Gießener Kmilienblatter Unterhaltungsbeilage zum (Siebener Anzeiger Jahrgang 1926 "" Dienstag,-rn 11. Mai Nummer Z8 Furchen. Don Leo Sternberg. Dm: jeder Furche, dte dein Antlitz Pflügt, ttietf) ich die Not, die sie gefügt — O, das) wir uns zerstören, wenn wir uns tief gehören! Klebt nicht an allem Schweiß und Blut, was mir dein Herz zuliebe tut? — „Laß doch, es macht mir Freude! Vergeude mich, vergeude! And werden meine zarten Hande rauh und meine Wädchenzöpfe grau — Tod kann nicht davon kommen, da Liebe mirs genommen." Am Herdfeuer der Posada. Von E. v. An gern-Stern berg. :n tragen auf kastilischem m auch nicht unsere traute Wie in den Märchen aller Länder, so begegnen wir auch in den spanischen Märchen Königen, Prinzen und verwünschten Prinzessinnen, Hexen und Zauberern, bösen Schwiegermüttern und lachen über den dummen Teufel, der sich vom schlauen Bauern überlisten läßt. Es sind dieselben Gestalten, die unsere Kindheit grüßten die uns allen bekannt sind und die wir liebgewonnen haben. Alle diese Könige und Prinzen tragen auf kastilischem Boden ein fremdes Gewand und sprechen auch nicht unsere traute Heimatsprache, aber wir freuen uns doch, wenn wir ihnen oe» aegnen und sie in ihrem Zauberreich besuchen dürfen. Das Land der spanischen Märchen liegt in der Einsamkeit der Berge, versteckt am Wegrande stiller Gehöfte. . Maultiertreiber ziehen über die Landstraße dahin. DieDunkel- heit dämmert aus dem Täte hinauf, webt graue Schleier, vermengt sich mit dem Staube, kriecht die Hügel entlang, verwscht die bunten Farben am Himmel und bildet dann ein schwarzes Zelt, durch das nur die Sterne herunterblinken können. Die Maultiere schnaufen und die Treiber schreiten müde dahin. Alle Amrisse sind undeutlich geworben. Die Wolken, die von den hohen Bergen herunterschweben, verdecken mit Rlesenschatten das Licht der Sterne und Haschen mit Nebelfingern nach der Erde. Die alten Eichen am Wegrande knarren, in deren Aesten immer» schlaftrunken Eulen nisten. Der Wind summt fern eintöniges Lied, und trotzdem die Posada, die Herberge, nicht mehr weit ist, so scheint die Straße doch endlos lang. Sie gleicht dem Menschenw^e, der aus dem Dunkel kommt, hier die Erde streift und dann wieder über die Berge zum Sternenftaub führt, mitten durch den un- erineWchen Daum, bis seine Spuren hinter hklen Grenzen ver- wehen Die Menschen komnren aus dem Anaber?Häubchen dahinten. werden auf der Landstraße sichtbar, schreiten mühsam dahin, haben Hoffnung und Glauben als Weggenossen ruhen cmi Herde aus, und ziehen Wecker bergan bis sie der Eide entf'@dt%ngan8 finster geworden, als sich die Treiber «d Maulst tieve der Posada nähern, die sich wie ein klobiger Steinhaufen hinter der Wegwendung erhebt. Fackeln leuchten am Gebäude auf. Hunde bellen und heulen, und di- Maulesel stampfen ui^eduld^ vor der niedrigen Tür. Im großen Ofen flackert ein helles Feuer und durch den weiten Schlot fahren blitzende sunken in den Nachthimmel empor, aus dein di« Sterne mit kalten ^Augen heraubschauen, da ihnen schon lange alle Dinge im Weltraum der ^^rdfeMr^steU dte Wirtin und bäckt einen großen Sier» kuchen ln dem Speckstücke aus dem Rauchfang schmEn. Die Männer ruhen auf den Bänken, wärmen sich die steifgefrorenen Hände und schauen nachdenklich in die sprühenden Nammen. Sn &er Erde um das Kohlenbecken, unter der ewigen Lams^ vor dem Muttergvttesbilde, drängen sich die Kinder, ustdbie Großmutter die den Hanf langsam durch die Singer gleiten laßt, ißnen Märchen. Ihre welke Hand deutet habet zuerst auf iie Ruinen am Hügel, die als Luginsland durch lange -^ahr- hunderte^im Sonnenlicht und in der Finsternis stehen und zedes- mal mit dem Dahinschwinden eines Menschengeschlechtes nur ""'SÄ’n» Dort hatte vor vielen Jahren ein frommer Eremit gehaust. Da w^r es chnmal geschehen, daß einschwerer Derbr^ch-r an seiner Klause vorüber an den Galgen geführt wurde. Anstatt den An glücklichen auf seinem letzt«, Gang zu sd«r urch ru tros^> Watts daß die Gerechtigkeit ihn ereilt hätke. Bisher hatte der Allgütig« dem Eremiten täglich einen Engel gesandt, um ihn mit opelfe und Trank zu versorgen. Nun aber blieb der Engel plötzlich aus. Als ihn der Hunger immer mehr zu quälen begann, zog der Ein- siedler aus, um den Engel zu suchen und ihn an seine Pflicht zu mahnen. Er fand ihn am Galgen zu Füßen des Gehenkten, um die bösen Geister der Hölle zu vertreiben, die von der Seele des Gerichteten Besitz zu ergreifen versuchte». Der Engel warf dem Eremiten seine Hartherzigkeit vor. Am die Vergebung Gotte» zu erlangen, müsse er schwere Buße tun. Er müsse fortan das Kerbholz des Galgens auf seinem Rücken tragen, es nachts als Kopfkiffen benutzen, durch die Welt wandern unb warten, bis das tote Holz von neuem zu knospen beginnen werde. Erst dann werde ihm Gott seine Sünde vergeben haben. Lange zog der Einsiedler als Büßer durch die Lande und trug seinen Fluch geduldig auf dem