Gießener zamilienblatter Unlerhattmgrbeilage zum Siehener Anzeiger Jahrgang s926 Dienstag, den 8. Juni Rümmer <6 Alte Landsknechte. Bon iWrries Frhrn. von Münchhausen. 3m Himmel droben, in einer Ecken, Wo die alten Soldaten die Beine strecken, Wett weg von Heiligen und Propheten, Bon Märtyrern und Anachoveten, Ätzen an eines Kamtnes Flammen Die seligen alten Landsknecht beisammen. Manchmal greift einer in die Tasche, Sucht nach den Knöcheln, sucht nach der Flasche, — — Aber im Himmel gibt's nichts dergleichen, 's Höchstens daß mal ein Englein kommt, Ihnen ein Schälchen Dau zu reichen, •' % Das den seligen Seelen frommt. Lind wenn gar einer mal fluchen will: „Potz Tod und Teufel und Frundsberger Drill!" Geht's ihm nicht aus dem Maul heraus, Wird gleich ein Halleluja daraus, So daß der Reuter, vom Wunder benommen Gar ein einfältiges Lächeln bekommen, Den Kn-ebelbart zur Seite drückt llnb ein wenig auf die Seite rückt. — Sind ja selig und freuen sich ja, Sind ihrer aber zu wenige da! Alle Kameraden und Kumpane, Hauptleute, Obristen und Feldkaplane, Alle Brüder vom Schwert sitzen drunten zusammen Änd- brennen in den höllischen Flammen. Aber manchmal in ihren Ohren es klingt, Lind mit leisem Gebrumm geht ein Tönen um. Wie vom Schlegel, der über das Kalbfell springt: „Terum tum tum, terum tum tum." Da laufen sie alle zur Himmels tür. Lauschen alle ganz verzückt herfür, Herunter zur Erde und ihren Tönen. Da donnern die Trommeln und schüttevn und dröhnen, Da rasseln die Trommeln, die fellgespannten, Da blasen die welschen Kriegsmusikanten, Da wandern die Freunde mit Karren und Kind, Da flackern die großen Fahnen im Wind, Da brennen die Dörfer, — der Rauch bricht vor Lieber Wolken und Winde zum Himmekstor. Lind die alten Landsknechte atmen beklommen Den Rauch-, der von fündiger Erde gekommen, Sie lauschen und spähn, ihnen zittern die Hände, Wie sich das Glück der Feldschlacht wende. _ Da kommt Sankt Peter und treibt sie zurück. Roch ein letzter wehmütiger Blick, — — An des himmlischen Kammes Flammen Sitzen wieder die alten Landsknechte beisammen. Sagt keiner ein Wort, denn mit leisem Gebrumm Roch- immer das Lied ihres Lebens klingt, Lind ein Tönen geht um, Wie vom Schlegel, der über das Kalbfell springt: „Terum tum tum, terum tum tum." Herzog Christian von Braunschweig. Zu seinem 300. Todestage. Don Dr. C. Wal brach, Gießen. Auf dem halberstädtischen Schloß Gröningen a. d. Bode wurde Christian am 20. September 1599 als dritter Sohn des Herzogs Heinrich von Draunschweig-Wolfembüttel geboren. Sein Vater war eine tatkräftige Natur, politisch befähigt und national gesinnt: daneben besaß er eine ausgezeichnete humanistische Bildung. Aber da ihn die Politik stark beanspruchte — er ist trotz seines evangelischen Bekenntnisses allezeit für das Kaisertum eingetreten — fiel die Hauptlast der Erziehung bald der Mutter zu einer Schwester des dänischem Königs. Nach dem Besuch der Helmstadter Liniversität wurde Christian schon Ende des Jahres 1611 zu seiner weiteren Ausbildung an den Hof der Oranier und dann zu seinem Onkel nach Dänemark geschickt. So wurde der gute Einfluß der Herzogin auf den hochbegabten lerdenschcht- lichen und eigenwilligen Knaben zu früh aufgehoben, und der Prinz ganz in die Hande feiner Erzieher gegeben. Zwar sah die Instruktion für den Informator neben dem Hinwels aus die Pflege der fürstlichen Tugenden Mittel und Wege vor, um aus Christians Charakteremtwicklung einzuwirken, aber die Erzieher scheinen leider nicht die rechten Männer gewesen zu sein, di« guten Anlagen des Prinzen in wünschenswerter Weise zu förderns Noch vor seiner Rückkehr in die Heimat war Christian, der nur geringe Aussichten auf eine selbständige Wirksamkeit hatte, am 6. August 1616 zum Bischof (Administrator) von Halberstadt gewählt worden. Offenbar versprach sich das Domkapitel viel von Hm. „Das ist der Wann," sagte der Hofprediger bei seiner Einführung. „den Gott zu einem Regenten in diesem Lande gesetzt hat." Christians Wahl zeugt übrigens von dem friedlichen Nebeneinanderleben der beiden Konfessionen wenige Jahre vor dem großen Krieg, der angeblich um die Religion geführt wurde. Seine Mutter, die eine besondere Vorliebe für ihn hatte, bemühte sich, zwischen ihm und dem Domkapitel ein erträgliches Verhältnis herzustellen. Dessen Mitregentschaft empfand der junge Bischof als lästige Fessel: das dürste mit ein Grund dafür sein, daß er sich als Landesherr des Bistums keine besondere Verdienste erworben hat. Seine Hauptbeschäftigung in diesen Jahren war entsprechend seinen Neigungen seine militärische Ausbildung. Seine ganze Individualität trieb ihn zum Soldatenberuf, was auch seine eigene Worte an die Mutier, die Lust zum Kriege sei ihm angeboren, beweisen. Die Gründe für seinen bald beginnenden Kampf gegen den Kaiser waren wohl im wesentlichen seine in den Niederlanden noch verstärkte Abneigung gegen den vordringenden Katholizismus, die Tatsache, daß der Kaiser ihm als Nicht-Katholiken die Bestätigung seiner Bischofs-Wahl versagt hatte, ferner