Gießener jamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, -en ((. September Rümmer 75 Septsmbermvrgen. Von Eduard M ö ri k e. Im Nebel ruhet noch die Welt, Noch träumen Wald und Wiesen: Bald siehst du, wenn der Schleier fällt, Den blauen Himmel unverstelli. Herbstkräftig die gedämpfte Welt In warmem Golds fließen. Ein Abschied. Von Alexander v. G l e i ch e n - R u ß w u r m. Mia Rheden war eine Frau, deren Schönheit den allerjüngsten Herren am besten gefiel, weil sie nicht muhten, wie schön sie vor zwanzig Jahren getvesen. Mit Recht stellte sie auch als vielbegehrte und vielverehrte Witwe eines einflußreichen Mannes die Ansprüche einer verwöhnten Frau an die Gesellschaft. Sie stand, wie man sagt, in den besten Jahren, und es mögen in Wirklichkeit ihre besten gewesen stein, das heißt jene, in denen sich ihre Eigenart zur Vollreife entfaltet. Uns allen ist von der Natur ein bestimmtes Alter gegeben, in das wir hineinwachsen und aus dem wir uns nur ungern oft mit namenloser Wehmut entfernen, denn jedes Menschenleben, das reichste wie das ärmste, hat Zeiten, in denen es sich am glücklichsten vielleicht am selbstverständlichsten fühlt. Stark, wenn auch unklar, empfand Mia Rheden diestn Gedanken, als sie von einem Besuch heimkehrend, ihre kleine behagliche Wohnung betrat. Man hätte die schlanke, geschmeidige Frau wirklich für jung halten können, feingefesselt waren die Füße, anmutig die Bewegungen und verführerisch leuchtete unter dem schwarzen Schleier der glühende Blick. Nur das Kinn zeigte leisen Ansatz, doppelt zu werden und gehorchte damit dem Zwang der Jahre. Als sie Mantel und Muff ablegte, hätte sie am liebsten ein Liedchen geträllert — so vergnügt fühlte sie sich, wenn nicht die feierliche Gestalt des alten Kammerdieners ihr den Druck der Form auferlegt hätte. Mia glaubte eine Schlacht gewonnen zu haben, denn es war lhr gelungen, der Idee eines Freundes zum Erfolg zu verhelfen, eines Freundes, der ihrem Herzen sehr nahe stand. Wenzel Berg, ein entfernter Vetter ihres verstorbenen Mannes, war nach dem Krieg in die Industrie gegangen und suchte sich jetzt aus Grund einer Erfindung, die er allein praktisch nicht verwerten konnte, mit einer finanzstarken Gruppe in Verbindung zu setzen. Das hatte Mia erfolgreich vermittelt und sie erwartete ihn jetzt zu einer Tasse Tee. Ohne in den Spiegel zu sehen, ging sie m den oalon. Johann schüttelte den Kopf. Seine Dame mußte »erhebt sein. , Nur die Liebe geht über die Eitelkeit", brummte er vor sich hm. Er dachte in Gemeinpläi',en und fand die Sachlage als Mann aus dem Volke für „die gnädige Frau" reichlich verspätet. Mia entnahm ihrer Tasche einige Geschäftsbriefe und legte sie rasch auf den Schreibtisch, dann trat sie ins Schlafzimmer, sich um- 3U36ie roor wirklich schön. Wie sie dastand in der Herrlichkeit ihrer kaum verhüllten Reize — umflossen vom Licht der rosa geblendeten Lampen, den Fuß auf den Schemel gestellt, die Bänder der Schuhe zu binden, sah sie verführerisch jung aus, jung und glücklich. Heute war sie es auch. Freude ruhte in ihrem Herzen und prägte sich in dem Lächeln aus. Ihre Bewegungen waren frei und rasch, vor ihr lag eine frohe, entscheidende Stunde. In ihren Ohren klang sein Wort, sobald die Angelegenheit mit der Erfindung in gute Wege geleitet sei, könne er heiraten, und aus ihren Augen strahlte der Blick zurück, mit dem er sie bei diesen Worten sehnsuchtsvoll angeblickt. So treu und lieb. Sie konnte den Bllck nicht vergessen. Nun war das Geschäftliche geordnet. Er stand auf eigenen Fußen, nicht mehr auf die Mitgift einer Frau angewiesen, was der Selbständigkeit seiner Gesinnung widersprach. Wird er sprechen? Gleich, wenn er die Nachricht seines Erfolges erfährt? Wird er . . .? Sie warf ein leichtes, kostbar schillerndes Gewand über, unter dem die Schönheit ihres reifen Körpers den Reiz der Knospe erhielt. Ob er wird ... Wo ist der Mann, dessen Lebenskunst ein Gespräch vermeidet, in dem eine geschickte Frau die bestimmende Frage ihres Lebens gestellt haben will. Mia sah entzückend aus, als sie in den Salon zurückkehrre, wo Wenzel sie seit einigen Minuten erwartete. Das bereitgestellte Teezeug blinkte in silberner Selbstverständlichkeit, und sie begann mit ihren schmalen zarten Händen den Tee zu machen. Bald kam durch ihr anmutiges Plaudern ein Geist der Gemütlichkeit ins Zimmer, stark genug, selbst dem Schüchternsten und Schweigsamsten die Zunge zu lösen. Ein leichter Rosenduft, der Rauch einer guten Zigarette, die zart sicheren Bewegungen der schönen Frau, das trauliche Flüstern des Samovars — dies alles war fo recht dazu angetan, einem frischen und gesunden Sinn jenen Wunsch zu erwecken, dessen Erfüllung die Rätsel des Lebens zu lösen scheint und doch nur ein neues Rätsel an des anderen Stelle rückt. Wenzel fühlte sich in der Nähe seiner Freundin von allen Schönheiten des Daseins umsponnen, folgte schier träumerisch ihren anmutigen Reden, sah sie bewundernd an und nahm mit einem dankbaren Blick