Eichener Milienblatter Unterhattungrbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (926 ~~ Dienstag, den 7. September Kummer 72 AbendLied. Von Matthias Claudius. Der Mond ist aufgegangen, Die qoldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar; Der Wald steht schwarz und schweiget. Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille Und in der Dämm'rung Hülle So traulich und so hold! Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt! Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen. Weil unsre Augen sie nicht felm Wir stolze Menschenkinder Sind eite! arme Sünder Und wissen gar nicht viel; i Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel. Gott, laß uns dein Heil schauen. Auf nichts Vergänglichs trauen. Richt Eitelkeit uns freun! Laß uns einfältig werden Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich fein. Wallst endlich sonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod! Und wenn du uns genommen. Laß uns in Himmel kommen, Du unser Herr und Gott! So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder,' Kalt ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott, mit Strafen Und laß uns ruhig schlafen! Und unfern kranken Nachbar auch! --------- i i Die Zerstörung Lrßbergs vor 130 Jahren. Von Dr. August Roeschs n. Am 8. September d. I. sind 130 Jahre feit der Verwüstung unserer Provinz durch das Heer Jourdans verflossen. Bor 30 Jahren habe ich das Ereignis in den Q u a r t a l b l. d. hist. V e r. f. d. Gr. H. N. F. II, Nr. 3 ausführlich behandelt. In folgendem wird diese Darstellung mit einigen Ergänzungen wiederholt. Im Frühjahr 1796 stellte Frankreich auf dem nördlichen Kriegsschauplatz« zwei Heere auf, die sog. Rhein- und Mosel-Armee unter Moreau am Oberrhein, die sog. Sambre- und Maas-Armee unter Jourdan am Niederrhein. Beide Heere beliefen sich auf 136 581 Mann Fußvolk und 17 515 Pferde, während das österreichische Heer am Rhein unter Wurmser und Erzherzog Karl 131912 Mann Fußvolk und 42 642 Pferde betrug. Trotz seiner Ueberlegenheit glaubte Erzherzog Karl, der im April den Oberbefehl über die kaiserliche Armee am Rhein übernahm, sich nuf die Defensive beschränken zu müssen, da er die feindliche Stellung, durch eine Reihe der stärksten Festungen gesichert, für stärker als die (einige hielt. In Wien dagegen wurde auf das Betreiben der Kriegspartei und des Ministeriums Thuaut eine energische Offensive beschlossen, infolgedessen am 21. Mai der Waffenstillstand gekündigt wurde. Die Vorteile, die durch Bonaparte in Italien errungen wmden, insbesondere die Einschließung Mantuas, bestimmten jedoch den Wiener Hof, 25 000 Mann unter Wurmser von der Rheinarmee nach dem südlichen Kriegsschauplatz abzukommandieren. Hierauf rückte Jourdan, dessen Heer sich auf insgesamt 65 000 Mann Infanterie und 11000 Pferde belief, an die Lahn, wurde jedoch durch die Treffen bei Wetzlar und Uckerath (15. und 19. Juni) bis Düsseldorf zurückgedrängt. Mittlerweile war Moreau bei Kehl über den Rhein gegangen und drang in Süddeutschland ein, weshalb Erzherzog Karl mit dem größeren Teil seines Heeres an den Neckar eilte. Hierauf ergriff Jourdan nochmals die Offensive und drang wieder gegen die Lahn vor. Wartensleben, dem gegen Jourdans bedeutend verstärktes Heer nur 25 000 Mann zurückgelassen worden waren, wurde zurückgedrängl, nachdem am 2. Juli bei Neuwied und am 4. bei Altenkirchen seine Vortruppen ge- schlagen worden waren. Am 10. Juli wurde hierauf Wartensleben bei Friedberg (welche Stadt der österreichische General wegen der hier befindlichen Magazine behaupten wollte) von General Kleber mit den Divisionen Lefdbvre, Bonard und Collaud angegriffen und nach einem heftigen Gefechte bis in die Stellung von Bergen bei Frankfurt zurückgedrängt. Da mittlerweile auch Moreau gegen die Oesterreicher glücklich gekämpft hatte, so blieb Wartensleoen ohne Unterstützung. Er gab deshalb die Stellung bei Frankfurt aus und zog sich gegen Würzburg zurück, weiche Stadt er am 19. Juli erreichte. Die gegenseitige Eifersucht der beiden französischen Oberfeldherrn hinderte eine erfolgreiche Kooperation der Franzosen und ermöglichte die glückliche Vereinigung der österreichischen Heere. Jourdan, der dem Heere Wartenslebens langsam gefolgt war, wurde am 24. August bei Amberg energisch angegriffen, geworfen und von seinen Verbindungslinien mit dem Rhein abgeschnitten. Als Jourdan diese Verbindungslinien wieder öffnen wollte, wurde er am 3. September bet Würzburg empfindlich gefchlagen. Die Franzosen verloren gegen 6000 Mann an Toten und Verwundeten und 2000 Gefangene. Der Rückzug Jourdans, der bald in eine regellose Flucht ausartete, richtete sich durch die Rhön und den Spessart gegen die Lahn. Am 4. September wurde bei Hammelburg die fränkische Saale überschritten, von wo der Marsch nach Brückenau ging. Am 6. September wurde bei Schlüchtern die Kinzig überschritten. Während nun ein Teil der französischen Truppen unter Bernadotte über Frankfurt zurückeilte, setzte Jourdan mit dem Hauptheere am 7. September seinen Rückzug über