Gießener KmilieMatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 Samstag, -en ly. Juli Nummer 55 Aus dem Nachtlied Zarathustras. Von Friedrich Nietzsche. Nacht ist es, Nacht! Nun reden lauter alle springenden Brunnen, Meine Seele ist ein springender Brunnen. Nacht ist es, Nacht! Run erst erwachen alle Lieder der Liebenden, Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden. Ein ungestilltes, unfülibares Ist in mir, das will laut werden. Eine Begierde nach Liebe ist in mir. Die redet selber die Sprache der Liebe. Nacht ist es, Nacht! Elisabeth Förster-Nietzsche. Zu ihrem SO. Geburtstag. Von Dr. Anselm Rus st. Wer heute Weimar besucht und an den Erinnerungsstätten „Goethe" und „Schiller" unwillkürlich den Hauch eines fern, fern Zurückliegenden verspürt, der versäumt jetzt meist auch nicht, seine Schritte nach dem Haus auf der Höhe zu lenken, in dem vor' wenig mehr als einem Vierteljahrhundert Friedrich Nietzsche gestorben ist. Dort in den Räumen der von Van de Velde zur monumentalen Stätte des „Nietzsche-Archivs" gestalteten Villa „Silberblick", von der man eine weite herrliche Aussicht auf die alte Jlmstadt genießt, waltet noch rüstig die Schwester Nietzsches selber, Frau Elisabeth Förster — und hier hat man noch so gar nicht das Gefühl sich ansetzender Patina, einer irgend zum Stillstand gekommenen Entwicklung. „Der werdende Nietzsche", so heißt nicht umsonst noch eins ihrer letzten Bücher, als ob die Greisin nun erst recht, bei höheren Jahren, sich tiefer erinnerte; hatte sie doch^schon 1912 dem „Jungen Nietzsche" allein ein Buch von fast 500 Seiten gewidmet, nachdem sie ihm erstmals vor. dreißig Jahren in der zusammenhängenden großen dreibändigen Biographie (1896/1904), und wieder dann in vielen Einleitungen zu den Schriften, sowie, Einzelaufsätzen, unermüdlich nachgegangen war. „Wiederholt sie sich da nicht unweigerlich?" ist unsere erstaunte Frage, — aber da wird die Antwort immer ihr Werk selbst, ihre eigenste Gründung erteilen: denn wie schon der Bruder ein ewiger Wanderer war, Erwanderer seiner Gedanken, schließlich ein Gipfel-Wanderer, dort, wo unzählige Quellen zu Tale streben, so erscheint nun l)eute dieses Archiv gerade, das die Schwester angelegt, wie ein ernstes Sammel- und Staubecken all der stürzenden Wasser und Brunnen des Erkennens, die seinem einzigen Geiste entsprangen! Und hier, bei den heutigen Waltern und Regulierern dieser Schätze eben ist es, wo man das Gefühl hat, daß noch ein ewiges Fließen und Neuentspringen statt hat, ein noch ewig werdender, längst nicht erstarrter Nietzsche-Strom seiner lebendigen Fluten, Nährquellen erst jener künftigen Kultur, weiter nach unten wälzt. Und darum, hauptsächlich deshalb ist es, weshalb wir heute Frau Elisabeth Förster-Nietzsche an ihrem 80. Geburtstage aus ganzem Herzen gratulieren: ihr als der Bewahrerin eines größten deutschen Erbes, ihr wie einem Unterpfand, ja der Großsiegelbewahrerin eines allgemeinen Kulturerbes, zu welcher Rolle sie das Schicksal selbst berufen zu haben scheint. Stand doch das Wort vom „Kolonisieren , Anhauen, Verwalten schon immer über ihrem Leben! So hat sie sich, in mehr wörtlichem Sinne, schon vor mehr als vierzig Jahren trotz Einspruchs von Mutter und Bruder keinen Augenblick bedacht, dem Mann ihrer Wahl, dem (1890 verstorbenen) Dr. Bernhard Förster, fort aus dem geruhigen Thüringen, in ein noch unwirtliches, unsicheres Paraguay zu folgen, um dort unter schwierigsten Umständen zu „siedeln", ein „Nueva Germania" sich als neue Heimat zu gründen. Und dorthin hatte ihr schließlich noch der Bruder selbst im letzten Schaffensjahr 1888, den „Sonnabend vor Ostern" aus Nizza anerkennend geschrieben: „Wie Du vom „Lebenslose" sagst, und „daß es eine schöne Sache sei, dazu zu passen", scheint mir mir wirklich in Deinem Fall keine Selbsttäuschung." „Dazu zu passen nämlich hat sie dann auch weiter, in jeder der ihr aufgesparten Lebenslagen, verstanden: denn als ihr nun im fremden Lande plötzlich der Gatte stirbt, die ausgebrochene Geisteskrankheit des Bruders sie — zunächst vorübergehend — nach Europa zurückruft, da weiß das angeborene organisatorische Element in ihr, und diesmal für so viel Höhere geistigen Dinge, sich sofort wieder das Feld zu schaffen. Das Lebenswerk Nietzsches, das unter dem Blitzschlag des Wahnsinns erstarrt — nun findet sie es also als einen ungeheuren Torso vor: ein paar fertige Druckwerke zwar, einzelne Manuskripte gerade beim Verleger, aber daneben nach ein schier unübersehbarer Reichtum an Entwürfen, Studien, Bruchstücken, und dazu die Handschriften, die Briefe, seine Bücher, mit den wichtigen Randbemerkungen, aus die verschiedensten Orte seiner Pilgerfahrt verstreut! Aus Paraguay endgültig 1893 zurückgekehrt, gründet sie schon 1894 in Verbindung mit nur wenigen Freunden, wie Erwin Rohde lind Dr. Fritz Kögel (wieviele Gelehrte aber versagten ihr damals, vollständig ahnungslos noch, jede Mithilfe!) das erste Nietzsche-Archiv in Naumburg, im