Gießener Zainilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag. Sen r. Dezember Nummer 98 Weihnachtslied. Von Theodor Fontane. Noch ist Herbst nicht ganz entflohn. Aber als Knecht Ruprecht schon Kommt der Winter hergeschritten, Und alsbald aus Schnees Mitten Klingt des Schlittengläckleins Ton Und was jüngst noch fern und nah, Bunt auf uns hernieder sah, Weiß sind Türme, Dächer, Zweige, Und das Jahr geht auf die Neige, Und das schönste Fest ist da. Tag du der Geburt des Herrn, Heute bist du uns noch fern, Aber Tannen, Engel, Fahnen Lassen uns den Tag schon ahnen. Und wir sehen schon den Stern. Weihnachtsgeschenk. Von Charlotte Niese. Um Weihnachten herum muß man in das kleine Dorf am Wasser gehen. Da liegen fast vor jedem Hause Tannenzweige und die Kinder iommen gegen Mittag aus der Schule und singen Weihnachtslieder. Manches von ihnen hat vielleicht schon einen Weihnachtsstern vom vorigen Jahr in der Hand, und läuft schreiend vor den Kameraden ^Peg, denn die anderen wollen ihn auch haben. In der Ferne kreischen und jubeln sie noch, dann wird's still wie vorher. Aus den Schornsteinen der kleinen sauberen Häuser steigt der Rauch des Mittagessens und eine blasse Sonne blinzelt über den großen grauen Strom. Langsam gleitet ein Dampfer hinaus oder ein Segler spannt seine Flügel und schifft der Mündung entgegen. Denn um die Weihnachtszeit auf die See zu fahren, bringt Glück; man darf nur nicht vergessen, einen kleinen Tannenbaum an den Mast zu binden und im Vorschiff eine Schüssel mit gekochtem Reis hinzusetzen. Kein Mensch glaubt mehr an den Klabautermann; das war vor hundert oder noch mehr Jahren, als der auf den Schiffen das Regiment führte. Aber es ist doch besser, eine Schüsse! mit Reis hinzustellen, damit der Klabautermann, falls er noch einmal kommen sollte, nicht erzürnt wird. Nach Weihnacht gibt’s immer so große Stürme, und die Nordsee heißt nun einmal die Mordsee. Bei Helgoland jagt manchmal das Geisterschisf um die Insel herum — einige nennen es den fliegenden Holländer und sprechen vom Kap der-guten Hoffnung. Mag sein, daß es auch dort zu sehen ist — Geisterschiffe fliegen schnell. Ach, man soll nicht abergläubisch sein! Aber ist unser Gott und Herr nicht auch Herr über die Geisterwelt und merkt man nicht manchmal, daß es Dinge gibt, die wir nicht begreifen können? Ist es nicht wunderlich, daß es um Weihnachten meistens stilles Wasser ist, und daß man die Kirchenglocken von weit her läuten hört? Manch einer, der das ganze Jahr nicht darauf achtet, hebt doch den Kopf, wenn übers Wasser der Klang kommt, und wenn er auch nicht will, so denkt er doch an dis Zeit, da er neben seiner Mutter, in der Kirche saß und die alten schönen Lieder sang. Ganz gewiß, darum ist das Wasser so ruhig und der Wind schläft beinah ein, damit die Glockentöne auch zu den Menschen kommen, die sie beinahe vergessen haben. Es ist der Krabbenmann, der mir dies alles erzählt. Der mit zwei Körben voll Nordseekrabben im Dorf von Haus zu Haus geht und dessen Stimme lange heiler von dem eintönigen Ruf geworden ist: „Purren, frische Purrenst' Wir kennen uns schon lange, und da wir zwei nicht immer Eile haben, setzen wir uns zusammen auf einen der langen Staats und erzählen uns etwas. Das heißt im ganzen ist er der Unterhalter. Er freut sich, daß er nicht immer [eine Purren aus- zuschreien hat, und daH er jemanden hat, der ihm zuhört. Die Leute im Dorf haben um die Mittagsstunde keine Zeit zum Schwatzen, die Suppe könnte anbrennen, und in diesen Tagen kochen und backen sie extra. Aber gerade um diese Zeit ist es schön, am Wasser zu fitzen und nachzudenken. Weihnachten kommt zwar alle Jahre wieder, aber man weiß doch nicht, ob man dann noch dabei ist. Der Kirchhof drüben wird jedes Jahr voller, einmal kommt man ja auch hin, und dann hat die Krabbenwirtschaft ein Ende. Der kleine Manu wischt sich das Gesicht mit dem rottarrierten Tuch und nestelt an feiner silbernen Uhrkette. Er ist nicht schlecht gekleidet und der starke Fischgeruch, den er ausströmt, ist im Freien nicht schlimm. Er ist keiner von den Armen; er hat fein Häuschen drüben auf der Insel und könnte „fein Geld leben". Aber das ist so langweilig. Er ist noch kräftig und will nicht den ganzen Tag Kaffee trinken und am Priem saugen. Da holt- er sich lieber jeden Morgen vom Fischmarkt die Krabben und trägt sie in die Häufer. Er kennt die Leute alle, die hier wohnen, und viele andere; man muß hier und dort guten Tag sagen und fragen, wie es geht. Und schließlich, ein paar Groschen Mehrverdienst schaden, auch nicht, besonders so um Weihnachten herum, wenn alle was von einem wollen. Er hat einen kleinen Beutel in der Kommode, da legt er schon von August her was hinein. So merkt er's nicht und bann hat sich bis Dezember was zufammengekrümelt. Nun ja. Erben hat er nicht weiter — bloß einen Kapitänbruder, der aber großartig geworden ist und sehr fein. Der hat ’ne ganze Stube voll von Plüschmöbeln und einen Sohn, b$f bei einer Bank ist, nein, die Verwandten sind ungemütlich; wenn er denen nichts hinterläßt, ist's einerlei. Die brauchen's doch nicht. Der Krabbenmann ist hach dieser Mitteilung schweigsam geworden. Er hat ein wetterhartes, trotziges Gesicht, so eins, wie es die Maler lieben. Die Mütze hat er in den Nacken geschoben und sieht aufmerksam auf ein Ruderboot, das gemächlich über den Fluß paddelt. Ein Junge sitzt darin, ein Hund, und die grünen Zweige eines Tannenbaums wippen auf und nieder. So friedlich sieht