Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, den 8. Mai Nummer 37 Letzte Fahrt. Don Hans Bethg«. Ich möchte heimlich still hinüberschreiten Sv wie der Abend in die Aacht verrinnt ®8 sollen süße Lieder mich begleiten. Zu meinen Inseln, di« beglückend find. Ich möchte sterben schön und ohne Fehler, And noch im Tode reich an Sehnsucht sein. And möchte fühlen, wie die freie Seele, Mit Klingen zieht zu ihren Himmeln ein Das Schweigen. Don Alexander von Gleichen-Rußwurm. In der lauten, überlauten, überaus geschwätzigen Welt möchte ich einmal das Schweigen loben. Die heilige Tugend des Schweigens. Wer sie zu üben versteht, verfügt über «ine ganz verkannte Möglichkeit, zu beglücken und glücklich zu fein. Die Zunge stört das Äug« und das Ohr. sie stört ost das Herz mehr, alS man einzuräumen liebt. Vor jedem Raturgenuß, vor jedem Kunstwerk, nach jeder musikalischen oder dichterischen Offenbarung unablässig Reden oder unablässig Worte hören zu müssen, niemals in andächtiges Schweigen versinken zu dürfen, beeinträchtigt das Entfalten der besten Seelenkräfte. Wenn man sich lieb hat und nicht zusammen zu schweigen versteht, beraubt man sich selbst des seligsten Genusses, und wenn man hasst und nicht stumm bleiben kann, wird man nie dem Widersacher gegenüber stolz und gerecht bleiben. Große Worte sind uns als heldische Taten überliefert. Aber nicht nur große Wort«, auch großes Schweigen ist ost einer Heldentat gleich. Eine griechische Hetäre ließ sich die Zunge herausschneiden, um ihr Vaterland nicht zu verraten. Ich glaube, ihr Dame war Leontium und zu ihrem Andenken wurden Münzen geprägt. Von vielen großen Männern wird die Tugend des Schweigens gerühmt. Ich wüßte keinen, der geschwätzig gewesen, aber manchen, den der Ruhm, ein großer Schweiger zu sein, durch das Leben in der Geschichte begleitete. Zwar gilt das Volk, dem wir herrlichste und reichste Kunst- schätze verdanken, für redselig: die Griechen sind bekannt dafür, mit vielen und schönen Worten gerne verschwenderisch umzugehen und ihre Philosophen preisen das Gespräch mit höchstem Lob. Aber sie ziehen eine Grenze, sie verstehen genau jenen Anterschied festzuhalten, den die Hetäre Leontium so gut verstand, den Anterschied zwischen Schweigen und Verschweigen. Die Denker von Althellas geboten jedem, der wirklich etwas zu sagen habe, daß er eS willig in schöner Form zum Ausdruck bringe: aber sie rieten allen, die nur Klatsch, falsche Alltäglichkeiten, unnützes Kritisieren von Dingen, die nicht zu ändern sind, auf den Lippen tragen, sie möglichst lange geschlossen zu halten. Hier begegnet sich griechische Philosophie mit altorienta- lifch er Weisheit. Den Anhängern eines Sokrates oder Platos mußte es vertraut Hingen, wenn sie das Sprichwort östlicher Weisheit vernahmen: „Am Baume des Schweigens hängt seine Frucht, der Friede." Es ist etwas ganz anderes, ob jemand schweigsam oder verschwiegen ist. Jeder, der eine Angelegenheit betreibt, eine Sache durchzusetzen, für eine Idee Propaganda machen will, mutz reden, gut reden, manchmal auch viel reden. And der „Causeur , der eine ganze Gesellschaft geistreich zu unterhalten versteht, gehört seit aliersher zu den notwendigsten, beliebtesten Mrt- gstedern seines Kreises. Aber weil es leichter ist amüsant über Menschen als über Dinge zu erzählen, liegt für den Causeur die Derfivchung nahe, zum Vösmaul zu werden und auszuplaudern, was verschwiegen werden sollte, oder auch in Ermangelung eigener Gedanken über eigene Verhältnisse zu schwatzen, was entweder langweilig für die Hörer oder gefährlich für den Sprecher ist. 3n diesem Sünne lehrt der vorsichtige Schopenhauer: „Ansere sämtlichen persönlichen Angelegenheiten haben wir als Geheinmisse zu betrachten und unseren guten Bekannten müssen wir über das hinaus, was sie mit eigenen Augen sehen, völlig fremd bleiben." Denn ihr Wissen, selbst um unschuldige Dinge, kann durch Zeit und Amstänöe Aachteile bringen. Verschweigen ist Takt, Anstand, Rotwendigkeit. Schweigen kann Tugend sein oder Angezogenheit, je nachdem, von wem und wann es geübt wird. Schweigsame Menschen find achtenswert tnü> können sogar zu den liebenswürdigsten Gesellschaftern gehören, wie es einem Moltke nachgerühmt wird, maulfaule Leute sind eine Strafe für ihre Umgebung. Reden ist gut, aber Schwätzen ist übel. „Was heißt Schwätzen?" fragt der Satiriker Lichtenberg und meint: „Es heißt mit einer unbeschreiblichen Geschäftigkeit von den gemeinsten Dingen, die entweder schon jedermann weih oder nicht wissen soll, so weitläufig zu sprechen, daß niemand darüber zum Wort kommen kann, und »jedermann Zeit und Weile lang wird." Geschwätzigkeit ist ein Hauptgrund der Entfremdung zwischen den Geschlechtern und bei den Frauen vielfach eine Folge verkehrter Erziehung, da eine gewisse Redseligkeit oft mit liebenswürdigem Wesen verwechselt und deshalb von Jugend an gepflegt wird. Vor dem Schwätzer Hilst nur die Flucht, behauptet Theophrast in