Hause der damals noch lebenden Mutter, um es erst nach deren Tode, 1897, nach Weimar zu verlegen. Heute beherbergt es nicht weniger als 17 Druckmanuskripte, an 30 mit losen Blättern gefüllte Mappen, 160 Hefte, Notiz- und Taschenbücher, gegen 1500 eigenhändige Briefe Nietzsches, die Antwortbriefe darauf, darunter Briefe von Richard und Cosima Wagner, Franz Liszt, Taine u. a. an Nietzsche, sämtliche Erstdrucke der von ihm selbst noch besorgten Ausgabe — kurz, „das handschriftliche Material liegt in einer Lückenlosigkeit vor wie sonst vielleicht, Goethe ausgenommen, bei keinem zweiten Denker". lind so konnten denn bald auch mehrere, je nach verschiedenen Gesichtspunkten unternommenen Gesamtausgaben der Werke Nietzsches — die größte und vollständigste bisher brachte neben den noch von Nietzsche selbst herausgegebenen 8 Bänden nicht weniger als weiters 8 aus den bisher ungdruckten Schriften, Briefen, Entwürfen, Aphorismen bestehend, wozu schließlich noch drei weitere Bände „Philologica" tragen — von dem unermüdlichen Forscherfleißes und dem Organisationsgeist Frau Förster-Nietzsches Zeugnis ablegen. — Aber, so wird man vielleicht doch fragen wollen, gehörte nicht schließlich zur Vollendung des Riesenwerkes außer der angespanntesten Willenskraft und der unvergleichlichsten innigsten Hingabe und Versenkung immer noch der philosophische Geist des Titanen selber? Nun, wir fühlen, hier stehen wir an den Grenzen des Menschlichen überhaupt, und unser Dank darf immer schon voll und uneingeschränkt sein, wenn wir nur die Aufgabe, die solch ein Geist an jegliche Generation, vor allem aber an uns selbst und jeden einzelnen stellt, rein und unversehrt aus der sorglichsten Hand empfangen. Hier aber können „Literaturarchive" als solche, wie sie z. B. auch der Philosoph Dilthey einmal als allgemeine Forderung ausspricht, vor allem eng anschließend an das noch persönlich miterlebte Wirken der Größeren errichtet, geradezu Vorbildliches leisten — und in dieser immer noch fast einzige» Tat ist Frau Förster- Nietzsche einfach vorangegangen! Diese „einzige Tat" besteht nämlich'— was heute vergessen werden könnte — zuerst immer auch in einem einzigartigen Erkennen: der Erkenntnis von der wahrhaftigen Zukünftigke'it und Ewigkeit eines Objektes, dem bedingungslosen unerschütterlichen Glaccben daran, auch schon zu einer Zeit und Stunde, wo alle Welt ihm noch blind und taub gegenüber« zustehen pflegt! Der „einsame Nietzsche der Sils-Maria-Zeit mar ja aber schon eine furchtbare Mahnung an alle, und gehört hat schließlich diese Mahnung doch nur ... die Schwester. Gewiß war und ist Frau Elisabeth Förster-Nietzsche nie selbst eine Denkerin, Philosophin gewesen (man müßte sie eher als ein Genie des Handelns, der aktiven Tat bezeichnen), und so lag und liegt allerdings z>i jeder Zeit in ihrer eigenen unwillkürlichen Stellungnahme auch zu den tiefsten Problemen ihres Bruders leicht die Gefahr einer gewissen Verwirrung vor: wie sie denn z. B. in kritischer Zeit Nietzsches „Willen zur Macht" eine so äußerliche Interpretation gab, daß der Philosoph für viele Menschen im Ausland geradezu unter die intellektuellen Urheber des letzten Krieges zählte. Anderer- seits aber doch eben auch nur diese Schwester an ihrer lebenslangen Liebe und begleitenden Berehrung für den Bruder das erste, feinste und wichtigste Organ überhaupt für deffen Werk und Bedeutung: und leitet sie uns so seit 30 Jahren durch das Archiv die Schätze seines Geistes unermüdlich zu, so ist schon damit fraglos jedem die Möglichkeit gegeben, sie auch richtig zu verwerten! Aber, wie wir leider in letzter Stunde hören: selbst dieses kostbarste Kulturgut, das uns ein einzelner da mit unerhörter Willenskraft aus den Wirbeln der Zeit noch gerettet zu haben schien, ist in Gefahr zu versinken! Auch das Unterhaltungskapital des Nietzsche- Archivs, so lange aus den privaten Mitteln der Schwester und edler Gönner und Freunde gespeist, ist von der Inflation fast völlig aufgezehrt. Pflicht der Nation wäre es — und dies dünkt uns allerdings das einzig angemesfene Geburtstagsgeschenk für Frau Förster- Nietzsche zu [ein! —, ihr Werk aus staatlichen Mitteln dauernd zu erhalten! — 218 Dienst. Von Hans B l u n ck, Oldemaren. „Und bann machen wir Hochzeit, Marie!" „Och, Johann!" „Und dann ziehen wir in das weiße Bahnwärterhaus oben am Damm," „Och, Johann!" Cs lag noch viel Vorsicht in Marie Steens „Och". Sie hütete sich, sozusagen. Die Tanzmusik begann klirrend. Der lange Johann neigte sich weit zu ihr hinüber, als könnte ihr ein Wort entgehen. „Und dann fahren jeden Tag all die Züge vor uns längs, Marie! Erft die Güterzüge mit ben kleinen buckeligen Lokomotiven. Unb dünn die Personenzllge, bie sehen viel seiner aus. Und abends sieben Uhr, Marie" — Johann dämpfte seine Stimme, als erzählte er etwas Wunderliches, Geheimnisvolles, — „abends sieben Uhr, bann kommt der «chncüzug. Der hat eine Riesenlokomotive mit ganz gradem Nucken, doppelt so groß