkten Nägel eines Fliederstraußes, der auf der Bettdecke lag. Das Schäfchen starrte zum Kindlsin hin, als habe es zeitlebens nichts anderes zu tun gehabt. Ein vorwitziger Knabe erhob seine Stimme und sprach: „Nun ist aber kein Ochs da und kein Esel!" Und sogleich platzten etliche Weiber mit einem hellen Lachen heraus, zerstörten das Lied vollends, denn Güldenpenning und Tippenkucker sollten Ochs und Esel sein! Tippenkucker, der Küster, aber stellte sich seitab gegen die Tür, die in den Rundgang führt, zog sein Pfeifchen aus der Tasche und stopfte es behaglich. Und wenn nicht dis ganze Schar auf einmal gegen ihn losgsgangen wäre, so hätte der Gloriaengsl wahrhaftig in der Krippe zu Bethlehem ein Pfeifchen geraucht! Und dann ging der Gloriaengel, und Männlein und Weiblein folgten ihm,»und die vielen Kinder schlüpften treppab an ihnen vorüber und waren doch zuerst unten. Die Türme rin aber ließ die Fenster aufreitzen, und die kalte Luft blies wild in alle Ecken. Wenn der Türmer sagte: „Unser Kind träumt unter Rosen, Flieder und Palmen", so entgegnete die Türmerin: „Rosen und Flieder entstammen dem warmen Treibhaus und beginnen schon zu welken, und das Pälmchen ist erst recht nicht an unser Klima hier oben gewöhnt und wird auch nicht mehr lange leben!" Und dann setzte sie hinzu: „Wenn unser Kind aber leben soll, so müssen wir näher an die Erde und unter die Menschen!" In der Tat, als die Wöchnerin-wieder ausstand, um ihren häuslichen Pflichten nachzugehen, waren die Blumen gänzlich abgestorben, und von aller Pracht lebten nur noch das Pälmchen, das in einer Blumenscherbe stak, nicht viel größer als eine Kindesfaust. Eigentlich waren es drei Pälmchen, deren Stämmchen eng aneinander'aufgewachsen waren und eine einzige schwunghaft ausgebreitete Krons ergaben. Cs stand überm Bettchen des kleinen Paulus, und fast bewegte der leise Atem seine zierlickzen Blättchen. Die kleinen Fensterscheiben waren mit dicken Eisblumen überdeckt, wie mit erstarrten Palmblättern; vor der Tür hingen Eiszapfen so groß und so dick wie ein Gassenbub. und wenn Frau Strohschniiter ein freies Plätzchen ins Eis der Scheiben hauchte, sah sie Brüstung und Rnndgang gänzlich zugeweht von Schnee. Der Domdekan hatte bei der Hochzeit gesagt: „Ihr könnt eure Flitterwochen da oben verbringen, über ein Weilchen, bis der Winter wieder kommt, werdet ihr durch elektrische Maschinen ersetzt sein!" Aber nun waren die Flitterwochen zu Flittermonaten geworden, und es ging in die Flitterjahre, und noch bestand keine Aussicht, herunterzukommen aus der himmlischen Einöde! (Fortsetzung folgt.) Der Nerme Weihnachten. Von Professor Dr. Alfred Götze, Gießen. Bon den drei großen Festen der Christenheit trägt im Deutschen nur eines einen Namen rein christlichen Ursprungs, das ist P f i n g st en. Der fünfzigste Tag nach Ostern, an dem es gefeiert wird, Hot im neutestamentlick)en Griechisch den Namen geliefert, den schon Ulfila als paintekuste in seine gotische Bibel übernehmen konnte. Die Goten haben das Wort mit Kirche und Pfaffe in den Donaulandschaften den Deutschen weitergegeben, wie der Anlaut unseres Worts Pfingsten zeigt, schon vor den Tagen der hochdeutschen Lautverschiebung, wenn es zufällig auch erst weit später in unseren Quellen erscheint. So gilt für dieses Fest bei uns und allen Germanen ein rein christlicher Name Dagegen hat Ostern, bevor