Gietzener jamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Nummer 29 Samstag, den |v. April Gebet. Don Albert Sergel. Wie Dusch und Daum in Blüte steht, steht meine Seele im Gebet: Sie blüht und lodert hell dir zu, du Großer, Anbegriffener du, der Dusch und Daum in Güte hält, die Liebste und die ganze Welt. And sie und ich und Dusch und Daum ein liebetiefer Gottestramn. Der Liedchespferfer von Angersbach. Eine Geschichte von Vogelsberger Finken und Menschen. Von Franz Gros. l. Es war schon mancher ein großer Sänger in deutschen Landen oder sonstwo in der weiten Welt, sang vor Tausenden und Zehn- tausenden, errang und ersang sich Lorbeerkränze und Rosen, Ruhm, Wagen und Pferde und Landhäuser — und er selbst, der groß« Tenor, tauschte wohl mit keinem König, der zu ihm zu Gaste ging. Solcher Art sind die Großen im Reichs der Kunst. Doch kennst du, lieber Freund und liebe Freundin, di« Stillen im Lande, die so zart sind im Herzen, so bescheiden in und mit sich selbst, die fern der großen Straße im kleinen Kreise wirken? Von solch' Stillen im Lande, im vberhessischen Lande, will ich euch erzählen, die auch nicht sangen, sondern nur pfiffen, wunderbar schön pfiffen, daß alle, die sich ihrer kleinen Kunst erfreuten, stille zuhörten und von ihrem freundlichen Pfeifen noch ihren Kindern und Kindeskindern sagten. Von solch' Stillen im Vogelsberge, dem lieblichen hessischen Waldgebirge, das sein« klaren Bäche zum Rhein und zur Weser schickt, will ich euch heute erzählen. Von einem Vater und seinem Sohn. Gewiß sahen nur meine Gedanken die beiden dort. Deshalb haben sie doch gelebt. Zu Angersbach war es. Der Sohn ward geboren just am selben Tage, als die Leipziger Schlacht ihren Anfang nahm, also vor weit über hundert Jahren. Der Vater war mit dabei und ließ am Grimmaschen Tor sein Leben. Erst ein viertel Jahr später hörte feine junge Witwe von einem schwer blessiert heimgekehrten Lauterbacher, daß ihr Mann — Philipp hieß er und nach ihm war auch in stiller Einsamkeit sein Söhnchen getauft worden — einer schlimmen Fran-- zvsenkugel zum Opfer gefallen war. Die Lisbeth fing an zu greinen, daß man es in ganz Angersbach hörte, und wollte schier nimmer damit aufhöven. Tag und Nacht hielt sie ihren kleinen Buben im Arm und ihre Tränen netzten oft des Bübleins zartes Gesicht. Sie wohnte mitten im Dorf. In einem schmalen, strohgedeckten, geschindelten, wackeligen Häuschen, dessen dünn« Mauern nur zwei Räum« bargen. Man hätte meinen können, eä fürchte sich und ducke sich vor feinen* größeren Nachbarn und bitte um Verzeihung, daß man es is dieses stolze Dorf hineingebaut habe. Drei alte, hohl ausgelaufene steinerne Stufen führten von der breiten Dorfgasse zur altersschwachen Haustüre empor. Dor dieser Türe floß mitten durch die Ortsgasse das »Dorfwasser", das in die Lauter fließt. Das saubere Quellwasser, in dem man rotbunt gesprenkelte Forellen dahinschießen sah, nach deren junger Brut die Enten die Hälse reckten, floß hinab ins Schlitzerland und zmn breiten Fuldatal. Oeffnete man die alt« Türe des besagten Häuschens, — sie bestand, wie man es heutzutage noch da und dort auf dem Land« sehen wird, aus einem oberen und einem unteren Seite — so kam man in einen schmalen, dunkelen Gang, an dessen Ende, nur wenige Schritte von der Haustüve entfernt, ein kleiner gemauerter Herd stand. Zwei Kochlöcher namrte er sein eigen und kemes von ihnen war entbehrlich, denn auf dem einen kochte Lisbeth das Gemüse und auf dem anderen die tägliche Hauptmahlzeit. di« Erdäpfel. Arme Leute haben auf ihrem Herde mit zwei Kochlöchern genug. Eines für das Gemüse und eines für die Kartoffeln. And Fleisch bekommen solche Kochlöcher selten zu sehen. Höchstens am Sonntage. Wovon Lisbeth lebte, nachdem ihr Philipp, der Knecht bei den Riedesels auf der Lauterbacher Burg gewesen war, den frühen Tod gefunden hatte? Ja, kurz sei'S gesagt: Bcm nichts. Es gibt Menschen, die solche» fertig bringen, auch heutzutage noch, und die auch mit ihrem irdischen Lose zufrieden sind. Weil sie nie etwas anderes gekannt haben als die Armut, oder di«, die sich nach und nach daran gewöhnt haben, arm geworden zu sein. Dahin und dorthin ging unsere Lisbeth zu den Dauern half waschen und arbeitete dort im Haus« oder auf dem Feld«, wo sie gerade verlangt wurde. Alles um di« Kost und um fünf Kreuzer für den Tag. So lang« ihr Philippchen noch nicht laufen konnte, legte sie es stets auf ein mitgebrachtes, rot und weih gewürfeltes Kissen, das mit Heu und Häcksel gefüllt war, in die Nähe ihrer Arbeitsstelle —; doch immer so, daß sie ihren Buben nicht aus dem Auge verlor. And das geschah niemaü. Dazu hatte sie auch noch geringere Sorge um ein andere» liebes Lebewesen, das sie aber stets daheim lassen muhte. Ein Gimpel war's, ein Dlutfink, der in einem grünen Holzkäfig an der niederen, grau getünchten Wand ihres engen Wohnraumes saß. Ihr Mann hatte ihn im Jahr« bevor er in den Krieg und in den Tod zog, int nahen Asbergwalde samt seinen Brüdern und Schwestern aus dem Neste gehoben und aufgezogen. Die kleinen befiederten sich und mauserten sich. Als man di« Männchen