wie die anderen. Und die prustet inid lpiickt doppelt so laut, und Augen hat sie; wenn die um die Ecke kommen, die sehen so streng und so vornehm aus, wie . . Marie Steen blickte den langen Johann ungläubig an. „Das ist ja alles dummes Zeug!" Aber der andere eiferte: „OdU eigentlich guckt die einen gar nicht erst an die sieht nur auf den Weg unb macht, daß sie weiterkommt. Aber ich glaub, sie merkt cs doch, ob man da steht oder nicht, und es wurd ne schöne Geschichte werden, wenn man mal nicht zur rechten Zeit raus kam'. . . Weißt du, die andern, die sehen immer viel sreundlicher aus, rein als hätten sie Zeit für einen unb möchten am liebsten halten unb n kleinen Klönschnack anfangen. Die nehmen das alles nicht so ernst." „Johann, du träumst!" „Woll'n tanzen, Marie!" Der lange Johann stand auf, nahm sie in den Arm unb wartete öiy einen gmckuchen xiaft. Unb Meine toteen war stolz auf ihren Tänzer, dachte, daß wohl kein Mädchen im Saal mit einem so kräf- hgen, starken Burschen tanzte, unb hatte ihn gern. Der lange Johann aber wußte oestnnmt, baß er kein Mädchen auf der Welt so lieb hotte wie Marie «tcen, unb ihm war, als könnte er nickt leben ohne ihre luftigen, wehrenden grauen Augen. . Klaus Uhlenmnn, der Dorfbäcker, kam in den Saal. War auch ein frischer Bursch, aber breiter und ducknackiger als der lange Johann. Als er das Mädchen sah, kam er an den Tisch, als müßte es so sein. Gerade, als der andere wieder von Hochzeit unb Heiraten ansangen wollte. Eine Weile saßen die beiden eifersüchtig um Marie Steen und redeten laut, ,eder von seinem Stand, als wollten sie sich so recht ins beste Licht setzen. Aber der Bäcker brachte mehr Wirkliches er. zahlte von guten Verdiensten und vergnügten Feiertagen, während der lange Johann ein verträumter Bursch war und in allem ringsum unruhig nach einem wunderlichen Leben suchte. Und Marie Steen hatte klare, rechnende Augen. Die wollte nichts von dem Geheimnisvollen der großen wandernden Maschinen und nicht das emjame fieben oben am Bahndamm. Die hatte lustige Freundinnen und hatte gelegen, daß man das Lachen lernt, wenn der Taler ins Haus rollt. Was half dem langen Johann, daß er ein tüchtiger Tänzer war, Klaus Uhlemann backte Brot! _ ,®er Bahnwärter begann wieder seine Geschichte zu erzählen: denk oft, die Züge sind wie 'ne Herde, der Bock voran und die Wagen laufen alle hinterher, einer nach dem andern. Und alle Augenblick verpusten sie sich, bann laben ihnen die Menichen rasch was aut oen Rucken, weil sie wissen, daß sie doch immer denselben Weg rennen. Sollst mal sehen, wie so'n Güterzug da längs poltert, und stolpert, rem, als hätten sie ihm zu viel aufgebunden unb er könnt nun nicht mehr recht weiter." Klaus Uhlemann stieß Marie Steen an und wollte ihr zulachen, aber die sah verwirrt vor sich hin. Mitunter, wenn der Bahnwärter U0U seiner Arbeit sprach, hörte sie gern zu, wie man eine wunderliche Geschichte anhdrt. Es sind viele im Lande, die mit der gleichen Innigkeit, mit der Aren Vieren Vernunft gaben, heute der hämmernden Majchine Leben einhauchen. Der lange Johann war auf dem Moor ausgewachsen, war ein Grübler, wie so viele, die einsam bleiben unb Ijattc doch mit seltsamer Gestaltungskraft von früh alles um herum belebt, hatte Tiere unb Hügel sprechen lassen, unb hatte n>tzt bei mir! Du kannst ja fragen, wenn du mit ihr tanzen willst!" ,,, Der Bäcker lachte, wollte den Bahnwärter zurückdrängen und st,eß ihn vor die Brust. Er faßte das Mädchen wieder bei der Hand und zog sie mit. „Geh weg, du!" . ..Du Ufff der lange Johann eifersüchtig zu, packte den andern mit beiden -zausten und schlenderte ihn weit in den Saal hinein. , Es war alles im Augenblick gekommen. Der Wirt kam hinzu, hakte Klaus Uhlemann stürzen sehen und wollte den Bahnwärter aus dem Raum weisen. Die Musik hatte abgebrochen. Der lange Jownn schüttelte ein paar Knechte von sich ab, die zum Bäcker hielten, jah sich langsam um und begriff noch nicht recht, wie alles gekommen war. Da hörte er die keifende Stimme des Wirts, hob die Fauste und ging langsam zum Ausgang, mitten durch die zurück- drängenden Burschen. In der Tür drehte er sich um, als fiele ihm etwas em. „Komm mit, Marie!" Aber die stand am Tisch und blickte unruhig zum Wirt und über die drängende Menge, wußt nicht, wie sie sich entscheiden sollte, und begann leise vor sich hin zu schluchzen. „Komm, Marie!" Der Bäcker drängte sich zu dem Mädchen, hielt sie mit beiden Händen fest unb grinste zum langen Johann hinüber. Der wollte zuruck, em paar Fäuste packten ihn aber, warfen ihn gegen bie Türfüllung und stießen ihn über bie Treppen, daß er mit der Stint hart gegen die Brüstung schlug. Dämmerung lag über dem Land. Aus den Wolken riefelte die Dunkelheit wie große, graue Netze, die über das Land fallen. Von den Waldern kamen Schatten, riesengroß, krochen über Höhen und Wiesen und verspannen alles in einförmige, müde Farben. Der lange Johann erhob sich taumelnd, fühlte, wie ihm Blut von der