in m ab oi> ck- 3b tb (b lle [ie h- is m e< re (b e- Ml >e m is ft >e »e 1, ch 'S 's il r s s n n r e r x. n ii r f i i i x 5 f t Jahrgang (926 Samstag, den 7. August Nummer 65 so hat man bas Meer leuchtenden Wie überall, Gebirge oder an Madrid glüht in Madrid, im Juli. auch in Spanien die Wahl, ins in die Sommerfrische zu gehen. Sonnenstrahlen, auch die Nächte bringen nur wenig Kühlung, und so packt denn jeder, dem es vergönnt ist, seine Koffer und pilgert zum Aordbahnhof hinaus. Der Guadarrama liegt so nah mit seinen schönen Hotels in Escorial und in der königlichen Residenz von La Granja bei Segovia, wo es immer kühl ist und wo sich vornehme Kurgäste versammeln. Wer einfacher leben will, geht nach San Raphael mit seinen fast nordischen Wäldern und mit der schönen Derg- landschast. Alle diese Orte können in kurzer Bahnfahrt erreicht werden. Weiter hinaus gibt es schöne Städte, wie z. B. Leon oder Burgos, die sich gut zur Sommerfrische eignen, da die Temperatur in ihnen auch im Hochsommer erträglich bleibt. Burgos ist durch seine Kathedrale berühmt, ein Kunstwerk der Spätgotik, des deutschen Meister Hans aus Köln. Mit dem Bau wurde etwa um das Jahr 1400 begonnen, damals, als die reine Linie schon mit allerlei Schmuck und Stuck geschmückt wurde. Der Stein ist überall zierlich behauen, so daß man bisweilen glaubt, daß er aus Gips sei. Meister Hans, der jedenfalls die Baupläne der Kathedralen in Freiburg und in Köln kannte, wollte den Spaniern die gotischste Kathedrale der Welt erbauen, eine gewaltige Kirche, der>n Türme aus femgefloch- tenen Fäden in den Himmel greifen und in die die Sonne durch riesige, strahlende Farbenfenster in das Schiff hineinflutet, so daß den Andächtigen die Kathedrale wie ein Haus aus Licht, wie ein Haus des Himmels, erscheinen sollte, in dem die Orgel und die Choräle lobsingen. Aber der Baumeister vergaß, daß Sonne und Witterung hier anders auf den Stein als in der rheinischen Heimat wirken. Durch das Filigran der Türme pfeift der eisige Wind von den Pyrenäen, kriecht die Gluthitze der kastilischen Wüste, und beide nagen am Netzwerk der Fundamente. Die feinen Türme haben sich leicht gesenkt und drohen mit dem Einsturz. In dem steinernen Dröckelwerk hängen bronzene Glocken, von denen jede Hunderte von Zentnern schwer sein mag, und es scheint fast, als ob die Glocken die Türme allzusehr belasten und ihren Zusammenbruch beschleunigen könnten. 2luf Veranlassung des Herzogs von Alba ist ein Untersuchungsausschuß zusammengetreten, um die Türme aus ihre Baufälligkeit zu prüfen. Lind wirklich ist in der blauen Höhe- ein Dalken- gerüst angebracht worden, das gleichsam als Ausguck dient, aber mit den Ausbesserungsbauten ist noch nicht begonnen worden. .Untersuchungen pflegen in Spanien lange zu dauern. Abgesehen von der Kathedrale ist Burgos eine freundliche Kleinstadt, mit Kleinstadtgebahren und Getue. Man interessiert sich dafür, mit wem der Herr General spazieren geht, und Werdas Cafe Candela besucht, und wenn man als Ausländer durch die Straßen geht, so hört der Barbier in seiner Arbeit auf und schaut dem Fremden nach. Im Pavillon pflegt eine Kapelle zu spielen: da geht die seine Welt spazieren, und die Damen kritisieren gegenseitig ihre Toiletten und unterhalten sich über den lieben 2tächsten, was in Spanien, ebenso wie sonstwo, einen beliebten Gesprächsstoff abgibt. Die Stadt ist im übrigen schön und wohnlich und hat am Flußufer eine hübsch gepflegte