Birstein, Nidda, Blitzbach nach Wetzlar fort, wo er am 11. September ankam. Unter fortgesetzten Gefechten, bei Gießen, Wetzlar, Weilburg, Limburg, Altenkirchen wurde Jourdan bis zum Rheine zurückgedrängt. Durch diesen Rückzug Jourdans wurde nun auch Hessen hart betroffen. Ein Feind hatte sich gegen die Franzosen erhoben, der noch fürchterlicher lind gefährlicher war als die Oefterreicher, das durch die unerhörten Mißhandlungen zum Aeußersten aufgebrachte Landvolk. Trotz aller feierlichen Proklamationen Jourdans, trotz der eifrigen Bemühungen einzelner Generale und Offiziere gelang es nicht, den Truppen Disziplin und Zucht beizubringen. Die französischen Soldaten erhietten bei der bestehenden Finanznot des französischen Staates oft monatelang feinen Sstd und wurden dadurch darauf angewiefen, sich den Unterhalt durch Plünderung zu verschaffen. Diese Verhältniffe veranlaßten die schlimmsten Ausschreitungen. Wit Gewalt und List wurde der Bevölkerung der letzt« Pfennig abgepreßt. Was sich sortschleppen ließ, wurde mitgenommen, das klebrige zerschlagen und unbrauchbar gemacht. In unsinniger Zerstörungswut wurden die Fässer mit Wein zertrümmert, das Weh, das man nicht mit sich führen konnte, getötet, die Bewohner auf Herausgabe angeblich versteckter Gelder gequält, die Frauen, Mädchen, selbst Kinder geschändet. Von feiten der französischen Generale selbst wurde nach Paris gemeldet, die Räubereien seien allgemein, die Soldaten jede Zucht, und wenn die Offiziere den Unmenschlichkeiten entgegentreten wollten, werd« auf sie gefchoffen. Ueberall wurden von den französischen Korps die größten Kontributionen und Brandschatzungen ausgeschrieben, lind, wen» solche nicht gezahlt werden konnten, Geiseln mit fortgeschleppt. So ist es erklärlich, daß in den Gegenden, wo die Franzosen so entsetzlich hausten, das Landvolk sich erhob und Rach« an seinen Peinigern übte. Zu Tausenden erhoben sich die Bauern, machten gemeinschaftliche Sache mit dem verfolgenden kaiserlichen Heere und fügten, aller Wege und Schliche kundig, den flüchtenden Feinden bedeutenden Schaden zu. Sie „Kleine Vendöe" benannten deshalb die Franzosen Rhön und Spessart, übten aber auch hier die entsetzlichsten Repressalien. Besonders hart wurde das Amt Ridda betroffen, wie wir einem Berichte des Amtmanns Hofmann von NiddaH: „Den *) Die Hauptquelle über diese Ereignisse des Jahres 1796 bildet außer diesem Berichte des Amtmannes Hofmann von Nidda ein Bericht des Amtskellers Reiber von Lißberg (Archiv des Ober« hessischen Geschichtsvereins). Bgl. Kriegsgeschichte der Stadt und Vestung Gießen und derer umliegenden Gegenden vom 7. July bis zum 1'9. September 1796. Von einem Augenzeugen. Gießen 1796. Neugedruckt Gießen bei Eduard Ottmann 1896; Landkalender für das Großherzogtum Hessen 1842: Mitteilungen des Oberheffifchen Geschichtsvereins, Bd. I (Gießen 1888) und Bd. VI (Gießen 1896), M. Diehl, Hess. Chron. VIII, 59. „ ^"e jedoch dos Städtchen Lißberg zu tJr^ bn»;,n8TO,2‘®»P tmber nachmittags kam ein Kommando Mi- 1l?un r?ian" stark, von Usenborn aus vor Lißberg an und be- « Quartier für dm General im Schloß nebst 400 Reitern. Die Ort VD e-en J!d) zusammen, liehen das Kommando nicht in Ort, verweigerten die Einquartierung und zeigten sich zum !R ffb e’r’hferhf/^h10^m es,- war es der Amtskeller Reiber selbst der die Einquartierung abschlug und die Bevölke- Widerstände reizte"), trotz des bestimmtesten Verbots seitens des ^lmtmanns, sich zur Wehr zu setzen gegen etwaige Requisitionen der Franzosen. Das Kommando ritt nach Ortenberg am ledoch "ach zwei Stunden auf 21 Mann verstärkt wieder, jngfe gezogenen Sabeln den Berg hinaiif und hieb und feuerte nach den Bewohnern. Da wurde die Sturmglocke gezogen, die Männer ^^astneten sich und rotteten sich zusammen. Die Franzosen wurden MUr« nn •lm» 311T Orte hinausgedrängt,- der Sohn des Amts- 9teJbef- gab selbst einen Schuß auf einen fran- zoslscyen Ofsiziei ab, wie uns em Augenzeuge berichtet. Die Reiter »..rfmrn n" i)inab bi.5 die Seipels Mühle (fetzt Mühlhof) verfolgt. Um sich gegen weiteren Angriff zu schützen, beschlossen die Bewohner, eine Wagenburg zu errichten. Als die Nacht heran- , s^'Eser «ohn des Amtmanns von Nidda war der spätere beifi« Me Finanzminister August Konrad Freiherr von Hofmann hnr’rh m'fL n’Ä"9 D0" be.m Aufreizen der Bevölkerung durch Reiber hat sich b,s zum heutigen Tage in Lißberg erhalten. W Dieffenbach (Arch. f. Hess. Geschichte. Bd. V, XIII, 14) meldet die- Pi6hern ubi lv Mitteilung älterer Leute. Dieser besuchte Litzvecg uni die Mitte der vierziger Jahre. ’ Durchmarsch der französischen Armee, unter dem Kommando des vbergenerals Jourdan und des Dioistonsgenerales Le Fevre durch dies Amt und deren unmenschliche Gräueltaten betr." (bat. Nidda 14. September 1796) entnehmen. Dieser Bericht beginnt also: „Unsere Nachkommenschaft wird sich nicht überzeugen können, daß in der Gestalt von Menschen Geschöpfe auf dem Erdboden uor= bmiöen gewesen, die alles Menschengefühl ausgezogen und Thaten verübt haben, dergleichen m den ältesten und rohesten Zeiten nicht verubr worden, und wahrscheinlich, so lange die Welt steht, nicht erlebt werden. — Ich bin bei meinem erlittenen großen Ungemach dermalen nicht ,m Stand, den tausendsten Theil von allem an- znfuhren, was den Amtsiinterthanen begegnet ist, und behalte mir nothigenfalls vor, bei ruhigeren Zeiten Nachträge zu machen." — Am a. und b. September passierten, wie Hofmann weiter berichtet, Heinere Haufen von zersprengten französischen Truppen maJt ' blc ^^Edoch aus Furcht, bei etwaigen Exzessen von den Untertanen gezüchtigt zu werden, gut betrugen und ihre Verpflegung sbn »r bezahlten. 