Gießener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 Samstag, öen 9. Oktober Hummer 8l Maschinen. Bon Robert Hohlbaum. Ihr habt das Lied der Lerchen übergrettt, jauchzende Farben würgte schwarzer Regen. Auf zeitverschonten deutschen Träumerwegen habt ihr den letzten Blütenbaum gefällt. Singt euer Lied! Ich höre „Geld" und „Geld" und „Macht" und „Macht" durch eure Räder fegen. Dem einen tönt ihr Fluch, dem andern Segen durch starkes Wirrsal einer neuen Welt. Traumsonne sank. Was nützt es, zu beweinen ben weichen Tag, wenn harte Sterne scheinen, ein Tor, wer seiner Zeit Gebot entflieht! Singt, Räder, singt, Hämmer, schlagt dröhnend drein, woge zum Himmel, roter Essenschein! Braust, Räder, braust! Doch braust ein deutsches Lied! Friedrich Krupp. 5ji seinem hundertsten Todestage. Von F. G. K r a f t, Essen. Friedrich Krupp wurde als Sohn einer „ratsverwandten" und für die damalige Zeit sehr vermögenden Essener Patrizierfamilie am 17. Juli 1787 geboren. Zweihundert Jahre vor seiner Geburt, im Jahre 1587, erfolgte die Aufnahme Arnold Krupps, des Stammvaters der Essener Krupps, in die Kaufgilde zu Essen, lieber seine Herkunft geben die Essener Ratsakten keine Auskunft. Bon 1600 bis 1623 gehörte Arnold Krupp schon dem Rate der Stadt Essen an. Sein Enkel Matthias bekleidete von 1648 bis 1673 das Amt eines Essener Stadtsekretärs. Der Urenkel, Dr. jur. Arnold Krupp, der 1688 in Gießen studierte, leitete von 1703 bis 1734 als Bürgermeister die Geschicke der Stadt. Ihm folgte sein Sohn Friedrich Jodocus Krupp als Senator und Rentmeister der Stadt Essen, der sich im Jahre 1751 in zweiter Ehe mit der tatkräftigen Helene Amalie Ascherfeld vermählte. Schon mit 25 Jahren verwitwet, führte sie mehr als 50 Jahre lang mit eiserner Hand innerhalb der Familie die Zügel und bestimmte den Lebensweg ihres Enkels Friedrich Krupp, da er fernen Vater Peter Friedrich Wilhelm Krupp schon im 9. Lebensjahr verlor. Bereits im Jahre 1805 nahm der 18jührige Friedrich an den Geschäften der Gutehoffnungshütte in Sterkrade teil, die feiner Großmutter gehörte. Int Frühjahr 1807 verlobte er sich mit Therese Wilhelm!, die, am 28. August 1790 geboren, kaum dem Kindesalter entwachsen war. Sie entstammte der begüterten Essener Kaufmannsfamilie Wichelmi, die ein blühendes Handelsgeschäft betrieb. Am 10. August 1808 wurde die Hochzeit des jungen Paares vollzogen. Die Heiratsanzeige erfolgte gleichzeitig von Esten und Sterkrade aus. Mit dem Verkauf der Gutehoffnungshütte an Huysten im Jahre 1808 war Friedrich Krupps Tätigkeit in Sterkrade zu Ende. Er zog mit seiner jungen Frau in das Haus seiner Mutter am Flach- markt in Essen, wo er in den folgenden zwei Jahren im Ladengeschäft seiner Großmutter geb. Ascherfeld sich beschäftigte. Rach deren Tod im Mai 1810 betrieb Friedrich den Kolonialwaren-Jmporchandel, für die damalige Zeit der Napoleonischen Kontinentalsperre ein einträgliches Geschäft, das aber nicht von langer Dauer war, denn schon begann Deutschlands Erde unter dem Massentritt der gewaltigen Kolonnen zu dröhnen, die der Franzosenkaiser Rußlands Schnee- und Eisfeldern entgegenführte. Eine ganze Welt hielt den Atem an in der dunklen Vorahnung, daß eine bedeutungsvolle Wendung bevorstehe. Napoleons Absperrungspolitik lastete noch wie ein Alp auf dem Festlande, weckte aber, wie Krupps Beispiel zeigt, auch wieder neues Leben. Der englische Gußstahl war ausgebliebem ^tjn benötigte die bergisch-märkische Eisenindustrie. Hier Ersatz zu schaffen und Gleichwertiges zu bieten, war das Ziel, das Friedrich Krupp sich gesteckt hatte. Zu diesem Zwecke gründete er im November 1811 die Firma Friedr. Krupp, als ihm der Zufall zwei Männer m den Weg führte, die nach ihrer Versicherung im Besitze der englischen Kunst des Gußstahlschmelzens waren. Diese Männer, Krupps Teilhaber bei der Gründung der kleinen Fabrik, waren die Brüder v. Kechel, ehemalige Offiziere in vorgerücktem Alter, die vielleicht wirklich eins der vielen zu jener Zeit veröffentlichten Rezepte für die Gußstahlerzeugung kannten und darauf vertrauten. Jedenfalls ließ sich Friedrich Kriipp durch ihre Versprechungen täuschen und traf alle Anstalten zur Fabrikation „des englischen Gußstahls und aller daraiis resultierenden Fabrikate , während seine Teilhaber in einem Hause zil Essen ein Laboratorium einrichteten und darin ihre ersten Proben erschmolzen. Krupp hatte zur Gründung der neuen Fabrik einen alten, eine Stunde nördlich von Essen gelegenen Kotten mit einer kleinen Wasserkraft bestimmt, den seine Großmutter früher erworben und der schon mehrfach industriellen Zwecken gedient hatte, in ältester Zeit als Walkmühle der Essener Tuchmacherinnung, woher das Grundstück noch immer den Namen der „Walkmühle" trug. Hier entstanden im Winter und Frühjahr 1812 die bescheidenen Bauten eines Schmelz- und Hammerwerks, während sich die Brüder v. Kechel mit dem Versuch abmühten, in kleinen Passauer Ticgelchen aus zementierten Osemundeisen und mit den damals üblichen „Flußmitteln" im Koksfeuer brauchbaren Gußstahl zu gewinnen. Ob ihnen dies im kleinen gelungen ist, scheint nicht sicher