die duftende Tasse aus ihrer Hand. „Aus dieser Hand möchte ich mein Glück entgegennehmen", meinte er leichthin und sagte dann mit ernsterer Betonung: „wer fein Schicksal von Ihnen empfängt, hat sicher Glück." Leise zitterten ihre Finger. Er merkte es nicht. „Das sagen Sie mit einem Lächeln, mein Freund, als wäre es ein beliebiges, nichtssagendes Kompliment, trotzdem . . ." Die schöne Frau unterbrach sich, ließ einen warmen Blick über ihn gleiten, stand auf, nahm die Briefe vom Schreibtisch und hielt sie hin mit unverhohlener Freude. „. . . trotzdem ich Ihr wirkliches Schicksal in meinen Händen halte. Nehmen Sie die Papiere und lesen Sie die Sache mit Verstand." Dies klung kühl und vorüberlegt, aber mit Innigkeit setzte sie hinzu, als er die Briefe erstaunt an sich nahm. „Ich hatte mir schon lange in den Kopf gesetzt, daß Sie die große Neuigkeit in meinem Heim erfahren." Dann betrachtete sie mit gespannter Aufmerksamkeit seine Züge, sah, wie gierig seine Augen die frohe Nachricht tranken, wie leise, mühsam verhaltene Bewegung durch die kräftig starke' Gestalt zuckte und hörte kaum vor lauter Schauer, daß er mit tiefer Enpfindung, beinahe tonlos vor sich hingesprochen, sagte: „Und Ihnen danke ich das." Ausruhend, lässig, lehnte sie sich in der großen, bequemen Ber- göre zurück. Sie genoß die Freude, ihm diese Ueberraschvng bereitet zu haben und träumte in eilender Gedankenfolge, welche Glückmöglichkeiten sich an diesen Anfang knüpfen können. „Mein sehnlichster Wunsch ist endlich erfüllt. Sie ahnen noch nicht, wie verpflichtet ich mich Ihnen fühle." Er nahm ihre Hand und küßte sie mit Andacht. „Da denken wir Männer, Wissen und Arbeit führen allein zum Ziel." Sie lächelte. „Wissen und Arbeit ermöglichen unsere Hilfe. Wenn wir geschickt Verbindungen knüpfen, mutz doch etwas da sein, wa» man verbinden kann. Ihnen stehen arbeitsreiche, und ich hoffe erfolgreiche Jahre bevor." Sie entzog ihm langsam die Hand und steckte sich eine Zigarette an, um die aufkeimende Bewegung zu verbergen. Er sah aus, als ob er etwas ganz Besonderes auf dem Herzen habe und nur das richtige Wort noch nicht formen könne. Sie wartete zurückgelehnt in seliger Unbefangenheit. Das Paradies hat eine kleine enge Tür mit einem Schlüsselloch, das gerade so groß wie unfer Augapfel ist. In Augenblicken froher Erwartung werfen wir einen Blick durch dieses Schlüsselloch. Geht unser Wunsch in Erfüllung, dann öffnet sich eine Spalte der Tür und wir fühlen einen Abglanz der himmlischen Seligkeit. Das nennt man den Himmel auf Erden. Mia blies den Rauch ihrer Zigarette m einer kleinen Wolke vor sich her. Es bildete sich ein Ring und sie schaute ihm sinnend nach, als könne man durch ihn das Paradies erblicken. Der Ring verlor sich in der Luft. Wenzel aber suchte vergebens nach Worten. Ein Mann, der fein Leben lang auf sich selbst angewiesen war, viel Bekannte und wenig Freunde hat, ist des Anvertrauens ungewohnt. Wo er fühlt, fällt ihm das Sprechen schwer. In diesem Augenblick fiel ihm in Mias Wesen etwas Besonderes auf und es durchzuckte ihn unwillkürlich ein Argwohn, ob sie nicht ... er r«er- sckeuchte den Gedanken. Aber wieder fuhr ihm die Frage durch den Sinn, warum sie sich für den entfernten Vetter so viel Mühe gegeben? Duster Zweifel machte ihn verlegen, und sein Gespräch tastete ins Ungewisse. ... , Das gab der- schönen Frau desto größere Stcherhett, sie ermutigte ihn, von sich selbst zu erzählen, fragte nach Beziehungen aus der 290 Vergangenheit und leitete die Konversation geschickt zu den Wünschen der Zukunft. Merkwürdig war cs nur, daß Wenzel so oft als möglich auf eine gemeinsame Nichte, Emmi Hoheneck, zu sprechen kam. Leise stieg eine Angst in Mias Herzen auf, machte den Ton trockener und warf über die Sicherheit ein schnürendes Netz. Legten sich die Perlen zu fest um ihren Hals? Eifrig spielten die Finger mit der kostbaren Schnur. Sic behagliche Stimmung der Teestunde war fortgeweht. Beide Menschen, die sich allfeinander gefreut hatten, so oft sie sich in der Gesellschaft sahen, verstanden sich plötzlich nicht mehr. Im Gespräch entstand eine peinliche Pause. Das Kochen des Wassers im Snmovar, das Ticken der Uhr, das Hämmern des eigenen Blutes in den Schläfen, alles sagte ihr mit unerbittlichem Rhythmus: er liebt dich nicht ... er liebt dich nicht . . . dich nicht ... Wenzel war viel jünger als die Frau vor ihm. Er hatte stets zu ihr aufgeschaut und sie stand ihm zu hoch, als daß er ihrer begehrend gedachte. In Liebe war er immer nur für ganz junge Mädchen entbrannt. Jetzt störte ihn ihr seltsamer Blick und flößte ihm Unruhe ein. „Wenzel, Sie lieben Emmi." Mias Stimme klang anders als sonst. Ein kostbares Venezianer Kelchglas, das einen kleinen, fast unsichtbaren Sprung bekommen, klingt nicht mehr wie früher. „Ja, von Herzen." Er sah auf und hatte trotz des erlösten freudigen Tons in seiner Antwort ein unbehagliches Gefühl. . „Und wollen Sie heiraten." Er hatte feine Sicherheit wieder gewonnen und bejahte