etirn rann, und versuchte, es mit einem Tuch zu stillen. ®r begriff noch nicht, wie alles gekommen war. Nur eine unsinnige Wut erfüllte ihn, er wollte zurück in ben Saal, aber die Tür war versperrt. Da lief er rings um das Gebäude, konnte nirgends etnbrmgen und wartete eine Weile in dumpfer Gier, ob sich nicht jemanb hinauswagte. Ein frischer Wind kam von Westen und brachte ihn zur Besinnung. Ihm fiel ein, daß Maria Steen noch drinnen war, daß der Backer sie gehalten hatte, und langsam wandte sich sein Zorn allein gegen Klaus Uhlemann, verdichtete sich zu einem Hasse, der alle »»deren Gedanken zurückdrängte. Eine Weile ging er vor dem Gasthaus auf und ab, und preßte bie Nägel in die Fäuste und atmete schwer und keuchend. Dann fürchtete er, daß man ihn sehen könnte; er lief weiter ins Dorf, vor Klaus Uhlemanns Gewese, warf sich ins Gras und fühlte, wie fein Blut in dumpfer Unrast durch die Schlafen rollte. So lag er wohl eine Stunde. Einmal ging irgendein Bauern- tnedjt vorbei, der ihn wohl mit ben andern hinausgestoßen hatte, aber der lange Johann biß die Zähne zusammen, duckte sich und lauerte weiter auf ben Bäcker. Ein paar wunderliche Gedanken tarnen ihm. Er dachte, daß es wohl aus fein würde mit dem Bahn- warkerhaus, daß da oben ein anderer einziehen müßte, wenn er erst Klaus Uhlemann gestellt hatte. Er fah die Züge vor einem Fremden vorbeifahren, und ihm war, als ob sie neugierig nach dem Warterhaus hmblickten: Wo ist der lange Johann geblieben? Er be- 8urihfU6er s'ch 3“ lachen, unb doch blieb ein unruhiges Gefühl Einmal kam ein Mäbchen vorbei. Der Bahnwärter horchte, und chm war, als schluchzte sie leise. Ob das wohl Marie Steen war? Er starrte durch die Dimkelheit und wollte ihr nachgehen, bis er Plötzlich wieder an Klaus Uhlemann und seinen Haß dachte Was wollte er noch sagen? Aufspringen wollte er und sich mitten in den Weg stellen. „Das hast wohl nicht gedacht, Klaus Uhlemann!" Und dann wollte er aufpassen, ob der andere feig’ wär' und das Messer zog, dann wollt' er schon sehen, wie er ihm beikam, und . . . Ein wunderlicher Schreck durchrieselte den Bahnwärter plötzlich. Wie lange roar’s noch bis zum Schnellzug? Das war wohl nicht weit. Er wollte über seinen Eifer schelten, sagte sich, daß er ja doch aus dem Bahnwärterhaus weichen müßte, wenn er erst den Bäcker gestellt habe . . . Aber wer war an der Schranke, wenn die grellen Augen um die Ecke kamen?! Er suchte unruhig nach der Uhr in der Tasche, wollte sehen, wie viel es war. Aber es war zu dunkel. Da hob er das Glas heraus und fühlte mit ben Fingern nach. Eine gewaltige Unruhe kam plötzlich über ben Bahnwärter. In emer Viertelstunde war es so weit, mußte der Schnellzug vorbeikommen, und er war nicht da! Er schüttelte den Kopf und wollte über seine Angst lachen. Dann überlegte er wieder. Ob er nicht eben hmaufging zum Zug? Er konnte ja zurückkehren. Ader wenn Klaus Uhlemann inzwischen kam? Er sah wieder die mitleidlosen Augen des andern, hörte das schwere, eherne Rasseln des Schnellzuges unb sein dichtender Glaube hörte Worte aus dem Dröhnen der Räder. Die waren zornig und befahlen, fragten nicht nach Marie Steen unb Klaus Uhlemann, die kamen weit her und kannten feine kleinen Sorgen und Gebrechen nicht . . . Vom Gasthaus drangen ein paar Stimmen herüber. Der Bahnwärter lauschte in tiefer Erregung durch die Nacht. All seine Sinne waren aufs höchste gespannt. War das nicht Klaus Uhlemann? Er horchte noch — da scholl durch die Stille ein ganz ferner Pfiff, den trug der Wind wie einen Ruf über das Land. Der lange Johann fuhr kerzengerade auf, sprang auf den Weg und griff mit den Armen in bie Luft, als müßte er sich halten. Das — das war der Schnellzug — und er war nicht da! Er war nicht da! Der Bahnwärter jagte plötzlich in gestrecktem Lauf zum Bahndamm, so rasch ihn seine Füße tragen konnten. — 219 — Vsm SSoff. Von Professor Dr. Poul Kirchberger. (Nachdruck verboten.) NAenasis^u, deren Blüte in die Zeit vor 80 Jahren [9^/.. erschien die Materie, der Stoff, als der letzte, einfachste, keiner Erklärung bedürftig kurz selbstverständliche Grund aller Dinge. Nach 80jahnger Forschung wiflen wir nun, daß cs kaum eine schwierigere Frage gibt, als die nach dem Wese» des Stoffes, und ie weiter unsere Forschung vordringt, um so sicherer erkennen wir wie wenig wir darüber wissen. ,, Berhältnismähig am besten wissen wir Bescheid über die letzten Urbestandtelle des Stoffes, die Atome. Natürlich gibt es auch hier ungeloste Rätsel in Hülle und Fülle. Vieles ist uns zur Zeit noch grundsätzlich verschlossen, d. h. es müssen weite Strecken wissenschaft- lchen^Neulandes entdeckt und urbar gemacht werden, ehe die eiqent- liche Forschungsarbeit im einzelnen beginnen kann. Auch die bereits geklarten -teile der Lehre erfordern einen stetigen Weiterbau, der niemals zu Ende geführt werden kann. Aber grundsätzlich steht in die en Teilen der Erforschung der Natur des Stoffes doch schon vieles fest, und die gewonnenen