die Hoffnung, sich, wenn nötig, mit Gewalt, zum wirNichen Herrn des Halberstädter Landes zu machen, und das ritterliche, etwas romantisch anmutende Eintreten für die Gemahlin des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz, des sog. Winterkönigs. „ , Schon am böhmischen Aufstand- hatte er teilnehmen wollen; aber die Verhandlungen hatten sich, zerschlagen. Nun zog er 1620 mit dem Prinzen von Ora-nien nach der Kurpfalz, kehrt« aber ohne mit dem Feind in Berührung gekommen zu seur. zurück.' Im nächsten Jahr traf er mit Friedrich V. und seiner Gemahlin zusammen und warb nach feiner Rückkehr Truppe>r, um für die böhmische Krone zu kämpfen. Trotz aller Abmahnungen hielt er an seinem Plan fest, sich mit Ernst von Mansfeld zum Schutz der Kurpfalz zu vereinigen. Schrecken verbreitend, zog er im November 1621 nach Süden. Dem Landgrafen von Hessen- Darmstadt drohte er, wenn er angegriffen werde, wolle er so „Haustieren, daß es demselbenn gerheuen vnnd Kinds Kinder darvber sich sollen zu beklagen» habenn". Als Kind seiner rohen Zeit sah er, dem es an Geld für den Sold der Truppen fehlte, in seinen Mitteln — dem Plündern und Rauben — nichts besonders Schlimmes: der Krieg mußte den Krieg ernähren. Er eroberte Amöneburg und lieferte Tillys General Anholt bei Asten-Buseck ein Gefecht, dessen Ausgang chn aber zum Rückzug zwang. In Gießchi hatten die Studenten, getreu ihrem Wahlspruch- „literis et armis ad utrumque parati“ bereits zu den Waffen gegriffen, da Christians Streifabteilu-ngen schon bis zum Kloster Arnsburg gekommen waren. Den Winter verbracht« er in Westfalen, kam aber im Mai 1622 wieder nach Oberhessen. Er plünderte Alsfeld und zog über Schotten und Nidda nach dem Süden, um sich mit Mansfeld zu vereinigen. Am 11. Juni ging er bei Höchst über den Main, wurde aber von dem erfahreneren Tilly vollständig geschlagen. „ Christian selbst rettete sich, zu dem m der Nahe von Manu- heim stehenden Ernst von Mansfeld. Aber Friedrich V., der seinen Frieden mit dem Kaiser machen wollte, entließ seine beiden Syeerführer, die dadurch in eine unangenehme Lage kamen, und ihre Dienste — allerdings erfolglos — dem Kaiser und dem französischen König anboten. So war auch Christian durch dee Berhältnisse — er war vom Kaiser geachtet — allmählich dahM gekommen, den Krieg um des Krieges willen zu führen. Auf dem Weg in die Niederlande, mit denen sie Verbindung angeknüpst hatten, wurden Mansfeld und Christian bei Fleurus von dem spanischem Heer zur Schlacht gezwungen. Des Herzogs Heldenmut errang den Sieg; er verlor zwar den Unten Arm, schaute aber nach diesem Erfolg mit neuem Mui. rn die Zukunft; er wollte auch fernerhin „Gottes Freund, des Pfaffen Feind fein. Nach seiner Wiederherstellung trat er als General in die Dienste seines BruderS, des regierenden Herzogs, bzw. des niedersächsischen Kreises. Er wollte sichbamalsdemKai>erunter° werfen mußte aber aus Tillys Veryalten schließen, daß man - 182 «3 in Wien nicht ehrlich meinte. Gr glaubte die Selbständigkeit der Fürsten uni> die evangelische Lehre bedroht, wollte aber glei-wohl sein Heer entlassen, wenn Tilly sich zurückziehe, woran oics -r jedoch^ gar nicht dachte. Seinem Versprechen gemäß verlieh Christian das Kreis-Gebiet und wandte sich nach Westfalen, nae.dem er am 18. Juli 1623 seinem Bistum entsagt hatte um es vor d.-r Rache der Feinde zu bewahren. Tilly eilte ihm'nach und zwang ihn ani 6. August bei Stadtlohn zum Kampf. Aber- mals ward Christian von dem bayerischen General geschlagen. A.l seine unerschrockene Tapferkeit, mit der er seinen Truppen voranging, half nicht. Er rettete sich mit wenigen Begleitern — parunter öem später berühmten Bernhard von Weimar — auf holländisches Gebiet. Auf Zureden seiner Familie, die ihm das Geld zur Entloh- "“"9 ?'tuM>cn vorstreckte, entlieh er sein Heer. Seine ehr- Iicke Awicht, sich mit dem Kaiser auszuföhnen, wurde durch ein ”cue? .?"ff9nis in der europäischen Politik — das Offensiv-- B.,nd.-iis Englands mit Frankreich und den Niederlanden gegen Oesircich-Spamen - verhindert. Man trug ihm die Führung und er sagte zu, weil er hoffen durfte, mit ■ Rückhalt etwas Großes für die evangelische Sache in Deutschland leisten zu können. f Werbungen und Truppenbewegungen verstrich die tf.. . O'^Hte des Jahres 1625. Inzwischen hatte sich der dänische : D'-'nd angeschlossen, und es verstanden, auch den niedersachfischen Kreis zur Beteiligung an dem Feldzug zu bringen. So finden wir Christian im September im Haupt- quackier , ines Onkels, des Oberfeldherrn der Kreisannee. Seine fffflung als Untergebener Mansfelds sagte ihm nicht 8u; er fetn und übernahm es deshalb, als General des Königs selbst ein Korps zu werben. Das Unternehmen des Bundes schien aus den ersten Blick E sicherer Grundlage aufgebaut zu sein. Aber dem tiefer Blickenden zeigten sich so viele Mängel, daß der Erfolg zweifel- hast sein mußte. In erster Linie fehlte es an Einheit im Heere und vor allem der Fürsten des Kreises. Auf der Gegenseite “"v .War durch die Gemeinsamkeit der Ziele die