ohne Verlegenheit: „Dank Ihnen." Das Gespräch begann ihr auf die Nerven zu gehen, sie litt unter seinem Glück und sah hilfesuchend nach der Uhr auf dem Kamin. Dann plauderte sie rasch ein wenig abgebrochen von Emmi, und Wenzel glaubte, einen Anflug von Bitterkeit aus ihren Redewendungen zu hören. Er stutzte, er verstand und sein Blick drückte forschendes Erstaunen aus. Da wurde ihr klar, welch ein Unterschied zwischen ihnen klaffte und sie erhob sich rasch. „Verzeihen Sie, aber ich muß mich umkleiden, freunde erwarten mich." Er stand auf und beugte sich über ihre Hand. „Werden Sie glücklich, Wenzel!" Kaum konnte sie die innere Bewegung verbergen. — „Sie waren inimer so gut für mich," begann er, „mütterlich, möchte ich sagen. Verzeihen Sie, wenn mir eine Dummheit herausgefahren ist." Das war wieder der offene Ausdruck, der treue Blick ihres" Wenzel, der für immer verloren war und ihre eigene stolze Zuversicht mit sich sortnahm. Bittere Wehmut schlich in ihr Gemüt. Mütterlich hatte er gesagt ---— und sie war doch nur . . . zehn Jahre älter als er. Sie sah ihn schmerzvoll an, als wolle sie jeden seiner Züge sich fest ein- pragen und reichte ihm noch einmal zum Abschied die Hand. „Sie haben nichts Dummes gesagt, lieber Freund. Werden Sie glücklich und gehen Sie." Er ging--selig, stolz im Gefühl der Aussichten, die sich ihm eröffneten und nahm sich vor, an Emmis Seite in treuer Dankbarkeit der Freundin zu gedenken. Daß in dem behaglichen Salon, eingedrückt in die Kissen der Vergöre eine schöne Frau ihr Batisttllchlein an die Augen preßte und bitterlich weinend von der eigenen Jugend Abschied nahm ... das wußte er nicht . . . Lautlos räumte der Kammerdiener das Teegeschirr ab, das in silberner Selbstverständlichkeit blinkte. Er kannte'die Welt und verstand, was vorgegangen war. Wsltenraum?1rah!en? Von Rolf Braun. (Nachdruck verboten.) mf. Aus Amerika kommt die Nachricht, daß es gelungen sei die Herkunft einer bisher noch unbekannten Strahlenart wissenschaftlich zu ermitteln und ihre Eigenarten genau festzustellen. Die Entdeckung stammt von Dr. R. A. Millikan, dem Direktor des Norman Bridge Phystklaboratoriums, der bereits als Nobelpreisträger für Atomforschung, insbesondere für die Gewichtsfeststellung des Elektrons bekannt geworden ist. Ueber die neuen Strahlen, ihre Entdeckung und Erforschung berichtet Dr Millikan in der amerikanischen Zeitschrift „Scientific American . Bereits im Jahre 1903 bemerkten die amerikanischen Physiker Rutherford und Mc Lenuan, daß ein geladenes Clektroskop, das vollständig in einem dicken Eisen- oder Bleimantel eingeschlossen war, in kurzer Zeit einen großen Teil seiner Ladung verlor. Man sand dafür nur eine einzige Erklärung, nämlich die, daß es Strahlen geben müsse, die den starken Metallmantel durchdringen können und die das Clektroskop umgebende Luft ionisieren, d. h. leitend machen. Eine selbsttätige Entladung eines Clektroskops kann nämlich nur dann stattfinden, wenn die Luft die Elektrizität ableitet, also selbst leitend gemacht ist. Zu diesem Zweck eignen sich alle kürzeren Strahlen mit Wellenlängen, die unterhalb der Lichtwellenlängen liegen, also ultraviolette Strahlen, Röntgenstrahlen und die Gammastrahlen, die beim Zerfall von Radium austreten. Je kürzer die Wellen sind, um so lebhafter geht die Entladung des Clektroskops vor sich, und um so schneller fallen seine Goldblättchen zusammen. Die Zähigkeit ultravioletter Strahlen, die Lust leitend zu machen wurde übrigens schon von Professor Karl Zickler an der technischen Hochschule in Brunn im Jahre 1898 zur Telegraphie mit unsicht- boren Strahlen benutzt. Er lieh ultraviolettes, also nicht sichtbares Licht auf eine Kugelfunkenstrecke fallen, bei der der Kugelabstand so groß war, daß für gewöhnlich keine Funken übersprangen; bei der Bestrahlung im Zeitmaß der Morsezeichen trat dann jedesmal ein lebhafter Funkenwechsel auf. Die große Durchdringungsfähigkeit der Röntgenstrahlen ist bekannt; besonders die von ganz kurzer Wellenlänge, die harten Strahlen, vermögen selbst dickere Metallschichten zu durchleuchten; man benutzt sie bereits zur Werkstoffprüfung, insbesondere zur Feststellung von Fehlern im Gefüge von Guß- und Wakzmetallen. Da diese Strahlen bei andauernder Einwirkung schwere Gesundheitsstörungen verursachen, so schützen sich die damit Arbeitenden mit dicken Blei- platten. Die gleiche Vorsicht ist auch beim Radium am Platze, da die davon ständig ausgehenden Strahlen ein noch größeres Durchdringungsvermögen haben. Immerhin genügen Bleiplatten von einigen Zentimetern Stärke zur völligen Abschirmung. Man erwartete daher, daß ein auf diese Weise geschütztes Elektroskop seine Ladung längere Zeit beibehalten müsse. Da dies nicht der Fall mar, so suchte man nach dem Vorhandensein und dem Ursprung von vermutlich noch kürzeren und durchdringenderen Strahlen, die entweder aus dem Erdinnern oder aus dem Weltenraum kommen mußten. In den Jahren 1910 bis 1914 wurden von deutscher und