Rücken, aber das Galgenholz blieb hart und kalt. Gr kehrte in Räuberhöhlen ein, predigte das Evangelium, ließ sich schlagen und verspotten und segnete seine Peiniger, doch seine Sünde blieb ihm unvergeben. Traurig kehrte seiner früheren Klause zurück. Es war eine eiskalte Winter- Schneeflocken fegten über den Weg, er aber hatte nichts. er zu feiner früheren sriaui nacht. Schneeflocken fegten ----- um sich damit zu bedecken. Wie immer legte er _ unter seinen Kopf, betete, bis ihn die Müdigkeit übermannte... und schlief in das ewige Leben hinüber. Wanderer fanden am anderen Morgen seinen erstarrten Leichnam, über dem der Engel Gottes wachste. Auf der weißen Schneedecke aber lag das Galgenholz. aus dem wunderbare Rosen hervorblühten. Run wird die Geschichte von der unglücklichen Braut erzählt, die von ihrer Freundin verleumdet wurde. Der Bräutigam glaubte die Lügen des bösen Mädchens und zog. ohne Abschied zu nehniem in die Welt hinaus. Die verlassene Braut welkte dahin mid starb bald an gebrochenem Herzen. Run bereute die böse Freundin bitter ihre Verleumdung und konnte keine Ruhe ftn«n, bis es sie endlich zur Deichte trieb und sie dem Priester ihre Sande gestand. Der Beichtvater legte ihr eine schwere Ponitenz auf Sie sollte zu Fuß nach Rom pilgern, in allen Kirchen oeten und in jeder eine Nacht verbringen. _ , Als sie nun in Rom auf einer stembank vor emer Kapelle aus ruhte und auf die Dunkelheit wartete, redete sie ein öatrtftan an und teilte ihr mit, daß jede Nacht der Geist einer verstorbenen Jungfrau im Tempel erscheine und laute Klage vor dein Altar führe. Das Mädchen erschrak, denn sw wußte, daß nun für he die Stunde der Abrechnung kommen werde. Mit Angsttm Serjan schlich sie in die Kirche und kniete auf den kalten Fließen nieder. Es dauerte gar nicht lange, so stand bte. von ihr VerleumdÄte vor ihr und blickte sie straff an, dann winkte sie ihr zu folgen und führte sie zum Weihwasserbecken. „Schlitteba» a&a-fer au» . beiabl der Geist Zitternd gehorchte das Mädchen. „And NUN sammle es Är in das Ä zurück', sprach die Verstorbene streng. Das Mädchen weinte und sagte, daß sie das nicht.tun könne. ..Ebenso unmöglich ist es. mir meinen gutenju? zurück- zugeben, den du mir genommen hast und darum mußt du mir beine rtunae «einen.“ Als nun das unglückliche Mädchen ihre Zunge^herausstL. berührte sie das Gespenst mit feurigen Fingern und brannte ihr ein tiefes Loch hinein. Dann erst ver schwand es, nachdem es der Büßerin vergeben. Jetzt erzählt die Großmutter das Märchen vom Migen Wann, der auszog, sein Glück zu suchen. Im Walde begegnete t^m em strahlender Reiter, der ihm ein wunderbares Maultier senkte Was immer der Glückssucher begehrte, sofort wat es zur Stelte. sobald das Maultier mit den Hufen zu scharren begann. Aber der junge Mann wollte sich nicht allem nnt irdischen Glncks- aütern begnügen, er wollte schauen und den Sinn des Lebens nfasten, deshalb schentte er den Maulesel feinem armen, alten Vater, der mühsam in einer Hütte dahinlebte. Der ^l stampfte auf den Boden, und sofort hatte der Vater einen herrlichen Palast und alles, was er brauchte. Dann bat er um den batet lieben Segen und zog wieder hinaus in die Ferne. Er kam bald auf eine bbüh-nde Wiese, auf der vtele Tiere weidetemAber trotz des fetten Futters waren alle Rinder so mager, dich dte Knochen durchschienen. Dann gelangte er an einen breiten Strom aus Blut, den er durchwaten mußte. Auf einem D?Al g-wa^e er ein schönes Schloß, auf dessen Altan eine wunderyolde Frau weinte und klagte. Hinter dem ersten Palasterhobsicheni zweiter, in dessen Sälen alle Bewohner miteinander stritten. sich ^gen und gegenseitig verwundeten. Am weiter zu kommen, nmßte ei über eine ganz schmale Brücke gehen, dann kam er aufeine sandige Fläche aus der die weidenden Rinder, trotzdem su nichts als Sand fraßen, dick und fett waren. Hinter der Fläche erhob 150 sich ein herrliches Tor, in dem eine Dam« von leuchtender Schönheit sah und ihm liebend die Arme entgegenstreckte. Später begegnete dem Jüngling derselbe Ritter, der ihm das Maultier geschenkt hatte. Als er ihn fragte, was die seltsamen Landschaften zu bedeuten hätten, erklärte ihm sein Wohltäter, daß er zuerst über die Wiese der Geizigen geschritten sei, denen alles in Hülle und Kille zu Gebot gestanden sei, die aber nie etwas sür gute Zwecke getan hätten und die ohne Liebe gewesen wären. Der Blutstrom führt das welterlösende Mut unseres Heilands. Der Palast, in dem sich die Bewohner gegenseitig! verfluchen und verwunden, sei der Palast der Hölle. Die fetten Rinder auf der Sandstrecke sind die fleißigen Arbeiter, die während EeS Erdenlebens von ihren Herren ausgebeutet wurden. Die schöne Frau endlich im Tor ist unserer aller Mutter, die Heilige Jungfrau, die uns liebend erwartet. Als der Jüngling nun von feiner Wanderung heimkehrte, fand er den Palast seines Vaters in ein Kloster verwandelt. Ein