sestgestellt zu sein, doch brachten sie zweifellos keinen Guß von einer für praktische Zwecke genügenden Schwere hervor. Krupp hielt trotzdem lange treu an seinen Mitarbeitern fest. Bei der Taufe seines erstgeborenen Sohnes Alfred (geb. am 26. April 1812) wählte er die Herrn v. Kechel zu Paten, und während dieses ganzen Jahres baute er voll Zuversicht auf der Walkmühle weiter, um die Versuche endlich in größerem Umfange fortzusetzen. Die Tiegelfabrikation leitete er, unterstützt von dem Vorsteher einer benachbarten Glashütte, selbst, und darin brachte er es auch wirklich bald zu einer gewissen Meisterschaft. Je mehr aber seine eigene Erfahrung wuchs und sich auch aus den Schmelzprozeß erstreckte, um so mehr mutzte er sich von der Unfähigkeit seiner Teilhaber überzeugen. Sie probierten hin und her, erzielten keine Erfolge, und nachdem im Jahre 1813 die Arbeiten auf der Walkmühle begonnen hatten, mißlang die Herstellung noch mehr als vorher im kleinen. Die Brüder o. Kechel gaben den größeren Tiegeln die Schuld, die Krupp jetzt anwandte, und die unbedingt nötig waren, wenn man nennenswerte Mengen Stahl herstellen wollte. Jedenfalls gelang es nicht, Abhilfe zu schaffen; zudem begann sich jetzt die politische Lage, die zum Teil den Anlaß zu dem Unternehmen gegeben hatte, in bedenklicher Weise für dieses zu verschieben. Das Jahr 1813 sah den Sturz Napoleons und gleichzeitig das Ende der Kontinentalsperre; der englische Gußstahl fand wieder ungehindert Zutritt aus dem deutschen Markt, und nur ein billigeres und mindestens gleich gutes heimisches Produkt hätte ihm noch Abbruch tun können. Dazu war aber nach den bisherigen Erfolgen wenig Aussicht. Der erschmolzene Gußstahl mißriet andauernd, und ein Umsatz in geringem Umfang wurde nur mit Feilen erzielt, die Krupp aus dem in größeren Mengen als Einsatzmaterial für die Tiegel gefertigten Zementstahl schmieden ließ. Aber auch dies Geschäft war von kurzer Dauer, da sich die Feilen nicht gegen diejenigen aus englischem Gußstahl halten konnten, die in vollendeter Güte von der Remscheider Industrie geliefert wurden. So schlug auch diese, Hoffnung fehl, und nach zwei äußerst verlustreichen Jahren sah sich Krupp vom Ziel seiner Wünsche weiter entfernt als zu Anfang. Er trennte sich von seinen Teilhabern und setzte die Versuche einige Zeit auf eigene Faust fort; der Anfang des Jahres 1814 brachte den ersten Verkauf von Gußstahl, wenn auch in kleinen Posten. Leider ließ sich Friedrich Krupp, gedrängt durch die Umstände,, in diesem Jahre noch einmal bewegen, einen gewissen Nicolai, der ein preußisches Patent auf die Gußstahlbereitung und ein Monopol auf dessen Verkauf in den westlichen Provinzen erhalten hatte, als Teilhaber aufzunehmen. Diese zweite Verbindung schädigte ihn noch mehr als die erste. Er begann auf Nicolais Anordnung kostspielige Umbauten in der Fabrik, müßte diesem den Schmelzprozeß allein überlassen und abermals die Erfahrung machen, daß er an einen unfähigen Menschen geraten mar. Nicolai förderte ebensowenig wie seine Vorgänger ein Pfund reinen Stahl, und der Ausgang dieser Verbindung war, nachdem Nicolais Unfähigkeit auch durch eine behördliche Kommission bestätigt worden, ein abermaliger Bruch, ein jahrelanger Prozeß, und die Einbuße des letzten Restes von Vermögen, den Krupp ausbringen konnte. Fortan blieb er auf die Hilfe seiner Verwandten angewiesen, die seine fruchtlosen Versuche längst mit Abneigung betrachteten und je länger je weniger geneigt waren, ihm zu helfen. Nur seine Mutter, ein leuchtendes Beispiel der auch vor- und nachher in der Familie Krupp bemerkbaren Frauentreue und -tüchkigkeit, hielt bis zum Ende an ihm fest und opferte auch den Rest ihrer Habe für den immer mehr in Sorgen und Verpflichtungen sich verzehrenden Sohn. Nach der Entfernung Nicolais van der Fabrik ging, es einige Jahre langsam aufwärts. Krupp war in Wahrheit längst auf dem richtigen Wege. Im Herbst 1816, also nach fünfjähriger, fruchtloser Arbeit, gingen die ersten regelmäßigen Lieferungen aus der Fabrik, und nun trat Krupp auch seinem alten Gedanken näher, die Herstellung fertiger Erzeugnisse aus Gußstahl aufzunehmen. Den Anfang bildeten Werkzeuge, und zwar beosnders Gerbergerate, die aus Stahl angefertigt, aber nicht gehärtet wurden und sich bald einen sicheren Absatz erwarben. Bohrer, Abdrehstähle, Schuhmacher- und päter Papiermesser traten hinzu, und Mitte 1817 trat Krupp mit - 322 den Leitern der Kgl. preußischen Münzen in Verbindung, für die er anfangs Stempel, später auch kleine Walzen lieferte. Der englische Gußstahl war für diese Zwecke im ganzen zu spröde, der deutsche Schweihstahl zu weich befunden worden; Krupps Gußstahl hielt anscheinend in glücklicher Weise die Mitte, und nach einigen Lieferungen, die befriedigten, kam es zwischen ihm und den Leitern der Berliner und Düsseldorfer Münze zu näheren Beziehungen, die für die Entwicklung der Fabrik von den glücklichsten Folgen wurden. Bon Natur Optimist, sah Friedrich Krupp nunmehr die Schwierigkeiten des Anfangs als überwunden an und richtete sich bald auf eine Fabrikation in größerem Umfange