Einheit qe- wayrlerstet. y ®en Wirren der Zeit zeigte sich Christians Bruder nicht gewachsen^ er war ein willenloser SchwSchKng, der sich nun im ■ganaac lo2j 6er it erklärte, Christian, seinen vermutlichen Nach- solger als Statchalter einzusetzen. Der Widerspruche der Stände war zweck.os Aber fein eigener Detter, Georg von Draunschweig- Luneburg, arbeitete gegen die Regentschaft Christians, um selber die Herr,i^aft in Woc-enbüttel an sich zu reißen! er trat sogar Kaiser und Wallenstein. Damit erreichte ff, h $ L'5ti!tian, &er nach dem Feldzugsplan die Kurpfalz oc^etzen, sollte, naachem er den Landgrafen von Hessen-Kassel zum Eintritt in den Bund gezwungen hatte, von seinem Vorhaben abstehen mußte. Christian wollte sich wohl nicht allzuweit von fernem Lande entfernen, da Georg bereits ein Heer geworben baber kam die Weisung seines Onkels, einen Zusammenstoß Mit Tilly zu vermeiden, nicht ganz unerwünscht. Gr gelangte CHen 2Har!l<6, 9”^ zur rechten Zeit nach Göttingen zuruck, --enii schon am 2k. Mai lag Tilly vor Münden, das nach f* Christian war am 20. Mai beim Däne,? komg in Wolfenbuttel eingetroffen. And bereits am 6. Juni 1626 nö öer Tod ben jungen General hinweg. Noch kurz zuvor hatte lur^rtomm ^lan fff aßt sich Gustav Adolph von Schweden ff. Eff^^mig zu stellen da er enttäuscht erkannt hatte, daß ie Sache des Bundes nicht den Sieg öavontragen werde. n,i>- mnndta 3a6Fn selner kriegerischen Laufbahn hören rmd absprechende Urteil über den „tollen Christtan wie der Volksmund ihn nannte. Sein stürmischer Sn W seine Kräfte drängten eine Persönlichkeit hätte aus ^r?en6’^t ®el^ ioewen können, wenn ihn in seinen der rechte Mann geleitet hätte! Sein cmge- Feldherrntalent fonnte sich nicht in rechter Weise ent» toel Es ihm an Gelegenheit fehlte, unter einem großen Erfahrungen ziu sammeln. Um so be- ß^^nÄgtriAter ^Es, daß der Herzog gegen Ende seines kurzen 3 ru feinem Vorteil geändert hat. Gr hat sich nach In all ^ZEMig aus sich selbst heraus erziehen müffen? sch? „ff , ^^I»^Egt es wohl begründet, daß das Leben dieses iS ^Esffn starken entschiedenen Charakter kein Mangel rn‘ dH ffiuen harmonischen Abschluß gefunden hat. , W" schen heute — dreihundert Jähre nach seinem Tod - tLTLiT ZffE-ter für Freiheit und Glauben, einen kühnen, ffff'E ff^^r scheuenden Soldaten, der voll ritterlicher Todesverachtung stets m vorderster Linie kämpft und jederzeit fein ffEben aufs Spiel setzte. Seinen Zeitgenossen, die unter den Un- f*rpfr;AnCrr^Orben r Ä-u I^!n hatten, mag er furchtbar und vpn sein Wir aber dürfen ihn nicht loslösen ffu der Verkettung mit ferner Zett, in der alle Bande von Gesetz und Sitte zerrissen waren. Wenn wir so sein Bild vor dem ffff" 2!™ brandroten Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges ^trachten, dann tritt uns doch mancher ansprechende menschliche Zug entgegen und wir müssen ihn bei allen Fehlern und den geringen Erfolgen seiner Masten doch als eine große Persönlichkeit der deutschen Geschichte anerkennen. Technik und Form. Von Fritz Dietkrich. Motto: Die Technik ist konsequent, also seien wir auch konsequent gegen die Technik! ~ ,®er deutsche Baumeister Heinrich Tessenow sagt in seinem ffuchc Hausbau und dergleichen": „Die Technik sucht immer die kleinste Form und die größte Kraft. Bejaht die Form nur als unvermeidlich. Im übrigen verneint die Technik alle Form; ihr 'vare ducchaus am liebsten etiva: irgendwo eine Kugel oder ebenfalls sff.Wurfel, nicht zu groß, von da ab überallhin Drähte, einfachste, billige, dünne Drähte, am Ende immer ein kleiner Knopf und daneben auf einem kleinen weißen Schild „Bitte zu drücken" und es müßte gut fern." Zunächst: was verstehen wir unter Form? Wenn ein mächtiger innerer Spannungszustand die Entladung schöpferischer Kräfte erzwingt, braucht ein Gestaltungswille und -vermögen noch nicht vorhanden zu sein. Dieser Zustand ist chaotisch, ist geheimnisvoll, weil er sich noch auf der Ebene gebundenen Tiertums auslöst. Erst '"'Augenblick, wenn ein Gestaltungswille e r nach einer Erlofmig durch die Form hindrängt, im *■ . wenn am Äonjont ein schöpferisches Bewußtsein aufda . geschieht der i^pferischen Kräfte werkhaste Lancierung; der Magnet einer gött- lichen Ordnung streicht darüber hin, und die Aeußerungen des menschlichen Ich werden fruchtbar unter seiner Macht. Die Form 'leboren, die das wegweisende Licht über dem Dunkel aller schöpferischen Aeußerimgcn ist, die Form, die zur Klarheit drängt und geraoe deshalb das Gemeinschaftbildende ist, weil sie alles Unausdeutbare, alles dunkel Drohende harmonisch in sich auflöst. D'est Auflösung aller Dunkelheiten, diese von intuitiv-schöpferischem Erkennen geleitete Umbildung nahezu aller metaphysisch-dämo- mscher Abgrunde in das Geheimnis der Form, gibt dem gestalteten Weick einen Glanz, den wir Schönheit nennen. Es sind die ver- schwiegendsten Kammern der schöpferischen Tat, in denen die Trans- formation des subjektiv-gebundenen Dämon in eine überpersönlich- ffiektive Form geschieht. Dabei ist es fast unerklärlich, daß diese ffffff