'Am 7. September nachmittags 5 Uhr Hli Ifrl Vism ____<< , , 7 "eb|t einer Anzahl von Kom- Mlssaren em Dieselben me beten, daß binnen 24 Stunden das Heer ®erer5*.ls nebst dem Hauptquartier eintreffen würde, ölefer Seit 40 000 Rationen Brot ä 14 Pfund 109 Ochsen, 8000 Pinten Branntwein und SO Transportwagen neben den notigen Bedürfnissen an Hafer, Heu, Stroh, Fleisch und Wem zu beschaffen seien. Schon abends 7 Uhr rückte jedoch die Ä "s Lager em Vergebens wurde den Kommissären vor- 9°E,baßeine derartige Lieferung zu leisten unmöglich wäre, oisonde.s bei der Ausdehnung des Amtes, da einzelne Orte 6 bis betten iTnfwferht!, l«-". Trotzdem bemühte sich der Amtmann nach nmi, m rt £' b - Forderung nachzukomnien. Es wurden sofort die Amt.-"'„nb Ortschaften abgesandt. Hofmann schickte mitten m b-e m^ dtschreiber, sogar seinen eigenen Sohn noch 'E" m der Nacht ans die auswärtigen Ortschaften. Dem Sohne-) gab der General LEspagne eine Bedeckung von 7 Reitern mit für beren Sicherheit uer Amtmann mit dem Kopfe hasten sollte Die Burger von Nidda selbst taten ihr Möglichstes. Jeder gab alles willig alle ffnHmnfhm,Ü0en Bedürfnisse zu decken. Vergeblich aber waren 100 ^/rscbastliche Fruchtboden, worin über -00 dichtet (1 Achtel — 2 Zentner) Hafer lagen, wurde aufqesprenat Ser Oberbefehlshaber Jourdan und der Generck- kommissar -Lu Breton, die mit den übrigen höheren Offizieren das hru’tnn,«11« mnehatten, setzten ihre ungestümen Forderungen und ihr brutalls Benehmen fort. Am 8. September, nachmittags 3 Uhr brock ba^ -9Wuptquariier auf. Als Dank «für die aufgewandte vielfältige Muhe und die reichliche Bewirtung wurde dem Amtmanne und dein Bürgermeister Kirchhof von Nidda von dem Adjutanten Jour- roürben 9hoC hi Uetr^fa- !elen unb aIs Geiseln mitgenommen «mtmann6 „nbh h^r &n-9 Lselerungen nicht geleistet seien. Der Amtmann und der Bürgermeister wurden in das Hauptquartier Z k b « ch geschleppt, wo sie um 10 Uhr abends an- kamen. Die französische Armee selbst bezog ein Lager bei Münze n b e rg. Mit vieler Mühe bewirkte der Sohn des Amtmanns hu '!""8er Kindesliebe feinem Vater bis Butzbach gefolgt roar^ bte Befreiung der Geiseln. Ebenso erlitten die übrigen Ortschaften di^e Dörfer Misslichsten Drangsale. Völlig ausgeplündert wurden La chelnau, Glashütten, Ober- und Unter- Ke M Unterfchmitten, O b e r f ch m i 1t e n , G b 'si ° > dda, W a l l e rn h a I! f e n , Bellmuth, Fauer- b",ch- Ouie große Anzahl der Bewohner verlor das Leben. Viele Ge- b““b® wurden verbrannt. Die Ortschaft Glashütten sollte ganz ein- zu^ntten mCrben" 'Scborf’ Solang es, das Dorf bis auf drei 'Hofreiten ') Philipp Iak 0 b Koch war feit dem 26. März 1762 Pfarrer von Lißberg. Er erreichte ein Lebensalter von 65 Jahren, 10 Monaten und 12 Tagen. Eine Tochter von ihm heiratete einen Pfarrer Thum zu Selters. Im Besitze von dessen Urenkelin zu Laubach befindet sich eine Silhouette des gemordeten Pfarrers. Der gemordete Pfarrer war ein Sohn des Elias Koch aus Alsfeld, der 1721—1741 zuerst als Adjunkt, dann als Pfarrer in Ulrichstein wirkte. ’ ,, ’) „Erzählungen aus dem Heffenlande" von O. Glaubrecht. Zweite 'Auflage. Frankfurt a. M. und Erlangen. 1860. VII. „Eine Mauer um uns baue." S. 99. — Auf dieses Unglück Lißbergs bezieht sich auch ein Gedicht von Julius Sturm: „O Lißberg, armer Flecken!" 6) Ein Liedervers von Paul Gerhardt aus: „Nun ruhen alle Wälder." hr»?nm>en er^len wieder ein Kommando, wovon jedoch nur br,(* Mann naher kamen. Reiber berichtet, er habe sich mit den- felben verständigen wollen, um Entschuldigung für das Vorgefallene gebeten uni) sich erboten, dem General die nötige Aufklärung zu der "'""do aber [ei weggeritten unter der Androhung b^ Aache des Generals. Trotzdem glaubte man die Sache abgetan; ?*P kommenden Morgen wurde die Wagenburg entfernt. Plötzlich minnn CrS 0 k» .1,0 Uhr rückte ein Detachement von 5—600 S™ Fußvolk und Reiterei von der Division Lefebvres unerwartet schnell von Ortenberg aus heran unb umstellte bas Stäbtchen. Hier- fluL9r;£ nJ?el( den Ort unb begann das Werk der Zerstörung. Wer sich nicht mehr m das Freie retten ober im Orte verbergen fflÄLTi fürchterlichsten Wut preisgegeben. Weber Alter noch Geschlecht würbe geschont. Sie Häuser würben geplünbert unb fobann angezundet. Lllle Bitten um Schonung waren vergeblich. Bis 1 Uhr bauerte bas Werk der Zerstörung. Als bis geflüchteten Be- w°h"«r zuruckzukehren wagten, fanben sie ihren Heimatsort bis auf ^,„«"00 abgebrannt; insgesamt waren 58 Hofreiten eingeäschert. Sen Bemühungen bes Amtskellers war es gelungen, die Schloß- hnHaoUb!' ro°Htn sich selbst mit seiner Familie versteckt gehalten 3h- ebenso war die Kirche erhalten geblieben. Groß waren bie Verluste an Menschenleben. 