und di« Weibchen voneinander unterscheiden konnte, lieh er letztere in die Freiheit fliegen, die Männchen aber mit den roten Brüsten, dem bunten Gefieder und der schwarzen Kapp« auf deut Kopfe, verkaufte er bis mtf den besten, den er behielt, an einen umherziehenden Dogelaufkäufer aus der Fuldaer Gegend: Stück für Stück um etliche Heller. Als der Händler sortgegangen war, begann Philipp alsbald den einsam Zurückgebliebenen zu unterrichten. Allmorgendlich bevor er zur Arbeit aulbrach, gab er feinem Lehrling frisches Wasser, einen Navf voll: und frisches Futter, ebenfalls einen Napf voll. Der Dompfaff machte sich über die Atzung her, während sich sein Herr draußen am Bache mit den hohlen Händen das kühle Wasser über Kops und Gesicht schüttete. Das tat ihm wohl und macht den teuren Schwamm entbehrlich. Trat sein Meister wieder in die Stube, so hüpfte der Schüler auf die obere, aus Schilfrohr geschnittene Käsigstanae feiner engen Behausung. Philipp hängte als kundiger Lehrmeister ein Tuch über den Käfig, damit der Schüler durch nichts gestört werde, setzt« sich behutsam aus einen Stuhl darunter und fffiff ihm gar oft die Weise des Liedes vor: Blau blüht ein Blümelein, das heißt: Vergiß nicht mein! — Hab dich von Herzen lieb, das glaube mir. Philipp wußte stets den richtigen Anlaut zu treffen, auch ohne die Stimmgabel mit dem Pariser Kammerton. Nicht um einen achtel Ton zu hoch oder zu tief setzt« er ein. Anter dem Tuche aber faß das junge Dompsäfflein zuerst wohl unendlich schüchtern und verlassen. Ein junges Menscheirkind hätte in solcher Einsamkeit geweint. And es erschrack zunächst gewaltig, als fein Herr das Tuch über feine enge Behausung legte itrift zu pfeifen begann. Denn der Zweck solchen Tuns war ttnft blieb ihm gewiß gänzlich unverständlich. And trotz dieser Finsternis nach außen bin, wurde es doch immer heller in dem Vogelkövfchen selbst. Es hörte di« runden, seinen Laute seines Meisters Tag um Tag. And es ging ettvas vor in dem Köpfchen, etwas Wunderbares. Wenn Phisivv in der Frühe aufstanft, wachte auch Hans, der Vogel, auf. hüpfte auf der Stange Bin und her und konnte es kaum ermatten, bis er Wasser und Futter hatte, ttnft sein Herr wieder das dunkle Tuch über seine Behausung legte, um ihm dann die freundliche Weise vorzup^eifen. Ja. kaum war der erste Ton geflötet, so hatte das kluge Dompsäfflein bereits den zweiten im eigenen Köpfchen ersaßt und das geschah so weiter, bis fein Lehrmeister den letzten Ton gepfiffen hatte. Sange ging es so Tag um Sag. und im bisher so törichten Gimpelköpfchen entstand etwas, was di« neunmal klugen Menschen Gedächtnis. Gehör oder beides zugleich nennen, und worauf sie oft gar so stolz sind. Als ob der liebe Erftenschöpfer den allermeisten nicht dies« Gaben als ein besonderes Geschenk in ihre arme Menschenwiege gelegt hätte, und sonach ein Grund zum Stolzsein wahrlich nirgends zu finden ist. Aber das begriff unser Dompsäfflein nicht, daß Philipp niemals, bevor er zur Arbeit ging, das Tuch von feinem Käfig entfernte. And nur so kam es doch, daß sich in unserem Schwarz» köpfe, ohne Störung durch di« in seiner Nähe fleißig schaffende Lisbeth immer wieder die alte Weis« wiederholte — so lange, bis er eines Tages zögernd sein gerundetes Schnäbelchen auftat und von selbst di« Weis« zu pfeifen begann. Zuerst wenige Takte nur, und dann nach und nach die ganze Melodie. (Fortsetzung folgt.) 114 Deelhovens Büste. Don Nicolaus Lenau. Traurig kehrt ich eines Abends 3n mein einsam düstres Zimmer; Heberraschend drin entgegen Blinkte mir ein Freudenschimmer. Mit den, sichern Blick der Liede Hack' ein Freund den Spalt getroffen, Wo des Unmuts düstre Zette Blieb dem Strahl der Freude offen. Ha! ich fand des Mannes Büste, Den ich höchst als Meister ehre Nebst dem schroffen Urgebirge Und den, grenzenlosen Meere. Ein Gewitter in den Alpen, Stürme auf dem Ozeane Und das große Herz Beethovens, Laut im heiligen Orkane, Sind Die Wecker mir des Mutes, Der das Schicksal wagt zu fordern, Der den letzten Baum des Edens Lächelnd sieht zu Asche lodern. Kämpfen lern' ich ohne Hassen, Glühend lieben und entsagen, Und des Todes Wonneschauer, Wenn Beethovens Lieder klagen; Wenn sie jubeln, Leben schmetternd, Daß die tiefsten Gräber Hüften, Und ein dionysisch Taumeln Rauschet über allen Grüften. Beethovens Kindheit. Don Prof. Dr. Ludwig Schiedermair*). Wenn wir die glaubwürdigen Gewährsmänner darnach fragen, was ihnen an dem Jungen während der erstm zehn Jahre seines Lebens auffiel, was sie stutzig machte und sich ihrem Gedächtnis einprägte, so erhalten wir Antworten, die sich meist auf Alltäglichkeiten beschränken, wie sie damals im Dasein Der Donner Kinder überhaupt an der Tagesordnung waren. Nur vorübergehend erfahren wir von einzelnen Wesenszugen, welche die Mehrzahl der Donner Altersgenossen nicht teilte und die den jungen Beethoven einer besonderen Gruppe zugehörig erscheinen ließen. Häufig lag er im Fenster, den Kopf auf beide Hände gestützt, träumerisch und mit „schönen tiefen Gedanken be- schäftigt". starrte ..aus einen Fleck' und vergaß alles um sich her. „Scheu