frommer Mönch begrüßte ihn und er erfuhr, daß er wenigstens 200 Jahre im Reichs der Wunder gewandelt habe. Er selbst trat jetzt als Mönch in das Kloster ein, legte sein Gelübde ab und soll heilig gesprochen worden sein. Das Feuer auf dem Herde ist langsain heruntergebrannt. Die Kinder sind müde geworden und schlafen ein. Auch die Treiber wickeln sich in ihre Decken, unterhalten sich über seltsame Erlebnisse auf der Landstraße, klagen über den schmalen Verdienst, erzählen sich Geschichten von Spuk und von Wundern und träumen allmählich dem Morgen entgegen. Die Märchengestalten aber ziehen sich in das Gemäuer der Ruine zurück oder huschen auf den Wolken davon, wenn sie von den ersten Strahlen des Morgen- rotes getroffen werden. — Dann werden die Maultiere gezäumt, und wieder schreiten die Treiber auf der öden Straße dem Morgengrauen entgegen, tagein, tagaus, bis sie in der Dunkelheit verschwinden. Dostojewski als Journalist« Don Julius Meier-Graefe*). Dostojewski hat sich schon ganz früh mit Journalismus abgegeben und wollte sich in den allerersten Jahren an der Gründung einer satirischen Zeitschrift beteiligen. Rach seiner Rückkehr aus Sibirien wurde er Journalist. 1861 gründete er mit dem Bruder Michail die Zeitschrift „Wrenije" und widmete sich ihr mit Energie. Die Zeitschrift wird nach zwei Jahren erfolgreichen Bestehens infolge eines Irrtums der Zensur verboten. 1864 folgt ihr di« ..Epoca". Dostojewski überlastet sich mit redaktioneller Arbeit, uird nach dem Tode des Bruders opfert er vergeblich ein Vermögen, um die Zeitschrift zu halten. Rach seiner Rückkehr aus dem Ausland beginnt er wieder und tritt 18Z3 in die Redaktion des „Graschdcmin". 1876 gibt er das'erste „Tagebuch eines Schriftstellers" mit nur eigenen literarischen und Politischen Beiträgen heraus, das in freier Folge erscheint. Das letzte Heft wird am Tage vor seinem Tode korrigiert und erschien am 31. Januar 1881, dem Degräbnistage. Es behandelte das Verhältnis der Intellektuellen zum Volke, ein Leitmotiv, das auch schon der Ankündigung der „Wremja" zugrunde gelegen hat. Der Journalismus war für den reifen Dostojewski der Mutterboden der Dichtung. Er hat einmal ganz unverhohlen ausgesprochen. er halte den Journalisten für wichtiger als den Dichter. Der Ruhen. des aus dem Alltag gewonnenen Beispiels galt ihm unter Amständen, die er zu beurteilen wußte, mehr als die der Zeit entrückende Abstraktion. Natürlich ließ sich vieles dagegen sagen, sobald man die Amständ« übersah, zumal den wesentlichsten. den Menschen, der das aussprach. Die westlich gerichteten Aestheten Petersburgs sagten es mit Entrüstung. Er antwortete mit feinem Beispiel von dem menschenmordenden Erdbeben in Lissabon, das einen Lyriker nicht abhält, eine wohlgereimte Hymne „ohne Zeitworte" an die Morgenröte zu dichten und am Tag nach dem Unglück in die Zeitung zu setzen. Darauf wird der Dichter auf offenem Markte gelyncht. „Keineswegs weil er ein Poem ohne Zeitwort geschrieben, sondern weil man gestern statt der Rachtigallentriller unter der Erde ganz andere Triller vernommen hatte und das träumerische Wiegen der Wellen in diesem Augenblick. wo di« ganz« Stadt wogte, als Beleidigung des Literaten empfand." Run könne man ruhig die vollendete Schönheit des Gedichtes annehmen. Womöglich habe es sogar später den Lissabonern großen Ruhen gebracht, da es ihr Gefühl für Schönheit vertiefte. Ja, die nächste Generation habe dem Gelynchten auf demselben Marktplatz ein Denkmal errichtet. And diese Generation hatte genau so recht wie die vorige. „Richt die Kunst war schuldig, sondern 6er Dichter, der sie in einem Augenblick änwandte, wo sie zum Riißbrauch werden mußte." Die Zeitschriften Dostojewskis sind doll solcher Fingerzeige des gesunden Menschenverstandes, aber enthalten auch Banalitäten. Es kam dem Journalisten nicht auf Feinheiten an. An- zweideutiger Ausdruck der Meinung war wichtiger als Esprit. Er lachte aber die allzu Gewissenhaften, die bei jedem Feuilleton an die gesammelten Werke dachten. Dersehte man dem Leser eine dicke Pille, muhte man sie mit zwei oder drei leichten verdaulich machen. Dostojewski gestand solche Richtlinien mit größter Offenheit. Für Fernstehende, die nicht das letzte Ziel des Redakteurs *) Dem soeben erscheinenden Werke „Dostojewski, der Dichter" des Verlages Ernst Rowohlt, Berlin, entnommen. kannten - und wie hätten das Mitlebende vermocht! — näherte sich die Leitung der „Wremja" zuweilen bedenklich der üblichev Zeitungsroutine, die im Abonnentenfang das Ziel aller Wünsche erblickte. Er zuckte ungeduldig, wenn man ihm dergleichen vorwarf, und ging weiter. Das veröffentlichte Material gibt nur einen Teil des Amfamgs feines Journalismus. Gr hätte zehn Redaktionen! mit Ideen ausstatten können. In den Rotizbüchern wimmelt es von aktuellen Themen, mit denen er sich trug, oder die er anderen suggerierte. Zu jeder Aeüherung der Lagespresse, die