M"mer »och die Landlinien ihres Schöpfers als Stil bei- behalt. So wissen wir nach ein paar Tatten, ob Bach oder Beet- Affen, nach einem Blick, ob Erwin von Steinach, Perrault oder Schinkel, nach einigen Rhythmen, ob Goethe, Hölderlin, Dehmel ffff „ 'lkc sprechen. Leonardo da Vinci, dessen Wille es war, das rieberpersönlichste zu geben, wird ebenfalls erkannt an dem ihm eigenen Stil. Vielleicht läßt sich ein geringer Teil der dä- niomi ch°sch öpserischen Kräfte überhaupt nicht transformieren, sucht feinen Qöeg unmittelbar ins Werk und dringt diesem hernach aus allen Poren. , Die uberpersönlich-objektivierte Form erheischt vom Werk em Maß, wodurch ihm zweifellos von der elementaren Unmittelbarkeit etwas genommen, dafür aber ein Vielfaches an Geistigkeit und Allgemeingültigkeit verliehen wird. Die große schöpferische ffffff. ffer Zeiten war erkenntnisvolle Einebnung metaphysischer Abgrunde, war scheinbare Verdiesseitigung. Immer geheimnisvoll, tragt diese Form einig und allein ein Stück Himmel zur Erde, und jede sich spannende schöpferische Aeußerung des menschlichen Ich wird nach ihr hinzielen müssen, Wenn sic Mitschwingen sucht und Gültigkeit. Nun lehnt die Technik alle Form ab, und, wenn sie sich ihrer bedient, tut sie es nur, um einigermaßen eine äußerliche Angleichung on die Dinge zu ermöglichen. Sie spürt immer wieder nach einer Form aus, denn sie braucht sie einmal, um einen ästhetischen Halt Mstandezubringen; zweitens, um einen praktischen Schutz um ein ©cttnrre empfindungsloser Stücke zu haben. Man bedenke: die Technik entstand aus wirtschaftlichen Problemen. Sie ist auf intellektuellem T m gewachsen. Metaphysische Beziehungen von ihr zum Menschen -ad nicht zu entdecken. Also, muß sie kulturfeindlich sein. — Dies mag allen länger erwägenden und komplizierteren Köpfen zu konsequent erscheinen. Doch die Technik ist konsequent, also seien Wir auch konsequent gegen die Technik, um mit rechtem Maß an ihr Wesen heranzukommen. Die Technik hat die dingliche Welt überschwemmt und in die praktischen Forderungen ein heilloses Durcheinander gebracht. Nun verlangt sie ihre Form. Ihre Form für Fabriken und Fahrzeuge, ihre Form für alles, was mit chr zusammenhängt oder nicht. Man bedenke: die Technik, die eine gesellschaftliche Einrichtung ist, der man gern einen Platz als lautlose Dienerin des Menschen ein- räumen würde, die als äußeres Hilfsmittel an bescheidener Stelle zu stehen hat, die unbeseelt ist, will für sich, für uns alle die ihr gemäße Form und verlangt damit die Anpassung von Ding und Individuum an ihr Wesen. Wirkliche Formen können jedoch nur aus metaphysischer Verwurzelung geboren werden, können sich nicht in der Retorte des Homunkulus bilden, können nur aus einem großen Unteilbaren entspringen. Die „technische" Form ist eigentlich gar keine Form. Sie ist lediglich lügnerische Verkleidung. Sie ist nicht wie die wirkliche Form letzten Lebensinhalten entkeimt, sondern ist eine beliebige Aufpfropfung um Annehmlichkeiten für für das Auge zu schaffen. Eine richtige Form für die Technik wäre, ihre Konstruktionen frei hinzustellen oder unter gläsernen Kästen zu vereinen. Nehmen wir ferner an, ein restlofes Zerschlagen wirf- kicher Formen gelänge, so müßte man das dann erreichte Chaos schlechthin als die technische Fotin bezeichnen. Wie aber kann man von schöpferischen Geistern verlangen, chre inneren Ströme, die aus dem urtiefen Sinn von Jahrtausenden hervorquellen, so zu lenken, daß sie sich der Technik anpassen und zu einer „technischen" Form zusammenfinden? Es liegt in dieser Forderung die ganze Erkenntnisarmut des modernen Materialismus. Oder liegt nicht eine Gottlosigkeit darin, die ungestüm danach verlangt, daß auch die letzten geweihten Kerzen erlöschen sollen? Der heilige Geist der Form, der uns zum tiefsten Ausdruck alles Menschlichen Serz und Zunge löst, die geistige Schöpfung überhaupt, soll durch sie gebrochen werden und als Reklameschilderei um eine Einrichtung prangen, die meiner und deiner Bequemlichkeit wohl hilft, die aber unsere Seelen ins Chaos zurückstößt und das Gestirn «nseres Seins fiir diese Inkarnation verfinstert. So erkennen wir, daß die Technik aus großer Unvollkommenheit !lammen muß, denn was sich nicht als selbstverständlicher Teil n die Ganzheit des Lebens einfügt, erzwingt sich keine Form. Und was sich keine Form erzwingt, lebt nicht. Auch ist die Technik, keine Errungenschaft des Menschen, denn dann wäre er ja imstande, sie zu befehligen, ihr Grenzen zu ziehn, sie erkenntnisvoll einzuordnen. Vielmehr hat sich die Technik den Menschen errungen. Millionen Verstände schärfen sich einseitig für sie. Millionen Gefühle sterben stündlich unter ihrer Macht. Millionen Gehirne können zu sich nicht mehr von ihr trennen, erheben fie zu ihrem Götzen und beten diesen uni immer neue „Wunder" an. Ueberall will die Technik heraustönen: aus Gebäuden, Dramen, Tonwerken, aus Gedichten, Gemälden, Plastiken. Doch ist es nicht ein großer Irrtum, der den Dichter anregt, die Technik zu besingen, das