den Charakteren und meint, daß die törichte Lust, mit jedem ein Gespräch anzufangen, nur der Gewohnheit entspringe, auch zu Haus viel und ohne Aeberlegung zu reden. Freilich kann mürrisches Schweigen geradezu qualvoll wirken und selbst für ein Strafmittel gelten. Kinder und primitiv fühlende Leute empfinden fortgesetzes Schweigen ihnen gegenüber härter als manche eigentlich strengere Maßregel. Ein geistvoller Freund behauptet, es sei das einzige Mittel, da humane Fortschritte anderen Kinderstubengewohnheiten ein Ziel gesetzt hätten, um unbotmäßige Dienerschaft für Einkehr und Reue zu bestimmen. Hier zeigt sich der satirische Sinn, der dem Äolkswort unterlegt werden kann: „Schweigen und Denken kann niemand kränken." Es kann verletzen, tief, tiefer als Tadel, wenn es ohne Zorn, mit Aeberlegung geschieht. Welche Kritik ist schärfer, eindringlicher, unvergeßlicher, als ein gut abgemessenes Schweigen. — Es ist auch die einzige Rüge für gewisse Geschmacklosigkeiten, Bosheiten oder ©emeinbeiten im gesellschaftlichen Leben. Gegenrede verdienen sie nicht, hochtrabende Entrüstung gegen solche Dinge wirkt ebenso komisch, als wehrte man sich gegen einen Schwarm Mücken mit dem Schwert. Aber derartige gesellschaftliche Riederträchtigkeiten sollen in eine tiefe Stille fallen, kein verlegenes Lächeln, kein konventionelles Zustimmen dürfte sie begrühen, nichts als ein feierliches, kühles Schweigen, Es gehört Selbstüberwindung dazu, denn mit Geschick stille zu fein, ist fast eine größere Kunst, als wohl zu reden. And wie intensives Mißvergnügen am besten durch Verstummung ausgedrückt wird, so kann es auch dem intensiven freudigen Zustimmen bei einer Sache geschehen. Viele Worte geben in solchem Fall weniger kund als ein Kopfnicken, ein Aufleuchten der Augen, ein stummer Händedruck. Viele Geschwätzige verstehen nicht einmal zu schweigen, so lange ihre Lippen zum Schweigen gezwungen find: sie fetzten in Gedanken unablässig Gespräche fort, erzählen mit stummbewegtem Mund, bis der erlösende Zuhörer kommt, und überfallen jeden Beliebigen, den das Anglück in ihre Rähe führt, mit dem längst vorbereiteten Redeschwall. Ich glaube, dah nicht sehr viele Menschen objeftiv und allgemein denken können, sondern sie sprechen nur in Gedanken, und zwar ausschließlich über sich selbst. Darum können fte auch nur von sich erzählen. Durch diese verfehlte psychische Disziplin wird die Selbstüberhebung, der Wahn eigener Wichtigkeit, unglaublich- gefördert. Erst schweige, dann rede, sonst wird deine Rede nie der Rede wert, dein Wort nie ein gewichtiges Wort. Der Apostel gab seinen berühmten Befehl: mülier taceat in ecclasia, das Weib schweige in der Versammlung, weil er die zeitgenössischen Frauen nicht für schweigefähig, daher auch nicht für redefähig hielt. Denn nur die stille Einkehr, die vorausgeht, daS überlegene Schweigen macht es möglich, Herrschaft über Gedanken und Form zu gewinne, sich zu erinnern, was die Worte in ihrem tiefsten Sinn bedeuten und sie dadurch richtig anzuwenden. Die Mode, zu malen, ohne zeichnen zu können, stimmt genau mit der Mode überein, zu schreiben und zu reden, ehe man denken und zu schweigen gelernt hat. „ „„„„ , , , ... Wenn Geschwätzigkeit aus Selbstuberhebmrg. Dummheit, schlechter Gewohnheit, schlechter Erziehung, schlechtem Beispiel entsteht, so hat sie manchmal auch einen tiefen, einen allerdings erbarmungswüchigen Grund. Sie stammt sodann aus Airrast, Unfrieden unheilbarer Kümmernis des Herzens, aus dem Verlangen, sich durchaus zu betäuben. Richts ist in solchem Fall schrecklicher als Schweigennrüssen. Es heißt im Gegenteil, lachen, scherzen, schreien, singen, irgendeinen Lärm machen, um sich nicht allzusehr im verfinsterten Haus zu fürchten, wo gewaltsam ermordetes©luck, frevelhaft erwürgte Hoffnung geistert. Rur Lärm nur Morte, was -es auch immer für Worte sein mögen! Armes Herz, dem dl« Seligkeft des Schweigens genommen tf« 146 Mer «S geht noch Wetter ht Seit großartigen Möglichkeiten deS Unglücks, im dieser majestätischen Schmerzenswelt, die den Menschern so elend macht und so groß. Es gibt den stummen Schmerz, der keine Worte, keine Klage mehr verträgt, dem jede Schinerzbewegung zu kleinlich ist, dem es frevelhaft erschiene, das ungeheure Leid in enge Worte zu sassen. In einem Fragment des Aeschylos ist Niob«, di« er Grabhüterin nennt, eine stumme Person. 