schweizerischer Seite Versuche mit Freiballons gemacht, und man brachte Elektrofkope bis zu Hohen von 9 Kilometer. Dabei zeigte es sich, daß die Stärke der Strahlung zunächst bis zu 1S00 Meter Höhe etwas abnahm, dann aber beträchtlich anftieg, um bei 9000 Meter etwa den achtfachen Betrag gegenüber dem auf der Erdoberfläche zu erreichen. Daraus folgerte man, daß die Strahlen aus dem Weltenraum stammten, und daß sie bei gleicher Zunahme der Stärke in den höheren Schichten an der Grenze der Atmosphäre rund vierzigmal so stark sein müßten wie auf der Erde. Diese Versuche wurden durch Dr. Millikan und seine Mitarbeiter nach dem Kriege weiter fortgesetzt; Millikan konnte seine Versuchsballone bis zu Höhen von 15,5 Kilometer steigen lassen. Auch er sand die beträchtliche Vermehrung der Strahlung mit steigender Höhe; sie nahm aber nicht in dem vorhergesagten Maße zu, sondern betrug bei der größten erreichten Höhe nur etwa l der erwarteten Stärke. Daraus kann der Schluß gezogen werden, daß die Strahlen, wenn sie von außen kommen, in den oberen, dünneren Luftschichten weniger stark verzehrt werden als in den tieferen Schichten. Der amerikanische Forscher stellte dann noch Versuche auf der 4292 Meter hohen Spitze des Pikes Peak an, wohin er 300 Pfund Blei und einen würfelförmigen Wasserbehälter von etwa 1 Meter 80 Kantenlänge mitführte, die zur Abschirmung für das Clektroskop dienten. Obwohl die Strahlung dort etwa doppelt so stark war wie in der Ebene, bestanden die Strahlen im wesentlichen nur aus sogenannten weichen Strahlen, die sich wenig von den Gammastrahlen des Radiums unterscheiden. Da man auf diesem Wege zu keinen weiteren Ergebnissen kam, wurde die Durchdringungsfähigkeit der Strahlen im Wasser untersucht. Hierzu wurde ein gekapseltes Clektroskop in den etwa 3600 Meter hoch gelegenen Muirsee versenkt, der nur wenig unterhalb des höchsten Berges der Vereinigten Staaten, des Mount Whitney — 4419 Meter —, liegt, und der ständig von einer Eis- und Schneeschicht bedeckt ist. Cs zeigte sich, daß die Strahlung bis zu einer Tiefe von 15 Meter ständig abnahm, um von da ab einen gleich- bleibenden Wert beizubehalten. Die Rechnung ergab, daß die Strahlen, wenn sie aus dem Weltenraum tarnen, erst die über dem See- fpiegel liegende Luftschicht und dann das Wasser durchdringen mußten, wobei die Abschirmsähigkeit der Luft etwa gleich der Dicke einer Wasferschicht von 7 Meter gesetzt werden konnte, so daß, umgerechnet auf Wasser allein, die von außen kommenden Strahlen durch eine Wassersäule von 22 Meter vollständig verschluckt werden. Hieraus folgerte der Forscher, daß die Grenze bei tiefer gelegenen Seen schon bei einer geringeren Wassertiefe liegen müsse, weil dann schon ein größerer Teil von ihnen in dem mehr durcheilten Luftraum verschluckt werde. Diese Schlußfolgerung wurde bei anschließenden Versuchen im Arrowheadsee glänzend bestätigt; dieser See liegt etwa 1680 Meter hoch; der Höhenunterschied würde, was die Verschluckfähigkeit anbelangt, einer Wasserdicke von etwa 1,80 Meter entsprechen. Die Versuche ergaben tatsächlich, daß die Grenze für die Entladung des Cletroskops um rund 1,80 Meter niedriger lag als bei dem hochgelegenen See, nämlich etwa bei 13 Meter 20 Eintauchtiefe. Die auf Grund der Untersuchungen und Rechnungen ermittelten Wellenlängen und Schwingungszahlen der neuen Strahlen sind im Vergleich zu den bisher bekannten Strahlen ganz außerordentlich bemerkenswert. Millikan fand, daß 25 Milliarden Wellen aneinandergereiht erst die Länge eines Millimeters füllen. Die Schwingungs- zahlen dieser Wellen sind ungefähr 50mal größer als die der härtesten Gammastrahlen, lOOOmal größer als die der mittleren Röntgenstrahlen und sogar 10 Millionen mal größer als die Schwin- gungszahlen des sichtbaren Lichts. Durch diese Entdeckung ist unsere Erkenntnis über die Strahlen und Wellen wesentlich erweitert worden. Bisher kannte man, ausgehend von den längsten praktisch benutzten Wellen der drahtlosen Telegraphie von 25 000 Meter bis herunter zu den kürzesten Gammastrahlen einen Bereich, der 53 Oktaven entspricht. Durch die neue Entdeckung ist dieser Bereich wesentlich nach unten erweitert worden. Ob die Strahlen wirklich aus dem Weltenraum stammen, darüber ist - 291 — man sich noch im Zweifel. Da ihre Stärke jedoch zu allen Tagesstunden gleich groh ist, so vermutet man, daß sie nicht etwa von der Sonne ausgehen. Vielleicht sind in ihnen auch die Erklärungen für bisher in ihrer Ursache noch unbekannte Erscheinungen, wie die Nordlichter, die Brechung drahtloser Wellen an höheren Schichten usw., SommerKirmesse. Flämische Novelle von Felix Timmermans. Aus der Novellensammlung „Das Licht in der Laterne", erschienen im Insel-Verlag, Leipzig. So ist sie nun eine alte Jungfer geworden mit verschrumpeltem, spitzem Mund. Die Haut hart und glänzend über den Backenknochen, die kleine Stirn in Runzeln gekämmt wie Notenlinien, und das Fleisch am Halse schlapp und lappig; aber um das zu verbergen, trägt