Promenade. Die Sommergäste können sich billig einrichten und freundliche Wirtinnen sorgen für ihre Behaglichkeit. Zwar darf man nicht große Anforderungen stellen, denn in den spanischen Familienpensionen pflegt immer etwas kaputt zu sein, die Tische schaukeln, der Kleiderschrank ist unverschließbar, di« Stühle haben angeleimte Beine usw. Auch auf die Bemerkung, daß man leider ein Paar Wanzen bemerkt habe, meint die Wirtin entschuldigen-, daß jetzt ihre Saison, etwa ebenso unvermeidlich wie die Saison der Pfirsiche, gekommen sei. Die Abende sind herrlich, ruhevoll und kühl, die Leute freundlich, und da nimmt man denn schon manche Llnbequemlichkeit, als vom Schicksal bestimmt, mit in den Kauf. 2iicht weit von Burgos liegt das 2ionnenkloster von Huelgas. in dem die Könige Alfonso VII. und Alfonso VIII. begraben liegen. Um Alfonso VIII. spielt die Erzählung von der Jüdin von Toledo. Als er zu Besuch beim Maurenfürsten von Toledo weilte, verliebte er sich in di« schöne Rahel und begann mit ihr ein Verhältnis. Die Geistlichkeit hielt dem katholischen Könige seine Sünde vor, sich mit einer Jüdin einzulassen, und verurteilte ihn zu einer schweren Buße. Der König begann, wie es heißt, seine Kasteiung damit, daß er die Jüdin und das von ihr geborene Kind auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ und die englische Prinzessin Leonore heiratete. Wenn man ihr Bild im Kloster betrachtet, so möchte man fast glauben, daß die Buße des Königs wirklich mit der Hochzeit begonnen hatte. Der Weg nach San-Sebastian, der Sommerresidenz des Königs mit dem schönen Strand der Concha, führt über Burgos, aber viele Spanier ziehen die prächtigen Badeorte in 2lsturien und Galizien, etwa Santander oder La Coruna, dem teuren Luxus in San-Sebastian vor. Wie käst alle Städte in Spanien, so hat auch La Coruna eine Geschichte, die in die Jahrtausende der Vergangenheit reicht. Der Leuchtrurm des Herkules, der sein Licht weit über den Ozean hinauswirft, wurde bereits von den Phöniziern erbaut.. Römische Wachtposten schauten von feiner Spitze über das Meer hinaus, bis im 18. Jahrhundert unter König Carl III. sich der Phönizierbau in einen Leuchtturin verwandelte, der heute, modern ausgestaltet, den gewaltigen Ozeandampfern den Weg weist. — 2luch die Gründung der Stadt La Coruna selbst verliert sich in den Urzeiten. Sicher ist, daß Kelten, Phönizier und Griechen in ihr gehaust haben, Claudius Ptolomäus schuf bereits vor ihren Toren einen großen Hafen, aber der Verfall des Römerreiches beeinträchtigte auch die Bedeutung La Corunas. Im Mittelalter schlugen sich die feudalen Herren vor ihren Toren. Besonders bekannt ist der Kampf des Erzbischofs von Santiago de Compostela mit dem Herzog von Lancaster, der die Stadt erobern wollte, um Pedro dem Grausigen Unterstützung zu leihen. In den Hasen von Coruna kehrten die Reste der von den Elementen zerstörten Flotte zurück, die Philipp II. gegen England ausgesandt hatte. 