und einsilbig, in sich gekehrt und ernsthaft lebte er verdrießlich unter anderen Menschen" dahin. Er vernachlässigte zuweilen das Aeirßere und wehrte Einwände mit den Worten ab. wenn er es zu einem großen Herrn gebracht habe, werde ihn niemand darnach fragen. Daneben hören wir aber auch daß er gerne mit Kameraden lustige Streiche plante und vollbrachte, daß er zum Beispiel Hähne fing und eine solche Handlung ohne viel DiO-enken mit dem Hinweis auf ein altes Naturrecht be« gründete Diese zeitgenössischen Beobachtungen, mögen sie auch mebr oder weniger zurechtgestutzt sein, verraten doch schon ungefähr etwas von Beethovens ursprünglichen Eharaktereigei^ schäften, seinen älr-Anlagen und Hr-Jnhalteii, von seinem sich nach Jnnen-Zurückziehen, dem Wechsel seelischer Stimmungen, seinem Selbstgefühl, der Gleichgültigkeit gegenüber menschlichen Aeußerlichkeiten. Wenn der spätere Beethoven sich im persönlichen und brieflichen Verkehr über Kunst und Erlebnis meist völlig ausschweigt, so daß die Verleger über seine neuen Werke zunächst nur ein paar allgemeine, hingeworfene Worte vernehmen und die nächsten Freunde über die „unsterbliche Geliebte gar nichts wissen, wenn er den Leuten förmlich entgegenschreit: „Laßt mich, wenn ich nur keinen Menschen mehr sähe" und, freilich auch unter dem zunehmenden Druck der Krankheiten, schließlich immer mehr in die Einsamkeit flüchtet, so wurzelt dieses Verhalten ebenso in diesen ursprünglichen Charaktereigen- tümlichkeften, wie wenn er später unbekümmert um seine Umgebung zeitweise mit zerrissenen, ungepflegten Kleidern herumläuft, Fürsten als gesellschaftlich Gleichgestellte behandelt und dein jungen Holz entgegnet: „Auch ich bin ein König", oder in Freunden und Bekannten Lakaien sieht, „bloße Instrumente, worauf ich. wen-''s mir gefällt spiele", und sie bald mit Zärtlichkeit anzieht, bald erbarmungslos abstößt. Diese Ureigenschaften bildete!, die innersten Triebkräfte mancher Handlimgen und Aeußerungen der sväteren Zeit, mochten sie dann auch durch die Verhältnisse und Erlebnisse eine besondere Färbung und Zu- spitzung erfahren haben; sie bedingen vor attem auch Charakter und Verlaus mancher Werke, stitter, weltabgewandter, versonnener Adagios und Monologe, dionysisch und cktanisch dahin- •) Aus dem umfassenden Werke „Der junge Beethoven", das auf Grund bisher gänzlich unbekannten Materials die Jugend des großen Tondichters schildert. Da in der Jugend bereits die Keime des Genies sich zeigen, treten in dieser Darstettung schon ftizzenhast die Züge hervor, die den Meister später in seiner Vollendung kennzeichnen sollten. (Verlag von Quelle u. Meyer. Ganzleinen 20 Mk.) stürmender, mit göttlicher Vemvevänttät bte bisher gezogenen Grenzen überspülender Durchführungen und Finales. Ferner berichten Zeitgenossen auch von dem Vergnügen, das dem kleinen Jungen die Töne schwirrender Fensterhalter bereiteten, von seinem Herumsahren, „Sprudeln" und Spielen „aus dem Kopfe" auf dem Klavier und legen damit von einer weiteren angeborenen! Ureigenschast des jungen Beethoven Zeugnis ab, die von besonderem Interesse ist, da sie auf den künftigen Musiker hinweist. Freilich konnte diese frühe Kundgabe eines musikalischen Sinn« noch nicht viel über die Substanz und den Stärkegrad musikalischer Produktivität besagen. Es ist demnach das Bild eines musikalisch veranlagten, menschlich ost merkwürdigen Jungen, das aus den zeitgenössischen Mitteilungen hindurchschimmert, wobei selbstver- tändlich nicht außer acht gelassen werden darf, daß auch andere ursprünglich« Eigenschaften, die erst allmählich im späteren Leben Beethovens stärker in Erscheinung traten, schon bei dem kleinen Jungen sich offenbarten, aber in den Erinnerungen zeitgenössischer Gewährsmänner aus irgendeinem Grunde unberücksichtigt geblieben waren. Können wir von den, späteren Beethoven auf den kleinen Jungen zurückschliehen und dadurch int Zusammenhang mit zeitgenössischen äleberli-eferungen den Versuch wagen, ursprüngliche Eigentümlichkeiten herauszuschälen, so stößt die Bemühung, den Erlebnissen nachzuspüren, welche die Seele des Knaben aufwühlten und sich in ihr eingruben, meist auf versperrte, unzugängliche Wege. Es ist kaum anzunehmen, daß der Tod des Großvaters in dem Dreijährigen einen tieferen Eindruck hinterließ, vielleicht schon eher, daß ihn das Verlöschen der unglücklichen Großmutter etwas stärker berührte. Der Großmütter wird er aber kaum einmal näher gekommen sein, die Persönlichkeit des Großvaters lebte in seiner Phantasie erst einige Jahre später auf, als er im Familienzimmer das vom Hofmaler Radoux geschaffene Bild aufmerksam studierte, verlor sich jedoch seitdem, wie wir aus seinen späteren Aussprüchen wissen, nicht mehr aus seinem Gedächtnis, da sie sein ethisches Grundgefühl zur Bewunderung zwang. Erst in den Jünglingsjahren durchrieselten ihn angesichts der eigenen Todesnähe und des Hinscheidens der Mutter alle Schauer des Rätselhaften und Aeberirdischen. Dagegen packte wohl schon den kleinen Knaben, sobald er ordentlich laufen und mit den Augen bewußt in die Welt blicken konnte, das Walten der