Eichener jamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, -en 9. März Nummer 20 An Lis Königin von Preuhen. Sonett von Heinrich von Kleist. Erwäg' ich, wie in jenen Schreckenstagen Still deine Brust verschlossen, was sie litt, Wie du das ätnglück mit der Grazie Tritt Wie von des Kriegs zerriss'nsm SchlachtenwagM Auf jungen Schultern herrlich hast getragen, Selbst oft die Schar der Manner zu dir schritt Wie trotz der Wunde, die dein Herz durchschnitt, Du stets der Hoffnung Zahn' uns vorgetragen: O Herrscherin! Die Zeit dann «Acht' ich segnen, Wir sahn dich Anmut endlos niederreg neu — Wie Motz du warst, das ohneten wir Nicht! Dein Haupt scheint wie von Strahlen mir umschimmert; Du bist der Stern, der voller Pracht erst flimmert, Wenn er durch finstre Wetterwolken bricht. Königin Luise. Zu ihrem 150. Geburtstage (10, Aiärz 1716). Von Friedrich v. O pp eln-Dr o nikv ws ki. „Du bist der Stern, der voller Pracht erst flimmert. Wenn er durch finstre Wetterwolken bricht." Mit diesen Worten läßt Heinrich P. Kleist feine Huldigung auf die Königin Luise ausklingen. Als gefeierte Schönheit, durch Kummer und Leid früh gebrochen und hingerafft, von Bent Glorienschein des Märtyrertums umschimmert, und als deutsche Patriotin, die mit der Wunde int Herzen die Fahne der Hoffnung vorantrug, so lebt die Mutter Kaiser Wilhelms 1. im Gedächtnis der Nachwelt fort. So werden ihr auch heute, an ihrem 150. Geburtstag, alle deutschen Herzen huldigen. Die Marmorbildwerke Schadows und Mauchs, der ersten zeitgenössischen Künstler ihres Landes, ihr bekanntes Bild von Elisabeth Digse Le Brun, der Malerin schöner Frauen, und zahllose begeisterte Schilderungen von Männern tmd Frauen der verschiedensten Lander, sie alle lassen keinen Zweifel darüber, daß Luise eine bezaubernde Schönheit war. Selbst ihr Feind Napoleon, der sie in feinen Heeresberichten brutal verunglimpft hatte, sagte nach seiner berühmten Zusammenkunft mit ihr in Tilsit (6. Juli 1807): „Statt ihr eine Krone zu nehmen, wäre man versucht, ihr eine zu Füßen z'a legen.“ Sie war die belebende Sonne eines steifen und nüchternen Hofes, der ohne sie ins Spießbürgertum h.erabgefunken wäre, majestätisch und zugleich von bezaubernder Liebenswürdigkeit an der Seite eines hausbackenen, wortkargen Königs, dem alle öffentlichen Schaustellungen und Repräsentatronspfkichten zuwider waren. So gewann sie schon durch. ihre äußere Erscheinung alle Herzen, mehr noch durch ihre Herzensgüte. „Ich bin den Menschen so gut“, schrieb sie an ihre Freundin, Frau v. Kleist. „Mein ganzes Wesen ist Liebe für sie; ich möchte die Menschheit so gerne glücklich wissen und dazu beitragen, auf Kosten meiner selbst!" So gewarnt sie denn auch im Sturm nicht nur die Liebe ihrer Lcmdeskinder, sondern aller, die ihr nahten oder denen sie auf ihren Meisen nahte, imb das dem preußischen Wesen sonst so abholde Reich huldigte ihr wie einer deutschen Kaiserin. Wir wissen, daß, von diesem „Magnet" angezogen, die ganze Universität Göttingen im Sommer 1799 nach Kassel pilgerte, daß „nur Kranke oder griesgrame Antiken" zurückblieben und die Kollegien geschlossen wurden. „Die Landstraße war von Kutschen, Reitern, Menschen und Karren so bedeckt, daß man hier einer Völkerwanderung beizuwohnett schien" (P. Dailleu, „Königin Luise", S. 106). Diese mecklenburgische Prinzessin, in deren Adern von Mutterfeite her das lebhafte Pfälzer Mut pulste, die am sonnigen Rhein ausgewachsen war, verband in ihrem Wesen norddeutsche Innerlichkeit mit süddeutschem Frohsinn, tiefe Frömmigkeit und starken Familiensinn mit lebhaftem Interesse für das neue deutsche Schrifttum, das am Museirhofe von Weimar emporgeblüht war. Mit Goethe, Wieland, Herder, Jean Paul und Schiller persönlich bekannt, hatte sie sich besonders ht die Gedankenwelt der drei letzteren eingelebt; Wilhelm von Humboldt, der Kultusminister ihres Gatten, trat ihr in Berlin nahe; Heinrich von Kleist, der Reffe ihrer Freundin, wurde von ihr in seinen schwersten Jahren untersttitzt. Mit den großen Reformern Preußens, dem nassauischen Freiherrn vom Stein und dem Grafen Hardenberg, stand sie in engster Fühlung,' zwischen dem schroffen, unehrerbiefigen, vorwärtsdrängenden Stein und dem langsamen, bedenklichen, empfindlichen König hat sie immerfort segensreich vermittelt; zu Hardenbergs Wiedereintritt in den Staatsdienst hat sie noch kurz vor ihrem Tod« entscheidend beigetragen, und gleichsam über ihrem Sarge hat sich der Bund zwischen ihm und dem König geknüpft, der die Grundlage für die Erneuerung und Befreiung Preußens werden sollte. Die Vermählung des neuen deutschen Idealismus mit alt- preußischer Staatsgesinnung, wie sie in der Gründung der Universität Berlin (in ihrem Todesjahre) symbolisch zum Ausdruck kam, war auch in Luisens Seele in den Leidensjahren nach dem Zusammenbruch von 1806 zunt Ereignis geworden. Weil sie mit den ttefsten Antrieben ihrer Zeit so innig verbunden war, konnte sie auch so stark auf die Zeitgenossen wirken und als Berkörpertmg der Wiedergeburt ihres Landes "erscheinen. An sie klammerten sich die Hoffnungen der Patrioten, an ihrem Bilde richteten die Gemüter sich aus. Luise war keine Kampfnatur, keine „politische Frau", wie so viele Herrscherinnen vor «der nach ihr, noch weniger eine jener ränkesüchtigen Fürstinnen, die eine ehrgeizige Sonderpolitik getrieben und die offizielle Staatsleitung durchkreuzt und gehemmt haben. Aber sie war auch keine jener farblosen Erscheinungen auf Bem Throne, die in Repräsentation oder Kinderpflege aufgehen und deren Tugenden man rühmt, weil sie völlig harmlos gewesen sind. Das rückhaltlose Vertrauen! des Königs, der mit ihr alle seine Sorgen und Staatsgeschäfte besprach, nicht minder das Vertrauen der Patrioten, die sich mit ihren Anliegen