seine Kreise berührte, nahm er Stellung. Er hat in Petersburg wenig freie Minuten gehabt. Dieser Journalist hat die Romane gedichtet, und auch der Romancier hat keineswegs das Ansehen seiner gegenwärtigen oder zukünftigen Persönlichkeit, sondern seine Aufgabe vor Augen gehabt. Auch im Roman blieb ein Plauderton, den man feuille» tonistisch mennen kann und der nach üblicher Auffassung nicht der Würde des -Dichters entspricht. Dieser Ton ist Dostojewskis Neuheit, sein Geheimnis, seine Technik, das natürliche Kleid deS Volksdichters. Mit diesem banalen Ton gelingt es ihm, seinen Lesern die sublimaten Dinge einzuflöhen. Plaudernd bleibt er ihnen nahe, und sie merken gar nicht, wie die Gewichte zunehmen, wie di« Gedanken immer tiefer dringen und die Amrisse wachsen. Ein Pfuschen ist ein Verfahren. Es nimmt vom zeichnenden Kinde di« spielerische Stichelei und tastet sich allmählich zu geschlossener Erscheinung hin. Er konnte seinen Journalismus nicht mit Vorgängern im eigenen Beruf geltend machen, Wohl aber mit Berufung aus die ihm unbekannten großen Pfuscher in der bildenbett Kunst, die mit diesem Iournalistentum neue Wege der Beseelung sanden und eine blütenreiche Geschichte begannen. And sein Instinkt hätte sich auf den größten, von ihm über alles verehrten Menschen unserer Welt berufen können. Mit einem artverwandten Journalismus Hat Christus feine Kirche gebaut. Die Bewegung der Himmelskörper. Von Arthur Stenzel. Der Astronom hat manche Eigenschaft mit dem Forschungs- veisenden gemeinsam. Wie dieser mit zähem Mui. in die weite, noch von kei!nes Menschen Fuß betretene Sandwüste vordringt, um durch neue Entdeckungen das Wissen von unserer Grdenwelt zu bereichern, so strebt auch der Astronom mit rastlosem Eifer in der unermeßlichen Sternwüste vorwärts, nur von dem einen Ziel beseelt, zur Lösung der großen Rätsel und Probleme des Alls sein Teil mit beizutragen. Längst schon zu eng ist ihm unser Planetensystem mit seinem bescheidenen Durchmesser von nur 60 Sonnenweiten oder 9000 Millionen Kilometer geworden, fein Hauptinteresse gilt heute der Stellarastronvmie, der Erforschung der Fixstern- und Nebelwelten und ihrer ungeheuren Verbände. Wenn die Völker des Altertums und auch noch die Generationen der ersten anderthalb Jahrtausende unserer Aera sämtliche Sterne mit Ausnahme der fünf ihnen bekannten hellen Wandelsterne, der Planeten, für ewig unveränderlich feststehenjd hielten und sie deshalb stellae fixae, Fixsterne, nannten, so darf uns das nicht wundernehmen; der Aegypter, Babylonier und Chinesen Jahrtausende lang fortgeführte Beobachtungen zeigten die Anordnung der Gestirne in den zu Bildern symbolisch zusammengefaßten Gruppen in einer gleichen Gestalt. Wohn ahnte schon der berühmte griechische Astronom Hipparch die Gigen- bewegung der Fixsterne, vermochte sie aber mit seinen primitiven Hilfsmitteln nicht nachzuweifen und entdeckte dafür die Präzession, das scheinbare Dorrücken aller Sterne parallel der Ekliptik von Westen nach Osten, eine Folge des Zurückweichens des Frühlings- Punktes von Osten nach Westen. Der Fixsternhimmel blieb in den Anschauungen noch lange ein starres Gewölbe, bis es endlich Hailey 1718 gelang, durch einen Vergleich des Sternverzeichnisses Flamsteeds mit dem Almagest des 1580 Jahre früher in Alexandrien lebenden und beobachtenden Ptolemäus die Eigenbewegung mehrerer Sterne unzweifelhaft festzustellen. Als unabänderlich stillswhend, als Mittelpunkt der Welt, wurde im Altertum und Mittelalter erst recht die Erde selbst angesehen. Trotzdem bereits der im 5. vorchristlichen Jahrhundert lebende Pythagoräer Philolaos die Bewegung der Erde um ein Zentralfeuer — nicht die Sonne — behauptet und Aristarch von Samoa wie Seleukos von Seleukeia im 3. Jahrhundert vor Chr. die Bewegung unseres Planeten um die Sonne richtig erwiesen, zudem noch Ekphantos und Hiketas die Achsendrehunfg der Erde gefordert hatten, konnte sich doch das heliozentrische System (mit der Sonne als Mittelpunkt) nicht durchsetzen, da das namentlich durch Eudox, Aristoteles, Hipparch und Ptolemäus vertretene geozentrische System (mit der Erde als Mittelpunkt) zu mächtig war. Es bedurfte erst des genialen Lebenswerkes eines Kopernikus, der nach Franz Bolls vortrefflicher Astronomie- Geschichte feine griechischen Vorgänger nicht nur gekannt, sondern auch genannt hat, um dem heliozentrischen System endgültig zum Siege zu verhelfen. So ist der Gedanke des alten Herallit „Panta rhei", alles fließt, alles bewegt sich, wenn auch erst lange nach ihm, Gemeingut geworden, hat fich die das All vom Atom bis zur Milchstraße umspannende Weltanschauung eines Demokrit zum größten Telle bewährt. Aufgabe der neueren Zeit war es bann, den von den Vorfahren begonnenen Rohbau zu vollenden und weiter auszugestalten. Dank der stetig zunehmenden Dervollkomm- — 1S1 — nmig der Beobachtungs-Instrumente und der damit gleichen Schritt haltenden