ein. In den Jahren 1818 bis 1819 baute er vor den Toren Effens einen neuen Schmelzbau mit besseren Einrichtungen und trug sich auch mit dem Gedanken, zum Ersatz des ebenfalls unzulänglichen Hammerwerks auf der Walkmühle ein neues mit stärkerer Wasserkraft anzulegen. Zur Ausführung dieses Planes aber kam es nicht mehr. Der Bau der Fabrik bei Esse», für den Krupp vergeblich die Unterstützung der preußischen Regierung zu erlangen suchte, überstieg bei weitem seine Mittel und konnte nur durch Aufnahme neuer Schulden vollendet werden. Das Geschäft, welches soeben eine bescheidene Ausdehnung erreicht hatte, ging zurück unter dem Einfluß einer Reihe von ungleichmäßigen Lieferungen, die ihren Grund teils darin hatten, daß Krupp, ganz mit dem Neubau und der Regelung feiner finanziellen Schwierigkeiten beschäftigt, es zeitweilig an der Aufsicht beim Schmelzen und Recken des Stahls fehlen ließ, teils darin, daß er wegen des Verfügens feines Kredits feine alten, zuverlässigen Rohstoffquellen wechseln mußte und zu geringerem Eisen, auch vielfach zu Abfällen, seine Zuflucht nahm. So wurde der kaum begründete Ruf der Fabrik rasch wieder in Frage gestellt, und wenn auch die Münzen, besonders die preußischen, treu zu ihm hielten, so dehnte sich doch die Privatkundschaft nicht in dem erwünschten Maße aus. In manchen Jahren betrug der Absatz in Stempeln oder Stempelstahl für Münzen zwei Drittel des gesamten, immer noch recht kleinen Umsatzes der Fabrik; im ganzen betrugen die Lieferungen an die Münzen bis zum Tode Friedrich Krupps 27 Prozent der gesamten Produktion. Mäßigen Erfolgen der neuen Fabrik folgten Jahre des Niederganges. Wenige taufend Taler nur betrug der jährliche Umsatz. Das Unternehmen geriet immer wieder in Schwierigkeiten. Betriebsmittel und Kredit waren längst erschöpft. Mit feiner Familie mußte Friedrich Krupp im November 1824 in einer kleinen Aufseherwohnung — dem jetzigen Stammhause — Zuflucht suchen. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich immer mehr. Er war ein einsamer Mann geworden. Freunde und Kameraden der Jugendzeit waren gestorben, mit vielen anderen hatte er sich entzweit. An einem Sonntage, am 8. Oktober 1826, erlag Friedrich Krupp als tragisches Opfer des Erfindergeistes feinem Leiden, das als Brust- wafferfucht bezeichnet wurde. Drei Tage später erfolgte die Beisetzung aus dem evangelischen Friedhöfe. Kein Stein bezeichnet die Stätte, wo der Gründer der Gußstahlfabrik die letzte Ruhe fand. Kein Bild zeigt uns die Züge dieses rastlosen, vom Schicksal schwer gebeugten Mannes. Aber fein Andenken wird nie erlöschen. Aus den Anfängen der Krupp-Werke. Die folgenden Abschnitte entstammen dem im Jahre 1915 im Auftrage der Firma Friedr. Krupp-A.-G. von Wilhelm Berdrow herausgegebenen Werk „Friedrich Krupp, der Gründer der Gußstahlfabrik, in Briefen und Urkunden", Verlag G. D. Baedecker, Essen a. d. Ruhr. Die Dokumente, die interessante Einblicke in die bescheidenen Anfänge eines Weltwerkes und in die Sturm- und Drang-Jahre eines genialen Kaufmannes gestatten, übrigens auch kulturhistorisch nicht ohne einigen Reiz sein dürften, sind chronologisch geordnet und sollen sich in großen Zügen an die oben veröffentlichte Darstellung von Ku: ast illustrierend anschließen. Wir beginnen mit einem Schriftstück, das die wichtigsten Abmachungen beim Verkauf der Gutehoffnungshütte sestlegt. Essen, den 14. 9. 1808. Zwischen der Frau Witwe Krupp der älteren in Essen seitherigen Eigentümerin der im Herzogtum Cleve zu Starkrath gelegenen Eisenhütte „Gute Hoffnung" an einer und dem Herrn Heinrich Huyssen in Essen als Ankäufer an anderer und den Herrn Gebrüder Gerhard und Franz Haniel in Ruhrort und Herrn Gottlieb Jacobie auf der St. Antony-Hütte als Expromittenten und werdende Gesellschafter des Herrn Huyssen an dritter Seite ist folgender Erb-Verkauf, resp. Ankaufs-Vertrag beendet und abgeschlossen. 1. Verkauft ged. Witwe Krupp dem Heinrich Huyssen die von iljr seither zu freiem Eigentum besessene Gutehoffnungshütte. 2. Verkäuferin überliefert alle auf diese Eisenhütte sprechenden Urkunden, Briefschaften. 3. Lasten und Abgaben gehen auf Ankäufer über. 4. Verkäuferin garantiert das Vorhandensein von mindestens 1926 Faß Holzkohlen, 4124 Faß Eisenstein, 120 Faß Kalkstein und Koaks. 7. Es werden vom 14. 9. 1810 bis 14. 9. 1818 zehn Zahlungstermine festgesetzt (Sa. 37 800 Rthlr.). 10. Die Gebrüder Haniel und Jacobie haben bereits mit H. Huyssen mündlich einen Societätsvertrag verabredet, den sie erster Tage errichten werden; daher verbinden sich sämtliche der Verkäuferin zu haften. Die beiden folgenden Briefe stammen aus dem Jahre 1809, der Zeit der Kontinentalsperre und des Kruppschen Kolonialwaren- handels. Fr. H e ck i n g an Krupp. Ich zeige Ihnen hiermit an, daß ich gestern für Ihre w. R. wieder 500 Pfd. Secunda Fab. ä 554 in Münz verkauft habe. Ich sende Ihnen deshalb einen Expressen, um Sie auf die Ueberfenbung der Maaren und wegen dem (Kaffee Aufschlag aufmerksam zu machen. Es ist sehr nötig, daß Sie Coffee absenden . . . . . . Ferner dürfen Sie vor allen Dingen mit dem Versand des Restes Ihrer Candise nicht säumen, daß diese nach Frankfurt kommen, denn wenn mir noch länger zögern, so mögten wir am Preise Schaden leyden. Ich denke in 6 Tagen kann Kessel nach Frankfurt abgehen, er ist dann mit den Candisen da. Caffee wird jetzt wieder Haupt Speculakion. In Elberfeld und Duisburg kauft man ziemlich stark auf, und vom Oberland gehen starke Bestellungen in Holland ein. Es muß am politischen Horizont wieder etwas im Werke seyn, und ich vermute, mir haben den Caffee in 4 ä 5 Wochen auf einer enormen Höhe. Wollen Sie Ihre Frau Mutter daher bey Carp & S. für gemeinschaftliche Rechn. 