2lber in La Coruna geschah es auch, daß Spanier wenige Monate darauf ihr« Revanche erlangten. Mit 142 Kriegsschiffen, bemannt mit 14 000 Soldaten, lagerte sich die Flotte des Admirals Drake vor dem Hafen, um die Stadt zu stürmen. Die Garnison unter dem Befehl des Marquis von Verralbo glaubte jeden Widerstand aufgeben zu müssen und war bereit, sich zurückzuziehen. Da erstand auch für Spanien eine Jungfrau von Orleans in der Gestalt von Mayor Fernandes de la Camera h Pita, vom Volk kurz Maria Pita genannt und unter diesem Namen in Hunderten von Liedern und Erzählungen verherrlicht. Sie stellt sich den Truppen in den Weg und beschwor sie, ihr gegen die Engländer zu folgen. Die Attacke kam dem englischen Admiral so unerwartet, daß die Engländer sich nach kurzem Kampf zur Flucht wandten. Philipp II. verlieh Maria Pita Offizierrang und ein lebenslängliches Gehalt. — 1808 zeichnete sich La Coruna im spanischen Freiheitskampf gegen den Marschall Soult aus und half die Franzosen vertreiben. Heute ist La Coruna einer der schönsten und gepflegtesten Badeorte 2kordspaniens. Ein Hafen, in den die Ozeanriesen aus Deutschland, England, Holland und Frankreich auf ihrem Weg« nach Südamerika oder Mexiko einzulaufen lieben, da es gleichzeitig der Hauptauswandererplatz der Spanier ist, die mit Vorliebe die deutschen Schiffe wählen. 2luf der schönen Promenade sind hübsche Palmen gepflanzt, die der Stadt einen südlichen Anschein verleihen. Gute und nicht allzuteure Hotels nehmen den Reisenden auf, schöne Damen gehen in den prächtigen Gärten von Mendez Nunez spazicLM oder m der Calle Real, Strand- Aus einer Reise. Von Hermann Hesse. Heimat haben ist gut, Süß der Schlummer unter eigenen« Dach, Kinder, Garten und Hund. Aber ach, Kaum hast bu vom letzten Wandern geruht, Geht dir die Ferne mit neuer Verlockung nach. Besser ist Heimweh leiden Und unter den hohen Sternen allein Mit seiner Sehnsucht sein. Haben und rasten kann nur der, Dessen Herz gelassen schlägt. Während der Wandrer Mühsal und Reisebeschwer In immer getäuschter Hoffnung trägt. Leichter wahrlich ist alle Wanderqual, Leichter als Friede finden im Heimattal, Wo in heimischer Freuden und Sorgen Kreis Rur der Weise sein Glück zu bauen weiß. Mir ist besser, zu suchen und nie zu finden, Statt mich eng und warm an das Nahe zu binden, Denn auch ini Glücke kann ich auf Erden Doch nur ein Gast und niemals ein Bürger werden. In der Von spanischen Sommerfrische E. v. Ll n g e r n - S t e r n b e r g. Gietzener jamilienblStter Unterhaltungsbeilage znm Siebener Anzeiger - 256 — orchefter spielen und helfen den Badegästen die Langweile zu vertreiben ... denn feit Primo de Rivera in ganz Spanien das Hasardspiel streng verboten har, ist das Badeleben etwas eintönig geworden, die Welt, die sich ainüsieren will und das nötige Geld dazu hat, geht deshalb oft lieber ins Ausland, wo die Sitten weniger streng sind und wo die grünen Tische auf- geschlagen werden dürfen. Nichts aber rann den schönen Strand, die Brandung des Ozeans, die wunderbare Landschaft und kühle Salzbrise ersetzen. So gibt es denn auch Ausländer, die sich an den spanischen Nordstrand erholen kommen. Namentlich für Deutsche ist die Neise bequem, man macht für 100 bis 200 Mk„ je nach der Klasse, eine drei-- bis viertägige Ozeanfahrt bei ausgezeichneter Verpflegung mit und schifft in La Coruna für einige Wochen aus. Dort kann man für einen Pensionspreis von 12 bis 16 Pesetas — eine Peseta gleich 0,65 Pfennige — eine sehr erträgliche Unterkunft finden, kann die schöne spanische Sprache lernen, sich mit den einheimischen Sitten und Gebräuchen vertraut machen und kann schliesslich Fahrten in das Innere unternehmen. Man rann das Apvstelgrab des Jakobus in Santiago besuchen, in die Sierra de Leon, in eine herrliche Berg- wiidnis, eindringen und den vielleicht schönsten Teil Spaniens kennen lernen, der sonst immer abseits der großen Touristen- stratze liegen bleibt. Seine Hcrnd. Novelle von Clara P r i e