Beobachtungs-Methoden ist die Wissenschaft der Himmelkunde heut« schon sv weit fortgeschritten, daß der Laie sich nur schwer zu ihrer Höhe emporzuschwingen vermag und an Stelle des Verstehens Glauben und Vertrauen setzen muh, Vertrauen in die Ergebnisse der exakten Forschung. Wenn mm die Wissenschaft der neueren Zeit zu der Erkenntnis geführt hat, daß nicht nur der Heraklitsche Satz von der Bewegung aller Körper zu Recht besteht und sich gleich der Erde auch die Sonne und das ganze Planetensystem, ja auch die fernen Fixsterne und die noch entlegeneren Rebel im Raume fortbewegen, sondern mehr noch., datz alle Bewegungen eine logische Folge dieses Gesetzes — nur relative Erscheinungen sind, so haben wir gewissermaßen den Boden unter den Füßen verloren und greifen wie ein Ertrinkender nach einem festen Gegenstände. Wo aber liext „der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht"? In einem großen Weltkörper werden wir ihn nicht suchen dürfen, und sei er auch millionenmal größer als die uns bekannten größten Riesensterne Beteigeuze und Antares, weil di« Masse eines solchen Körpers gegenüber der eines ganzen Fixsternsystems doch wieder völlig belanglos wäre und weil biefer Körper nicht den stillstehenden.Mittelpunkt des Weltalls bilden kann, denn das Weltall hat keinen Mittelpunkt, sondern ist unendlich So bleibt nur der eine Ausweg, den den unermeßlichen Raum zwischen den Welten und Weltsystemen ausfüllenden Arther oder Lichtäther mit H. 21. Lorentz als ruhend anzunehmen, um die wahren, „absoluten" Bewegungen und Geschwindigkeiten der Weltkörper zu erkennen. Mr die Bewegung der Erde und der übrigen zu unserem Sonnensystem gehörenden Planeten, Kometen und Meteore, für die Bewegung der Sonne mit ihrem ganzen Planetensystem, endlich für die Bewegung der Fixsterne können wir zunächst von dieser Erkenntnis absehen und uns das Milchstraßensystem, zu dem all diese Körper gehören, als relativ stillstehend denken, damit wir wenigstens eine Vorstellung von den direkt meßbaren Bewegungen gewinnen. Da zeigt sich Nun, daß die Erde in ihrer Dahn um die Sonne eine mittlere Geschwindigkeit von 29.6 Kilometer in einer Sekunde, d. h. eine 36mal fo große Geschwindigkeit wie eine Granate schwersten Kalibers, wenn sie aus dem Laufe tritt. Je näher die Planeten der Sonne find, um so schneller bewegen sie sich, und je weiter sie von ihr abstehen, desto langsamer schreiten sie fort. Der sonnennächste Planet Merkur durcheilt in jeder Sekunde 47,5 Kilometer, dagegen legt der am weitesten entfernte Planet Reptun nur 5,4 Kilometer in einer Sekrmde zurück; jener übertrifft die Granate 56mal, dieser nur reichlich 6mal, Merkur läuft also 8,8mal schneller als Reptun. Wesentlich größere Geschwindigkeiten entwickeln viele Kometen während ihrer Sonnennähe, besonders solche, die der Sonne sehr nahe kommen, wie die großen Kometen von 1680 und 1843. Der erste soll frei seiner Sonnenumkreisung nach Enckes Berechnung mit der ungeheueren Geschwindigkeit von 546 Kilometer in der Sekunde dahin gerast fein. Am so langsamer ist aber auch wieder die Bewegung vieler Kometen in ihrer Sonnenferne; beispielsweise soll die des sehr weit enteilenden Kometen von 1680 nur 3,9 Weder pro Sekunde betragen, ein wahrer Schneckengang für «inen Himmelskörper. Anser« Sonne selbst und mit ihr das ganze Planetensystem wandert verhältnismäßig langsam , durch den Raum, auf einen Zielpunkt — Apex- genannt — hin, der auf der Grenze der Sternbilder Herkules und Leier liegt. Ihre Geschwindigkeit zu ««Mitteln, unterlag bedeutenden Schwierigkeiten und gelang erst in neuester Zeit durch genaue Messungen der scheinbaren Bewegung vieler Tausende von Sternen nach verschiedenen Methoden. Als sicherste Werte gelten die von Campbell, 19,5 Kilometer, D. Boß, 21,6 Kilometer, Gyllenberg, 19,8 Kilometer, und Strömberg, 21,5 Kilometer, im Mittel also etwa 20 Kilometer in der Sekund«. Run ist aber die Sonne, so groß sie uns ihrer Aqhe wegen auch erscheinen mag, nur ein Stern unter Sternen und würde, von einem anderen Sterne aus gesehen, sich nicht von den übrigen glitzernden Punkten des Himmels unterscheiden; sie ist nur eine der Tausende von Millionen Sonnen, die unser gewaltiges Fixsternfhstem, das System der Milchstraße, zufammen- setzen. Alle diese unzähligen glühenden großen Körper beschreiben gleich unserer Sonne ihre bestimmte Bahn, scheinbar regellos durcheinander und doch nach ewigen ehernen Gesetzen. Indessen, der Abstand selbst der nächsten Fixsterne — der Stern Mpha im südlichen Bilde des Centauren, unsere Rachbarsonne. besitzt noch eine Entfernung von 4,3 Lichtjahren von je 9,46 Billionen Kilometer — ist sv ungeheuer groß, datz die jährliche Ortsveränderung außerordentlich geringfügig wird und nur mit starken Instrumenten gemessen werden kann. In der unendlichen Mannigfaltigkeit der Sternbewegungen unterscheidet man zwei Hauptrichtungen, die Bewegung an der