10 Ballen Fad. oder noch besser Cher. Caffäe bestellen lassen. Ich hätte heute selbst an Carp geschrieben wenn ich gewußt hätte wo die 10 Ballen hingesandt werden sollten. Ich hoffe jedoch es ist mit der heutigen Post noch Zeit daß Sie schreiben können denn nächsten Postag müssen wir vielleicht 1 mehr in Amsterdam anlegen. In Melis ist hier ein ungeheurer Mangel und was deucht Ihnen, da auch keiner zu erwarten ist, wenn wir auch 2 Fässer Melis, wenn sie gefahren werden können, bestellten. Es wird doch wohl noch zu 38 s 39 für eine schöne Waare zurecht zu kommen seyn . . . So eben kommt eine Karre Waare von Ihnen an. Schreiben Sie mir durch Booten über ein und anderes Ihre Meynung. — Winkers, Menfinck & So. an Krupp. Wehrter Freund! Hierneben erhalten Sie Copia der Factura über den Candis van Carp & Söhne, die Güter sind bereife in Winterswyk «»gekommen, und mit der Durchdringung werden wir nun eilen. Wir haben an Hr. Carp 8- S. 12 Ballen Fabrik (Kaffe bestellt, wollen Sie dadey intreßiren ober sollen wir sie allein behalten? Die Berechnung von Candis und (Kaffe des nähern können erst nach Durchdringung berechnen. Hoffentlich werden Sie gute Preise machen, im Königreich Westphalen ober einige sagen bey Meppen, haben bie zusammen postirten Duanen von Bremen 8- Hamburg einen gewaltigen Coup gemacht, und dadurch eine Sperrung des Comerses in dasiger Gegend verursacht. Hier ist die Linie durch 8 Duanen versterkt, Kerls wie Hunde, haben aber bis nun noch nicht gebissen. Von Ostfriesland ist noch keine Antwort an Sehr, dieses gegangen. Das Schreiben des Gußstahlfabrikanten Krupp an Hermann Sünnes in Mülheim a. d. Ruhr ist vom Sommer 1811 datiert und läßt übrigens an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Einl. überreiche» wir Ihnen Rechnung über die von uns erhaltenen Grußkolen im Betrag von R. 777.— zur gefl. Notiz. Unser Schichtmeister, der vor einigen Tagen hier war, sagte uns, Ihr Vorgänger habe ihm vor 14 Tagen die feste Zusicherung gegeben, daß Sie uns unverzüglich auf Abschlag der Rechnung einen Wechsel von 400.— R. zuschicken würden. Da aber dieser Wechsel zu unserem größten Befremden bisher »och nicht angetommen ist, so machen wir Ihnen die Bemerkung, daß wir ihn, sowie auch unser übriges Guthaben umgehend bestimmt erwarten, da wir sonst genöthigt sind, Ihnen die fernere Abholung von Kohlen, sogar bie des zuletzt angegriffenen Haufens, zu verweigern. Wir hoffen indeßen, daß Sie unsere oftmalige Nachricht nicht misten»en und uns Ihre Rimessen umgehend zuverlässig machen werde». Es stehe» Ihnen alsdann so viel Kohlen, als Ihnen beliebt, aufs Neue gern zu Diensten. * Essen, de» 20. 11. 1811 ist der Gesellschaftsvertrag zwischen Friedrich Krupp und den Gebrüdern von K e ch e 1 datiert, aus dem wir die wichtigsten Punkte wiedergeben. Vor mir im Großherzogthum Berg für das (Kanton und Arrondissement Esse» angeftelten, und zu Essen im Rheindepartement wohnenden Notar der zweiten Klasse Theodor Schaumburg und den beiden nachgenannte» Zeugen: Erschien der für das Jahr achtzehnhundert Eilf Unter Nr. zwei und fünfzig patentifirte Kaufmann Herr Friedrich Krupp wohnhaft zu Essen Mairie idem im Rheindepartement einerseits, und die Herren Georg Karl Gottfried von Kechel, und Wilhelm Georg Ludwig von Kechel, beyde Stahl Fabrikanten und wohnhaft zu Anspach andererseits, welche erklärten, unter sich eine Gesellschaft wegen Etablirung einer Stahl Fabrik errichten zu wollen, und die Puncte» und Bedingungen der Gesellschaft auf folgende Art festzusetzen, verabredet zu haben. Art. 1. Die Gesellschafter sind darin» übereingefommen, hier zu Essen eine gemeinschaftliche Fabrik zur Verfertigung des Englischen Gußstahls, und aller daraus resultirenden Fabrikaten anzulegen. Art. 3. Das Capital ober ber nöthige Fonb zur Betreibung dieser Fabric wird von dem Herrn Kaufmann Friedrich Krupp gegen vier 323 — vom Hundert Zinsen vorgeschosten, und die Fabrick selbst hiefür sowohl, als auch für das Capital belastet. A r t. 4. So lang die Vorschüsse, welche der Herr Kaufmann Friedrich Krupp zum Besten und Betrieb der gedachten Fabric hergegeben hat, demselben nicht wiederum obrückbezahlt sein werden, sollen die Fabric sowohl, als auch alle davon abhangenden Gegenstände als sein Eigenchum anzusehen sein, und darum also auch die im Ersten Articul gedachte Gemeinschaft keinen anderen Sinn und Wirkung bis dahin haben, als daß blos der Gewinnst unter den drey Gesellschaftern gemein und iheilbar seyn solle. A r t. 6. Die