es zum Namen der christiichev Pasjahfeier wurde, ein heidnisches Fest der Westgermanen bezeichnat. In unserm Namen des Osterfestes lebte die Göttin fort, die am bekanntesten unter ihrer lateinischen Benennung A u r o r a ist und deren Name sich mit ind. ufrä, „Morgenröte , deckt. Die altgep- manische Austrü ist aber keine Göttin der Morgenröte getucjfli, vielmehr war sie zur Lichtgöttin des Frühlings geworden. Ihr Fest wurde in der Zeit der wachsenden Tage begangen, etwa gleich- - 395 — zellig mit dem biblischen Passah: so konnte auf dieses der uralt I heidnische Name übergehen. Richt so klar liegt der vorchristlici»« Ursprung in den Namen unseres Weihnachtsfestes zutage. In den Namen, denn Weihnachten ist nicht der einzige Name des Festes. Zwar was an abweichenden Benennungen heute und seit langem an den Gestaden der Nordsee gilt, englisch ch r i st m a s, holländisch k e r s m i s und kersfeest, früher auch k e r s d a ch, weiter östlich k e r s n a ch t, trägt im ersten Bestandteil den Namen Christi und ist schon darum jungen, christlichen Ursprungs. Das gleiche gilt von Christtag, der in unserer oberhessischen Mundart, aber auch in Thüringen, Lothringen, Luxemburg und Westfalen ursprünglich bodenständigen Benennung des Festes, die erst neuerdings von dem Schriftwort Weihnachten zurückgedrängt wird. Neben diesen verhältnismäßig jungen Namen herrscht im östlichen Niederdeutschland der älteste von allen: Jul. Er greift mit der Gewalt eines Urworts in völlig gleicher Gestalt über nach Dänemark, Schweden, Norwegen, England und Island, überall ist er von ehrwürdigstem Alter. Im Gotischen hat er der winterlichen Jahreszeit den Namen jiuiels geliehen, im alten Norden bezeichnet ylir die Zeit der winterlichen Schneestürme. Ans dem Urnordischen haben in vorgeschichtlicher Zeit die Finnländer ihr Wort j u h l a „Feier, Fest" und die Mehrzahl s o u l u „Weihnachten" entliehen, durch sie ist s u o v l a „Weihnachten" ins Lappländische gelangt. Diese Entlehnung, vollzogen lange Jahrhunderte vor der Bekehrung dieser nordischen Stamme zum Christentum, beweist, daß die Germanen em vorchristliches mehrtägiges Mittwinterfest gefeiert haben. Wem die Feier galt, zeigt ihr ältester englischer Name m <5 d r a n i h t „Mutternacht , durch öas Zeugnis des ehrwürdigen Beda im 8. Jahrhundert ausdrücklich auf die Zeit der christlichen Weihnacht festgelegt. Die Mütter, nach denen es heißt, find heidnische Gottheiten, deren Verehrung namentlich am Niederrhein reich bezeugt ist: über 400 Steine aus der römischen Kaiserzeit, den Matronen gewidmet, haben sich bis heute erhalten. Sie gelten als erneuernde Spenderinnen alles Lebens: an sie richtet man Gelübde und Gebete um neue Fruchtbarkeit, wenn das alte Leben der Natur erloschen und abgestorben schemt^Ms Fruchtbarkeitsfest entschleiert sich uns damit die altgermamse-e .,'iitt- Die Umprägung eines vorchristlichen Festes wird bestätigt burd) unser Wort Weihnachten, obgleich dieses ursprünglich mir hochdeutsch und nicht vor 1170 bezeugt ist. Damals liefert der «pruch- dichter S p e r v o g e l den für uns ältesten Beleg: Er ist gewaltic unde starc, der zu wihen naht geborn wart, daz ist der heilige Krist, ;ä lobt in allez dazdir ist, niwan der tievel eine: dur sinen grszen übermuot io wart ime diu Helle ze teile. Ze wihen naht — das alte Zeugnis zeigt in vollkommener