Gießener Kmilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang |926 Dienstag, den P. August Hummer 64 Kennst du die Tage... Bon W i I h e l >» von Scholz. Kennst du die Tage, deren Frieden leichi Und deren tiefe Stille keine Last, An denen dich kein Heimweh überschleicht Und die du doch so schnell vergessen hast? — Die Tage sind es, fern den Feiertagen, Wenn zum zeitlosen Fest das Herz sich rüstet. Die dich mit unsichtbarer Strömung tragen, Daß es dich wie in manchem Buch gelüstet, Die Seite einmal noch zurückzuschlagen — Dann, ohne daß des Buches Blätter schließen, Aufstehn und fortgehn, lächeln und genießen. Nsrmomnischs Küste. Bon Peter W a r in u n d. Di« Fischer tragen lange dunkelblaue Hosen und hochgeschlossene Wollblufen von kräftigem Ast, die Hüftlinie betonen sie durch einen breiten grünen Gürtel. Wenn diese farbenfreudigen Trachten durch den Sonnenglast des flimmernden Standes schreiten, wirken sie ganz südlich und exotisch: sie vermitteln sehnsüchtige Ahnungen einer tropischen Welt, sie scheinen ihre bunten Anzüge eigens bann» zur Schau zu tragen, um zu erinnern, daß wir an der Küste des Kanals sind, daß die Dampfer, die in weiter Ferne vorbeigleiten, ihre Besatzungen zu Palmen- hainen und schönen braunen Menschen tragen. Doch welch wunderliches Schauspiel: die Fischer, die solche Ahnungen wecken, leugnen auch heute noch nicht den alten nördlichen Ursprung ihres Blutes, große Gestalten mit blondem Haar, hellen Augen, kühnem Profil. Diese Menschen der Küste haben ihre nordische Erscheinung seit den Jahrhunderten bewahrt, da die Wikinger, deutsche und skandinavische Eroberer, von dieser Landschaft Besitz nahmen. Sie gaben den Häfen und Duchten Namen: aber wer denkt heute noch daran, daß sich etwa die Küstenstadt Dieppe aus dem angelsächsischen beop (tief), daß sich das benachbarte Fecamp von fise ableitet und an Fischerei erinnert? Orte wie Houlgate, Dives, Eabourh verraten trotz ihrer französischen Schreibweise, daß sie sicherlich nicht von Galliern gegründet wurden, und die hohen Fischer mit den klaren Auge» find sich trotz ihres südlichen Farbenwurfs gleich geblieben: Nordmänner, Normannen. Als diese Nordländer vor elfhundert Jahren auf ihren Drachenschiffen hier landeten, ließen sie sich von ihren wilden Instinkten treiben, sie zerstörten Abteien und Kirchen, raubten und plünderten. Diese Wüstheit währte etwa ein Jahrhundert — da hatte die reiche schwellende Landschaft die Eindringlings besiegt. Das gefiel ihnen, sie begannen an der Seine-Mündung, bei Le Havre, seßhaft zu werden. Sie ahnten wohl nichts von dem Dasein jener Strömung, die wir heute Golfstrom nennen, die das Meer wärmt und das Klima südlich mildert. Aber mit Staunen nahmen sie wahr, wie ganz verschieden von ihren heimatlichen Gestaden diese Küste blühte und Prangte. Nichts erinnert hier an die kärglichen Dünen des Nordens, nichts an die herbe zerzauste und zerstürmte Art nördlicher Meere. Wie eine Erfüllung ihrer südlichen Sehnsucht mag den Nordmännern dieser Streifen am Kanal erschienen sein. (Dis sie ein wenig später gen Sizilien aufbrachen.) Nvsenkulturen auf den Rändern der hohen Steilküste: schwellende, üppige, dunkelgrüne Hecken rahmen die Verkehrswege ein; Heckenrosen in mächtigen Büschen, Pelargonien, zu Stauden hochgezogen, bilden blühende Kaskaden, immer wieder schimmern aus dem Dunkel der Laubwände Farbenpracht und Blütenbüsche. Kilometer um Kilometer, und immer noch ist der Wagen in grünen Kulissen gefahren. Dazwischen die bröckligen Mauern eines alten Gehöfts, Häuser von Efeu umsponnen, bis an die Schornsteine überrankt von Dlütengewirr — und auf den Dächern schleicht zuweilen ein Kätzchen zum First und kommt niemals von der Stelle; denn es ist eine Fahencefigur aus den Manufakturen