Sphäre die sog. Lateralbewegung, und die Bewegung in der Gefichtslinie, di« fvg- Radialbewegung; alle anderen Richtungen sind Komponenten dieser beiden. Sternbewegungen der ersten Art mißt man mit dem Fernrohr, der zweiten Art mit dem Spektrographen. Halley war (1718), wie vbm schon angedeutet, der erste, der die Ortsveränderung einiger Sterne nachwres, 3. Cassini folgte ihm. Am die Witte des 19. Jahrhunderts schuf Argelander schon einen Katalog von 560, Mädler daraus einen siolchen vom 3200 Sternen, und 1910 brachte ®8 L Roh auf 6188 Sterne mit bestimmten Eigenbewegungen. Radialbewegung«« vermochte erst 1888 Bogel mit Hilfe der Photographie an 50 Sternen nachzuweisen, heute kennt man deren schon über 2000. Am aus der lateralen die absolute Bewegung eines Sternes zu berechnen, mutz man seine Entfernung kennen; die radiale Bewegung wird direkt in Kilometern aus gedrückt. Man fand nun, daß die meisten Sterngeschwindigkeiten sich in ähnlichen Grenzen halten wie die Sonnen- und Erdgeschwindigkeiten Beispielsweise nähert sich uns der Sirius mit einer Sekundengeschwindigkeit von 6 Kilometer, der Polarstern mit einer solchen von 15 Kilometer, während sich Capella mit 30 Kilometer und Aldebaran mit 55 Kilometer pro Sekunde von uns entfernt. Es gibt aber auch viele Sterne, die über 100 Kilometer in der Sekunde zurücklegen; Darnards Pfeilstern, der die größte bekannte Eigenbewegung, 10,3 Dogensekunden im Jahr, besitzt, durcheilt 132 Kilometer, der schwache Stern A. G. Berlin 1366 sogar 494 Kilometer, d. L beiläufig das 580fache einer Granate! Panta rhei, wo alles sich bewegt, da können auch die große» Sternsysteme keine Ausnahme machen. An der Sphäre zeigen diese Systeme, die Spiralnebel,' sv gut wie gar feine Ortsveränderung, weil sie allzuviel, Jehntausende, ja Hunderttausende von Lichtjahren von uns entfernt sind; aber in der Gesichtslinie hat der an keine Entfernung gebundene Spektrograph ihr» Geschwindigkeit verraten. Sie ist in den meisten Fällen erstaunlich groß, oft~ viele hundert Kilometer. Beispielsweise nähert sich uns der berühmte Andromedanebel mit einer Schnelligkeit von 300 Kilometer pro Sekunde, zwei Spiralnebel im Haar der Berenice und in 6er Jungfrau enteilen mit der enormen Geschwindigkeit von 1100 Kilometer, der Rebel R. G. V. 936 entflieht mit einer solchen von 1300 Kilometer und der Rebel R. G. C. 584, beide im Walfisch gar mit einer solchen von 1800 Kilometer in jeder Sekunde. In jüngster Zeit ist es nun nach einer Abhandlung in den Astronomischen Nachrichten L. Eourvoisier in Potsdam gelungen, die Geschwindigkeit unserer Erde relativ zu dem als ruhend gedachten Lichtäther (Koordinatensystem des Lichts) zu bestimme. Aus sieben verschiedenen Methoden, darunter einer mit selbstkonstruiertem Gravimeter, fand er als Gesamtrefultat 750 Kilometer pro Sekunde und die Richtung der Bewegung auf dem hellen Stern Capella im Fuhrmann zu. GS ist aber sehr wahrscheinlich, oder sagen wir gewiß, datz mit der Erde und Sonne und ihren Körpern als Fixsterne, fraglich unser ganzes, 20 000 Lichtjahre im Durchmesser großes Spiralshstem der Milchstraße, sich mit dieser Geschwindigkeit durch den endlosen Raum bewegt. Der GMcksfall. Don Luise Glaß. imv für «in „Ich?" sagte mich Onkel Ede, weiter nicht». — Altimo- geschäfte hatte er nicht gemacht, und Frau Emmellne hatte nichts „Das hilft nun nichts, Jule, da mußt du mit deinen Privat- moneten aushelfen." . Jule sah den Bruder dumm an. Aushelsen? Er, der Kinder zu Hause hatte und eine begehrliche Frau? Gr der auf Drängen Xrmi auch noch mit dem aesälliaen Vermittler feine Altimo- (Schluß.) Jule schwieg und rauchte, nicht einmal fein „Rana!" rutschte ihm über die Lippen; Onkel Ede ging hinunter, um dort sein Gedächtnis aufzufrischen. Aber der Großvater und Lisbeth konnten ihm nicht helfen, sie waren vor dem Streit schlafen gegangen. .Garstig," sagte Onkel Ede, „ich kann's Zanken nich leiden, stört mein Wohlbefinden. Ja, ja. das gute Jahr ist mi eben rum — Sag' mal. Großvater, was hast denn du mit deinem Geld unternommen?" < „Angelegt, mein Junge", antwortete der 2llt« zufrieden, und Lisbeth sah lächelnd nach ihrer Wäschtruh« hinüber. „Sicher, Großvater?" „Auf den: Sichersten, was es auf Erden gibt. „Ra, dann geht es ja noch", antwortete Ede und frramwe sich eine Zwanzigpfennigzigarre an. Dis zum ersten April ging es wirklich noch Dann mußten sie den Laden in der Stadt zumachen. „Julius Vierling und Kompanie, Herrentailleurgeschäft" war nicht mehr — der gemeinsame Geldschrank konnte ohne Gefahr offen Metoen. Der Geschäftsführer hatte sich davvngemacht, da« DrerA- jahrgeld für Gesellen und Miete hatte er mitgehen heißem Die fertigen Sachen im Geschäft waren im Sommer von Oltotten angefallen worden und hatten sich im Winter auf irgendeine unberechenbare Art vermindert. Don dem Rest wollte die neue Mode nichts mehr wissen. Jule und Ede waren an diesem Ersten ausnahmstE« beide nach der Stadt gegangen. Jule wollte stch Geld holen, Ede wußte es besser, er war sogar ein bißchen neugierig, tote es werden würde. 