Empfindungslose, Errechnete? Er glaubt nur, die Technik zu besingen, denn er besingt tatsächlich die in ihr eingepferchten Naturkräfte. Er besingt den Wirbel der Räder und siehe, er übersetzt sich die Natur in Stahl und Eisen. Er sängt den Flug der Äero- plane in Rhythmen ein und besingt doch nur den weltalten Ikaros- traum im eigenen Blut, den gleicherweise jeder Vogelflug beschwört. Er besingt Bahnhofshallen, und doch sind es nur unzählige Bewegungen, Geräusche und das Zyklopische der Materie, was ihn reizt; Bewegungen, die gleicherweise in Wolken, Fluß und Bäumen, Geräusche, die in Sturm und Donner sind, und das Zyklopische der Materie, das doch aus jedem Felsenhaupte droht. Die eigentliche Technik kann er nicht besingen, weil sein Wort als wirkliche Form aus der Beseelung geboren ist und sich nicht als Verschalung um ein Errechnetes legen läßt Kolumbus-Anekdote. Von Friedrich Freksa. Die Krone von Segovia beherbergte im Jahre 1505 der Fleischwerdung viel Serren von kastilischem und argonischem Adel. Zum erstenmal hielt König Ferdinand von Aragonien wieder Sof, nachdem das Trauerjahr um seine Gemahlin, Isabella von Kastilien, verstrichen war. Eines Morgens nun, an dem die ganze Gesellschaft der Ritter rmd Serren noch frühstückend unter den Bäumen saß, betraten den Platz zwei Männer, deren Saltung und Gebärden seltsam von den anderen Gästen abstachen. Zwar war ihre dunkle Kleidung reich und ritterlich, allein der breite und wiegende Gang verriet die alten Seeleute. Trotz der Ringe an den Fingern erschienen die Fäuste hart und abgearbeitet, die Gesichter waren tief gefurcht und die Augen blickten blau und scharf. Sofort richteten sich die Blicke der Anwesenden auf die Ankömmlinge. Ein Gefrage Hub an, bis sich einige Serren fanden, die über die beiden berichten konnten. „Es sind die- beiden genuesischen Abenteurer, Chriftobal und Bartolomeo Colon, die soviel Wesens machen von dem neuen Seewege nach Indien, den sie gefunden. Es sind Unverschämte! Sie haben dem Könige und der nun in die Ewigkeit eingegangenen Königin vorgeredet, es wäre wer weiß wie schwer gewesen, den Seeweg zu finden. Allein es ist ganz einfach, nur gen Westen heißt es den Kurs nehmen, so gelangen die Schiffe, wenn sie erst Madeira passiert, allein dahin! — Aber die beiden Abenteurer verlassen sich auf eine leichtsinnige Zusicherung der Königin Isabella. Chriftobal verlangt den Rang eines Vizekönigs und Kerrschergewalt für sich und sein Geschlecht für ewige Zeiten, mitsamt deni Zehnten von allen Einnahmen ans den Besitzungen. Der König in seiner Gnade hat ihnen große Besitzungen in Kastilien geboten und den Rang von Granden des Reiches. Sie waren so unverschämt und stech, diese Gnaden auszuschlagen! Es sind Erkundigungen nach der Serkunft der beiden eingezogen worden. Wollenweber war ihr Vater und, wie uns berichtet ward, auch Seeräuber, wenn es sich traf. Die Serkunft erklärt die Anverschämtheit und Frechheit der beiden zur Genüge." Chrsstobal und Bartolomeo Koknnbus hatten inzwischen einen Sitz auf einer Bank eingenommen. Aus den Gesichtern der alten Seeleute gab sich Kraft kund und Verantwortlichkeitsgefühl sprach aus den gefurchten Stirnen und gepreßten Lippen. Ihre Ohren hatten wohl fast alles vernommen, was über fie geredet ward. Ingrimmig saßen die beiden da und dachten nach: Ja, jetzt war es leicht, von Palos nach Guanahani zu fahren. Aber wie lange Jahre des Lebens hatten beide diesem Plan geopfert, der zuerst im Kopfe des jüngeren Chriftobal sich geregt hat. Neun Jahre hatten sie daran gesetzt. Von Portugal war Christoph nach Spanien gegangen und Bartolomeo, der Aeltere, nach England, um Seinrich den Achten zu bewegen, ein Schiff auszurüsten. Bartolomeo war in die Land von Dünkirchener Meerwöffen gefallen, aber Chriftobal war es endlich geglückt, nachdem er schon den Entschluß gefaßt hatte, von Spanien nach Frankreich zu wandern. Er gedachte noch des Tages, da er ans Meer kam, zum Kloster Rabida, auf den Armen ttug er sein Söhnchen Diego. Leih war die Lust und die Mauern des Klosters schimmerten weiß wie Schnee. Beide waren sie verschmachtet, mutlos und der schweren Last müde. Doch hier ward ihnen unvermutet Silst zuteil. Juan Perez Märchen«, der Beichtvater des Königs, hielt sich zufällig int Kloster auf. Er erkannte den wahren, unerschütterlichen Geist des wegmüden Mannes besser, als in den Verhandümgen am Kost, wo der Seebär sich gegen die redegewandten Serren-von Salamanka so sonderlich ausnahm. Sier erfuhr Perez, wie Kolumbus durch Schwemmgut des westlichen Meeres, das er selbst auf Madeira gesehen, Zeugen für seine Vermutungen gefunden ... And Chriftobal und Bartolomeo dachten an den Tag der Abfahrt von Palos auf drei elenden Caravellen, die kaum die See halten konnten, mit einer Mannschaft, deren Rückkehr kein Ritter in Spanien gern gesehen hätte. Lebendig ward die Fahrt ins Angewisse, durch die Wasserwüste, die kein Ende nahm, weit fort von jeder Küste, durch die grünen Seewiesen des Saragossameeres, wo die Schiffe fast stehen blieben. Falsche