15 Personen waren getötet, außerdem achtzehn schwer verwundet. Einem Schmiede (Jost H i l ß) ^>?,'b,''"ke Hand abgehauen worden. Ein Familienvater L,rourbe rltebft ?emen drei Söhnen in seinem Hause qe- ^det. Auch zwei »rauen wurden getötet. Ebenso befand sich unter L“’?? ber «Le Pfarrer Philipp Jakob Koch, ber unter» yaUe, den »ranzosen entgegenzugehen und für seine Ge- 3" bitten. Die Franzosen hielten ihn für den Amtskeller Aeiber, horten ihn nicht an und brachten ihn sofort um') wurde mit Säbelhieben zerfetzt und bann totgeschoffen. Seine r rS NtuHeichen von 60 Jahren, würbe dermaßen miß- handelt, daß sie lange zwischen Tob unb Leben schwebte. Sie blieb zulebens gelahmt. Außerdem verlor sie ihr ganzes Vermögen und kam m bitterste Rot. Die abgebrannten Häuser waren bei der Brand» "520 Gulden versichert gewesen; der gesamte Schaden mit ben oerbrannten Fruchten unb Effekten betrug 43 341 Gulden. Die bitterste ^"w>l>en des Ortes waren verarmt und gerieten in die O dem Hefsenlanb" berichtet auch 0;, ® ""b recht ) (Rudols Oefer) einiges von ber Zerstörung Lisibergs. ©r rügt seiner Erzählung noch folgende Episobe bei. Etwas abseits vom Dorse nach dem Wiesentale zu stand ein kleines Häus- dem sich eine junge Mutter mit ihrem kranken Kinde befand. PW»"") .rourbe die Tur eingestoßen, unb mit gefälltem Bajonette Clnm","jenb8r Franzose hinein. Da legt bie zum Tobe erschrockene Mutter ihre Hände über das Kind unb betet mit der Stimme der Verzweiflung: „Breit' aus die Flügel beide, O Jefu, meine Freude, Unb nimm dein Küchlein ein! Will Satan es verschlingen, Sa laß bie Engel fingen : Dies Kinb soll unverletzet fein!"6) Da senkt ber Solbat die Tobeswaffe, legt feine Hand auf des Minbes Haupt, reicht fobann mit Tränen im Auge ber Mutter bie Hand unb geht jchweigenb davon. Ms bie Frau nach einiger Zeit 3um yenfter hniausschaut, sieht sie den Franzosen, mit dem Gewehr mt Arm, der Tur gegenüber unter einem Birnbaum stehen unb Wach« vor dem Hause halten. Erst als seine beutebeladenen Kameraden abgezogen sind, verläßt auch er feinen Posten. mt dieser Form ist die erzählte Episode in Lißberg gänzlich um hetannt, rote ich aus eigener Nachforschung erfuhr, unb wie mir audj ber frühere bortige Pfarrer Weber (später Dekan in Lanq- gons) au? Grunb vielfacher Nachfragen 1896 bestätigte. Jebensalls also hat Glaubrecht eine Begebenheit novellistisch behanbelt unb notjer ausgesihmuckt; jedoch liegt seiner Erzählung ein historischer r 1 3u9i"t,"be, den wir in folgender Mitteilung erkennen zu dürfen £allbe!1m,..,l.ne .achtunbachtzigjährige, jedoch noch völlig geistesfrische A,rau (Phiiipplne S e 1 p e l Witwe, geb. Mann) erzählte mir nach Mitteilung ihres Vaters, ber als zwanzigjähriger Bursche jene Kata- trophe erlebt unb selbst mit knapper Not dem Tobe entronnen war, bas folgende. In ber etwas abseits im Wiesengrunbe gelegenen sog. „Herrenmuhle" (letzt „Ringshausens Mühle") stand ihr Großvater (Heinrich Beltz) m ber Haustür. Plötzlich stürmten die Franzosen heran, schossen ihn nieder und feuerten auch in die Küche, wo sich seine Frau mit drei Kin- — 287 — dern nebst dein hierher geflüchteten Verlobten ihrer ältesten Tochter «eben jenem Heinrich Mann) befand. Hierbei wurde der Frau der kleine Finger abgeschossen. Darauf drangen die Soldaten ein. Da hielt die Mutter flehend die Hande entgegen, fiel auf die Knie und betete. Hierauf ließen die Feinde von ihr ab, mißhandelten dagegen den jungen Heinrich Mann entsetzlich. Mit Aufbietung aller Kräfte riß sich derselbe los und flüchtete. Von dem Postenstehen usw. wußte die alte Frau nichts. In dieser achtundachtzigjährigen Erzählerin^ die ich am 31. August 1896 in Gegenwart von Pfarrer Weber mit größter Vorsicht, ohne jede störende Einrede, ausforscht«, glaube ich also mit Bestimmtheit die Enkeltochter jener jungen Mutter festgestellt zu haben, von der uns Oeser erzählt. Bestätigt wird indessen meine Annahme, daß ein historischer Kern der Giaubrechtschen Erzählung zugrunde liege, durch eine Notiz, die Pfarrer R u l l - man n’) dem Sterbeprotokolle beifügte: „So groß auch das Unglück ist, so kann man doch Gott nicht genug danken, daß er die Herzen einiger edlen Soldaten erweichte, welche nicht allein über die Menschen absichtlich wegschossen, sondern auch ihre Kameraden möglichst abhielten und den unglücklichen Bewohnern zuriefen, sic sollten nur kn den Wald laufen." Eine HnndvolL Anekdoten. Nacherzählt von Hans T h y r i o t. Las Bildnis mit dem großen Mund. Zu einem berühmten Maler — der Name tut nichts zur Sache — kam ein reicher Mann, der seine Frau gemalt haben wollte. Der Künstler sah sich die Dame an, hatte keine große Lust, wollte sich aber das voraussichtlich bedeutende Honorar nicht entgehen laßen und sagte zu. Ein Kollege, dem er von der bestellten Arbeit erzählte, machte ihn darauf