schöpferischen und niederreißenden Nakurmächte. Die Wanderfahrten in die sieben Berae. in das Ahrtal, das Herumstreifen in Feldern und Wäldern der näheren und weiteren Hingebung wurden ihtn zum unauslöschlichen Naturerlebnis, das auch zu Hause in ihm nachzitterte und ihn auf den Speicher trieb um von dort sinnend auf Strom und Berg zu schauen. „Da konnte man sieben Stund weit sehen. Das war Ludwig van Beethovens sein Wohlgefallen." Nicht die gigantischen Riesenketten der Alpen, für deren Erhabenheit und wilde Großartigkeit sich damals erst alttnählich bei wenigen die Augen zu öffnen begannen, taten sich vor ihm auf, sondern von der Natur geradezu verschwenderisch beschenkte Landschaften, auf die gelieferte und vulkanische Berge ihre Ausläufer Herabfenken, die der im Sonnenglanze strahlende Strom durchfließt und ein Kranz von Tälern umsäumt Wenn Fischer in seine Erinnerungen den Satz niederschreibt: , Beethovens liebten den Rhein", so trifft das den Nagel auf den Kops. .Und wie dem Jungen die unbeschreibliche Lieblichkeit und Anmut der rheinischen Gegend entgegenleuchtete, so wurde er auch schon früh Zeuge der Schrecken der entfesselten Naturmächte. Der schaurige, das umliegende Stadtviertel bedrohende Schloßbrand, den die Beechovenschen Kinder, mit den Worten begleitet haben sotten: „Das ist gut, daß wir wieder hier (in der Rheingasse) sind, am Rhein ist Wasser genug für zu löschen", wird seinem Gedächtnis ebenso wenig jemals entschwunden sein, wie sieben Jahre später die furchtbare Heber« schwemmung, bei der die Beethovensche Familie auf einer Leiter die Wohnung verlassen und vorübergehend in die Stockenstraße übersiedeln mußte. Bei diesen frühen Naturerlebnissen der rheinischen Heimat stoßen wir auf die Basis, aus der sich Beethovens Naturgefühl entf altete und jene Wandlungen, Verfeinerungen und Verästelungen durchmachte, die wir in seiner späteren Zett beobachten. Mit diesen frühen Naiurerlebnissen hängt es zusammen, daß Beethoven später in ähnlichen Gegenden der Wiener Umgebung sich besonders wohl fühlte und in ihnen ein an einen anderen Ort verzaubertes Stück rheinischer Heimat sah; auf sie gehen letzten Endes alle die Aeußerungen zurück, die wir von ihm über seine Beziehungen zur Natur besitzen. Dor attem aber gewannen diese Naturerlebnisse eine besondere Bedeutung für Beethovens Werk. Wer sich später nicht so sehr Rousseaus, als Sturms Naturauffassung näherte und in der Pastoralsymphonie, die bezeichnenderweise keine Alpensymphonie. sondern eher eine Symphonie der Mittelgebirgslandschaft darstellt, nicht mit äußerlicher Naturausdeutung, mit Tonmalerei und Illustration, begnügte dessen Seele hatte das Naturerlebnis schon in der Jugend nickt nur oberflächlich berührt, sondern aufs tiefste getroffen und nicht mehr frei gelaßen. Und diese frühen Naturerlebnisse, das gewaltige Format von Feuersbrunst und Heberschwemmung, die sich dabei offenbarende menschliche Hilfslosigkeit gegenüber der sich plötzlich auftormenben Allmacht befruchteten auch Beethovens religiöses Empfinden, aus dem sich nach Schindlers Mitteilung später die prinzipiellen Worte loslösten: „Religion und Generalbaß sind für sich abgeschlossene Dinge, über die man nicht weiter hingen und Einflüsse in dem Jungen hinterließen, ob, wie wto wann sie früher oder später in seinem Werk m Erscheinung traten. Das Gebilde des kölnischen Kurstaates, das sich ihm zeigte, fegte wohl den Grund zu seinen ersten ungefähren Politischen Bor- stellungen, aus denen die Auffassungen und Anschauungen d-S Jünglings erwuchsen und von denen sich später, auch der Wann, der in der österreichischen Kaiserstadt eine zweite Heimat sand, nicht lösen konnte. Mit der Bevölkerung seiner Geburtsstadt kam er schön srüh in nahe Berührung, auf den Wanderfahrten auch mit Leuten anderer rheinischer Gegenden des kurkölmschen Landes Was an rheinischem Wesen in seinem Blut lag, verschmolz mit dem, was ihm aus der Familie, von den Menschen der engeren und weiteren ^Umgebung zufloh. Wie er in Mundart und Sitte fick assimilierte, so wirkte auf ihn auch ihr Fühlen und Emp- sinden. Die in ihm liegenden Keime eines kurkolmschen Rhetn- ländertums erstarkten und verknüpften ihn dadurch nur noch enger mit dem Bolksstamm, in dem er seine Jugend verbrachte. Wir finden einen Widerhall später nicht nur in Aeuherungen tote jener zu dem Gartendireftor Lennee: „Dich versteh ich, du sprichst bönnisch. Du muht Sonntags immer mein Gast sein im weißen Schwan in der Kärthnerstrahe." In dem eigentümlichen Humor, der starken Lebensfreudigkeit, manchem Genrebild seiner Werke gelangte er künstlerisch immer wieder zum Durchbruch, wenn er auch nur eine Komponente ihrer Gefühls- und Gestaftungskomfuexe darstellt. Bedeutungsvoll waren die Einflüsse, die ton der Kultur des Hofes, dem geistigen und künstlerischen Leben der Residenz ausgingen. Die repräsentative Haltung, die geistige Bewegtheit, die Fülle der Anregungen erfaßte ihn, er empfing bereits Eindrücke von Kirchen-, Orchester- und Kammermusik, ton Sinfonie und Oper, von älteren und neueren Stilrichtungen. Er vermochte sich mit der