Meilenzahlen mußte Kolumbus in das Schiffsjournal einttagen, sonst wäre die Mannschaft mutlos geworden. Murrten sie doch, daß sie bei dem ewigen Ostwinde nie wieder die Seimat sehen würden. Tag der Landung in Guanahani. Kupferrote Menschen, die goldene Ringe tragen. Gold! Gold! Das Ziel war erreicht! Indien, das Land der Schätze, gefunden! Vasco da Gama überboten. Das Ziel war lohnender als Seeräuberei. Am seinetwillen konnte verdorbenes Wasser, würmer- zersressenes Brot in Kauf genommen werden. Tag der Rückkehr! Tag des Ruhmes! Ganz Palos, ganz Spanien, ganz Europa jubelte dem Entdecker des neuen Seeweges, dem großen Piloten zu! Aber wie leicht war die erste Reise vergessen. Der von Christoph erbetene Richter, Robadilla, legte den Vizekönig in Ketten samt seinem Bruder, und Kolumbus legte sie auf der Fahrt nicht ab. In Ketten trat er in Palos ans Land und die Scham Spaniens erwachte. Noch einmal ward ihm Genugtuung und Ehre, die ihm gebührte. Gott selbst wollte ihn retten. Ovando, der neue Statthalter von Sispaniola, ließ Kolumbus nicht landen. Wider den Rat des verachteten Seefahrers sandte er zwanzig Caravellen heim, und mit ihnen die beiden Feinde des Kolumbus, Robadilla, den Richter, der ihn in Ketten legte und Roldan, der gegen ihn eiferte und wühlte. Außer einem Schiff gingen alle anderen im Sturm zugrunde. Auf deut einen übriggebliebenen aber fand sich das ganze Gut, das sich Kolumbus in den neuen Landen erworben hatte. Fanatismus leuchtete in den Augen des Seefahrers, der hier zu Segovia war, um sein Recht zu fordern von den Menschen, von dem Könige. Da erklang aus den Reihen der Caballeros ein lautes Wort: „Können Sie dies Ei hier zum Stehen bringen, ohne es zu stützen?" „Gedenken Sie uns etwas. Neues zu sagen, Caballero? Das ist einfach. Chriftobal Colon nimmt diesen Witz für sich in Anspruch, wie den Zehnten aus den Einkünften Indiens. Aber mein Großvater hat ihn schon gemacht." And der Sprecher stauchte das Ci auf den Tisch, daß sich die Schale eindrückte und es stand. Chriftobal sah seinen Bruder Bartolomeo an. Der sagte: „In was für einem Lande sind wir, in dem nicht einmal die Scherze ihren Erfindern bleiben." Chriftobal aber stand auf und ging mit den breiten, wiegenden Schritten des Seebären an den Tisch der Lachenden. „Caballeros", sagte er mit heiserer, knurrender Stimme. „Sie machten soeben einen Scherz mit einem Ei. Dieser Scherz mag nicht von mir stammen, wie einer der edlen Serren soeben bemerkte. Aber vielleicht kann ich ihnen ein anderes Rätsel mit einem Ei aufgeben". Mit diesen Worten legte er ein Ci auf den Teller, hielt es hoch und satge: „Wer vermag es, dies Ei zu essen, ohne es mit der Sand, mit dem Löffel oder einem Instrument zu bettihren und ohne vor dem Essen feine Schale zu lösen?" Chriftobal Colon hielt den Teller noch immer hoch. Spott lag auf seinem Gesichte: „Wer es vermag, dem verkaufe ich, um dieses Ei, die mir nach Wort, Verttag und Siegel des Königs zustehenden Ansprüche auf Würden und Einkünfte Indiens I Wer also seinen König von einem unangenehmen Btttsteller befreien will, der wage es!" „Ohne anzufaffen! Ohne Sand! Ohne Instrument!" erscholl es durcheinander. Da lachte der atte Seebär mtt einem Lachen, wie es der Voll- matrose hat, der einen Schiffsjungen foppt. In beide Sünde nahm er den Teller, faßte das Ei mit den Zähnen, kaute es mitsamt der Schale, sog es aus und spie die Schale mitten auf den Tisch. Verächtlich sagte er: „Dieses Rätsel wird so leicht keiner der Serren nachmachen und für sich in Anspruch nehmen. Denn es gehört ein Nachen dazu, der von Seewasser gebeizt ist und, um es zu schlucken, ein Maul, das gewohnt ist, viel hinunterzuschlucken an wurmigem Brok, schlechtem Wasser, Andank und Verkletnerungslust der Menschen!" Sprach's, wandte sich um, schlug an den breiten Schiffsdegen und sagte: „Sollte es einer der Serren übel vermerken, so wird er mich und meinen Bruder gern zu einem Gange bereitfinden. Wir werden noch einige Tage unter diesen Bäumen anzutreffen sein, bis der König sich äußert, ob ihm Worte und Verttäge heilig sind oder nicht." - 184 — Carl Maria von Webers Beziehungen zu Hessen. Von Professor Dr: jur. et phil. Karl Esselborn. (Fortsetzung.; Die Loffmn»g, die Weber auf die Lleberrelchung des Werkes setzte, verwirklichte sich. Am 2. Februar 1811 bescheinigte Abt Vogler „die Smmn« von vierhmtdertvierzlg für Lern» v. Weber von einer Großherzogl. Kabinetkasse erhaltet» zu haben". Das lange beabsichtigte Konzert, worüber er am 8. Januar 1811 an Weber geschrieben hatte: „Leute habe ich den ganzen Tag Visiten gemacht und werde nun bald ersehen, ob mein Konzert hier zustande kommt", fand am 6. Februar statt. In der „Großh. Les- sischeu Zeitung", die in der Darmstädter Zeitung heute noch fortbesteht, lud er durch folgende „Emrzert-Anzeige" (Nr. 6 vom 5. Februar S. 147) ein: „Mit Allerhöchster Genehmigung wird Unterzeichneter die Ehre haben, künftigen Mittwoch den 6ten Februar in» Freh'schen Saale ein großes Voeal- und Instrumental- Eoneert zu geben, worin