Kenntnisse, so vor allem die Auffassung des Atoms als eines Planetensystems und die Zurückfüh- rung des Stoffes auf Elektrizität, find von unbestreitbarem Wert. Auch über den weiteren Aufbau des Stoffes, die Vereinigung der Atome zu Melokeln wissen wir verhältnismäßig gut Bescheid. Dies ist ,a der Gegenstand der Chemie, einer Wissenschaft also, die Jahren einen anscheinend immer schneller fortschreitenden Fortschritt aufweist. Aber es wäre ein schwerer Irrtum zu glauben, bah wir die Frage nach dem Wesen des Stoffes beantwortet hätten, wenn mir einerseits über das Wesen der Atome, andererseits über ihren Zusammentritt zu Molekeln Bescheid wissen. Eine Million Menschen, die man sich aus aller Herren Länder auf eine einsame Insel im Ozean zusammengedrängt denken möge, sind noch lange kein Volk, und ebensowenig bilden einige Billionen oder Trillionen Molekeln schon einen Stoff. Beim Volk kommt es nicht nur auf die Menschen an, sondern auch auf die zwischen ihnen wirkenden Kräfte, und genau dasselbe findet statt, wenn wir von den physikalischen und chemischen Urbestandteilen des Stoffes, den Atomen und Molekeln, zum wirklichen Stoff fortschreiten wollen. Nur in einem einzigen Falle gibt die Physik über die Natur dieser Kräfte eine mehr oder weniger vollständige Antwort, nämlich bei den Gasen. Daß sich ihre Eigenschaften, sofern sie sich nicht auf die chemische Natur ihrer Atome und Molekeln zurückführen lassen, durch die völlig freie und regellose Bewegung dieser Teilchen erklärt, kann als sicher gelten. Sehr viel weniger wissen wir über die Natur der flüssigen und noch viel weniger über die der festen Stoffe. Aber einiges Licht haben die letzten Jahre doch gebracht, und einer der wichtigsten Punkte ist die Bestätigung einer schon früher aufgetauchten Vermutung, daß die Kristalle die Urform allen Stoffes sind. Die Neigung, sich zu regelmäßigen Formen, die wir eben Kristalle nennen, zusammenzuschließen, ist eine der wichtigsten beim Aufbau des Stoffes wirkenden Kräfte. Zwar ist keineswegs aller Stoff kristallisch. Gerade die in letzter Zeit so ungemein wichtig gewordene Lehre von den Kolloiden zeigt uns dies; aber jedenfalls ist die Kristallbildung viel weiter verbreitet, als man gemeinhin annimmt. Metalle z. B. bestehen im allgemeinen aus winzigen Kriställchen, und hieraus ergibt sich sofort ein weiteres. Vor noch nicht langer Zeit nahm man an, daß ein Stoff bestimmt sei, wenn seine chemische Zusammensetzung festliegt. Zwar sind von alters her einige Ausnahmen bekannt; Schwefel z. B. kommt in den verschiedensten Formen vor, die ja schon in Schulbüchern als amorpher Schwefel oder als kristallisierter Schwefel, von dem wiederum zwei Formen bekannt find, unterschieden werden. Schwefelquecksilber erscheint als schwarzer Niederschlag und bildet andererseits den bekannten roten Zinnober. Aber man sah solche Erscheinungen als Ausnahmen an, als «Sonderbarkeiten einzelner Stoffe. Nunmehr wissen wir, daß die Sache gerade umgekehrt liegt, daß nämlich über die Natur eines Stoffes keineswegs entschieden ist, wenn nur seine chemische Zusammensetzung bekannt ist, sondern daß sich die Eigenschaften je nach der Lage ändern, die die Kristalle im Stoff einnehmen. Eine geordnete Lage der sonst unregelmäßig durcheinanderliegenden kleinen Teilchen läßt ja bekanntlich unmagnetisches Eisen magnetisch werden. Aenderungen, die auf ähnliche Gründe zurückgehen, kennen wir bei einer großen Anzahl von Metallen. Haben hier nämlich alle Kristalle dieselbe Richtung, so spricht man von einem Einkristall. Das Metall, es handelt sich dabei meist um Drähte, hat zwar nicht die Form eines Kristalls, aber bestimmte kristallische Eigenschaften. Drähte einer großen Zahl von Metallen lassen sich durch Hindurchziehen durch immer enger werdende Oeffmmgen in Einkristalldrähte überführen; sie zeigen dann eine weit größere Festigkeit sowie besonders stark spiegelnde Bruchflächen. Die Kristallbildung ist keineswegs auf die anorganische Natur beschränkt. Vielmehr bilden Kristalle einen notwendigen Bestandteil eines wesentlichen Grundgebildes aller Organismen, nämlich der Faser. Gewebe, Sehnen, Muskeln und viele andere Teile des tierischen und auch pflanzlichen Körpers bestehen aus Fasern; das sich nun in den Fasern stets Kristalle finden, das hat namentlich die Untersuchung mit Hilfe der Röntgenstrahlen gezeigt. Als wichtigste kristallbildende Stoffe seien dabei die sogenannten Kohlehydrate, deren einfachste Vertreter die Zucker sind, und viele Eiweißstoffe, besonders die sogenannten leimgebenden. Stoffe, erwähnt. Aus ihren ‘ Kristallen sind die Clementarfasern, die sogenannten Fibrillen, zu- | ' ble ,'hrerseiis wieder die zusammengesetzteren Fasern bilden. Eine ganz besondere Rolle spielen dabei die §mare, die aus röhrenförmig inemandersteckenden Faserschichten bestehen. Oft sind Mrf»n hin r» CU,le Zwiste Flüssigkeitsschicht eingebetet, die sofort in die sich etwa zwischen den Kristallen zeigen, eindringt. Alle