Gießener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, -en 6. November Nummer 89 Der Schwan. Von Anton S ch n a ck. Unter ihm am diamant'nen Grund Spielen Fische schweigsam und blutkalt, Molch glüht Phosphor aus dem Perlenmund Und der Tang ist alt. Auf dem Wasser schwimmt der weiße Schwan Still als ob er schliefe. Dann verengt er seine Bahn Und träumt in die Tiefe . . . Balzacs „NapoleonMs". Von Anton B e t t e l h e k m. Dem Wiener Literaturhistoriker Bettelheim verdanken wir schon eine Reihe wertvoller Biographien, denen sich nun ein umfassendes Werk über Honore de Balzac, den großen französischen Romanzier anreiht (bei C. S). Beck in München mit einer Reihe interessanter Bildbeilagen erschienen). Für Balzac hat unsere Zeit ein besonderes Faible, und die Verlage unterstützen dies bereitwilligst durch die verschiedensten Ausgaben seiner Werke Die bislang vermißte Biographie des Dichters hat uns nun Bettelheim geschenkt, sorgfältig gearbeitet auf Grund umfassendster Quellenforschung, nicht kongenial, nicht schwungvoll mitreißend, aber mit dem steten Bemühen einer Einfühlung in den Dichter, übersichtlich und aufschlußreich. Mit Erlaubnis des Verlages entnehmen wir dem Werk folgenden Abschnitt (246): Balzac nimmt mit Recht für die französischen Wortführer der Literatur seiner Zeit andere Redesormen, andere Pflichtenkreise, andere Aufgaben in Anspruch als — Rousseau und Diderot ausgenommen — für die Meister des 18. Jahrhunderts. Töne von der Wucht seines Hymnus auf die Sendung des Schriftstellers finden sich bei Beaumarchais so wenig wie bei Voltaire. Ein solches Propheten- amt teilen, in den Hauptgedanken unbewußt eines Sinnes mit Balzac, erst im 19. Jahrhundert Carlyle und Emerson dem Mann der Feder zu. Selbst dieses grenzenlose Gebiet geistiger Arbeit und Herrschaft genügte Balzac nicht immer. Wiederholt fühlte er dem Drang, als Mann der Tat einzugreifen, und nicht an ihm hat es gelegen, wenn er seine Straft nicht als Abgeordneter, Pair, Minister einsetzen durfte. Menschlicher Voraussicht nach hätte ihm die politische Laufbahn nicht mehr Segen gebracht als Victor Hugo und Lamartine. Leichter noch als unzählige andere unruhige Köpfe ihrer Zeit verfielen die Feuergeister der Dichter der weitverbreiteten Zeitkrankheit Napoleonitis, und es half auch Balzac wenig, daß ihm ein wohlmeinender Warner frühzeitig (1836) den Ausbruch und Verlauf dieses Uebels genau beschrieb: „Ein großes Beispiel hat das Jahrhundert zugrunde gerichtet. Seit ein kleiner Unterleutnant der Artillerie aus den Reihen getreten ist, um sich auf den Thron zu setzen, hat ein unglaublicher Rausch der Ehrfurcht aller Seelen sich bemächtigt. Jede Intelligenz, die einige Kraft in sich verspürt, will ihr Austerlitz gewinnen und ihre Siegessäule sich bauen. Sulla sah mehr als einen Marius in Cäsar. Es gibt wenige Menschen, die in sich nicht mehr als einen Napoleon erblicken. Wir alle, wie wir auch sind, sehen aus der Ferne unserer Geschicke eine Zepterspitze und einen Purpurzipfel auftauchen. Enzyklopädische Köpfe rennen in allen Straßen umher. Man begegnet nur Leuten, die morgens die Schlacht von Rocroy gewinnen, zum ersten Frühstück Athalie vollenden, nachmittags die Entdeckungen Newtons machen, zur Hauptmahlzeit, wenn man sie schön bäte, die Politik des Kardinals Richelieu improvisieren würden. Ein besonderer Glücksfall wäre es, wenn sie nicht noch in ihren freien Augenblicken Haydn und Mozart entthronen wollten/ Derselbe Spötter, Nettement, sonst ein Anwalt der ersten gelungenen Leistungen Balzacs, erspart auch ihm nicht die Neckerei, daß er, ohne sich lange nötigen zu lassen, Bos- suet über Theologie, Cuvier über Erdkunde, Napoleon über die Kriegskunst Privatissima halten würde. Wie eine bedenkliche Bekräftigung dieser Parodie wirkt es, daß Balzac in seinem Zimmer eine Statuette Napoleons hatte, die aus der Degenscheide die Inschrift trug: „Was er mit dem Schwert nicht vollenden konnte, das will ich mit der Feder fertig bringen." Ein vermessenes Wort, doppelt vermessen angesichts der Stellung, die Napoleon in Balzacs Denken und Schaffen einnimmt. Sichtbar oder unsichtbar scheint er allgegenwärtig in feinem Lebenswerk, hört er zu, wo man ihn nicht selbst reden hört. Wie Voltaire jahrelang für sein „Siecke de Louis XIV." unauffällig alle ihm erreichbaren Gewährsmänner für die Geschichte jene» Zeitalters zu Rate zog, ließ Balzac im Verkehr keinen Zeugen der napoleonischen Tage unbemerkt oder unbefragt. Weniger wählerisch als Voltaire beschränkte er sich bei seinen Forschungen nicht auf Staatsmänner, Heerführer, Kirchensürsten. Ebenso willkommen, wenn nicht willkommener als Herzoginnen und Marschälle, waren ihm Kundschafter und Troßknechte, Armeelieferanten und Feldgeistliche, Krankenpfleger und fahrendes Volk. Er sammelte Musterproben der Uniformen aller Grade und Truppen. Kleine bezeichnende Anekdoten nahm er ebenso willig auf wie wichtige diplomatische Enthüllungen; unter dem ersten Eindruck