2lber des Geschäftsführers Antreue warf auch ihn beinah über den HaufM. , . „. „ , ,, , . .. . Alle konnte es schon werden, toi« frte Semmel alle wird, an der die Mäuse knabbern, aber doch nicht mit Schulden um* zu Hause hatte uno eine ttegctjciiqje atu» 1 , , ,1 biefer Frau auch noch mit dem gefälligen Vermittler sAne Miimo- geschäftchen gemacht hatte, infolge deren er den Altimo für em gefräßiges Angeheuer hielt. _ , Ich?" sagte er, „ich wollte mir eben hier Geld holen. Aber du. Ede. du bist doch nur einer auf Fünfundzwamzigtausend ge- 152 — von Wil bekommen als sei« Kostgeld — aber eine Sommerveise tnrixi) füufimti>5U>üiuig Bäder Halle er unternommen als feiner Herr, und Im Winler hatte er die Wein-, Bier- und Singspiel- Hallen der Hauptstadt bereist — reisen kostet Geld, und lustige Kameradschaft kostet Geld — Onkel Ede war längst fertig. Langbeinig rannte ec nach der Fleischergasse und bat um des Vaters Hilfe. „Soso! Sieh mal an. Jugend hat keine Tugend, sagte der Großvater. schüttelte den Kopf, stand auf und ging an den Wandschrank. Das Laufen wurde ihm sauer, deshalb nahm er seine Wege zusammen, und füllte gleich das Semmelkörbchen. — „Lisbeth, wir müssen Geld haben, das ist das letzte." Darauf nahm er ein Bündel Papiere aus dem Schrank und schob ste dem Sohne hin. „Da such' dir aus. Junge, was du brauchten kannst." Ed« griff zu und legte dann Blatt für Blatt, wie er's betrachtet hatte, au? den Tische sein Gesicht wurde immer sorgenvoller. Ja, der Großvater hatte sein Geld gut angelegt — an Segenswünschen und freudentränenreichem Dank würde es Zins tragen, aber dem Stadtgefchäft konnte er mit seinen Papieren nicht Helsen Das waren Schuldscheine armer Witwen und mittelloser Handwerker. Das waren Hypotheken auf sumpfige Wiesen, die einer zu entwässern Hoffte, und auf dürreS Land, das gewiß noch dermaleinst Frucht tragen würde. Schuster Knüttchsns Schein war nicht dabei, der hing über des Großvaters Bette, aber den hätte Ede auch nie und nimmer benutzt — beim er war ein anständiger Kerl. Am aussichtsdollsten schien ihm die Hypothek auf den Roten Hirsch, und Flora wurde abgeschickt, um den Wirt zu holen. Der kam. freundlich. beflissen nach seiner Gewohnheit, als er aber hörte, um was es sich handelte, fror er ein, legte die Hände auf dm Rücken, damit man gleich sähe: gegeben wird nichts, und redete beinah grob. So was müsse ordnungsmäßig gekündigt werden und zählen könne er seht nicht, und wenn kie etwa klagen wollten, dann käme der Hirsch untern Hammer, dann kriegten sie überhaupt nichts auf ihre Hypothek, denn den letzten bissen allemal die Hande. Sie sollten sich lieber hübsch gedulden, ginge das Geschäft gut. so sollten sie sogar ein paar Zinsen kriegen mit Gottes Hilf«. „Schwamm drüber, Großvater", sagt« Ede, und stopfte die sicheren Anlagepapiere wieder in den Wandschrank. „Ra, da muß ich doch wieder in die Stadt und beim Kehraus helfen." Er stülpte den Hut auf den Kopf und ging. In der Tür drehte er sich noch einmal um: „Baler — ohne Geld war's bequemer." — Der Kehraus in der Stadt war einfach: Die Rolläden wurden heruntergelassen und Siegel vorgelegt. Dann krähten Vierling und Kompanie an Geld zusammen, so viel sie noch hatten und kriegen konnten, und als das nicht langte, kam der neue Hausrat und das Rebenhaus zum Verkauf. Das Haus brachte nicht viel: was einer haben will ist kostbar, was einer los werden will, gilt keinen Pfifferling. Erst als die Plüschmöbel davongetragen wurden, glaubte Frau Vierling an das Ende ihrer Herrlichkeit. Schluchzend und schreiend lief sie durch die Dsrbindungstür in daS alte Haus und versteckte sich aus dem Boden. Hinter ihr schloß der- Maurer den Durchbruch wieder fest und dauerhaft zu. , ___ „Ra." sagte Schwager Knüttchen. „das Haus und die Möbel hätte ihnen der Alte schon lassen können. Daß er im übrigen die Lotterwirtschaft nicht gehalten hat. war recht und billig. Frau Jettchen räusperte sich, sah ihren Mann von der Seite an. räusperte sich noch einmal und antwortete endlich: „Der Vater soll auch nichts mehr haben." „Blech", sagte der Schuster: aber seine Frau wußte eS von Lisbeth, und was die erzählt hatte, klang schon so, als ob's wahr wäre. So waren sie mit dem Geld umgegangen, alle drei? Mit dem schönen Geld, mit dem einer die Welt erobern konnte und die Kundschaft? In einem Jahr? — Hundertfünfzigtausend Mark? — Knüttchen puffte den Stuhl, daß er polternd umfiel, und ging zornig hinaus. In der Fleischergasse glaubten sie es auch erst, als der neue Hausrat versteigert wurde; obgleich sie seit Wochen davon redeten, wirklich geglaubt hatte es keiner. Run wußten sie's, und stärkten sich mit moralischen Betrachtungen, mit „Jaja!", „Eiei!" und „Ich hab' es mit gleich gedacht, dazumal. Rur schon so