von Roum oder Eabvurg, die einst berühmt waren und auch heute noch die alten Farben und Formen in ihren Erzeugnissen bewahren. Tief hat sich der Normandie Geschichte in diese Landschaft geprägt. Was sich an der Ostsee in die wenigen Hansestädte zufcün inend rängt, ist hier über die ganze Küste zerstreut: wehrhafte Schlößchen, alte Kunst, verwitterte Architekturen. Da ist Honfleur, heute ein prosaisches Fischerstädtchen an der Seine- mundung, aus dessen Hafen die Kutter mit großen roten Niesen- segeln auslaufen. Doch inmitten dieses rührigen Hafenbildes ragt auf einem Inselchen La Lieutenance. ein kleines graues Kastell aus dem 16. Jahrhundert, die alte Residenz des Königs- lentnants in Honfleur. Bröcklige Türmchen drohen eifrig nach dem Meer, sie erinnern durch ihre Haltrmg an die Kämpfe die sich um diesen Ort entfesselt haben, denn wer aus England auf der Seine landeinwärts bringen wollte, hatte sich zuvor mit Honfleur auseinanderzusetzen. Dieses Kastell ist ein kleines 00111601 für die doppelseitige Stellung der Normandie Hier haben Engländer gesessen, von hier ging eine Erpedition des normannischen Adels wider Britannien. Aus diese!» Hafen w! hundert Jahre nach Kolumbus, Samuel Ehamplain der ira,»S° fische Seeheld, mit Honfleurer Marinern aus, eroberte Kanada gründete Quebeck. — Kleine graue Burg, in drei Minuten gemächlich zu umwandern, mit einem Mörserschlag zu verschmet- tern wie strahle» deine Mauern von Vergangenheit, herb weht Seedunst in deinen Schatte», wie wittert man von diesem Inselchen in die Weite. Anders als an einer nordischen Küste ahnt man hier Geschichte, Seefahrteii, Konquistadorenleidenschafte» und Abenteuer, lieber Honfleur, auf steiler Küste, liegt unter uralten Kunden die Kapelle Notre-Dame-de-Grüce. Verträumt ruht sie bis die inbrünstige» Litaneien der Pilgerzüge sie erwecken sie ruht und schaut über das Meer hin, dem sie ihr Dasein dankt Denn Robert der Teufel, der Vater Wilhelms des Eroberers hat sie gegründet zum Dank für eine Errettung aus Seenot' Jeder goldene Nttarsäulen strömt buntes Licht aus gemalten Scheiben; auch in diese Stimmung rauscht wieder die Se- di» wundertätige Maria ist mit Bildern von schrecklichen Schiffbrüchen. mit Votivtafeln und Modellchen von Seglern und Barkassen eingefaßt. I» einer kleinen Bude am Eingaiig kauft man schlanke geweihte Kerzen; die Normannen sind fromm; la Eüte de Grace, Küste der Gnade, heißt dieses Streifchen am Meere. Guillaume-le-Conquerant, Wilhelm der Eroberer, der Held der Schlacht von Hastings: sein Name dröhnt hart und kriegerisch in der Geschichte der Normanne». Eine der entzückendste» Stätten dieser Küste erinnert an ihn, die Hostellerie de Guillaume-le- Eonquerant bei Dives. Eins jener Gehöfte aus dem 16. Jahrhundert, mit Efeu über verwittertem Mauerwerk, enthält Köstlichkeiten alter normannischer Kunst. Ein ganz märchenhafter und verträumter Schloßhvf, als käme niemals ein Mensch hierher verwildert und mit heimlicher, kaum spürbarer Liebe gepflegt' Dleppige Dlütenfülle strömt aus mannshohen Fayencen, Grün wuchert über poröse Steinfigure», aus hohem Gebüsch' blicke» die zierlichsten Fachwerkerkerche». In schmalen Galerien, in engen Säle» ist eine Fülle der entzückendsten Dinge geordnet: Truhen, geschnitzte Türen, Simse und Kamine, Gobelins, gemalte Tapeten, gehämmertes Messing und Zinngerät. And aus allen diesen Dingen schlägt urplötzlich die alte normannisch« Kunst ihr Auge auf, wunderbar zeigt sie ihre zwiespältige Durchdringung und ihren Ausgleich. Der Herrscher, nach dem sie ihren Namen empfing, war längst tot, als sie eingerichtet wurde, aber sie trägt heute noch sein Wahrzeichen als Symbol. Dieses Schlößchen ist nun höchst reizvoll — aber das überwältigende Erlebnis vom normannischen Mittelalter