'Wenn der Chor in noch so wildem Jammer, in verzweifelter Neugier sich bewegt, Niob« antwortet keine Silbe, sie ist nur Schweigen. „Der Rest ist Schweigen", ist das letzte Wort Hamlet-, eh« er tot zusammenbricht. Wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, ist er am beredtesten und zeigt die höchste Majestät des Leidens. Und wenn er vor der Qual anderer verstummt, ohne banale Trostwort« zu finden, dann übt er die schönste Ehrfurcht. Und wenn er seine Göttin recht ehren will, so kann er vielleicht keine zartere Huldigung erdenken, als eins Zett heiligen Schweigens Demetra. Eine Erinnerung an Athen"). Von Alfred Bock. Gegen elf Uhr vormittags erreichten wir das Kap Suniorr, «ine Stunde später liefen wir im Piräus ein. Bei der Landung empfing uns orientalisches Geschrei, aber das Bild des Orient- War völlig verschwunden. Alles mutete europäisch an. Ein Wagen brachte uns vom Piräus nach Athen. Die Staubwolken, die uns umwirbelten, waren so ungeheuerlich, daß wir Weib wie Tüncher in die Hauptstadt Griechenlands kamen. Ich wohnte nahe dem königlichen Schloß, dessen gänzlich schmucklos« Fassade enttäuschte. Mein erster Gang war aus die Akropolis: ein Trümmerfeld, das das Gepräge ewigen Lebens trägt. Ueberdies ist noch so viel erhalten, daß es 'keiner allzu groben Phantasie bedarf, zu ergänzen, was dahingesunken ist. Der Anblick von der Akropolis auf Athen und Attika ist von ergreifender Majestät. Man sieht den Piräus, das Meer, das Gebirge in seiner vollen Ausdehnung. Der Parnaß grüßt herüber. Darüber in unendlicher Klarheit ein wolkenloser, tiefblauer Himmel, äleberirdische Schönhett drang auf mich ein, die meine Seele erfüllte. Gleich am ersten Abend besuchte ich das Nationaltheater, wo Qedipus aus Kolonos von Studenten gegeben wurde. Die Nolle der Jokaste hatte eine junge Griechin, Demetra A, übernommen. Sie war Dilettantin, indes zeigte sie eine Kraft und Tiefe darstellerischer Kunst, daß sie sich zu wahrhafter Größe erhob. Ein feines durchgeistigtes Profil wurde durch lebhaftes Mienenspiel belebt. Ihr Auge flammte düsteres Feuer. Ihre ganze Wesenheit schien von der Tragik ihres Geschicks durchzittert. So ward sie ihrer Aufgabe in höchstem Maße gerecht. Dasselbe Los mußte man dem Darsteller des Qedipus Nikolaus K. spenden. Ohne sonderliche körperliche Vorzüge wuchs er begabt und begeistert in se'ne Noll« hinein. Zuweilen war seine Rede von hinreißendem Schwung und fein Jammer, da er sein grausames Schicksal erfuhr, wahrhaft erschütternd. Auch die übrigen Rollen waren teilweise gut besetzt. Bei dem Ehor ward der Versuch gemacht, diesen singend vorzuführen. Ein Grieche hatte die im ganzen ansprechende Musik, komponiert. Die Vorstellung gab mir mannigfach« Anregung. Das Bewußtsein, Qedipus an der klassischen Stätte zu hören, wo Sophokles gewandelt, steigerte den künstlerischen Genuß. Die Zuhörerschaft war sehr beifallsfreudig. Auf den Galerien trieben allerlei junge Leute Allotria, ohne daß jemand Anstoß daran nahm. Das Theater begann um halb zehn älhr und währte bis Mitternacht. Am anderen Morgen erkundigte ich mich im Hotel nach der Wohnung des Fräulein Demetra A, die in so ausgezeichneter Weise die Jokaste dargestellt hatte. Ein halbes Stündchen später brachte mich ein Wagen zu ihr. Sie wohnte in einem zierlichen Häuschen, das von Olivenbäumen umgeben war. Sie empfing mich mit der größten Liebenswürdigkeit. Da sie ein wenig französisch und englisch, ich ein wenig neugriechisch sprach, stand einer regem älnterhaltung nichts im Wege. Wieder bewunderte ich ihr klassisches Profil. Sie erzählte, daß sie beabsichtigte, die Bühnenlaufbahn zu ergreifen, daß sich jedoch in ihrer Familie Widerstand dagegen erhöbe. Sie hoffe ihn aber zu überwinden. Sie sei verlobt, ihr Bräutigam sei Philologe. Ich mußte ihr viel von Deutschland erzählen, das sie aus eigener Anschauung kennen zu lernen wünschte. Ein Stündchen war verflogen, ich verabschiedete mich. Demetra sagte, sie werde mir ihren Gegenbesuch machen. Als ich mich in meinem Hotel beim Lunch eben zu Tisch sehen wollte, erschien der Portier und meldete, eine Dame wolle mich sprechen. Ich stand sogleich auf und begab mich ins Vestibül, wo mir Demetra entgegenkam. .Ich wollte Ihnen meinen Gegenbesuch machen," sprach sie mit ihrer klangvollen, tiefen Stimme. Hinter ihr gewahrte ich eine ganze Kolonne Menschen, Herren und Damen. Sie stellte vor: „Mein Bräutigam, mein Vater, meine Mutter, meine Tante, mein Schwager, meine Basen, meine Vettern!" Der Direktor des Hotels erschien und flüsterte mir zu: „Mein Herr, Sie müssen die Herrschaften zum Essen laden!" Mit einem etwas bänglichen Blick auf die Wenschenschar brachte ich sogleich meine Einladung vor, die in bereitwilligster Weise *) AuS dar Autobiographie des Dichters. angenommen wurde. Etliche von beit Herrschaften hatten jedenfalls selten Gelegenheit, ein so vortreffliches Frühstück zu sich zu nehmen. Sie hieben ein, als wären sie über Hungerkraut gegangen und ließen sich den guten Wein dazu munden. Die Rechnung, die mir überreicht wurde, war beträchtlich Beim Abschied sagte mir Demetra: „Ich bin eben als Jokaste ausgenommen worden. Sobald die Photographie fertiggestellt ist, werden Sie mein Bild erhalten. Geben Sie mir bitte Ihre Adresse!" Da ich befürchtete, wenn ich mein Heimatstädtchen in Deutschland nannte, daß die Sendung von Athen unter älmständen nicht befördert würde, gab ich Demetva die Anschrift meines in Berlin wohnenden Bruders. Dort traf das Bild denn auch ein. Ich war schon lange nach Deutschland