Gesellschaft ist auf zwanzig Jahren geschlossen, die den zwanzigsten November Achtzehnhundert Eilf beginnen und mit dem zwanzigsten November des Jahrs Eintausend acht hundert und dreyßig hinwiederum sich endigen. A r t. 8. Die Herren von Kechel versprechen und machen sich hierzu auch verbindlich, all jene zur Betreibung dieser Fabrick erforderlichen Kenntnisse und Wissenschaften zusammt allen Handgriffen, die zur praktischen Kenntnitz der Fabrik zu wissen nöthig sind, dem Herrn Friederich Krupp gründlich beizubringen und zu lehren, fort selbigen auch auf sein Verlangen zu den nöthigen Wissenschaften privat Unterricht zu ertheilen, und ihm alles so zu lehren und beizubringen, wie Sie es selbst misten, können und verstehen. Art. 10. Die Aufsicht über die Fabriquate übernehmen die Herren von Kechel gemeinschaftlich, und die Geschäfte des Comptoirs der Herr Friederich Krupp, welcher sich zugleich auch einzig und allein nur mit der Einnahme und Ausgabe zu befassen hat, und so sorgt ein jeder für fein Fach aufs beste, und für die nöthigen Arbeiter mit Vorwissen jedoch der ganzen Gesellschaft. Art. 11. Der nemliche Herr Friederich Krupp unterzeichnet alle auf die Gesellschaft Bezug habende Verträge und können während der Dauer derselben die zwey übrige Gesellschafter weder zusammen noch einzeln keine andere Unternehmung von derselben Art und Beschaffenheit machen, als die oben erwehnte; So wie auch < Art. 12 unter den Nahmen Friederich Krupp in Essen die Firma der Fabric geführet werden soll. Art. 13. Die Herren von Kechel versichern und versprechen, so lange keine freye Handlung mit England wieder eintrifft, oder das andere eben solche Fabricken in Deutschland überhand nehmen, beim jedesmaligen Umschlag des eingelegten Kapitals wenigstens Vierzig bis Fünfzig Procent reinen Ueberfchuß ab Guß Stahl zu liefern. So geschehen zu Essen im Rheindepartement in der auf dem Flachs Markte gelegener und mit Nr. Hundert Acht und Siebenzig bezeichneter Wohnung des Herrn-^Kaufmann Friederich Krupp am zwanzigsten November Achtzehn Hundert Eilf, und haben nach geschehener Vorlesung und allenthalben erfolgter Genehmigung die Parteyen mit mir Notar und Zeugen unterzeichnet. Die letztere waren der Bäckermeister Conrad Toholte, und der Blechschlägermeister Caspar Albert, beyde zu Essen im Rheindepartement wohnhaft. * Schon nach drei Jahren (November 1814) schreibt Krupp an die Brüder Kechel den entscheidenden Brief, der zur Trennung führte: Wenn Sie, meine Herren, auf der einen Seite die großen Aufopferungen in Erwägung ziehen wollen, die ich auf Ihr Wort zur Anlage einer Stahlfabrik zu Ihrem und meinem eigenen Besten machte, und auf der anderen Seite sich selbst unpartheiisch nicht verhehlen, wie wenig dieselbe zu einiger Vollkommenheit gelangt ist, in dem Sie, statt vertragsmäßig sofort eine vollständige Stahlfabrik einzurichten, nun seit der ganzen Zeit unserer Verbindung nichts als Versuchsarbeiten gemacht; so werden sie sich selbst überzeugen, daß unsre, durch Sie selbst aufgelösten Verträge länger nicht bestehen können, und wir uns, wenn ich bey den ewigen Versuchen und Mängeln in der Fabrik nicht ruinirt werden soll, scheiden müssen. Sie haben sich in unseren Verträgen zur Einrichtung einer Stahlfabrik und besonders zur Verfertigung eines dem ächt englischen gleichen Guhstahl anheischig gemacht, so, daß sich beim jedesmaligen Umschläge der Fabrikate 40—50 pC. ergeben sollten; allein ebenso höchst mangelhaft wie die innere Einrichtung der Fabrik in ihren wesentlichsten Theilen noch ist, ebenso ist die Gußstahl Fabrikation nichts als Versuch im Kleinen, der immer ungleiche Resultate liefert; und statt 40—50 pC. zu gewinnen, entbehre ich mein großes Anlagekapital noch immer ohne Zinsen, während dem Ihr Jahrgehalt unabgekürzt seinen Fortgang nimmt. Sie sehen die Ungleichheit dieses Verhältnisses zwischen uns, sowie die Nichterfüllung unsres Vertrags von Ihrer Seite gewiß selbst zu deutlich ein, als daß ich Ihnen die daraus folgende Auflösung desselben noch zu erörtern nöthig hätte. Ich zeige Ihnen demnach hiermit an, daß ich von nun an meine Fabrik, so gut ich kann, für mich selbst ohne Ihre Beihülfe zu vervollkommnen und zu betreiben suchen werde; und da ich Ihnen alle Vertragspflichten treu geleistet, Sie die Ihrigen aber nicht erfüllt, so behalte ich mir meine Schadloshaltung durch Sie ausdrücklich vor. Genehmigen Sie übrigens die Verflchdrung meiner vollkommensten Hochachtung. , . . । Die zweite, noch weniger glückliche Verbindung Krupps mit Nicolai — „Esten irn Land und Stadtgericht, den 18. July 1815" — gründete sich auf nachstehenden Vertrag. Bey Versammelten Gericht erschien anheute die H. Stahl-Fabri- cernten Friedrich Nicolai aus Berlin und H. Friedrich Krupp hier in Essen wohnhaft und preesentirten, um ihn gerichtlich zu recog- nosciren, einen unter ihnen zu einer gemeinschaftlichen Guh-Stahl- tfabrique welche auf dem ehemaligen Halbachschen jetzt Kruppischen Rekhammer zu Altenesten etablirt wird, errichteten, am 15. dieses Monats und Jahrs von ihnen beiderseits unterschriebenen Socie- teets-Vertrags und preesentierten gleich dazu zum Cassiren den geeigneten Werth-Stempel nach dem Betrag des Werths des Grundes und Gebäudes, worauf die Fabrique angelegt werden solle, von Sieben rtijr. 