empfängt man im Angesicht von Mont-Sainl-Michel. In ihrem Westen, dort, wo die Normandie in die Bretagne übergeht, schiebt die Küste die Halbinsel Manche vor; in ihrem südwestlichen Winkel liegt die Insel Mont-Saint-Michel. I» alten Zeiten hieß sie Mont-Tombe, denn eine schöne keltische Sage erzählt, daß sie eines der „tombes de la mer“. der Meergräber sei, auf die die abgeschiedene» Seelen geführt wurden, um vom Rauschen der, Wellen in ihren letzten Schlaf gesungen zu werden. Sie ist, bei einem Umfange von tausend Meter», ein winziges Inselchen, aber sie schiebt ihren granitenen Rücken gegen hundert Meter aus der See hervor, Keil, jäh, unvermutet schießt sie aufwärts, ein Felsblock von großartiger und trotziger Abgeschlossenheit. Die Fischerkvlonie, zweihundert Einwohner, deren Häuschen an diesem Granit emporkletterten, Bietet auch jetzt noch das unverfälschte Bild normannischeii Mittelalters. Aber erst auf dem Fundament dieser Plattform, hundert Meter über der See, ragen Kirche und Denediktinerklvster. Man konnte nicht in die Weite bauen, so baute man in die Höhe. Riesenhaft wachsen die Mauern, Etage türmt sich über Etage, und als tonne sich Mont-Saint-Michel an himmelstürmender Höhe und Hoheit nicht genug tun, als wollte sie sich selbst inS Gigantische übersteigern, stößt endlich ein Turm in die Wolken, schlank und Khn wie ein Pfeil. Des Raumes Enge zwingt die - 254 romanischen Formen, in die Höhe zu streben, gotisch zu werden, so schob dieser Koloß in schlanker Mächtigkeit empor. Das Wunder des Westens, sagen die Franzosen. .Und wo ward Aehnliches geschaffen., wo durchdrangen sich Raturgebild und Kunst zu solchem Ausgleich? Die Mauern (aus dem 12. und 13. Jahrhundert) sind so innig mit ihrem Fundament verbunden, dah Kirche, Kloster und Pfeilturin unmittelbar aus den Wellen in den Himmel wachsen. Mont-Saint-Michel scheint da zu sein, Wolken und Wasser zu verbinden. Eine Insel, die in der Anendlichkeit schwebt. Sie schwebt. Wenn die Sonne hinter der Kathedrale versinkt, die Mauern sich schwärzen, nur der Insel gigantischer Schatten- rist noch gegen den Himmel steht, während die Spitze des Turms schon von Wolkenschleiern umsponnen wird, entfaltet sich um Mvnt-Saint-Michel die wundersamste Vision. Jetzt hat sich die Insel von der Erde gelöst und schwebt langsam aufwärts. An- endlich einsam ist sie jetzt geworden, hoch und abgeschieden von allem Irdischen, ein heiliges Land. Mont-Saint-Michel ist tot dieser Abendstunde Montsalvat, die unerreichbare Burg, die im roten Gralskelch das verehrte Blut Christi bewahrt. Der Städtebauer. Bon Hermann Hesse. Cs war, glaube ich, früher doch schöner als heute —, früher, damit meine ich jene Jahre des Wartens und Hungerns, da unser einziger Besitz ein Paket ungedruckt er Gedichte, abgewiesener Baupläne oder unleserlicher Artikel war. Jetzt sind wir Freunde von damals, soweit wir noch, leben, alle „etwas geworden", der eine Redakteur, der andere Professor, der dritte Zeichenlehrer und so weiter. Wir haben geheiratet, wir zahlen unsere Steuer und Miete und essen jeden lieben langen Sag satt und gut, wir genießen sogar das, was wir früher „Anerkennung" nannten und- was so anders, so viel saurer und fader schmeckt als wir's uns damals träumten. Ja, wir sind zum Seil geradezu berühmte Herren geworden. Damals! Damals waren wir norft Lumpen, auf gegebene und von inneren Missionaren aufgesuchte Verlorene, Stammgäste billiger Volksküchen und namenloser Weinkneipen, Hungerleider und Schuldenmacher. Da gab es noch den Klub der „Entgleisten", der obdachlos und von Gläubigern verfolgt, von einem Wirtshäuslein ins andere flüchtete, um überall nach rasch erschöpftem Kredit wieder zu verschwinden. Wir waren Lumpen und Zigeuner, aber wir waren feine „Bohemiens", wir lagen nicht mit langen Locken in den Kaffeehäusern herum und spielten nicht im Interesse kleiner Anpumpereien die verkannten Genies. Denn so wüst wir zuzeiten auch, taten, es war uns doch das Elendsein noch nicht zur Pose geworden, und jeder von uns sah in guten Stunden an seiner heimlichen Arbeit und verlor im Stillen nie ganz die Zuversicht, er werde sich doch noch herausreihen und die Welt zur Anerkennung zwingen. Damals sah ich eines Abeirds in meiner kleinen, finsteren Stube und öffnete einen dicken Brief, in welchem mir eine Münchener Zeitschrift zwei Rovellen und einige Gedichte mit freundlichstem Dank für die liebenswürdige Einsendung als leider nicht verwendbar zurückschickte. Es lag mir ferne, dem Redakteur darum zu grollen, denn ich war an dergleichen ge- tvöhnt, auch lebte in unserem Kreise die Anschauung, ein Gedicht müsse schon schandbar schlecht sein, um von einer beliebten und honorarzahlenden Zeitschrift auf genommen zu werden. Mit etwas bitterem Stolz legte ich meine Manuskripte in die Schublade zurück, zu den andern. Ich hatte an jenem Sage außer einem Teller Kartoffeln keinerlei leibliche Genüsse gehabt, und je länger ich meinen Zustand bedachte, desto notwendiger schien es mir, heute abend noch einen rechtschaffenen Schoppen Wein zu trinken. Im „Helm" stand ich aus üppigeren Zeiten her noch in Ansehen, ich hatte dort nur unbedeutende Zechschulden und beschloß, diese heute um ein kleines zu vermehren. So lief ich in den „Helm" und ahnte picht, welcher Freude ich damit entgegenging. In der engen altmodischen Elsässer Weinstube fand ich beim Eintreten ben von mir bevorzugten Tisch auf seltsame Weise besetzt. Es sah an der Breitseite ein junger, schmaler Mensch und hatte vor sich die ganze Tischfläche mit gewaltigen Papier- stückeir bedeckt, auf denen er eifrig zeichnete. Die Blätter bestanden aus braunem Packpapier, und kaum hatte ich sie gesehen, so wuhte ich, woran ich war und klopfte dem Zeichner fröhlich auf die Schulter. „Städtebauer, was tust du hier?" Der Städtebauer zog zuerst eine Linie zu Ende, ehe er aufblickte. Dann glänzten mich, seine guten, großen Kinderaugen freundlich an. „Ich arbeite da etwas", sagte er schüchtern. „Ja, das seh ich. Aber wo kommst du her? Ich dachte, du Wärst jetzt ungefähr in Rom." „Ach, Rom! Rach Rom hat mich's nie gezogen, weiht du. Ich bin bis Mailand gekommen, und da waren meine Stiefel kaput. Ein elendes Rest, das Mailand, weih du, nichts als Kitsch,. Ich kam auch mit dem Italienischen nicht recht zuweg." „And da bist du umgekehrt?" „Run ja, das heiht, iah mich, erst ausreden! Also Mailand war nichts. Aber da ist ja in der Nähe diese sogenannte Certosa, so zwischen Mailand und Pavia, bloh ein paar Stunden weit, mit einer furchtbar berühmten Fassade, soll das Schönste in ganz Oberitalien sein. Das wollte ich! doch noch sehen. Ich lief also hin, die staubigste und flachste Landstratze der Welt, verirrte mich, auch noch und kam also endlich in das Dorf. Torre heiht es, unb die Certosa liegt so zehn Minuten davon'. Ra, die Fassade, was soll ich sagen? Romanisch, glaub ich Sie ist auch ganz gut, im ganzen, aber sonst der reine Raritätenkastein, mit lauter solchen klassischen Figuren und Porträtreliefs und Ornamenten. Alles Kein, zierlich, miniatürlich, und dahinter kommt bann eine protzige Kirche und bas Kloster. Ich dachte, so ein Kloster in Italien, so ein großes, reich,es, da mutz schon man dran sein. Aber nichts! Ein Geschachtel und Gewinkel, Kreuzgänge wie Kasentenhöfe, groß und slach und tot und langweilig. And ich hatte noch einen Franken gezahlt fürs Ansehen." Er lachte ärgerlich. „Da bin ich umgekehrt und über den Sinrplon heim. Es war ein Amweg, aber die Seen und all das malerische Zeng dort in Oberitalien