aufmerksam, daß die fragliche Dame, ohne ersichtlichen Grund, auf ihren Mund, den sie für klein und zierlich hielt, lehr eitel sei. Der Maler dankte und merkte sich das. Als das Porträt fertig war, kam der reiche Mann, es zu besehen, stand lange davor, wiegte den Kopf und sprach: „Lieber Meister, das Bild ist sehr gut und ähnlich, bloß der Mund — der ist viel zu groß geraten. Nichts für ungut." Oer Maler besann sich eine Weile und erwiderte freundlich: „Lieber Gönner, ich habe den Mund schon bedeutend kleiner gemalt, als er ist. Aber wenn Sie es wünschen, kann ich ihn auch ganz wcglassen. Nichts für ungut." lieber den Rest des Gespräches ist nichts bekannt geworden. Störtebecker. Als es den Hamburgern im Jahre 1401 endlich nach mörderischer Seeschlacht bei Helgoland gelungen war, den mächtigen und gefürchteten Seeräuber Klaus Störtebecker mit seinem Spießgesellen Gödeck« Michael und den überlebenden Vitalienbrüdcrn niederzuringen und auf Stört'ebeckers Flaggschiff „Die bunte Kuh" gefangen nach Hamburg zu führen, da herrschte ein großer Jubel in der Stadt. Am folgenden Tage war die Hinrichtung, und viel Volks strömte vor die Tor«, den Kopf des großen Räubers fallen zu sehen. Der bat, mannhaft, nicht um sein Leben, aber um eine Gnade: man tolle ihm zuerst den Kopf abschlagen, seine Gesellen aber in einer Reihe aufstellen. Die ihm die liebsten waren, dem Richtblock zunächst. An welchen er, kopflos, vorübergehen werde, denen möge man das Leben schenken. Dies wurde dem Störtebecker gewährt; man schlug ihm das Haupt ab, der Rumpf erhob sich, ging an elf Seeräubern vorüber, strauchelte beim zwölften, fiel und blieb liegen. Den Elfen wurde der Kopf gelassen, alle anderen mußten ans Schwert, und es soll so viel Blut dabei geflossen sein, daß der Scharfrichter bis an die Knöchel darin watete. Als man ihn später fragte, wie ihm dabei zu Mute gewesen sei, da soll der rohe Mensch geantwortet haben: „0, liebe Herren, es ist mir so wohl dabc! gewesen, daß ich noch den ganzen hochweisen Senat dazu hätte abtun mögen." Der Tod der Penthesilea. Heinrich von Kleist arbeitet an seinem Amazonen-Drama, Tag und Nacht, ohne Pause, mit zusammengebissenen Zähnen gleichsam, im Bett hockend, die Pfeife im Munde; er kämpft, Szene um Szene, einen schweren, fast körperlichen Kampf mit dem Stoff und schmiedet am gehämmerten, geballten Stil seiner Verse. Er wühlt sich hinein in die ferne klirrende Welt mit allem Großen und ©raufigen und auch mit all der blütenzarten Lieblichkeit des Rosenfestes, er lebt sich ganz in die Seele seiner jungen Kriegsfürstin hinein — ohne noch die eisige Ablehnung des Olympiers in Weimar zu ahnen, dem er fein Werk „auf den Knien seines Herzens" darreichen wollte. Er hat sich ganz eingefponnen in die Dichtung; niemand sieht ihn, niemand hört etwas von ihm. Endlich, eines Abends, tritt er zu Ernst von Pfuel, einem feiner wenigen Freunde, in die Stube. Pfuel springt aus, überrascht, den Gefährten wiederzusehen, erschreckt, wie er geisterbleich und verstört, mit Tränen in den großen, blauen Augen aus ihn zukommt, entsetzt und erschüttert, in aufblitzendem Erinnern an Ulrike, die tapfere, treue Schwester des unseligen Kameraden, als Kleist, tränenerfttät, die Worte hervorstöht: „Sie ist ist — sie ist eben gestorben." Erst langsam begreift Ernst von Pfuel (aber die Erschütterung des Herzens läßt ihn nicht los), daß Ulrike lebe, daß aber die „Penthesilea", ein grausam dichterisches Spiel von Liebe und Tod, soeben vollendet sei. 7) Pfarrer Ru11mann von Schwickartshausen, der nach Kochs Tod die Pfarrei Litzberg verwaltet«, hat ein genaues Verzeichnis der Getöteten aufgestellt nebst Angabe ihrer Personalien. Am Schlüsse dieses Verzeichnisses findet sich dl« betreffenbe Notiz. Haake von Stülpe. Im Anfang des 16. Jahrhunderts, bevor der Kurfürst Joachim II. Hektor die Reformation eingeführt hatte, zog der Ablahhändler Johann Tetzel auch durch die Mark Brandenburg und hatte großen Zulauf unter dem Volke. „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegfeuer springt." Aber eines Tages kam der Tetzel an den Unrechten. Das war der märkische Ritter Haake von Stülpe, dessen Name heute sicher nicht mehr bekannt märe, wenn er nicht eben den Ablaßhändler jo gröblich genasführt hätte. Stülpe wandte sich an Tetzel und kaufte von ihm um ein gutes Stück Geld Ablaß und Vergebung für eine noch zu begehende, schwere Sünde. Als aber Tetzel, der schmunzelnd seinen Säckel gefüllt hatte, unweit Jüterbog in den Trebbiner Sandbergen unterwegs war, in einer Gegend, wo sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen, da brach plötzlich der edle Ritter Haake von Stülpe mit etlichen Buschkleppern aus dem Gehölz, warf den Tetzel nieder, wies lachend den Ablaßschein vor, enthob den armen Mann seiner dicken Geldkatze, schlug sich seitwärts in die Büsche und ward nicht mehr gesehen. Der Dachdecker und die Würzkrämer von Hamburg. In Hamburg lebte vor langen Jahren ein Dachdecker. Das war ein gottesfürchtiger Mann, der jedesmal ein Stotzgebetlein sprach, ehe er sich an fein gefährliches