war nicht vorauszusehen, was die Folge aus solchem Rohstoff formen würde, „Dieu, fable oü cuvette“. Vor allem aber versenkte er sich in Napoleons Ideenwelt. Sieben Jahre lang lag auf seinem Arbeitstisch ein Einschreibebuch, in dem er jeden echten oder vermeinllichen 'Ausspruch Napoleons, den er las oder hörte, als Glücksfund verzeichnete. Als er eines Tages wieder einmal in Geldverlegenheit war, blätterte er dieses „Wirtschaftsbuch" auf, in dem er überdies die Stoffe und Urentwürfe seiner eigenen Arbeiten vormerkte. Er zählte seine Napoleonzitate: es waren über 500 Ihre Veröffentlichung konnte somit ein rundes Buch geben, nach Balzacs Urteil das belangreichste Buch der Zeit: „Maximes et Pensees de Napoleon“. Der Dichter, der für seine Publikation keine Anleihe bei fremden, noch so großen Geistern zu machen pflegte, verkaufte seine Kollektaneen einem früheren Hutmacher, der in seinem Bezirk als Armenvater eine Rolle spielte und nach der Ehrenlegion lüstern war, um 4000 Franken. Der Ordensjäger hoffte das Ziel feiner Sehnsucht zu erreichen, wenn er die Gabe dem Bürgerkönig widmete: Dedlkation und Vorrede des selten gewordenen — vom Napoleonforscher Fredönc Masion als halbe 'Mystifikation abgewiesenen — Buches rührt nach Balzacs fröhlicher Selbstverspcütung (in einem Brief an Eva Hanska-Rzewuska) von ihm her. Bittet er in seinem drolligen Berichk^tiber den kuriosen Handel an diese Vertraute auch den Schatten Napoleons um Gnade wegen der grotesk schmeichlerischen Zueignung an Louis Philippe — den Band selbst nennt er ihr gegenüber eines der schönsten Dinge der Welt; den Gedanken, die Seele des großen Mannes auf Grund seiner Selbstbekenntnisse erfaßt von Balzac. Die „Maximes et pensees de Napoleon recueillies par J. L. Gaudy jeune", Paris 1838, behandeln in vier Abteilungen L Napoleons Grundsätze und Gedanken vor dem 18. Brumaire, d h. die Zeiten, in denen er Republikaner oder Bürger, Untertan ober Untergebener einer vorgesetzten Staatsgewalt mar. 2. Alle seine Gedanken über die Kriegskunst, die das Geheimnis ferner Erhebung und der Nerv seiner Herrschaft mar. 3. Alle Iden des Souverains über die Ausübung der Macht und deren Organisation. 4. Alles, was ihm Erfahrung und Unglück eingegeben hat, der Schmerzensschrei des modernen Promechens. In der von I. L. G... y Jeune unterschriebenen, gedruckten Vorrede macht sich anfangs der wirkliche Verfasser Balzac über den angeblichen Herausgeber lustig. Mit prahlerischem Selbstlob drückt sich I. L. G... y für fein Sammlerverdienst einen Strahlenkranz auf das Haupt: sein Werk fei für Napoleon, was das Evangelium für Jefus Christus. In den folgenden Gedankengängen kommt desto unverkennbarer Balzacs ernste Ueberzeugung zum Vorschein: Napoleon sei eine der gewalttätigsten unter allen in der Geschichte menschlicher Reiche bekannten Willenskräfte. Deshalb konnte nicht» für ihn bemerkenswerter fein als die Gesetze, nach denen er seine Macht aufgerichtet und aufrechterhalten hat. Von seinem Ausgangspunkt bis. zu seinem Gipfelpunkt, vom Thron bis zum Grab habe er zweimal in grundverschiedener Art die ganze Stufenleiter der Gesellschaft durchlaufen und verstanden, alles zu sehen und zu beobachten. Deshalb wird jeder Leser in Napoleons Maximen und Ideen irgend etwas zu seinem Vorteil finden, denn Napoleons Gedanke, scharf wie ein Schwert, sei in alle Tiefen gedrungen. Der Schreckensmann von 1793 und der kommandierende General sind hinter dem Kaiser verschwunden, der Herrscher hat den ehedem Beherrschten Lügen gestraft. Gerade diese Widersprüche zeigen am deutlichsten den Kampf, zu dem er verurteilt war. Vor allem wird die Sammlung seiner Grundsätze die Richtschnur bedrohter Regie- rungen fein. Niemand hat besseren Instinkt für Gefährdung von Staatslenkern gehabt als Napoleon. Man wird ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er offen gewesen und vor keiner Konsequenz zurückgeschreckt ist. Er hat die Tat verherrlicht und die Idee verdammt. Es steht niemanden zu, Napoleon zu verteidigen oder an- zuklaaen. Es heißt, ihn vor allem auftreten zu lassen. Der Inbegriff 'seiner Gedanken ist eine Gesetzgebung für sich, die verworfen ober angenommen werden mag, die aber in ihrer bündigsten tform - 354 — ans Licht gezogen werden mutzte, denn niemand soll vergessen, daß sie die Geheimnisse des größten Organisators der modernen Gefell- ^^eine ^Fähigkeit Napoleons hat Balzac größeren Eindruck gemacht als diese Gabe, noch so spröde einander widerstrebende Elemente mit ehernem Griff zu packen, zu gliedern, zu willenlos fügsamen Werkzeugen seiner allmächtigen, das Ganze formenden und beherrschenden Bildnerkraft zu machen. „Organiser est un mot de 1’Emöke et qui contient Napoleon entier heißt es, Mit der pseudonymen Vorrede zu Napoleons Maximes et pens6es über» einstimmend, in einer Pariser Geschichte Balzacs. Dasselbe Wort ,Organisieren" erschöpft auch die Endabsicht der Com6die humaine: die Bändigung der Stosfmassen eines ganzen Volkslebens durch