hatte ich, über. Im Wallis war's dann schön! And jetzt bin ich wieder da." „And sonst hast du von Italien nichts gesehen?" „Rein, eigentlich, nicht. Weiht du, die Architektur, das ivar mir verleidet, das meiste ist ja solche Renaissance. And zu Fuh kommt man eben nicht recht vorwärts. Eins hätte ich gern gesehen, das Meer! Ich denke mir so eine Felsenküste, gelb und steil, es muh was drin stecken, etwas von Kampf unb Versöhnung, Wucht, Stil. Aber es war noch weit, unb dort um Genua herum ist doch alles versaut und verbaut mit Hotelnestern, da gab ich's lieber auf." „Ja, und jetzt?" „Ja so, ich will da Platz machen, dah wir trinken können." „Du hast schon wieder Arbeit vor?" ' „Natürlich. Jetzt war ich doch zwölf Wochen unterwegs und kam zu nichts." „Was machst du denn Neues?" - „Ach. laß nur!" „Nein, her damit! Wieder eine Stadt?" „Mach, doch keine Scherze, du! Ich kamt ja schließlich nicht immer bloh Städte entwerfen." „Also was?" Er lächelte und genierte sich wie immer. Dann sagte er leise: „Ein Kloster." „Herrgott, Mann! Ein Kloster!" „Ja, warum nicht?" „Wartmt nicht? Man baut doch keine Klöster mehr!" „Nicht? Das wäre doch! einerlei. Man könnte es ja als Schule ober so verwenden, als Aniversität oder Institut, nicht?" „Kann schon sein." „Nicht wahr? Siehst du, das Schönste wäre ja eine Stadt oder ein Dorf zu machen, aber dazu kommt's doch nie! Ein einzelnes Haus ist ja nichts! Nun wäre so etwas wie ein Kloster die einzige Möglichkeit. Da könnte man etwas Ganzes unb Aeberlegtes bauen, einen durchdachten Komplex, wuchtig und eins aus dem andern." „Wie bist du denn darauf gekommen?" „Nun, wir sprachen ja davon. Dort bei Mailand." „Bei der Certosa?" „Ja, freilich. Man tarnt so etwas viel schöner ntachew Schade, dah du nichts von Grundrissen verstehst. Ich habe da einen, der macht mir eine Riesenfreude." „Wir sehen ihn später an. Jetzt könnten wir aber einen Elsässer trinken. Hast du Geld?" „Geld? Eine Menge. Ich hatte ja dreihundert Mark für die Reise, weiht du!" „Ist davon noch was übrig?" „Wo soll's denn geblieben sein? Ich habe mindestens noch hundert Mark im Sack." „Dann bestell nur einen Liter." Die Blätter wurden abgeräumt und weggelegt, der Liter fuhr auf, und wir stießen an. Da stieß mir des Geldes wegen bodji ein Argwohn auf. Der Städtebauer hatte von einer Stipendienverwaltung ganz unerwartet dreihundert Mark zu einem Studienausflug bekommen. Aber nun hatte er ja nur eine Futzreise von zwölf Wochen gemacht, nichts studiert und außer der Certosa unb Mailand nicht einmal etwas gesehen. „Du, das gibt aber noch Stanzereien mit der Kommission", warnte ich. „Du muht doch Studien vorlegen." „Das tu ich, auch. Morgen geht's dran." „Hast du denn unterwegs gezeichnet?" „Das nicht. Aber ich weih doch, wie so ein Renaissancepalast ausschaut .Was anders wollen die Herren nicht. Da mache ich nun eben in aller Ruhe daheint eine Keine Mappe voll, ein paar malerische Ansichten, ein paar Fensterbögen, und das wird vorgelegt." Ich, war beruhigt und wir tranken unfern Liter in Frieden, der Städtebauer lieh mir sogar eine Portion Schinken bringen, und als ich merken ließ, dah ich noch burftig sei, bestellte er, obwohl er selber kein Trinker war, ohne Widerrede auch den zweiten Liter. Der solide Elsässer glänzte matt in ben ftrhlosen Gläsern, mein Freund war warnt geworden und tarn tns Reden. Er packte seine Papierstücke wieder auS, legte sie nebeneinander' .4 - 255 Die Heimkehr. Don Hermann S t e g e m a n n. tgortf eijung.) Es war schon eine Weile, daß Annelies die letzten Worte gelesen hatte, da sagte der Vater mit seltsam hohler Stimme: , „Er hat mir Lebewohl gerufen. Ich geb's ihm gern zurück. Heim sindet er den Weg ja doch nicht mehr." ,„Auf allen vieren', hat er geschrieben, Vater." „Laß