tuejc Crfenntnifie waren die Voraussetzung für eine genaue physikalischen Eigenschaften der Faser, von'denen merkwürdigsten ihre Dehnbarkeit und ihre Zerreißfestigkeit sind. Namentlich die Zerreißfestigkeit ist manchmal erstaunlich; es gibt jX91ern' 3- -ö. >» den Sehnen, die dem Zerreißen einen größeren entgegen,etzen. als der festeste Stahldraht. Für die techmk ist die immer weitergehende Erforschung der Eigentümlichkeiten der Faser von der größten Bedeutung, denn die künstliche Gewinnung von Fasern, beispielsweise für die Kunstseide, ist eine der wichtigsten techni,chen Aufgaben der Gegenwart. uon diesen Einzelfragen zu der allgemeineren wissenschaftlichen Frage nach der Natur des Stoffes und der zu seinem Zustandekommen notwendigen Kräfte zurück, so werden wir immer mehr bestätigt finden, daß die rastlose Forscherarbeit der letzten Jahrzehnte, und besonders der letzten Jahre, uns erst gezeigt hat, wie groß die Zahl der hier zu beantwortenden Fragen ist. Und noch immer gilt das Wort des alten Newton, eines der erfolgreichsten Naturforscher aller Zeiten, daß er sich seiber vorgekommen sei wie ein am Ufer des Ozeans spielender Knabe, der sich freut, wenn die Welle ihm einen glatteren Stein oder eine schönere Muschel als gewöhnlich ans Land spült, während der große Ozean der Wahrheit unerforscht vor ihm liegt. Die Soge von Scm&t Julianrrs dem Gastfreien. Von Gustave F l a u b e r t. (Fortsetzung.) «ie zeigte sich überrascht. „Nur um dir zu gehorchen," sagte er, „vor Sonnenaufgang bin ich wieder zurück." Sie fürchtete aber dennoch ein unheilvolles Abenteuer. Er beruhigte sie und ging fort, verwundert über die Unbcftftn« digkeit ihrer Laune. Kurze Zeit danach kam ein Edelknabe, um zu melden, daß zwei Unbekannte in Ermangelung des abwesenden Herrn die Herrin sogleich zu sehen verlangten. Und bald darauf traten in das Zimmer ein alter Mann und eine alte Frau, verkrümmt, bestaubt und in Leinwandkleidern und jedes aiif einen «tob gestützt. Sie faßten Mut imd erklärten, daß sie Julian Nachricht von seinen Eltern brächten. Sie beugte sich vor, um sie zu hören. Nachdem sie sich jedoch durch einen Blick verständigt hytten, fragten sie sie, ob er seine Eltern noch liebe, ob er noch manchmal von ihnen spräche? „O, gewiß!" sagte sie. Da riefen sie: „Wohlan! Wir sind es!" Und sie setzten sich nieder, matt und müde. Nichts jedoch versicherte die junge Frau, daß ihr Gemahl wirklich der Sohn der beiden fei. Sie lieferten den Beweis, indem sie besondere Male beschrieben, die er auf seiner Haut hatte. Sie sprang von ihrem Lager herab, rief ihren Edelknaben, und man trug ihnen ein Esten aus. Obgleich sie großen Hunger hatten, vermochten sie doch kaum zu essen,' und sie bemerkte, daß ihre knochigen Hände zitterten, wenn sie die Becher aufhoben. Sie taten tausend Fragen über Julian. Sie beantwortete eine jede, trug aber Sorge, jenen düsteren Gedanken zu verschweigen, der sie betraf. Als sie gesehen hatten, daß er nicht zurückkehrte, waren sie von ihrem Schlosse aufgebrochen, und seit vielen Jahren wanderten sie nun auf unbestimmte Angaben hin, ohne die Hoffnung zu verlieren. So viel Geld war für das Ueberschreiten der Flüsse und die Herbergen, für die Gerechtsamen der Fürsten und die Forderungen der Diebe nötig gewesen, daß ihre Geldtaschen bis auf den Grund leer waren und sie jetzt bettelten. Aber was tat das, da sie nun bald ihren Sohu umarmen würden? Sie priesen sein Glück, da er eine so hübsche Frau hatte, und wurden nicht müde, sie nn- zuschauen und zu küssen. Der Reichtum des Gemaches fetzte sie sehr in Erstaunen, und der Alte fragte, nachdem er die Wände betrachtet hatte, warum sich das Wappenschild des Kaisers von Oecitanien daran befände? Sie erwiderte: „Cs ist mein Vater." Da überlief es ihn, denn er erinnerte sich der Prophezeiung des Zigeuners, und die Alte dachte an die Worte des Einsiedlers. Zweifellos war der Ruhm ihres Sohnes nur die Morgenröte der ewigen Herrlichkeiten, und alle beide blieben starr und staunend unter dem Glanze des Leuchters, der den Tisch erhellte. . Sie mußten in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein. Die Mutter hatte nach alle ihre Haare, deren feine Flechten gleich Schneewellen bis unter ihre Wangen herabhingen, und der Vater glich mit seiner hohen Gestalt und seinem großen Bart einer Kirchenbildsäule. Die Frau Julians drängte sie, ihn nicht zu erwarten. Sie legte sie selber in ihr Bett und schloß dann das Fenster; sie schliefen - 320 — ein. — Der Tag dämmerte, und hinter den Scheiben Huben die kleinen Vögel zu singen an. . . Julian hatte den Park durchquert und ging nun nervigen Schritts im Walde und freute sich der Weichheit des Rasens und der Milde her Luft. Die Schatten der Bäume breiteten sich über das Moos. Manchmal malte der Mond in den Lichtungen weiße Flecken, und Julian zögerte, weiterzugehen, da er Wasserlachen zu gewahren glaubte, oder die Oberfläche der stillen Weiher verschmolz auch mit der Farbe