zurückgekehrt, als ich von meinem Bruder einem Brief empfing, der die Mitteilung enthielt: „Seit einigen Sonntagen ist bei mir Herr Nikolaus K. aus Athen, der Bräutigam des Fräulein Demetra A„ Mittagsgast. Er sieht mich immer sehr erstaunt an und meint, ich hätte mich außerordentlich verändert! Wenn ich ihm sage, daß ich nie in Athen gewesen bin, lächelt er. Offenbar glaubt er mir nicht." Zwei Monate lang hat mein Bruder für bett Griechen di« Bratpfanne gescheuert. Der junge Mann wußte gute Bissen zu schätzen, entwickelte einen glänzenden Appetit. ....... Still und duldsam sah mein Bruder zu und übte die Pflicht Gastfreundschaft. Die Hohenstaufen und ihr Erbe. Don Johannes Bühler. Der Einleitung zu dem soeben erschienenen neu«, Bande der Sammlung „Deutsche Vergangenheit", der die Hbhenstausen und ihre Zeit behandelt, entnehmen wir mit Genehmigung des 3nfet»erlag 8 in Leidig folgenden Abschnitt: Dom ersten deutschen Kaiser bis zur „kaiserlofen. schrecklichen Zeit" des Interregnums waren über dreihundert Jahre verflossen, Jahre glänzenden Aufstteges, stolzer Höhe, dann deS Weckfels zwischen Kraft und Schwäche bis zum endgültigen Zusammenbruche des Kaisertums. Für die Würdigung _ 6e» ht diesem Zeitraum von den Deutschen Geleisteten sind auseinander« zühalten: die wesentliche Ausgabe jener Zeit, das von der abendländischen Menschheit erstrebte Ideal und die Bedeutung des Kaisertums für unsere Entwicklung zur Nation. Das römisch-deutsche Kaiserreich war nach der Annke und dem Frankenreiche die dritte der Stufen, auf denen die abendländische Menschheit als kulturelle und in gewissem Sinne auch politisch« Einheit empvrsti-g, um auf der nun .erreichten Höhe sich in Nationen zu spalten und in der. kulturellen Entwicttmtg gesonderte -Wege zu gehen. Nicht als ob bis dahin keine .^inler- schiede zwischen den einzelnen Völkern bestanden und es zwischen ihnen keine Kämpfe und Streitigkeiten gegeben hätte: aber sie bildeten trotzdem eine große Familie, als deren Haupt auch die Bewohner von Frankreich und England den römischen deutscher Nation anerkannten. Man mag an diesem dritten und, von der napoleonischen Episode abgesehen, bisher letzten gemein- europäischen Reiche als Ganzem und im Einzelnen noch so viel zu tadeln wissen, eines hat es doch geleistet: es hat den Boden für alle europäischen Staaten und Kulturen geschaffen. In diesem Reiche wurzeln Deutschland, Frankreich, England, die slawischen Länder und mittelbar auch Amerika als Kulturstaaten. Wenn dies der Menschheit so wenig zum Bewußtsein gekommen ist, liegt dies einmal daran, daß jeder Nation ihre Sonderart mehr als daS mit allen Gemeinsame am Herzen liegt. Sodann hat die Erinnerung an dies gemeinsame Deich das Peinfiche an sich, daß dessen Träger die Deutschen waren, die Deutschen, die zum Teil eben wegen der für das ganze Abendland gebrachten Opfer von den Nationen, die bisher auf deutschen Schustern gestanden hatten, überflügelt und darum auch verachtet za werde» begannen. Dor allem aber hat man die 'Bedeutung dieses Kaisertums sogar in Deutschland selbst vergessen, weil es in das 3ttier- regnurn einmünbete und das tatsächlich Erreichte weit hinter dem erstrebten Ideal zurückblieb. - Dies Ideal aber war kein geringeres, als die ganze Mensch» heit in einer Religion, der christlichen, und in einem Reiche, dem römisch-deutschen Friedenskaisertum, zusammenzufasfen. Ei» Traumbild, gewiß, aber den damaligen Menschen erschien es doch nicht als ein unerreichbares Ziel. Was man von den Länder» und Böllern außerhalb deS eigenen abendländischen Kreises kannte, dachte man sich weder so groß noch so stark, daß man es nicht dem christlichen Kaisertum unterwerfen könne. Das ist der tiefste Grund der Begeisterung für die Kreuzzüge, aber auch der Erschütterung des Abendlandes bei deren Mißlingen. Die dem mittelalterlichen Menschen bisher fremde Kritik mid Skepsis stürmten nun auf seine Seele ein. And vielleicht stärker noch als das Dersagen seiner Waffen wirkte auf ihn die Erkenntnis der eigenen, gerade bei den Kreuzzügen besonders deutlich zutage getretenen moralischen Unzulänglichkeiten und mancher sittlichen Vorzüge der Mohammedaner. Die fast noch ausschließlich von Mönchen und Geistlichen verfaßten Jahrbücher und Chronik«! geben diesen Stimmungen meist nur versteckt oder sie bekämpfend, aber doch deutlich erkennbar Ausdruck. Neben den Kreuzzugerlebnissen untergrub«, vor allem di« fortgesetzten Kämpf« zwischen Papsttum und Kaisertum die Ein- 147 - Hett der mittelalterlichem Weltanschauung. Kein Papst i$n& kein Kaiser rüttelte an dem Prinzip, datz Papsttum und Kaisertum in gemeinsamer und sich gegenseitig ergänzender Hirtensorge die Völler in den Schafstall Christi zu einer einzigen christlichen Familie zusammenführen und so das Gvttesreich den Gottesstaat auf dieser Welt zu verwirklichen hätten. In dieser gemeinsamen Arbeit wurde auch eine Fülle bleibender Werte geschaffen, was nicht oft