gut sein, Annelies." Sie wagte nicht mehr, zu ihm hinzugehen, legte den Brief nig den Tisch und ließ ihn allein. . Als die Tür ins Schloß gefallen war, wandte er sich um. Die Augen waren gerötet, bis ins Weiß lief ein Spiel blutiger Aeder- chcn, und an den Schläfen bäumten sich blaue, zackige Adern. Aber er reckte den Kopf mit Anstrengung aus den Schultern und setzte die Hornbrille auf, nahm den Brief, hielt ihn hoch unter das Dccken- lämpchen, in dem der Glühdraht zitterte, und las den Brief seines Sohnes. Dann schrieb er mit mühsamen Federstrichen an Berthold Nokk, er gebe seine Einwilligung und seinen Segen zu der Verbindung mit der Annelies. „Es ist mir recht, wen ihr bald heiratet, ich erleb's gern noch , hieß der letzte Satz. Gegen Morgen fuhr der Hund, der vor der Tür des Schlafzimmers seines Herrn zu schlafen pflegte, winselnd durchs Haus. Annelies schreckte aus unruhigem Schlaf, und ehe sie noch an die Tür des Vaters kam, wußte sie, daß etwas geschehen war. Sie fand ihn im Bett, und em schwer röchelnder Atem stieg aus seinem Mund, und vergeblich war alles Mühen, ihn zum Bewußtsein zu bringen. Kein anderes Lebenszeichen als dieses qualvoll« Atemziehen. Der Brief an Berthold Nokk lag im Umschlag, mit Aufschrift und Marke versehen, auf dem Tisch der Brief des Hans, von verkrampften Fingern zerknittert, auf der Bettdecke. Die Rosine lief zum Arzt. Am dritten Tage kehrte dem Forstmeister das Bewußtsein wieder, auch die Sprache stellte sich wieder ein, aber eine bleierne Schwere hielt ihn ins Bett gestreckt, und fein Herz schlich müd und schwach. Da trug Annelies auf feine Bitte den Brief an Berthold Nokk auf die Post. „Erzähl' mir von der Fremdenlegion", bat der Vater, und sie fragte in der Buchhandlung am Markt und in der Volksbibliothek nach Büchern über die Fremdenlegion, und als der Kranke sich über die düsteren Schilderungen erregte und der Arzt diesen Gesprächsstoff verbot, erwiderte sie, es wäre verlorene Mühe, den Vater davon abzulenken. Er lebe nur noch in dem Gedanken an den Sohn. Zwei Tage später kam Nokk. Annelies war ihm entgegengegangen und wartete bei seiner Mutter auf ihn. „Ich wäre gern zu euch gekommen und hätt' den Meltzer um die Gesundheit gefragt." Mit diesen Worten wurde sie von der stait- lichen Frau empfangen. „Aber ich hätt' ihm wüst gesagt und die Leviten gelesen wegen seiner Steckköpferei und der Dienstbarkeit, in die er sich spannt, und so hab ich's lieber gelassen." „Das hättet Ihr nicht, wenn Ihr ihn in feinem Bett sähet , antwortete das Mädchen ruhig. „Ja, die Mannsleut — im Bett find sie weich wie Hefenteig , spottete die Mutter des Berthold, aber sie schwieg nun und stach mit ihren langen Klöppelnadeln eifrig ins Garn. Erst als der Sohn in der Stube stand, legte sie sie beiseite und stand auf. „Die Mutter geht vor, Annelies, komm her, Beriyel! Sie faßte ihn bei den Händen und blickte ihm prüfend ins Gesicht. „Grüß dich Gott, Bub, du bist wohl zuwege. Kannst heiraten von mir aus. Da steht die Annelies." Und ohne ihn zu umarmen, drehte sie ihn mit einem Lächeln dem Mädchen zu, das blaß neben dem Stuhl stand. Einen Augenblick wartete sie noch, um die jungen Leute zu betrachten, dann gab sie sich einen Ruck und sagte wichtigtuend, sie ginge den Kaffee holen. „Wellen und Anbrühen muß ich ihn noch, fetzte sie hmzu und lächelte, daß ihr Gesicht ganz hell und jung wurde unter dem vollen braunen Haar, in dem erst wenige graue Streifen glänzten. Die Annelies war ernst geblieben. Abwehrend, beinahe trotzig stand sie auf dem alten Fleck und bot Nokk nun die Hand. „So kommen wir endlich zueinander, und du bist mir sogar em Stück Wegs entgegengegangen", begann er und zog sie leise an sich. „Ja, Berthe!, aber um mit dir zu reden", entgegnete sie und