was Gotteslästerliches, wie daS Semmelkörbchen." „Gucke da. Frau Rachbarin", ries die Muhme Peterlein zum Fenster heraus. „Sollten Sie die einzige fehl, die nicht auÄ Großvaters Semmelkörbchen genascht hat?" Da brummte die Frau, die anheim brummten mit, gingen ein Stück seitwärts und verhandelten dort den angenehmen Klatschstoff weiter. Schade nur, daß sie da den himmelblauen Anstrich und deS Großvaters Hausvers nicht so bequem sehen konnten, wie vor Peterleins Fenster. Ja, Anstrich und VerS nahm den Vierlings keiner, sonst aber war die Herrlichkeit Verblasen wie ein Traum beim Morgenlicht. Sie saßen wieder um den wackligen Tisch unten in dev Werkstatt und konnten die Brüche zählen, die die Semmelkörbchsn- liebhaber während dieses Jahres in das glanzlederne Sofa gesessen hatten. „Das unnütze Volk, das auf unsere Kosten lacht", stieß die Frau schluchzend hervor. „Wenn ich bloß nicht hier säße und die vergnügten Gesichter der Gasse sehen müßte. Großvater sollte verkaufen." Aber Großvater wollte nicht. „Hier bin ich arm gewesen, hier bin ich reich geworden, hier will ich sterben." „Ra ja," sagte Vater Jule mit einem tiefen Seufzer, „da müssen wir halt wieder was schaffen, — sauer wird's einem schon ankommen." „Ja. du hasts nötig." sagte der Großvater, „ich nicht, ich hab' meine Papiere, aber ich tu's, weil die Arbeit mir Spaß macht." — Das redete der Hochmut. Onkel Ede aber dachte: Der Alte ist schwach; laut sagte er: „Ich werde Geselle irgendwo, die Fleischergasse hab' ich über, aber anderswo macht mir vielleicht auch die Arbeit Spaß, in einem kleinen Rest, wo einen die Mädel anlachen und die jungen Männer anstaunen, weil man ein Taugenichts ist." „Wie is das nur, Onkel", fragte Flora, „es is alles so komisch — krieg ich mein Sammetkleid nicht wieder?" „Hm. — weiß ich nich — mir is auch komisch — als hält ich einen Grogtraum gehabt", antwortete der Onkel, setzte sich zu Großvater auf den Tritt und trennte einen kränklichen Kragen von des Rendanten Hausrvck ab — wie vor einem Jahre, der war eben auch wieder so weit. , Ein verdammt hübscher Traum ist's gewesen, dachte der kleine Ede. dann flüsterte er Lisbeth ins Ohr: „Ru paß mal auf. Liesel, wie ich stvebern kann — o ja. ich kann — jetzt weiß ich wies tut, jetzt will ich wieder hinauf! Dem Großkopf seine Margret gefällt mir Heute noch besser als vorgestern." Lisbeth schwieg, sie wußte nicht, ob sie traurig oder fröhlich sein soflte. Traurig? das war nicht möglich — höchstens mitleidig — allerhöchstens — ganz tief im Grunde ihres Herzens regte sich ja doch eine heimliche, unbändige Freude. Wenn nur die Mutter nicht immer geheult hätte, diesem Heulen gegenüber kam sich die heimliche Freude gar zu sündhaft vor. und das böse Gewissen schrak so heftig zusammen, als es an die Tür klopft«. daß Flora aufmachsn mußte. Knüttchen stand draußen — Herr Rudolf Knüttchen, — nicht mehr wütend, sondern verlegen. „Darf ich rein?" fragte er, weil ihm keine andere Anknüpfung einfiel, und da zogen ihn die Kinder über die Schwelle. „Onkel Knütt, Onkel Knütt! Wann bäckt Tante Jettchen das nächstemal Spritzkuchen?“ , Da lachte er, weil ihm der heimliche Raschbesuch entfiel, und nach dem Lachen ging's ihm glatt von der Zunge: „Höre mal, Vater, ich hab' Glück gehabt mit deinem Borg — behalten tät ich das Geld ja gerne noch ein Weilchen, aber du mußt mich schon Zinsen zahlen lassen, wo ich so viel damit verdient habe. Vier Prozent sind ja wohl genug, nich wahr?" -- ästnd damit zählte er zweihundert Mark bar und blank auf den Tisch „Das wäre vom ersten Jahr." „Zweihundert Mark?" sagte Onkel Ede, „potz tausend! Da find wir ja wieder Kapitalisten." Großvater aber stand auf, ging in die Kammer, klettert« aufs Bett und nahm den Schuldschein herunter. Dann erst strich er das Geld ein und schüttelte Knüttchen die Hand. „Ich nehm's, Schwiegersohn, nich daß ichs brauchte — dort hab' ich meine Papiere — aber für die da nehm' ich's. Du bist ein ganzer Kerl, Schwiegersohn. Äu fehlt nur noch Lisbethen ihr Karl. Dem schreibe ich morgen, ich will meine Kinder versorgt sehen. Inzwischen könnt Ihr die Peterlein holen, wenn sie zu Hause tfL" Lisbeth flog über die Gasse und suchte Frau Peterlein. Die kam ohne Ziererei; wie hätte sie nachträglich sein können, wo Karls Mädel sie zur Versöhnung holte, das litten schon ihre Sprichwörter gar nicht. Diel Redensarten von der alten Geschichte machten fte nicht beim Wiedersehen in der älnterstube, was immer das Gescheiteste ist; aber sie setzten sich zusammen um die Kaffeekanne, und Lisbeth schenkte ein. Rur Großvater blieb oben auf seinem Tritt. Slöhlich rief er: „Lisbeth!" nd als das Mädchen zu ihm hinaufgesprungen war, fragte « halblaut: „Lisbeth, was is im Semmelkörbchen?" „Schwarzbrot, Großvater." Da lachte er leise vor sich hin. „Schön, schön, wenn's nur nicht leer ist." Gchriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R Lange. Gieße«.