Vielheit und Mannigfaltigkeit ihrer Formen,, Inhalte und Wesenseigentümlichkeiten wohl noch kaum einigermahcn intensiver auseinanderzusetzen, aber einzelne charakteristische Züge zogen ihn doch wohl bereits in ihren Bann und lockerten das Erdreich für die Einwirkungen, denen sich bald der Jüngling hingab. Wir wissen nicht, welchen Grad und äkmfang diese Eindrücke bereits annahmen, aber aus den Stücken, mit denen der Junge bald seine Produktion vor der Oefsentrichkert begann und sie in den folgenden Jahren fortfetzte, dürfen wir immerhin auf ein nicht ganz geringes Mah innerer AnteftnahE und Empfangsbereitschaft schließen. Konnte er sich in diese Welt nach einem eigenen Wollen und Empsinden hineinleben, konnte er dabei abwehren, was in ihm keine sympathische Satte berührte, so sah er sich in Schule und Hausunterricht dem Zwang gegenüber, er muhte sich emsig auch mit dem beschäftigen, was ihm innerlich vielleicht widerstrebte. Er hatte nicht die fvete Wahl, kein feinfühliger Erzieher regelte den Arbeitsstoff, es vblang ihm einfach die Pflicht, zu gehorchen und sich dem schon früh emsetzenden Zick- zackkurs 'des Baters zu unterwerfen. Die Schule konnte kernen tieferen Einsluh auf ihn ausüben, es ist aber wahrscheinlich, daß sie seinen Lerneifer eher förderte als hemmte, wie sie auch für die weniger aus mangechafter Schulung als aus Eigenwilligkeit entspringenden Merkwürdigkeiten von Beethovens spaterer Handschrift und feinem sprachlichen Ausdruck kaum torantwortlich ^ macht werden darf. Sm Elternhause mochte ihn die berufliche Leistung des Vaters mit Achtung, dessen Unberechenbarkeit imt Llnbehagen und Scheu erfüllen, sem Herz schlug far dle Mutt«, ihr brachte er feine ganze rührende Liebe entgegen. So fchmergl^ auch häutig die Nötigung zu harter, oft wenig zusagender Arbeit von ihm ' empfunden wurde, sie trug doch dazu bei, eine komplizierte Natur vor Zersplitterung und Schwächung bet Willenskraft zu bewahren. Wenn sich später Beethoven auch noch als aufstrebender, erfolgreicher Künstler immer wieder auf Schulbank setzte, an feinen Werken jahrelang feilte, so ist me L ihm steckende Äranlage zu dieser Tatigk^ wohl dadurch schon damals entwickelt und gefordert worden. Aus chr erwuchs bei Beethoven allmählich die Erkenntnis, dah d« Künstler, mag er auch mit den stärksten Lllentm ' J ’ nicht der angestrengtesten Arbeit entbehren kami. Zeitigte dw väterliche Erziehung bei alten gefahrvollen Vchattenlmten für die Entwicklung des jungen Musikers doch auch em ®ute$. 1® muhte die besänftigende Liebe der Mutttobei^^Gegensiitz rur »eitweiliaen Härte und Launenhaftigkeit des -varers auj tßn um so stärkere Wirkungen ausüben. Dah sich die Mutter ferner Mnahm unb seinen seelisc^n Nöten ^tändnfs entgegenbrachte, lernte er schon früh in besonderem Mähe schätzen. IN seiner« späteren Werken spüren wir, dah für ihn Liebe und Treue auherhalb des Bezirkes alltäglicher, kimventioneller Gefühlsäußerungen tagen und ihm als göttliche Segnungen galten. Die römische Kaiserresidenz Trier. Von Curt Hotzel. Im allgemeinen verbindet sich auch für den gebildeten Deutschen mit der Vorstellung des römischen Trier nur eine Erinnerung an die Porta Nigra - bestenfalls ist er durch das wundertolle Gedicht Stefan Georges über dieses beinahe mhthisäM Bauwerk . noch einmal auf die anttke Bedeutung der Stadt hnigewwsmi worden. Das ist bei dem überwältigenden Rsichtumder lomt scheu Denkmäler in und bei Trier um so Verwunderlichei, als sich , ;a Nefc Stadt und Gegend eines so guten Rufes als Rat.linchön- , 'heft Freut von der Köstlichkeit des Moselweines gar nicht zu ■ reden! ««mutieren soll". Noch ein weiteres Erlebnis grub unverwisch- 1 bare Spuren In die Seele des jungen Menschen. Wenn er „sich 1 .nri-n beschäftigen muhte, nahm er eine weit ganz andere . Äafjung an... (Das) waren ihm die glücklichsten Stunden, wenn « von seinen Eltern, ihren Gefellschasten befreit war . die Semigen alle heraus waren, dah er sich dann altem befand 3n diesen Stunden des Alleinseins regten sich die ersten Flugel- schläge seines musikalischen Schaffensdranges und erweckten m ffitnMe innere Befestigung, die schon die Ahnung schöpferischer Kraft Dertetijt. Und wenn er dann aus eigenem Antrieb zur Kämmerzeit frühmorgens oder am späten Nachmittag in Den Kirchen vor dem Orgeltisch sah und die Tone m das geheimnisvolle Halbdunkel hinausdrangen, dann mag vor 'hm all. das Schwere und Harte verflogen fein, an das er ""alltäglichen Leben stieh. Bei diesen Anläsfen tauchten greifbare Spuren fruh- vroduktitor Fähigkeit auf, wir dürfen bereits leise Regungen dneS romantisch gerichteten, ins Uebersinnliche schweifenden, von Sehnsucht und Ahnungen ergriffenen Geistes tormuten, wie er schon bald seine freien Klavierphantasien und Werke erfaßte und ihren Gefühlskreis bestimmte. In diesen 'jungen Jahren setzten auch die Eindrücke, Einwirkungen und Einflüsse ein, die von Territorium und Volks- stamm, von Residenzstadt und Familienhaus, von Leben und Kunst, von den Menschen des weiteren und engeren Verkehrs ausgingen. Der Junge wuchs heran in dem historisch gewordene