einen überlegenen Schöpfergeist nach einem für alle Stande und Stufen mit gleichem Scharfblick vorbauenden Grundriß. Unaustilgbar, wie im Staatswesen Neufrankreichs, ist die Spur Napoleons in Balzacs enzyklopädischer Sittenschilderung dieser Epoche. Wie wenige kennt Balzac die Wunder und die Frevel des ersten Kaiserreiches. „Der Titan, der, umgeben von Halbgöttern, Europa aufwühlt", war ihm so vertraut, wie rsvuchä mit seinen Polizeihunden. Napoleon und seine Leute gehen durch die ganze Comedie humaine: Bonaparte begegnet UNS als Feldherr, Regent, Gesetzgeber, als Weltenbezwinger, der Throne stürzt und Königreiche verschenkt, als Abgott und Verderber seiner Soldaten. In „Vendetta gibt er korsischen Landsleuten als Konsul Gehör; in der „Femme de trennte ans" hält er seine letzte Pariser Heerschau. Die Fahnen und Adler seiner Legionen ziehen vorüber. Um die Wette mit den Malern und Bildhauern des Julikönigtums sorgt die Comedie humaine für Schlachtenbilder, Statuen, Büsten, Denkmünzen des Gewaltigen; wie die Vendsmessäule und die Gruftkuppel im Jn- validendom über zwerghafte Fußgänger ragt Napoleons literarisches Monument in Balzacs Lebenswerk hoch hinaus über die Stellen- und Geld- und Weiberjäger der Gesellschaft Louis Philippes. Und wie märchenhaft vergrößert Napoleons Taten unter den Bauern weiter getragen wurden, zeigt der „Napoleon du peuple im „Medecin de Campagne": die fabelhaft ausgefchmuckts Geschichte seines Lebenslaufes, wie sie ein Landbriefträger, ehedem em Soldat Napoleons, in einer Scheune hochaufhorchenden Dörflern >m Volkston erzählt. Götzendienst oder bewußte bonapartistische Propaganda hat Balzac mit diesen Erinnerungsmalen nicht getrieben. Mit derselben Unbefangenheit enthüllt er in der „TemSbreuse affaire" die teuflischen Anschläge der napoleonischen Geheimpolizei zur Vernichtung politischer Gegner, zeigt er im „Menage degarijon verabschiedete napoleonische Offiziere, Raubtternaturen, die im faulen Frieden ungestraft Ungeheuerlichheiten ausführen, deren Vorschule die Kriegs- und Beutezüge ihres Heerführers waren. Und angesichts der Verheerungen, die das Beispiel Napoleons in dem nachwachsmden Geschlechte, in den Gesinnungen junger Ehrgeiziger vom Schlage Rastignacs verschuldet, fragt Balzac:- „Wer wird jemals Napoleons malen oder begreifen können? Ein Mensch, den man mit verschränkten Armen darstellt, und der doch alles gemacht hat; der alles machen konnte, weil er alles gewollt hat; ein wunderbares Phänomen des Willens, der eine Krankheit durch eine Schlacht heilte und dennoch an einer Krankheit im Bett sterben sollte, nachdem er inmitten von Kugeln und Bomben gelebt hatte. Ein Mann, der ein Gesetzbuch und ein Schwert, Wort und Tat im Kopfe trug. Cm Mann, dem durch ein seltenes Privilegium die Natur ein Herz in seinem Leib von Erz gelassen, ein Mann, der um Mitternacht mit seiner Frau lachen und guter Dinge sein konnte und am Morgen mit Europa spielte, wie ein Mädchen mit dem Wasser im Bade plätschert. Casar mit fünfundzwanzig, Cromwell mit dreißig Jahren, dann, rote es in den Grabschriften der Gewürzkrämer auf dem Pere la Chaise heißt, braver Vater und Ehemann. Ein Mann, der gegen alle Gesetze der Schwerkraft, Frankreich als Uebergewicht auf der Erde lasten ließ und uns am Ende ärmer zurückgelaffen hat als am Tag, da er feine Hand auf uns gelegt. Und er, der ein Reich nur mit seinem Namen in Besitz genommen, verlor am Ende seines Reiches feinen Namen in einem Meer von Blut und Armeen." Besuch bei Csrinih. Von Rudolf Großmann. Etwa ein Vierteljahr vor seinem Tode hatte ich Gelegenheit, Lovis Corinth anläßlich des Porträts, das er von Mir machte, öfters zu sehen und von ihm selbst eitre Bildniszeichnung zu machen. Ich schrieb damals meine Eindrücke nieder und gebe sie heute unverändert. wieder, obwohl er heute schon historisch und mit dem Nimbus eines der größten Heroen für manche in der Kunstgeschichte steht. Am Telephon eine etwas zaghafte Stimme, in den Pausen wie aus einem Seufzer neuen Atem schöpfend — etwas ferne, gequält. In zehn Minuten klopfe ich ganz oben im vierten Stock an eine Tür ohne Klingel. Corinch öffnet. Hier ist ein Abseitiger des Lebens, einer, der an seinem eigenen Ich fast zerborsten ist, ein vom Dämon Besessener, einer, der des Lebens ganze Lust und Fülle getrunken hat. Jetzt aber, nach den Wirbelstürmen der Krankheit, ein Rationierter — ein ungewollt Distanzierter. Ein Drama, das langsam zur Tragödie wird, erfüllt diesen kalten, nur mangelhaft geheizten Raum. Es hat etwas Rührendes, diesen Mann zu sehen in dem alten, zerschlissenen Kittel, in dem staubigen Durcheinander von Skizzen und Zeichnungen. Eine Menge Staffeleien stehen herum, auf ihnen fertige Bilder, in liefern Wust allein liebevoll zurechtgerückt — etwas verkaufsmößig —, so daß man alle gut übersehen kann. Am Atelierfenster schichten sich wie zu einem Scheiterhaufen eingetrocknete Paletten. Corinth nahm zu jedem Bild eine neue Palette; diese wurde dann