ß. In der Klinik des berühmten Frauenarztes wurde täglich stundenlang operiert. Auch die neuesten und schwierigsten Operationen wurden hier versucht und pflegten nach kurzer Zeit eine alltägliche Sache zu werden, über die man nicht mehr allzuviel Worte und Nervcnlraft verlor. Es war natürlich musterhaft sauber und ordentlich in der Klinik. Die netten Schwestern liefen in ihren weißen Häubchen, weihen. Schürzen und hellblauen Waschkleidern treppauf und treppab und scheuerten alles blitzblank. Sie sagten immer dieselben, etwas alltäglichen Trostesworte, wenn sie die Frauen für den Operativnssaal fertig machten. Es war eben alles Gewohnheit geworden in dem großen Hause. Nur daß die Kranken, die operiert werden sollten, sich nicht daran gewöhnen konnten, daß jede wieder verzweifelt aufschrie gegen ihr Schicksal, und es immer wieder einen todcsbangen Kampf kostete, ehe sie dann, meist mutig und gefaßt, jenen schweren Weg antraten. _ Wer das tägliche Leben in der Klinik und seinen regelmäßigen Stundenplan genau kannte, mußte merken, daß sich heute morgen besondere Dinge vordereiteten. Die blau-weißen Schwestern scheuerten seit früh fünf Ahr unaufhörlich. Die besten Zimmer des ersten Stockwerks wurden für eine Kranke zurechtgemacht und mit Hilfe der feinsten Möbelstücke aus den andern Zimmern nach Kräften aufgeputzt und dekoriert. Der Herr Geheimrat hatte eben die Zimmer in Augenschein genommen und noch ein paar knappe, scharfe Befehle gegeben. Er war natürlich der Alleinherrscher und Tyrann dieses Hauses. Die unbeschränkte Oberhoheit über so viele Frauenseelen war ihm um so mehr zu gönnen, als er im Privatleben einer Frau, nämlich seiner eigenen, bedingungslos zu gehorchen hatte. Nun stand der kleine, graue Herr ziemlich nervös und erregt im Operativnssaal und gab der hier die Aufsicht führenden Schwester und seinen beiden jungen Assistenten noch ein paar letzte Instruktionen. Wenn er sich auch auf feine Leute verlassen konnte — man arbeitete sich ja täglich in die Hand — so schien doch heute ganz besondere Vorsicht und Amsicht am Platze. Man operierte eben nicht täglich eine Fürstin. Außerdem galt es den: bekannten Professor der Chirurgie, dessen Anwesenheit gewünscht worden war und dem Hof- und Leibarzt Ihrer Hoheit zu imponieren. Das letztere konnte zwar nicht schwer sein. Eine vorsintflutliche Einrichtung, dieser Hvfrat! In diesen kleinen thüringischen Residenzen schien man noch keine Ahnung von moderner Chirurgie zu haben. Eine ganz verschleppte und verbummelte Geschichte, diese Krankheit! And dabei behauptete der gute Mann, daß die Frau nie geklagt habe. Der Fürst verhielt sich merkwürdig passiv, und Kinder oder andere Verwandte, die sich liebevoll aufregten, waren anscheinend auch nicht vorhanden. Jedenfalls war es aber Pflicht, die Operation doch zu versuchen, — gelang sie, so war sein Glück gemacht. Im anderen Falle machte es seinen Namen auch bekannt, wenn die Tages- blätter die Todesnachricht mit der Notiz brachten, daß die hohe Frau an einem leider viel zu spät erkannten Leiden infolge einer Operation in seiner Klinik verstorben war. In diesen angenehmen Gedanken wurde der Herr Geheimrat durch den Eintritt seines Kollegen, des bekannten Professors der Chirurgie, gestört. Der Herr Professor hatte sich erlaubt, seinen ersten Assistenten mitzubringen, einen Herrn Dr. Hans Müller. Die Herren schüttelten sich die Hände und fingen dann an, ihre weißen Operationskittel anzuziehen und