Gebilde des kurkölnischen Kirchenstaats, inmitten einer Bevölkerung die einen Bestandteil der allgemein rheinischmi bedeutete und autochthone Besonderheiten auswies, in einem Milieu, dem Hof und (Staatsregierung das Gepräge gaben, m emep Familie, die nicht die bis ins einzelne geordneten, stabilen Berhaltinise, aber auch nicht die zuweilen bis an Verengung und Abstumpfung reichende Geradlinigkeit und Behaglichkeit des normalen Durger- standes kannte. Das Elternhaus bot kein harmonisch abgestimmtes, sonniges Heim, das den Kindern als ein Paradies erschien, wir dürfen dabei nicht an das Elternhaus Mozarts oder Goethes denken, aber es war auch keineswegs der von spateren Biographen anschaulich gezeichnete Kerker, in dem der Vater Johann als brutaler Zuchtmeister tobte und herrschte. Was die materiellen Verhältnisse an Sorgen und Schwierigkeiten, die Stimmungen und Launen des Vaters an Lleberschwenglichkeck, Änruhe und Unfrieden in die Familie hineintrugen, das vermochte die aus- gleich,ende Art, die Milde und Güte der Mutter b« den Kindern doch auch wieder zu verscheuchen und gut zu machen. Hl^ ließ sich für einen Jungen immerhin leben, stellten sich auch Schwankungen und Trübungen ein, welche innerhalb der Familienraume die leuchtenden Bilder eines himmelhochjauchzenden Jugenü- traums nicht aufkommen ließen. Nicht die feine Geistigkeit, tote sie das Haus eines an den zeitgenössischen Strömungen uvter- effierten kurkölnischen Geheimrats auszeichnete, umfloß den Jungen, solchen Ansprüchen konnte das Beethovensche Haus m$.t genügen, aber es drang doch auch em Hauch des Geisteslebens der Residenz herein, Männer der Regierung, des Theaters und der Hofmusik verkehrten hier nicht nur zum Austausch ton Stadt- neuiakeiten, und begreiflicherweise fand besonders die Musik eine Eifrige Pflege. Bei dieser häuslichen Musikübung tarnen von den Werken, die am Hofe zur Ausführung gelangten, zweffellto die einen oder anderen Teile zu Gehör und wurden auch die Notenmaterialien, die in den Donner Familien im Gebrauch waren, auf die Pulte gelegt, stlnd außerhalb des Elternhaus^ geriet der Junge einerseits in den Dunstkreis der Bürgerstadt, andererseits strömte ihm Luft und Licht der Residenz zu. Rheinisches Alltagsleben mit seinen Aeuherungen und Besonderheiten konstrastierte zum Glanz, zur Hochkultur.unb 2tet>raftotatton bea kurkölnischen Hofes, von der Enge, Kleinheit und Begrenztheit stach ab die Weite, die Bewegtheit, die Hingabe an geiftige unö künstlerische Ziele. Wie der Junge die engen Stuben und Laden der Bürger und Handwerker betrat, deren Sinnen und Trachten auf Erwerb, Unterhalt und Vergnügen gerichtet war, so durchschritt er auch, was das Kurfürstentum im Laufe der Jahrzehnte an machtvollen Bauten geschaffen hatte. In Kirche, Koiyert und Theater mochte vor ihm erklingen, was er tedtoeife schon aus den Proben im Elternhause kannte. Wahrend der Junge diese Wahrnehmungen und Eindrücke nach seiner inneren Disposition und seinem eigenem Ermessen aufnehmen konnte, war er beim Unterricht, in den er durch das väterliche Machtwort hinein- gestellt wurde, an eine vorgeschriebene Route gebunden. In Trivialschule und Tirocinium saß er mit den Aftersgenoffen, die individuelle Begabung mußte sich dem auf die Allgemeinheit zugeschnittenen Schema beugen, das die regelrechten, elemerrtateii Schulkenntnisse vermittelte. Und auch in der häuslichen Wusik- «ziehung konnte er sich dem Befehle des Vaters und den Wun- scheu der Lehrer nicht entziehen. Verzichtete schon die Schule unter den damaligen Verhältnissen ost auf einen Mematischen Unterricht, so trat vor allem bei der muiikasischen Ausbildung an Stelle des allmählichen, auf gesunde GrundlagM, sich stutzenden Aufbaus die Experimentiersucht, welche die verschiedenartigsten Helfer herbeirief, der sich der Junge aber teilweise schon bald zu entziehen wußte, um aus eigene Faust feine Orgelstudiei z betreiben. So leicht es dem Vater gelang, mit seinen Schulern aus Adels- und Bürgerkreisen fertig zu werden, so wenig vermochte er als Lehrer mit dem eigenen Sohiw anzufangen. Es erhebt sich die Frage, welche Spuren diese Eindrücke, Emwir- — 116 — Don alters her ist auch dem Trierer selber nur seine Porta Nigra vertraut, dazu sein „Kaiserpalast" — jene gewaltigen Ruinen, später Bestandteile der Stadtmauer, die die archäologische Forschung nunmehr als die Heberreste der Kaiserthermen, des (zweiten) Dadopalastes im römischen Trier erkannt hat, Schlich- lich war das Äinphitheater am Rande der jetzigen Stadt noch populär, Im übrigen war man gewohnt, bei der geringsten Ausschachtungsarbeit auf Trierer Boden oder im Lande draußen antike Münzen, Tongefäße, ja Statuen und andere Zeugen der Dorzeit zu finden, ohne sich sonderlich aufzuregen. 