Durchsichtigkeit, wie das Wort zustande gekommen 'st: vor den Dativ naht tritt, abhängig von J e, das Adiektw w i h. Dies ist ein Wort vorchristlichen Alters und einst weit verbreitet, mit <>t. v.ctima, Ovkertier", verwandt und demgemäß von altheidnifcher Opfer- Handlung weithin gebraucht. Erhalten hat es fid).nur spurweise: es aibt südbayerifche Mundarten, in denen der Gründonnerstag dar baige pfinztag heißt, und in bayerisch-österreichischen Orts- nanren, wie Weihenstephan oder Weihenzell, tut das alte deutsch Wort die qlcidjen Dienste wie anderwärts das Fremdwort in St. Blasien oder St. Moritz, oder die jüngere Bildung heilig.in H^- -ligeubera, -blut, -dämm, -kreuz usw. Denn heilig als angelsacysisch- fränkischer Ausdruck hat das altoberdeuische^w i h zuruckgedrangt und dieses nur spurweise in den christlichen Sprachgebrauch übergehen lassen. Damit aber ist der Name der Weihnacht ipracygeschichtlich vereinzelt worden, ein Vchickjal, das er mit den Namen der alten Götter, aber nud) mit Wörtern wie Deilcind oder Fronleichnam teilt Zum Träger eines kirchlichen Gefühlswerts ist er darum nur um" so besser geeignet mit dem Klang feierlicher, unverstandener 'Itt$onUi)ödi?tem Alter ist auck) der zweite Wortteil., Die Zeitrechnung nach Nächten statt nach Tagen nennen Casar wie Tacitus a s eine ihnen auffallende Eigentümlichkeit der alten Germanen. Mehrer- Reste dieser Zählweise leben im Englischen fort, bei uns ist, uon landschaftlichen Ueberbleibseln abgesehen, nur noch Fastnacht vergleichbar. Der Weihnacht mußte zugute kommen, daß Ke Geburt Christi, wie sie Lukas im zweiten Kapitel erzählt gleichfalls in der Nacht spielt. Früh hat sich dann sedes Gefühl für den Wider- spruch verloren, der darin liegt, daß man den Tag des28. Dezem- bers oder die ganze Festzeit Weihnacht nennt. Da Nacht hier .einen Wortsinn verloren hatte, wurde er nötigenfalls durch Ergänzung neu gewonnen: Wihnade z' nahds heißt es bezeichnend genug in sothringifcher Mundart. Aber nur in der Bestimmung der Tageszeit gab das Reue Testament der christlichen Vorstellung feste Grundlagen. Im übrigen bleibt Christi Geburtstag völlig unbestimmt: die Bibel nennt ihn nicht und gibt auch keine Anhaltspunkte, ihn zu erschließen. D e Stimmung der ersten Christenheit ging überhaupt nicht dahin, Werktage aus Christi Leben zu begehen. Die älteste Kirche kannte nur ein iähriidies Fest, das Paffcih. Die Kirche des Ostens feierte den 8. Januar, der zugleich Fest der Erscheinung und Christi Tmistag war, als Christfest. Die armenische Kirche hat diesen uralteii Brauch bis heute beibehalten, in Rom reicht er dis ins Jahr 353. Am 25. Dezember 354 hat dann als erster Papst Liberins Weihnachten mu< gefeiert: gegen die klimatische Wahrscheinlichkeit, denn es ist nicht anzunehmen, daß auf den Bergen des allen Judäa Hirten mit ihren Herden die Wintsrnackst im Freien verbringen konnten. Das germanische Julfest kann die Wahl des Tages nicht bestimmt haben, weil sie in den kirchlichen Kreisen der Mittelmeerländer vollzogen wurde. Für diese aber waren astronomische Gründe maßgebend: mit Christi Geburt nimmt der Tag zu, die Nacht (des Unglaubens) ab. Es ist der Geburtstag des Unbesiegten, des Sonnengottes Mithras, auf Christus umgedeutet unter Berufung auf prophetische Stellen des Alten Testaments. Entsprechend wurde die Geburt Johannis des Täufers auf den Tag der