12 ggr. Es wurde ihnen der preesentirio Contract wieder vorgehalten und selbst nach allen Punkten deutlich verlesen und sie recognoscirten nicht allein die darunter befindlichen Unterschriften für die ihrigen, sondern auch den ganzen Inhalt in allen und jeden seinen Punkten als ihrem Willen und ihrer getroffenen Vereinigung ganz angemessen mit der Bitte, jeden von ihnen eine beglaubigte Abschrift oder Ausfertigung davon zu ertheilen. Nach geschehener Vorlesung haben die H. Comparentes ihre Recognition nochmals genehmigt und eigenhändig unterschrieben. Zum Schluß soll der schlichte Wortlaut des kurzen Testa- m e n t e s stehen, das Friedrich Krupp drei Tag« vor seinem Tode aufzeichnete. Essen, den 5. 10. 1826. 1. Ernenne ich zu meinen Erben meine geliebte Ehefrau u. meine Kinder ganz in der Art, wie solches die Gesetze mit sich bringen. 2. Ist es mein ausdrücklicher väterlicher Wille, daß die Gußstahlfabrik lediglich und allein unter der Leitung meiner Ehegattin u. eines von derselben anzunehmenden Sachverständigen, dessen Auswahl ihr völlig freigelassen wird, fortgesetzt werde. 3. Ernenne ich meine geliebte Ehefrau, solange dieselbe den Witwenstuhl nicht verrücken wird, zur Vormünderin unsrer gemeinschaftlichen Kinder, und endlich 4. untersage ich zum Ueberfluß die gerichtliche Siegelung und Inventar meines Nachlasses, u. es soll meine Ehegattin auch mit der Einreichung eines verschlossen zu übergebenden Inventars genug thun können. Die Probeschwefter. Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung.) „Sie haben's gepackt", beglückwünschte ihn der Doktor. „Run aber doppelte Vorsicht, daß wir keinen Rückfall bekommen!" Weckerling fragte, ob er dies und jenes genießen dürfe. „Vorab wird nichts an der Diät geändert", erklärte der Doktor, und sich an die Schwester wendend, sagte er in seiner polternden Art: „Ich traue ihm schon zu, daß er gleich wieder Über die Stränge schlägt. Sie tragen die Verantwortung!" Das Krankenzimmer war das kleine Reich, in dem Schwester Luise die unumschränkte Herrschaft führte. Frau Dick war zuerst ein wenig verletzt, daß sie, die alte Dienerin, ohne weiteres hintangesetzt wurde. Sehr bald jedoch sah sie ein, daß sie die Pflege ihres Herrn zu dessen Heil einer Geübteren überlassen hatte. Des Genesenden Kräfte begannen sich sichtlich zu heben. Für ein paar Stunden war ihm erlaubt, das Bett zu verlassen. Eine Menge Geschäftspapicre und Briefschaften hatten sich auf seinem Schreibtisch angehäuft, die der Erledigung harrten. Auch hier leistete ihm Schwester Luise hilfreiche Hand. Sie rechnete und schrieb für ihn, vor allem gab sie dem Bruder in Berlin Nachricht, der anfänglich Tag für' Tag, später zum mindesten zweimal in der Woche über das Ergehen des Patienten unterrichtet sein wollte. Je hinfälliger und hilfsbedürftiger Weckerling während feiner Krankheit gewesen, desto näher hatte er dem mitleidvollen Herzen seiner Pflegerin gestanden, mit desto größerer Hingebung hatte sie über ihn gewacht. Nun ihm die Gesundheit wiederkehrte, schien der sorgende Ernst aus ihren Zügen gewichen, innerst zufrieden, ja frohgestimmt verrichtete sie all die Dienste, die sein Wohlsein fördern und Behagen um ihn verbreiten sollten. Wenn sie abends beim traulichen Schein der Lampe las oder schrieb, beschäftigten sich seine Gedanken mit ihr. Er hatte sich nach ihrer Heimat, nach ihrer Familie erkundigt. Aus ihren zögernden Antworten hatte er den richtigen Schluß gezogen, daß ihr derlei Fragen nicht angenehm waren, und er war taktvoll genug, sie zu vermeiden. Ein so schönes Mädchen aus altadligem Haus, waren seine Gedanken, das den Entschluß gefaßt, Diakonisse zu werden, hatte gewiß schon die Tücke des Schicksals erfahren, war durch mancherlei Kämpfe gegangen. Vieles zu misten, was ihr durch Herkommen und Gewöhnung zur zweiten Natur geworden war, mit Selbstverleugnung einem so schweren Beruf zu leben, welch« Seelengröße lag darin beschlossen! Die Genesung des Gutsherrn schritt weiter voran. Seine volle Aufmerksamkeit für den Wirtschaftsbetrieb ward wieder rege. Wenige Tage vor feiner Erkrankung, erzählte er der Schwester Luise, hatte er sich in einen heftigen Streit mit Kollegen verwickelt gesehen. In einer Versammlung des Landwirtschaftlichen Bezirksvereins warf man ihm vor, er habe mit viel Geräusch zugunsten Kälte nicht leide. Der Wald nahm sie Verantwortlich: Dr. Hans Lhhrivt- - Druck der Brühl'schen Universitäks-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. hin verlor er sich! Hätte sie seine Gedanken erraten, er Wäre schamrot vor ihr geworden. Bei Gott im Himmel, er war noch krank!