3n der Stille sind diese Heberreste einer fernen hochzivilisierten Dorzeit nun im Provinzialmuseum zusammengetragen worden, wo sich der deutsche emsige Forscherfleiß um die Erkundung dieser Borzeit aus den Resten und Triunmern bemühte. Heute finden wir in diesem Museum nach jahrzehntelanger Arbeit wahrhaft „lebende Bilder" des römischen Trier und seiner -Hingebung; die von Prof. Dr. Krüger geleiteten Sammlungen weisen nach der durch Prof. Dr. L ö s ch ck e besorgten Aeuordnung auhervrdentlich wirksame Zusammenstellungen von Trümmern, Statuen, Inschriften und Rekonstruktionen auf, die geschlossene, sinnfällige Bilder des Gewesenen vermitteln. Das ist vor allem in den neuen, von Prof. Dr. Steiner mitverwalteten Räumen gelungen, in denen man durch Zwischenwände und Konsolen aus steinähnlichem Matmtial den Eindruck des Zusammengehörigen noch verstärkt hat. Hier kann man jetzt vor allem die prächtigen Grabmäler studieren, deren Reliefs uns mit aller wünschenswerten Deutlichkeit das Leben und Streben der römischen Trierer erzählen. Meist sind es Kaufleute, Tuchhändler und zugleich Latifundien- bescher, die sich Zins in Daturalien und Geld zahlen lassen. Gemünztes Geld ist regelmäßig in aufgehäuften Mengen auf diesen Grabmäler» zu sehen. Wer auch das häusliche Leben ist auf den Reliefs breit dargestellt, der Wohlstand, der sich in ausgedehnten Räumlichkeiten, in kunstvollem Gerät, in Gastfreiheit und Dienerschaft kund tat. „Trevis vestit et armat“ heißt es in den zeitgenössischen Nachrichten von der reichen Stadt an der Mosel. Es waren ursprünglich durchaus friedliche Absichten, die in Trier einen großen Wohlstand erzeugt hatten. Legionen waren hier niemals in Garnison, und so finden wir dann auch nur eine» einzigen Grabstein eines Soldaten in der Dkenge der Denkmäler. Hm so merkwürdiger berührt das überaus zahlreiche Auftreten der Bilder des Kriegsgottes Mars. In Steinarbeiten, Tsmpel- stutuen bis herab zu kleinen und kleinsten Dronzestatuetten. Meih- geschenken finden wir ihn hier dargestellt. Das Rätsel löst sich, wenn wir von den Forschern erfahren, daß es sich um den heimischen Gott Lenas handelt, einen Heilgott der Gallier, der Tre» derer. Da er wohl ursprünglich schon eine Lanze führte, haben ihn die, die heimischen Götter umbildenden Römer ihrem Mars verbunden, ihn zum „Mars Lenus" gemacht. Das Auszeichnende der Tierer Römerfunde ist eben, daß wir es hier nicht nur mit den Heberresten ans der Militärzone, aus den Quartieren des römischen Grenzschutzes zu tun haben, sondern mit einer bürgerlichen Kultur unter starkem römischen Einfluß. Wenn Trier nun auch in zeitgenössischen Dachrichten des öfteren Colonia Augusta Trevirorum genannt wird, so ist daraus. doch nicht der Schluß zu ziehen, daß es sich dabei um eine römische Kolonie handelte. „Colonia" wird ein Ehrenname für die überaus wichtige Stadtsiedlung aus augusteischer Zeit gewesen fein, in der im Jahre 258 der römische Feldherr Postnmus von seinen Legionären in Gemeinschaft mit der Trierer Bevölkerung zum Soldatenkaiser von Gallien ausgerufen wird. Postnmus hatte die Stadt und bas Hinterland von dem Schrecken des Germaneneinfalls unter Galienus befreit. Damals wurde Trier zum ersten Male Kaiserresidenz. Damals wurde die mächtige Stadtmauer gebaut, der die heutige Porta Nigra als Stadttor eingegliedert war. Trier wurde eine „urps opui.en- tissima“, eine prächtige Stadt, mit Thermen aus Marmor, mit Tempeln und einem Kapitol, auf dem die kapitolinische Dreiheit Jupiter, Juno und Minerva verehrt wurde. Diocletian hebt zwar das gallische Sonderkaisertum wieder auf, aber zugleich setzt er seinen eigenen römischen Mitregenten Maximianus Her» ruleus zum Kaiser in Trier ein. lind von hier aus wurden zeitweise Gallien, Spanien und ^Britannien beherrscht — was die Bürger der Römerstadt Lyon den Herren der Welt sehr ver- übelten, da von ihrer Stadt ans bisher das westliche Aömerreich regiert worden war. Trier wurde also eine römische Weltstadt. LnxuS breitete sich aus. und alle Bölkerschaften des Weltreichs gaben sich auf dem Forum der Augusta Treverorum ein Stelldichein. Spuren verschiedenster Religionen zeugen davon. Der Reichtum wuchs. Die Trierer konnten sich Thermenbauten leisten, die doppelt so groß waren wie die anderer provinzialer Hauptstädte des Reiches, etwa die letzthin ausgsgrabenen von Leptis magna in Afrika. Die Treverer, ein ursprünglich germanischer Volks» stamm mit starker gallischer Dluteinmischung nahmen völlig die Sitten der römischen Eroberer an. Sinnbildlich dafür ist das Leben im A m p h i t h e a t e r; die grausamen Freuden dec entarteten Römer wurden den Treverern zur neuen Gewohnheit. Sie jubelten den blonden Gladiatoren za, die vor dem Throne des großen Konstantin sich mit den kurzen Römerschwertern die Leiber zerrissen. Sie sahen aber auch die germanischen blutsverwandten Gefangenen des Eäsar sich unter den Tatzen der Naubtiere verbluten. — Die römische Zivilisation fand hier in Gallien einen breiten Boden. Hatten doch die Treverer bereits mgene Längenmaße, als die Römer hier ankamen. Die römischen Meilensteine zeigen denn auch gallische Bezeichnungen. Don der Derwandlung einheimischer Gottheiten in römische toar schon die Rede. Die Tempel dieser halbbar. ^irischen Gottheiten liegen ursprünglich außerhalb dec (Stabt So das Nationalheiligtum der Treverer, der Mars-Lenus-Tempel. unter dem heutigen Dalduinshäuschen jenseits der Niosel. Her wurde jener