sie ein schwarzes Sammetbändchen um den Hals. Sie sieht sich im Spiegel und schließt die Augen. Zu denken, daß sie einst eine zarte, blühende Schönheit war, mit mütterlichen Anlagen und warmem Verlangen! Sie seufzt. Es wird ihr weh ums Herz. Sie will die Gedanken von der Vergangenheit ablenken, indem sie hinausfleht durch das offene Fenster. Aber aus allen Dingen, die sie schaut, kriechen die Erinnerungen hervor. Dort liegt das weiße Dorf mit feinen roten Dächern in dem ruhigen Schoß der Kornfelder und Tannenwälder. Auf dem spitzen Turm hängt schlapp eine neue Landesfahne. Die Hitze zittert über des blonden Wegen, und das Insektengesumm ist wie das schwellende Rauschen der weihen Hitze. Aus der Ferne, ganz weit hinter den Fichtenwäldern her, kommt schon lange das gellende Pfeifen des herannahenden Kleinbahnzuges. Er wird das lustige Volk aus der Umgegend heranbringen, um die heißen Tanzzelte bis zum Bersten damit zu füllen. Daran hatte sie sich nie beteiligt. Sie war die Tochter eines Notars, und ihr Stand erlaubte das nicht. Aber immer freute sie sich, wenn die Kirmes nahte. Dann herrschte schon tagelang vorher in dem weißen Herrenhaus ein fröhliches Durcheinander. Das Silber, das alte Familienfilber, das sie einmal mitbekommen sollte bei ihrer Heirat, wurde dann blank und rein geputzt. In einem würdigen Kochbuch suchte sie mit ihrer würdigen Mutter nach den feinsten und wohlschmeckendsten Gerichten. In der Stadt ließ sie ein neues Sommerkleid machen; neue Lieder wurden auf dem Spinett emgeübt, und der gemütliche Vater holte schon den besten Wein herauf, der sonst nur getrunken wurde, wenn er mit seinem Freund, dem Arzt, das Wild verspeiste, das sie zusammen auf der Jagd geschossen hatten . . . Und an all den vergangenen Sommerkirmessen, die sie mitgemacht hatte, sah sie, wie ihr Leben langsam im Erlöschen begriffen war. Als sie noch ein Kind war und mit der Nase gerade an die Tischplatte reichte, da entzückten sie nur die Torten und der reiche Glanz der Tafel. Sie wurde größer und kam ins Pensionat. Die Kirmes war immer in den Ferien, und nun galt ihre größte Aufmerksamkeit den geladenen Verwandten und Bekannten, unter denen feine, höfliche Jünglinge waren, die sie durch ihre Liebenswürdigkeit an die Bücher von Walter Scott erinnerten, die sie so gern las. Oh, der Empfang der Festgäste am Postwagen! Dann das auserlesene Mahl, die jugendlichen Gespräche und die Lieder; ein Spaziergang durchs Dorf, zwischen den Kräppelbuden und den geräuschvollen Tanzzelten, und dann abends chinesische Lampions im Garten, unter denen man tanzte beim Geklimper des Spinetts; das alles machte immer das Herz schneller klopfen, und es war so beseligend schwül. Aber wenn bann die Gäste abgezogen waren, und sie wieder allein dastand, da war es, als würden die Saiten einer schönen Geige durchschnitten. Das, wonach sie verlangt hakte, was sie versucht hatte, in den Augen der Jünglinge zu lesen, war nicht geschehen. Sie biß auf ihr Taschentuch und blickte traurig zu den Sternen hinauf. Und wenn sie dann auf ihrem Stübchen war, sah sie eine Zeit- lang den Liebespaaren nach, die durch die warmen Kornpfade landeinwärts strebten. Sie seufzte, löste ihr Haar, und mit einem noch tieferen Seufzer hing sie das neue schöne Sommerkleid unbefriedigt über eine Sessellehne und blieb lange wach liegen in dem breiten Bett. Bis zu ihrem dreißigsten Jahre ließ sie sich hoffnungsvoll ein Kirmeskleid machen, aber jedesmal hing sie es am Abend wieder seufzend über die gleiche Sessellehne. Die Mutier starb. Viele Freundinnen waren verheiratet, und einige hatten schon Kinder. Nun war sie, die früher froh war und scheu in schöner Erwartung, laut und geziert geworden. Aber wenn sie selber fühlte, wie aufdringlich sie war, dann zog sie sich zurück und wollte Teilnahme erwecken, indem sie sich krank stellte. Sie wollte nicht ins Bett und sie fand es nun wieder quälend, daß die Gäste sie ins Bett schicken wollten. Trotzig setzte sie sich allein in den Garten, und als sie abends die Reste der Festtafel sah, im Lichte der fast heruntergebrannten Kerzen, da fand sie die Kirmesse dumm und langweilig. In ihren neuen Sommerkleidern war keine Hoffnung mehr. Als sie gegen vierzig war, saß kein einziger Junggeselle mehr an der hergebrachten Festtafel. Sie waren alle verheiratet, hatten ihre Frauen mitgebracht, und die Gespräch» drehten sich nun um ruhigere Dinge: um Haushalt, Kinderkrankheiten, Jagd und Politik. Man bummelte nicht mehr wie früher durchs Dorf. Nur die Kinder brachten nun Lärm und Fröhlichkeit und spielten mit Ball und Reifen auf dem kurzgeschorenen Rasen vor dem Haus. Der Notar wurde krank. Sein Leben fing an zu erlöschen. Verwandte starben. Die Neffen und Nichten, die nun groh geworden waren, saßen verliebt am Tisch, und mit neidischem Blick sah sie ihrem lustigen Treiben zu. Sie mußte nun versuchen, Witwer und Witwen zu trösten, aber es ging nicht. Sie erhob sich öfters, um in der Küche nachzusehen und der Magd