-- Acht Tage vor dem Weihnachtssest traf Weckerlings Bruder aus der Reichshauptstadt ein. Er hatte sich mit Mühe und Not freige- macht, ein paar Wochen auf dem Freihof zu verbringen. „Gott sei Dank, Hans, daß du wieder auf Deck bist", begrüßte er den Gutsherrn. „Du siehst noch ein bißchen spitz aus, aber das ist das Geringste. Die Rundung wird schon wieder kommen, und die frische Farbe auch!" Frau Dick setzte zum Willkomm eine Flasche alten Burgunder auf den Tisch. Den ließen sich die Brüder munden. Auch Schwester Luise mußte davon kosten. Zwei Jahre hatten die Brüder sich nicht gesehen. Briefe waren zwischen ihnen hin und hergegangen, zuweilen recht ausführliche. Jetzt, da sie sich gegenüber sahen, fiel ihnen doch noch vielerlei ein, was sie auf dem Herzen und einander zu sagen hatten. Dietrich war mit seiner Stellung zufrieden. Wenn seine Gesellschaft in diesem Jahr ihren Aktionären einen großen Gewinnanteil zahlte, war das nicht am wenigsten sein Verdienst. Er hatte in Holland und Schweden wertvolle Berbindungen angekniipft, hatte der Fabrik über eine schlechte Konjunktur hinweggeholfen. Aufträge liefen so zahlreich ein, daß die Produktion für das neue Jahr bereits ausverkauft war. Nun hatte sine Handelsgesellschaft unter der Hand bei ihm anfragen lassen, ob er geneigt sei, im Sauerland ein Unternehmen ins Leben zu rufen das mit seinem Geschäftshaus in Wettbewerb treten sollte. Er war an Ort und Stelle gewesen, hatte sich zwei Tage in dem Städtchen aufgehalten, das für die Fabrik in Aussicht genommen war. Im Gasthof hatte man ihn aiifgefordert, am Stammtisch Platz zu nehmen. Die Standespersonen waren erschienen. Schreckliches Pfahlbürgertum machte sich breit. Kein Zweifel, die Menschen hier glaubten, sie könnten dem lieben Gott Brillen verkaufen. Ihn, Dietrich, fiel ein Grauen an. Lieber zehn Klafter tief in der Erde, als in dem gräßlichen Nest sich festzusetzen. So glänzend die Stellung war, die man ihm einräumen wollte, er brach die Verhandlungen kurzerhand ab. Wenn du dich einmal damit abgefunden hattest, daß du deiner Gesellschaft untreu würdest," sagte der Gutsherr, war es doch wohl übereilt, ein so hohes Einkommen von dir zu weisen. „Ich gehöre in die Großstdat wie der Fisch ms Wasser, erwiderte Dietrich. „Ich kann mich in kleine Verhältnisse nicht mehr JAirfon I ** Hans Weckerling, der seinen Bruder kannte, mochte ihm nicht "^Der ^Berliner brachte Leben ins Haus. Er ließ den Flügel in der blauen Stube stimmen. Die musikalische Begabung des Vaters lebte wenn auch in bescheidenem Maße, wieder in ihm auf. Er spielte leidlich Klavier. Ein prickelnder Walzer löste den andern ab. Die alte Frau Dick war wie elektrisiert. „Er ist «in Schwerenöter," sagte sie zur Schwester Luise, „und lustig wie eine Amsel! Das letzte Mal, das er hier war, ging er Sonntags ins Dorf, erwischte eine Harmonika und spielte den Burschen und Mädchen zum Tanz auf. Das ließen sie sich gefallen. Auf einmal warf er unserem Oberknecht die Harmonika zu und sagte: „Jetzt spiel' du!" Und nahm ein Mädchen nach dem andern. Und tanzte, 's war ein Pläsier, ihm zuzugucken. Sie waren alle wie behext. Und sie schwätzen noch heut davon. „In meiner Heimat heißt's: „Wer nicht schon tanzt, der soll gar nicht tanzen!" sagte Schwester Luise. Sie mußte an ihren Vater denken, der noch mit fünfzig Jahren auf den Kasinobällen die sungen Leute in Schatten stellte. Wenn er tanzte, sprühte er von Lebenslust. Auf den Wellen der Musik sich wiegend, schien er den Boden kaum zu berühren. Jede Bewegung war vollendete Anmut, ganz der Ausdruck seiner selbst. Alles floß in Harmonie zusammen. Trat er mit ihr in die Reihe, war sie glücklich und stolz. Den Blick wie in die Fern« gerichtet, stand Schwester Luise und lauschte den Melodien, die droben in der blauen Stube erklangen. . Wenn das Wetter es irgend erlaubte, tummelte Dietrich sich draußen herum. Der Bürgermeister im Dorf und der Ortsdiener waren seine Speziale. Beide waren durstige Seelen und ließen die Schoppen sich schmecken, die der Herr Direktor ihnen spendierte. Der alte Braubach hatte sich noch nicht blicken lassen. Aber er hatte einen Boten geschickt, jetzt bei dem Schneetreiben sei ihm der Weg zu beschwerlich. Man mußte ihn auf der Felsenburg besuchen. Die Falben wurden vor den Schlitten gespannt. Schwester Luise trat „Gelt, bas ist herrlich", sagte er. Er trug einen kostbaren Pelz. Seine Begleiterin hüllte er sorgsam in Decken ein, daß sie von der ans Fenster. „Schwester Luise," ries Dietrich ihr zu, „Sie sitzen hier..all die Wochen in der Klause. Ein bißchen frische Luft könnte Ihnen nichts schaden. Kommen Sie doch mit!" Auch der Gutsherr redete ihr zu, sie solle den schönen Tag benutzen, solle den Ausflug sich nicht entgehen lassen. 