Handwerk machte. Eines Tages mutz er auf den sehr hohen Turm von St. Michael steigen, ein Wahrzeichen der Stadt, um die Kreuzblume auszu- bessern. Ms er beinahe oben ist, schaut er einen Augenblick ins Blau«, tritt fehl, läßt los und stürzt hinunter. Jeder denkt, der steht nicht mehr auf. Aber im selben Augenblick geht ein Würzkrämer über den Kirchhof, der Dachdecker fällt so glücklich auf den Krämer, daß er sich nichts tut, ganz fänstiglich auf die Füße kommt und Gott für so sichtbares Wunder dankt. Der andere aber wird vom jähen Schreck und Sturz so unglücklich befallen, daß er tot liegen bleibt. Die Hamburger Würzkrämer, erbittert über den seltsamen Verlust ihres Genossen, brachten die Sache vor den Rat und forderten eine gerechte Buße. Der Rat erwog den Fall und tat diesen Spruch: der Dachdecker sollte an der nämlichen Stelle, wo er, herabstürzend, den Mann erschlagen hatte, aufgestellt werden. Die Würzkrämer sollten durchs Los einen ans ihrer Mitte bestimmen, der sich von der gleichen Stelle des Turmes hinunterstürzen, und dem es frei- gestellt fein sollte, den glücklich-unglücklichen Dachdecker mit seinem Fall zu erschlagen. Auge um Auge, Zahn um Zahn . . ., welches ein fast salomonisches Urteil genannt werden kann. Die Würzkrämer haben, gleichwohl, auf feine Vollstreckung Verzicht geleistet. Der Schneider von Peking. Ein Europäer war bei einem vornehmen Chinesen zum Gast- mahl geladen und zog dazu seinen Staatsrock an, der ein wertvolles und in Ehren gehaltenes Erbstück seines verstorbenen Vaters war. Beim Aufbruch von der Tafel bemerkte der Gast mit Schrecken, daß er sich mit der Zigarre ein kreisrundes Loch in feinen Rock gebrannt hatte; aber der Gastgeber tröstete ihn und wies ihn an einen Schneider, von dessen hoher Kunst man Wunderdinge erzählt«. Der Europäer ging zu diesem Manne, zeigte ihm das beschädigte Kleidungsstück und trug ihm auf, einen neuen Rock zu machen, dem alten völlig gleich in Stoff, Verarbeitung und Schnitt, dergestalt, daß beide nicht zu unterfck)eiden wären. Der Meister versprach das und forderte einen ziemlich hohen Preis. Nach zehn Tagen brachte der Schneider den neuen Rock. Der weiße Mann besah ihn von allen Seiten, verglich ihn mit dem alten, schien sehr befriedigt, erstarrte aber, als er an eben der gleichen Stelle, wie am alten Rock, genau dasselbe, kleine, kreisrunde Loch entdeckte. Die beiden Röcke waren in der Tat nicht mehr zu unterscheiden. Das brauchbare Manuskript. Ein heute längst berühmter deutscher Dichter, dessen Dramen und Romane um die Jahrhundertwende bedeutendes Aufsehen erregten, erzählt aus der Zeit, da er noch, „verkannt und sehr gering", ein blutjunger Wanderer auf der steinigen Landstraße der Künstler, einen ansehnlichen Stoß Manuskripte aufs Geratewohl an irgendeinen Verleger schickte. Er hatte alles fein säuberlich auf bluten- weißes Papier geschrieben und einen hoffnungsvollen, obzwar bescheidenen Brief beigefügt, in dem er den Verleger bat, das, was ihm brauchbar schiene, zu behalten, das Uebrige aber zurückzuschicken. Es verstrich eine unglaublich lange Zeit, und der junge Dichter schwankte schmerzlich zwischen Glück und Trauer. Eines Tages aber kam ein ansehnliches Paket mit der Post. Das war offenbar „das Uebrige". Der Dichter öffnete bebend, zählte, und steh', ihm fehlt kein teures Werk. Was fehlte, war der schöne, blütenweihe, unbeschriebene Rand, den der tüchllge Verleger von den Manuskripten abgeschnitten und zurückbehalten hatte. Das war „das Brauchbare". Blut und Eisen. Von Max C y t h. s Fortsetzung.) „Langsam, ya jalaam, langsam!" rief ich Achmed schon aus weiter Ferne zu. Cs half nichts. Er konnte mich in dem Lärm nicht hören. Seine Maschine brauste und klapperte weiter, schwankend und bebend. Beide Sicherheitsventile sandten senkrechte Dampfstrahlen gen Himmel. Die Heizer schaufelten die Kohlen in die Feuerbüchse, als waren sie besessen. „Langsam, langsam!" schrie ich! „wo ist mein Dragoman?" Keuchend kam Abu-Sa auf seinem Esel übers Feld. Er hatte auch bei Howard hospitiert und erhielt eine Ohrfeige. Da er ein Christ und Schriftgelehrter war, kam dies selten vor und verstimmte ihn ein wenig. Doch blieb er jetzt an meiner Ferse hängen wie mein Schatten und schimpfte in meinem Namen mit löblicher Energie. Aber all unsere Bemühungen schienen keinen merklichen Einfluß auf das stürmische Tempo des Pflügens zu gewinnen. Stand ich auf dem Tender hinter Machmud, dem Führer der ersten Maschine, so jagte die zweite am entfernten Feldende, als wäre sie toll geworden. Eilte ich dorthin und riß Achmed den Steuerhebel aus der Hand, so schien Machmud entschlossen, die verlorenen Sekunden wieder einzubringen, auch tuenn alles in die Luft fliegen sollte. Erst nach zehn Minuten dieser nicht zu bändigenden Raserei wurde mir ihre Ursache von Abu-Sa erklärt. Während meines Besuchs bei Bridledrum war Halim Pascha auf den Fowlerschen Maschinen gewesen. Das Feuer des Wettkampfs hatte ihn gepackt. Er hatte beiden, Achmed und Machmud, einen Theresientaler in die Hand gedrückt und mit seinem