eine gleichgültige Rüge zu erteilen. Ihr Leben war anders geworden. Es gab kein neues Kirmeskleid mehr, sie hatte so viele im Schrank zu hängen, und die Zeiten waren teuer. , . Ihr Gesicht welkte, und es war ein belehrender Ton in ihre Gespräche gekommen. , Sie zeigte viel Aufopferung für ihren kranken, zittrigen Vater, und sie war froh, wenn die Leute abends fort waren. Sie liebte Stille und Friedsamkeit. Der Vater starb, und da kam eine wehmutsvolle Ruhe über sie. Aeltere Familienmitglieder sagten ab; Nichten und Neffen kamen nicht mehr zu ihrer allzu lehrhaften Tante. Sie waren verheiratet und verlebten den Sommer im Ausland oder an der See. Die Kirmestafel schrumpfte zusammen, wurde kleiner und kleiner bis jui einem runden Tischchen, an dem sie nun sah mit dem Herrn Pastor und dem Arzt. Man sprach über gute Werke und über die Sünden, die mit der Kirmes verbunden sind. Aber auch der Pastor starb, und der Arzt wurde unheilbar krank. Und nun ist heute zum erstenmal kein Fest gewesen. Sie sitzt allein und hat mit zitternden Händen ihr geschlagenes Ei mit Bouillon und ein Butterschnittchen genossen. Sie schnupft, und die langen, dünnen Finger streicheln wie ein dickes, faules Hündchen ihren Schatz. Sie ist allein mit einer jungen Magd in dem großen weihen Notarhause, mit feinen weißen Gardinen und den roten Pelargonien vor den Fenstern . t Voll Wehmut betrachtet sie die alten, glanzenden Möbel und das Silber in den Glasschränken, das sie mitbekommen hätte bei der Hochzeit. „Jetzt gehöri's mir auch", tröstet sie sich seufzend. Sie sieht öie Empire-Uhr, die ihr Leben eingetickt hat, die noch immer tickt und nach ihrem Tode weiter ticken wird. , Sie zählt eine Weile das Tick-Tack und denkt, „jebes Tick nimmt ein Stückchen von meinem Leben weg." Wen wird nach ihrem Tode das Tick-Tack begleiten? Eine Uhr ist ihr etwas Geheimnisvolles, vor dem man Angst bekommt, wenn man es lange betrachtet. , „ „ Auf einmal fängt in der heißen Stille in einem Tanzzelt Musik an zu röcheln, und eine Helle Trompete schmettert luftig drüber hm. Sie lauscht, und eine Träne läuft ihr über die ausgetrockneten, mehl- weißen Wangen. . „ , ,, „Dies ist vielleicht meine letzte Sommerklrmes , feust sie gebrochen. Und sie starrt in die große Wohnstube, wo früher die lange Festtafel prangte. Es ist als ob da Schatten stehen, die sie früher gesehen hat. Sie schaudert. Draußen ist die Welt rein narrisch vor lauter Sonnenschein, und eine träge Glocke ruft brummend zur Abendandacht. Bkut und (Elfen. Von Max C y th. sFvrtfeyung.) zu lassen. Als sein Kopf wieder aus dem Eimer herauskam, sah er erfrischt und vergnügt aus und sagte: „Wo ist das Backschisch, 0 Baschmahandi?" Ich hatte ein neues englisches Pfund schon seit einer Viertelstunde nervös zwischen den Fingern hin und her gedreht und steckte es jetzt in den Lehm, der seine Hand umgab. Gut! sehr gut!" rief das entzückte Publikum. „Mir auch — mir auch! Wo ist unser Backschisch?" . „morgen bekommt ihr euer Teil, wenn ihr eMierdient und euch Allah den Sieg verliehen hat", ließ ich durch Abu-Sa verkündigen. „Morgen — Jnschallah — morgen!" riefen sie alle wie ein Theaterchor. „Er ist gut, unser Baschmahandi, er wird uns em großes Backschisch geben." Und dann begann eifriges Beraten, was mit dem großen Backschisch zu machen sei, und lustiges Geplauder, wie das von Kindern um die Weihnachtszeit, wahrend tm nächsten trockenen Graben die Vorbereitungen für das äußerst einfache Mittagsmahl der Gesellschaft getroffen wurden. Bridledrum, O'Donald, meine zwei deutschen Freunde und ich maßen nun mit vereinten Kräften die gepflügten Flächen, Bridledrum in gereizter Stimmung, aus der er sich gelegentlich aufraffte, um O'Donald die Ursachen auseinanderzufetzen, die heute seinen Apparat verhindert hatten, das zu leisten, was er unzweifelhaft sonst überall leistete. Bei der Multiplikation von Länge und Breite der Feldstücke machte er zweimal den Versuch eines ausgleichenden Rechnungsfehlers, aber in diesem Punkte war das rechnerische Gewissen O'Donalds unerbittlich, während Beinhaus dem Agenten über die zuckenden Schnurrbartspitzen einen seiner blutdürstigen Blicke zuwarf, der ihn völlig aus der Fassung brachte. Ueber die Pflugtiese wurde wie gewöhnlich heftig gestritten; schließlich schien doch das Ergebnis festzustehen: Fowlers Apparat hatte in der Stunde 8350 Quadrat- Nieter 30 Zentimeter tief, Howards 3800 Quadratmeter 22 Zentimeter tief gepflügt. „Theorie!" rief Bridledrum verächtlich, als beim dritten Versuch das Multiplizieren keine besseren Früchte tragen wollte, klappte sein Notizbuch zu und rief nach seinem Wagen. Meine Einladung zum Frühstück lehnte er mit finsterer Höflichkeit ab. Die drei andern waren klüger. In einer halben Stunde lagen mir in meinen dunkeln kühlen Zimmern auf den Diwans herum, mischten eiskaltes Nilwasser mit Ungarwein und ließen Deutschland, England und Aegypten, Halim Pascha, Fowler und selbst Bridledrum hochleben. Ein harter Morgen war