'Rasch entschlossen fuhr sie mit. Die Pferde, die allzu lang schon im Stall gestanden, zogen an. Unter Schellengeläute flog der Schlitten über die glitzernde Schneedecke hin. Der Schwester Wangen röteten sich. Die Freude blitzte ihr aus den Augen. Dietrichs Blick glitt über ihr feines Profil. sagte er. Er trug einen kostbaren Pelz. i ;a>uiu iiuym auf, den der Reif mit schimmerndem Schmuckwerk bestreute, daß die Aiigen sich wie geblendet schlossen. (Fortsetzung folgt.. «einer Arbeiter kostspielige Neuerungen eingeführt, habe die Gutsbesitzer des Kreises dadurch in die Zwangslage versetzt, über kurz oder lang seinem Beispiel zu folgen. Er hatte seine Einrichtungen als notwendig, ja unabweisbar, verteidigt, war aber überstgnen worden. Er hatte daraufhin die Versammlung mit dem festen Vorsatz verlassen, ztikünstig an den Vereinssitzungen nicht mehr teuzu- nehmen. „Im allgemeinen." gab Schwester Luise ihre Meinung kund, „scheint es mir richtig zu sein, daß der Arbeitgeber keine Sonderstellung eiunimmt, daß er im Gegenteil engen Anschluß an seine Kollegen sucht. Die Arbeiter tun ja dasselbe. In Ihrem Fall konnten Sie wohl nicht anders handeln. Wenn sich die Besitzer den Forderungen der Zeit entgegenstellen, dürfen sie sich über die Landfntcht nicht wundern. Das Ende vom Lied ist, daß die Arbeitskräfte immer rarer und die Löhne unerschwinglich werden." Das Gespräch lief noch eine Weile in derselben Richtung weiter. Weckerling konnte sich nicht genug wundern, wie klar Schwester Luise die Dinge erfaßte und wie sie auf einem ihr fremden Gebiet, von ihrem gesunden Verstand geleitet, sich schnell zurechtzufinden tüuhtc Nachdem der Arzt sich damit einverstanden erklärt hatte, daß Haus Weckerling Besuche empfing, stellte sich als einer der ersten der alte Braubach ein. All die Zeit her hatte ihn die Haushälterin abweisen müssen; bekümmert war er davongegangen. Nun druckte er dem Gutsherrn seine große Freude aus, ihn auf dem Wege der Genesung zu sehen. ,So eine Krankheit," meinte er, „kommt zu Pferd geritten und geht mit Schneckechchritten fort. Ein paar Wochen weiter, und tote fühlen sich wie neugeboren. Ich kann aus eigener > Erfahrung sprechen. Ich war ein Mann von etlichen dreißig, da hat s mich auch an der Ltmge gepackt. Ich dacht', bis mein Doktor auf die Felsenburg heraufgekrabbelt kommt, probier ich's und kurier mich selber. Nun werden Sie lachen. Eines Nachmittags sitzt meine Frau an meinem Bett und lieft Heidelbeeren aus. Ich krieg eine Lust drauf, ich kann's Ihnen nicht beschreiben. Und nehm die Schussel. Und eß' so viel, als in mich geht. Meine Frau meint, der Schlag müßt'' sie rühren. Abends war mein Fieber weg. Allen Respekt vor den Herren Medizinern, aber ein gutes Hausmittel ist mir lieber als ein teures Rezept." Er nahm die Brille ab und begann, die Gläser zu putzen. Ich höre, Sie haben eine vortreffliche Pflegerin gehabt. Bei allem Unglück noch ein Glück. Es hätte auch anders kommen können. Wer auf dem Lande wohnt, lernt sich beicheiden. Ich hab mir Gedanken über Sie gemacht und hab' mir eigentlich vorgenommen, Ihnen heut einmal den Text zu lesen. Mit Ihrer Einsiedelei, das muß ein Ende nehmen. Das Nest ist da, worauf warten Sie denni> Der Heiratswind weht Sommer und Winter. Sie kommen nun in die Jahre, wo die Herren der Schöpfung anfangen, ängstlich zu werden, und denken, sie kriegen Essig für Wein. Das taugt nichts, Herr Weckerling. Eine tüchtige Frau macht einen glücklichen Mann." Er fetzte die Brille wieder auf und schlug mit der Hand auf die SR ritit • „Wirklich, Herr Weckerling, 's wird jetzt Zeit. Die Krankenstube ist der rechte Bekehrungsort!" Der Gutsherr ließ den Wortschwall des alten Freundes über sich ergehen und sagte lächelnd: „Ich werde mir Mühe geben, Ihrem Rat zu folgen! Draußen wirbelten die Flocken. Sie fielen auf die Häuser der Reichen und auf die Hütten der Armen, auf die Felder der Gerechten und Ungerechten, alles in Helle und Reinheit hüllend. Wenn der Wind durch die Bäume fuhr, stäubten sie wie von Blütenregen. Schnee, nichts als Schnee! Der Freihof in feiner weißen Pracht tag' wie verzaubert da. Wege und Stege waren verweht. Der Postbote, der fönst des morgens Zeitungen und Briefe brachte, stapfte erst gegen Mittag wie ein Schneemann herein. Fran Dick verabreichte ihm einen Kümmel. „Der Schnaps ist ein Spitzbub," scherzte er, „er schleicht sich ein, man weiß nicht wie, aber so einen Spitzbub läßt man sich gefallen!" Der Gutsherr hatte in den letzten Tagen über sein Befinden geklagt, hatte' vorübergehend wieder das Bett hüten müssen. Der Doktor, der einen Rückfall befürchtete, bat die Schwester im Einver- siändnis mit ihrer Oberin, noch eine Zeitlang auf dem Freihof zu bleiben. Er kam bamit den Wünschen des Patienten entgegen. Der hakte sich an die Gesellschaft feiner Pflegerin gewöhnt, fühlte sich ihr kameradschaftlich verbunden, daß er an ihren Weggang nicht denken möchte. Seltsam! All die Jahre hatte er an feinem Alleinsein nicht schwer getragen. Im Gegenteil! Wer allein war, dünkte ihm, war auch frei. Nun war dies Mädchen in feinen Gesichtskreis getreten und hatte sich ihm unentbehrlich gemacht. Oder war's nur feine körperliche Schwäche, daß er sich fo abhängig fühlte? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Schon war's ihm zum Bedürfnis geworden, mancherlei mit ihr zu beraten, was nicht nur fein äußeres, sondern auch fein inneres Leben berührte. Lauschte er ihrem klugen Wort, war's ihm, als sei sie im Grunde ihres Wesens eine glückliche Ergänzung [einer selbst. Und all die Schönheit, die von ihr strahlte!'Er wär nicht so kalt, daß er dagegen unempfänglich blieb! Er war entzückt, berückt von ihr. Er zitterte in sehnsüchtigem Verlangen. Schloß die Augen. Preßte die Hände an die Schläfen. Wo-