Hände und Nägel gründlichst zu desinfizieren. Dabei sprach man ein paar Worte, Fachwissenschaftliches, vom Wetter, dann, als die Patientin auf sich warten ließ, auch von ihren persönlichen Verhältnissen. „Ist sie nicht eine geborene Thurn, von der mediatisierten Linie?" fragte der Professor. . „Maria Luise von Thurn", sagte der Geheimrat, der im Hofkalender nachgesehen hatte. „ Fünfunddreihig Jahre alt, kinderlos. Sie macht übrigens einen bedeutend älteren Eindruck, diese Leiden zehren ja kolossal. Aber vornehm sage ich Ihnen, vornehm bis in die Fingerspitzen. Näheres weih ich auch nicht. Die Fürstin konsultierte mich vor ein paar Tagen auf der Durchreise plötzlich, und es war dann ihr spezieller Wunsch!, hier in meiner Klinik operiert zu werden." Die Herren schwiegen wieder. Es war da einer, der mehr von der Fürstin hätte erzählen können, jener lange, blonde Mensch, den der Professor vorhin als seinen Assistenten vorgestellt hatte. Er stand jetzt ruhig am Fenster und sah in den kleinen, mittagsheißen Berliner Hof hinunter. Er war kein schwatzhafter Mensch, dieser Dr. Hans Müller, sonst hätte er eine Geschichte erzählen können. Es waren einmal zwei Primaner, die sich auf derselben Schulbank rKelten, der eine ein Pfarrers-, der andere ein Fürstensohn. Da man höheren Orts für den Prinzen soliden, bürgerlichen Umgang wünschte, sorgte der Hofmeister, daß die beiden miteinander verkehrten. Als der Prinz dann so eine Art Zuneigung für diesen Hans Müller faßte, wurde der junge Mann als Feriengast des Prinzen nach Thurn eingeladen. Der Herr Hofmeister ließ den jungen Müller — der Alte war Pastor in Hinterdittersdorf — von Kopf bis zu Fuß in neue Kleider stecken und wunderte sich bann, wie präsentabel der Junge aussah. Ein schlankes, gesundes Menschenkind mit ein paar verträumten blauen Augen, einem blonden Haarschopf über der Stirn und einem jungen Herzen ganz voll von unverbrauchter Liebes- und Degeisterungsfähigkeit, das war Hans Müller damals. Man kam dem jungen Gaste wohlwollend entgegen. Aeber die erste Verlegenheit und die schlimmsten Ecken half der Hofmeister freundlichst fort. Bei den Mahlzeiten ging es hoch- vornehm und nach allen Gesetzen der Etikette her, zwischendurch tat jeder auf Thurn, was ihm Spaß machte. Der Fürst be- fchästigte sich mit genealogischen Studien und Hühnerzucht, die Fürstin las Nomane und legte sich Patiencen, der Oberhofmeister sammelte Münzen und seine Frau schrieb ihre Memoiren. Jeder war mit sich selbst und der eigenen Wichtigkeit vollauf beschäftigt. Wenn Hans Müller jetzt an jene Leute zurückdachte, kamen sie ihm wie die Hauptpersonen eines Puppentheaters oder eines mittelmäßigen Nornans vor — nicht ganz tot, aber auch alles andere wie wirklich lebendig. Da war nur ein Mensch, der ganz lebendig war, die fünfzehnjährige Prinzeß Marie Luise. Die sah freilich auch bis obenhin voll Leben und Sehnsucht. Die drei waren gut Freund in den Ferien. Marie Luise langweilte sich so schlimm in der großen Schulstube bei der englischen Gouvernante, daß ihr schon ein Spiel Tennis mit den jungen Leuten ein Hochgenuß war. Dabei kam sie einmal mit Hans Müller auf Bücher zu sprechen. Die kleine Prinzessin hatte neben aller anderen Sehnsucht auch einen beständigen Hunger nach Büchern, denn ihre Bibliothek bestand aus englischen und französischen Jugendschriften vom Anfang des vorigen Jahrhunderts. Man machte auch Ausfahrten miteinander in das hügelige Waldland rings