der Gräser. Ueberall war eine große Stille, und er entdeckte kein einziges der Tiere, welche wenige Minuten vorher um sein Schloß gestrichen waren. r 1 Das Gehölz verdichtete sich, und die Dunkelheit wurde tief. Heiße Windstöße voller erschlaffender Düfte wehten vorbei. Er versank in Haufen trockener Blätter und lehnte sich gegen eine Eiche, um ein wenig 21 teilt zu schöpfen. Plötzlich sprang hinter seinem Rücken eine schwärzere Masse auf, ein Eber. Julian hatte nicht Zeit, seinen Bogen zu ergreifen, und er betrübte sich darüber wie über ein Unglück. Dann, als er aus dem Walde getreten war, erblickte er einen Wolf, der an einer Hecke entlang lief. Er sandte ihm einen Pfeil nach. Der Wolf blieb stehen, wandte den Kopf, sah ihn an und lief weiter. Er trabte, immer den gleichen Abstand wahrend, hielt von Zeit zu Zeit an, und sobald auf ihn gezielt wurde, setzte er seine Flucht fort. Julian durchquerte auf diese Weise eine unermeßliche Ebene, dann Sandhügel, und endlich gelangte er auf eine Hochebene, die ein großes Gelände beherrschte. Flache Steine lagen zwischen zertrümmerten Grabgewölben verstreut. Man stolperte über Totenknochen, hier und dort neigten sich mit kläglichem Ausdruck wurmstichige Kreuze. Im unbestimmten Schatten der Gräber aber regten sich Gestalten, und erschreckt und schnaufend schnellten Hyänen daraus hervor. Mit ihren Krallen auf den Fliesen klappernd, kamen sie auf ihn zu und schnupperten fletschend nach ihm, so daß ihr Zahnfleisch sichtbar wurde. Er zog feinen Säbel. Sie stoben alle auf einmal nach allen Richtungen auseinander unb verloren sich, ihren hinkfttßigen, rasenden Galopp fortfetzend, fern in einer Wolke Staubes Eine Stunde später begegnete er in einer Schlucht einem wütenden Stier mit vorgeftredten Hörnern, der mit feinem Fuß den Sand auischarrte. Julian stieß ihm seine Lanze unter die Wammen. Sie sprang ab, als ob das Tier aus Erz gewesen wäre, und Julian schloss seinen Tod erwartend, die Augen. Als er sie wieder öffnete, war der Stier verschwunden. Da wand sich seine Seele vor Scham. Eine höhere Macht vernichtete seine Stärke. — Um nach Hause zuriickzukehren, trat er wieder in den Wald. Schlingpflanzen versperrten ihn, er zerhieb sie mit seinem oabel. Da glitt plötzlich ein Marder zwischen seinen Beinen hervor, ein Panther machte einen Satz über seine Schulter, eine Schlange ringelte sich um eine Esche. In ihrem Geäst saß eine ungeheure Dohle, welche Julian an« starrte, und hier und da tauchten zwischen den Zweigen eine Menge großer Funken auf, als ob der Himmel alle seine Sterne in den Wald herabgeregnet hätte. Es waren Augen von Tieren, von Wildkatzen, Eichhörnchen, Eulen, Papageien und Affen. Julian schnellte seine Pfeile auf sie ab, die Pfeile setzten sich mit ihren Federn wie weiße Schmetterlinge auf die Blätter. Er warf Steine nach ihnen, die Steine fielen herab, ohne etwas zu berühren. Er verfluchte sich, hätte sich schlagen mögen, stieß Verwünschungen aus und erstickte vor Wut. Und alle Tiere, die er verfolgt hatte, kamen herbei und bildeten rinos um ihn einen engen Kreis. Die einen faßen auf ihrem Hinterteil, die anderen richteten sich in ihrer ganzen Länge in die Höhe. Er stand in der Mitte, starr vor Entsetzen, der geringsten Bewegung unfähig. Mit höchster Anspannung seines Willens gelang es ihm, einer. Schritt zu machen: die, welche auf den Bäumen faßen, öffneten ihre Flügel, die, welche den Boden einnahmen, verrückten ihre Gliedmaßen, und alle begleiteten ihn. Die Hyänen gingen vor ihm, der Wolf und der Eber hinter ihm. Der Stier zu feiner Rechten wiegte den Kopf hin und her, und zu seiner Linken raschelte die Schlange durch das Gras, während der Panther feinen Rücken krümmend mit Sammettritten und großen Sätzen einherfchritt. Julian ging so langsam wie nur irgend möglich^ um sie nicht zu reizen, und er sah aus der Tiefe der Büsche Stachelschweine hervordringen und Füchse und Ottern und Schakale und Bären. Julian fing an zu laufen, sie liefen mit. Die Schlange zischte, die Jagdtiere geiferten. Der Eber rieb ihm mit feinen Hauern die Fersen, der Wolf das Innere feiner Hände mit feinen Schnauzhaaren. Die Affen schnitten Fratzen und zwickten ihn, der Marder kugelte sich unter seinen Füßen. Ein Bär schlug ihm mit einem Hieb seiner Tatze die Kappe herunter, und der Panther ließ verächtlich einen Pfeil zu Boden fallen, den er in seiner Schnauze getragen hatte. Hohn drang in ihre tückischen Gebärden. Während sie ihn aus ihren Augenwinkeln unausgesetzt beobachteten, schienen sie über einen Racheplan zu sinnen, unb, betäubt von dem Summen der Käfer, geschlagen von Vogelschwänzen, erstickt von Ateindünsten, ging er mit vorgestreckten Armen und geschlossenen Lidern wie ein Blinder, ohne auch nur die Kraft zu dem einen Rufe zu haben: „Gnade." Das Krähen eines Hahnes zitterte durch die Luft, andere antworteten. Das war der Tag, unb er erkannte jenfeits der Orangenbäume die Zinnen feines Palastes. Da sah er drei Schritte