alles aus, und der Junge singt mit schriller Stimme. „Brumm!" tönt es da übers Wasser. „Brumm!" Ach, sie klingt noch viel drohender, als es beschrieben werden kann, die dumpfe Dampfpfeife, die dort von dem großen schwarzen Kohlendampfer murrt. Fast unmerklich ist der schwarze Kerl herangekommen und brummt noch einmal. Dabei geht er gerade auf das kleine Ruderboot los. Der Junge paddelt krampfhaft, er fchreit gellend, vom Dampfer schimpfen sie, und eine Trillerpfeife schrillt. Mein Krabbenmann hat seinen Rock abgerissen, die Stiefel ausgezogen, und der Bootsverleiher nebenan tut dasselbe. Ich lege ‘ die Hand über die Augen; weiß ich doch, was kommen wird: ein Knacken, ein Knirschen, ein zertrümmertes Boot, und gurgelndes Wasser, das vielleicht ein Menschenleben frißt. Aber da gleitet der schwarze Dampfer weiter, und hinter ihm schwimmt unversehrt das Boot. Der Junge ist still geworden, aber sein Hund bellt und die Tannenbaumzweige wippen freundlich auf und nieder. Der Bootsverleiher von nebenan zieht feinen Rock wieder an, steckt einen Priem in den Mund und holt die Zeitung aus der Tasche. Er war bereit, sein Geben zu opfern, aber roenn’s diesmal nicht sein soll, dann ist es auch gut. Mein Krabbenmann trägt auch schon wieder Rock und Stiefel, aber er ist nicht so ruhig wie der andere. Sein Gesicht zuckt, und seine Mütze ist ihm vom Kopf gefallen. „Der Jung hat diesmal Glück gehabt", sagt er. „Ist ja auch bald Weihnachten und vielleicht hat er ’ne Mutter. Damals ging sie ja unter und ich kriegte den kleinen Jungen." Einen Augenblick holte er tief Atem, dann beginnt er langsam vor sich hin zu sprechen. „So was passiert ja hier alle Tage. Die im Boot fahren, sind leichtsinnig, und die großen Dampfer passen nicht auf. Nun sind es wohl sechzehn Jahre her, da hab' ich hier auch gesessen, als ein Boot überfahren wurde. Eine Frau faß darin und ein Junge von ungefähr zwei Jahren. Die Frau haben wir nicht wieder gesehen, aber ich fischte den Jungen und er war springend lebendig. Niemand wußte feinen Namen, und der Strandvogt sagte, ich sollte ihn nur vorläufig behalten. „Ist ein Weihnachtsgeschenk, Klaas", sagte er. „Hast es dir selbst aus dem Wasser geholt!" Denn es war vor Weihnachten und ich halte mich gerade ein bißchen einsam gefühlt. Mein Bruder war damals schon fein, und sonst hatte ich keine anderen Verwandte. Na, da nahm ich den Bengel mit, und eigentlich war es drollig, daß ich alter Kerl das kleine Kind kriegte. Da war aber niemand, der ihn haben wollte, und ich konnte es ja versuchen. Es war ein netter Jung; einer von den Stillen; er konnte schon etwas sprechen, und es war gelungen, wie er immer mehr Wörter lernte. Lausen lernte er auch, und wie er nun ein bißchen manierlich wurde, brachte ich ihn zu Mutter Rießen in unserem Dorf, die auf die kleinen Kinder paßte, wenn die Eltern auf Arbeit waren. Abends holte ich ihn mir dann ab und es war gemütlich, jemanden zu haben, der sich freute, wenn man nach Hause kam. Onkel Klaas sagte er zu mir, und manchmal konnte er mir mit seiner kleinen Hand über die Backen streichen. Ich durfte ihn auch behalten. Seine Mutter war ’ne arme Witfrau gewesen, die nach der anderen Seite gefahren war, um sich Arbeit zu suchen. Allmählich kam's heraus und auch, daß die Leute nicht recht wußten, in welches Armenhaus sie den kleinen Butt stecken sollten. Er nannte sich nämlich Bult. Als ich nachher seinen Taufschein zu sehen kriegte, da stand ein ganz anderer Name darin. Wie der war, weiß ich nicht mehr. Ich hatte den Jungen ja auch wie ’nen Butt aus dem Wasser gezogen; das war ein guter Name. . In der Schule nannten sie ihn auch so, denn mit sechs Jahren tarn er natürlich zum Lehrer und lernte nicht schlechter als die anderen. Er lernte auch meine Stube -zu fegen und Kartoffeln zu kochen und zu schälen, zum Aufbraten, ehe ich heimkam. früher hatte ich mich nie gefreut, wenn ich nach Haus kam, nun war es wirklich ganz nett, — 390 einen kleinen Jungen zu haben, der übers ganze Gesicht lachte, wenn ich in die Türe trat. Aus Weihnachten hatte ich mir ehedem nichts gemacht: das war ein Fest für die Kinder und für die Leute, die viel Geld hatten und es durchaus los werden wollten. Aber mein Butt sprach schon mit vier Jahren von Weihnachten, datz er sich auf einen Lichterbaum freute, und daß er gern etwas geschenkt haben wollte. Aber er wollte nicht allein etwas geschenkt haben, er wollte auch anderen eine Freude madjen. Erst der Lehrerssrau, die ihm vom Jesuskind erzählt hatte, dann einem armen, verkrüppelten Kinde, das int Dorf herumkroch, und dann vor allem mir. „Onkel Klaas, was wünschest du dir?" Wie oft hat er das gefragt, und ich wurde ganz verlegen. Früher hatte ich wohl mal ’ne Kleinigkeit von meiner Mutter gekriegt, aber die war lange tot. Seit der langen Zeit fragte niemand nach meinen Wünschen. Aber bei meinem kleinen Butt, da muhte ich den Kopf in die Weiche legen und mir etwas ausdenkeit. Zuerst wünschte ich mir ’ne Muschel, dann ’ne Streichholzschachtel und zuletzt einen Purrenkorb. Ich kriegte immer, was ich mir wünschte, und der Butt freute sich so über seine Geschenke, die er mir gab, dah ich mich auch freute. Und weil es ein nettes Gefühl ist, sich zu freuen, da hab ich auch dem kleinen Krüppel was gekauft und auch der Lehrersfrau, die so gut gegen meinen kleinen Butt war und ihn lieb hatte. Weihnachtslieder lernte der Jung auch. Er konnte sie nie ganz genau, er war ein bißchen schwach vom Gedächtnis, aber