derselbe sich auf dem Pianoforte hören lassen und verschiedene seiner Compositione»» aufführen wird. Darmstadt, den 4. Februar 1811. Earl Maria von Weber". Vo»r den» Erfolg des Konzertes berichtete Weber feinem Freunde Gänzbacher am 27. Februar folgendes: „Mein Konzert den 6. Februar war erstaunt brillant und unerhört voll für Darmstadt. Ich hatte für die Madame Schönberger^) m»d die Tochter von Mangolds die auch eine herrliche Altstimme hat, ein Duettchcn* 2 3 4) komponiert, was sehr gefiel und wiederholt werden mußte. Der Großherzog nahm 120 und machte mir außerdem vierzig Karolin für die Oper zum Präsent. Aber stelle Dir vor, am Konzerttage, eben da ich mich anziehen will, geht die Türe auf, und wer kommt herein? (Gottfried) Weber und Duscht), — meine Freude bei dieser Aeber- raschrmg kannst Du dir denken, und erhöht wurde sie noch dadurch, daß die guten Jungen bis den 10. blieben, aber dann mußten wir uns trennen, und auch Beer reist am 12. nach Mannheim, dem Professors Die während seines Aufenthaltes in Darmstadt gewonnenen künstlerischen Eindrücke faßte Weber noch im Februar 1811 in dem Aufsatze „Darmstädter Kunstzustand" zusammen, der am 17. Mai 1911 im „Morgenblatt für gebildete Stände" (5. Iahrg. Nr. 118 vom 17. Mai 1811 S. 472) erschien und in Georg Kaisers Ausgabe von Webers „Sämtlicher» Schriften" Berlin und Leipzig 1908) nach der Landschrift mitgeteilt ist. Der Aufenthalt Webers in Darmstadt hat auch seinen poetischen Niederschlag gesunden. Zunächst in einer Erzählung Ernst Pasques (1821—1892) „Ein Festdiner Karl Maria von Webers" (Must- kantenqeschichten, Dresden und Leipzig 1888 S. 205—220). Die Lauptpersonen darin sind die drei Musikersreunde sowie die Tochter deö Ochsenmetzgers Leonhard Klein, in dessen Laus Weber wohnte, die am 28. August 1791 geborene Johanna Klein, nachmals unter den» .Spitznamen „Lanne-Tante" eine stadtbekannte Persönlichkeit und ledigen Standes am 18. Januar 1885 gestorben. Pasqus hatte sie noch im Juni vorher in ihrer Wohnung in der Schloßgasse 2 besucht und sie ihm eine Menge Einzelheiten und lustige Streiche aus dem Jugendleben Webers erzählt, der da»nals ihr und vielen andern Darmstädter Mädchen den Los gemacht habe; sie schilderte ihm, Vie Persönlichkeit des Meisters, der sich bald im grünen Frack mit goldnen, Knöpfen und Stulpenstiefeln fehen ließ und weit fröhlicher als gefunb gewesen fei, denn er fei meistens schief gegangen und habe oft gehustet. Das Festdiner, das in dieser Erzählung Weber seinen beiden Freunden austischt, besteht in kaschierten Eßsachen aus dem Theater, die ihm der Buchbindermeister Ludwig Pfersdorff (gest. 19. Oktober 1845) geliehen hatte. Der Großherzog Ludewig I. erfährt dies und läßt die Theatergegenstände zurückholen, dafür aber den. jungen Musikern herrliche Speisen aus der Äofküche »md Champagner aus dem Lofkeller bringen. Pasques Erzählung lag einem gleichnamigen Festspiel zugrunde, das der Lofschauspieler Georg Leinrich Lacket (1855—1922) für die Weberfeier am 20. Dezember 1886 im Saalbau verfaßt hatte. Später wurde sie von den» Mainzer Wilhelm Iaeoby (1855—1925) im ersten Akt seines dreiaktigen Singspiels „Kommt ein schlanker Bursch gegangen..." (Mainz 1919) abermals in dramatische )) Marianne Schönberger-Mareoni, geb. am 22. Oktober 1785 zu Mannheim als Tochter des kurpfälzischen Kammermusikus Aloisius Marconi (geb. 1745, gest. 30. Juni 1825 zu Darmstadt), verheiratet mit dem Maler Lorenz Schönberger (1770—1847), zog sich 1825 von der Bühne zurück und siedelte nach dem in Mainz erfolgten Tode ihres Mannes wieder nach Darmstadt über, wo sie am 9. Oktober 1882 starb. 2) Charlotte Mangold, geb. 25. April 1794 als Tochter des Lofmusikus und späteren Lofmusikdirektors Georg Mangold (1767—1835) zu Darmstadt, gest. ebd. 6. April 1876. 3) Für zwei Flöten in Es, komponiert am 27. Januar 1811, später in das Duett Nr. 3 in op. 31 Ä 2/4 verwandelt. 4) Alexander von Dusch, der Bruder von Gottfried Webers zweiter Frau, geb. 27. Januar 1789 zu Neustadt a. d. L., nachmals badischer Staatsminister, gest. zu Leidelberg 27. Oktober 1776. °) Joseph Fröhlich, geb. 28. Mai 1780 zu Würzburg, daselbst Professor und am 5. Januar 1862 gestorben, veröffentlichte 1845 in der „Mnemosyne", einem Beiblatt der Würzburger Zeitung, eine Lebensbeschreibung des Abtes Vogler. Schristleilung: Dr, vmeöc. Wich. Lange. — Druck und Verlag der Form gebracht mit der Aenderung jedoch, daß att die Stelle der „Äanne-Tante" die Sänger»» Caroline Brandt, Webers spätere Gemahlin gesetzt ist und der Großherzog Ludewig in Webers Wohnung bei dem Buchbindermeister selbst erscheint. Von Darmstadt aus wandte sich Weber über Frankfurt «ach Gießen. Den 18. Februar reiste er von Frankfurt ab. Als er b« der Gießener Polizei um die Erlaubnis zu einem Konzerte nachsuchten hatte er mit ihrem Vorstände, dem Regierungsrat Johan» Andreas Philipp Schwabe ein drolliges Erlebnis, das er am 20. Februar 1811 in einem Briefe von Gießen aus an Gottfried Weber folgendermaßen berichtet: „Ein komischer Streich ist mit