vor sich am Rande eines Feldes rote Rebhühner in den Stoppeln herumflattern. Er band feinen Mantel los unb warf ihn über sie wie ein Retz. Als er sie wieder aufdeckte, fand er nur ein einziges, feit lange verendetes, verwestes. Dieses letzte Blendwerk brachte ihn mehr auf als alle anderen. Sein Blutdurst packte ihn aufs neue, die Tiere waren fort, er hätte Menschen niedermetzeln mögen. Er erstieg die drei Terrassen und schlug die Tür mit einem Faust- schlage auf, am Fuße der Treppe aber beschwichtigte die Erinnerung an seine liebe Frau sein Herz. Sie schlief wahrscheinlich, und er wollte sie überraschen. Nachdem er seine Sandalen gelöst hatte, drehte er leise das Schloß und trat ein. Die bietgefaßten Scheiben verdunkelten die Blässe der Morgendämmerung. Julian verstrickte feine Füße in Kleidern am Boden, etwas weiter stieß er an eine mit Geschirr beladene Anrichte. „Sie wird wahrscheinlich gegessen haben", sagte er sich und ging zum Bett, das im Dunkel verloren in der Tiefe des Zimmers stand. Als er am Rande lehnte, um feine Frau zu umarmen, beugte er sich auf das Kiffen herab, wo die zwei Kopfe nebeneinander ruhten. Da fühlte er den Druck eines Bartes gegen feinen Mund. Er glaubte den Verstand zu verlieren und taumelte zurück, dann trat er aber wieder an das Bett, und feine Finger trafen tastend auf Haare, die sehr lang waren. Um sich von feinem Irrtum zu überzeugen, fuhr er noch einmal mit seiner Hand langsam über das Kissen. Dieses Mal war es wirklich ein Bart und ein Mann! Ein Mann, der neben feiner Frau schlief. In maßlosen Zorn ausbrechend, stürzte er sich mit Dolchstößen über sie und stampfte und schäumte und röhrte wie ein Hirsch. Dann hielt er ein. Die Toten, ins Herz getroffen, hatten sich nicht einmal gerührt. Er lauschte aufmerksam auf beider fast gleiches Röcheln, und in dem Maße, in dem es schwächer wurde, setzte ein anderes es weit in der Ferne fort. Diese klagende, langausgestoßene Stimme war zuerst ungewiß, näherte sich bann, schwoll an, wurde grausam, und er erkannte entsetzt das Schreien des großen, schwarzen Hirsches wieder. Und da er sich umdrehte, glaubte er in dem Rahmen der Tür das Gespenst seiner Frau zu sehen, mit einem Licht in der Hand. Der Lärm des Mordes hatte sie herbeigeführt. Mit einem langen Blick begriff sie alles, und vor Entsetzen fliehend, ließ sie ihr Licht fallen. Er hob es auf. Sein Vater und seine Mutter lagen vor ihm auf dem Rücken, mit einem Loch in der Brust, und ihre Gesichter, die von einer majestätischen Milde erfüllt waren, schienen etwas wie ein ewiges Geheimnis zu verschließen. Flecken und Lachen roten Blutes breiteten sich inmitten ihrer weißen Haut, auf den Bettüchern, auf der Erde und an dem elfenbeinernen Christus, der im Alkoven ansge- hängt war. Der fcharlachne Widerschein der Scheiben, welche jetzt die Sonne traf, erhellte diese roten Male unb verstreute noch mehr durch das ganze Gemach. Julian trat auf die beiden Toten zu, indem er sich sagte, indem er glauben wollte, daß bas nicht möglich sei, daß er sich getäuscht habe, daß es manchmal unerklärliche Aehnlichkeiten gäbe. Endlich beugte er sich leise nieder, um von ganz nahe den Greis zu betrachten, und er sah zwischen feinen schlecht geschlossenen Lidern ein Auge, das ihn wie Feuer brannte. Dann trat er auf die andere Seite des Lagers, wo der andere Körper lag, dessen weiße Haare einen Teil des Gesichtes verhüllten. Julian schob seine Hand unter die Flechten, hob den Kopf auf — und er betrachtete ihn, indem er ihn am Ende seines erstarrten Armes hielt, während feine andere Hand mit der Kerze leuchtete. Tropfen filterten durch die Matratze und klopften, einer nach dem anderen, auf die Diele. Am Ende des Tages zeigte er sich vor feiner Frau und befahl ihr mit einer Stimme, die von der seinen verschieben war, zu allererst ihm nicht zu antworten, ihm nicht zu nahen, ihn nicht einmal mehr anzusehen, und daß sie bei Strafe der Verdammung all seine Anordnungen, die unwiderruflich seien, zu befolgen habe. Das Leichenbegängnis solle nach den Anweisungen ausgeführt werden, die er schriftlich auf einem Betschemel im Zimemr der Verstorbenen gelassen habe. Er hinterließe ihr sein Schloß, seine Vasallen, alle seine Güter, ohne auch mir die Kleider an seinem Selbe und seine Sandalen zu behalten, die man oben auf der Treppe finden würde. Sie hätte, indem sie den Anlaß zu feinem Verbrechen gegeben, nur dem Willen Gottes gehorcht und solle für seine Seele beten, da er von nun an nicht mehr vorhanden sei. Man bestattete die Toten mit großer Pracht in der Kirche eines Klosters, das um drei Tagereisen vom Schlosse entfernt war. Ein Mönch mit herab gelassener Kutte folgte fern von allen andern dem Zuge, ohne daß jemand ihn anzureden wagte. Er blieb während der Messe in der Mitte des Tores auf dem Boden liegen, mit gekreuzten Armen und die Stirn im Staube. (Schluß folgt.) Schnftleitung: vr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. 2t. Lange, Gießen.