Heilgott Lenus verehrt in kleineren Tempeln, bevor ihn die Römer ihrem Mars verbanden und ihm dann hier den großen Marmortempel errichteten, mit dessen Ausgrabung man gegenwärtig in Trier beschäftigt ist. Dem Lenus war die Ancmma bergegeben von den Galliern, und er behielt sie auch als Mar» Lenus. Hier zeigt sich das Heberwiegen der heimischen Vorstellung berm späteren rvmanisierten Kult. In der Nähe de, groß« MarsherligtumS draußen vor der Stadt befand sich auch das Heiligtum der Quelliihmphen, nahe der noch heute „Heidenborn" genannten Quelle, der Tempel der Bulsigiae. An dieser Quelle fand später der Kurfürst-Bischof Balduin Heilung. So wächk hrer die heidnische Heberlieferung in die christliche hinüber — aus dem Heimatbvden im wahrsten Sinne des Wortes „quellend". Die ersten Heiligtümer der Christen lagen übrigens auch außerhalb der Römerstadt, bis sie die alten Dasilikabauten umgestalteten xu christlichen Kirchen. 2kun ist aber Prof. Siegfried Löschcke, angeregt durch me Hntersuchung der alten Funde bei der Neuordnung des Museums, zu überraschenden Entdeckungen bei den daraufhin totgenommenen Grabungen in einem Wiesental südwestlich der Kaiserthermen gekommen. Der Verfasser hatte GelegenhÄt, sich ton dem Forscher selbst an Ort und Stelle die großartigen Resultate der mit außerordentlichem Scharfsinn unternommenen Grabungen erklären zu lassen. In dem sanft gegen die Stadt hin abfallenden Altbachtale, eingerahmt von der Bahnlinie und modernen Gebäuden, da wo eben eine großangelegte Rampen» praße das Straßenniveau der heutigen Stadt durch Ausschüttungen erreichen sollte, findet man jetzt mehrere Meter tiefe Ausschachtungen. _ In verschiedenen Schichten tritt das antik Niveau zutage: eine mit mächtigen Sandsteinblöcken gepflasterte römische Straße führt in der obersten Schicht dahin. Dann folgen unregelmäßig und teilweise sehr beschädigt die Grundmauern von Tempelanlagen. Diese Kultbauten — bis jetzt sind etwa 20 ermittelt — stellen in der Tat ein nordisches Delphi dar, so weiträumig und reichhaltig ist ihre in verschiedene nachchristliche Jahrhunderte fallende Anlage. Dieser Tempslbezirk liegt außerhalb des augusteischen Trier, aber innerhalb der späteren Kaiserresidenz. Die besondere Bedeutung dieser Funde liegt nun darin, daß hier in noch höherem Maße als bei den Funden jenseits der Mosel in dem Marsheiligtum die heimischen Gottheiten in geringer römischer Verhüllung an der Stätte ihrer Anbetung zu finden sind. Auswärtige Funde sind mit diesem gewiß noch längst nicht in seinem ganzen Hmfang aufgedeckten Tempelbezirk in nähere Verbindung zu bringen. Neben einem Heiligtum des Jupiter Tarrants (Donar) und dem des Handelsgottes Esus, des Wegebauers uniö Baumfällers, fand man hier einen Altar des altetruskischen Gottes der Jahreszeiten Bertumnius, der hier auch als Pisuntto bezeichnet wird mit dem einheimischen Namen. Der Mar ist mit Widder- und Menschenköpfen verziert, was mit Sicherheit darauf schließen läßt, daß darauf Menschenopfer gebracht worden find. Ferner gehört zu den Merkwürdigkeiten dieses Teinpelbezirks das innerhalb einer Tempelummau?rung gefundene Steinbild eines Stiers, der ebe-nals von :>>■ f- gewandeten Frau geleitet wurde. Zweifellos handelt es sich um einen Wasser- und Fruchtbarkeitsgott — man wir- nun greifen, wenn man das Götterbild als eine Maske des Dionysos bezeichnet. Ein Stück weiter finden wir eine FruchtbarkeitsgöttW (Avesta) mit dem Spankorb auf dem Schoß, sitzend vor dem zweizelligen Heiligtum. Die Tempel zweigen in den aufgedecktea Grundmauern meist nur den Hmfang etwa späterer, christlicher Feldkapellen. An einer Stelle liegt das Viereck deS sväteren Baues direft über dem früheren Rundbau. Die Methode der Grabungen ist eine vorbildliche Leistung deutschen Forschergeistes. In Siegfried Loefchcke, dem Sohne des bedeutenden Donner Archäologen, vereinigt stch der Archäologe mit dem Geologen, und so wird es ihm möglich, an- den geringsten Spuren noch Schlüsse zu ziehen. Seine Grabungen erstrecken sich immer bis aufs gewachsene Erdreich. Selbst das in den Grabbereich eingedrungene letzte Hochwasser der Mosel, bat seinen sicheren Finderweg durch die brüchigen Spuren nicht beirren können. Die Regierung hat ihm in verständnisvoller Weift größere Mittel zur Verfügung gestellt. Es ist sehr zu wünschen, daß die Bevölkerung, die Behörde« und die Staatsregierung diesem großartigen Werke weiter ihr Wohlwollen beweist, damit hier eine nationale Aufgabe von größter wissenschaftlicher und kultureller Tragweite gelöst werde« ann. Denn die Erschließung der römischen Kaiserresidenz in d« deutschen Westmark und ihrer Tempelbauten heimischer Gottheiten ist für die Sicherung der Erkenntnis unserer eigenste« Wesenheit ein Werk ton höchster nationaler Bedeutung! Trier ist einer der Angelpunkte der europäischen Kultur und Geschichte gewesen — es kann uns wie kaum eine andere Stadt Aufschluß geben über die Kraftlinien unserer Entwicklung. Schristleitung: Dr. Friede. Wich. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'jchrn Hniv.-Btrch- und Steindruckerei, A. Lang«, Gießen,