verstohlenen Lächeln zu den Leuten gesagt: „O, ihr Gläubigen! Wenn ihr heute diese Engländer da drüben besiegt, so erhaltet ihr ein Backschisch! — ein Backschisch!! Ein englisches Pfund, jeder, der mitgearbeitet hat!" „Jnschallah!" halten sie alle inbrünstig gerufen und waren bereit, mit den Maschinen in die Luft zu fliegen. Tut nicht Allah, was er will, auch mit Dampfmaschinen? Ganz wie ein Mensch muß sich auch ein Pflug an seine Arbeit etwas gewöhnen, ehe er zeigen kann, was in ihm ist. Howards Gerät lief jetzt besser und stetig, wenn auch nur halb so schnell als das unsre, Ein stattlicher schwarzbrauner Streifen frisch gepflügten Landes lag schon hinter uns, schätzungsweise zweimal so breit als der am andern Feldende, und anzusehen, als ob ein Afrit die Erdklumpen umhergeschleudert Hütte. Hübsch gepflügt konnte man es nicht nennen. Aber wer weiß in Aegypten, oder wer will wissen, was hübsch gepflügt ist? Staunend und den Propheten anrufend, liefen die aufgeregten Türken des Vizekönigs den letzten Furchen entlang und sprangen, ihre Pluderhosen zusammenraffend, entsetzt zur Seite, wenn 'her Pflug in seiner Staubwolke knirschend und prasselnd an ihnen vorüberglitt. Beinhaus und Heuglin gingen ernst und schweigend auf und ab. O'Donald gestikulierte heftig mit Bridledrum, der sich vergebens bemühte, seinen Leuten ein anderes Tempo beizubringen. Beide wußten nicht, daß die Wackeren stumm und ingrimmig taten, was irgend möglich war. Zweiundvierzig Minuten unserer Stunde waren abgelaufen. Ich stand auf Machmuds Maschine, als ein kleiner Fellahjunge, von Achmed kommend, atemlos über das Feld gelaufen tarn und zu mir heraufklettsrte. „O Bafchmahandt!" schrie er mir in die Ohren, „komme eiligst. Achmeds Bapor ist erkrankt." Bapor ist neuarabisch für alles, was vom Dampf getrieben wird. — „Der Kuckuck! Dacht' ich mir's doch!" rief ich wütend, sprang von der Maschine und rannte über das Feld, Abu-Sa hinter mir her, die beiden Esel nachschleppend. Doch es rauschte und brauste noch alles in scheinbar bester Ordnung. Nur noch fünfzehn — nur nach zwölf Minuten! Achmed stand neben seiner Maschine, die im Augenblick nichts zu tun hatte, da die andere den Pflug zog. Er war mit der Speffe- pnmpe beschäftigt, immer ein schwacher ‘ Punkt des Ganzen, und schraubte an dem Ventilkasien herum, der zwischen der Pumpe und dem Kessel sitzt. Die Dichtung der Flansche desselben hatte nachgegeben, lmd ein dünner Wasserstrahl schoß aus der haarfeinen Oeffnung heraus, die sich durch kein Festschrauben schließen lassen wollte. Das Schlagen des Ventils war nicht mehr hörbar: die Pumpe versagte. Konnte dies nicht wieder in Ordnung gebracht werden, so muhten wir in einigen Minuten aufhören, wenn wir aus Wassermangel den Kessel nicht fünf Minuten später in die Luft sprengen wollten. Ich drückte mit einem Schraubenflügel einen Putzlappen aus die enistandene Spalte, so daß der Wasserstrahl, der immer größer und heftiger hervorschoß, zurückgehalten wurde, und sofort hörte man das tröstliche Schlagen des Ventils, welches bewies, daß so das Speifewasfer wieder seinen richtigen Weg in den Kessel fand. Rur dauerte es nicht lange. Der Wasserstrahl fand seinen Weg an dem Schlüssel vorbei, unter dem Schlüssel durch; das Ventil hörte wieder auf zu schlagen. Doch Achmeds Augen sunkeltsn. Er hatte einen Gedanken; nur war keine Zeit, darüber zu sprechen. Mit einem Riß hatte er beide Aermel seiner zerlumpten Bluse abgerissen, ließ sich von seinem Heizer Werg und Putzlappen, die reichlich vorhanden waren, um beide Hände ’unb Arme wickeln und mit den Fetzen seiner Bluse umbinden. Dann drückte er, eine Hand auf die andere gestützt, mit aller Kraft gegen die haarfeine Spalte unter der heißen Ventilflansche. So war der Wasserstrahl fast gänzlich gehemmt. Die Pumpe arbeitete mit lautem Schlagen. Der Vflug war am andern Ende angekvmmen. „Bravo, Achmed!" rief ich, „vorwärts da droben!" Der Heizer verstand die Handgriffe so weit, um die Maschine in Bewegung zu setzen, die jetzt rasselnd und klappernd den Pflug heranzog. Die augenblickliche Gefahr war vorüber. Man konnte weiterpflügen. Achmed hielt fest. Die Pumpe arbeitete. Aber das Wasser fing an, ihm zwischen den Fingern durchzulaufen. Man sah in seinem Gesicht, daß es siedend war. Die Lumpen um seine Arme dampften. Zum Glück kam soeben ein voller Wasserwagen angefahren. Ich ließ emen Blecheimer füllen und schüttete selbst dem Helden des Augenblicks einen Strom kalten Wassers über Hände und Arme. „Gut! Gut! sagte er und hielt fest. Dies Verfahren war rasch organisiert. Zwei Eimer waren zur Stelle; der eine wurde gefüllt, während ein Fellah mit dem andern fortwährend Achmeds Hände und Arme beschüttete. Zwei-, dreimal rief er aus dem Dampf heraus, m dem er fast verschwand, nach seinem Propheten: „ya nabbtl na fataam! Aber er hielt aus. Ich wagte nicht, ihn zu ermuntern. Dre Pumpe arbeitete; das Wasser im Kessel, das gefährlich nieder gestanden hatte, war schon um zwei Zentimeter gestiegen. Es war em wirkliches und wahrhaftiges kleines Heldenstück, von der