hier passiert. Wie ich von der Polizeidirektion die Erlaubnis haben will, verlangte der Kerl meine Atteste, ob ich was könnte und ob ich einen Paß habe etc., kurz, er examiniert mich wie einen Vagabunden. Ich sagte ihm aber so derbe Sachen, daß er zuletzt ganz verlegen wurde, ut» dann ging ich zu dem General Wittgenstein3) und bekam von dem die Erlaubnis. Der Geheimerat von Stein') fragte mich angelegentlich nach Dir und den Deinen, er kennt Dich noch von Wetzlar her ... Ich glaube nicht, daß bei meinem hiesigen Konzert was zu holen sein wird. Denk Dir, das höchste Entree ist 36 Kreuzer, dabei wird man nicht fett; item wenn ich nur keinen Schaden dabei habe." Doch die Befürchtungen waren unbegründet. Am 27. Februar konnte er an Gänsbacher von Würzburg aus schreiben: „Ich wurde da erstaunt gut aufgenommen und wie ein Wundertier betrachtet, sehr gastfrei und freundschaftlich besonders. Den 22. gab ich mein Konzert, was so voll war, daß niemand in Gießen sich erinnert, so eines gesehen zu haben, und wo ich eirea 82 Gulden einnahm". Webers Sohn Max Maria, der vierzig Jahre später in Gießen war und bei den Freunden seines Vaters mit rührender Liebe empfangen wurde, ergänzt diese kurze»» Ausführungen in dem Lebensbilde Webers (Bd. 1, Leipzig, 1864 S. 247) auf Grund damals erhaltener mündlicher Berichte: Weber fpielte zuerst in einigen Privatzirkeln wie bei dem Buchhändler Georg Friedrich Leher (1771—1847) und den Professoren Friedrich Wilhelm Snell (1761—1827) und Leinrich Karl Iaup (1781—1860), und dadurch verbreitete sich sein Ruf als Klavierkünstler in der kleinen Stadt so, daß niemand sein Konzert versäumen wollte. And wenn die Träger, die das Pianoforte in den Saal geschafft hatten, den Lohn ausschlugen, „weil sie Weber spielen gehört hatten, so war das eine finnige Anerkennung für Weber. Am 6. Mai 1814 war Webers Lehrer Vogler, der die Beziehungen Webers zu Darmstadt vermittelt hatte, gestorben. Weber bewahrte ihm Zeitlebens eine Anhänglichkeit, die „mehr von kindlicher Pietät als von der Liebe des Jüngers zum Meister an sich hatte" (Max Maria v. Weber). In einer im März 1818 niedergeschriebenen selbstbiographischen Skizze sagt Weber von Vogler, daß er ihn „mit der Liebe, die jedem wirklich großen Geiste eigen sei, dem wahrhaft ernstgemeinten Streben freudig zu helfen, und mit der reinste»» Lingebung den Schatz seines Wissens vor ihm aufgeschlossen habe" und fährt dann fort: „Wahrlich, nur wer so wie ich und einige wenige noch Gelegenheit hatte, diesen tieffühlenden starken Geist, diesen unerfchöpflichen Reichtum an Kenntnissen und die feurige Anerkennung alles Guten, aber auch die strenge Wägung desselben zu beachten, dem mußte er ehrwürdig und unvergeßlich sein, und er mußte die durch Erziehung, Sta»»d, Anfeindungen aller Art und Mißverstehen dem großen ganzen eingeschobenen, es umgebenden und scheinbar verwirrenden Schlacken und seltsamen Eigenheiten, als an sich minder merkwürdige Erscheinungen hinnehmen, übersehen und natürlich finden." Am 13. Mai 1814 schreibt er unter dem Eindruck der Nachricht von Voglers Tode aus Prag an Gansbacher: „Ich schicke diese paar Zeilen aufs Geratewohl in die Welt hinaus, weil eine höchst traurige Notwendigkeit mich dazu treibt. Gestern meldete mir der Orgelbauer Reiner aus Darmstadt, daß den 6. hujus früh um halb fünf Ahr unser teurer Lehrer Vogler schnell mit Tod abgegangen sei. Meinen Schmerz brauch ich Dir nicht erst zu beschreiben. Friede mit seiner Asche, ewig lebt er in unfern Letzen. — Wenn nur feine Werke nicht verschleudert werden und er einen von uns zum Erben gemacht hat3). Aus jede» Fall schreibe ich sogleich an Reiner und bitte mir seine Büste aus, wo wir das Piedestal dazu machen ließen." Webet faßte in Darmstadt den Plan, eine Lebensbeschreibung Voglers zu verfassen. Am 23. Juni 1810 schrieb er an Gottfried Weber: „Ich werde vielleicht Voglers Biographie schreiben — unter uns gesagt —, wem» ich so viel Sihleder behalte." Et hielt auch an dieser Absicht fest, denn am 16. Mai 1814 schreibt er von Prag aus an den Gründet und Redakteur der „Leipziger allgemeinen Musikzeitung" Friedrich Rochlitz (1769—1842): „Abt Vogler ist nicht mehr ... ich behalte mir vor, später etwas Ausführliches über ihn und feine Werke zu fchreiben". °) Generalleutnant Adolf Ludwig Wilhelm Graf von Sayn und Wittgenstem-Berleburg, geb. 1741 zu Berleburg, trat 1791 als Generalmajor aus holländifchen in hessische Dienste, war feit April 1797 Kommandant in Gießen, starb 12. November 1812. 7) Franz Joseph Freiherr von Stein, geb. 25. Februar 1772 zu Neudonau, war Kammergerichtsassessor in Wetzlar, ward 1808 Geh. Rat und Losgerichtsdirektor in Gießen, gest. 8. Januar 1854, vgl. 91Hg. deutsche Biographie, Bd. 35, Leipzig 1893, S. 607F. 8) Vögle»' vermachte seinen handschriftlichen Nachlaß dWn Großherzög Ludeivig I., mit dessen Musikbibliothek er in die Großh. Lofbibliothek, die heutige hessische Landesbibliothek, gelangte. (Fortsetzung folgt.) Btühl'fchen Aniv.-Boch- und Steindruckerei. R. Lange. Gietzen.