widerstand. , .. _. „Ich weiß, daß der Forstmeister krank ist, die Mutter hat s geschrieben In seinem Brief war er’s noch nicht." „Das ist's nicht. Ich komm, um dir zu sagen, daß ich noch nicht ans Hochzeiimachen denken darf; gleichviel, ob er krank bleibt ober gesund wird, ich bleibe bei dem Vater." „Annelies!" rief er heftig und gab ihre Hand frei. „Es ist so, Berthe!", versetzte sie sanft. Er kannte sie und wußte, daß ihr Entschluß gefaßt und unabänderlich war. . „ „ .. Sie blickte ihn liebreich an. Er halte schon em paar Querstriche auf der Stirn, und von feinem Aufenthalt in Spanien, wo er ein Jahr beim Bau der Pyrenäenbahn beschäftigt gewesen war, hing noch ein gelblicher, (eberfarbener Schein im Wangenrot. Unter bem braunen Schnurrbart preßte er finster bie Lippen. „Ist's wegen bem Hans?" fragte er endlich kurz. „Weil er an dem Hans zugrunde geht, allein deswegen ifts, antwortete sie leise. „Er geht auch so an ihm zugrunde , versetzte er schroff. . „Wenn der Hans nicht heimfindet, ja. Aber ich will bet ihm sem, Berthcl." . . „Und [ein Brief, fein Wille! Denn er hat einen Willen, der Meltzer, und mit dem Brief heißt er dich heiraten." „Ja, und weil er mir meinen Willen tut, so hab ich auch die Freiheit, bei ihm zu bleiben, bis —" Sie hob die Hände zu einer traurigen Gebärde und ließ sie verstummend wieder sinken. f m ... „Da hätte ich ja nicht erst zu kommen brauchen , sagte Berthold nach einem Schweigen mit gemachter Ruhe. Doch mir zuliebe schon", versetzte Annelies, und ihre Lippen zuckten schmerzlich. Und als er nicht antwortete, ergriff sie seine Hand. , . . , „Ich geh' jetzt, Berthe!. Komm morgen zum Vater und sag ihm, daß wir warten, bis — ja, bis übers Jahr." „Hebers Jahr? Sag über zehn Jahre! Woher weißt du denn, daß ich noch langer warten will? Ich kann dir die Bedingung stellen, Annelies, wir heiraten in drei Monaten oder nie." Sie richtete sich hoch auf, das war die Tochter des Matthias Meltzer. „Ja, das kannst du, aber bann ist es aus zwischen uns. Ich hab dich viel zu lieb, um mich zwingen zu lassen. Leb wohl, Berthe!! Hart an ihm vorbei ging sie zur Tur. Als sie an ihm vorbeigeschritten war, schlang er ihr plötzlich von hinten bie Arme um bie Schulter und hielt sie fest. und zeigte mir den Plan seines Klosters. Seine Kinderaugen glänzten, ferne hageren Finger führet! leidenschaftlich über den Grundriß und ließen in drastischem ®'<)ärben den ganzen Dau vor mir aufwachsen. null aneinander" jenbe Kirchen, eine große und eine kleinere, et m die Mitte und schlossen von zwei Seiten den nicht sehr großen Kreuzgang ein. Vorhallen, Refektorien, Lehrsäle, Wohnungen, Wirtschaftsgebäude und zwei Brunnen schlossen sich an, zwei gewaltige Türme schützten und zierten den Eingang, und hinten schloß ein ummauerter Park das Ganze ab. Solange wir über den Plänen faßen, wollte es mir selber unbegreiflich scheinen, daß man heutzutage keine Klöster mehr baue. Mein Freund entwickelte aber nicht nur seine Baupläne. Gr sprach von dem Leben, das in einer solchen klosterartigen Kolonie möglich wäre, die er sich von Künstlern und Gelehrten mit ihren Schülern bevölkert dächte. Er träumte von universal gebildeten, reineren Menschen, von edleren Bündnissen und Freundschaften, von schönerer und zarterer Geselligkeit, von lebendigerer Arbeit itnb bunteren, freudevolleren Festen als man sie heute kennt. Ich vergesse nie, wie er dabei leuchtete und wie zart und ernst und eifrig seine leise Stimme klang! Das waren die Stunden, in denen er wahrhaft lebte. Wieviel phantastisch ungeheure Pläne hatte er gezeichnet, von Städten, von Lörfern, von künstlichen Inseln und Lagunenbauten! And alle waren nur ans dem Trieb entstanden, feinen Kulturidealen und Zilkunftsträumen eine sichtbare Folie zu geben; sie waren