und stark genug betont werden kann, da man über den Kampf zwischen den beiden Gewalten ihre Leistungen nur zu leicht Übersicht und vergißt. Doch hatte das mittelalterliche System auch eine bedenkliche Kehrseite, di« Verkettung von Geistlichem itnb Weltlichem muhte zu mancherlei Änzuträglichkeiten und Mißständen führen. In dem Bestreben, sie zu beseitigen, verfiel die sogenannte hochkirchliche Bewegung in zwei verhängnisvolle Irrtümer. Einmal glaubte sie, das Papsttum müsse nicht bloß der Idee nach, sondern auch mit weltlichen Machtmitteln über dem Kaisertum stehen, damit sich das geistig-seelische Prinzip ungehemmt auswirken könne. Den feudalistischen Vorstellungen der Zeit gemäß betrachteten sich darum di« Päpste schließliche als «ine Art von Lehnsherren über die Kaiser. Dies brachte aber die Vikare Christi in di« schiefe Stellung, für äußere Macht, irdische Macht, irdische Reichtümer, _ Ghrereerweisungen, Dinge, die Christus selbst so verpönt hatte, kämpfen zu müssen. Das Voll empfand dergleichen sehr bald als innere Widersprüche, und schon vierhundert Jahre vor Luther weckten selbst so leidenschaftlich« Angriff« wie die des Arnold von Brescia auf den verweltlichten Papst und die verweltlicht« Kirche in den weitesten Kreisen begeisterten Widerhall. Dieser erste Jrrium hatte den zweiten zur Folge, der Papst müsse einen von den Kaisern völlig unabhängigen Kirchenstaat Haben. Die Vertreter der hochkirchlichen Bewegung konnten es sich nicht denken, daß die Päpste als Richter über Könige und Kaiser nicht wie diese souveräne Herrscher über rin fest abgegrenztes Land sein sollten. Als Mittelpunkt dieses Kirchenstaates kam nach päpstlicher Auffassung einzig die Stadt des Heiligen Petrus, Rom, in Betracht. Run aber hatten die Kaiser lange Zeit unbestritten eine Reihe von Rechten in und über Rom, Ne kampflos aufzugebrn sie natürlich nicht gewillt waren. Mit Recht fragte Barbarossa, was Ne Bezeichnung römischer Kaiser für einen Sinn habe, wenn die Kaiser keine Gewalt über Rom Hätten. Doch die Päpste erreichten schließlich alles, was sie sich wünschten. Das Geschlecht der Hohenstaufen wurde in den Kämpfen völlig aufgerieben, das Kaisertum sank während des Interregnums zu einem von den deutschen Fürsten an den Meistbietenden verkausten Titel herab! es gab keine Kaiser mehr, Ne den Päpsten Rom und ihren Kirchenstaat hätten streitig machen können. Man pflegt deshalb von einem Siege des Papsttums über das Kaisertum zu sprechen. Es war aber nur ein Scheinsieg, denn mit dem universalistischen Kaisertum siel auch Das universalistische Papsttum. Die Papstkirche hatte ihre großen Erfolge, Ne Gewinnung ganzer Völler, im Rahmen der einander ablösenden und fort- setzenden ülniversalreiche des römischen Imperiums, des Franken- «fches und deS römisch-deutschen Kaiserreiches erzielt. Diese führte» Ne von ihnen, teeren auch oft mit Zwang bekehrten Stämme in ihre christliche Böllerfamilte ein und machten sie über kurz oder lang zu vollwertigen Mitgliedern in ihr. Als sich aber Ne Rationalstaaten durchsetzten, hörte Ne Christianisierung ganzer Völler auf. Ausbeutung, Verslladung, Ausrottung der „Wildere" und mühselige Missionierung, die immer nur einen geringen Bruchteil der eingeborenen Bevölkerung umfaßt, ist alles, was seit dem Zusammenbruch des mittelalterlichen Aniversalismus eus Nr einen Seite Ne christlichen Staaten, auf der anderen Ne Kirchen zu leisten vermochten und vermögen. Cs läßt sich heute natürlich nicht mehr sagen, wie weit sich der Rahmen eines christlichere Ureiversalstaates noch hätte spannen lassen, wenn Ne Päpste, statt mit dem Kaisertum um den Vorrang zu kämpfen, einzig auf Ne Wahrung ihrer rein geistig-geistlichen Interessen bedacht gewesen wären! jedenfalls hätte der christliche üiniversalismus einen längeren Bestand gehabt und ungleich reichere Früchte zeitigen können. ., In diesem Kampfe wurde übrigens mit dem Kaisertum nicht nur die äußere Form des christlichen tlniversalismus zerschlagen, er wurde auch zum großen Teile seines Inhaltes entleert. Als Besitzer ihres Kirchenstaates waren Ne Päpste in gewisser Beziehung Staatshäupter wie andere geworden und sahen sich zu dessen Behauptung und Vergrößerung wie dies« zu politischen und diplomatischen Schachzügen gezwungen. Da hierbei das Geistige und Geistlich; vom Weltlichen nicht rein geschieden wurde, wuchten sich politische Gegnerschaften gegen das Papsttum zu kirchlichen aus. Verhängung des Kirchenbannes und Interdiktes um politisch«- Ziele willen, Sintreibung riesiger Summen tn allen Ländern für die Kurie und die Art der Verwendung dieser Gelder, die von der Kurie um ihrer kirchrn- und auch rein politischen Bestrebungen willen in Ne einzelnen Länder hireeinge- trageuere Zwistigkeiten, die Einmischung der Kirche in die Innen- und Außenpolitik der Länder, das darüber vergossene Blüh all das führte nicht bloß in Deutschland, sondern auch in Frantteich und England zu einem Hatz und zu einer Verachtung gegen Rom, gegen Kirche und Klerus, von denen N« herangezogenen Quell«.- texte nur eine geringe Vorstellung geben. Di« Folge war ein ungeheures Anschwellen der Sektenbewegungen und stete Zunahme der Verweltlichung, der Säkularisation, in Staat und Privatleben. Langsam, wie sich N« Kräfte des Kaisertums im Ringen mit dem Papsttum aufzehrten, stieg eine neue Welt empor, in der die Papstkirche zwar immer eine hervorragende Stellung behauptete, aber doch nie wieder wie unter und mit den Kaisern das Abendland beherrschte, aus »er Vormacht toar st« eine Macht neben zahlreichen anderen geworden. Wären die. sogenannten großen Päpste wirklich Ne religiösen und auch politischen Genies gewesen, als die sie Ne Geschichtschreibung vielfach hinzustellen verswcht, dann hätten sie di« Bürgschaft für eine freie Kirche nicht in Länderbesitz und Waffengewalt sehen dürfen. Selbst zur Zeit des Faustrechtes ließ sich Geistiges sehr wohl mit geistigen Mitteln erreichen, hat ja Ne Kirche gerade durch st« ganz uber- teiegend auch ihre weltlich-politisch«» Erfolge errungen. Aber Gregor VII, Alexander III. und vor allem Jnnocenz lll. stellten nun einmal ihre Sache auf des Schwertes Schärfe und kamen darum auch durch das Schwert um. Für Deutschland war die Folge MefeS Kampfes Ne völlige Auflösung der Zentralgewalt. Bei der großen Bedeutung, bi« st« unter Otto I. und Friedrich l„ um nur Nese beiden Kaiser zu nennen, erreicht hatte, war Nes oh.« Zweifel ein furchtbarer Rückschlag, der jedoch nicht Ne Entwicklung Deutschlands zum Ration alstaat traf. Das Kaisertum hatte zu Nefer mittelbar außerordentlich viel beigetragen, die Voraussetzungen hierfür erst eigentlich geschaffen; aber es war allmählich in Bahnen hinuder- aeglitten, welche das werdende Deutschland ernstlich bedrohten. Bei all dem Großartigen und Fortschrittlichen, wovonNePlän« Heinrichs VI. und Friedrichs II. getragen waren, hätte sich bei ihrem Gelingen das Schwergewicht des Reiches immer mehr nach Starten verschoben, und Deutschland wäre zu einer Art von Provinz, ja schlimmer noch zu einer Vielheit von Provinzen herab- aebriicft worden, von denen kein Mensch zu sagen vermag, was aus ihnen bei einem so ganz anderen Gange der Geschichte g«^- worden wäre. Art und Größ« der Gefahren, denen Deutschland in diesem Fall« ausgesetzt gewesen wäre, mag man k^raus er- kennen und ermessen, daß auch so schon, noch eh- N« Verlegung des Aeicksmittelpunktes nach Italien durchgefuhrt war. nach bem Zusammenbruch des stausischen Kaisertums das Deutschland des Interregnums folgte. , . , Für den Deutschen, der Ne Entwicklung seines Vaterlandes von dem Beginn des zehnten Jahrhunderts. 6en Anfängen erneS selbständigen deutschen Staates und damit auch S er ^utscher Kub hir und des deutschen Mensch-en, bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, bis zu dem Untergang des ersten von den Deutschen geschaffenen S'aates. überblickt, wäre «S ein schwacher ^rost wenn'von jenem ersten Kaisertum nichts ^blieben Ware, als N« stolze Erinnerung an eine einst groß« und starke Zeit mit tra gifchem Ausgang. Aber das eigentliche Ergebnis dieses Kaiser tums toar nickt ein wie alle Staaten und Staatsformen dem Werden und Vergehen unterworfenes Reich, sondern ein Bott von. unerschöpflicher Lebenskraft. Man hat im Laufe der Jahrhunderte große Telle von ihm toeggertfTen: Ne Dchw-tt, N« Riederlande. Oesterreich man hat feinen Staatsbau wiederholt völlig zerschlagen: aber allen feindlichen Gewalten «um hat das deutsche Voll immer wieder neues Leben aus 6«raa8 geboren, wie der allaewaltigen Ratur ist diesem Volle Welken und Blühen nur ein Aus- und Einatmen. Der Glücksfall. Von Luise Glaß. (Fortsevung > Die Fleischergafs« hatte sich an Vierlings Glückfall gttoöhnt: auch an das Doppelhaus, das sie, weil das Gluck vom Himmel gefallen war, himmelblau anstreichsn ließen; und an ®ront>ater3 DerS oben an der Tür, über den anfangs gelacht und gescholten wurde. Jetzt sah keiner mehr hin. „ . , Auch die drinnen im Hause waren bi« Veränderung gewohnt. Familie Julius bewohnte das obere Stockwerk der bet Öen Häuschen. die Fußböden waren glatt Poliert, dl« Rot und Blau beklebt und Ne Stuben mtt neuem Hm^rat-Muttt. Rur unten beim Großvater blieben die alten Möbel und Ne alten Gewohnheiten. Auch Lisbeth blieb unten. Als der alte Mann sich gegen den plüschbezogenen Oberstock wehrte dachte ße^ Das ist dein Glücksfall, da kannst du Hausfrau lernen! und erbot Der 'butter toar's recht, dem Großvater toar’3 mehr als recht. Run erhielten sie untere zusammen alles, wie es am Tag« des Gewinnes gewesen war: den wackligen, runden Tisch nut der Wachs tuchdecke' unb den Heinen, festen an der Wand, mit dem Kasten, in dem das Semmelkörbchsn stand. Auch. dies Seinmel- körbchen wurde frisch mit Großemlossegen gefüllt, sobald es leer geworden war, weil sich's am ersten Tag so gemacht hatte. Großvater aber sah kreuzbeinig auf seinem Tritt und stickt« Ne Invaliden der Fleischergasse aus, soweit di« alten Augen das zuließen. Jule und Ede waren jetzt dazu zu vornehm; sie gingen. Tag um Tag wechselnd, in den seinen Laden in der Stadt, wo sie Gesellen und einen Geschäftsführer sitzen hatten, di« nicht viel mehr taten als Ne Herten selber, aber mit großer Redegewandtheit vom glänzenden Stand des Geschäfts berichteten. 