herum. Hans Müller meinte, nie wieder so viel Sonnenschein und so tiefgrüne Waldeinsamkeit gesehen zu haben, wie in jenen Sommerferien. Cs gab da zwei Stunden vom Schloß eine Försterei. Dorthin fuhr man eines Nachmittags, die Prinzessin in ihrer Pony-Equipage mit Gouvernante, Kutscher und Diener, der Prinz mit seinem Schulfreund im leichten Jagdwagen. Sie waren so jung und froh miteinander, als sie unter den Linden vor der Haustür aus der Frau Förster allerbesten Tassen den guten Kaffee tranken und sehr viel von dem mitgebrachten Kuchen dazu verzehrten, als sie die jungen Hunde im Stall besuchten und den kleinen Fuchs an der Kette neckten. Dann besahen sie den Garten hinter dem Hause, den die hohen Waldbäume vor Wind und Wetter schützten. So ein bunter, lustiger Garten war's mit allerlei altmodischen Blumen, die Hans Müller zu nennen wußte: Jungferchen im Grünen, Brennende Liebe, Rühr' mich nicht an, Rittersporn und Goldlack. Miß Hamleh hätte natürlich dabei sein sollen und wäre sicher auch ihrer Pflicht treu wie immer nachgekommen, wenn ihre großen englischen Füße nicht gerade heute in einem Paar viel zu kleiner neuer Stiefel gesteckt hätten. Sie hatte Beim Kaffee genug gelitten. Letzt zog sie die Stiefel aus und stellte sie vorsichtig vor ihren Kleidersaum nieder, daß ein unbefangener Zuschauer annehmen mutzte, ihre Füße säßen noch darin. Befreit und erschöpft von den ausgestandenen Qualen lehnte sie bann ben Kopf zurück an ben Baumstamm und schlummerte ein wenig ein. Nur ein wenig, aber des Försters Dachs, der unter dem Tisch nach Kuchenkrumen suchte, entdeckte ben Tatbestand. Er nahm einen Stiefel ins Maul und kam so in ben Gartet« zu ben dreien. Da gab's bann viel Helles Lachen. Der Prinz versteckte den Stiefel und behauptete, ihn nie wieder heraus- geben zu wollen. Sann ging er zurück ins Haus, um vom Wohnstubenfenster aus Miß Hamleys Erwachen zu beobachten. Die beiden anbern gingen aus betn Garten hinaus in ben Wald. Die kleine Prinzeß sprang wie ein losgelassenes Füllen über Gräben und Baumstümpfe, immer tiefer hinein ins grüne Dickicht. Sie fanben eine Lichtung, wo die Sonne warm schien und die Walderdbeeren gereift hatten. Dann gings weiter, wie- — 251 der hinein in Len Hochwald. Sie sprachen nicht allzu viel miteinander und hatten später vergessen, was sie geredet hatten. Aber ein starkes schönes Gefühl des Verstehens und der Freude aneinander ging mit ihnen und blieb ihnen unvergeßlich. Er war es, der zuerst an die Amkehr und den Heimweg erinnerte. Mer Marie Louise war von all der Freude und Sommerluft so übermütig geworden, daß sie nicht umkehren wollte. Sie würden schon unten im Tale den Fahrweg finden und die heimkehrenden Wagen treffen. So gingen sie weiter bergab. Wo das Anterholz zu Dicht war,, ging er vor und hielt ihr die Zweige zurück, wo der Weg frei war, gingen sie dicht nebeneinander. Als sie endlich auf dem Fahrdamm standen, lag die Dämmer ng tief über dem Waldtal und ein letzter Schimmer Abendrot hoch über den grünen Bergen. Mit dem Aebermut wars nun vorbei. Sie fürchteten sich heimlich beide ein wenig. Bon den Wagen war keine Spur zu sehen. „Sie werden uns schön ausschelten," sagte Marie Louise, „aber daraus mache ich mir gar nichts. And ich will es Miß Hamley schon klar machen, daß ich's gewollt habe — ich ganz allein, And schön toar’S doch - und ich tät's gerne noch ein- inal!" „.Und ich tät's gern noch hundertmal", sagte er. Da schob sie ihre Hand in die