nicht mehr benutzt, erledigt in die Ecke geworfen. Er war kein technisch Disziplinierter, in diesem -sinn war er eigentlich ganz unmodern und unfranzösisch. Er war vom Objekt so ergriffen, daß er gar keine Zeit hatte zu irgendeiner Mal- difziplin. Eine teutonische Malerfaust packt zu, kein Gedanke an die Art des Vortrages, an das Wie des Entstehens. Es schaffte in ihm! Er brauchte nicht wie Matisse, um die brillierende Reinheit eines „contraste de couleur“ zu halten, verschiedene Terpentin- Näpfchen, hatte keine Gummiringe anfertigen lassen, damit die verschiedenfarbigen Pinsel in der Palettenhand sich nicht berühren. In der Ruhe hatte er oft was Müdes, wie eine kranke WiD- katze. Wenn er arbeitete, riß er die Augen weit auf, eine Wut faßtt ihn, wie er sagte, seine Züge spannten sich, die Nüstern weiteten sich — er ist so besessen vom Eindruck, daß alles andere um ihn herum versinkt. Daß er meist motorisch gehemmt war, wußte er zu nutzen; nichts mehr vom leichtflüssigen Pinselstrich seiner früheren ost etwas ata* demifchen Bilder. Die Hand tappt in die Platte, färbt sich allmählich trapprot, während er mich malt. Oft kommt wie ein Malstock die andere zitternd als Stütze zu Hilfe, um irgendeinen Ton genauer zu formen, oft läuft er hin und her, um aus dem Malkasten Zinkweiß zu holen. Jin Freien malend, läuft er sogar xmal ins Haus zurück für jede Tube, die Arbeit sich selbst noch erschwerend. Niemand kann ihm helfen, niemand darf ihm helfen. Am Ende, nach zweieinhalbstündiger Arbeit ohne Pause, ich mutzte dabei stehen und ihn immer ansehen, sanken seine Hande blutrot, als hätte er in meinen Eingeweiden gewühlt. Während ich ihn dann zeichne, wird viel erzählt, wie es gerade so während der Arbeit nebenher ?infcillt. Als Liebermann und er sich gegenseitig geschenkweise malen wollten und jeder dann doch das Selbstgemalte, er den Liebermann und Liebermann den Corinth, mitnahm, da jeder feine Malerei für die beste hielt, soll Liebermann zu ihm gesagt haben (damals sei er noch nicht so berühmt gewesen): „Wissen Se, Corinth, Sie kenn ick jetzt so gut, Sie mal >ck in den Schnee!" Münchener Erinnerungen tauchen auf. — Er fragt nad; feinen Freunden von damals, nach Th. Th. Heine und dessen Freund Straht- mann, nach Pröls, erzählt reizende Anekdoten. „Gehen Sie noch in die Kneipe?" fragt er ganz unvermittelt wie ein Burschenschafter. Er hatte jahelang keine mehr gesehen und trank nicht mehr. Münchener Fasching fällt ihm ein, bei dem ihn das Los traf einen unliebsamen Kommilitonen zu verhauen — stürmischer Beifall! Das Los traf ja den stärksten! Er fühlte sich aber gar nicht so stark, und die Exekution war ihm höchst peinlich. Wie kam er zu diesem Ruf des starken Mannes? Womöglich täuschte sein künstlerisch expansiver Furor auch physisch einen Riesen vor. Nebensächliches äußere Wirkung kommt wohl hinzu. Schematisch gesehen, sah er, jo vor mir stehend, mit breiten Hüsten, zu denen kurze Arme kaum herunter reichen, nach oben zu hohem spitzen Schädel sich verjüngend, wie ein Mauerbrecher, ein Sturmback aus. War der mal im Gange, elektrisierte er sich selbst; die Umgebung versinkt, ober wird vielmehr mit in [ein Ich hineingezogen. Die Selbstfaszinierung verlangt nach psychischer Selbstkontrolle. Immer wieder griff er zum Selbstporträt. Oft gerät es ihm, ohne daß er es will, ins Ueberlebensgroße, der Kopf scheint wie geladen den Raum sprengen zu wollen, wird birnenförmig, pathologisch, im objektiven Sinn meistens unähnlich. Ein zweiter Corinth ist da, majt mehr der objektiv von uns gesehene, ein Gesicht, eine Interpretation feines momentanen Inneren, das ihm Wirklichkeit wird, das er auch uns aufzwingt. Wenn er andere zeichnet, geht es ähnlich. Wir gehen unten zum Esten in die Wohnung; da ist es anders, neutraler. Ein Besuch im Atelier, mit dem er gewissermaßen verwachsen ist, hat bei einem so unbewußt, dem Instinkt ausgeheferten Künstler immer was von einer Ueberrumpehmg. Brachte irgendein Kunsthändler — Corinch verkaufte meist selbst im Atelier — unangemeldet seine Frau mit, geriet er außer sich! „Zwei gegen einen!" Sie mußte oft stundenlang unten auf der Straße warten. .. . , Im Salon standen Louis-Seize-Möbel mit Bezügen, rote tarne» valeske, schmetternde Fanfaren — ein corinthisches Blumenbukett —, bunt und aufdringlich und eigentlich nur möglich, wenn Leute draus sitzen! In der Wohnung war er ruhiger, fast bürgerlich behäbig, wie einer, der von einer schweren Arbeit nach Hause kommt. Seine Frau redet. — Eine große Lassitude kommt über ihn, er sitzt da ""^Me^Wett, die er vorher aus Hell zu Dunkel zu einem Jenseits 'dramatisch zu ballen versuchte, erregte ihn jetzt anscheinend n K mehr sie, die seine Seele vorher bald verfinsterte, bald korybantijch erhellte, strahlte auf ihn jetzt eine große buddhistische Ruhe zurück, er laß unbewegt — — nur schauend. . . Vielleicht liegt auf der einen Seite des Daseins ebensoviel Lust wie auf der anderen Leid, beide Wagschalen balancieren sich langsam ’ aus — erstarrend im Totenkopf. , . , ' ' .............V: Z ' * ' — 355 neb’ schon und Ihr werdet von mir erfahren, Mamsell MnStk. Unb bu, sag', wo ist denn dein Vater? Sag' du ^.umpenp^n^e^ie Kind ins blasse Gesicht. Da ereignete sich etwas Seltsames. ~s„r.