vorüber. Nachspiele. Drei Tuge später hatte der jüngste meiner Heizer auf Grund seines Backschischs geheiratet. Achmed lief bereits wieder ohne Lehmüberzug umher und zeigte mir täglich die Fortschritte, die seine neue Haut machte. Er war nicht so vergnügt, als man hätte erwarten sollen, nachdem ihm Halim Pascha, dem ich fein heißes Heldenstückchen in warmen Worten geschildert hatte, ein aufmunterndes Lächeln und die unerhörte Summe von fünf Pfund zugeworfen hatte. Der Grund seines Leides mitten im Glück war Liebeskummer. Auch er wollte heiraten, ober, um genauer zu fein, er wollte, da er bereits verheiratet war, feinen kleinen Harim verdoppeln, wozu er in feiner Lage als hochangesehener Dampfpflugmafchinenwärter und Kapitalist mit einem Vermögen von über siebenhundert türkischen Piastern vollauf berechtigt war. Aber er konnte mit feinem zweiten künftigen Schwiegervater nicht handelseinig werden. Denn obgleich dessen Stellung als allgemeiner, wenig brauchbarer Handlanger und als Belastungsgewicht auf dem Balancepflug eine nur untergeordnete war, machte er doch als Familienvater und Besitzer einer niedlichen Tochter unerschwingliche Ansprüche. Er verlangte von Achmed für die Ehre, fein Schwiegersohn zu werden, nicht nur fünfhundert Piaster in barem Geld, sondern auch einen großen wertvollen Esel, welchen beide kannten und den fein derzeitiger Besitzer im benachbarten Dorfe Damanur nicht unter sechshundert Piaster ziehen lassen wollte. Dies Überstieg Achmeds Kräfte, und so ging er trotz seiner vielbeneideten Lage mit düsterer Miene umher und beklagte sich plötzlich unnötig viel über feine verbrannten Hände, obgleich sie bereits wieder dienstfähig waren. Dies bezeugte sein künftiger Schwiegervater seinerseits laut klagend, denn Achmed habe ihn beim Bflugwenden von der Maschine herunter absichtlich ein großes Stück Kohle an den Kopf geworfen. So ist es auch unter Fellachin manchmal schwerer, sein Glück als das Unglück zu tragen. Ich war eben im Begriff, mit Hilfe des Dragomans Mu-Sa die Geschichte des erwähnten Kohlenklumpens mit den heftig erregten Nächstbeteiligten des näheren zu erörtern, oder richtiger gesagt, mehr und mehr zu verwickeln, als Freund Beinhaus über das Feld geritten kam und mir schon aus der Ferne ein großes Stück Papier entgegenschwenkte. „Haben Sie das schon genossen?" fragte er mit der Miene tiefen Ernstes, als ob es gälte, fein Jahrhundert in die Schranken zu fordern. Sein mächtiger Schnurrbart war länger und stand wütender gen Himmel als je. „Sie können pflügen, bis Sie schwarz werden", fuhr er fort. „Ernten werden andre. Das ist nun einmal unsre deutsche Art. Lesen Sie!" Er warf meine Zeitung zu: die neueste Nummer des englischen Klatschblättchens, das feit einigen Monaten in Alexandrien erschien, der „Egyptian Times". „Hier ist es zu hell und zu heiß; gehen mir heim", sagte ich und überließ den fchwarzbraunen Familienzwist nicht ungern seiner eignen weiteren Entwicklung. Auf dem Heimweg war Beinhaus kaum zu bewegen, den Mund zu öffnen. „Lesen Sie!" war alles, was er mir zuwarf. Er blieb stumm wie ein Vulkan vor dem Ausbruch. Ein Wagen stand vor feinem Haus; auch hier waren Besuche angenommen, von denen Beinhaus nichts wußte. Ms wir in das Dunkel meines Empfangszimmers traten, fanden wir Ö'Donald auf dem Diwan sitzend, eine Flasche meines Ungarweins vor sich — die meisten meiner Freunde wußten, wo die Flaschen standen — und weit ausgebreitet auf dem Tisch ein zweites Exemplar der „Egyptian Times". „Haben Sie das schon gesehen?" rief er überströmend vor Vergnügen mir entgegen. „Kapitaler Stil; vielleicht etwas gefärbt, aber nicht ungeschickt! Lesen Sie! Ich bin expreß heruntergefahren, um Ihnen eine Freude zu machen." „Rur hübsch langsam!" ermahnte ich, und sorgte dafür, daß Beinhaus und ich auch noch etwas von O'Donalds Flasche bekamen. Dann las ich: „Der berühmte Howardsche Dampfpflug hatte gestern auf den Gütern Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Halim Pascha feine vortrefflichen Leistungen einem gewählten Publikum vorzuführen. Der Prinz leitete die außerordentlich interessanten Versuche selbst, indem er dem Vertreter der Howardschen Fabrik seine Wünsche persönlich mitteitte, die dieser selbstverständlich in jeder Hinsicht zu erfüllen wußte. Gleichzeitig wurde auch ein Fowlerscher Apparat gezeigt, was das Interesse der Prüfung erhöhte, indem hierdurch dis Vorteile des Howardschen Pflugs noch deutlicher hervortraten. Nachdem auf Befehl Seiner Königlichen Hoheit die Arbeiten für beendet erklärt worden waren, ergab sich, daß der Howardsche Pflug in ungefähr einer Stunde 8350, der Fowlersche 3800 Quadratmeter Land, respektive 30 und 22 Zentimeter tief aufgebochen hatte. Cs erscheint sicher, nach dem Eindruck, den alle Anwesenden mit nach Hause nahmen, daß durch die geplante Einführung der Howardschen Dampfpfluge und mit Heranziehung der hohen Intelligenz des Ver- treters jener weltberühmten Fabrik eine neue Aera für die viel- tausendjahrige