ich mochte doch gern, wenn er sie mir aufsagte. Wahrhaftig, ich freute mich jetzt immer auf Weihnachten und weil Butt sv gern schenken mochte, da fing ich auch mit dem Schenken an. Man hat mehr Gelegenheit, als ich früher gedacht hab’, und eigentlich ist das Schenken das Beste bei der ganzen Geschichte." Der Krabbenmann hielt inne, setzte sich die Mütze auf und rieb sein Knie. „Ja, ich hab' den kleinen Butt acht Jahre gehabt und gedacht, es wäre was für mein Alter. Wenn er groß war, sollte er ein Fischerboot haben und vielleicht kriegte er ’ne Frau, und ich könnte sozusagen Großvater spielen. Aber manchmal ist es doch nicht so, wie man sich das ausdenkt. Wie nun zum achtenmal Weihnachten wiederkam, quälte mich mein Butt schon lange damit, was ich mir von ihm wünschte. Ich hatte mir auch was ausgedacht, ich wollte einen kleinen Dreimaster haben, den man in die Stube unter den Baden hängen konnte, und Butt freute sich furchtbar über diesen Wunsch. Denn er mochte immer gern mit Schiffen zu tun haben, und der kleine Krüppel, mit dem er manchmal zusammen war, der war geschickt mit seinen Händen und konnte ihm helfen. Den ganzen November und Dezember sind die zwei fleißig gewesen, und wenn ich abends nach Hause kam, dann durste ich niemals sehen, daß hier ein kleines Segel lag ober auch ein Mastbaum. Butt wäre böse geworden, wenn ich mich nicht hätte überraschen lassen. Na, ich sah natürlich nichts. Ich besorgte allerlei Geschenke für meinen Jungen und auch für den kleinen Krüppel und war ganz vergnügt, weil Weihnachten kommen sollte. Es war ein paar Tage vor Weihnachten, und ich kam naß nach Hause, denn es war abscheuliches Nebelwetter, als mein Jung mir ganz verstört entgegenkam. „Fite ist krank!" sagte er. Das war der kleine Krüppel, mit dem er zusammen das Schiff arbeitete. „Er wird wohl wieder gesund!" sagte ich. Denn Kinder sind oft krank und werden dann wieder gesund. „Ich hab' mein Weihnachtsgeschenk für dich bei ihm," fährt Butt fort, „und feine Mutter sagt, ich soll nicht mehr zu ihm hinein!" — Ich war schlechter Laune. Das Geschäft war flau gewesen, niemand hatte mir Purren abgekauft. „Geh’ hin und hole deine Sachen!" sagte ich. „Sag’ an Frau Thießen, ich hält' es gesagt!" Er läuft weg, kommt mit seinem Kasten wieder, ist aber still. Ich achte nicht darauf — ich hatte Reißen in den Beinen — und machte mir einen Grog, um bann halb zu Bett zu gehen. Mein Butt sitzt noch vor seinem Gesangbuch „Onkel, willst du mich mal überhören?" fragt er. „Ich kann heute so schlecht lernen!" Aber ich war müde. „Heute mag ich nicht, Jung!" sag' ich. „Morgen ist auch noch ein Tag!" Und ich gehe in die Kombüse. Der Purrenmann sah starr vor sich hin. „Ja, morgen war auch noch ein Tag, bloß, daß ich meinen kleinen Butt nicht mehr überhören konnte. Er lag im Bett und war so rot im Gesicht, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Er hatte Scharlachsieber und war nach zwei Tagen tot. Und Tags vorher war der kleine Krüppel gestorben." Langsam rieb der Purrenmann seine Hände ineinander. „Am Weihnachtsabend ist mein Junge unter die Erde gekommen, und den Dreimaster habe ich ihm mitgegeben. Der war beinahe fertig, und am Sarg hat der Pastor bas Weihnachtslieb gesprochen, das ich den Jungen nicht mehr überhören wollte. Gott, ich hab' es nicht bös gemeint, und man glaubt nicht immer, daß bas, woran man sein Herz gehängt hat, mit einemmal nicht mehr da ist, und daß alles zu spät fein kann. Ich hab' es zuerst nicht begreifen können. Halt' ich darum den Jungen aus dem Wasser geholt, daß ich ibn nun wieder hergeben muhte? Aber der Pastor hat gesagt, ich sollte mich freuen, daß ich einmal ein Weihnachtsgeschenk gekriegt hätte und es acht Jahre behalten durfte. Der Mann sagte es anders, wie ich es nun tue; wie ich ruhiger geworben war, hab' ich eingesehen, baß er recht hatte. Ich hatte ja keinen Anspruch daraus, so ’n kleinen netten Jungen immer und ewig zu behalten. Der kleine Butt mußte seine eigenen Wege gehen, und ich mußte mich freuen, ihn so lange gehabt zu haben. Wenn er groß geworden wäre, hätte er vielleicht über den alten drolligen Purrenmann gelacht ober er wäre vor die Hunde gegangen wie so mancher seine Kerl. Nun weiß ich, daß er mich immer lieb hatte, und daß er gewiß eingesehen hat, datz ich bloß aus Unbedacht in das Scharlachhaus schickte, und ihn seinen Vers nicht überhören wollte. Bös habe ich es nicht gemeint, er wirb das schon wissen, und wenn Weihnachten kommt, dann schenk’ ich, was ich schenken kann. Ich bin nicht traurig, daß er tot ist. Die Leute schnacken heutzutage so viel. Keiner glaubt an ein ewiges Leben, und der andere sagt, bas ist eine Unverschämtheit. Ich trau’ mir darüber fein Urteil zu, aber ich denke immer, daß ich den kleinen Butt noch einmal zu sehen kriege, und wenn ich Weihnachten mein bißchen Geld weg- gegeben höbe, bann meine ich immer, ich höre aus der Ferne sein« Stimme. Eigentlich hab' ich ihn ja noch — er ist bloß voran aus die große Reise gegangen, und ich muh bald hinterher kommen. So freue ich mich immer mehr an Weihnachten und an dem kleinen Butt, den ich ganz für mich allein hab'!" Der Purrenmann schwieg. Er war noch heiserer als sonst geworden, und in seinem harten Gesicht zuckte es, aber er nickte mir sreundlich zu, während er auftanb. „Fröhlich Fest!" sagte er im Davongehen, und halb hörte ich ihn wieder rufen: „Purren! Frische Purren!" lieber das leise ebbende Wasser glitt ein Heller Strahl. Die Wintersonne sandte ihn und lächelte in ihrer heimlichen Art. Wie der „StruwWelpeter" entstand. Aus den Lebenserinnerungen Dr, Heinrich H ofsman ns. Unter dem verheißungsvollen Titel „Struwwelpeter- Hoffmann erzählt aus seinem Leben" hat Eduard Hessenberg bei. Englert 8- Schlosser in Frankfurt a. M. die Lebenserinnerungen des bekannten Frankfurter Arztes und Kinberfreunbes in einem stattlichen, mit einer Reihe interessanter Bilder geschmückten Bande veröffentlicht (677). Frisch und lebendig zieht ein Leben an uns vorüber, das an Reizvollem und Interessantem mehr als Alltägliches aufzuweisen hat. Hoffmann war seinen Zeitgenossen als bahnbrechender Irrenarzt viel mehr bekannt, wie als Verfasser des berühmt geworbenen Struwwelpeterbuches, das noch heute bas Entzücken unserer Kleinen bildet, und über dessen Entstehungsgeschichte der Verfasser in seinen Erinnerungen folgendes mitteilt: Wir hatten im Jahre 1843 die Wohnung an der Brücke verlassen und waren in das neuerbaute Haus des Ratsmitgliedes Herrn Ohlen- fchlager in der Nähe am neuen Mainkai gezogen. Anfangs bewohnten wir den ersten und dritten Stock des Hauses, später den zweiten und dritten Stock; es waren im ganzen sieben Stuben und Küche. Am 11. Dezember des Jahres 1844 nun schenkte mir meine Frau das zweite Kind, unsere Tochter Lina. Um diese Zeit wollte ich unserem Sohne Carl die Weihnachtsbescherung vorhereiten und suchte in den Buchläden nach einem Bilderbuch, wie es für einen solchen kleinen Weltbürger sich schicken mochte; aber alles, was ich da zu sehen bekam, sagte mir wenig zu. Endlich tarn ich heim und brachte ein Heft mit, welches ich meiner Frau mit den Worten überreichte: „Hier habe ich, was wir brauchen." Verwundert öffnete sie die Blätter und sagte: „Das ist ja ein leeres Schreibheft!", worauf sie die Antwort erhielt: „Jawohl, aber ich will dem Jungen schon selbst ein Bilderbuch Herstellen!" Ich hatte in den Buchläden allerlei Zeug gesehen, trefflich gezeichnet, glänzend bemalt, Märchen, Geschichten, Indianer- und Räuberszenen; als ich nun gar einen Folioband entdeckte mit den Abbildungen von Pferden, Hunden, Vögeln, von Tischen, Bänken, Töpfen und Kesseln, alle mit der Bemerkung ein Drittel, ein Achtel, ein Zehntel der Lebensgröße, da hatte ich genug. Was soll damit ein Kind, dem man einen Tisch und einen Stuhl abbildet? Was es in dem Buche sieht, das ist ihm ein Stuhl und ein Tisch, größer oder kleiner, es ist ihm nun einmal ein Tisch, ob es daran oder daraus sitzen kann oder nicht, und von Original oder Kopie ist nicht die Rede, von größer ober kleiner vollends gar nicht. Das Kind lernt einfach nur durch das Auge, und nur das, was es sieht, begreift es. Mit moralischen Vorschriften zumal weiß es gar nichts anzufangen. Die Mahnung: fei1 reinlich, sei vorsichtig mit dem Feuerzeug und laß es liegen, sei folgsam! — das alles sind leere Worte für das Kind. Aber das Abbild des Schmutzfinken, des brennenden Kleides, des verunglückten Unvorsichtigen, das Anschauen allein erklärt sich selbst und belehrt. Nicht umsonst sagt das Sprichwort: „Gebrannter Finger scheut das Feuer!" Ich machte mich nun in freien Stunden ohne viel Vorbereitungen ans Werk, hatte aber leider nicht bedacht, daß die Arbeit viel Zeit unb Mühe erforderte, und mehrmals verwünschte ich es, die Geschichte angefangen zu haben. Ich hatte zu den Versen und zu den Zeichnungen dieselbe Feber unb dieselbe gewöhnliche Tinte benutzt; als ich nun an bas Kolorieren ging, flössen bie Konturen In die Farben. Nun, was tat es! Es muhte fortgesahren werden! Damals hielt ich fest an dem Grundsatz: Begonnenes muh fertig gemacht werden! Ich hatte schon öfters im Leben unangenehme Folgen des Gegenteils an mir selbst erlebt. Die Bilder zeichnete ich leicht in flüchtiger Weise, und die kindlichen Verse fügten sich folgsam in kecken Reimen einer an den anderen, unb so warb das Ganze fertig. So ganz aus der Luft gegriffen war die Geschichte übrigens doch nicht, ein unb das andere war doch auf praktischem Boden auf- gewachsen, so namentlich der Hauptheld. Als Arzt bin ich oft einem störenden Hindernis bei der Behandlung kleiner Kinder begegnet. Der Doktor und der Schornsteinfeger sind bei Müttern und Pflegerinkien zwei Popanze, um unfolgsame Sprösslinge zu schrecken und zu bändigen. „Wenn du zu viel issest, kommt der Doktor unb gibt dir bittere Arznei ober setzt dir Blutegel an!" Oder: „Menn du unartig bist, so - 391 — kommt der schwarze Schlotfeger und nimmt dich miti" Was folgt dann? Sowie der Doktor an das Bett des kleinen Patienten tritt, weint, brüllt, schreit dieser mörderisch. Wie soll man da die Temperatur prüfen, wie den Puls fühlen, wie den Leib betasten! Stundenlang dasitzen und abwarten, bis der Tumult sich gelegt hat und der Ermüdung gewichen ist, kann man auch nicht! Da nahm ich rasch das Notizbuch aus der Tasche, ein Blatt wird herausgerissen, ein kleiner Bube mit dem Bleistift schnell hingezeichnet und nun erzählt, wie sich der Schlingel nicht die Haare, nicht die Nägel schneiden läßt; die Haare wachsen, die Nägel werden länger, aber immer läßt er sich dieselben nicht schneiden, und immer länger zeichne ich Haare und Nägel, bis zuletzt von der ganzen Figur nichts mehr zu sehen ist als Haarsträhne und Nägelklauen. Das frappiert den kleinen Desperanten derart, dah er schweigt, hinschaut, und mittlerweile weih ich, wie es mit dem Puls steht, wie seine Temperatur sich verhält, ob der Leib oder die Atmung schmerzhaft ist — und der Zweck ist erreicht. Als -das Buch fertig war bis auf das letzte Blatt, da war auch mein Bilderschatz zu Ende. Was sollte ich nun aus dies letzte leere Blatt bringen? Ei nun, da setzen wir den Struwwelpeter hin! So geschah es, und deshalb stand dieser Bursche in der ersten Auflage des Buches auf der letzten Seite. Aber die Kinderweit traf das Rechte und forderte das Buch einfach: „Ich will ien Struwwelpeter!" Nun rückte das Blatt auf den Ehrenplatz vorn, und der frühere Titel machte dem jetzigen Platz. Also hieß es auch hier: „Die Letzten sollen die Ersten werden!" Das Originalexemplar kam auf den Weihnachtstisch, mein Söhnchen hatte seine Helle Freude daran. Nach einigen Tagen fand die Taufe des Mädchens statt, und da bekamen auch die eingeladenen Familienglieder des Vaters Wunderwerk zu sehen. Nun hieß es hier: „Das mußt du drucken lassen; das darf der Junge nicht, wie zu erwarten ist, in ein paar Tagen zerreißen!" Ich aber lachte und srug, ob man denn von mir erwarten könne, daß ich ein Kinderbilderbuchfabrikant werde. Aehnliche Anforderungen kamen noch in den nächsten Tagen. Nun blühte damals gerade die von mir und meinem Freunde, dem Musiker Schnyder von Wartensee gegründete Gesellschaft der „Tutti Frutti mit ihren Bädern im Ganges". Hier zeigte ich meine Kinderei vor — derselbe Beifall. Unter den Versammelten war auch der Buchhändler Dr. Lüning, der mit seinem Freunde I. Rütten erst vor kurzem eine Buchhandlung unter der Firma „Literarische Anstalt" gegründet hatte. Lüning sagte sogleich, ich solle ihm das Buch geben, er wolle es drucken lassen. Nun, in heiterer Weinlaune vergaß ich die srühere Weigerung und erwiderte scherzend: . Meinetwegen! Geben Sie mir 80 Gulden und versuchen Sie Ihr Glück!" Das war gerade der Betrag, den ich meinem Verleger noch für die „Mand- zügler" schuldig war. Ich war froh, diese Schuld tilgen zu können. — Löning nahm das Heft, und so war ich nachts 11 Uhr, fast ohne recht zu wissen, was ich getan hatte, mit einem Male ein Jugendliterat geworden! Meinen kleinen Sohn daheim tröstete ich dann mit der Aussicht, daß er bald durch zwei neue Bücher, viel schönere, als das weggegebene, entschädigt werden sollte. Nun aber kam die Ausführung. Meine Freunde, die Verleger, waren in solchen Dingen eben noch nicht sehr erfahren. Die Bilder wurden lithographiert; ich mußte aber den Zeichner täglich überwachen, daß er meine Dilettantengestalten nicht etwa künstlerisch verbesserte und in das Ideale hineingeriet, er mußte Strich für Strich genau kopieren, und ich revidierte jede Steinplatte. Dann gab ich den Herren noch einige praktische Ratschläge. Kinderbücher, sagte ich, müssen solid aussehen, aber nicht sein, sie sind nicht allein zum Betrachten und Lesen, sondern auch zum Zerreißen bestimmt. Das ist kindlicher Entwicklungsgang, und darin liegt ein Vorteil solcher Fabrikation, die Kinderbücher vererben sich nicht, sondern sie müssen neu angeschafft werden; dies zu fördern, gehören starke Pappdecken und schwache Rücken. Und dann muß das Buch billig fein, mehr als 59-Kreuzer darf es nicht kosten, dann heißt es: „Das kostet ja nicht einmal einen Gulden!" Kostet es aber 60 Kreuzer, so sagt man: „Das Ding ist zu teuer; es kostet ja einen Gulden!" Alles dies wurde beachtet und befolgt, und der Struwwelpeter betrat die Bühne der jugendlichen Welt. Es waren 1500 Exemplare hergestellt worden. ' Nach etwa vier Wochen kam Löning zu mir mit der Mitteilung, dah wir einen glücklichen Gedanken gehabt hätten, die Exemplare seien alle fort, sie seien verschwunden wie ein Tropfen Wasser auf einem heißen Steine. Nun machten wir einen förmlichen Vertrag; ich war in meinen Ansprüchen bescheiden, um den Preis des Büchleins nicht zu erhöhen. Niemand war, das kann ich ehrlich versichern, über- bas blitzähnliche Einschlagen der bunten Geschichten mehr überrascht als ich; das hätte ich mir im Traume nicht eingebildet. Später hat man auch sogenannte „unzerreißbare" Exemplare gefertigt; sie mögen wohl recht wetterhart fein, ich bezweifle aber, daß sie je die Dauer der ägyptischen Papyrusrollen erreichen werden, denn Kinderbücher gehen ja „reißend" ab. Der Absatz wuchs mit jedem Jahre und steht jetzt nach 47 Jahren auf einem jährlichen Verbrauch von etwa 30 000 Exemplaren der fünf Bilderbücher zusammen. Ja, ich kann mir mit Befriedigung sagen, der Schlingel hat sich die Welt erobert, ganz friedlich ohne Blutvergießen, und die bösen Buben sind weiter auf der Erde herumgekommen als ich; in ganz Europa sind sie heimisch geworden, ich habe oehört, daß man ihnen in Nord- und Südamerika, am Kap der guten Hoffnung, in Indien und Australien begegnet ist. Sie haben allerlei Sprachen gelernt, die ich selbst nicht verstehe, denn ich habe eine russische, schwedische, dänische, holländische, französische, italienische, spanische und portugiesische Uebersetzung in Händen; daß man sie in Nordamerika luftig nachdruckt, ist ganz selbstverständlich. Die Herstellung des Buches ist nunmehr auch eine wesentlich andere geworden; statt in Lithographie sind die Bücher in Holzschnitt übertragen und die Holzschnitte galvanisch in Kupferplatten, um sie zu schonen; das Kolorieren durch Schablonen besorgt eine Schar von Mädchen in einem Ort im Rheingau und das Einbinden in großen Haufen ein Buchbinder in der Nähe meiner Vaterstadt. So ist eine Art Struwwelpeterfabrik entstanden, es lebt eine Anzahl fleißiger Menschen dadurch, und fo ist aus dem Scherz doch auch wohltätiger Emst geworden. Eine geschichMche Wanderung durch den Harz. Von Dr Carl Walbrach-Gießen. Die ehemalige Reichsstadt Nordhausen, eine der drei harzischen Königstädte, war der Ausgangspunkt unserer Harzwanderung. Von dem durch seine Klosterschule bekannten Ilfeld führte unser Weg über die Harzer Hochebene in das landschaftlich schönste Gebiet, das Bode- tal, das wir bei Treseburg erreichten. In vielfachen Windungen fließt die Bode tosend und schäumend durch das enge, schluchtartige Tal, das sie sich durch die Granitberge gebahnt hat. Je mehr sie sich ihrem Ausfluß aus dem Gebirge bei Thale nähert, um so wilder und großartiger wird die Landschaft; die mit Mischwald bestandenen Abhänge ragen hoch hinauf, und die Verwitterung hat die seltsamsten Formen der Felsen bewirkt. Nur mit großer Muhe ist ein schmaler Pfad in dem Tal angelegt worden. Bald hinter den Äodekefsel, über den die Teufelsbrücke führt, steigt links der Weg zur Roßtrappe-und gegenüber zum Hexentanzplatz hinauf. Der Äiiek von diefem zweiten Pfeiler des Bodetores reicht hinüber bis zu dem blauen Brocken und hinaus in die Ebene nach Quedlinburg zu; von tief unten her aber tönt das verworrene Raufchen der Bode, die von Fels zu Fels fpringend und sich oft in Schaum auflöfend zu Tale eilt. Nur ein Dichter kann die Empfindungen einigermaßen echt wiedergeben, die das Herz bewegen, wenn man dort oben steht, während die letzten Strahlen der untergehenden Sonne die Baumwipfel vergolden und das Tal allmählich im Dunkel versinkt. Das nächste Ziel war Quedlinburg. In einer Urkunde Komg Heinrichs I. vom 22. April 922 erscheint die Stadt zum erstenmal in der Geschichte. Auf einem Sandsteinfelsen, der die Stadt hoch überragt, hat König Otto I. die von feinem Vater Heinrichs I. geplante Abtei, eine Familienstistung für die Töchter des Adels, 936 gegründet. Die Geschichte des Stiftes und der Stadt sind aufs engste miteinander verknüpft. Von den weltlichen Bauten, die in Quedlinburg besondere Beachtung verdienen, ist in erster Linie das Rathaus zu erwähnen. Es wird zuerst 1310 genannt. Der Roland—das Zeichen der Marktfreiheit — steht beute wieder an feinem alten Platz. Den Sitzungssaal schmückt ein Glasfenster, auf dem die Aeberreichung der Königskrone an den Sachsenherzog Heinrich auf dem Quedlinburger Finkenherd bargeftellt ist. Die letzte Ruhestätte diefes eigentlichen Gründers des Deutschen Reiches vor 1001 Jahr war seinem Wunsch gemäß die neben der Burg auf dem Schloßberg errichtete Kapelle aus dem Jahre 935. lieber den Resten dieser kleinen Kapelle ist nach verschiedenen Lin- und Umbauten ein mächtiges Gotteshaus errichtet worden, das noch manche kostbare Erinnerung an die mittelalterliche Kaiserzeit enthält, während das Schloß durch Jerome Napoleon feiner wertvollen Einrichtung beraubt worden ist. Das Gestell, das König Heinrichs zerfallenen Holzsarg getragen hat, steht in der Kirche, daneben der Steiufarg feiner Gemahlin Mathilde; im Kirchenschatz wird der Religuienkasten Heinrich I. und Otto I. neben anderen Kostbarkeiten gezeigt. Unterhalb des Schloßberges steht das Ge- burtshaus Klopstocks. Außer einem schmucklosen Fachwerkhaus aus dem 14. Jahrhundert — dem ältesten der Stadt — ist mancher schöne Holz- und Steinbau aus der Zeit der Gotik und des Barock erhalten. Nordwestlich von Quedlinburg liegt der alte Bischofssitz Halberstadt, dessen Gründung in die Zeit zurückreicht, da Karl der Große seine blutigen Kämpfe mit den heidnischen Sachsen ausfockt und zur Festigung seiner Macht und der der Kirche geistliche Herrschaften errichtete. Die alte Stadt — ehemals der Standort der Bismarck- Kürassiere — weist noch eine Menge ehrwürdiger Bauten des Mittelalters auf, so der aus dem 15. Iahrhimdert stammende Ratskeller am Fischmarkt, das Rathaus aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit dem Roland, die Kommisse — von Heinrich Julins, Bischof von Halberstadt und Herzog von Braunschweig, der um 1600 die evangelische Lehre einführte, als Gasthaus für vornehme Reisende erbaut — und von kirchlifcheu Gebäuden die 900 Jahre alte £teb- frauenkirche und vor allem der majestätische Dom, „das herrlichste, großartigste Gotteshaus der Larzlande". Der Dom ist der fünfte während elf Jahrhunderten errichtete Bau an derselben Stelle. Schon zu Beginn des 9. Jahrhunderts hatte man den Bau eines Münsters angefangen, von dem aber wie von den späteren Kirchen kaum etwas erhalten ist. Der heutige Dom wurde 1220 begonnen. Macht schon der äußere Bau durch seine Größe und künstlerische Ausführung einen überwältigenden Eindruck, so kann man das Innere nur mit bem, Gefühl der Bewunderung und ehrfürchtigen Scheu betreten. Mächtige Pfeilerbündel, mit Statuen von Bischöfen, Luthers, Melanchthons und einiger Heiligen geschmückt, fragen das hochragende Mittelschiff. Der hohe Chor wächst ivie ein Dom im Dom aus dem Mittelschiff empor, von diesem durch den Lettner getrennt. Die Fenster des Chor- Umgangs, der in die Bischofkapelle übergeht,.sind unschätzbare Kunst- werke. Der Domschatz weist ttotz so vieler Kriegsstürme, die über die Stadt hingezogen sind, wertvollste Kostbarkeiten auf. An dem Dom- platz steht die Propstei, die ehemals das Dom-Kapitel beherbergte, sM — und hinter dein Dom steht das bescheidene Kans, in dem der Domsekretär Gleim lebte und dichtete, sein „Freundschaststempel". Blankenburg ist die einzige der Lärzer Randstädte, die nicht am Ausgang eines Flußtales liegt. Sie zieht sich den Berg hinan, von dem das Schloß — die zweite Residenz Braunschweigs — herunter- qrüßt. Die älteste Siedelung fand in den Kämpfen zwischen Barbarossa und Leinrich dem Löwen ihr Ende. Seit 1690 war Blankenburg Residenz und hat bis 1731 manchen Tag des Glanzes gesehen. Maria Theresia hat einen Teil ihrer Kinderjahre auf dem Schloß zugebracht, das von 1796- 1798 dem späteren König Ludwig XVIII. und vielen Emigranten Obdach bot. 3 flnweit von Blankenburg steht die Rume des Klosters Michaelstein. dessen letzter fürstlicher Abt der unter dem Namen des „tollen Christian" bekannte Leerführer des 30jährigen Krieges war. Dieser Lerzog von Braünfchweig-Wvlfenbüttel war auch einige Jahre evangelischer Bischof — Administrator — von Lalberstadt. Südwestlich von Blankenburg am Oberlauf der Bode werden bei Rübeland die beiden berühmten Tropfsteinhöhlen, die Baumanns- und die Lermannshöhle, gezeigt. Wunderbar sind diese prächtig gewölbten unterirdischen Räume, in denendie Natur die merkwürdigsten und anmutigsten Gebilde geschaffen hat. Von dem bald darauf erreichten Dreiannen-Lohne führt der Weg durch endlose Wälder erst allmählich, dann stärker steigend in das Brockengebiet, bis endlich der Gipfel erreicht ist. Wenn die Sonne über die 'Wolken siegt, dann kann der Blick weit hinausschweifen über das ganze Larzgebiet; ja bei völlig klarem Limmel sieht man die Türme von Lannover, von Leipzig, das Gothaer Schloß und die Wartburg, die Löbenzüge der Rhön und des Westerwaldes. Aber— das muß gesagt werden— den meisten Besuchern wird es gehen, wie König Friedrich Wilhelm III. und seiner Gemahlin am 31. Mai 1805: sie werden den Rückzug antreten, „ohne etwas gesehen zu haben". Der Abstieg auf dem „Goetheweg" nach dem Torfhaus fiihrt durch das ausgedehnte Gebiet der Lochmoore, die vergleichbar den Gletschern die zahllosen Bücke undFlüßchen speisen, die vom Brocken herabeilen. Der Weg ist ein wirres Klivpenseld zwischen knorrigen Fichten; immer wieder muß der Fuß sich im Sprung eine Unterlage ^>hen, und, so romantisch das Brockenfeld hier auch ist — man ist dvm froh, wieder einen ebenen, festen Weg erreicht zu haben. Bon der Siedelung Torfhaus führt die Straße am Radaufall vorüber nach Bad Larzburg, von dessen berühmter, zuerst 1074 von Kaiser Leinrich IV. erbauten Burg, nur noch wenige Reste erhalten sind. Lieber die Käste geht es in das Okertal hinab und weiter nach Goslar, der alten Kaiserstadt, die reich an Kunstdenkmälern der verschiedenen Bauzeiten ist. In gotischen, Stil sind außer dem Rathaus, den Gildebäusern u. a. etwa 50 private Fachwerkbauten, ein besonderer Schmuck der Stadt, erhalten. Aus der Renaiffancezeit stammen das Brusttuch und viele andere Fachwerkhäuser. In der ältesten, der romanischen Bauperiode entstand neben den meisten Kirchen das bemerkenswerteste Gebäude Goslars, der in Deutschland einzigartige Bau des Kaiserhauses, „in dessen Thronsaale einst der Sachsen, Salier »md Staufer ruhmreicher Schild hing, das als ein Wahrzeichen der Einigung unseres Volkes hoch und stolz auf die alte Stadt herabblickt, und'in dessen 48 Meter langen großartigen Reichssaale wieder der auf vier steinernen Kugeln ruhende metallene Kaiser- stuhl prangt". Das Kaiserhaus stammt aus dem Anfang des 11 .Jahrhunderts und war von 1000—1250 Pfalz- und Kaiserresidenz. Leinrich II. begann den Bau und Leinrich IV. vollendete ihn. Der Laupkbau umfaßt im wesentlichen den Reichssaal, den sieben große ehemals offene Fenster erhellen. An Stelle der Lolzständertrugen einst Steinsäulen die flache Balkendecke. In diesein ehrwürdigen Bau haben KaiserundFürsten geweilt, erroavein„clarissimum regni domicilium" sogar einen Papst, Viktor II., nahm er auf, und Barbarossa hielt 1173 seinen glanzvollsten Reichstag in ihm ab. Damit war der Löhepunkt seiner geschichtlichen Bedeutung erreicht, er verschwindet aus der deutschen Geschichte, bis der Gründer des neuen Deutschlands, Kaiser Wilhelm L, die Wiederherstellung des Kaiserhauses durch- führte. Der Reichssaal ist von Prof. Wislicenus mit Wandgemälden geschmückt worden, die Entstehen, Werden, Vergehen und Wieder- aufleben des deutschen Kaisertums darstellen. In lebensvollen Bildern zieht die glänzende mittelalterliche Kaiserzeit von Leinrich II. bis zu Barbarossa und dem Tode Konradins, des Letzten der Lohen- staufen, vorüber; das größte Gemälde über dem Kaiserstuhl zeigt die Wiederaufrichtung des Reiches durch Wilhelm 1. — Von dem unweit des Kaiserhauses stehenden Dom, der 1050 durch Papst Victor II. geweiht und 1819 auf Abbruch versteigert wurde, ist nur noch die Domkapelle von 1270 erhalten. Lieber Larzburg und das lieblich gelegene Ilsenburg fährt die Bahn zurück nach Wernigerode. Inmitten schöner Parkanlagen erhebt sich — 120 Meter über der Stadt — das Schloß des Fürsten Stolberg-Wernigerode. Die Terrasse gewährt einen herrlichen Rundblick. Die ältesten Teile des Schlosses stammen aus dem 12. Jahrhundert, im Ganzen wurde es in der zweiten Lälfte des 19. Jahrhunderts in gotischen Stil umgestaltet. Die Stadt selber, am Kreuzungspunkt zweier alter Straßen — von Goslar nach Quedlinburg und von Braunschweig nach Nordhausen — liegend, dürfte schon im 9. Jahrhundert entstanden sein; 1121 war sie züm erstenmal in der Geschichte erwähnt; 1229 erhielt sie das Stadtrecht. Das Rathaus — es trägt die Inschrift über der Tür: „Einer acht's, der andere betracht's, der dritte veriacht's, was macht's" — wurde 1427 vom Grafen geschenkt; sein Westanbau von 1514 stellt einen der ältesten