„_ Der «nabe tat keinen Laut, sondern fuhr mit geballten Fausten Auf w ffirfinfte los. das Kindergesicht von Wut entstellt, griff an ihr geben, da zum mindesten die in der Strahlrichtung liegenden Emp» fänger die Sendung aufnehmen können, mag der Sireuungsgrad auch noch fo gering fein. Der Meine Herzog. Von Hermann Stegemann. (Schluß., In der Schule saß der kleine Herzog still im Bänklein, und wenn sie heimtrollten, ging er mit festen kleinen Schritten wie ein Älter feines Weges. , < . , ~ «.___ Im Hof aber ergötzten sich die zwischen zehn und vierzehn Jahren an dem sich abseits Haltenden, der fein wildes Wesen vertauscht harte. Nur wenn sie ihn fragten, was er seit Jahren auf allen Gassen und in allen Kuchen gefragt wurde, brannte er seine Antwort los wie auf die Erboste los, das Kindergesicht von Wut m die Höhe und pcicfte sie an der Halskraufe. , r .. «yx • Ich bring' Euch um, wenn Ähr das noch einmal Jagt! Mein iff fö|rt Lump, und ich bin auch kem LumpenprinA! Hilfe er ist drückt!" schrie die Geängstigte und das Nettele »srrte an'dem Knaben, faßte ihn voller Verzweiflung um den Leib und trua schleifteihn in die Schlafkammer, indem es iammerte: Kästele was machst du, Güstele, mach' uns Nicht unglücklich! " Ms Madame Tfchiember sich befreit sah, stieß sie einen schweren Seufzer aus, schüttelte die Faust gegen die Näherin und schob sich nur Tür hinaus und mit lautem Lamento die Treppe hinunter. 3 rfintf eine Weile wie erstarrt an der Tur, dagegen gestemmt als mußte sie der Wirtin und hundert anderen den Ein- fritt m^ren Aber in ihrem Kopf hämmerten aufgepeitschte ®e* danken und'durch die versperrte Tü/drangen immer neue herein Endlich richtete sie sich auf und ging mit schleppenden Schritten ins Nebenzimmer^ Die Dunkelheit war hereingebrochen, nur das Bett stach weiß aus der Kammer. '^"/ckluchzte etwas wild und weh im Dunkel, und »hüstelest' riet di« Mutter noch einmal und tastete vorwärts. Und risch und schrie im weinenden Weh. „Der Herr "yrer yar » i », er ist kein Lump, und ich darf's mmmer sagen, daß er dem Teufel zu niemand! Mein Vater ist kein Lump, und ich auch nicht! Sage, Mütterle, sag's, daß ich kein Lump bin! Gerichtete Kurzwellen. Von Rolf Braun. Mit den üblichen drahüosen Sendestellen, soweit sie nicht dem Rundfunk dienen, ist es genau so wie mit dem wackeren Jägersmann, der eine Kanone auffuhr, um damit einen Spatzen zu schießen, too'eei er wahllos nach allen Himmelsrichtungen knallte. Welche ungeheuren Kräfte in den Sendestellen für Ueberfeeverkehr aufgebracht werden müssen, um eine Nachricht sicher zum Empfangsort zu befördern, davon können sich die wenigsten ein Bild machen. So hat z. B. die kürzlich eröffnete Sendestelle Buenos Aires eine Maschinenleistung von 800 Kilowatt, während die englische Postsendestelle in Rugby sogar 1000 Kilowatt verwendet. Mit dieser Energie konnte man etwa 40 000 Glühlampen zu 25 Kerzen betreiben. Der größte Teil der in der Sendestelle aufgewendeten Energie wird nutzlos in den Aether gestrahlt, und nur ein ganz kleiner Bruchteil gelangt in gerader Richtung zum Empfänger. Wenn es nun gelingt, die Ausstrahlung der Sendeantenne nur nach einer einzigen Richtung gelangen zu kaffen, fo daß beispielsweise nur ein Kegel von zehn Grad Streuung entsteht, so ist es ohne weiteres klar, daß man nur einen geringen Bruchteil der Energie aufzuwenden brauajt, die bei ungerichteter Ausstrahlung notwendig ist, um das Ziel zu erreichen. , . Es ist das Verdienst Marconis, hier einen Weg gesunden zu haben, der der drahtlosen Telegraphie und Fernsprecherei neue Möglichkeiten eröffnet. Die Lösung der Aufgabe wurde von ihm bereits vor etwa 10 Jahren in Angriff genommen; die Erfolge sind so groß, daß das britische Weltreich sein drahtloses Nachrichtennetz nach den neuen Plänen Marconis ausbauen will. Die Richtbarkeit der elektrischen Wellen nimmt immer mehr zu, je kürzer die Wellenlänge wird. Der große deutsche Entdecker der drahtlosen Wellen, Heinrich Hertz, fand die Richtungsicchigkett der von ihm benutzten sehr kurzen Wellen. Er konnte sie jedoch nur als gedämpfte Schwingungen, also nicht im fortlaufenden Wellenzuge, "erzeugen. Es gelang ihm aber trotzdem, mit metallischen Hohlspiegeln die erzeugten Wellen, ähnlich wie den Lichtkegel eines Scheinwerfers, in eine bestimmte Richtung zu lenken und sie durch gegenubergestellte Hohlspiegel zurückzuwerfen. Mit Hilfe des von ihm erfundenen „Resonators" konnte er sogar die Wellenbäuche und Wellenknoten sicht- Das^oon Heinrich Hertz angegebene Richtversahren mit Strahl- ipiegeln wurde von Marconi für ungedämpfte Wellen von größeren Längen als den von Hertz verwendeten weiter ausgebaut. Als Spiegel werden nicht mehr zusammenhängende Metallflächen verwendet, sondern einzelne senkrecht aufgehängte Drahte, die im Grundriß einer Parabel angeordnet sind, in ,deren Brennpunkt die Sendeantenne hängt. Es hat sich als zweckmäßig herausgestellt, die Spiegeldrähte auf die Wellenlänge des Senders abzustimmen: Die Strahlwirkung wird dadurch wesentlich erhöht. Theoretisch lassen sich auch längere Wellen richten, die Spiegeldrähte würden jedoch dazu solckie Abmessungen erhalten müssen, daß die ganze Anlage aus geldlichen Gründen undurchführbar wäre. Bei einer gegebenen, Strayl- feqetöffmmq wächst nämlich die Größe der Spiegelantenne im 2ua- drat mit der verwendeten Wellenlänge. Man ist daher praktisch auf Wellenlängen unter 150 Meter beschränkt. Die Marconigesellschaft hat zwischen England und Canada umfangreiche Versuche mit gerichteter Kurzwellentelegraphie vorgenommen, und in Drummondville in der Nähe von Montreal in Canada eine eigene Sendestelle und 25 Meilen nördlich in Yamachiche eine eigene Empfangsstelle errichtet, die mit einer entsprechenden englischen Gegenstelle arbeiten. Es gelang dabei gleichzeitig :n jeher Richtung während durchschnittlich 18 Stunden am Tag mit einer Geschwindigkeit von 100 Worten zu je fünf Buchstaben'm der Mumie zu verkehren. Das ist bedeutend mehr, als zur Zeit mit den üblichen Langwellensendern erreichbar ist; man hofft sogar, daß es möglich werden wird, die ganze Tagesleistung einer gewöhnlichen «endesteile in zwei Stunden abzuwickeln. . Aus Grund der günstigen Ergebnisse sind zwei gliche Richtstellen in Australien im Bau, die mit London und Montreal verkehren werden. Ferner bestehen Plane zur Aufstellung von Richt- seiidestellen in Indien und Afrika, die die Verbindung mit London Herstellen sollen. Die Vorteile solcher Anlagen liegen auf der Hand. Die Kosten für die Errichtung und Unterhaltung stnd bedeu end geringer, die Uebermittlungszeiten für das einzelne Wort kurzer. Der Verkehr wird störungsfreier, da auch die Empfangsstellenmiti richtenden Spiegelantennen arbeiten, und die gleichen Wellenlängen kömien zwischen verschiedenen Stellen gebraucht werden, °hue daß sie sich gegenseitig stören. Die Streuung betragt zur Zeit höchstens 30 Grad, praktisch kommt man aber 1^°" auf bedeutend S^mgere Werte Es liegt durchaus im Bereich der Möglichkeit, die strahlen- bündel noch enger zusammenzufassen, so daß man mit ganz genügen Energiemengen die größten Entfernungen überbrücken kann. Die Richtwellen sind übngens auch schon als Wegweiser für Schiffe verwendet worden; dazu hat man die.^^tmteiinen um bie Sendeantenne drehbar gemacht. Der ausgesendete Wellenkegel lauft also wie ein Leuchtfeuer um und bestreicht, wett über den Horizont hinaus die See. Dabei werden für jede Himmelsrichtung besondere Zeichengruppen ausgesendet, die den Schiffen ohne weiteres die Richtung angeben, unter der der Funkleuchtturm liegt. Wir stehen noch am Anfang der Entwicklung der drahtlosen Richt- tele^ravbie- schon die nächste Zeit kann weitere bedeutende Fort- schritle^bringen. Es erscheint jedoch trügerisch, nungen bezüglich der Unabhörbarkeit durch fremde Stellen hinzu- Es ging auf den Winter. Güstele war acht Jahre alt geworden, und wer ihn auf sein Alter ansah, hielt ihn für neun. . Eines «Tages brachte er eine Beule heim, beinahe o groß wie ein Hühnerei, und aus dem blaffen Gesicht funttten seine blauen A^Jesiis Maria, Mach 'was hafs gegeben?" zeterte das Mitterle und fuhr ihm mit dem Boden eines Wasferglafes auf die Geschwulst, um sie hineinzudrücken. „ . Er ließ den grausamen Eingriff geschehen, ohne zu murren. Auch was sich zugetragen, erfuhr Nannette nicht. Bis des Abends die Wirtin „Zum Kanonier'1 erschien und ihr die Kundschaft aufsagte. „Höret, Mamsell Nannette, eine rechte Näherin seid Ihr, aber daß mir Euer Fiston meinen Gaston wegen dem darf zusammendreschen, wie einen Aepfelputzen - ?a — jamaisl s Nasenbein hat . er ihm schier frakturiert, und der Doktor hat ihm müssen einen Tarn- von einlegen daß ihm ’s Blut nicht davonrennt rote Bachwasser! WE Ihr ihn nicht Mores lehrt, hernach geht er denselben Weg wie [ein Vater!" , Madame!" fuhr das Nettele m die .Hohe. Eh bien, quoi donc?“ warf ihr die Wirtin hochmütig entgegen. Da drückte'das Nettele hinunter, was es gewürgt hatte, und sprach leise: „Fragt sich, was gegangen ist und roer angefangen hat. Wer? Der bar schrie bie Wirtin „Zum Kanonier und stieß dem' Buden, der schweigend, mit zusammengebifsenen Lippen tm Winkel stand, den dicken Zeigefinger beinahe durch die Bru t. Red' Güstele, sag' die Wahrheit! sprach ine Mutter, und ihre Stimme 'klang heiser vor Aufregung. Aus ihren Wangen brannten zwei Flecken. schweigt. Was wahr ist, darf er nicht sagen, und — Und an einem Lug tat er ersticken, cest ?a! fiel ihr Nannette bebenb ins Wort und sah stolz auf die rundliche Frau. ..... ’ Tiens, ttais, Mamsell Nannette, Ihr helft ihm, -rh, so habt Ihr Euch! Und das mit dem vaurien da und in Eurer Pofttton. $?luf einmal atmete die ganz beleibte Gestalt der W.rttn „Zum Kanonier" die lautere Verachtung und Ehrbarkeit. .. „Bon soir, Madame Tschiember, entgegnete das Nettele mit tonloser Stimme und öffnete die Zimmertür. Dieser Wink trieb der Mutter Gastons das dunkelste Blut ms Erschöpft brach er ab. Sein Atem pfiff. Wie zu Eis erstarrt hielt ihn die Mutter im Arm. Ihr flogen die Zähne im Fieberschauer, und in der Brust saß ihr ein fürchterlicher Druck, ein Berg, der aus ihr emporstieg und sie verschüttete. In der Nacht lag das Kind im Fieber, und Nannette saß fröstelnd an seinem Bett. Aber als der Morgen einen roten Schimmer an die Wand malte, hob (Stiftete den Kopf und verlangte in die Schule. „Wo denkst du hin, du hast ja gestöhnt und gejämmerlet die halbe Nacht. Bleib unter der Decke!" „Nein, Mütterle, ich will nicht der Fürchtebutz sein. Sie meinen sonst, es sei wegen dem Gaston. Und der Herr Lehrer auch." Und er trieb und drängte, bis ihm der, Wille gelassen wurde. Er hatte Schatten unter den Augen, und die Beule schmerzte heftig, als ihm die Mutter das Haar strählte. Auch eßen mochte er nicht recht, und kurz darauf — eben griff er nach feiner Kappe — überflog ihn ein Schauder, er wurde aschfarben. Dann lag er regungslos wie schlafend. Nur die Falte zwischen den Brauen, die ihm eigentümlich war, zuckte und sandte unruhige Runzeln über die klare, langsam sich rötende Kinderftirn. Und wieder saß Nannette neben ihm und legte Umschläge auf das Köpfchen, während ihr die Tränen über die Backen rollten. Als die Lehrtochter kam, sandte die Mutter sie zum Arzt. Aber der war über Land gefahren. Da blieb sie ergeben sitzen. Gustete schlief, schlief wirklich. Sie begann zu nähen. Es war so still, daß man die Fäden in der Leinwand zirpen hörte, wenn die Nadeln hindurchgezogen wurden. Die Mittagsglocke läutete, das Mädchen war schon gegangen, als der kleine Herzog erwachte. Nannettes Gesicht war spitz geworden über Nacht, und als sie ihn anlächelte, zitterten ihre Lippen. „Ist dir besser, Stiftete?" Er sah sie eine Weite an, als müßte er sich besinnen, dann sprach er, die Worte suchend und mühsam aneinanderreihend: „Ja, Mama, und weißt du, wenn der Baier heimkommt aus Afrika, hernach hilft er mir alle verdreschen." „Wenn er heimkommt!" stammelte das Nettele. „Ja freilich, wenn er kein Lump ist, kommt er doch heim, dann ist er doch nicht dem . . ." Er verstummte. „Dem Teufel zu" hatte er sagen wollen, das Wort aber, der neuen Lehre eingedenk, nicht über die Sippen gebracht. „Ja, dann kommt er vielleicht heim," murmelte dis Mutter, und über der Rede packte sie das Weh, und sie begann laut zu schluchzen. Der kam nicht mehr heim! Derdorben, gestorben oder Legionär oder wie und was er auch war, heim kam der nimmer. Ein Lump, der sie längst aus dem Gedächtnis gemischt hatte! Sie und den Buben, der mit fieberglänzenden Augen für ihn sprach und für ihn büßte. Am Nachmittag stand Güstete auf, am Abend ging er auf den Markt hinunter, und. Nannette atmete leichter. Zwei Tage daraus kam Madame Fleury, sie zu besuchen. „Voyons, Nannette, qu’est-ce que ca veut dire? Ihr seid verschwatzt im ganzen Städtle. 11 parait. qu'il a presque etrangle madame Tschiember notre petit Duc.“ Nannette wehrte sich eine Weile, dann schüttelte sie der guten Frau, die ihr seit Anbeginn und trotz allem eine mütterliche Teilnahme bewahrt hatte, ihr beladenes Herz aus. „Und wenn er größer wird und weiter fragt, warum er Herzog heißt, und roetra er lernt,, was ledig fein heißt!" schloß fier verzweifelt. „Allons, allons, vous voyez töut en nöir, Nannette, das gibfs noch genug auf der Welt, und alle kommen davon." „Ja und wer weiß, ob ich ihn behalt'," murmelte die Näherin. „Ca, c’est trop fort! Und das alles wegen der Kanonierwirtin!" zürnte Madame Fleury, und ihre Seidenröcke raschelten zornig, als sie sich erhob. „Morgen nähet Ihr bei uns und am jeudi bei meiner Tochter. Und das (Stiftete kommt mit. Alors on verra, wenn.sie dann noch ihre Hemden und Jupons bei einer andern machen lassen als bei Euch, dann sind sie diffiziler als ich," Sprach's und rauschte hinaus, stieg in die Equipage, die auf dem Marktplatz gehalten hatte, und fuhr der Villa zu, die vor dem Städtchen am Hügel lag, das vornehmste Gebäude weit und breit. Waren die Wirkungen der Zunge der Wirtin „Zum Kanonier" so schnell zu spüren gewesen, daß Nannette schon eine Reihe von Ab- sagen erhalten hatte, so drehte nach dem Besuch der Fabrikantin die Fahne sich mit einem Ruck in den neuen Wind. Die Absagen wurden zurückgenommen, und „(Stiftete, Güstete!" hieß es wieder auf allen Gassen. Der aber brütete vor sich hin, blinzelte zuweilen vor scheu in die Sonne und blieb blaß und zerfahren. Die Mutter litt darunter und wähnte, er trage ihr etwas nach. Eines Tages zog sie ihn an sich und sprach: „Soll ich dir den Vater zeigen?" Ihr Gesicht war von Purpur überströmt, und verlegen fuhr sie mit der Hand aus der Tasche und flüsterte: „Schau, da ist er!1* .Cs war eine alte Photographie, die sie aus dem heimlichsten