Landwirtschaft Aegyptens anbrechen wird. Namentlich durfte Seme Königliche Hoheit der Vizekönig keinen Augenblick langer Zögern, sich dieser erstaunlichen Erfindung der neuesten Zeit zu bemächtigen, um den Fortschritt und die Zivilisation des Landes der Pharaonen einem niegeahnten Aufschwung triumphierend ent- gegenzufuhren. ... Nu» kochte es auch in mir. Das gehörte denn doch zum stärksten türkischen ^abak, den ich bis jetzt im Orient zu rauchen gezwungen wurde. Doch wollte ich nicht gleich zu dampfen anfangen. „Schade, daß die Zahlen verdruckt sind!" sagte ich, nachdenklich das Blatt zerreißend. „Sie sind übrigens richtig! nur versetzt. Das übrige kann jedes Kamel von sich geben." „Auch verdauen?" fragte Beinhaus. „So genau kenne ich Kamele noch nicht", erwiderte ich, wurde aber immer nachdenklicher. Ö'Donald, der jedes Erlebnis, das die Einförmigkeit feines Kontorlebens zu unterbrechen versprach, mit Jubel begrüßte, selbst auf die Gefahr hin, ein Bein oder das Bein eines guten rzreundes zu brechen, beobachtete mich mit aufmuntern- bem Lachen. Beinhaus finster und ungeduldig, nach seiner Art. .-i-J/5 e? Vridledrunis Stil?" fragte ich Ö'Donald, auf die Papier- deutend, die am Boden lagen. „Sie kennen das Englisch Ihrer Landsleute. ä ' ’ ,, "A"??gl>ch zu sagen", entgegnete mein irischer Freund. „Der alte Jackson, der Redakteur, ist jeder Spitzbüberei fähig; aber umsonst begeht er keine. Das spricht für Bridledrum." „Vor allen Dingen müssen Sie herausfinden, wer den Artikel geschrieben hat , meinte Beinhaus entschlossen. „Oder bezahlt", warf Ö'Donald ein. „Oder bezahlt", gab Beinhaus zu. „Und dann — ,4Inb dann?" fragte der Engländer strahlend. „Natürlich —" . . Sem irisches Blut geriet sichtlich in Wallung. Beinhaus gab feinem Schnurrbart eine Drehung nach oben, die mehr sagte als die bluttgsten Worte. Ich nickte. , „Denn sehen Sie, meinte Ö'Donald, ohne daß es nötig schien, em weiteres Wort zu verlieren, „in diesem Lande hat man keine andern Mitteln. Verklagen? Bei wem und weshalb? Wer will Jackson hindern, zu drucken, was Bridledrum gelogen hat. Gchen Sie zum englischen Konsul, so lacht er Sie aus, gehen Sie zum preußischen, so schickt er Sie zum Oesterreicher, kommen Sie zu dem so sagt er: .Machen S' mir kane G'schichten!" und schickt Sie nach Hause. Ja, wenn Bridledrum und Jackson ein paar Fellachin wären, ließe sich etwas ausrichten, oder wenn Sie das Glück hätten, ein waschechter Engländer zu sein, was Sie beinahe verdienen." Beinhaus richtete sich auf wie ein Löwe, der brüllen will Der letzte Satz des heiteren Iren hatte di« Ehre feines Vaterlandes berührt. Ich legte besänftigend meine Hand auf feine Schulter Man mußte Ö'Donald verstehen: der beste Mensch der Wett; aber was ihm m den Kopf kam, das haspelte er heraus, ohne Ansehen der Person. „Selbst ist der Mann!" rief Beinhaus auf deutsch mit wuchtigem Pathos und schien einiges Schillersche beifügen zu wollen. „Das vertrackte Kauderwelsch!" unterbrach ihn unser Freund ärgerlich, suchte aber gleichzeitig mit ihm anzustoßen. „Sprechen Sie wenigstens eine Sprache, die vernünftige Wesen wie Eyth und ich gleichzeitig verstehen können. Er fängt ja bereits an, einzusehen, was allein zu tun Übrigbleibt. Unangenehm; aber Donnerwetter, 3750 Quadratmeter in der Stunde, das kann er auf sich und Fowler nicht sitzen lassen." Er hat wahrhaftig recht! sagte ich mir im stillen, im weiteren Verlauf des Gesprächs, nicht ohne leise Skrupel. Mahnende Erinnerungen stiegen in mir auf, mit denen ich über Land und Meer hätte wandern müssen, um ihre Heimat zu finden. Dazu war keine Zeit. Selbst ist der Mann. Vor allem aber war ich's meinen alten Freunden, den Fowlers, schuldig, sie nicht in dieser Weise um Ruf und Recht betrügen zu lassen. Es mußte etwas geschehen. Schließlich, über der zweiten Flasche Ungarwein, kamen wir zu einem Entschluß. Ich wollte am nächsten Tage im Hotel Shepheard zu Mittag essen und konnte mich Bridledrum gegenübersetzen lassen. Beim Nachtisch durfte ich nur die „Aegyptische Times" herausziehen — wir hatten ja noch ein unzerrissenes Exemplar — und das Ehrenwort von ihm verlangen, daß er nichts mit dem infamen Artikel zu tun gehabt habe. Das Weitere mußte sich dann wohl zeigen. Als mich meine Gäste verließen, war Ö'Donald glückselig in der Hoffnung, daß morgen etwas passieren werde. Beinhaus spielte in finsterer Entschlossenheit mit den Spitzen seines Schnurrbartes. Sie fetzten sich trotzdem brüderlich im Wagen des Engländers zusammen; dis Zeit war zu aufregend, um kleine Temperamentsunterschiede beachten zu können. Der Esel, auf dem Beinhaus gekommen war, wurde hinten an die Droschke angebunden, was ihm nicht gefiel, bis er wenigstens seinen eignen Eselstreiber tragen durfte. Dann erst erfolgte der Aufbruch ohne weitere Schwierigkeiten. (Fortsetzung folgt.) Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druckend Verlag der Brühl'schen cklniv.-Bvch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehen.