Gießener Zamilienbiatter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang |926 Dienstag, -en 9. November Nummer 90 Wiegenlied. Von Detlev v. Liliencron. Vor der Tür« schläft der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. Schlaf, mein Wulf. In später Stund küß ich deinen roten Mund. Streck dein kleines, dickes Bein, steht noch nicht auf Weg und Stein. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. Schlaf, mein Wulf. Es kommt die Zeit, Regen rauscht, es stürmt und schneit. Lebst in atemloser Hast, hättest gerne Schlaf und Rast. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. Vor der Türe schläft der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. Georg Engel. Von Fritz Droop. Es war vor etwa zwanzig Jahren, als Liliencron mir zum erstenmal in begeisterter Weise von Georg Engel und dessen Roman „Hann Klüth*) erzählte. Seit jener Zeit gehörte Engel auch zu meinen Freunden, und wenn ich meine Weihnachts- oder Geburtstagspakete besorgte, so war das ohne diesen kostbaren Roman, die wunderbare Geschichte vom „Reiter auf dem Regenbogen", die Novelle „Das Hungerdorf" oder die den deutschen Müttern gewidmete „Verirrte Magd" schlechterdings nicht denkbar. In jedem dieser Werke hat deutscher Geist und deutsch« Heimat ihren berufenen Sanger gefunden, und wie der Dichter im Weibe stets das hohe Bild der Reinheit ersehnte, so sah er auch in den ringenden Gestalten seiner deutschen Volksgenossen immer ein Stück der schöpferischen ihre wachsende Auflageziffer hat bewiesen, daß erfreuhctjerroeqe auch das Lesepublikum an den Unterhaltungsstoff noch höhere Ansprüche stellt. Engels Heimat ist die alte Ostseestadt Greifswalds Von dort führte ihn sein späterer Lebensweg über Breslau nach Berlin, dem er bis heute treu geblieben ist Aber immer wieder mb es ble Menschen von der Wasserkante, denen er seine Liebe schenkt, und das Meer singt im ewigen Rhythmus sein Lied dazu Aber wo und wie er seine Heimat auch preist, ob nn glücklichen Wechsel von Idyll und dramatischer Szene, ob ,n humorvoller Ep.sode oder m heißen Konflikt mit tragischem Ausgang; nie ist das Heimatliche um seiner selbst willen da, sondern immer nur als Rahmen für die Gestaltung deutschen Schicksals, deutschen Wesens. Die H-mptge- stalten seiner Werke sind immer Bannerträger deutscher Art und deutschen Geistes und so wird Engel zum Symboliker und Jdeen- dichter, auf den das Wort vom Heimatdichter nur noch m seinem weitesten Ausmaße paßt. Gottheit. Georg Engels literarische Sendung war die Verinnerli^ung und die stilistische Verfeinerung des sogenannten Unterhaltungsromans. Mit diesem Wort wird leider sehr viel Unfug getrieben. Zu „unterhalten" ist der Zweck jedes Romans, selbst wenn er der Forderung gerecht werden will, der Bildungs- und Fortschntts- bewegung der Zeit zu dienen. Mit der Unterhaltung im tieferen Sinne beginnt ja eigentlich jede Literatur. Allerdings muffen sehr viele und sehr wichtige Elemente hinzutreten, vor allen Dingen die allgemein gültige symbolische Idee, eine lichte, über uns selbst Hinauswestende Ethik und besonders die bildnerische Vollgültigkeck der geschaffenen Menschen. Indem Georg Engel sich diesen höchsten künstlerischen Maßstab vorhielt, hat er im Sinne lenes Größeren gewirkt, der uns mit seinem „Werther" den ersten modernen Roman geschenkt hat. Engels Werke gehören seit Jahrzehnten zu unserem nationalen Hausschatz gediegener Unterhaltungsliteratur und ihre wachsende Auflageziffer hat bewiesen, daß erfreulicherweise auch das Lesepublikum an den Unterhaltungsstoff noch hoher« *\ Sämtliche hier genannten Werke sind in neuen Auflagen bei der Union Deutschen Verlagsgesellschast in Stuttgart erschienen. Im „Reiter auf dem Regenbogen" schreitet (wie ich schon vor mehr als anderthalb Jahrzehnten geschrieben habe) ein neuer Par- fival durch den rauschenden Dichterwald und wieder leuchtet das Wunder des heiligen Gral dem Gottsucher Gust Petersen, weil er reinen Herzens und unberührten Sinnes ist, wie der tumbe Ritter der Artussage. " Außer dem „Reiter auf dem Regenbogen" folgten auf die ersten Arbeiten Engels der Roman „Um des Nächsten Weib", die No- vellensamistlung „Das Hungerdorf", der Roman „Die Last", das Thema von dem unverstandenen Ehegatten, eine Seelenstudie von packender Psychologie und erschütternder dichterischer Wahrheit, und der herrliche „Hann Klüth". Aus tiefster Herzensfreude hat Liliencron damals in der „Zukunft" über das Buch geschrieben: „Es wird mir erlaubt sein, daß ich mich mit Klingklanggloria über dieses Buch freuen darf!" — Wie eingangs erzählt, hat er mich selbst für Engel begeistert. Hann Klüth, der Brückenwärter, ist eine Verkörperung des deutschen und niederdeutschen Menschen, die man nicht wieder vergißt. Mit 41 Auslagen steht das Buch an der Spitze aller Werke Engels, auch dem äußeren Erfolge nach. In zwei großen Werken „Claus Störtebecker" und „Die Mauer" hat Georg Engel sich später auch mit der Zeit nach dem Kriege näher auseinandergesetzt. Der Roman des berühmten Seehelden wirft besonders grelle Leuchtfeuer auf die weltumstürzlerischen Ideen, die nach dem Zusammenbruch der deutschen Front um die Herrschaft rangen. In dem Idealisten und Sünder Störtebecker, der schließlich an den schwankenden Pfeilern seiner Traumwelt zerbricht, erkennen wir das Bild Deutschlands, sehen wir das Symbol des Kampfes, den die Schöpfung ewig führen muß. In „Claus Störtebecker" hat Georg Engel zugleich eine neue dichterische Form für den historischen Roman gefunden. In der „Mauer" zeigt uns Engel die turmhohe Scheidewand zwischen Aristokratie und Volk. Zwei Angehörige eines kleinen Fürstengeschlechts versuchen, diese Mauer einzureißen und die Kluft zu überbrücken: eine abenteuerlüsterne Gräfin, die sich für die erotischen Seitensprünge ihres Gatten rächen und ihren demokratischen Rechtsanwalt heiraten will, dann aber resigniert zu dem Grafen zurückkehrt, und der durch den Kriegswahn verwirrte Bruder der Gräfin, den das Schicksal in die tiefste Niederung des Volkes wirft, wo er als Ignatius Michael die Liebe eines armen Mädchens gewinnt, die ihn vom physischen Untergang rettet. Von der blinden Welle des Zufalls wieder hochgewirbelt, kehrt der junge Graf in das Schloß seiner Väter heim; aber er kann die parfümierte Luft nicht mehr ertragen und flieht in die Arme seines Mädchens zurück. Bei einem Straßenkampfe findet der Entwurzelte den Tod. Die Mauer ist — leider — stehen geblieben, trotz zahlloser Opfer; viele weichen ihr — wie die Gräfin — in kluger Berechnung aus; viele zerbrechen an ihr wie Ignatius Michael. Weiter zurück liegen die Werke „Der verbotene Rausch , ein Strauß feinsinniger Novellen; die Romane „Die Herrin und ihr Knecht", „Die Prinzessin und der Heilige". So verschieden sie auch stofflich im einzelnen sind, ob sie wie der erstgenannte Menschen unserer Tage von dort, wo deutsches und russisches Wesen zusammenstoßen, darstellen, oder wie „Die Prinzessin und der Heilige" in die Zeiten der alten heidnischen Pommernherzöge des 13. Jahrhunderts in abenteuerlich-bunter, leidenschaftserfüllter Erzählung zuruckfuhren, immer stehen sie hoch über der landläufigen Romanliteratur unserer Zeit im Dienste einer ethischen Idee und immer wieder Horen wir das Wort: Seid menschlich, Menschen, werdet eurer wert, und haßt den Zwiespalt, der euch trennt. Seid Brüder! So sind die Heimat- liebe und der Glaube an die Zusammenhänge der engsten Volksgemeinschaft, der Familie, die ehernen Träger seiner Weltanschauung geworden; hier wachsen die Keimzellen der neuen Aufbausaat, die zu hüten unser Dichter nie müde geworden ist. Weil Georg Engel mcht nur Auae und Ohr, sondern auch sein Herz der Welt geöffnet hat, um ihr Innerstes zu erforschen, ist er zurErkenntms tiefster Zusam- menhänge gelangt; weil er bei aller lRücffttf>t aufbie 3ettftrDmung nur auf die Stimme seines Blutes hörte, wuchs m ihm der Wille, mitzuhelfen am großen Erziehungswerk der Kultur im Dienste der Kommenden, Ser Werdenden. Das ist fern unvergeßliches Verdienst. SaSerCim!Krieg gefallene Dichter Gorch Fock hat es einmal als die höchst» Stufe der Heimatkunst bezeichnet: „Mit der Heimat im Herzen dis ' Welt umfassen, mit der Welt vor Augen die Heimat liebend und bauend durchdringen." In diesem Sinne hat Georg Engel dem deutschen Volke Heimatdichtung, deutsche Dichtung und Gegenwarw- kunst gegeben und ihm mit seinem Werk, das zwei volle Genern- tionen^umspannt, Werte geschenkt, für die ihm Dankbarkeit und Liebe gebührt. ______________ - 358 — Der Vogel Phönix. Von Georg Engel. „Nee," sagte der alte lahme Obermaat Bob Vatge, der beständig an Bord des braunen Hollandfahrers auf einem dicken Knäuel Tauwerk hockte, um von da aus auszupassen, ob wir herumlungernden Jungen nicht etwa die schönen kirschroten Käsescheiben zu uns steckten — denn diese Art Freibeuterei hielten wir für durchaus ehrenvoll und nachahmenswürdig — „nee", sagte er, indem er mißbilligend das Haupt schüttelte, „stehlen mußt du nid) gerade.' „I was, so ein Stück Käse, Bob.„ Kuck, bloß hier vom Rand weg. Das verbietet nid) mal die Bibel." „Drähn," widersprach er, „die Bibel is mich ganz gleichgültig. Mich geht es bloß wegen den Vogel Phönix; daß der dich mch beißen tut." m „Was meinst du?" stotterte ich, legte schnell meinen Raub von mir, und während ich ihm meine Ellbogen aufs Knie stemmte, blickte ich ihn dringend an: „Phönix? Das ist ja der Wundervogel aus Arabien." , „Mag sein," versetzte Bob Vatge ganz ruhig, „daß er früher da gewohnt hat. Jetzt aberst wohnt er hier in der Domstratze. Und is der Diebsvogel." „Oh," wagte ich noch einmal einzuwenden, „das bildest du dir doch wohl nur ein? Nicht wahr?" „So?" warf Bob verächtlich hin, „glaubst du das, mein Jünging? Na, denn kann ja aus dir nod) was Leckeres werden. Aberst damit id) nicht daran schuld bin, daß du in volle Ahnungslosigkeit in dein grünes Verderben läufst, so will ich dir lieber den Umstand aufklären. Da wirst du ja dann merken, wie der Voael Phönix hinter jede Siehlerei her is, wie der Hecht hinter dem Heringszug. Und nachher kannst du ja noch immer tun, was du Lust hast. Stehlen oder auch ehrlich bleiben. Es is beides sehr verdienstlich und nährt seinen Mann. Und nu paß auf!" * Ante Dauch, die alte geizige Ante Saud) da draußen in Vörgel- sund, konnte nicht schlafen. Wie sehr sie sich auch in ihrer schmalen Bettlade, die in dem Durchgang hinter ihrem Kramladen an der Wand angeschraubt war, wie sehr sie sich auch in ihren blau und weiß gewürfelten Kissen herumwarf, es half nichts, ihre starren, grauen Augen blieben offen. Bald lief es ihr wie ein Feuer über die knochigen Glieder, denn sie ließ das Bettzeug alle Jahrs nur einmal waschen. Aus Bescheidenheit. Denn der Mensch durfte sich nicht der Seilerei hingeben. Und dann mußte sie sich wieder auf- richten, um zu lauschen. „Paß auf — nee, nee, pah gut auf, Ante. Is das wirklich der olle Südsüdost, der so in den Ritzen und vor der Haustür winselt? Oder bricht und feilt da nicht jemand am Ladenfchloß? — Gott im hohen Himmel, heute ist ja erst ein Faß Petroleum sowie eine neue Lage Salzheringe hereingekommen. — Matjes." — Ante weiß zwar sehr wohl, die Fische entstammten nicht dieser vornehmen Gattung, aber sie nennt sie doch so. — Wenn nun jemand so gottlos wäre und schliche sich in den engen, kleinen Laden hinein? Das Heringsfaß — voll Matjes — steht dicht am Eingang. Und wenn man ihr bann fünf, sechs — o du lieber, einziger Vater — ober gar acht ober zehn von den schönen fetten Tieren wegnähme! — Gewiß, dem Seiler Radvan von nebenan wäre das wohl zuzutrauen. Der elende Mensch hat ja all sechs Wochen nicht an seinem Stuhl gearbeitet. Denn dieses Geschäft hört man doch ganz deutlich. Und wenn er bann — — „Huch!" fuhr sie in kaltem Schrecken auf, „nebenan schleicht etwas." Ihre Finger zittern. Nein, nein, diesmal vernimmt sie es ganz deutlich. Drinnen klappert was. Ganz erklärlich, Seiler Radvan trägt Holzpantoffel. Er ist also bereits eingeftiegen. Mit heiserem Röcheln entzündet Ante das Lichistümpfchen. Gott, Gott, so ein Stearinlicht ist jetzt so teuer. Wie kann man gegen eine arme Krämerswitwe, die sich kiimmer- lid) nährt, bloß derartig sündhaft handeln! Im langen Hemd, bas um ihre ©lieber schlottert, und mit weit vorgehaltenem Licht schleicht die Bebende darauf zur Ladentür. Wunderliche Schatten wirft das Licht auf das braune Gebälk und springt und huscht seltsam über das lange, faltige Antlitz der Schleichenden. Jetzt lugt sie mit angehaltenem Atem durch das runde Glasfensterchen des Ladens.' Nichts.--Alles leer. Die Heringstonne steht noch am Eingang. Und von dem Pelxoleumfaß stürzt zuweilen ein Tropfen durch den Holzhahn in das Daruntergestellte Schaff. Tick — tick — but — but. „Man gut," meint Ante Dauch aufatmend, „daß ich bloß geträumt hab'. Und die Leute fünd hier auch alle ehrlich." Damit will sie wieder in ihr Bett zurückfchlürfen. Aber da — da--ach, du himmlischer Vater, es ist also doch wahr — da kratzt ja etwas wie mit spitzigen Nägeln über das Holz der Eingangspforte. In dumpfer Angst räuspert sich Ante Dauch: „Huch '— is da wer?" Draußen kratzt es heftiger: „Ja, ich bün es — deine Schwester Rike. Mach fix auf, Ante, denn mir geht es schlimm!" „Was? Riksch, du? — Is möglich? — Ich denk', du wäschst bei Lehrer Kleppien?" „Ja, ja, allens später. Bei deiner Swesterlichkeit beschwör' ich dich, laß mir ’rein." • „Ganz gut, aber ich hab' dich deine monatliche Unterstützung — ach, das viele Geld — doch erst gegeben. Willst du etwa, jetzt in der Nacht, wieder was von mir arme, kranke Frau?" „O Ante, ich bün ja viel kränker. Mir verzehrt der Satan bei lebendigem Leibe. Er sitzt auf meiner Seele und reitet da auf 'rum." „Was? — was? kuck eins!" ruft Anie Dauch und rafft zierlich ihr Hemde, als sie an dem Heringsfaß vorbeistreicht. Doch die außergewöhnliche Krankheit der Schwester erregt die Teilnahme der Krämerin mehr, als sie sich selbst eingesteht. „Wenn der Teufel auf dir ’rumreitet, denn komm' rein," gibt sie hustend nach, „komm ’rein, Swester, was fehlt dir?" Damit hat sie den großen Querbaum zurückgeschlagen und den rostigen Schlüssel herumgedreht. Kreischend öffnet sich die grüne Tür, ein Windstoß vom Meere fegt herein, und die Röcke der draußen Verharrenden wehen und rascheln. „O Gott — o Gott, wie preßt er mich meine arme Seel’!" wimmert die kleine vertrocknete und verdorrte Gestalt, die sich jetzt in den Laden hereindrückt, um sich sofort zitternd und klappernd auf die schmale Bank vor dem Verkaufstisch niederzulassen. Einen Korb hat sie dabei auf die roten Dielen gestellt. „Je, je, er zerschneidet mich mein Herz mit einem Brotmesser." Wahrlich, es ist ein wunderlich Bild, das die beiden bejahrten Frauen jetzt bieten. Die eine, dürr und lang, im Hemde hinter dem Ladentisch, die andre davor, zusammengekrochen und durchnäßt, in haltloser Verzweiflung. Zwischen beiden aber das flackernde Licht. „O Schwesting, Schwesting," jammert der Gast, indem das Weib die Tropfen von sich abfpritzt, „gib mich rasch dein Hamburger Pflaster, damit ich es mich gegen Unruhe und Teuflifchkeit hinten auf den Hals klebe." Hier verzieht Ante Dauch erschreckt ihr langes, faltiges Antlitz. „Meinst du umsonst?" möchte sie gern« ablehnen. Jedoch der nächtliche Besuch wirft in jäher Hast, als wäre keine Minute mehr zu verlieren, ein Grofchenstück auf den Ladentisch. Und als die besorgte Schwester nun bas braune, freisrunbe Pflaster hervorgefucht hat, wirb es von Riksch Drewelow in roilber Eile hinten auf ben bünnen, ausgezehrten Hals geklebt. „O Schwesting, Schwesting, wo geht mich bas!" jammert babei bas kleine, bürre Geschöpf von neuem. „Na, benn sag' doch!" drängt die Nettere im Hemde, während sie sich ihre langen Finger an der Flamme des Lichtes zu wärmen versucht: „Es ist spät — und mich friert." „Woll — woll, dich friert, oh, und in mich kocht der Deuwel wirkliches, glühendes Pech. — Ach, mein liebes, gutes Schwesting, du weißt, mein seliger Mann pflegte all ümmer zu sagen, es süß' woll in mich der Böse, wenn ich so auf andre Leut' ihr Hab und Gut hinfchielen mußt. Und vor zwei Jahren, da haben sie mich doch auch auf sechs Wochen eingezogen, weil Kaufmann Guhlen feine silberne Schnupftabaksdos’ sich in meinem Kleiderschrank gefunden hatt'. Ganz zufällig. Ich könnt' da gar nichts dafür. Sie war eben da. Und fo geht es mir ümmer." „Ja, ja, aber was bringst du denn heute?" fuhr Ante Dauch ungeduldig dazwischen, indem sie ihren Oberkörper in dem schlotternden Hemde weit über den Ladentisch herüberschob: „Fandst du heute wieder was?" fügte sie begierig hinzu. Riksch nickte und rang aufschluchzend die Hände: „Was wollt id) nidj?" jammerte sie tonlos, „der Deuwel springt in meinen Cin- geweiden herum. Denk' dich, Schwesting, wo mich das geht. Da wasch' ich heute bei Lehrer Kleppien, der die reiche Wittfrau geheiratet hat, und der so vergeßlich ist. Ach Gott, warum is er bloß fo vergeßlich? Warum? — Kuck, und da hat er morgen [einen Geburtstag, und nu bekommt er heute von eine alte Erbtante einen Hundertmarkschein dazu geschickt." „Einen Hundert — mark--?" schleuderte Ante dazwischen, und ihre knochigen Finger begannen auf der Tischplatte gierig zu zählen, „hast du den selbst gesehn?" „Was wollt' ich nid)? — Dahinter steckt ja eben der Deuwel, daß er mich ümmer so was zeigen muh. Sieh, ich war grab in die Stub', und weil die Frau Kleppien ihrem Mann gewöhnlich alles wegnimmt, da hat er — wie er nu so mit mir allein war, den blauen Schein — ach, so ein schöner blauer Schein war es — in bas alte Bierseidel oben auf den Schrank gesteckt." „Na, und —?" drängte Ante, deren stechende Augen im Widerschein des Lichtes wie die einer Eule zu schimmern anhoben, „hast du ihn etwa schon weggenommen?" Da schüttelte Rik verzweifelt das Haupt. „Nee, nee, das is es ja eben. So stark war der Deuwel noch nid). Aber ich muh nu ümmerfort daran denken. Uemmerzu an das alte Bierseidel aus gelbem Stein mit dem Nickeldeckel obenauf. O Swesting, und wenn das Hamburger Pflaster den Bösen nid) aus mir 'rauszieht, denn weih ich nich, was noch geschieht." „Es zieht ihm aber ’rausl" befahl Ante aufgebracht, „ich werd dir noch eins schenken. Dann hilft es sicher. Und nu geh zu Bett, damit es wirken kann. Mach fix, denn ich will solche unheiligen Sachen nicht in meinem feinen und anständigen Geschäft beherbergen. Gut' Nacht!" Mit diesen Worten schob sie ihren Besuch rücksichtslos und kräftig auf die Landstraße hinaus, und während sie den schweren Quer- bäum wieder vor die Tür legte, hörte sie noch, wie es draußen ferner und ferner wimmerte: „Oh, wie das brennt, wie das reiht. Das kann ein Mensch nich lange aushalten. Nein, das kann er nich. Welch ein Schrecken! Als Ante wieder in ihren blau und weihen Kissen tag, da merkte sie mit nagender Bestürzung, dah Rikes Deuwel zurückgeblieben war. Ja, ja, ganz deutlich sah sie ihn auf dem Stuhl vor rock, gröh Ohre unte Kohl arm. zuvo der. was konn liere gebe ( zu noch ihre Rock Wei Aug fami die im Eiw Sei! Lock meli Nas die schei Roö nur kern Kor Vol plöi eine run Sta Ser der schü fäll Pse Sti der Hao Sch die her Au 17? gri er, ger Fe! et. vec — 359 vor ihrem Bett sitzen, gerade auf ihrem roten schörlakenen Unterrock. Und der Deuwel nahm einen Priem, spuckte ein paarmal und gröhlte dann mit leise kochender Stimme, die wie Pech in ihren Ohren brannte: „Jule, Jule, Jule, Du büst ein dummes Vieh, Jule, Jule, Jule, Du lernst das Leben nie." „Oh, wieso?" sragte Ante Dauch, wobei sie bis über die Augen unter die Bettdecke kroch. „Na, wieso?" stach der Deuwel weiter, während seine roten Kohlenaugen sie grimmig anfunkelten: „Wieso? Büst du nich eine arme, fleißige Frau?" „Das is so — das is so." „Und hast du all eins hundert Mark beisammen gesehn?" „Nee, nee, wie soll ich? Wie soll ich bloß?" „Aber du willst woll abwarten, bis deine Swester Riksch dir zuvorkommt? Die versteht sich auf solche Sachen." „Ja, was wollt' sie nich? — Was wollt' sie nich? Aberst wenn der Lehrer nu was merkt?" „I, deswegen kannst du ruhig sein, oll Antsch. Der hat noch nie was gemerkt. Und hat er nich morgen seinen Geburtstag? Und kommen da nich viele Leute? Und kannst du ihm nich auch gratulieren?" „Ja, ja — aber nu doch", wandte Ante Dauch ein, sich schweißgebadet herumwälzend. „Was?" (Schluß folgt.) Post von England. Von Friedrich F r e k s a. Es war in einer Juninacht des Jahres 1821, als im Ratskeller zu Bremen an einem großen, runden Tisch trotz später Stunde noch eine Gesellschaft von alten, würdigen Herren ausharrte, die ihre Blicke auf einen stattlichen Mann in langem, flaschengrünem Rock gerichtet hatten, dessen Worte sie andächtig einsogen wie edlen Wein. Diese Bremer Herren mit durchgearbeiteten Gesichtszügen, harten Augen und Köpfen, die fest hn Nacken saßen, glichen einer Versammlung von kleinen Fürsten. Das Kinn und die Lippen trugen sie nach englischer Sitte rasiert, während die Backen von Favorits eingerahmt waren. Trotz der geröteten Wangen, die auf reichlichen Weingenuß schließen ließen, waren die Bewegungen gehalten und die Stimmen gedämpft, sie standen unter dem Banne des Herrn im grünen Rock. Der Kopf dieses Mannes war raumbezwingend. Eine mächtige Stirn lief über in einen kahlen Scheitel, aber die Seiten des Kopfes und das Hinterhaupt wurden von üppigen grauen Locken umrahmt. Große, blaue Augen schauten beherrschend und melancholisch zugleich auf die andern Gäste. Die große, gebogene Nase über dem schmalen spitzen Kinn war von Hautfalten umzogen, die Kummer und Verbitterung verrieten. Zwei Herren hatten die Vorzüge der freiheitlichen republikanischen Staatsverfassung verteidigt, aber der Herr im flaschengrünen Rock hatte herrisch nachgewiesen, daß diese Verfassung der Griechen nur Geltung habe für kleine Gebilde, wo ein Mensch den anderen kenne und zu überwachen vermöge; denn große Staaten muß eine Konstitution strafen, die einen germanischen Gottesvertrag zwischen Volk und Herrscher darstellt. Mitten in diese staatsrechtliche Unterhaltung hinein erschollen plötzlich draußen an der eichenen Pforte des Kellers laute Schläge eines Einlaßheifchenden. „Der kann pochen soviel er will", erklärte einer der Herren am runden Tisch. „Einlaß findet der um diese Stunde nur noch auf der Stadtwache." Da rief von außen der Einlaßbegehrende laut: „Wichtige Botschaft! Wichtige Zeitung aus England für Herrn Senator Brunk er!" Der Jüngste der Gesellschaft sprang auf und schüttelte den Küfer, der sich auf ein kleines Faß gesetzt, die nackten Arme über der Lederschürze unterschlagen hatte und sanft eingeschlummert war. Schwer- sällig taumelte der jäh Geweckte die Stufen hinauf, begab sich zur Pforte, öffnete das Schiebefenster und schaute hinaus. „Kurier aus Bremerhaven", schrie er in den Keller mit lauter Stimme hinein. „Soll eintreten", befahl am runden Tische der Senator Brunker, der sich zu voller Größe aufgerichtet hatte und nun dastand, weißhaarig, in langem, dunkelblauem Rock und hellgelben Lederhosen. Rasselnd öffnete sich die Eichentür, in hohen Stiefeln, Mantel, Schlapphut, die vom Regen durchfeuchtet waren, stolperte der Kurier die Stufen hinab, grüßte den Senator, zog die große Ledertasche hervor und überreichte seinen Brief. Brunker erbrach das Schreiben, er las es, fuhr sich über die Augen, las es wieder und sagte: „Küfer, bringe er zwölf Flaschen 1757er Johannesberger". Dann wandte er sich an den Herrn im grünen Rock. „Es ist mir eine Freude. Exzellenz vom Stein," sagte er, „daß Ihre Reise durch Deutschland Sie zu uns nach Bremen gerade zum jetzigen Zeitpunkt führte. Post aus London: Ihr großer Feind Napoleon Bonaparte ist am 5. Mai verschieden auf der Insel St. Helena. Gott wird ihm Richter sein, wie er es verdient hat!" „Ist es wahr, ist es möglich?" ließen sich einige zaghafte Stimmen vernehmen. Dann bemerkte einer der Herren: „Wie kann man ihn aus der Welt fortdenken", und ein anderer: „Wenn er auch gefangen saß, immer war die geheime Angst da, er würde wiederkommen." Endlich aber sagte eine leisere Stimme: „Ist es denn auch verbürgt?^ „Verbürgt durch unseren Residenten in London, erwiderte Senator Brunker. Alle schwiegen. Aber alle Blicke hatten sich auf den Freiherrn vom Stein gerichtet, der dasah und die Stirne mit den Händen umklammert hielt. Der 57er wurde gebracht, die Römer wurden gefüllt, selbst Küfer und Kurier erhielten ein Glas des kostbaren Getränks, und es wurde angestoßen auf die Befreiung Europas. Aber es war kein Jubel; leise, gedämpfte Freude, die nicht allzu sehr von Traurigkeit unterschieden war, führte Wick und Gläser zusammen. Aller Augen hafteten auf dem Gesichte des Herrn vom Stein; es war, als ob alle von ihm ein Wort über diese ungeheure Tatsache zu vernehmen wünschten. Endlich sagte der Freiherr: „Sehr wunderlich ist's, daß ich zu dieser Stunde an ein anderes, sehr fernes Erlebnis meines Lebens denken muß. Es war im Juli des Jahres 1779. Ich befand mich auf der Durchreise durch Berlin und gedachte mich in meiner Eigenschaft als westfälischer Bergrat meinem Herrn, dem König Friedrich von Preußen, in Potsdam vorzustellen. Da ich in Potsdam niemand kannte, gedachte ich einen mir befreundeten Offizier, der in Sanssouci Dienst hatte, aufzusuchen. So schritt im am Abend durchs Städtchen Am hinteren Eingang war ich in den Park gelangt, umstrich die Rückfront des Schlosses und bewegte mich von links durch die Bosketts, als mein Blick auf die einzige Gestalt fiel, die draußen auf der Terrasse im Mantel gehüllt saß. Der Hut, das Profil, der Blick der Augen, die in die Ferne starrten, gehörten dem Manne, den ich von Jugend an mit der Liebe des Deutschen geliebt hatte, der in ihm allein den Retter von fremder Not sah. Atemlos blieb ich stehen. Lange hatte ich den König nicht gesehen. Er war alt, die Haut faltig und zerrissen, die Sippen blaß und trotzdem, der Blick dieses Greises hatte feine Gewalt nicht verloren. Unter dem dreieckigen Hut hervor schaute er über die Terrassen, über den Park hinaus in die Lande. Ich erbebte bei dem Gedanken, was ihn wohl bewege. Da gewahrte ich von ungefähr, daß er den Blick senkte und leise mit dem Krückstock im Staube schrieb. Eine Glocke meldete die neunte Stunde. Ein Husar kam und geleitete den alten König ins Schloß. Ich aber eilte zu der Stelle und schaute die Zeichen an, die er geschrieben. Ein Wort war es, ein einziges französisches Wort, es lautete: „Rien — nichts." Sas überwältigte mich. Ich war jung, ich wußte noch nicht, was dies Wörtchen alles sagt. Doch blieb es mir im Sinne hasten und um so stärker, als ich den Freund verfehlte und keine Worte oder Gedanken verblassend vor die kleine Siwe traten. Geängstigt und gequält begab ich mich in meinen Gasthof und meldete die Audienz am nächsten Tage nicht an. Ich schämte mich, als hätte ich beim König gehorcht, meinen Herrn um etwas betrogen. Aber je älter ich ward, um so tiefer begriff ich den Sinn des Wortes. Jena und Auerstädt gaben ihm Klang. Die kleine Silbe ward ein Weiser in die Zukunft. Aber erst als mich Bonaparte ächtete, klang es mir voll und gewaltig in die Ohren. Wie oft las ich noch später dies Zeichen im Staube wieder. Nach Moskaus Brand, nach dem Tage von Leipzig, zu den Zeiten des Wiener Kongresses und bei Waterloo: „Rien — nichts! bleibt, was wir als Geschichte in den Staub vergangener Menschenleiber schreiben. Nur Völker sind ewig als Werkleute des Schicksals, als Vollender ihrer Gottes- bestimmung. — Fühlen wir als Deutsche unsere Berufung wie Anno 13, die Jahre der Erleuchtung, bann werden wir bleiben trotz solcher Kolosse, wie der Korse, den nun der Tod geholt hat." Leuchtende Farben. Von Ingenieur Karl Trott. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts lebte in Bologna ein Schuhmacher Vincenz Cascearalo, nach einer anderen Lesart Cascia- rotus, der sich neben seinem Gewerbe auch mit der Alchimie befaßte. Auf der Suche nach dem Stein der Weisen sUtd er am Berge Paterno ein Stück Schwerspat. Er nahm es mit nach Hause, glühte es mit Kohlensauer und erfand auf diese Weise die Leuchtsteine, deren bekanntester der hellblau leuchtende Bologneserstein ist. Heute verwendet man dieses Leuchten zu verschiedenen Zwecken. Ma« stellt sich selbstleuchtende elektrische Druckknopse her, um sie in der Dunkelheit zu finden, macht Hausnummern, Straßenbezeichnung«! und andere wichtige Bezeichnungen aus gleichem Grunde selbst- leuchtend oder legt sich als Geschäftsmann eine selbstleuchtende Reklame zu. Zwischen diesen Gegenständen und dem Bologneserstein besteht aber ein wesentlicher Unterschied. Die Farben, mit denen matt z. B. die Hausnummern versteht, sind radioaktiv, d. h. sie leuchten wie das Radium bauernb- ober wenigstens ohne eine vorherige Belichtung. Der Bologneserstein muß dagegen künstliches Licht in fich aussaugen, bevor er es tm Dunkeln ausstrahlen kann. Er stellt also gewissermaßen einen Lichtspeicher dar. Von dieser Tatsache ausgehend, hat man schon seit einiger Zeit Leuchtfarben mit der gleichen Eigenschaft hergestellt, die aber zunächst alle den Fehler hatten, bei Tage weihlichgelv auszufehen. Erst jungst ist es nach tiefem Ein- — 360 — so bilden sich Stellen, die wie eine L . , r- v cmSRoftrhtii Leraniwortlich: Dr. Hans Lhhrivt. - Druck der Brühl'schen Äniversitäts°Buch. und Steindruüerei. A. Lange, Gtetzen. bringen in die Atomlehre gelungen, Leuchtfarben ^zustellendie ouck bei Taue in ähnlichen Farben erscheinen, wie sie Mi Dunkeln leuchten. Man hat nachgewiesen daß die einzrinen Atome Og Kristall nach ganz bestimmten Gesetzen geordnet sind. Im Schwefel m einem der hauptsächlichsten Zusätze der leuchtenden Farben, liegen sie' etwa wie? die Knoten sehr dichter und eng nebenemander befindlicher Maschennetze. Gelangen nun zwischen diese Maschen Atome eines anderen Stosses, am besten einesschweren Metalle», so bilden sich Stellen, die wie eine photographische Platte lichtcmp- sMdlick sind Während eine Belichtung aber bei der photographischen Matte^eine Zersetzung oder Verbrennung der Stoffe hervorrust, losen sich in dem Maschennetz durch Einwirkung des Lichtes Elektronen also kleinste Teilchen der Elektrizität ab. Emen ahusichen Fall haben wir bei den Röntgenröhren, insbesondere den Gluhkathoden- röbren in denen ebenfalls durch Hitze Elektronen von der glühenden Kathode fortqeschleudert werden. Hört die Belichtung aus, so kehren die Elektronen an ihren Ausgangspunkt zurück, und die er umgekehrte Vorgang löst das Leuchten aus, das solange dauert, bis alle Elektronen ihre alte Lage eingenommen haben. Hieran knüpsen sich nun wichtige Folgerungen. Zunächst wird das Leuchten in den ersten Augenblicken, in denen sich alle Elektronen in der Rückwärtsbewegung befinden, am stärksten sem und nach und nach abklingen. Da ferner die Bewegungen und Mengen bei verschiedener Stofszufammensetzung auch verschieden so wird eine Leuchtfarbe schneller, eine andere spater erblassen. Man konnte nachweisen, daß sich die Elektronenbewegung am günstigsten auswirkt, wenn die erregende Lichtquelle sehr kurze Wellen hat. Auch die Röntgenstrahlen mit ihren außerordentlich kurzen Wellen haben bekanntlich eine große Durchdrmgungsfahigkeit. Die Farbe violett hat nun sehr kurze Wellen, und man wird daher zur Belichtung entweder Tageslicht, Magnesiumlicht °der das Licht emer Bogen- oder Quecksilberdampflampe wählen weil dieses Licht eben reich an violetten Strahlen ist. Andere Lichtarten sind wemaer günstig. Eine Ausnahme machen nur die Farben rot und orange, bei denen man auch Glühlicht oder Petroleum- und Kerzenlicht zur Be- Di? Aussichten für die Verwendung solcher leuchtenden Farben sind sehr günstig, denn für die Belichtung ist nur eme Zeit von wenigen Sekunden bis zu einer Minute erforderlich, wahrend sich das Abklingen des Selbstleuchtens auf eine Stunde bis 12 Stunden erstreckt. Besuch im norwegischen MsmeerMno. Von Fritz Löwe. T r o m s ö , im November. In Amerika sagt man, Filme seien konzentrierte Gefühlsäußerungen die, in Blechbüchsen verpackt, ihren Weg um die ganze Weit machen. Und in der Tat, ein Riesensilmband umspannt den Erdball vom Aequator bis fast zum Nordpol. Von der Wanderung des Films bis in die entlegensten Orte des hohen Nordens soll Die^ Forischrsite, die die Filmindustrie ständig macht, dringen über den Polarkreis bis an die Grenzen der Zivilisation. Nirgends in der Welt kommt die Zauberlaterne des Films mehr zur Geltung n15 habe das Nordlmcki durchstreift, die Kinos von Narvik bis zur finnischen Grenze studiert In Tromsö, der Pforte zum Eismeer m Hammerfest, dem Nordkapstädtchen, im tranduftenden Bardo und Vadsö und der neu entstandenen Erzstadt Kirkenas sah ich inmitten eines Publikums, dessen ganzes Leben unausgesetzten Kampf mit den entfesselten Elementen bedeutet. Der Landessprache mächtig, war es für mich von hohem Interesse, die Ansicht dieser Schifser- und Fischereibevölkerung über die empfangenen Eindrücke zu Horen. In den Weltstädten, den großen und kleinen Proomzialstadten, auf den verschiedenen Kontinenten dient der Film >n erster Linie dem Vergnügen. Anders im hohen Norden. Hier bietet sich dem Film ein weit umfassenderes Betätigungsfeld. Liegen doch diese kleinen Orte des Nordlandes viele Tagreisen entfernt von leder größeren Stadt. Keine Bahn, keine Luftverkehrslinie verbindet sie mit der Außenwelt. Nur das Postschiff kämpft sich zur Winterszeit mühselig durch Sturm und Eis und bringt die von der ganzen Bevölkerung so sehnlich erwarteten neuen Filme. Schwere Seen fegen über d,e Hafenstraße von Tromfo. Riesen- wogen werfen sich in" schneeweißen Schaumbergen auf die zerrissenen Felsen. Turmhoch steigen Fontänen kochender Gischt. Wenn draußen aus dem Eismeere der Sturm sein schauriges Lied singt, Eisberge krachend zerschellen, der ewig rieselnde Schnee in den Straßen zu Bergen steigt, sitzt die Einwohnerschaft des kleinen Städtchens wohlgeborgen im behaglich durchwärmten Lichtspieltheater. Das städtische Kino von Tromsö ist das reine Schmuck- kästchen.den $Bäiü)ro FemäHx hervorragender Künstler. In bunter Farbenpracht Darstellungen aus dem nordischen Märchenreich. Das Kino schwimmt in einem Meer von Licht. Es braucht dies nicht wunder zu nehmen. Die Wasserfälle der Umgebung, in elektrische Kraftquellen verwandelt, spenden Licht zu lächerlich billigem Preise. Griegs herrliche Lieder durchbrausen den Raum. Das Orchester klein, aber ausgezeichnet. . Soweit ich die Welt durchstreifte, nirgends sah ich em so erwartungsfreudiges Publikum. Seine Zusammensetzung ist hochinteressant. Neben schick gekleideten jungen Damen sitzen Matrosen, Arbeiter, Eismeerschiffer, Lotsen usw. Die eigenartigsten Besucher aber find Lappen in ihrer bunten Tracht. Allerdings findet man unter ihnen im Theater nur jüngere, aufgeklärte Leute. Aeltere Lappen besuchen das Kino nie. Die Gründe hierfür sind religiöser Natur. Sie befolgen genau die Worte der Bibel „Du sollst dir kein Bildnis machen". Aus demselben Grunde gestatten sie auch nicht, daß man sie photographiert. Aber die jüngeren Lappen kommen von ihren verschneiten Bergen herab und staunen wie fröhliche Kinder die bunte Welt des Films an, von der sie sich in ihrer Wildnis niemals träumen ließen. Man empfindet es lebhaft. Im grauen Einerlei des schweren und so gefährlichen Lebens an der Felsenküste des Eismeeres lebt in den Bewohnern dieser entlegenen Städtchen die Sehnsucht nach der Ferne. Als Retter in der Not ist der Zauberer „Film" mit seiner geheimnisvollen Wunderiampe erschienen. In seinem Zauberspiegel zeigt er ihnen die lachende, lockende Welt da draußen. Freigebig schüttet er aus seinem Wunderhorn alles, was einsame Menschen ersehenen und erträumen. Ein Bilderbuch entrollt er vor ihnen, so bunt und vielseitig, daß sie nicht müde werden, darin zu blättern. Ohne vieles Kopfzerbrechen genießen sie die flimmernde Mannigfaltigkeit des Lebens. Sie sehen, daß in weiten Fernen die Menschen gleich ihnen ringen, kämpfen, lieben und leiden. Auch in Norwegen hat ein förmliches Wettrennen der verschiedenen europäischen und amerikanischen Filmgesellschaften eingesetzt, die sich gegenseitig überbieten, um den skandinavischen Markt zu erobern. Sich die Sympathie des Publikums an der norwegischen Küste zu erringen, ist aber durchaus nicht so einfach. In Hammer- fest Tromsö, Vardö, wie überhaupt in fast allen norwegischen Städten, gehören die Kinos der Stadtverwaltung. Bei der verschiedenartigen Zusammensetzung des Stadtrats findet eine sorgfältige Auslese der angebotenen Films statt. Die Lebensanschauungen der rn den einsamen Küstenorten des Atlantischen Ozeans und des Eismeeres wohnenden und ständig in hartem Kampf mit den Naturgewalten liegenden Bevölkerung sind naturgemäß in vielen Beziehungen von den unseren grundverschieden. Filme, die nur aus Aufreizung der Sinne eingestellt sind, sind wenig beliebt Solche mit hervorragenden Sportleistungen hingegen desto mehr. Diel Erfolg haben auch Filme, die verblüffende Sensationen enthalten, moderne Gesellschasisfilme und vor allem fröhliche, übermütige Lustspiele. Man glaube ja nicht, daß man in den Kinos der kleinen Städtchen des hohen Nordens irgendwie minderwertige Filme zu Gesicht bekommt. Das Beste ist gerade gut genug. Das Publikum dort oben will sich nicht nur unterhalten, es will lernen, sogar sehr viel lernen. Vor allem will es genau unterrichtet werden, was draußen in der weiten Welt vorgeht. , , , Die Damenwelt der Küstenplätze ist, was neue Moden anbelangt, die im Film gezeigt werden, recht kritisch eingestellt. In -vromso, Hammerfest und in anderen Küstenplätzen gibt es noch keine Vorführungen mit Mannequins, und Modenzeitungen kommen nur vereinzelt hinauf. Allo mutz auch hier der Film, der Allerweltshelfer, einspringen. Mit großen Augen verschlingen die lungen und älteren Damen die neuesten Modeschöpfungen der Gesell chafts- filme. Kleider, Hüte, Schuhe, Strümpfe sind Gegenstände eifrigster Konversation während der Pausen. Wel)e den Kausleuten der Städtchen, die es wagen würden, ihren Kundinnen irgendwelche Ladenhüter anzudrehen. Durch flei- tzigen Besuch der Kinos wissen die Damen mit den letzten Neuheiten der Saison nur zu genau Bescheid. Andererseits sind die Kaufleute Stammkunden des Kinos, um stets über jede neuauftauchende Mode beizeiten unterrichtet zu fein. Und wehe, dreimal wehe, über me Geschäftsreisenden, die, der Aufklärungsarbeit des Films nicht Rechnung tragend, ihrer Kundschaft Altertümer verflossener Saisons anzubieten versuchten. Wenn ein Seestück gezeigt wird, ober ein Film, in dem Dampfen, Segler, Fischerboote, Häfen, Leuchttürme usw. aus der Leinwand erscheinen, sitzen gleichfalls erfahrene Kritiker im Parkett Kritiker, die mehr von der Sache verstehen als die erfahrensten Filmregisseur«. Diese Seebären wissen genau Bescheid im Labyrinth der Bojen und Baken, der schwimmenden und feststehenden Seezeichen, die zur Bezeichnung des Fahrwassers dienen. Wenn in der Takelage eines Seglers der geringste Fehler vorhanden, merken sie es sofvri. Der gewiegteste Regisseur kann diesen Seeleuten nicht rote Landratten ein $ für ein U machen. Sie kennen sich aus in den verschiedenen Schisssiypen. Wissen ein Vollschiss sehr genau von emer Bark einen Schoner von einem Kutter zu unterscheiden. Sie ernennen sofort, ob in den Filmen die richtigen Leuchtfeuer verwendet sind. Wenn der Regisieur feststehende Feuer, Blink- und Blitzfeuer verwechselt hat, ober wenn bei der Anordnung der Segel Bocke geschossen sind, klingt lautes Gemurmel oder herzliches Lachen durch ^^“‘sinos jenseits des Polarkreises haben es sicher nicht leicht. Sie müssen stets mit unvorhergesehenen Störungen des Programms rechnen Wenn auf dem Eismeer der Sturm heult, bas Schiff, bas die neuen Filme an Bord hat, mit Verspätung eintrifft, kann unter Umständen das ganze Programm über den Haufen geworfen werden. Wie oft steht der Direktor des Kinos am Hafen und späht unruhig in die Nacht hinaus, ob das so sehnsüchtig erwartete Schiff nicht halb in Sicht kommt. Um so größer ist bann tue Freude, wenn die' Filme doch noch rechtzeitig eintresfen. _