Winkel ihrer Kommode hervorsuchte, wo sie die Jahre überdauert hatte. Der Knabe sah stumm, mit glänzenden Augen auf das Bild. Endlich atmete er tief: „Er hat krauslige Haar' und einen spitzigen Schnauz! Und luftige Augen! Und stark ist er!" Das Bild zitierte in ihrer Hand. »Kann er auch böse Augen machen?" fragte der Kleine. Sie schwieg. „Gib mir den Baker, ich will ihn dem Herrn Lehrer zeigen", bettelte der Knabe plötzlich. „Was denkst du!" stieß die Mutter hervor und verbarg das Blatt. „Damit er sieht, damit alle sehen, daß der Vater ein rechter Mann ist." Sie suchte ihn zu berrchigen. Als er danach verlangte, das Bild noch einmal zu sehen, gab sie es ihm, und er sah wohl eine Stunde darüber. In der Nacht schlief er schlecht und knirschte mit den Zähnen. Am andern Morgen um elf brachten sie ihn heim. Der Lehrer ging voran, um die Mutter vorzubereiten. Er war geneckt worden. „Le p’tit Duc, Galgenstrick!" hatten sie hinter ihm drein gesungen, und bann hatte einer gefragt: „Wie heißt dein Vater? Was ist dein Vater?" und da war er plötzlich wild aufgeschossen, jählings ober zufammengebrochen, und lag nun wie tot. Diesmal kam der Arzt zur Zeit. Als er ging, gab ihm Nannette das Geleite. „Und übersteht er’s?" fragte sie und hielt den Aermel des Arztes krampfhaft fest. „Er ist kräftig, ein strammer gargon . . . On verra . . . Und jetzt werde ich Euch soeur Amelie schicken. Und das Eis. vergeßt mir's nicht!" „Die Krankenschwester'" stieß Netterle hervor. „Und von Hoffnung redet Ihr mir kein Wort, Herr Doktor! Ah, jetzt versteh' ich Euch, er kommt nimmer auf, er kommt nie, niemals wieder zum Aufstehen!" „Allons, Nannette, du courage, redet ihn nicht um Leib und Leben! Der Güstete braucht Pfleg', und zwar Tag und Nacht. Und Ihr müßt doch noch schaffen! Aber nicht mit der Maschine!" Schaffen! Die Mutter dachte nicht an Essen, nicht an Trinken, von Nähen wagte ihr auch die Schwester nicht zu sprechen. Und so hockte sie am Bett und sah ihr Bübchen hingehen in Fieber und Wahn. Die Gehirnentzündung nahm ihren Lauf. Es war in der siebenten Nacht. Die Schwester füllte in der Küche die Eisblase, Nannette war mit dem Kranken allein. Er bröselte vor sich hin, das Nachllicht tat zuweilen einen Puff im Del. Da begann er, aus dem Dämmer aufwachend, zu suchen: Mtitterle!" „Güstete, was willst du, Güstete! Kennst du mich, Güstete?" „Ist weit nach Algier? Ich will nach Algier?" Sie würgte die Tränen hinunter. „Ja freilich darfft du. Und 's ist nicht weit, Gott behüt' uns, gar nicht weit." Seine Hände zupften an der Decke. „Kommst mit, ja, du auch, und ein' Schnauz hat er, und stark ist er . . ." Die Stimme verklang, klang wie aus weiter Ferne, wurde plötzlich laut und schrill, und bann rief er: „Mütterle, und er ist fein Galgenstrick, er ist'-- nicht, nein, nein, nein, sag' nein, Mütterle, liebs Müterte!" „Nein, du hast recht, er ist ja dein Vater, er ist keiner. Woher mär’ er's denn? Still, (Stiftete, laß mir 's Handle, er ist's ja nicht." Sie hatte taufend Messer in der Brust, und am liebsten hätte sie geschrien, daß es über den Markt bis in den Himmel gedrungen wäre, nur um den Schmerz auszuschreien, der in ihr tobte. Die Schwester kam mit dem Eis. Sie machte sich an seinem Kopf zu tun. Aus einmal sagte sie leise und mit seltsamer Hast: „'s Campte, geschwind!" „Was ist, was fehlt ihm?" hastete die Mutter und fand die Lampe nicht in der Anst. Da holte die Schwester das Licht im Nebenzimmer. Der Schein fiel auf das Kind. Es lag reglos, wächsern, aber jetzt flirrten die Lider und es murmelte: „Wie heißt der Vater, Mütterle?" Und da brach der Name von ihren Lippen, der zugleich ein Geständnis war. „Güstete heißt er, wie du!" „Wie ich!" hauchte er, und feine Hände zuckten. Die Mutter nahm ihn in die Arme, still und ohne Tränen. „Wie du, du lieber, wie mein Güstele, und so Krauselhaar hat er wie du, und so lieb war er wie du. Und er ist kein Lump, ist nie einer gewesen!" Dann tiefe Stille. Die Schwester stand am Fuße des Bettes und hatte die Hände gefaltet, Nannette hielt das Güstete, bis der Morgen aufglomm und der Obern mit dem jungen Tag erlosch . . . Ms bet kleine Herzog ins Grad gelegt wurde, wat ein Blumenduft auf allen Gaffen. Er hatte keinen Vater gehabt, aber viele Kränze, und Nannette hing mit kalten Fingern zwei Photographien über ihrem Bett auf: sie hatten einander nicht gekannt, die da nebeneinander hingen in der verwaisten Kammer, hatten beide krauses Haar und luftige Augen, der junge Bursch und der Knabe. Der Bub war heimgekehrt, der Vater kam nicht wieder. Und wenn das hagere, müde Nannettele mit tränenblanken Augen von einem zum andern sah, klang's ihm im Ohr und folgte ihm in seinem Traum: „Le p’tit Duc, Galgenstrick!" Die Erzählung erschien in Stegemanns Novellensammlung „Heimkehr" bei der Deutschen Berlagsanstalt in Stuttgart in Buchform. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck der Brühl'schen Aniverfitäts-Buch- und Eteinbruckerei. R. Lange, Gießen.