Fachwerkbauten Norddeutschlands dar. Beachtenswert wegen ihres Alters und ihrer künstlerischen Ausführung siltd noch eine Anzahl Prtvathäuser. Von der StadkbcfestigUng ist nichts mehr erhalten als das innere Westerntor. Vier große Brände — 1455, 1528, 1751 und 1847 — haben manches wertvolle Bauwerk zerstört, aber noch immer bietet die Stadt eine Menge Schönes und geschichtlich Interessantes. Nur wenige Stunden braucht die Larz-Qu.erbahn zu der Fahrt von Wernigerode am Brockengebiet vorbei nach Nordhausen, wo aus Südosten die Löhen des Kyffhäuser-Gebirges herüdergrüßen. Auf dieser südlichen Vorwacht des Lärzes haben die deutschen Kriegcrvereinc in der Nähe der alten Burg .Kyffhäuser 1896 zum Andenken an Kaiser Wilhelm 1. das bekannte 69 Meter hohe Denkmal errichtet. Die Figur Ba'rbarossas und das Standbild Wilhelms !, versinnbildlichen die Idee'des deutschen Kaisertums. Von der Zinne des Turmes schweift der Blick weit hinaus über die Goldene Aue und noch einmal grüßen die Löhen des Karzes, allen voran das Massiv des Brockens. Das kommende RieseMuftschiff. Von De. Peter Eilers. Bor kurzen» ist der Zeppelin-Lustschiffwerft in Friedrichshafen aus dem Ergebnis der Zeppclin-Eckener-Spend'e die zweite Rate überwiesen worden und der Bau des neuen Riesenluftkreuzers kam» nunnlehr, da die Vorarbeiten abgeschlossen sind, in Angriff genommen werden. In der zweite»'. Septemberhälfte wurde, wie vielleicht noch erinnerlich, aus Madrid ein Telegramin nach Friedrichshafen gesandt, worin der Geschäftsführer der zur Durchführung der Transatlantik-Flüge gebildeten Gesellschaft „Colon" mit- teilte, daß die spanische Regierung der genannten Gesellschaft die Konzesstor, für eine Luftschifflinie Sevilla—Buenos Aires erteilt und gleichzeitig auf die Dauer von fünf Jahren nach erfolgter Betriebseröffnung eine Subvention von insgesamt 30 Millionen Pesetas (etwa 19 Millionen Goldmark) bewilligt habe. Damit hat das Projekt einer Luftschiffverbindung zwischen Spanien und Südamerika, das nicht nur für Spanien, sondern für ganz Europa von größter Bedeutung ist, greifbare Gestalt gewonnen. In Spaniel» hatte schon im Jahr 1920 ein Vortrag, den Dr. Eckener in Madrid hielt, in weiten Kreisen für den Plan einer Luftlinie nach Süvainerika lebhaftes Interesse erweckt und man hakte erkannt, welche wirtschaftliche Bedeutung die Verwirklichung dieses Planes haben könne, wenn es gelänge, Spante»» den Vorsprung vor anderen europäische»» Staaten zu sichern. Bereits im Jahr 1921 .wurde eine Studiengesellschaft ins Leben gerufen und zugleich wurde ein meteorologische Kommission gebildet, die den Auftrag erhielt, die klimatischen und atmosphärischen Verhältnisse auf den, südlichen Atlantik zu ersorscheir. Ferner sollte sie eine Entscheidung darüber herbeiführen, ob Sevilla und Buenos Aires für die Anlage von Luftschiffhäfen geeignet seien. Der weitere Auftrag ging dahin, festzustellen, ob Sevilla (als spanischer Ausgangshafen der Transatlantiklinie) sich in den europäischen Luftverkehr einordnen läßt, da für einen solchen Transatlantikhafen die Zubringerlinien ausschlaggebende Bedeutung besitzen. Die Strecke Sevilla—Buenos Aires ist etwa 10000 Kilometer lang und es besteht die Absicht, jährlich zwölf Lin- und zwölf Rückflüge durchzuführen. Bei der für fiinf Jahre geltenden Subvention von 30 Millionen Pesetas bedeutet das, daß jährlich 6 Millionen und für jeden einzelne»» Flug 500000 Pesetas als Zuschuß bewilligt werden. Die Dauer der Fahrt voi» Spanien nach Argentinien würde 4(4 Tage beanspruchen, während ein Ozeandampfer für diese Strecke etwa 20 Tage braucht. Nach bei» Plänen der Zeppelin-Gesellschaft soll das neue Luftschiff („L. Z. 127") 135000 Kubikmeter fassen, also etiva doppelt so groß sein »vie „I. R. III", der bekanntlich 70000 Kubikmeter groß »»ar. Die Eröffnung des Betriebes soll im Lerbst 1929 erfolgen. Zunächst wird ein kleineres Luftschiff („L. Z. 126"), das nur 105000 Kubikmeter Rauminhalt aufweist, verwendet werden, da es gegemvärtig schon im Bau ist. Der neue Lustkreuzer, dessen Konstruktion von dem bewährten Mitarbeiter des Grafen Zeppelin Chefingenieur De. Dürr, entworfen ist, wird folgende Maße auf- weisen? Länge 230 Meter, Breite 31 Meter, Löhe 35 Meter. Er wird sechs Motorengondeln erhalten und von annähernd 3000 P.S. angetrieben werden. Die Reichweite der.Funkstation soll so groß fein, daß das Luftschiff ständig mit den Kontinenten die Verbindung aufrechterhalte»» ka»»n. Eine der Vorbedingungen für die Ausnahme der Transatlantikflüge ist, daß Spanien in das mitteleuropäische Luftverkehrsnetz einbezogen wird. Zun» diesem Zweck soll im Jahr 1927 eine Luftverkehrslinie über Stuttgart, Basel, Genf, Marseille und Barcelona nach Madrid gelegt werden. Auf dieser Strecke werden sowohl Junkers-Großflugzeuge als auch Dornier-Wal-Flugboote den Verkehr vermitteln. Da die Frage einer Lustverbindung mit Ostasien vor der Verwirklichung steht, so besteht die Möglichkeit, einen durchgehenden Luftdienst von Ostasien durch ganz Europa bis nach Südamerika zu schaffen. Es würde also nur noch einer Luftverbindung von Südamerika über den Stillen Ozean nach Ostasien bedürfen, um den Ring zu schließe»» nnt> bie Möglichkeit zu schaffen, den ganzen Erdball zu umfliegen. Zu diesem Ziel, das in erreichbarer Nähe liegt, ist die Luftverbindung zivischen Spanien und Südamerika nur eine Etappe. Veramworklich: Dr. Hans Thyriot. — Druck der Brühl'schen Aniversstäts-Duch» und Stemdrucker^i. R. Lange, Gießen.