148 — 3u!e verstand sich nicht darauf, den Untergebenen auf die Finger zu sehn; Jule war reichlich bequem. Des Großvaters Behaglichkeit hatte sich bei ihm beinah in Faulheit gewandelt. —- Auch geheiratet hatte er eigentlich aus Bequemlichkeit — das erstemal schon, das zweiter.^! erst recht. Früher bezwang er sich dem satt werden zuliebe, seit das Geld im Kasten lag, hatte er das nicht mehr nötig, aß gut, und nahm zu an Fett und Gemütsruhe. Onkel Ede hätte denen in der Stadt auf die Finger sehen tonnen, er war klug und lebendig von Matur — aber bei ihm verwandelte sich Großvaters Behaglichkeit in Lebenslust und Genußfreude, die sich nicht stören lassen wollten. Deshalb bracht« er vor dem Gewinn das Geschäft in der Fleischergasfe nicht in die Höhe und wollte sich jetzt di« Große- losfreude nicht von der Streberei verderben lassen. Wurde das Geld alle, dann war's wie vorher — übrigens würde es gar nicht alle werden — hundertfünfzigtausend Mark! Die Gasse kam häufig zu Besuch in das himmelblaue Haus. Frau Vierling buk allzeit mehr Kuchen als sie selber brauchten, das merkten sich die Nachbarn, aßen mit, und redeten hinterdrein über di« Verschwendung. Frau Emmeline tat's wohl, wenn sich das „Bettelvolk an ihrein Tische satt aß". Das gab ihr erst das rechte Gefühl von ihrem Geld, mit dem sie nichts weiter anzufangen wußte, als kaufen und verwüsten, prahlen und dicktun — was alles ihr, je mehr fies gewohnt wurde, desto tveniger Vergnügen machte. „Wenn wir Leinwand kauften und eine Nähmaschine, um uns die Wirtschaft ordentlich herzurichten", sagte Lisbeth schüchtern. „Es fehlt überall — auch mir fehlt alles — wo Ihr doch immer vom Heiraten redet —" Aber da fuhr die Mutter los: „Do? Ausstattung nähen? Für den Hungerleider etwa? Der heidi aus und davon ist, so wie er merkt, von uns kriegt er nichts. Das laß nur bleiben. Bist du eines noblen Mannes Braut, dann kaufen wir's fertig, man muß den Handelsstand unterstützen." Erst wein!« Lisbeth, dann ging sie zum Großvater. „Großvater, wir find doch nun reiche Leute, da schickt sich's, daß wir ordentliches Zeug haben." Er ließ sich's auseinander setzen und stimmte zu: nickte, lächelte und nickte wieder, und da er nie lange einen Zorn auf jemand behalten konnte, so blinzelte er schlau über die Gasse, «he er antwortete. „Freilich schickt sich's: aber für dich, Liesel, für mich reicht schon, was da ist, — du hast's noch vor dir, km kannst noch viel zerreißen. Hol' dir eine Mädchennähmaschine und flicke drauf los. Das Geld nimm aus dem Körbchen, dann ist's alles dein, und keiner darf dir dreinreden." Lisbeth lief und kaufte und nähte und hatte freudenrote Backen „Für den Großvater", sagten di« Lippen. „Für den Karl" sagte das Herz. Allerweltskuchen buk Lisbeth keinen bei dieser Näherei, aber an Besuch fehlte es auch in der älnterstube nicht. Da kamen weinende Frauen, denen ein Taler für den Apotheker, und verschämte Männer, denen ein Goldfuchs zur Miete fehlte. Da kam Nachbar Hackftock, der gerade billig einen Ochsen kaufen tonnte wenn er könnte: und Nachbar Hinz sprach vom Haus über den Kopf kommen, wenn ihm keiner helfe, die blutsaugevischen Dachdecker zu bezahlen. Großvater leerte das Semmelkörbchen und füllte es wieder: es wurde zum Sprichwort in der Gasse. Wo einer sich herausmachte aus Sorgen und Bedrängnissen, da hieß es: „Der hat's Semmelkörbchen geleert." Wenn aber der Hirschwirt kam, für den langte das Körbchen nicht, da mußte sich der Wandschrank austun, denn beim Hirsch- wirt war's schon lange Matthäi am letzten. Die Hypothek aufs Heus hatte ihm nur kurze Zeit geholfen: nun redete er so herum und so herum, wie wohl dem Geld« int Wandschrank beizukommen sei. „Geld macht doch Sorgen", begann er, „wie haben Sie denn Ihr Geld angelegt, Großvater?" Der Großvater nähte gerade «ine Tasche zu, die nicht von zu vielem Gelde zerrissen war. und machte ein schiefes Gesicht. Er hatte nichts dagegen, wenn der Hirschwirt eine Stunde in der Werkstatt verschwatzte, und falls er bitten kam, war's ihm sogar ein Vergnügen — aber verwandt wollte er nicht mit ihm sein. Seine Gutmütigkeit wurde nicht gern grob, aber sein Handwerksstolz wehrte sich: „Ihr Großvater bin ich aber doch »ich, soweit ich's K vchenbuch kenne." Der Hirschwirt verstand, und ärgerte sich, ihm aber erlaubte die Habgier das Grobwerden nicht. Also lachte er ein wenig und redete schnell weiter. „Freilich, wie kam denen vom Hirschen die Großelosverwandtfchaft. Ja, das Los! — Wie hatten Sie Ihr Geld angelegt, Herr Vierling?" „In Papieren", antwortete der Alte zufrieden, und zog