nur Rahmen zu Traumbildern, nur beiläufige Illustrationen zu seinen Lebensgedanken. And noch nie war ihm eingefallen, dem Weltlauf nachzugeben, sein Ideal zu beschneiden, seine Pläne aufs Mögliche und Nützliche zu reduzieren. Lieber litt er Not, lebte von Zeichnungen für Zeitschriften, von Aushilfsstunden und gelegentlichen (Beiträgen in Fach- blättern, als daß er der Wirklichkeit nachgab und schlechthin Architekt wurde, wie er hätte sein sollen. Was lag ihm daran, „einzelne Häuser" zu bauen! Wir blieben bis spät in die Nacht beisammen. Er erzählte Von seiner Reise, von Fußwanderungen durch Waldtäler und Über Hochpässe, von Art und Lebensweise der Leute in fremden! Gegeiiden. Dann trennten wir uns fröhlich uiid als wir uns nach einiger Zeit wiedersahen, war der Rest seines kleinen Reichtums dahin, und er lebte wieder in der alten Enge. Ich! war zu ihnr gekommen, um einen Kaffee zu erlangen, aber er hatte auch feinen mehr und wußte selbst noch nicht, wo er heute würde elfen können. Etwas enttäuscht wollte ich weitergehen, da hielt er mich am Arm zurück und nahm mir den Hut ab. „Nein, Junge, so ganz leer sollst du doch! nicht abziehen. Warte mal!" And er holte ein Buch, zwang mich zu sitzen und las mir ein paar schöne Seiten aus Wolftam von Eschenbachs „Parzival" vor. Ich möchte wissen, wo alle seine Zeichnungen und Entwürfe hingekommen sind. Er selber starb früh und unter traurigen Ämständeii, und ich erfuhr es erst, als er schon unteön Boden war. Oft, wenn ich, an jene schönen kecken Jahre denke, sehe ich ihn und höre seine eifrige Stimme und habe das Gefühl, er sei uns allen ein guter Geist gewesen. Auch jetzt noch wenn ich müde und in Gefahr bin, nachzugeben und unsere Hoffnungen von damals Träume zu schelten, brauche ich nur an ihn zu denken, dann weiß ich wieder, daß wir doch recht hatten, und daß es besser ist, sich treu zu bleiben und Zukunftsstädte zu träumen, als einzelne Häuser zu bauen. — 256 — Sie wehrte sich, da füllte er sie flink auf den Mund und nahnt ihr mit diesem Kuß die Kraft, Widerstandslos hingegeben schmiegte sie sich an ihn und erwiderte seine Küsse mit weichen, zärtlichen Lippen. „Morgen reden wir weiter", raunte er da, da kam die Mutter mit dem frischgebrühten Kaffee und tat, als sähe sie nichts von den beiden Liebesleuten vor Einschenken und Zuckerumrühren. „Morgen komm' ich, Annelies!" „Ja, wie wir ausgemacht haben", erwiderte sie und war wieder die Besonnene, Willensstärke. Am Abend stand sie bang am Fenster und sah auf das grau- bleiche, von kaltem Regen überschüttete Tal. In dem Tannenforst, der hinter dein Buchenwald hinanstieg, lagerten Nebelfchwaden, und über der dunklen Rheinebene schrvamm ein rostgelber Schein. Die Vogesen waren ertrunken in Dunst und Trübe. In drei Monaten oder nie? Also nie! Wenn jetzt ein Wunder geschähe und der Hans käme heim, aber gerade so "gut konnte ein Unglück geschehen, und der Tod trat ein. Sie biß die Zähne zusammen und zwang ihre meisterlosen Gedanken zur Ruhe. „Morgen kommt der Berthold, ’J$ater", sagte sie, als sie ihm gute Rächt wünschte. „Ist recht. Sag', ist ein Brief da?" „Rein, so wahr ich lebe. Ich sag's dir sicher, ich habe ja dein Vertrauen." „Wenn er dnrchtonnnt — er ist ein witziger Bub — wenn er durchkommt — einer, der'» Heimweh hat, kommt durch. ,Aus allen vieren1, hat er geschrieben — so einer kommt durch." „Ja, Vater!" Sie schlief, müd vom Denken, einen unruhigen Schlaf, in dem wirre Träume spukten, und war sehr blaß am andern Margen. Der Forstmeister saß hochgestützt in den Kissen, als sie den Berthold zu ihm führte. Eine weiße Sonne stand kalt und strahlenlos am grauen Himmel. Die Knospen froren. Rach den ersten Worten der Begrüßung wollte Annelies das Zimmer verlaßen. Da bat Berthold den Vater: „