sommerlichen Sonnenwende, den 24. Juni, gelegt, unter Umdeutung des Johanneswortes: „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen." Im Zug solcher Sinnbildlichkeit liegt cs, das Jahr nut dem 25. Dezember beginnen zu lassen, und in der Tat hat durch das ganze deutsche Mittelalter dieser sogenannte W e i h n a ch t s a n f a n g geaalten. Mittelalterliche Urkunden, die zwischen dem 25. und 31. Dezember ausgestellt sind, müssen wir nack) unserer Zählweise stets um ein Jahr zurücksetzen. Daß Papst Leo III. Karl den Großen am Weihnachtstag des Jahres 800 zum Kaiser krönte sollte eine Neujahrshandlung sein. Wenn man die Zeit nach Jahren Christi zählte, wollte man eben ckuch Christi ersten Erdentag zum Ausgangspunkt der aesamten Zeitrechnung nehmen. Im 16. Jahrhundert hat sich bann nach altrömischem Muster der erste Januar als Jahresanfang durchgesetzt. Die Kalenden des Januars erscheinen als Oktave des Christtags. Acht Tage nach Christi Geburt fanden nach Lukas 2, 21 Beschneidung und Namengebung statt, die Zeit dazwischen wird durch wichtige Heiligentage zur Festwoche, die von bürgerlichen Leistungen frei bleibt, der Familie und einem besinnlichen Abschluß des Jahres gewidmet. Im Mittelalter beging man im bürgerlichen Leben das Fest vier Tage lang, ein Rest davon hat sich im alemannischen Schwarzwald gehalten, wo man z. B. m Bonndors sur Weihnachten heute noch den Namen Vi er fest hoion kann. Noch weiter, bis zum 6. Januar, reichte die kirchliche Festzeit: so erfüllte sid) die Frist der heiligen zwölf Nächte Auf Uebertragung altrömischen Reusahrsglliubens beruht die Bedeutung der Weihuachtsiage für das Wetter. Sie sind Lostage für das ganze kommend« Jahr, von ihnen geht die bekannteNVetter regel aus: „Grüne Weihnachten, weiße Ostern . die, nach ihrer weiten Verbreitung in deutschen Mundarten zu schließen, uralt sein muß. Der Gedanke, daß sid) aus dem Wetter der Weihnachtstage das des kommenden Jahres bestimmen lasse, wird weitergefuhrt in dem -4 udj. s E Weihnachten feucht und naß. gibt's leere Speicher und leere Faß: -ns günstige gewendet, findet sich der Gedanke im preu^en Sam. land: „Lichte Wine, düstre Sdstine", immer.aber geht der wch s, vom Weihnachtswetter auf das anderer Jahreszeiten, me um- gekehrt. Schlafittchen. Bon Manfred K y b e r»). Bevor ich sage, wer Schlafittchen war, mutz ick) erst etwas von der Gletschersrau erzählen. Die Gletscherfrau wohnte hoch o^'i m hen Bergen auf einem Gletscher und war ganz aus Eis. Nur aus tirnir hatte sie ein bißchen Schnee, da, wo andere Leute die Haare haben. Das Eonnte nicht anders sein, denn sonst hatte sie nicht immer oben auf dem Gletscher leben können. Die Gletscherfrau war sehr alt und sehr dick und groß, denn jedes Jahr fror sie etwas daz ;mb !o war sie allmählich sehr umfangreich geworden. Dazu atz sie auch ieden Tag Kräutereis, das sie ganz vorzüglich zu bereiter-verstand. Sie konnte das !o schön machen, daß sie Köchin bei der EisEomgin geworden war, und das will gewiß viel heißen, denn die Eiskvmgin. die tief unten im blauen Gletschereis lebte, hatte eine.Krone au, bem &rm und war eine sehr anspruchsvolle Person. Es ist vielleicht nicht S richtig ^m7ich sage daß die Gletschersrau Köchin bei der E.S- königin war, aber wie soll man das anders sagen. Kochen tat f nntih-firh nicht richtig denn heiße Sachen konnten diese falten Leute nur n