den Faden lang aus. „Soso? — Jaja! — Aber Papiere sind doch unsicher." „Meinen Sie?" fragte der Großvater, „arm möchte ich nicht noch mal werden." GS war zwar nicht abzusehen, daß dem Großvater die Armut einen großen LebenSuirterschied bringen würde, aber der Hirschwirt stimmte eifrig zu, für ihn konnte der alte Vierling gar nicht reich genug sein. „Alle Papiere sind unsicher, di« Banken brechen entzwei wie WirtshauStische zu Bockbierzeiten und der Staat? Wo bleibt der, wenn der große Kladdradatsch kommt? Nur Grund und Boden bestehen bis ans Ende der West; ich würde mein GÄd nur auf Grund und Boden anlegen." And dann redete er dem Großvater di« allerletzte Hypothek seines Gemüsebergs auf, nach der der hungrigste Köter nicht geschnappt hätte, so schlecht war sie. Auf dies« Art genoß der Flickschneider seinen Gewinn. Im „Tailleurgeschäft", zu dem jeder der beiden Brüder die Hälft« zugeschossen hatte, gab's «ine andre Art Geldverbrauch Zuerst wurden fertige Sachen angeschafst, den Laden z« füllen: dann bestellte der Geschäftsführer einen Schaufensterkünstler. von wegen dem Kundenfang. DaS Fenster wurde glänzend, di« Vergütung des „Künstlers" war auch glänzend, nur mit den Kunden blieb's mäßig. Dann, gerade als die ersten Bestellungen einliefen, verlangten die Gesellen höheren Lohn. Wie di« ihn hatten, zeigte sich der Geschäftsführer empfindlich über den geringen Abstand zwischen ihm und den Gesellen. Sobald einer der beiden Herren in den Stadtladen M hieß es: Tu deinen Beutel auf. - ~ P* hatten es ja dazu. Jule griff faul und gleichmütig in den Geldschrank. Das war so: wer Geld hatte, gab welches aus. Onkel Ede sah ein, daß ihr Geldaus geben einmal aufhören muffe, so oder so — aber Einhalt tat er nicht — er genoß lieber, solange es anging. Der kleine Ede dachte zwar nicht ans Ende, aber in bezug aufs Genießen hegte er ganz des lustigen Onkels Meinung, und er hätte sich dem noch eifriger hingegeben, wenn nicht Lisbech dazwischen getreten wäre, so wie sie etwas davon merkte. ,, „Karl ist nicht da", sagte sie, „ich muß Karln vertreten! äleberleg bloß, was der zu deinem Trinken und Dlaumachen sagen würde." Einmal half's, einmal half's nicht. Wenn der Kleine ein Gesicht zog bei ihrem Zureden, bannt schtckte sie auch noch den Großvater und Onkel Knüttchrn ins Feld. „Sich doch, wie vergnügt den «inen die Arbeit macht und wte der andere vorwärts kommt! Du sollst doch auch vorwärts kommen!" lind der kleine Ede, der so gutmütig war wie die andern Vterangs, meinte: „Nu, wenn dir's Spaß macht, dann (arm ich ja — ohnehin wird's sowieso ledern — und Großkopfs Greta kommt allemal auf den Hof, wenn ich da bin." Lisbech aber war's, wenn sie Seit .Kleinen zur Vernunft geredet hatte, als spüre sie einen Händedruck ihres Karls. Hören tat sie nicht viel von ihm. die Muhme Peterlein traf sre nur in der Kirche. Da waren ihre Plätze so. daß sie sich zumcken konnten, und wenn das alte Gesicht freundlich lachte dann wurde Lisbeth für die ganze Woche froh, denn das hieß: „.Unferm geht's gut." Ein einziges Mal. um den Oktober herum, drängte sich di« Muhme an das Mädchen und flüsterte: „Gr kommt noch nicht, Grvßkopf schickt ihn auf den Holzkauf — es geht vorwärts." Und Lisbech antwortete mit strahlendem Blick und den geflüsterten Worten: „Grüß ihn. Muhme, grüß ihn tausendmal." Sie hätte ihm gerne sagen lassen, daß sie Ausstattung nähe, aus Großvaters Semmelkörbchen, aber das war ihr zu genierlich. Ostern war das Glück über Bierlings gekommen, am Bit» bester feierten sie ein Fest, bei dem's hoch herging, mit Champagner, Krrallbonbons und Toasten auf die schöne Frau Tall- jöhrin und das gute Jahr, dem immer noch bessere folgen sollten. Die ganze Gass« war da, ausgenommen Frau Peterlein; und auch der Geschäftsführer aus der Stadt fehlte nicht. Frau Emmeline nannte ihn einen feingebildeten, jungen Mann, mit einer großen Zukunft, der ihr als Schwiegersohn sehr willkommen sei. Da Lisbeth schnippisch war, machte er einstweilen Frau Emmelinen den Hof. Alle waren lustig und des Lobes voll, je mehr sie tranken, desto mehr lobten fie. Nur Schwager Knüttchen machte sich unangenehm. Er fang ein Lied mit dem Anfang: Es ist das Glück ein flüchtig Ding, und f i e prahlte mit guten Geschäften. Am andern Morgen sagte Onkel Ede: „Du, Jul«, ich glaube, wir haben uns mit dem Schwager verkracht: wie kam denn das?" „Anmaßend war er“, fiel Frau Emmeline ein, ehe ihr Mann antworten konnte. „Daß mir keins von euch gratulieren hingeht." Adolf und Flora heulten. „Die Tant« hat uns Spritzkuchen versprochen." „Spritzkuchen können wir uns selber kaufen — hier ist Geld — geht zum Diicker — Tante Jettchen hat doch schlechte Butter genommen." Die Kinder rannten getröstet fort, kauften sich Spritzkuchen und gingen dann doch noch heimlich zum Onkel Schuster. lSchluß folgt.) vchriiliettung: Dr. Jriedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ>Buch» und Steindruckerei. A. Lange, Dietzen.