seine, und Hand in Hand waren sie weitergewandert — bis sie das Rollen der Wagen hinter sich hörten. Am anderen Tage mußte Marie Louise auf ihrem Zimmer bleiben und ein Goldstück von ihrem Taschengeld an die Mission schicken. Die alten Herrschaften erfuhren nichts von der Sache, aber mit dem Hofmeister sprach Miß Hamley sich gründlich aus. Der fand leicht einen Dorwand, Hans Müller bald hcimzuschicken. Miß Hamley gab acht, daß die beiden Sünder sich vorher nicht mehr alleine sahen. Ähre Wege trennten sich dann ganz von selbst. Der Prinz »erließ im Herbst das Gymnasium und trat in die Armee ein. Hans Müller war seinen eigenen Weg weitergegangen. Sonderbar war's, daß er niemals mit anderen Menschen von jenem Sommernachmittag geredet hatte, nicht mit seinen Studienfreunden und nicht mit der kleinen lustigen Frau, die er sich vor ein paar Jahren in sein Haus geholt hatte. Es war da etwas, was ihm ganz allein gehörte, ihm und vielleicht der anderen, wenn sie nicht alles längst vergessen hatte. Man hörte draußen sprechen. Der Geheimrat begab sich zur Begrüßung der Fürstin hinaus. Er kam bald wieder. Ihre Hoheit wünschte auch die übrigen Herren kennenzulernen. Sie gingen alle in das Dorzimmer, Dr. Hans Müller als der letzte. Er blieb dicht an der wcißlackierten Tür zum Operationssaale stehen. Er hörte seinen Damen nennen und machte mechanisch eine Derbeugung. Dann sah er auf und gerade hinein in ein paar dunkle Frauenaugen. Die Augen erkannte er wieder, wenn ihm auch sonst alles an der blassen Frau fremd war, die dort im Sessel saß. Der Leibarzt der Fürstin sprach ein paar höfliche Worte mit den Kollegen. Dann kam eine Pause. Wan wartete auf den Befehl, mit der Operation anzufangen. „Ich wünsche, einen Augenblick mit Herrn Dr. Müller allein gelassen zu werden." Die Stimme Ihrer Hoheit klang klar durch die große Stille. Wenn die Fürstin erklärt hätte, sie wollte noch einen Walzer mit dem Geheimrat tanzen, würde man sich kaum mehr gewundert haben. Aber man war natürlich viel zu gut erzogen, um so plebejische Gefühle wie Erstaunen und Reib nach außen hin,zu zeigen. Die beiden Menschen waren allein. Alles andere, alles, was das Leben ihnen um- und angehängt hatte, schien der todkranken Frau in diesem Augenblick abgetan und ausgelöscht. Sie hatte solche Sehnsucht nach einem Menschen, der auch sie ganz einfach als Menschen nahm, der begriff, wie es ihr zu Micke war. Danach hatte sie gehungert seit der Stunde, wo sie erfahren, daß ihr Leiden ein todernstes sei, daß sie vor dem dunklen Tor stehe, dessen eherne Pforten das -große Schweigen verschließen. Man hatte ihr das sehr rücksichtsvoll und langatmig mit Hilfe von vielen Fremdwörtern gesagt, aber sie hatte den tiefen Sinn doch rasch verstanden. Seitdem waren viele Menschenworte an ihr Ohr geschlagen, höfliche, mitleidsvolle, ergebene, aber kein einziges war ihr bis in Vie Seele gegangen. Sie hatte die Bitternis der Einsamkeit geschmeckt in diesen letzten Tagen und Rächten. And nun in dieser allerletzten Stunde schlug ein Rame an ihr Ohr und ihre Seele horchte auf, und sie streckte die Hände aus nach einem Gefährten auf dem dunklen Wege. Die beiden Menschen waren allein. Sie war ganz unbefangen mit jener vornehmen Sicherheit, die Erziehung und Stellung ihr gegeben. Er war verlegen und eckig. Aber als sie ein paar einfache Fragen tat, nach seinem Ergehen, seinen Lebensverhältnissen, da fand auch er rasch den rechten Son. „Ich wußte, daß etwas Tüchtiges aus Ihnen werden müßte", sagte sie. „Wenn das Miß Hamley erlebt hätte! Sie prophezeite Ihnen eine grauenhafte Zukunft damals nach jenem Waldspaziergang — als wir noch jung und froh gewesen sind. Richt wahr, Sie haben's auch nimmer vergessen? — And jetzt sollen Sie mir sagen, wie es um mich steht. Sie wissen sicher, wie Der Geheimrat die Sache ansieht — ziemlich verzweifelt, nicht wahr?" Er mußte ihr die Wahrheit sagen. Es war etwas in ihren Augen, das ihn dazu zwang. „And wenn die Operation gelingt," sagte sie dann, „Sie meinen ja, daß eine Möglichkeit bleibe, hab' ich dann wirklich Aussicht gesund zu werden, gesund zu bleiben?" Er schwieg. „So danken Sie Gott an meiner Stelle, wenn ich nachher nicht wieder aufwache. Mir fehlt's an Kraft und Mut zum Weiterleben, zum Weiterleidenmüssen. Wenn ich am Leben bleibe, dann muffen Sie mir helfen, so ganz allein kann ich nicht mehr fort. Aber auch vor dem Alleinsterben graut mir. Richt wahr — Sie bleiben bei mir — bis zuletzt?" J5ie streckte ihm die Hand entgegen, so eine abgemagerte weihe Hand. Er konnte kein Wort sagen, aber sie fühlte an seinem Händedruck, daß er sie verstanden hatte. Sie richtete sich auf. „Lassen Sie die Herren anfangen, ich bin Bereit.“ Sie wandte sich zu den eintretenden Aerzten. „Ich wünsche, daß Herr Dr. Müller während der Narkose meine Hand hält und auch später, wenn ich erwachen sollte, in meiner Nähe bleibt,“ — — — Er hatte ihre Hand gehalten, stundenlang, während di« Aerzte ihre Arbeit an dem armen Frauenleibe taten. Es war eine schwere, traurige Arbeit. Die Krankheit war hoffnungslos weit vorgeschritten. Dr. Hans Müller hatte unausgesetzt den Pulsschlag beobachtet. Sie lebte noch, als man fertig war. Er trug sie behutsam mit den blau-weißen Schwestern hinauf auf ihr weißes Lager. Langsam unter Qual und Grauen dämmerte das Bewußtsein auf. Sie klagte über Kälte, er bettet« sie zwischen heiße Steine und Wärmeslaschen. Sie verlangte zu trinken, er legte ihr ein Stückchen Eis auf die Zunge. Eo nahm so ruhig und selbstverständlich den Platz an ihrer Seite ein, daß keiner sich zu wundern wagte. Gegen Abend wurde die Anruhe schlimmer. Die gaben ihr Morphium. Danach hatte sie ein paar Stunden lang mehr Ruhe. Am Mitternacht kam eine große Angst. „Festhalten, fest» halten," bat sie ein paarmal, „ich falle so tief ins Leere.' Ms die Frühschauer des Morgens kalt Lurchs offene Fenster kamen, starb sie, an einer inneren. Verblutung, sagten die Aerzte.i Seine Hand hatte sie bis zuletzt gehalten. — — — „Es tut mir wirklich leid, mein lieber Kollege," sagte der Geheimrat ein paar Wochen später gelegentlich zu dem Dr. Hans Müller, „daß Ihre so anerkennenswerten Bemühungen um Sie verstorbene Fürstin an maßgebender Stelle keine Beachtung gefunden haben. Der Leibarzt hat's offenbar nicht für nötig gehalten, dem Fürsten den Tatbestand zu melden, oder Seine Hoheit hatte keine Neigung, sich für die Sache zu interessieren. Ich hatte mir schon vorgestellt, daß Sie in den Besitz des Hausordens erster Klasse und eines netten kleinen Dar- vermögens kommen würden. Sie hatten doch wohl alte Beziehungen zu der Fürstin? Derartiges ist ja heute unbezahlbar, man muß es nur gründlich auszunutzen wissen, mein Lieber." Hans Müller sah den Geheimrat ruhig an. „Es gibt eben Dinge, auch heutzutage noch, Herr Geheimrat, die so wertvoll sind, daß sie sich überhaupt nicht bezahlen lassen", sagt« er. Die Heimkehr. Don Hermann S t e g « m a n n.