Mucius. Scavola-Gattung. Schweißbsdeckt, selbst nah bis auf die Haut und halb betäubt sah ich endlich wieder nach Howards Maschine hinüber. Und mit einemmal — hallo, was war das?" Ein kleiner dumpfer Knall, bis herüber hörbar, ein lautes, wütendes Zischen, eine ins Riesige wachsende Dampfwolke, welche die ganze Howardsche Maschine einhüllte, aus der ein halbes Dutzend Türken, sich überpurzelnd, herausstürzten! Ihr Pflug aber stand mitten im Feld plötzlich stockstill. „Festhalten, Achmed! Nur noch drei Minuten festhalten!" rief ich. sprang auf meinen Esel und galoppierte der neuen Unglücks- statte zu. Was geschehen war, wußte ich im ersten Augenblick; es bedeutete nichts Gefährliches, aber doch das Ende der heutigen Prü- fung. Ich kannte den Knall. In jeder anständigen Feuerbüchse befindet sich ein sogenannter Sicherheitspfropfen aus Blei, der ausschmilzt, wenn das Wasser im Kessel zu niedrig steht. Durch das hierdurch entstehende Loch strömt der Dampf in den offenen Feuer- raum, löscht das Feuer aus und verhindert so eine wirkliche Explosion, die durch das Ueberhitzen der Kesselbleche bei niederem Wasserstand stattfinden würde. Aus irgendwelchen Ursachen — vielleicht war auch bei Freund Bridledrum die Speisepumpe des heftigen Arbeitens müde geworden — war das Wasser zu tief ge- funken,, so daß der Kessel seine eigne Rettungsvorrichtung in Tätigkeit gesetzt hatte. Cs muß in einem solchen Fall ein neuer Blet- pfropf eingeschraubt, der Kessel frisch mit Wasser gefüllt und aufs neue Feuer und Dampf gemacht werden, ehe man weiterarbeiten kann. Das heißt: der kleine Unfall kostet einen Stillstand von drei bis vier Stunden. Als ich bei der verunglückten Maschine ankam, stand der englische Maschinenwärter vor seiner noch immer wild zischenden Dampfwolke, die Wasser und Feuer spie, stumm, grimmig einen Strohhalm kauend. Im Felde hatten sie schon das Seil vom Pfluge losgehakt. Bridledrum explizierte Halim Pascha mit feuriger Beredsamkeit die unbezahlbaren Vorteile eines Bleipfropfes in der Feuerbüchse. Die arabischen und türkischen Würdenträger hatten sich mit etwas unziemlicher Hast in ihre Wagen geflüchtet unb waren bereits in der Schubraallee und auf dem Wege nach Kairo. Fowlers Pflug lies noch immer über das Feld, als ob dort alles in schönster Ordnung wäre. ,fJch denke, wir können aufhören, Herrr Eyth", sagte der Prinz zu mir, um sich dem Redestrom Bridledrums zu entziehen. Er sah auf seinen Riesenchronometer, den er bisher gewissenhaft in der Hand gehalten hatte, und gab ihn Rames Bey, der das kostbar« Kunstwerk ohne Umstände in den bodenlosen Tascben seiner grünen Hosen versinken ließ. „Siebemmdfllnfzig Minuten!" fuhr Halim fort, indem er die Zahl mit einer goldenen Bleifeder in ein vergoldetes Miniaturtaschenbuch eintrug. Er hatte nicht umsonst an der Ecole Centrale zu Paris zwei Jahre lang Technologie studiert. „Sieben — und — fünfzig — Minuten! Null — Komma — fünf — sieben Stunden! Das heißt, das ist wohl nicht ganz korrekt. Wie, Herr Cyth? — Messen Sie jetzt die gepflügten Flächen und legen Sie mir morgen das Ergebnis vor. Herr Bridledrum wird Ihnen Gesellschaft leisten. Sehr hübsch, Herr Bridledrum, sehr hübsch! Die Sache hat m*r wirkliches Vergnügen gemacht. Ihr Apparat hat einige Vorzüge, namentlich für englischen Boden, der ohne Zweifel leichter aufzubrechen ist als unser alter Nilschlamm. Adieu, meine Herren!" Er sprang in seinen Korbwagen, Rames Bey ihm nach, die Zigaretten hervorholend, und fort waren die Herrschaften. Auch Abu-Sa, der Dragoman, hatte, auf meinem vielgeprüften Esel querfeldein reitend, die ' Fowlerschen Maschinen erreicht und schon unterwegs mit Händen und Füßen und lauter Stimme „Stop! Stop!" telegraphiert. Der Pflug war am Ende seiner letzten Furche angelangt und hielt stille. Die Nrüfiing war zu Ende. Als auch ich Achmeds Maschine erreichte, um nach dem Burschen zu sehen, lag er mit geschlossenen Augen auf einem Kohlenhaufen und rührte sich nicht. Er schien ohnmächtig geworden zu sein. Mein erster Pflüger Ibrahim, sein noch jugendlicher Schwieger- «ater, kniete vor ihm und sagt« von Zeit zu Zeit: „Malisch! malisch!" zu dem Dutzend Fellachin, die die Gruppe umstanden. Ich wollte nach Oel und Verbandzeug schicken. Ibrahim fchüttelte den Kopf und beschäftigte sich eifrig damit, in einem Wafsereimer aus einer aufgewekchten Erdscholle einen zähen Lehmbrei zu kneten, den er zolldick um die verbrühten Hände und Arme des Daliegenden klebte. „Gut! sehr gut!" rief das Fellahpublikum, sichtlich bestrebt, mich über die hervorragenden chirurgischen Erfahrungen Ibrahims aufzuklären. Achmed öffnete die Augen, richtete sich auf und sah nicht ohne Befriedigung die zwei Klumpen Erde, die ihm statt der Arme am Leib hingen. Dann stand er auf, sagte ebenfalls „Malisch" und ging nach der Maschine, um sich von seinem Heizer aus dem not dürftig gereinigten Eimer einen gewaltigen Truuk Waffer reichen zu lassen. (Fortsetzung fotgtj Schristleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Llniv.-Buch- und Sieindruckersi, A. Sange, Gieße«,